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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 100
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Elftes Kapitel.
Zerbrochene Ketten.

Wir kehren zu unsern Freunden im Süden der amerikanischen Vereinsstaaten zurück.

Als der Arzt in Begleitung Oskars und des Hundes Caro auf der Pflanzung des Vicomte ankam, war dieser soeben von der Brandstätte heimgekehrt, ohne eine Spur von Doralice gefunden zu haben. Der Neufundländer spürte vergebens; eine lebende Seele, die bei dem Brande zugegen gewesen, sah man nicht, es war nur zu wahrscheinlich, daß die Vermißte ihren Tod gefunden hatte.

Der Arzt wurde sofort in das Krankenzimmer Nella's geführt, wo diese, in einer Hängematte liegend, bald laut weinte, bald voll Schmerzen aufschrie, zur Madonna betete und wieder in Wuthausbrüche gegen das Negermädchen verfiel, welches sie wiegen mußte und den Pfauenwedel handhaben, wenn einige Mosquitos durch das Netz drangen und sich auf den Gesichtswunden ergötzten.

Nella's Klagen galten nicht den Schmerzen, diese hatten nachgelassen, da man in jeder Pflanzung mit lindernden Oelen und andern Hausmitteln gegen Mosquitos versehen war, sie galten dem Verluste ihrer Schönheit und Jugendfrische. Denn als sie sich zum ersten mal auf der französischen Pflanzung wieder in einem Spiegel erschaute, das geschundene, geschwollene, von Mückenbissen entstellte Gesicht erblickte, erkannte sie sich selbst nicht wieder, ein häßliches Ungethüm schaute sie aus dem Spiegel an.

Der Arzt gab Trost, er salbte die Wunden nochmals mit stark duftenden Oelen, von welchen Mosquitos keine Freunde waren, und gab der Ungeduldigen ein Morphium, das ihr die nächsten vierundzwanzig Stunden Ruhe bereiten sollte.

Hermine fiel dem Geliebten in die Arme und weinte sich an seiner Brust aus. Eine Ahnung sagte ihr, daß ihre Mutter den Tod gefunden haben müsse, da du Plessis keine Spur von derselben gefunden, und war Doralice auch kein tugendsames Weib gewesen, ihr war sie eine gute, zärtliche Mutter gewesen, die um ihretwillen vieles von dem rohen Manne erduldete.

Oskar gestand die Möglichkeit des Todes der Mutter seiner Hermine ein, hielt aber auch den Fall für nicht unwahrscheinlich, daß sie in den Wald geflüchtet und dort vor Ermattung liegen geblieben sei, oder daß Micks, der ja mit seinen Genossen zum Goldenen Zirkel auf dem Dampfschiff zur Brandstätte geeilt und dort vermuthlich früher angekommen sei als der Vicomte, sie aufgefunden und zu einem befreundeten Pflanzer geführt habe. Er habe mit dem Vicomte verabredet, daß beide zusammen bei Tagesanbruch hinüberreiten und neue Nachforschungen anstellen wollten; er bürge dafür, daß sein Hund die Spur der Mutter finden werde, wenn Hermine ihm nur ein Tuch, ein Stückchen Leibwäsche, ein Kleidungsstück, was ihre Mutter getragen, verschaffen könne. Wo sollte aber Hermine das hernehmen? Nach dem Berichte des Vicomte waren ja das Wohnhaus und alle Gebäulichkeiten daneben bis auf den letzten Rest niedergebrannt, alle Kleider, aller Schmuck der Mutter verloren. Da erinnerte sie sich plötzlich eines Vorfalls vom letzten Morgen. Als das erste Zeichen, daß das Diner bereit stehe, gegeben war, stürzte Doralice in großer Aufregung in das Boudoir der Tochter; sie war völlig angekleidet bis auf den Handschuh der rechten Hand, den ihre ungeschickte creolische Kammerzofe ihr nicht hatte anziehen können, und die linke Hand war in den zu engen Handschuh eingeklemmt, daß sie selbst sich nicht helfen konnte; nun sollte Hermine ihr behülflich sein. Diese brachte auch den Handschuh mit Mühe über die Hand, allein er platzte an einem Diamantringe, den Doralice am Zeigefinger trug, in der Naht, und nun riß diese voll Zorn beide Handschuhe ab, und warf sie auf den Boden. Als Hermine nach der Tafel das Reitkleid anzog, nahm sie die feinen pariser Handschuhe, welche sie selbst in solcher Güte nicht erhielt, auf und steckte sie in ihr Reitkleid, sie wollte den Schaden ausbessern und die Handschuhe, welche ihr paßten, selbst tragen. Das fiel ihr jetzt ein, sie holte die zarten rosafarbigen Handschuhe herbei und übergab sie dem Geliebten.

In diesem wurde dadurch eine Ideenverbindung oder Rückerinnerung an einen am Nachmittage gefaßten Entschluß erweckt. Oskar hatte, als er die falsche deutsche Freimaurertracht, in der er am Abend in der Loge erscheinen wollte, aus seinem Koffer nahm, auch seine Arbeitskleider aus der Loge zu den Cedern des Libanon zu Gesicht bekommen, dabei hatte er sich erinnert, daß der Meister vom Stuhl ihm bei der Aufnahme ein Paar weiße Frauenhandschuhe übergeben und ihn ermahnt hatte, dieselben im Namen der Loge derjenigen, die er zu seiner Gattin erwählen werde, als geliebter Schwester, zu übergeben. Er hatte die Handschuhe herausgelegt, und als er sich umkleidete, zu sich gesteckt, allein die Sache wieder vergessen. Jetzt holte er sie hervor und übergab sie Herminen.

Diese, welche von der Freimaurerei keinen Begriff hatte, noch weniger von den sich einander bekämpfenden amerikanischen Parteien, dankte mit einem heißen Schwesterkuß, nahm die Handschuhe, welche sich von gewöhnlichen Handschuhen in keiner Weise unterschieden, und legte sie in ihren offenen Toilettenkasten.

Man redete von der am nächsten Tage bevorstehenden Expedition, an der Hermine theilzunehmen wünschte; was ihr indeß von dem Vicomte und dessen Gemahlin, als man sich später beim Thee unter der Veranda traf, ausgeredet wurde; dagegen sollte ihr Neufundländer mitgenommen werden. Es war spät geworden, als man versuchte, Nachtruhe zu finden, was indeß selbst den bei den Ereignissen am wenigsten Betheiligten, dem Vicomte und seiner Gattin, nicht gelang.

Micks, am Orte seines frühern Reichthums angekommen, als er sah, daß hier nichts mehr zu retten war, sondern alles neu gegründet werden mußte – selbst seine in südlichen Papieren aufgehäuften Baarschätze waren verloren – dachte an nichts als Rache. Frau, Tochter, Stieftochter waren ihm gleichgültig; er überließ es dem Verlobten der letztern, sich um dieselben zu bekümmern, indem er die Vermuthung aussprach, daß dieselben auf der Pflanzung des verruchten abolitionistischen Franzosen Zuflucht gesucht hätten.

Da man fand, daß nicht ein einziger Kahn, keine Gondel, kein Jagdboot, kein Zucker- oder Viehtransportschiff auf dem linken Ufer des Red-River zu entdecken war, so war es offenbar, daß sich die Nigger auf das andere Ufer geflüchtet hatten. Es wurde Kriegsrath gehalten und beschlossen, alle Pflanzer zehn Meilen oberhalb und unterhalb der zerstörten Besitzung, mit Ausnahme des Vicomte, durch persönliche Schreiben und durch öffentliche Aufforderungen in Journalen von Neuorleans, an die man von der nächsten Station telegraphiren wollte, aufzubieten, die flüchtigen Nigger mit allen zur Hand stehenden Mitteln zu verfolgen, sie einzufangen und ein Exempel zu geben, das vor ähnlichen Aufständen abschrecke.

Die Sklavenjagd sollte von Clautiersville südlich bis Natchitoches nördlich nach Westen in einem Halbkreise, der sich immer mehr verengen und an der Grenze von Texas schließen sollte, beginnen. Alle am diesseitigen Ufer Wohnenden sollten Freunde und Bekannte, auch wenn sie keine Mitglieder der Ritter vom Goldenen Zirkel seien, in der Nacht durch Eilboten aufbieten und am andern Tage mit Bluthunden und allen Niggerfängern, die nur aufzutreiben seien, die Jagd beginnen. Micks selbst, dem Wege und Stege der Prairien und Wüsten bis nach der Grenze von Texas wohlbekannt waren, wollte das Centrum führen, der Meister vom Stuhl sollte den linken Flügel, der erste Aufseher von Natchitoches aus den rechten Flügel führen. Unterwegs wollte man alle Sklavenhalter zur Hetzjagd mitnehmen. Es sei das eine allgemeine Sache Louisianas, hieß es, und niemand werde sich ausschließen.

Der Baumwollagent von Neu-Orleans sollte aber während der Zeit nicht nur die Frauenzimmer aufsuchen, sondern vor allem dafür sorgen, daß spätestens innerhalb vierzehn Tagen, denn bis dahin hoffte man alle Mordbrenner eingefangen zu haben, seine »Jungen« aus Neu-Orleans am Platze seien, um die Pflanzung des Franzosen einzuräuchern, ihn selbst zu theeren und zu federn, wobei man helfen wolle.

Micks, der im Centrum vorgehen wollte, werde den Flüchtlingen drei Tage Vorsprung gönnen, damit die beiden Flügel vorauseilen und die Flüchtlinge sicher in die Flanke nehmen könnten.

»Wir müssen die Niggerhunde fangen«, sagte er, » und wenn wir sie bis zum Ufer des Sabine verfolgen müßten. Der rechte Flügel reitet von Natchitoches auf Advis Village und am rechten Ufer der Bayou-Haspoon hinab auf Sabine Town zu, der linke Flüge operirt von Clautiersville auf Bayou Negrel, ich selbst such das Cantonnement. Verflucht sei meine Seele, wenn ich ein solches Ding besitze, wenn ich nicht den Goliath von den Hunden halb zerfleischen lasse und ihn dann eigenhändig bei den Beinen aufhänge!«

Während die am linken Ufer Angesessenen ihren Pflanzungen zueilten, brachte der Dampfer die auf dem rechten Ufer Wohnenden stromabwärts hinüber und dampfte mit den oberhalb Wohnenden, die den rechten Flügel bilden sollten, nach Natchitoches.

Der Arzt blieb auf der Pflanzung des Vicomte, um an der Expedition des andern Tages theilnehmen zu können. Man ritt durch den Wald, Hund Caro und Herminens Neufundländer voran. Sie fanden zuerst die Spur eines alten Negerweibes, desselben, das Doralicens Brandwunden mit Oel gewaschen, sie auf dem Rasenplatze verpflegt hatte und dabei gegenwärtig gewesen war, als Goliath dieselbe mit dem Baumwollballen zerschmetterte. Sie entfloh, als jener die Baumwolle in Brand steckte, und war jetzt halb verhungert. Durch das Negerweib erhielt man die erste Nachricht von Doralicens Tode und ihrer Todesart. Ein begleitender Schwarzer mußte die Alte in das Niggerdorf bringen.

Dann fanden die Hunde die Spur zum Schmerzenslager Nella's, und Caro apportirte ein Foulard, womit diese die Insekten von sich abzuwehren gesucht hatte, mit einer kostbaren Diamantbrosche in Kreuzesform daran, das das Kind auf dem Rückwege verloren hatte.

An Ort und Stelle angekommen, suchte man zunächst den Rasenplatz, wo Doralice geendet hatte, man erkannte ihn bald an den Resten der verbrannten Baumwolle. Der Ballen mußte auseinandergeplatzt sein, oder Goliath die Fesseln, die ihn zusammenhielten, vorher gelöst haben. Denn die Brandstätte nahm einen fünfmal größern Fleck ein, als der Ballen selbst bedeckt haben würde. Man fand den halbverkohlten Körper; der Schädel war von der Wucht des Ballens tief in den Rasen eingeklemmt und zerschmettert. Die Ueberreste der Unglücklichen wurden auf derselben Stelle, wo man sie gefunden, begraben, und du Plessis versprach, durch seinen geschicktesten Bildhauer der Todten ein marmornes Denkmal errichten zu lassen. Der Arzt constatirte die Identität der Leichenreste an zwei falschen Zähnen, die er der Todten selbst eingesetzt. Man verabredete mit der Vicomteß, wie den beiden Töchtern die Todesart zu verheimlichen sei, und zu sagen, Doralice sei von einem Balken der Veranda erschlagen und unter dieser im Schutt aufgefunden. Man traf auf der ganzen Pflanzung nichts Unverletztes an, außer dem Schaukelstuhle, aus dem Nella gefallen war, der ruhig an seinen Stricken hing.

Unser Freund Oskar hatte die schwere Aufgabe, der Geliebten den Tod mitzutheilen und sie zu trösten. Aber Liebe und Schmerz sind innig verwandt, und wo ein schmerzerfülltes Herz nur einen geliebten Busen findet, an dem es sich durch Thränen erleichtern und sich die Thränen von geliebtem Munde wegküssen lassen kann, da findet der Trost sich leicht. Im ganzen waren es acht selige Tage, welche Hermine und Oskar in schönster Ruhe verlebten. Das Befinden Nella's hatte sich in dieser Zeit außerordentlich gebessert, die Wunden waren geheilt, zum Theil trat aus den geschundenen Stellen schon die neue Haut hervor, die Geschwulst war gewichen, die Furcht, ein Ungethüm zu bleiben, legte sich, und die alte Natur trat mit jedem Tage, wie das Gesicht wieder die frühere Gestalt annahm, mehr hervor. Bald nahm sie an dem gemeinsamen Frühstück, Mittags- und Abendessen der Familie des Vicomte theil, und da konnte ihr denn das zärtliche Verhältniß ihrer Stiefschwester mit dem Deutschen nicht lange ein Geheimniß bleiben. Der Tod ihrer Mutter hatte sie wenig berührt, es hatte beinahe den Anschein, als wenn er ihr nicht unerwünscht wäre. Neid gegen die ältere, weit schönere Schwester war von jeher ihre Hauptleidenschaft gewesen. Sie war nicht uneingeweiht in die Plane des Vaters, und wie sie die Schwester schon bei dem letzten Gastmahl, das dem Unglücke vorausging, um den ihr aufgedrungenen Bräutigam beneidete, so hoffte sie nun den Neu-Orleanser für sich erobern und die Schwester mit Hülfe des Vaters aus dem Erbe verdrängen zu können.

Sie beobachtete jedes Thun und Lassen derselben und so fiel es ihr auf, daß sie, wenn sie zum Diner Toilette machte, jeden Tag ein paar weiße Glacéhandschuhe anzog, die sie vorher küßte. Nella suchte bei der ersten Gelegenheit, wo sie sich allein im Boudoir ihrer Stiefschwester befand, sich der Handschuhe zu bemächtigen, und untersuchte dieselben nach allen Seiten, fand aber nicht das Geringste daran, was sie von andern Handschuhen unterschied. Nella beobachtete namentlich bei Tische jede Bewegung des liebenden Paares, und da fiel es ihr auf, daß Hermine, die Augen auf Oskar gerichtet, auf die weißen Handschuhe an ihren Händen deutete. Daraus machte sie den richtigen Schluß, daß die Handschuhe in Beziehung zu Oskar stehen müßten, vielleicht ein Geschenk desselben seien, und um der Schwester einen Schabernack zu spielen, beschloß sie, sich die Handschuhe anzueignen.

Eines Morgens vermißte Hermine das Geschenk des Geliebten, während sie sich genau erinnerte, die Handschuhe vor dem Zubettgehen in die Toilette gelegt zu haben. Es wurde das ganze Haus durchsucht, ohne eine Spur zu finden, Hund Caro, dem Oskar begreiflich zu machen suchte, um was es sich handle, umschnüffelte Nella und folgte ihren Spuren, versuchte auch mehrmals ihrem Kleide selbst näher zu kommen, sodaß diese sich anscheinend ängstlich in die ihr eingeräumten Zimmer zurückzog. Hier nahm sie die Handschuhe und fing an sie zu zerschneiden, um sich ihrer zu entledigen und sie leichter im Feuer oder Wasser gänzlich zu vertilgen. Bei diesem Geschäfte entdeckte sie, daß in beide Daumenfinger ein schwarzer Stempel inwendig eingedruckt war, welcher das Siegel zur Loge der Cedern des Libanon enthielt. Während sie die übrigen Theile der Handschuhe in die kleinsten Stücke zerschnitt, bewahrte sie das Daumenfingerpaar in einem Papier, das sie stark mit Rosenöl tränkte, an ihrem Busen.

Nella war von früher Jugend ein neugieriges Kind gewesen, das nicht nur die eigenen Aeltern bei ihren ehelichen Streitigkeiten behorcht hatte, sondern auch nie verfehlte zu lauschen, wenn bei dem Vater Besuch war. Namentlich war sie seit länger als einem Jahre darauf erpicht, die auf die Loge Natchitoches bezüglichen Geheimnisse zu erforschen. Die Vollmondsreisen des Vaters nach diesem Orte hatten zuerst ihre Aufmerksamkeit erregt, dann hatte sie, als derselbe mit zahlreichen Brüdern einmal in ziemlich trunkenem Zustande von dort zurückkam, die Gelegenheit wahrgenommen, die Ordenstracht, Zeichen, Schmuck, Symbole, die des Vaters Amt andeuteten, während er selbst schlief und dies alles unordentlich in der Stube umherlag, in Augenschein zu nehmen. Endlich hatte sie jüngst eine Zusammenkunft belauscht, in der ihr Vater sich mit dem Meister vom Stuhl und dem ersten Aufseher über ◊-Angelegenheiten berieth.

Bei dieser Gelegenheit war viel von einer Freimaurersekte zu den Cedern des Libanon die Rede gewesen, die im Norden gar sehr an Ausbreitung gewinnen solle, und deren Tendenz Aufhebung der Sklaverei sei. Nun las sie in dem Stempel des inwendig in den Daumenfinger der Handschuhe eingepreßten Siegels deutlich die Umschrift »Cedern des Libanon« und erkannte auch Cedern in dem Siegel selbst. Sie calculirte daher, wie die Amerikaner zu sagen pflegen, vollkommen richtig, wenn sie Oskar mit den Handschuhen und den Cedern des Libanon in Verbindung brachte und zu der Ansicht kam, daß ihrem Vater daran liegen müsse, zu erfahren, daß Oskar mit den Freimaurern der Cedern des Libanon in Verbindung stehe.

Der Vicomte wurde durch die Nachricht aufgeschreckt, daß ein Fremder in Begleitung eines Negers zu Pferde angekommen, beide Negerdörfer durchgangen, sich schriftliche Notizen, wie es scheine, sogar Zeichnungen gemacht habe. Er setzte sich sofort mit Oskar zu Pferde und suchte den Fremden, von dem Neufundländer und Caro begleitet, aufzufinden, allein derselbe war bereits verschwunden.

Sehen wir uns nach den schwarzen Flüchtlingen um. Goliath war ein wirklicher, kein »Freiligrath'scher« Mohrenfürst, wie Heinrich Heine eifersüchtig neidisch spottet. Er hatte in seiner Heimat viele Jahre lang die schwächern Nachbarstämme bekriegt, schwarze Brüder erbeutet und auf den Sklavenmarkt gesendet, bis er selbst nebst seinem Volke die Beute eines Mächtigern wurde. Auf den Markt verkauft, hatte er zehn Jahre auf einem Mississippidampfer als Feuermann gedient, dabei englisch und etwas französisch gelernt, und sich nicht nur mit dem Gebrauch des Kompasses bekannt gemacht, sondern er hatte sich von Trinkgeldern und Ersparnissen selbst zwei Kompasse angeschafft, von denen er einen statt einer Uhr trug. Auch wußte er sehr gut mit Feuerwaffen umzugehen und hatte auf dem Dampfer überhaupt manche Fertigkeit sich angeeignet.

Er würde sein Leben lang auf dem Dampfer geblieben sein, wenn er sich nicht eines Tages an dem Ingenieur vergriffen hätte, als dieser ihm befahl, eine Tonne Schmalz vom Verdeck zu stehlen und solche unterzuheizen, damit ein Concurrenzdampfer, der voraus war, überholt würde. Goliath weigerte sich dessen, und als der Ingenieur nun die Schmalztonne dennoch in den Feuerraum zu bringen befahl, rollte jener dieselbe dem Ingenieur so heftig über die Füße, daß sie gequetscht wurden. Der Riese erhielt dafür seine Peitschenhiebe, wurde, als man nach Neu-Orleans kam, verkauft und fiel in Micks' Hände.

Schon längere Zeit war Goliath mit dem Plane umgegangen, nach Westen zu entfliehen; er wußte, daß in Californien keine Sklaverei stattfand, und daß es möglich sei, dort in den Goldminen reich und unabhängig zu werden. Aber er mochte nicht allein fliehen, nicht Frau und Tochter verlassen. Als die Quälereien auf Micks' Pflanzungen anfingen ärger zu werden, dachte Goliath an einen Aufstand, und um die Schwarzen sich unterwürfig zu machen, gewöhnte er sich einen biblischen Jargon an, denn er war Christ und las fleißig in der Bibel.

Das hinderte ihn aber nicht, schlau zu sein. Auf Flucht oder Aufruhr seit Jahren bedacht, hatte er sich mit Feuerwaffen, Pulver und Blei zu versehen gewußt und diese in seiner Hütte verborgen. Wie er dem Sklavenaufseher, ehe er ihn in die Melassepfanne steckte, die goldene Uhr aus der Tasche zog, so hatte er die Wohnungen beider Aufseher, ehe sie in Brand gesteckt wurden, ausplündern lassen; und ein junger gewandter Negerknabe hatte auf seinen Befehl aus dem brennenden Herrenhause noch die Jagdflinten und Revolver Micks' gerettet. So waren die Flüchtlinge im Besitze von etwa zwölf Büchsen und drei Revolvern. Als die Flüchtigen am jenseitigen Ufer angekommen waren, bildete Goliath aus denen, die mit Feuerwaffen bekannt waren, eine Leibgarde für sich, die den Rückzug decken sollte. Einen gescheiten jungen Neger, der früher weiter am Red-River hinauf auf einer Pflanzung nahe dem Sodasee gewesen war, schickte er mit den Frauen und Kindern voran. Er hatte sich eine Karte von Louisiana, Texas und dem Indianerterritorium zu verschaffen gewußt, und, bekannt mit den Wegeleitungen mächtiger Ströme, schon früher beschlossen, seine Flucht nicht direct nach Westen zu nehmen, sondern nach Norden, den Red-River, ehe die Wachita sich mit ihm vereint, zu überschreiten, um den Canadienstrom zu erreichen, an dessen Ufern hinauf er die Hochebene von Neu-Mexico besteigen wollte.

Man wanderte die ganze Nacht, um im Dunkel noch die Chaussee von Natchitoches nach Advis Village zu überschreiten.

Als man an einen kleinen Fluß gelangte, der bei Natchitoches sich in den Red-River ergießt, befahl Goliath Frauen und Kindern, in diesem Flusse selbst, der seichtes Wasser führte, eine Stunde stromauf zu gehen und sich dann immer nördlich zu halten. Er selbst wollte den ersten Angriff erwarten und die Angreifer glauben machen, daß der ganze Trupp nach Westen gewandert sei.

Er stieg, während der Vortrab im Flußbett aufwärts zog, auf die andere Seite und lagerte sich mit seiner Leibgarde auf einem bewaldeten Hügel. Hier wollte er Micks erwarten, er kannte dessen Ungeduld und Hast zu genau, um nicht zu ahnen, daß er seinen Genossen voraneilen würde. Der Neger that nichts, um seine und der Genossen Spuren zu verbergen, im Gegentheil, er wollte gefunden werden. Während seine Leibgardisten einen Rehbock brieten, den sie erlegt, und von dem mitgenommenen Mais ihre Kuchen buken, brütete Goliath Racheplane. Er bereitete sich aus einer jungen Eiche eine Art Keule, mit der er seinen Verfolger todtschlagen wollte, der Schuft, meinte er, sei eines ehrlichen Schusses nicht werth.

Goliath hatte den Charakter seines Herrn richtig beurteilt. Micks, der in der Nacht auf der Pflanzung eines Freundes und Bruders zugebracht hatte, dachte schon am frühen Morgen auf die Verfolgung und Hetze und nur mit Mühe hielt ihn der Freund bis Mittag, um von einer Nachbarpflanzung noch zwei Hunde herbeizuschaffen, die sich auf Niggerjagd und Menschenfleisch verstanden.

Obwol er selbst den Plan ausgedacht hatte, dem rechten und linken Flügel einen Vorsprung von ein bis zwei Tagen zu lassen, hielt es ihn nachmittags nicht mehr. Er wollte ja, sagte er, nicht Jagd machen, er wollte nur recognosciren, und zog den Freund mit sich. Man ritt anfangs auf der Chaussee, die nach Natchitoches am linken Ufer führte, und es dauerte nicht lange, bis die Hunde die Spur fanden; es waren vier ausgezeichnete Spürer. Sie rissen die Leiter mit bis zu der Stelle, wo die Neger in das Flußbett geschritten waren. Hier berieth man sich, was weiter zu thun sei. Der Freund war der Meinung, das Recognosciren einzustellen, da man gefunden habe, was man wolle, und da man am andern Morgen mit leichter Mühe die Stelle entdecken werde, an welcher die Nigger das Flußbett wieder verlassen hätten; allein da einer der Hunde den Fluß durchschwommen und am andern Ufer die Spur der Flüchtigen traf und verfolgte, so ließ man sich von den Thieren leiten. Der allzu eifrige Menschenfänger sollte aber seine Voreiligkeit büßen. Als er Goliath aufgefunden und an ihn springen wollte, traf ihn ein Schlag mit dessen Keule, der ihn sofort niederstreckte. Die drei übrigen Hunde setzten nun auch über den Fluß, folgten aber den Spuren der Leibgarde des Negers, die mehr links lagerte; die Reiter waren durch den Fluß geritten, allein das Terrain, das Goliath mit strategischer Umsicht ausgesucht hatte, gestattete nicht länger zu reiten, sie mußten absteigen. Micks folgte den Spuren seines Hundes, den er vergeblich zurückrief, sein Begleiter wandte sich links. Daß man auf Neger mit Feuerwaffen stoßen würde, davon hatte keiner von beiden eine Ahnung. Als nun von der linken Seite her acht Schüsse auf einmal fielen, womit sich die Negergarde der Hunde erwehrte, war es für Micks zur Umkehr zu spät, er selbst erhielt in diesem Augenblicke aus einer seiner eigenen Büchsen eine Kugel in das Knie, sodaß er zusammenbrach; wenige Augenblicke später stand Goliath vor ihm und schwang die Keule. Micks war so erschrocken vor dem teufelsmäßigen Grinsen des Schwarzen, daß er nicht daran dachte, den Revolver, der zur Erde gefallen war, aufzuheben und gegen den Feind zu gebrauchen. Wie der Vogel vom Blicke der Solange, war er gebannt, gelähmt vor den rollenden Augen und den fletschenden Zähnen des Niggers.

Die Keule fiel, ein verworfenes Menschenleben war dahin.

Der Schwarze nahm die Waffen seines Feindes und überließ die Kleider und das Geld, was er bei sich trug, seinen Begleitern. Auch der Freund Micks' fand seinen Tod, eine Negerkugel traf ihn ins Herz. Goliath bestieg den Schimmel, den der Erschlagene geritten, und wer ihn zu Pferde sitzen sah, auf dem Gesicht das Frohlocken über die Vernichtung der Feinde, der zweifelte nicht, daß er ein echter Mohrenfürst war.

Er sang:

Danke dir, Gott Zebaoth,
Danke, daß du den Feind in meine Hand gabst!
Die Rache ist süß – süßer als Honig und Manna!

und trieb die Begleitung in den Fluß, um in demselben hinaufzumarschiren.

Der Abzug des rechten Flügels geschah nicht so rasch, als Micks es gehofft hatte, die betheiligten Pflanzer waren am Mittage noch nicht zusammen, und dann, als man ziemlich zahlreich war, beschloß man erst ein Frühstück einzunehmen, das sich, gegen amerikanische Sitte, länger hinzögerte. Die elenden Niggerhunde, dachten sie, wären mit Pferden und mit den Bluthunden gar bald erreicht, und nach Advis Village, wo man Nachtquartier zu machen gedachte, konnte man leicht vor Abend kommen. Daß der Vortrab der Flüchtlinge indeß die Landstraße, die dahin führte, schon überschritten hatte, als die Ritter vom Goldenen Zirkel aufbrachen, und daß jene ihre Spuren dadurch verwischt hatten, daß sie einen großen Theil des nordwestlich von Natchitoches belegenen blanken Sees an seinen seichten Schilfufern durchwateten, das ahnte niemand.

Auf der Pflanzung des Vicomte wurde man durch die Nachricht aufgeschreckt, daß sich der verdächtige Fremde abermals, wenn auch nicht in den Negerdörfern selbst, doch im Urwalde, in Begleitung eines berittenen Niggerknaben, gezeigt habe.

Der Fremde war niemand anders als der Baumwollagent aus Neu-Orleans, der nach seiner Verlobten, Hermine, forschte. Er hatte eine heimliche Zusammenkunft mit Nella, die wieder völlig hergestellt war, zu bewerkstelligen gewußt, von ihr den Tod Doralicens und von den Vorbereitungen erfahren, die der Vicomte gegen einen Angriff und die Einäscherung seiner Negerdörfer treffe; dadurch wurde er bewogen, sein Vorhaben in letzterer Beziehung hinauszuschieben, bis man des Wachhaltens überdrüßig geworden und die Furcht verschwunden sei.

Nella hatte nicht unterlassen, ihn zugleich davon zu unterrichten, daß ihre Stiefschwester ein Liebesverhältniß mit einem Deutschen eingegangen habe und man von Heirath und Hochzeit als einer ausgemachten Sache spreche; sie hatte dabei nicht undeutlich zu verstehen gegeben, daß sie selbst bald heirathsfähig und ihm herzlich gut sei, daß sie ihn jedenfalls lieber habe als Hermine, auch hatte sie nicht verfehlt, ihm die Daumen der zerschnittenen Handschuhe mit dem Siegel der Loge zu den Cedern des Libanon zu geben. Der Agent hatte längst eingesehen, daß auf seine Verabredungen mit Micks, deren Grundlage ohnehin durch den Brand zerstört war, nicht viel zu geben sei. Ihm war es überall nicht sowol um ein Weib als um Geld zu thun, und es war fraglich, ob Micks zur Zeit Geld zur Aussteuer und Ausstattung der einen oder andern Tochter finden würde. Wie, wenn seine Ehepacten und Papiere, auf welche er seine und seiner Tochter Ansprüche auf die Pflanzung gründete, verbrannt wären gleich seinen Werthpapieren? – Der Agent war ein vorsichtiger Mann, und als solcher beschloß er, den Pflanzer aufzusuchen, um zu hören, wie es stehe. Es war ihm bekannt, daß dieser das Terrain in der Mitte absuchen wollte, und er versah sich selbst mit einem Fanghunde, um der Spur zu folgen. Er sollte nicht lange suchen, nach wenig Stunden fand der Hund die entkleidete Leiche des Pflanzers, um die sich Raubvögel stritten.

Die Leiche wurde nach Natchitoches gebracht und dort beerdigt. Ein Eilbote ritt mit der Nachricht von Micks' Tode dem rechten Flügel der Verfolger nach und veranlaßte diesen, von weiterm Nachsetzen abzustehen.

Auf der Pflanzung des Vicomte erfuhr man von diesen Ereignissen nichts; Oskar hatte Hermine über den Tod der Mutter zu trösten gewußt, man machte Plane für die Zukunft. Sobald ihr Stiefvater zurückkomme, wollte er mit ihm unterhandeln, es war ihm nur um Hermine, nicht um ihr Vermögen zu thun, und so hoffte er mit jenem fertig zu werden, zumal derselbe seine angeblichen Ansprüche an die Nachlassenschaft seiner Frau nicht mehr durch Urkunden nachweisen konnte.

Da wurde der Vicomte eines Tages durch das Erscheinen eines Gerichtsboten überrascht, der ihm die Vorladung zu einer im nächsten Monate stattfindenden Sitzung brachte, um sich auf eine Klage des George Lewine zu Neu-Orleans, Klägers, gegen den Vicomte du Plessis, wegen Herausgabe der älternlosen, mit dem Kläger öffentlich verlobten Jungfrau Hermine Amaria zu verantworten.

Du Plessis verstand wenig von amerikanischen Rechten, allein er wußte so viel, daß ein Verlobungsact, wie der bei dem Gastmahl seinem Nachbars vorgekommene, dem Kläger allerdings formelle Rechte verleihe. Ohne etwas von der Sache zu erwähnen, eilte er nachmittags mit Oskar nach Natchitoches, um sich mit seinem dortigen Notar und Rechtsbeistande zu besprechen. Dieser sah die Sache weit ernsthafter an und rieth, daß Hermine den Staat Louisiana, ja den ganzen Süden, so schnell wie möglich verlasse, denn wenn Lewine gegen Hermine selbst bei dem Ehegerichte eine Klage anstelle, so werde sie verurtheilt, sich mit ihm trauen zu lassen.

Ehe sie aber abreise, müsse sie vor Notar und Zeugen dem Vicomte ein Zeugniß ausstellen, daß dieser sie nicht mit Gewalt zurückgehalten, sondern daß sie selbst nach dem Brande der mütterlichen Pflanzung Zuflucht bei seiner Frau gesucht habe, die diese ihr freundnachbarlichst gewährt; daß sie sich jetzt ebenso freiwillig aus dieser Zufluchtsstätte entferne, um bei Verwandten im Osten eine Zuflucht zu suchen, und daß sie beschwöre, nie zu der Verlobung mit George Lewine ihre Zustimmung gegeben und diesen nie geküßt zu haben. Der Notar versprach, selbst auf die Pflanzung zu kommen, den Arzt und einen andern Zeugen mitzubringen und die Documente anzufertigen.

Oskar dürfe, da die Gesetze gegen Entführer sehr streng seien, sich bei der Sache überall nicht beteiligen; er müsse vielmehr, während Hermine nach Westen reise, um sein Alibi beweisen zu können, in Natchitoches sich aufhalten.

Da vor kurzem eine Telegraphenverbindung zwischen Natchitoches und Vidalia am Mississippi hergestellt war, am andern Ufer aber Natches lag, von wo eine Eisenbahn und Drahtverbindung nach Pittsburg und dem Osten bestand, so telegraphirte Oskar seinen Freunden nach Pittsburg, daß einer von ihnen nach Saint-Louis reisen möge, um dort seine Braut aus den Händen des Vicomte du Plessis und seiner Frau zu empfangen; denn der Vicomte hatte sich rasch entschlossen, Hermine vom Red-River nach dem Mississippi zu bringen und mit ihr bis zu einem sichern Ort hinaufzufahren. Sein Weibchen sollte auf dieser Fahrt einmal einen Theil seines neuen Vaterlandes sehen, die Sorge für die Pflanzung konnte er getrost seinem alten Aufseher überlassen, der schon bei dem Oheim dieses Amt bekleidet hatte.

Am Nachmittage wurden die Documente angefertigt, welche der Rechtsmann für nothwendig erachtete, und am andern Morgen reisten die beiden Frauen mit dem Vicomte nach Osten. Oskar ritt einsam und niedergeschlagen nach Natchitoches, um dort im Gasthofe das alte Zimmer wieder zu beziehen, das er bewohnte, ehe er Hermine aufgefunden hatte. Wiederum saß er mit dem Hund Caro auf der Veranda und sah auf das Treiben zu seinen Füßen, auf den Red-River und von Zeit zu Zeit auf eine vor ihm ausgebreitete Landkarte.

Die Saat des Neides und Verraths, die Nella ausgestreut hatte, indem sie Lewine die Daumen von den zerschnittenen Handschuhen mit dem Siegel der Loge zu den Cedern des Libanon gab, war aufgegangen. In einer Meisterconferenz der Ritter zum Goldenen Zirkel, in der man die Documente, welche beweisen sollten, daß Oskar ein Mitglied der gehaßten Loge und ein Abolitionist sei, wie man schon aus seinem Vertrautsein mit dem Vicomte schließen konnte, für genügend erkannte, wurde der Tod des Verräthers beschlossen, der es gewagt habe, sich in ihre Loge einzuschleichen, und der nur aus verräterischen, sklaverei-feindseligen Absichten sich im Süden aufhalte. Das Los entschied über den Thäter, es traf einen Plantagenbesitzer oberhalb Natchitoches, der sich noch desselben Tages in dem Gasthause, wo unser Freund wohnte, als nächster Nachbar desselben einquartierte.

Wir haben schon früher erzählt, daß rings um das Haus eine hölzerne Veranda lief. Diese war aber nur von Zimmer zu Zimmer zugänglich, und die Zwischenräume durch entsprechende Holzwände in der durchbrochenen Form des Ganzen getrennt. Oskar war da am warmen Märzabend, wärmer als bei uns ein Juniabend, bis spät in die Nacht sitzen geblieben, hatte in die Sterne geblickt, an Vergangenheit, Heimat, Zukunft, vor allem an die Geliebte gedacht. Sein Hund saß neben ihm und schaute auch gen Himmel. Ob er die Sterne überhaupt wahrnahm? ob er auch dachte, ob er etwa von einer Jugendgeliebten in Deutschland träumte?

Man schlief in Natchitoches nicht auf Matratzen und in Federbetten, wie bei uns, sondern in luftigen Hängematten, eingehüllt in Mosquitonetze. Die Frontseite von Oskar's Zimmer, nach der Veranda hinaus, war von zwei Glasfenstern gebildet, mit Markisen davor, und einer großen hölzernen jalousieartigen Thür, die nach innen wiederum durch ein sehr dichtes Mosquitonetz als Portière geschützt war.

Oskar konnte an diesem Abend lange den Schlaf nicht finden, und als er endlich einschlief, träumte er von allen Dingen, die er erlebt, von seiner Gefangenschaft auf der Festung Hildesheim, von der Nacht, wo Kraftmeier ihn zur Flucht aus einem tiefern Schlaf aufgerüttelt hatte, als der war, den er heute schlief. Er hörte den Hund, der auf der entgegengesetzten Seite seiner Schlafstelle, unter einem Sofa, seine Nachtruhe gesucht, einmal anklagen, aber leise, gleichsam im Traume. Aber instinctartig griff er im Halbwachen nach der Wand, wo sein Revolver hing.

Nicht im Traume war Hund Caro, er hatte durch irgendeinen Sinn, der dem Menschen fehlt, oder einen stärkern, als der Mensch ihn zu haben pflegt, die Wahrnehmung gemacht, daß sich ein Mann draußen von links nach rechts auf den Theil der Veranda schwang, der zu den Zimmern seines Herrn gehörte, und sich vorsichtig der nicht verschlossenen Eingangsthür näherte. Caro war nicht müßig, er schlich aus seinem Lagerplatze unter dem Sofa hervor und stellte sich hinter das erste Fenster, zum Sprunge bereit.

Die Thür wurde vorsichtig geöffnet, ein Mann, den Dolch in der Hand, zerschnitt die Mosquitoportière und wollte in das Zimmer treten. In demselben Augenblick sprang Caro nach heftigem Anschlage an dem Eindringlinge empor und hatte ihn an der Kehle, während dieser seinen Dolch in den Rücken des Hunden bohrte. Oskar, durch das Gebell des Wächters aus seinen Träumereien völlig wach geworden, machte sich von seinem Mosquitonetze frei und zerschmetterte dem Eindringenden durch einen Revolverschuß den Schädel.

Obwol nun aus der ganzen Situation hervorging, daß unser Freund sich im Zustande der Nothwehr befunden habe – ein fremder Mann hatte versucht, mit dem Dolche in der Hand in sein Schlafzimmer zu dringen und hatte seinen Hund mit dem Dolche verwundet – so wurde derselbe doch am andern Morgen verhaftet. Der Einfluß der Freunde des Erschossenen war zu stark, und diese hatten dafür gesorgt, den Ausländer als Spion, Abolitionist, Verräther au der Loge darzustellen und so verhaßt zu machen, daß, wenn sofort ein Geschworenengericht zusammen gewesen wäre, es denselben unzweifelbar verurtheilt haben würde. Hund Caro, dessen Wunde Dr. Bill zugenäht und verbunden hatte, folgte seinem Herrn in das Gefängniß, der Arzt telegraphirte das Geschehene nach Pittsburg und bat um einen erfahrenen Advocaten.

Ein solcher traf zugleich mit dem von Saint-Louis zurückkehrenden Vicomte ein, und nachdem er in alle Verhältnisse eingeweiht war, hielt er den neuorleanser Agenten für den rechten Mann, mit dem zu handeln sei. Da er zugleich mit einer Vollmacht Herminens versehen war, die in der allernächsten Zeit ihr einundzwanzigstes Lebensjahr und damit ihre Volljährigkeit erlangte, so kam er mit ihm dahin überein: George Lewine gab seine Ansprüche an Hermine auf und heirathete Nella. Die verbrannte Pflanzung wurde für einen sehr hohen Preis an den Vicomte verkauft, davon erhielt Nella zwei, Hermine ein Drittel des Kaufpreises. Lewine übernahm dagegen, die Ritter zum Goldenen Zirkel in Natchitoches freundlich für unsern Hannoveraner zu stimmen, namentlich ihn von dem Verdachte, Spion und Verräther zu sein, zu reinigen.

Die Geschworenen sprachen das Nichtschuldig und Oskar weilte keinen Tag länger im Süden, er eilte in die sich voll Sehnsucht nach ihm in Pittsburg ausstreckenden Arme Herminens.

Das Feuer, das wir seit längerer Zeit unter der Asche glühen sahen, war von einem Windstoß, der Wahl Lincoln's zum Präsidenten, entflammt, der Süden wollte ausführen, womit er so lange gedroht hatte, er sagte sich von der Union los, er zerriß das Sternenbanner und pflanzte die Fahne des Aufruhrs auf. Wir können dem Bruderkampfe im Besondern nicht folgen; der Süden wurde besiegt und wir sehen heute einen Enkel Heloisens von Wildhausen und Urenkel Oskar Baumgarten's, des Forsteleven, auf dem Präsidentenstuhle des Weißen Hauses.

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