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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Zehntes Kapitel.
Vergeltung?

»Die Vergeltung bleibt für die, welche unrecht thun, selten in diesem Leben aus«, sagen die einen, die andern: »Alles Gute, was du hier thust, wird dir erst im künftigen Leben vergolten, alles Böse, was du hier thust, mußt du dort büßen.« Napoleon III. behauptet, daß eine große Wirkung immer eine große Ursache hat, daß ein unbedeutender Zufall niemals wichtige Resultate herbeiführe, ohne daß eine Sache neben ihm besteht, welche gestattet, daß dieser unbedeutende Zufall eine große Wirkung hervorbringt. Nicht der Zufall, sondern die Vorsehung regiert nach ihm die Welt. Wir wollen nicht die Richtigkeit der einen oder andern dieser Ansichten hier vertheidigen, es würde uns das zu weit in das schwierigste Kapitel der Philosophie von der menschlichen Freiheit, oder in das dunkelste Kapitel der Theologie von der Erbsünde und der Erlösung führen. Nach unserer Erfahrung ist mit einer Menge Uebelthaten, z. B. gegen den eigenen Körper, schon auf dieser Erde eine nothwendige Strafe, die sich in Krankheit meistens äußert, verbunden, ebenso ziehen manche Vergehen gegen die Moral, gegen die Gesellschaft, gegen viele hohe vom Staate bis jetzt noch nicht einmal geschützte Rechte des einzelnen oder größerer Vereinigungen ihre Strafe mehr oder weniger nach sich. Wenn indeß ein Uebelthäter ein besonderes Unglück erleidet, das mit seiner schlechten That in einem nothwendigen Zusammenhange nicht steht, so sind wir nicht geneigt, hierin eine von der Vorsehung angeordnete strafende Vergeltung zu erblicken, sondern den reinen Zufall, der auf die Geschicke der Menschen ja auch sonst einen unendlichen Einfluß übt. Deshalb das Fragezeigen bei der Ueberschrift.

Wir müssen uns vom Deiche in die Stadt zurückversetzen.

Der beginnende Eisgang hatte die Hälfte der Einwohner Heustedts auf der Brücke und dem Platze vor derselben versammelt. Das Schauspiel war aber auch großartig. Die Eisbrecher standen mit ihren eisernen Spitzen etwa noch zwei bis drei Fuß aus der Eismasse hervor, einige Schollen waren schon gänzlich an ihnen emporgeschoben; als der erste Stoß erfolgte, sah man längere Zeit gar nichts mehr von den Eisbrechern. Das durch den ersten Zusammenstoß durchpflügte Eis, soweit es etwa bis über das alte Schloß hinausstand, drängte sich bei dem zweiten Stoß zwischen den Eisbrechern hindurch, mit der Kante nach oben stehend, wurde von den Pfeilern der Brücke dann nochmals zerstoßen, und kam erst wieder auf die breite Seite zu liegen, wenn es unter der Brücke hindurch war und den auf eine halbe Stunde lang gänzlich eisfreien Fluß vor sich hatte. Erst als alles dies durch innern Zusammenstoß schon zerklüftete Eis vorüber war, kamen große Schollen, die oft die ganze Breite der Weser einzunehmen schienen. Bei dem Anstoß an die vordern Eisbrecher zerschellten sie entweder, oder schoben sich an ihnen hinauf, um oben auseinanderzufallen, oder wurden zur Seite gestoßen, um dann an die zweiten in dichterer Reihe stehenden Eisbrecher anzustoßen. Es kam auch wol vor, daß eine mächtige Scholle, größer als der Zwischenraum zweier Eisbrecher, an beiden von den nachfolgenden hinaufgeschoben wurde. Hatte sie aber die Höhe erreicht, so brach sie vermöge der eigenen Schwere zusammen. Solche Manöver der großen Schollen hinderten dann aber das raschere Fortkommen der kleinen und mittlern, diese suchten beiseitezuhuschen oder tauchten unter die größern, um schneller unter ihnen hindurchzukommen. Oft war die Weser so voll Eis, daß man das Schurren und Rutschen der mächtigen Eisblöcke auf dem Grunde des Bodens hörte. Auch von mancher minder mächtig erscheinenden Scholle erhielt die Brücke solche Stöße, daß die darauf Stehenden zusammenfuhren und eilig zur Seite drängten. Es galt vor allem, Stopfungen vor der Brücke selbst zu verhindern, und es standen dreißig und einige Zimmergesellen und Schiffer mit Feuerhaken und anderm Geräth an den verschiedenen Jochen, dies zu verhindern. Dennoch geschah es nicht selten, daß Schollen bis auf die Brücke geschoben wurden, oder daß bei Stopfungen unter der Brücke eine Brückenbohle trotz der vielen Menschen, die darauf standen, in die Höhe gehoben wurde, sodaß die darauf Stehenden zur Erde fielen. Die Polizei hatte schon vergeblich versucht, unnütze Frauenzimmer und Kinder, welche die Arbeiten hinderten, von der Brücke zu vertreiben, aber hier vertrieben, tauchten sie dort wieder auf. Das hereinbrechende Hagelwetter erreichte jetzt schnell, was die Polizei nicht vermocht hatte.

Der seit kurzer Zeit adjungirte Forstschreiber Oskar Baumgarten saß indeß mit mehrern jüngern Leuten in der obersten Etage des alten Schloßthurms beim Supernumerar-Amtsschreiber. Man sah von hier nicht nur auf die Weser, sondern, auf beiden Seiten der Stadt, nach Osten über die Wasseröde, die sich bis zu den hengstenberger Höhen und Wäldern erstreckte, hinweg, nach Süden über dieselbe bis zum Dorfe Grünfelde. Durch ein gutes Fernglas konnte man die Arbeiten oberhalb des Ueberfalls bis ins Detail verfolgen. Das Glas ging von Hand zu Hand, und man sah bald nach dieser und jener Seite, während der Amtsschreiber selbst eine Bowle braute.

Als man im Thurmzimmer jenen Donnerschlag hörte, sagte der Forstmann: »Das ist in eine alte Eiche gefahren«, und richtete das Glas sofort nach Eckernhausen. »Es brennt dort, und zwar in Dummeier's Hofe, wenn ich nicht irre.« Man ließ die Bowle im Stiche und eilte auf den Schloßhof, um die Amtsspritze bespannen zu lassen, den Oberhauptmann und Bürgermeister zu benachrichtigen.

Die Knaben Karl, Heinrich und Friedrich hatten sich des Wetters wegen gleichfalls in das alte Schloß geflüchtet, wo sie aus dem Zimmer des Amtsdieners Aussicht auf Weser und Brücke hatten. Als sie jetzt den Lärm hörten, den das Herausziehen der Spritze machte, und auf den Hof traten, sagte Oskar: »Schulz, du ältester, laufe zu deinem Vater und sage ihm, daß er die Spritze zurechtmache, es brennt in Eckernhausen bei Dummeier.« »Dann mußt du mich nach dem neuen Schlosse fahren, Friedrich, wir wollen der Anne Marie Bescheid sagen«, erklärte Forstschreibers Karl.

In der Schloßstraße fing das Wasser schon wieder an zu steigen, diesmal, um nicht so schnell wieder zu fallen, aber man mußte doch noch eine gute Strecke in der Straße gehen und den Backtrog nach sich ziehen, ehe derselbe bestiegen werden konnte.

Die Knaben eilten nach dem Schlosse zu kommen, das zwar selbst wasserfrei lag, dessen Eingang bis zum Fontainenberge aber, wie auch ein Theil der Wirtschaftsgebäude, unter Wasser stand. Anne Marie hatte es sich nie nehmen lassen, die Abendmilch für ihre Comtesse und Tochter selbst zu melken. In Wasserstiefeln wollte sie eben zu diesem Zwecke zu dem tiefer gelegenen, jetzt umdeichten Stallgebäude, als sie die Knaben ankommen sah. Karl rief ihr schon von weitem zu: »Mutter Anne Marie, erschreckt nicht, es hat in Eckernhausen eingeschlagen, und es brennt Euer Wohnhaus.«

Die Mutter erschrak, aber sie verlor die Fassung nicht – glaubte sie doch zwischen den Stürmen des Gewitters und dem Brausen und Krachen des Eisganges die wohlbekannten Töne der heimischen Sturmglocke zu hören, und wußte sie ja, daß ihr Hans nicht daheim, sondern auf dem Deiche beschäftigt sei. Sie befahl Johann, die vier Rappen ins Geschirr zu legen, eilte ins Schloß, sagte den Kindern, sie möchten artig sein und der Wartefrau gehorchen, warf ein Tuch über den Kopf und schlang ein anderes um Brust und Schultern.

Die beiden Knaben waren ins Schloß getreten. »Ihr könnt der Comtesse und Anna Gesellschaft leisten, ihnen von dem Eisgange erzählen, der Hofmeister geht zur Forstschreiberin und bestellt, daß Karl im Schlosse sei und abends vor das Haus gekahnt werden solle.«

Johann war früher Reitknecht bei Dummeier gewesen und eifrig besorgt um das Wohl des Hauses. Es hatten sich Rentmeister, Haushofmeister, Knechte und Mägde vor dem Portal versammelt und boten ihren Beistand an.

»Alle bleiben hier«, sagte Anna zum Hofmeister, schwang sich auf einen der vorgeführten Rappen, und hindurch ging es in das Wasser, die Schloßstraße hinan.

Die Umsichtige wollte die Pferde vor die Amtsspritze spannen lassen, allein als sie vor dem Rathskeller anlangte, sauste diese, mit Landraths Pferden bespannt, schon über die Brücke.

»Nach Spritzenhaus Nr. 2«, rief sie Johann zu, und im Galop ging es über die jetzt von den Massen geräumte Brücke, die Langestraße hinunter.

Der Spritzenmeister hatte schon seine Sachen in Ordnung und war ärgerlich, daß ihm die Amtsspritze, auf der Baumgarten und der Supernumerar-Amtsschreiber Platz genommen, vorbeigefahren, während er noch immer auf die Pferde warten mußte, welche von der Post auf der Deichstraße requirirt waren. Da kam Anna. Die Rappen waren schnell angespannt, – Anna, der Zimmermann, welcher den Eisschlitten in Gang gebracht, ein Schornsteinfegergesell und Georg Schulz suchten auf der Spritze Platz.

Als man die Windmühle erreicht hatte und nun eine freie Uebersicht über die eckernhäuser Holzung hatte, sah man zwischen den dürren Aesten der Eichwaldung deutlich Dummeier's Wohnhaus brennen. Die Haushälterin trieb Johann zur Eile. Aber was war das? Die Amtsspritze kehrte um und fuhr zur Stadt zurück.

Als sich die Spritzen erreichten, rief der Amtsschreiber: »Nur zurück, es ist kein Durchkommen. Der Hülfsgrabendeich ist durchbrochen, das Wasser hat sich über den Heerweg gestürzt und diesen ausgerissen, wer weiß wie tief.«

»Vorwärts, Johann«, befahl Anna, und Johann peitschte auf die Pferde. Georg jubelte, daß seine Spritze nun doch zuerst kommen werde. Noch zweihundert Schritte, und man stand an einem etwa funfzig Fuß breiten Strome, der über den Heerweg daherbrauste und sich dann in das tiefer liegende Feld ergoß, das schon bis an den Wald unter Wasser stand.

Da die Gewalt des Wassers nicht selten tiefe Löcher in die so überschwemmte Heerstraße gerissen hatte, so war, ehe man das Terrain untersucht, die Durchfahrt gefährlich. Anne Marie sprang von der Spritze, zog einen Pumpenschwengel aus derselben heraus und schritt dem Wasser zu, der Spritzenmeister ihr nach, er wollte durchaus nicht leiden, daß sie den Versuch wage, er sei größer und kräftiger, dem Strome des Wassers zu widerstehen. Es begann ein Wettstreit, der damit endete, daß beide gingen.

Waren auch keine Löcher in das Pflaster gerissen, so war der Strom doch so stark, daß die kühne Frau ohne Hülfe Georg's schwerlich das jenseitige Ufer erreicht hätte. Nun folgte Johann mit der Spritze, während welcher Zeit sich die beiden Durchwatenden gegenseitig halfen, die Wasserstiefeln auszuziehen, das Wasser, was dieselben eingeschluckt, auszugießen.

Als man auf der Amtsspritze, die auf Oskar's Geheiß stehen geblieben war, sah, daß Anna und ihre Gefährten durch die Flut unversehrt sich hindurchgearbeitet hatten, kehrte man um. »Wir müssen uns ja zu Tode schämen, wenn wir nicht auch könnten was jene«, hieß es, und die Amtsspritze jagte nach. Während man aber von der Heerstraße ab dem Dorfe zubog, war der Weg schon ein bis zwei Fuß hoch mit Wasser bedeckt, da er niedriger lag als das überschwemmte Feld, und man mußte langsam und vorsichtig dem brennenden Hause zufahren.

Hier herrschte große Unordnung, da es an einer umsichtigen Leitung fehlte, alt und jung lief durcheinander, jammerte und suchte aus dem brennenden Hause, aus dem man das Vieh glücklicherweise zeitig gerettet, noch diese oder jene Kleinigkeit zu bergen. Die Dorfspritze, die am entgegengesetzten Ende des weitgedehnten Dorfes aufbewahrt wurde, war noch nicht angekommen, auch Löschmannschaft spärlich vorhanden, da die Männer auf dem Deiche waren.

Dem machte Anne Marie ein Ende. Sie rief Knechte und Mägde, Freunde und Nachbarn zusammen und ordnete sie den Befehlen des Spritzenmeisters unter. Dieser, der bei manchem Feuer gegenwärtig gewesen, übersah leicht, daß das Wohngebäude nicht mehr zu retten war, daß auch die Gefahr, das Feuer werde weiter um sich greifen, nicht allzu groß sei. Mittlerweile war die Amtsspritze gekommen, und von der andern Seite nahte die Dorfspritze und Mannschaften aus hinterliegenden Dörfern. An Wasser fehlte es nicht, man brauchte nur auf der um den Hof herumführenden Dorfstraße einen Damm zu bauen, und hatte das Wasser, das immer stärker zuströmte, im Ueberfluß.

Der Blitz hatte auf der hintern Seite gezündet und der Wind das Feuer nach dem südlich gelegenen Giebel getrieben. Das alte Strohdach, das wol schon hundert Jahre auf dem Gebäude ruhte, war mit grünem Moos und Pilzen überzogen; es war nur auf der einen Seite abgebrannt. Jetzt brannte nur noch der starke eichene Giebel, unter welchem eine große Menge Heu lag.

Während Georg von einem Lindenbaume diesem Heerde des Feuers mit seinem Rohre beizukommen suchte und die andern Spritzen ihn dabei unterstützten, sprang der Wind erst südlich, dann mehr nach Westen. Jetzt fing auf einmal die zweite, noch ziemlich vom Feuer verschonte Dachseite, die bisher durch den Wind vor dem Feuer geschont war, zu brennen an. Diese Seite war im letzten Sommer mit einigen Hundert neuen Dachschöven restaurirt, und diese flogen nun, sobald sie in Brand geriethen, in die Luft in der Richtung nach der Scheune, in der Hans Dummeier seine Hauptvorräthe aufbewahrte. Georg hatte dies kaum bemerkt, als er seinen Stand im Lindenbaume verließ, den Amtsschreiber, der jetzt das Befehlen that, auf die neue Gefahr aufmerksam machte, mit dem Zimmermann die First des Daches der Scheune bestieg, sich durch den Schornsteinfeger und andere das Spritzenrohr hinaufreichen ließ und, vom Zimmermann gehalten, um beide Hände gebrauchen zu können, das Scheunendach zu spritzen begann. Die übrigen Spritzen unterstützten ihn hierbei, und es gelang, die Scheune zu retten. Nachdem die Giebel des Wohngebäudes zusammengestürzt, riß man den alten Holzbau nieder und ward gegen sieben Uhr abends Herr des Feuers.

Das meiste zur Rettung seines Eigenthums hatte indeß Hans Dummeier selbst beigetragen. Hätte er nicht den Deich gehalten, so würden wahrscheinlich sein braves Weib und Georg den Versuch, die Heerstraße da, wo sie überströmt war, zu überschreiten, mit dem Tode gebüßt haben, denn alles Wasser hätte sich dann der Strömung zugestürzt, die durch den Deichbruch am Abzugsgraben entstanden war.

Indeß saß die tugendsame Jungfrau Helene daheim in ihrem warmen behaglichen Stübchen und rechnete bei einer zinnernen Oellampe die vorgestern, als am 1. März, fällig gewesenen Zinsen auf ihre Pfandscheine zusammen. Dieselbe betrieb nämlich, ohne obrigkeitliche Erlaubniß freilich, ein kleines Pfandgeschäft, indem sie bedrängten Nebenmenschen, namentlich Bürgern und Honoratioren, gegen Pfänder und hohe Zinsen aus augenblicklicher Geldnoth half. Es war ihr Abendvergnügen, wenn sie allein war, die Register der verpfändeten Sachen nachzusehen und an die Zeit zu denken, wo sie eingelöst werden mußten oder ihr anheimfielen. Auf der Straße war den ganzen Abend ungewöhnlicher Lärm; obgleich es gänzlich dunkel war, strömte es nach der Brücke hin und her, um bei Fackel- und Pechpfannenbeleuchtung den Eisgang anzuschauen. Was kümmerte sie aber der Eisgang, was ging sie das Fetter in Eckernhausen an?

Plötzlich fühlte sie eine eigentümliche Kälte an ihren Füßen, hörte in ihrer Stube ein eigentümliches Geräusch, wie das Sprudeln von vielen Quellen. Sie fühlte, daß ihre Füße naß waren, sie leuchtete auf den Boden und sah, daß aus allen Ritzen des Fußbodens das Wasser hervorquoll, oft hervorsprang. Was war das? Sie eilte auf die Hausflur und riß die Straßenthür auf. Da stürzte ihr ein Wasserstrom entgegen, der sie umgerissen hätte, wäre sie nicht mit dem Strome zur Stubenthür zurückgewichen. Dieser Wasserstrom riß die Hofthür auseinander und brach sich Bahn durch Hof und Garten, der Gartenstraße zu.

Es mußte das Wasser auf dem Boswiehe eine Höhe erreicht haben, welche das Niveau der Langenstraße überragte, und mußte ein Deich vor den Gärten gebrochen sein, denn das Wasser stürzte aus dem etwa acht Fuß breiten Zwischenraume zwischen dem Hause des Färbers Krische und des Metzgers Rothmeier. So war es.

Der Färber Krische hatte in seinem Gartendeiche eine Lücke, durch die er im Abzugsgraben seine Zeuge auszuspülen pflegte, und die erst bei Wassergefahr mit einem Nothdeiche, der auf dem Spülbret aufgebaut wurde, verschlossen wurde. Im Spülbret waren zu diesem Ende nach der Außenseite Löcher, in welche Pfähle eingesteckt und hinter diesen dann der Nothdeich aufgeführt wurde.

Das war seit funfzig Jahren gut gegangen, diesmal hatte sich aber eine über den Ueberfall gerutschte Eisscholle den Weg nach Krische's Garten wie expreß ausgesucht, sich unter das Spülbret geklammert, hatte dieses sammt dem ganzen Nothdeiche in die Höhe gehoben und so dem Wasser einen Durchgang gebahnt.

Unglücklicherweise führte zwischen Koch's und Neidhard's gegenüberliegenden Häusern ein kleiner durch eine Bohle überdielter Kanal, der das Gossenwasser durch Neidhard's Hof und Garten weiter nach Westen abführte. Der Kanal war lange nicht mächtig genug, das vom Boswiehe einströmende Wasser zu schlucken. Die Macht des Wassers schleuderte die Ueberbrückung beiseite, erweiterte den fußbreiten Kanal, indem sie das Straßenpflaster aufriß, zu einem Bache von acht Fuß Breite, der erst seinen natürlichen Weg zwischen Neidhard's und Schulz' Hause hindurch nahm, in einer Abzweigung nun aber auch durch das Haus selbst stürzte, nachdem die Thür geöffnet war.

Lenchen raffte ihre Papiere und was sie sonst an Geld und Wertsachen besaß, in Eile zusammen und suchte, in der einen Hand die Lampe und das Kleid, in dem die Schätze geborgen waren, haltend, mit der andern sich gegen die Wand stützend, die Treppe zu erreichen, die nach oben führte.

Dies gelang nicht ohne Anstrengung. Mit Erschöpfung aller Kräfte kam Lenchen oben an in ihre Schlafstube, welche in der Mitte des Hauses lag, die sogenannte Putz- oder Visitenstube befand sich vorn. Sie zog, als sie wieder zur Besinnung gekommen war, trockenes Schuhwerk an und rannte dann in die neben der Schlafstube liegende große Hinterkammer, dem Aufbewahrungsorte ihrer Faustpfänder. Hier schloß sie eine große eichene Lade auf, kunstvoll geschnitzt und über hundert Jahre alt, wie man ihr ansah, in der ihre Hauptschätze, Gold und Silber, Obligationen und Papiere verwahrt wurden, und legte die von unten geretteten Sachen hinein. Dann starrte sie um sich und betrachtete ihre Habseligkeiten. Es sah in der großen Kammer aus wie in einem Trödlermagazin. Auf dem Boden lagen hohe Stapel Leinen und Drell, standen drei bis vier Säcke mit Wolle; an den Borten hing ungebleichtes Garn, Flachs, große gelbe Wachstafeln. Eine Wand war ganz voll seidener Kleider und sonstiger kostbarer Kleidungsstücke behängt. Ein mächtiger Schrank barg theils größere eigene, theils verpfändete Silbersachen, Leuchter, Pokale. Sie lief von der einen Sache zur andern, alle schienen ihr rettungswerth, jedes einzelne Stück lag ihr am Herzen, wo aber sollte Rettung herkommen?

Durch das Haus wogte ein reißender Bach – sie konnte das Haus nicht verlassen, noch weniger ihre Sachen fortschaffen, denn niemand konnte ihr nahen. Zwischen ihrem Hause und dem früher Schulz'schen, jetzt von Moses Hirsch bewohnten Hause war ein Raum von acht Fuß, eine Art Düngerweg – ihr Haus hatte hier Fenster in der obern Etage, nicht so Hirsch's Haus, und darunter brauste und zischte das Wasser. Das Nebenhaus auf der andern Seite stand dichter an, aber sie hätte zwei Wände zerschlagen müssen. Und was sollte sie beginnen, wenn das Wasser die Treppe hinwegriß? Daß dasselbe daran arbeitete, konnte sie oben deutlich vernehmen. Noch war die Treppe geschützt, weil hinter derselben eine Wand stand, die dem Durchgange des Wassers bisher Widerstand geleistet hatte.

Jetzt fiel die Wand, sie hörte, wie unter ihr das Wasser durch die Küche stürzte und sich aus dieser nach dem Garten hin einen weitern Ausweg bahnte. Bald darauf krachte auch die Treppe zusammen, deren sechs obere Stufen ohne Stützpunkt in der Luft hingen.

Von nun an war Lenchen gänzlich kopflos, sie eilte von der Pfandkammer durch die Schlafstube in die Putzstube, riß die Fenster auf und versuchte nach der Straße hin um Hülfe zu rufen.

Aber hätte sie noch eine tausendmal grellere Stimme gehabt, was hätte ihr das Rufen helfen können? In der Weser, die kaum tausend Schritte von ihrem Hause entfernt war, toste der Eisgang mit seinem knirschenden, donnernden, stoßenden, stürzenden, reibenden, zerbrechenden Geräusche. Vor ihrer Wohnung aber ein Bach von acht Fuß Breite, der wie ein Alpenstrom sich mit dem Geräusch eines Wasserfalles einen Weg durch die Straße und Häuser bahnte und den leichten Sand, auf dem die Langestraße erbaut war, und damit das Fundament von Neidhard's und Hirsch's Hause schon mehrere Fuß tief unterwühlt hatte. Die Straße war unzugänglich, auf beiden Seiten des Wassers standen aber Hunderte von Menschen. Von der Brücke her war man mit Fackeln gekommen, welche das seit vielen Jahren nicht erlebte Schauspiel eines Durchbruchs des Wassers durch die Häuser der Langenstraße mit ihrem düstern schmuzigen Licht beleuchteten. Um sich gegen das Getöse des Wassers verständlich zu machen, schrie nun auch die durch den Wasserstrom getrennte Menge sich einander zu, aber vergebens. Auf diesem Ufer wollte man, daß die am andern Ufer Stehenden nach dem Gartendeiche eilen sollten, um womöglich den Deichbruch zu stopfen, von der andern Seite verlangte man dasselbe von den Diesseitigen. Man schrie und zankte, ohne sich zu verstehen, und ohne das allein Rechte zu thun, nämlich von beiden Seiten nach den Gartendeichen zu eilen und zu versuchen, ob hier eine Stopfung möglich wäre.

Lenchen schrie und schrie aus dem Fenster, nicht einer von den Hunderten hörte oder sah sie, denn die Fenster waren unerleuchtet, da Lenchen das Licht in der Pfänderkammer auf der Lade hatte stehen lassen.

Aber der Wind war thätig gewesen, er blies durch das jetzt geöffnete Fenster der Putzstube in die Schlafkammer und von da in die Pfänderkammer, die ihre drei Fenster dem Stubenfenster gegenüber im Hofe hatte. Eins dieser Fenster war vor kurzem zerbrochen, und die Hausbesitzerin hatte aus Geiz ein Stück Papier vor den Sprung geklebt. Wie unten das Wasser, so bahnte sich oben der Wind seinen Weg.

Nun hing gerade über der Lade, auf welche Lenchen die Zinnlampe gesetzt hatte, eine große Partie Flachs, welche, durch den Zug in Bewegung gesetzt, das Licht berührte und in Brand gerieth. Es bedurfte nur weniger Minuten, während welcher sie von einem der vordern Fenster zum andern sprang und nach Hülfe rief, um die ganze hintere Kammer in Flammen zu setzen. Die alte Jungfer hatte nichts davon gemerkt, da ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Straße gerichtet war, und das Feuer nach hinten, der frühern Brauerei zutrieb. Diese hatte Moses Hirsch gepachtet und seine Korn- und Wollenvorräthe auf den Böden gelagert.

Erst als der helle Feuerschein durch ihre Schlafkammer hindurch in die Putzstube drang, ward sie das neue Unglück gewahr und stürzte nun ohnmächtig und besinnungslos in der Schlafkammer vor ihrem Bette zusammen.

Die Menge draußen ward starr und stumm, als sie das zweite dem Menschen so freundliche und oft so feindliche Element neben dem Wasser sich durch das Dach des Hinterhauses Bahn brechen sah. An Rettung war gar nicht zu denken, da man von der Brandstätte abgeschnitten war. Dazu fehlten auch die Spritzen.

Die sechs Hausväter, welche Hans Dummeier entlassen hatte, um in Eckernhausen nach dem Rechten zu sehen, hatten vergeblich mit dem Kahne einen Landungsplatz an der Brücke bei Dummeier's Wiesen gesucht. Die Brücke war weggerissen, und sie mußten eine halbe Stunde weit westlicher an den Geestsandbergen landen, um an diesen heraufgehend eine zweite Brücke über den Abzugsgraben zu erreichen. Von hier ging der Weg die Heerstraße nach Heustedt entlang wieder nördlich. Als sie den Punkt erreichten, wo der Weg nach Eckernhausen abbog, sahen sie auch die Flammen in Heustedt selbst auflodern und brachten davon die erste Nachricht nach der Brandstätte.

Dort konnten die heustedter Spritzen füglich entbehrt werden, und man fuhr zurück.

Die Langestraße, die bisher voll dichtgedrängter Menschenhaufen gestanden, hatte sich ziemlich geleert, ein neues Unglück war zu dem alten gekommen, oder vielmehr das anfängliche Unglück hatte sich mit natürlicher Notwendigkeit ausgedehnt. Das Wasser, welches Krische's Garten durchbrach, war zwar in seiner ursprünglichen Hast auf dem geradesten Wege, und wo es am wenigsten Widerstand fand, zwischen den Häusern hindurch auf Neidhard's Haus zugestürzt. Allein es begnügte sich hiermit nicht; nachdem es an einer Stelle eingedrungen war, hatte es das ganze hinter dem Gartendeiche liegende Terrain erobert, d. h. alle Gärten hinter den Häusern auf der Langenstraße. Sie standen in kurzem gänzlich unter Wasser, und bald fing das Wasser an, in die Häuser selbst zu dringen. Dieser Umstand rief nun alles auf die Hofräume der also bedrängten Häuser, um hier zu deichen. Man nahm Stroh und Dünger wo man solchen fand, namentlich von der entgegengesetzten Straßenseite.

Nun rasselten die Spritzen heran, es war aber auch die höchste Zeit, denn der Wind, der bisher das Feuer den Hintergebäuden zugetrieben hatte, war nach Westen umgesprungen und trieb das Feuer nach vorn zu. Schon brannte Georg's Vaterhaus an seiner hintern Seite. Die Mannschaft hatte nicht Zeit sich auszuruhen.

Der Spritzenmeister, der hier genau Bescheid wußte, zog den Rohrführer der Amtsspritze auf den Boden des väterlichen Hauses und hieß ihm dessen Stallungen, die zu brennen anfingen, solange zu bespritzen wie möglich, indem er selbst dem nach vorn sich ausdehnenden Brande des Neidhard'schen Hauses Einhalt zu thun suchte. Er hielt das Spritzenrohr zu diesem Zwecke in die Schlafkammer Lenchen's, wo diese noch immer bewußtlos am Boden lag. Der Wasserstrahl erweckte sie, und die in ihre Schlafkammer schon hineinzüngelnde Flamme trieb sie in die Putzstube. Hier stieg sie ins Fenster, sich wahnsinnig geberdend, und jetzt sah man von der Straße aus zum ersten mal, daß ein menschliches Wesen noch im Hause sei, da der Feuerschein aus dem hintern Theile des Hauses jetzt auch in die Putzstube fiel und ihre Gestalt hervorhob.

Es wurden nun allerlei Rettungsversuche gemacht, aber man konnte mit Leitern nicht ankommen.

Als Georg von dem Falle vernahm, ließ er aus der Bodenluke des Hauses Hirsch zwei Leitern nebeneinander zu der Schlafkammer Lenchen's legen und kroch mit dem Schornsteinfeger hinüber, die Rohrführung seinem Vertreter übergebend. Die That war kühn, da es bergab ging, aber sie gelang. Lenchen, die sich noch immer an das vordere Fenster klammerte, und von dem Rettungsversuche, der von der Seite her gemacht ward, nichts gemerkt hatte, erschrak, als die schwarze Gestalt des Schornsteinfegers und die von der Arbeit bei dem Feuer in Eckernhausen kaum minder geschwärzte Georg's im Putzzimmer erschienen. Sie glaubte, es seien lebendige Teufel, sprang mit einem Satze zur Thür hinaus auf die Treppe, ohne zu bedenken, daß diese schon in den untern Stufen hinweggerissen war, und stürzte nun mit den obern haltlosen Stufen in die Flut hinab. Ihre zerschellte Leiche fand man erst am andern Tage an einem Zaune der Gartenstraße angeschwemmt.

Auf dem Rückwege in das väterliche Haus wäre der kühne Spritzenmeister beinahe verunglückt; der Schornsteinfeger war vorangekrochen, als Georg die Bodenluke mit der Hand eben fassen konnte, brach die Leiter unter ihm, er faßte das Gesimse des Fensters und schwang sich mit Gefahr auf den Boden, wobei er sich indeß das Knie verletzte.

Trotz aller Anstrengungen vernichtete das Feuer den größten Theil des Neidhard'schen wie des frühern Schulz'schen Hauses.

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