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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Neuntes Kapitel.
Matthis brekkt dat Is.

Während der größere Theil der Einwohner Heustedts sich der Freude auf dem Eise hingab, arbeitete der alte Oberdeichgräfe Koch in seiner Wohnung mit seinem Deichvogt Herold und einem Schreiber. Lange Karten, die Weserufer darstellend, waren auf der Erde ausgebreitet und mit allerlei schweren Gegenständen belastet, damit sie nicht zusammenrollten. Der Deichvogt las die Berichte der letzten Deichschau vor, und Koch ging mit ihm die seit dem Herbst beschafften Arbeiten durch.

Eine Brille saß schon auf der Stirn, was der zerstreute Alte nicht bemerkte, als er sich erhob und nun auch die zweite hinaufschob, und die dritte vom Schreibtische nahm und aufsetzte. »Wird ein schlimmer Eisgang das, Herold, sehr schlimm«, sagte er.

»Kann sich aber doch immer noch vierzehn Tage hinziehen«, meinte dieser, » treibt nicht so schnell als die Elbe bei Artlenburg.«

»Wird schnell, viel zu schnell kommen, liegt zu viel Schnee auf dem flachen Lande, und nun gar erst in den Gebirgen über Münden hinauf. Aber werden gar das Werra- und Fuldawasser nicht nöthig haben zum Eisgang, und nun diese schlechten Deiche. Ich fürchte sehr, daß wir unten mindestens zwei, oberhalb Hengstenberg einen Deichbruch haben, und wenn uns der verdammte Ueberfall selbst keinen Spuk macht, beim Sandmeier gewiß einen Bruch. Der Kerl ist so geizig, daß es mich freuen sollte, wenn es ihn allein träfe, – aber es trifft die ganzen Ortschaften von Eckernhausen bis Thedinghausen. Müssen die Braunschweiger dort avertiren, werden bei ihren Eyterdeichen aufpassen müssen, bekommen schon durch den Ueberfall allein mehr Wasser, als sie lassen können. Steckt mir in den Knochen, Herold, daß es großes Unglück gibt.«

»Werden uns wol theilen müssen, Herr Oberdeichgräfe«, sagte der Deichvogt.

»Hab' auch schon daran gedacht«, erwiderte jener, indem er die dritte Brille von der Nase auf die Stirn schob, dann aber sogleich mit den Händen auf dem Schreibtische herumtastete und nach einer Brille umhersuchte.

Herold, der dieses Manöver schon kannte, vermochte sich eines Lächelns nicht zu enthalten: »Nichts für ungut, Herr Oberdeichgräfe, sind da auf der falschen Fährte, die Brillen sitzen auf der Stirn.«

»Verdammte Zerstreutheit«, brummte jener; »aber lieber Herold, wer ist denn oben von den Deichgeschworenen der rechte Mann, dem wir ein Commando oberhalb des Ueberfalls und bis zur Stadt anvertrauen könnten?«

»Sollte meinen, dem Hans Dummeier aus Eckernhausen, ist der rechte Mann, hat Ansehen, eine Stimme, die durchdringt, ist kalt wie Eis und fest wie Eisen. Können ihn brauchen, hat schon oft auf dem Deiche gestanden, wenn Noth da war, weiß mit Faschinen besser umzugehen als mancher Stackmeister.«

»Gut, Deichvogt, dann machen wir es so, ich gehe nach unten, wo der neue Deich angelegt ist, fahre schon Mittwoch, um die Weserbewohner mobil zu machen; ich nehme unsern alten Straßburg mit, der kennt meine Weise am besten. Ihr, Herold, wacht zwischen Heustedt und Paß Hengstenberg, ich fürchte, der moordorfer Deich ist nicht sattelfest. Passirt nichts, behalten wir West- und Nordwestwind, so könnt Ihr Dummeier unterstützen. Stopft sich das Eis, so versucht bei Hengstenberg mit Euerm Sohne, dem Pionnier, die neue Sprengungsmethode, laßt hinreichend Pulver nach Hengstenberg und Kanonenschläge noch weiter herüber- wie hinaufschaffen. Requirirt Kähne, wo Ihr sie findet, und lasset sie binnendeichs bringen, oberhalb wie unterhalb Heustedts. Der Dummeier bekommt das Commando beim Ueberfalle bis nach Grünfelde.

»Und nun, Kinder, schreibt, was das Zeug halten will, der Oberhauptmann will die Requisitionsschreiben noch am Nachmittage durch Expresse an die reitenden Vögte senden.«

Am Dienstag morgens hatten sich dann auf dem Amthofe zu Heustedt eine große Menge Bauern eingefunden aus zehn bis zwanzig Dörfern, meist Bauermeister, Eidgeschworene und Deichgeschworene. Es existirte ein geregelter Deichverband nicht. Die Deichlast war nach einem unbestimmten Herkommen zwischen Domänen, adelichen Gütern, Stiften, Gemeinden und einzelnen Grundbesitzern höchst ungleich vertheilt. In der Regel trugen die Anlieger die Deichlast, hier und da aber auch weit hinterliegende, dem Ueberschwemmungsterrain überhaupt ausgesetzte Ortschaften. Es hatte sich die Sache wahrscheinlich in der Art gemacht, daß, nachdem ein Grundbesitzer sich zu schützen angefangen, vielleicht der Dynast als größter Grundbesitzer zuerst, die andern nachzufolgen durch die Nothwendigkeit gezwungen waren, und für unvermögende Anlieger hinterliegende Gemeinden freiwillig eingesprungen waren. Im siebzehnten Jahrhundert hatte sich dann die damals allmächtig werdende Polizei der Sache angenommen.

Allein die Provinzialstände, eifersüchtig auf jede freiwillige Machterweiterung, wo es sich um Privatinteressen, d. h. wo es um den Geldbeutel sich handelte, hatten gewußt, eine Art Mitaufsichts- und Verwaltungsrecht durch ihre Landräthe zu erlangen.

So waren Deichcommissionen entstanden, in denen die Ritterschaften, die betheiligten Städte und Flecken neben fürstlichen Beamten und von diesen angestellten Technikern vertreten waren. Eine solche Deichcommission, welcher der Oberhauptmann von Schlump präsidirte, war heute versammelt, die Betheiligten geladen.

Als in der großen Amtsstube die nöthige Ruhe eingetreten war, was ziemlich langsam von statten ging, erhob sich der Oberdeichgräfe und sprach:

»Hört mal, Künners, in 'ne Tiet von acht Dagen hewt wie grot Water. Ji wättet, Matthias brickt dat Is, un so is et ook – up en paar Dage fröher oder later kumt et jo ook nich an.

»De Isgang schall wol scharp weren, un hewt wie Westwind, so driwt dat Is ünnen gegen de Dieke, un weiet de Wind von Noren her, so geit et baben los, un da sind de Dieke, wat ji ook wätet, verdammt slegt. In'n Sanddiek da sitt een Muse- un Winnewörpslock bi den annern.

»De scholl jo ook all vör dree Jahren upsmäten un breer macket weren; un den Spraker-Diek, den geit et nix bäter.

»Ick hewwe et ju genaug seggt, un nu kriegt ji Joue Last un Strafe.

»Wie mät de Arbeit aber verdehlen, un up den verschienen Stähen mot ene dat Kummandiren dohn. Kumm du mal her, Hans Dummeier, du schallst dat Seggen baben de Wesserbrügge hebben. Ick will dir denn wol wisen, wat du dohn schallst. De Dickvaget kummandirt van de Brüggen bett na Hingstenbargen, un von da av an ick sülbenst.

»De Buren von den böbern Diek föhrt morgen fiefdusend Bund Busk un twintig Schock Stroh up den Sanddiek, und de adelichen Häwe, de Kerke un de ut der Stadt un de Buren von Hengstenbarge dreidusend Bund Busk un drüttig Schock Stroh up den Schaardiek achter de Diekmählen. Up jede von düssen Stähen mät bett Dönnerstag hunnert Sandsäcke wäsen.

»Hewwet ji mi nu verstahn?«

Nun erhielt Hans Dummeier Specialinstruction. Herr Oberhauptmann von Schlump hielt darauf eine Anrede und ermahnte, den Befehlen des Oberdeichgräfen streng zu gehorsamen. Der Baron von Vogelsang fühlte als Landrath die innere Verpflichtung, auch ein Wort zu sagen, er erhob sich, machte den Ansatz, aber die Bauern drängten zur Thür hinaus, und er konnte nicht mehr zu Worte kommen.

Hans Dummeier war ein Mann von kleiner Statur, aber, wie man in Niedersachsen sagt, untersetzt und stämmig, d. h. mit guter Brust, breiten Schultern und kräftigem Beinpaar. Er stand im kräftigsten Mannesalter, im Anfang der dreißiger Jahre. Sein Gesicht zeigte zwar keine hervortretende Intelligenz, aber desto größere Zähigkeit und Ausdauer, er war nicht schön, aber kräftig. Seine Augen waren grau, aber voll Feuer, sein Mund für einen Bauer auffallend schmal und klein. Das Kinn ebenfalls klein und schön, kaum passend zu der breiten Stirn und den hervorstehenden obern Backenknochen.

Er trug unter dem dreieckigen Hute sein Haar ungepudert und unbezopft, während wenigstens alle Bauermeister und Eidgeschworenen den Zopf als ein unerläßliches Zeichen ihrer Amtswürde ansahen. Der beinahe bis auf die Erde reichende blaue Tuchrock, und die bis zu den Beinen reichende Weste waren mit blanken Silberknöpfen besetzt. Ein Stock mit silbernem Knopfe und ein gewisser langsamer, an Holzpantoffeln erinnernder Schritt gaben seinem Wesen eine gemessene Würde.

Hans Dummeier schritt so langsam dem neuen Schlosse zu und überraschte seine Anne Marie mit einem derben Schlag auf den Rücken in der Kinderstube beim Anziehen der Comtesse.

Die schlechte Witterung hatte es mit sich gebracht, daß Anne Marie ihren Hans seit länger als vierzehn Tagen nicht gesehen hatte. Ihr frisches rundes Gesicht lachte aus vollem Herzen, und zwei Grübchen auf den Wangen übten für Hans den unwiderstehlichen Reiz aus, sie darauf zu küssen.

Diese sträubte sich freilich nach Frauenart und wollte ihm die Tochter, die auf ihren Bäckchen schon dieselben Grübchen zeigte, unterschieben; allein er wußte sein Recht zu behaupten.

Als Hans nun auch die Comtesse und sein Töchterchen abgeküßt hatte, verlor sein Antlitz nach und nach die Amtswürde des Deichgeschworenen, der soeben mit einem Commando beehrt war. Er nahm beide Kinder auf den Schos, um sie reiten und mit seinen blanken Knöpfen spielen zu lassen. So gab er sich längere Zeit den Plaudereien mit den Kindern hin, bis der Nachmittag schon dem Abende sich zuzuneigen anfing. Da erhob er sich und sagte zu seiner Frau: »Weest du, Anne, dat ick mie von die scheidn laten will, wenn du bet Ostern nich wär nah Howe trugge kumst, un dat ick denn die Kattrine frien will. De Deeren mögte ock wol in dienen Bedde schlapen; sei is ganz narsk in mie un segt jümmer, dat se mie wol trösten wolle in de Tieden, wo du up dat Schloß wärest un de Häne in den Schoot läest.«

Dora, die jüngste Schwester Dummeier's, hatte sich nämlich seit Martini, der üblichen Hochzeitszeit, verheirathet, und die Magd Katharine mußte den Haushalt führen. Das war nun aber ein Punkt, wo Anne Marie keinen Spaß verstand. Sie hatte sich auf dem Schlosse während der sechs Jahre, daß sie dort geweilt, des Plattdeutschen entwöhnt und sagte jetzt ernst, beinahe feierlich: »Lieber Hans, Ostern ist nahe, und Ostern kehre ich heim. Wenn ich auch mein liebes Püppchen da zurücklassen muß, werden wir doch hoffentlich nicht länger allein bleiben. Hilf Gott, so wird dein sehnlicher Wunsch erfüllt, und Pfingsten taufen wir einen jungen Hans, der als Taufgeschenk von der Gräfin den förmlichen Freibrief erhält und noch eine schöne Zugabe dazu.«

»Un de Katrine?« sagte Hans, dem das zu Erwartende kein Geheimniß mehr war. Anne wurde eifriger, als der Scherz verdiente: »Wenn es ihr nach meinem Bette gelüstet, so wird es Zeit sein, sie fortzusenden. Sage ihr, daß ich sie Ostern nicht mehr sehen will, und gib ihr den Lohn bis Michelstag, ich will schon für eine andere Magd sorgen. Nun aber geh', es fängt schon, wie du siehst, zu stöbbern an.«

»Also Ostern!« – Hans brach auf, ein Abschiedskuß den Kindern, ein derber Handschlag der Frau.

»Aber der Mensch denkt und Gott lenkt«, sagt das Sprichwort. Es sollte anders kommen, als Anne Marie und ihr Hans gedacht.

Es regnete fein, was man in Heustedt stöbbern nannte. Als am folgenden Tage Wagen um Wagen den Deichen zufuhr, um Faschinen, Stroh und sonstige Zugehörigen auf die Deiche zu bringen, regnete es schon stark, und so regnete es zwei Tage und drei Nächte. Der weiße Schnee war in dieser kurzen Zeit von allen Feldern, selbst von den nach Norden gekehrten Wänden der Gräben verschwunden. Das Wasser stand zum Theil über dem Eise der Weser. Erst nach einigen Tagen sah man am Pegel, daß der Wasserstand um einige Fuß gestiegen war. Das Eis hatte sich von den Ufern abgetrennt. Es kam Matthias, aber er brach das Eis nicht. Am vierten Regentage krachte das Eis zum ersten male, donnerähnlich. Tiefe Spalten und Ritzen bildetet sich. Die Eisschollen vor den Eisbrechern wurden langsam höher und höher an diesen hinausgehoben.

Das Wasser war bis Sonntag auf zwölf Fuß gestiegen, und zur Verwunderung vieler ging das Eis unterhalb der Brücken am Sonntage gegen Abend ohne viele Schwierigkeiten fort.

Allein die unvorsichtigen Bewohner der Oststadt wurden des Nachts durch Alarmschüsse und Geschrei erweckt, und mancher, der aus seinem Bette sprang, trat bis an die Knöchel ins Wasser. Aus den Ritzen der Fußböden in der Hinternstraße quoll das Wasser bald fußhoch in die Stuben und Kammern, und in den Straßen begann sich an den tiefern Stellen das Wasser zu zeigen.

Nun erhob sich eine ungemeine Geschäftigkeit. Vor dem neuen Schlosse und an dem Thorwege zum Park wurden die großen Pechpfannen angezündet, die mit ihrem rothen und qualmigen Lichte das Schloß und einen Theil der Schloßstraße erleuchteten. In dieser begann ein buntes Getreibe bei Fackel- und Laternenerleuchtung. Nachdem die Einwohner nämlich vor allem die Keller geleert und alles Werthvolle aus den Räumen zur ebenen Erde auf die Böden und in die obern Wohnungsräume gebracht hatten, fing man an, die Häuser einzudeichen, damit sie von der Straße her nicht durchflutet würden. Man schlug etwa drei Fuß voneinander Pfähle in das Pflaster des Trottoirs, lehnte Dielen dagegen und füllte die Zwischenräume mit Strohdünger aus, drei bis vier Fuß hoch, je nachdem die Straße niedriger oder höher lag. Ein solcher Düngerdeich wurde unmittelbar vor den Häusern hergezogen. Auf der andern Seite der Straße, wo die Häuser nicht dicht aneinanderstanden, mußte jedes einzelne Haus umdeicht werden. Das Wasser in den Straßen stieg zusehends. Schon kamen aus der ganz unter Wasser gesetzten und verlassenen Weserstraße Kähne mit Betten, Möbeln und Hausgeräth, Wiegen, schreienden Kindern aus den ärmlichen Wohnungen der Hinternstraße geflüchtet, wo obere Wohnräume nicht existirten, vor dem Schloßthore an. In der Schloßstraße selbst stand das Wasser nun noch nicht so hoch, daß man die Kähne benutzen konnte, deshalb mußte dann in dieser Hausgeräth, Kinder, Betten u. s. w. die ganze Schloßstraße hinauf bis kurz vor dem Rathskeller, wo es wasserfrei war, von Männern in Wasserstiefeln getragen werden. Auch Frauen und Mädchen wurden so getragen. Vor dem Vogelsang'schen Burghofe, vor dem alten Schlosse und vor dem Rathskeller brannten gleichfalls Pechflammen. Es war ein unheimlich romantischer Anblick, wenn man vor dem Rathskeller stand und die Schloßstraße hinabsah.

Dazu erschallten von Norden her von Zeit zu Zeit starke Donnerschläge. Das Eis hatte sich bei Paß Hengstenberg gestopft und der junge Herold versuchte Sprengungen mit Pulver.

Als der Morgen herbeikam, sah man den größten Theil des Alvensleben'schen Parks, die ganze Schloßstraße, Weser und Hinternstraße, die Kirche und den Kirchplatz, die Wohnung des Superintendenten, des Forstmeisters und des Barons von Bardenfleth im Wasser stehen. Frei von Wasser war in der ganzen Oststadt nur die Amtsstraße, der Rathskeller mit seinen beiden Nachbarhäusern und gegenüber das Castrum des Landraths von Vogelsang, das alte Schloß und der Raum zur Weserbrücke.

Die Weststadt war ganz wasserfrei, allein das Wasser war durch den Rückstau, der es von Hengstenberg nach Grünfelde trieb, auf achtzehn Fuß gewachsen, und die ganze Halbinsel jenseit der Graft bis an das Geestterrain stand eine Stunde weit unter Wasser, denn hier war die Weser nicht eingedeicht.

Der Ueberfall fing zu laufen an und bald stand das herrschaftliche Boswiehe zwischen den Deichen und der Langenstraße mehrere Fuß unter Wasser, welches bei höherm Wasserstande durch die Lütjestraße in die Deich- und Langestraße eingedrungen wäre, hätte man diese nicht durch ständige Vorrichtungen abgesperrt.

Nun war aber in dem Deiche etwa eine Viertelstunde oberhalb der Stadt ein Einschnitt von etwa hundert Schritt Länge, wo der Deich zwei bis drei Fuß niedriger war, um die herrschaftliche an die Weststadt verpachtete Weide, das Boswiehe genannt, im Winter zu überschwemmen und fruchtbar zu erhalten. Damit das überlaufende Wasser der Weststadt selbst nicht gefährlich wurde, hatte man da, wo das Boswiehe aufhörte, einen Abzugsgraben angelegt, der die ganze Weststadt umzog, und der dann sich erweiternd und vertiefend, neben dem nach Bremen und dem oldenburgischen Gebiet führenden Heerwege hinlief, bis er sich oberhalb des Dorfes Eckernhausen in einen natürlichen Wasserzug ergoß, der bei ihrem Wiedereinfluß in die Weser, in einem zwischen Hannover und Bremen vereinsamt daliegenden braunschweigischen Amte, den Namen Eyter bekam.

Obgleich sich hinter diesem Abzugsgraben das Terrain etwas hob, hatten die Bewohner der Langenstraße doch ihre Gärten hinter den Häusern noch durch einen besondern Deich geschützt, der von der Stelle an, wo der Weg nach Grünfelde führte, Staatsdeich wurde und als solcher so lange neben dem Heerwege herlief, bis eine Brücke hinüberführte und die natürlichen Ufer des Wasserzuges künstlichen Schutz mehr und mehr unnöthig machten. Man nannte das den Ueberfall, seit Jahren ein Stein des Anstoßes für alle die, welche von dem Wasser Schaden zu befürchten hatten, gern gesehen von den Nutznießern der Weiden.

Die Bewohner der linken Seite der Langenstraße waren aber schon seit der Nacht beschäftigt, die Deiche. welche ihre Gärten von den Abzugsgräben trennten, zu erhöhen. Man fuhr Stroh, Dünger und Faschinen herbei und befestigte die neu herbeigeschafften Materialien durch Pfähle auf dem oder neben dem alten Deiche. So kam der Morgen.

Alle gewöhnlichen Geschäfte hatten aufgehört, alle Schulen waren ausgesetzt, gerichtliche Termine wurden nicht abgehalten, es war Justitium eingetreten. Männer und viele Frauen, wie die meisten Knaben, gingen in hohen über die Knie reichenden Wasserstiefeln. Die Kinder würden sich massenweise herumgetrieben haben, wäre das Wetter nicht gar so schlecht gewesen, und hätten sie bei dem Eindeichen nicht hülfreiche Hand leisten müssen.

Georg Schulz spitzte bei dem Essigfabrikanten die Pfähle zurecht, die man zur Verstärkung der Gartendeiche bedurfte. Seine Jungen hatten auf dem Polterboden einen großen Backtrog gefunden und herabgeschleppt, der zur Zeit des Siebenjährigen Kriegs in einem Bäckerhause gebraucht sein mußte und aus dem großväterlichen Nachlasse stammte. Es wurden drei Sitzplätze über den Trog genagelt, Stangen und Ruder vom nahen Zimmerplatz geliehen, und die Jungen warteten nur, bis die Essenszeit vorüber, um mit ihrem Kahn in die Oststadt zu eilen.

Gegen Mittag hörten Regen und Sturm plötzlich auf, die Luft wurde auffallend rein und warm, der Wind hatte sich ganz nach Süden gedreht. Nun begann in der Schloßstraße und deren Umgebung ein eigentümliches Getreibe, man glaubte sich plötzlich nach Venedig versetzt. Zehn und mehrere große Kähne fuhren in der Straße auf und ab, um die Bewohner auf festes Land zu bringen. Hier war es so voll wie an einem Jahrmarktstage. Die Männer, welche aus Erfahrung wußten, daß an solchen Tagen auch das Kochen aufzuhören pflegte, weil die Metzger kein Fleisch bringen und schaffen konnten, hatten sich schon zum Frühstück auf dem Rathskeller eingefunden. Wir reden von den sogenannten Honoratioren.

Wirth Krummeier kannte den »Dreh«, wie er sagte, aus vierzigjähriger Erfahrung. Er hatte alles, was der Herr Landrath, der Oberhauptmann, Herr von Bardenfleth, der Forstschreiber und sonstige Gutschmecker irgend bei ihm verlangen konnten, in Hülle und Fülle herbeigeschafft. Und diese Dinge waren gar so schlecht nicht, als sie heute sein mögen, und unendlich wohlfeiler. Wenn man heutzutage einem Austernesser sagte, daß in regelmäßigen Jahreszeiten Krummeier ein Dutzend Austern für drei Mariengroschen Kassengeld lieferte (er stand in Verbindung mit dem Hof- und Kanzleigericht zu Stade, das von Brunshausen her eine Art Zoll von allen auf der Elbe eingehenden Austern, ich weiß nicht auf welche Art, erworben hatte), so würde er in Heustedt zu leben wünschen. Heuer hatte es aber seit beinahe acht Wochen keine Austern gegeben, denn die Elbe war ebenso zugefroren wie die Weser, und die Gutesser hatten schon alle ihre Kunststückchen gegen Krummeier angestrengt, ihn zum Herbeischaffen des Unmöglichen zu spornen. Aber es fehlte nicht an andern Delicatessen; schöne Gänsebrüste, feine Mett- und Leberwurst, marinirter Aal und Schlie, Rauchfleisch und Schinken, Käse der verschiedensten Sorten nebst Butter und Brot stand auf einer Tafel bereit, und ein jeder nahm sich davon nach Belieben. Alle diese Speisen wurden altherkömmlich beim Eisgange gratis verabreicht, nur die Getränke wurden bezahlt. Aber auch diese Getränke waren herkömmlich vorgeschrieben, es konnte der einzelne, der in dieses Umsonstzimmer trat, davon nicht abweichen. Alle tranken sogenannten steifen Grog. Der Forstschreiber behauptete zwar, er sei nicht steifer als der, den man allabendlich tränke, obgleich er das Anderthalbfache theurerer war, allein man trank, trank sehr viel, natürlich der schlechten Witterung wegen.

Für den Podagrainhaber war eine Art Sofa an das Fenster gerückt, von dem Brücke und Weser zu übersehen war, und vor ihm stand die Ecke des langen eichenen Tisches, auf die er mit Quadraten die Zahl der getrunkenen Gläser mit Kreide notirte, und wenn das Quadrat doppelt voll war, bezahlte.

Es war ein ordentliches Fest hier. Aller Standesunterschied hatte aufgehört. Der Wirth Krummeier wagte gegen den Oberhauptmann von Schlump zu behaupten, das Eis ginge heute noch gar nicht; Leibmedicus Chappuzzeau hatte alles Geschniegelte von sich gestreift, seine Ohrlocken waren in Unordnung und ohne den gehörigen Puder, sein Zopf unzweifelhaft nicht frisch angebunden, dabei war er in einer Erregtheit, daß er wagte, den Landrath an die Brustpatten zu fassen. Der Amtsadvocat war mit dem Bürgermeister in Streit, der Amts- und Kornschreiber lief zehnmal von dem Rathskeller zum alten Schlosse, um den Amtsdiener zu fragen, ob dem Zinskorn noch kein Schaden geschehen. Die Thür ging auf und zu, es strömten von morgens zehn Uhr bis mittags immer andere Leute herein, die, wenn sie auch nicht gerade zum »Herrenclub« gehörten, sich doch an dem Eisgangsfrühstück betheiligten, sich in die Dispute, ob das Eis bald losgehe, einmischten und ihr»Steifes« tranken. Dadurch war heute jeder, der sich sonst in das Honoratiorenzimmer des Rathskellers nicht gewagt, zum Eintritt legitimirt.

Oben im Tanzsalon, der seine Front dem alten Schlosse und der Brücke zuwandte, hatten sich mittags die Damen versammelt, um den Eisgang zu erwarten und Kaffee zu trinken.

Unten gingen die meisten der Anwesenden vor Ungeduld aus und ein, die jungen Herren wol nach oben, um sich auf einige Zeit mit den Damen zu unterhalten, die ältern, um frische Luft zu schöpfen.

Mehr als einmal hatte schon ein Spaßvogel in das Zimmer gerufen: »Das Eis geht!« und alles war hinausgestürzt. Nur der Forstschreiber war auf seinem Platz geblieben und hatte erklärt, keine vier Pferde zögen ihn von demselben, bis er selbst sehe, daß sich das Eis bewege.

Es mochte ein Uhr nachmittags sein, als der Forstschreiber selbst die Bemerkung machte, das Eis bewege sich, und im Nu war das Zimmer leer, sodaß Krummeier selbst den Forstschreiber emporheben und aus dem Zimmer vor das Haus führen mußte. Der Forstscheiber hatte recht gesehen, das Eis war in Bewegung gekommen, stand aber schon wieder. Soweit man vom Rathskeller, soweit man von der Brücke sehen konnte, war alles bisher nur eine Fläche glatten Eises gewesen, jetzt sah es aus, als wenn mit einem Riesenpfluge Furchen über diese Fläche gezogen seien, und zwar Furchen von fünf bis zehn Fuß Höhe und Tiefe. Das Eis stand jetzt senkrecht.

Nur an den Eisbrechern hatte es sich bis an die Spitzen hinaufgeschoben, und mächtige zwei Fuß dicke Schollen hingen an der Spitze, ohne zu zerbrechen.

In diesem Augenblick kamen Heinrich und Friedrich Schulz mit ihrem Backtroge auf dem Kopfe über die Brücke. »Dürfen wir mit Karl schiffen, in der Schloßstraße nur«, redeten sie den Forstschreiber an.

Dieser ließ sie den Backtrog absetzen, untersuchte diesen von außen und innen, winkte ein paar Zimmerknechten, die er den Trog zu Wasser tragen hieß, schenkte den Jungen ein Viermariengroschenstück und hieß sie seiner Frau bestellen, sie sollte Karl schicken, und selbst baldmöglichst zum Rathskeller kommen.

Wer war glücklicher in diesem Augenblick als die beiden Knaben? Nicht das ungewohnte Geldstück aber war es, das sie so glücklich machte, sondern die Sehnsucht nach ihrem Karl, den sie seit dem verhängnißvollen Schlittensonntage nicht mehr gesehen hatten.

Der Trog bewährte sich als seetüchtig, Heinrich führte die Stange, Friedrich das Ruder, man schiffte in die Heustraße ein und landete vor Forstschreibers Hause. Hier hatte der arme Karl schon seit dem frühen Morgen am Fensterladen gestanden und das Steigen des Wassers beobachtet, in der Schloßstraße einen Kahn nach dem andern vorüberfahren sehen, während er selbst im Hause bleiben mußte. Mit welcher Schnelligkeit stieg er jetzt in die zum Weihnachtsgeschenk erhaltenen Wasserstiefel. Er fiel der guten Mutter für die Erlaubniß, sich in diesen Trog setzen zu dürfen, um den Hals, sprang die Treppe hinab und wäre ins Wasser gefallen, wenn ihn Heinrich nicht aufgefangen hätte.

Das war aber eine Lust; man schiffte um die Kirche und schiffte die Schloßstraße auf und ab. Friedrich und Karl wechselten mit den Rudern, Heinrich führte die Stange, die ihm endlich der jüngere Bruder mit Gewalt entriß, um seine Steuermannskunst auch zu zeigen.

Friedrich war ein aufmerksamer Steuermann. Als er zum zweiten mal die Ecke berührte, wo Bardenfleth's Hof aufhörte, sagte er: »Bruder, das Wasser fällt, fällt bedeutend. Ich weiß gewiß, daß, als wir vor zehn Minuten an dieser Stelle waren, das Wasser wenigstens vier Fuß tief war, jetzt hält es keine zwei.«

»Dann hat die Weser unten Luft gekriegt, und dann muß auch das Eis losgehen«, sagte Heinrich.

»Laßt uns eilen, die Straße hinaufzukommen«, äußerte der Sohn des Forstschreibers, »ich habe noch nie einen Eisgang gesehen.«

Das geschah. Aber die Knaben warteten nicht ab, bis sie nicht mehr mit ihrem Fahrzeug weiter konnten, sondern sobald sie nur festen Fuß mit ihren Wasserstiefeln zu haben glaubten, verließen sie dasselbe, zogen es bis aufs Trockene und eilten zur Brücke.

Dorthin eilten auch alle, welche von dem Phänomen des plötzlich fallenden Wassers in den Straßen gehört hatten, aber das Eis oberhalb der Brücke regte sich nicht; der Pegel zeigte denselben Wasserstand wie vorhin. Die Ursache des Fallens sollte auch jedermann bald klar werden. Von Norden her erschallten sechs Kanonenschüsse, ein Zeichen, daß der Deich nicht mehr zu halten oder schon gebrochen sei. Das Zeichen kam zu spät, was seinen Grund darin hatte, daß der mit dem Zünden der Kanonenschläge betraute junge Herold von diesen selbst durch den Deichbruch getrennt wurde. Die Deichmannschaft, welche jene Nothsignale bei sich führte, kam jenseit des Deichbruches zu stehen, und Herold mußte erst von Hengstenberg neue Kanonenschläge holen lassen.

Indessen war aus einem zwölf Fuß langen Durchbruche von zwei bis drei Fuß Tiefe ein Loch von funfzig Fuß entstanden und der Deich bis auf die Sohle weggerissen. Das Wasser in der Oststadt verlief sich noch schneller, als es gekommen war, der Rückstau hatte aufgehört, das Eis auch bei Hengstenberg Luft bekommen.

Währenddessen war man oberhalb der Brücke und des Ueberfalls bei dem Deiche des Sandmeiers auch nicht müßig; das Wasser spülte bis an den Kopf des Deiches und auf der Binnendeichseite war eine andere Communication als zu Wasser nicht mehr möglich, da das Boswiehe durch den Ueberfall schon bis fünf Fuß unter Wasser gesetzt war. Darauf vorbereitet, hatte man an verschiedenen Orten Deicherde aufgehäuft, und noch immer wurde solche vom Sande her, wo der Deich mit der Geest in Verbindung stand, herbeigefahren.

Es war ein reges Treiben hier. Dreißig bis vierzig Personen waren damit beschäftigt, dicke Seile von Stroh zu drehen, ebenso viele andere schlugen diese am äußersten Ende des Deiches mit Pflöcken übereinander fest. Dahinter wurden Faschinen oder Säcke mit Sand gelegt, die Faschinen mit Pflöcken befestigt und Erde darübergefahren. Dummeier war bald auf diesem, bald auf jenem Fleck, denn man arbeitete an drei bis vier Stellen, denen die meiste Gefahr drohte.

Er sah aber ebenso häufig nach dem Himmel als nach der Weser. Jener wollte ihm nicht mehr recht gefallen.

Es hatten sich am nordöstlichen Himmel dunkle Wolken, Gewitterwolken ähnlich, gebildet, welche trotz des Südwindes rasch emporstiegen. Der Südwind war hier so günstig, als er unterhalb der Stadt ungünstig einwirkte. Da hörte man die sechs Kanonenschläge. »Dat is de Moordorper Diek«, sagte Hans, »de da to'n Düwel geit. Nu schull ji mal sehn, Jungens, wie das Is nu Luft kriegt un losgeit.« Und wie gesagt, so geschah es. Erst langsam, kaum merklich, schoben sich die Massen zusammen, noch einmal krachte es, als würde die Erde in ihren Grundfesten erschüttert, dann sah man, wie die auf den Eisbrechern ruhenden Schollen über die Spitzen derselben hinweggeschoben wurden. Auf den Spitzen derselben brachen aber die Schollen auseinander, küselten unter das Wasser und eilten unter der Brücke hinweg. Eine Eisscholle suchte der andern zuvorzukommen, es war ein Drängen, Reißen, Stoßen, Uebereinanderhinwegstürzen.

Vom Wasser sah man nur hin und wieder eine kleine offene Fläche, um welche sich sofort eine Masse Eisschollen zu streiten schienen. Trotz des Eisganges stieg das Wasser und schien sich gelblich zu färben. »Is all Fuldewater«, brummte Hans.

Gesprochen wurde auf dem Deiche wenig, denn das Geräusch war so groß, daß man ein menschliches Wort nicht verstand, man verständigte sich durch Zeichen.

Dummeier's Aufmerksamkeit wurde plötzlich durch eine Erscheinung in Anspruch genommen, die ihn mit Besorgniß erfüllte. Einige Feiglinge von den Eisschollen, oder einige durch den plötzlichen Ruck im Strome beiseitegeschobene, waren schon früher den Ueberfall passirt und hatten sich vor dem allgemeinen Untergange salvirt. Das waren junge, kleine, kecke Burschen gewesen, welche wahrscheinlich noch nicht wußten, daß hier der Weg zum Meere nicht hingehe. Jetzt kamen aber ein paar Riesenschollen mit zahlreichem Gefolge auf den Ueberfall zu. Der Wind war umgesprungen und wehte stark von Nordost und trieb Eis und Wasser jetzt gegen die Deiche.

Wenn solche mächtige Eisschollen, wie sie jetzt dem Ueberfall sich nahten, darüber hinweggingen, so war die doppelte Gefahr vorhanden, einmal, daß diese Schollen die Grasnarbe des Ueberfalls zerstörten, wol gar einen Deichbruch verursachten, und sodann, daß sie gegen die kleinen schwachen Deiche vor den Gärten der Langenstraße getrieben wurden und diese zerstörten. Hans versuchte hier mit funfzig Mann was möglich war, um die Eisschollen abzuhalten, aber alle Anstrengungen waren vergebens. Der immer stärker wehende Wind trieb die Eisschollen jetzt mehr gegen die Deichseite, sie schoben sich am Deiche bis auf den Kopf hinauf und passirten den Ueberfall in seiner ganzen Breite. Während dieser Anordnung waren die schwarzen Wolken hoch an den Horizont hinaufgezogen und es brach eins jener Wintergewitter los, die so überaus gefährlich sind. Der Wind hatte sich ganz nach Nordosten gedreht, und während bisher eine Menge der Schollen auf dem gegenüberliegenden unbedeichten Ufer gelandet waren, wurden sie jetzt gegen den Deich getrieben, sobald sie der Mächtigkeit des Stromes selbst entzogen waren. Donner vom Himmel, Schloßen, welche der Sturm den Deicharbeitern in das Gesicht trieb und sie beinahe unfähig machte, etwas zu sehen, dazu das Grollen, Stoßen, Drängen, Platzen und Aneinanderschmettern der Eisschollen und zunehmende Dunkelheit. Dann ein greller Blitz und unmittelbar darauf ein mächtig krachender Donnerschlag. Die gesammte Deichmannschaft stand starr und stumm. Jedermann fühlte, daß es eingeschlagen haben mußte. Es sollte auch nicht lange in Ungewißheit bleiben, daß und wo dies geschehen. Drüben im Westen, aus dem Eichwalde, welcher Eckernhausen versteckte, flammte ein Strohdach bald lichterloh zum Himmel. Alle Blicke wandten sich dahin.

»O gutte Gutt! Donnerwähr! Dickschworner, et brennt in Eckernhusen, nu kik mal, is dät nich Jue Hus? Man kikt jo in de Flamme up den Karkenthoren. Man to, wie mätet los, loopt to!« so erscholl es von vielen Stimmen durcheinander.

Hans selbst zweifelte keinen Augenblick, daß sein Haus brenne, er glaubte die Pferdeköpfe des nach Süden gerichteten Giebels mit dem Storchneste dahinter deutlich zu erkennen. Inzwischen hatten sich einige vierzig Männer aus Eckernhausen um ihn versammelt und drängten ihn, das Commando an den Deichgeschworenen eines andern Dorfes abzugeben und mit ihnen nach Haus zu eilen.

Alles schrie durcheinander, der eine meinte, das Hemd ist uns näher als der Rock, der andere machte darauf aufmerksam, daß nur Altentheiler, Weiber und Kinder im Orte seien, noch andere waren den Deich nach innen schon hinabgeklettert, um einen großen Kahn, der binnendeichs angebunden war, flottzumachen und über das Boswiehe der Heerstraße zu hinüberzufahren. Zu Fuß hätte man erst den Deich bis Grünfelde hinwandern und dann auf einem Umwege von beinahe einer Stunde auf der erhöhten Geest sich dem Feuer nähern können, vorausgesetzt, daß die Brücke an der neuen Wiese Dummeier's noch standhielt.

Hans sagte mit Entschiedenheit. »Ich bliebe hier un jie ook, blot juer ses könnt na Hus hen gahn. Ernst und Johann Meyer, Dierk Nibour, Stoffel Piepenbrink, Jobst Petermann un Cord Cordes. Alle Annern bliebet an Platze, denn hier brennt et ook, und wenn wie hier nich uppasset, so versüppet dat ganze Dörp un use Koren geit to'n Dübel, un dat von annere Dörper ook, und dat is doch leger als wenn mal en Hus afbrennt. Wie hewwet ja Nordostwind, un dat Füür drift um minen Eicksünner un nich up dat Dörp. Hinner den Holt liegt aber de Karken, de is massiv un hät Pannendäcker, da hört aber all watt to.«

Man überzeugte sich um so schneller, daß Hans recht habe, als unter den Füßen der Versammelten, etwa sechs Fuß unter der Kappe des Deiches, ein armdicker Wasserstrahl emporschoß. Von außen hatten Eisschollen an den Deich gestoßen, die Grasnarbe abgeschält, gerade an der Stelle, wo sich viele Mauselöcher im Deiche befanden. Das Wasser war durchgesickert und hatte sich in kurzer Zeit einen Weg gebahnt.

»Schlagtmeister«, rief Hans mit Donnerstimme, »dei groten Laakens, dei groten Laakens.«

Große Laken von starker Segelleinwand, an deren einem Ende dicke Backsteine eingenäht waren, wurden herbeigebracht und an der Außenseite des Deiches langsam heruntergelassen, drei übereinander, dann befahl Hans, in den Deich bis zur letzten Stelle hineinzugraben und diese mit Faschinen und Sandsäcken zu dichten. Dies alles mußte geschehen, während der Sturm starke Hagelkörner im heftigsten Niederschlag den Arbeitern in das Gesicht wehte.

Die Eisschollen hatten sich indeß den Ueberfall hinabgestürzt, es war die mächtigste dabei glücklicherweise dabei zerschellt.

Als das Gewitter vorübergetobt, drehte sich der Wind nach Süden, was zwar für die Deiche Schutz gewährte, dagegen bei dem Feuer gefährlich werden konnte, da es dasselbe auf die Scheunen und Stallungen zutrieb. Aber Hans schien kaum an das eigene Eigenthum zu denken, seine ganze Aufmerksamkeit war dem Schutze des Deiches zugewendet, auf dem er commandirte.

Er ließ, da es jetzt zu dunkeln begann, ein Feuer anzünden und die Mannschaft sich an demselben erwärmen, wobei jedem aus einem Fasse Branntwein ein nicht zu kleines Glas gereicht ward, aber nur das eine.

Die Eismassen wälzten sich im dichtesten Gedränge die Weser herab, die fortwährend zu steigen schien.

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