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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Was war da zu thun? Georg's Lorenzdosen von Horn hatten eine gewisse Berühmtheit erlangt, er hatte Bestellungen aus Bremen wie aus Hannover erhalten, der Verkauf derselben bildete seine beste Nahrungsquelle. Er hatte noch jüngst eine größere Quantität amerikanisches Horn in Bremen gekauft. Allein er war ein abgesagter Feind von Processen, und daher eher geneigt nachzugeben, als einen Proceß zu führen. Ganz anders zeigte sich die Gesinnung seiner Frau. Sie hatte keinen Begriff von Zunftzopf, sie ging von dem Gedanken des natürlichen Rechts aus, daß jeder Mensch befugt sei, diejenigen Arbeiten, zu welchen er befähigt sei, auch anzufertigen, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ihr Vater in Mainz hatte ja auch Drechslerarbeiten, sowol in Holz als in Horn, gemacht. »Ein Drechsler ist Drechsler«, sagte sie, »und es kann einerlei sein, ob du in Horn drechselst oder in Holz, wenn deine Arbeit nur gut ist. Was, du willst den elenden Drohungen nachgeben? Du willst der alten Katze mit den grünen Augen, die das alles eingeleitet hat, um uns zu schaden, den Gefallen thun, klein beizugeben? Nein, man muß sich vertheidigen, man muß einen Vertheidiger annehmen. Ich habe noch viele blanke Gulden in meiner Chatoulle liegen, solange noch ein Gulden da ist, leide ich nicht, daß du dein Recht aufgibst.«

Der gutmüthige Ehemann gab der Frau nach. Marie selbst ging zum Amtsadvocaten. Dieser versprach, sich durch Einsicht des Gildebriefes der Horndrechsler auf dem Rathhause erst zu instruiren. Er brachte guten Trost von dort mit. In dem Gildebriefe stehe nichts, daß die Horndrechsler allein und ausschließlich befugt seien, in Horn zu drechseln, sondern nur, daß sie in ihren althergebrachten Rechten und Gerechtsamen geschützt werden sollten. Sie müßten also beweisen, und der Beweis werde schwer werden, da er selbst sich erinnere, von Georg's Vater manche Pfeife von Horn gekauft zu haben. Auch Georg erinnerte sich wohl, daß, solange er überhaupt Erinnerung habe, sein Vater in Horn beständig gedrechselt und damit gehandelt.

Es wurde also eine Einrede der Erschleichung verhandelt, und der Proceß hatte seinen Anfang genommen. Wann das Ende sein würde, wußte damals niemand, oft erlebten es beide streitende Theile nicht.

Als sich das Gerücht von diesem Proceß verbreitete, fingen auch die Schneider an, ihre Köpfe zusammenzustecken. Lenchen brauchte nicht viel zu hetzen, unter den Schneiderfrauen gab es manche, denen die »Fremde« ein Dorn im Auge war. Acht Tage später erhielt auch Marie ein Mandat, sich des Einpfuschens in das löbliche Schneideramt zu enthalten und weder im eigenen noch in fremden Häusern weibliche Kleidungsstücke gegen Lohn anzufertigen, bei fünfundzwanzig Gulden Kassengeldstrafe.

Dagegen wurde auf Ermunterung und Beifall aller Damen aus dem Honoratiorenstande erst recht processirt, denn alle diese Damen erboten sich, Zeugniß abzulegen, daß kein einziger Schneider in Heustedt ein Damenkleid anzufertigen verstehe.

Beide Processe machten dem jungen Ehepaare in ihrem Anfange keinerlei Kümmerniß.

Aber von anderer Seite kam ganz plötzlich ein Ereigniß, welches das Lebensglück zu stören drohte. Marie sollte zum zweiten mal Mutter werden.

Sie pflegte, wie schon erwähnt, zweimal nach Twistringen zu Beichte und Abendmahl zu reisen. Es war Spätsommer und sie machte die Tour auf einem Korbwagen, vor den ein Pferd gespannt war, das Moses Hirsch freundnachbarlich umsonst dargeliehen hatte. Ihr Mann gab ihr bis zum nächsten Orte das Geleit, da sie schon vor Sonnenaufgang ausfuhr, um am Abend zurück zu sein. Der Pfarrer dort war ein alter würdiger Herr mit gepuderten Ohrlocken und Zopf, schwarzen seidenen Hosen und Schnallenschuhen. Sie hatte ihm nie verhehlt, daß ihr Erstgeborener in der Religion des Vaters getauft sei und erzogen werde, schon weil es die Nothwendigkeit mit sich bringe. Der Dechant hatte in seinem Kirchspiele selbst dreißig bis vierzig protestantische Familien, und seit den funfzig Jahren, die er sein Pfarramt versah, war nie eine Streitigkeit zwischen Katholiken und Protestanten vorgefallen. Man lebte auf das friedlichste, die Kinder der Protestanten besuchten die katholische Schule, und erhielten später Religionsunterricht bei einem protestantischen Pfarrer. Die Protestanten wurden auf dem katholischen Kirchhofe beerdigt und die Kirchenglocken gaben dazu das Geläute. Die Protestanten besuchten oft die Predigten des frommen Greises, weil sie sich wirklich erbaut fühlten und die nächsten protestantischen Kirchen zu entfernt waren. Die Milde und Duldsamkeit des ehrwürdigen Geistlichen selbst hatte nicht verfehlt, auf seine Beichtkinder überzugehen.

Die Mainzerin wußte nicht, daß der gute alte Mann gestorben war. Sein Nachfolger war ein Eiferer für die alleinseligmachende Kirche, ein plumper westfälischer Bauersohn mit rohen Manieren und rohem Herzen. Nach wenig Wochen seines Dortseins war der Friede gestört.

Ketzerpredigten, Verfluchungen Luther's, Beschimpfungen seiner Anhänger mit allen möglichen Namen trieben zunächst die Protestanten aus der Kirche, die Kinder der Protestanten wurden sodann aus den katholischen Volksschulen getrieben, ad majorem dei gloriam natürlich.

Marie sah, als sie in den Beichtstuhl trat, ein dickköpfiges Gesicht mit breiten, rothen, fleischigen Backen und fettem Unterkiefer ihr entgegenstarren. Sie wurde verwirrt, sie begann zu stammeln und unzusammenhängend das, was sie für Sünde hielt, zu bezeichnen oder anzudeuten. Als sie nun auch des von dem frühern Beichtvater als durch eine Art Naturnothwendigkeit bedingten und entschuldigten Umstandes erwähnte, daß ihr Heinrich in der gesammten protestantischen Umgebung protestantisch getauft und erzogen sei, drang der Beichtvater mit Fragen in sie, bis er die Familien- und häuslichen Zustände auf das kleinste ihr abgefragt hatte. Dann fuhr er, sich immer mehr ereifernd, sie mit strenger Stimme an:

»Nun und nimmer kann ich Euch Beichte sitzen! nun und nimmer Absolution ertheilen, noch die Hostie reichen zum Siegel der göttlichen Verzeihung. Solange Ihr nicht Euere Kinder auf die Alleinseligmachende taufen und für dieselbe bestimmen laßt, solange Ihr nicht wegen des bereits an der Kirche begangenen Verraths Buße thut, solange Ihr nicht gelobt, Euern Ehegatten durch Belehrung, Ermahnung, Ueberredung, durch Euer ganzes Verhalten, namentlich im Ehebette selbst, für die alleinseligmachende Kirche zu gewinnen, so lange wird jeder Versuch eitel sein, zur Beichte angenommen zu werden, Absolution und Nachtmahl zu empfangen! Vielmehr hat die heilige Mutter das Recht und die schmerzliche Pflicht, Euch zu excommuniciren und aller der zeitlichen Strafe und ewigen Verdammniß preiszugeben, welcher Euer Ehemann und alle übrigen Ketzer verfallen sind.«

Als die geringste jener Strafen bezeichnete nun der Pfaffe die Verdammniß ihres Heinrich, die ewige Trennung von ihren theuern heißgeliebten Aeltern und Verwandten, von den Freundinnen und Gespielinnen ihrer Kindheit und von allen seligen Geistern, traf damit die verwundbarste Seite ihres zumal in jener Zeit empfindlichen Herzens und veranlaßte ein lautes krampfhaftes Schluchzen des armen jungen Weibes.

Von einer Fortsetzung der Beichte stand der Priester mit dem vollen Bewußtsein ab, daß nur eine solche Mahnung, wie er es in einer kurzen Recapitulation nannte, nun ohne Kirche, ohne Aeltern, ohne göttliche Verzeihung auf Erden zu sein und zugleich mit dem lebenden und dem ungeborenen Kinde der ewigen Verdammniß entgegenzugehen, auf ein seit Jahren durch das Leben mit und unter Ketzern verdorbenes Gemüth Wirkung haben könne.

So kehrte denn Marie heim, ohne Absolution empfangen zu haben. Ein schwerer Heimweg war das. Der Kopf war ihr so müde und wollte ihr auf die Brust sinken, und doch konnte sie ihn in dem Schaukelstuhle des Korbwagens nicht einmal anlehnen. Die Brust war ihr so voll, so schwer. Es schien ihr, als wenn das Kind, das sie unter dem Herzen trug, die Frage an sie stellte: Also durch deine Schuld, o Mutter, soll ich zur ewigen Verdammniß bestimmt sein?

Ihr Herz war durch die Worte des Priesters weniger erweicht als erstarrt. Sie hatte weder im Beichtstuhle Thränen vergießen können, noch wollten diese jetzt kommen, als sie über die öde Heide fuhr. Sie erreichte bald die Amtsgrenze, da stand, noch im Twistringenschen, inmitten eines Fuhrenkamps ein Muttergottesbild. Sie ließ den Wagen halten, stieg aus und kniete nieder vor der Schmerzens- und Gnadenreichen.

Hier kamen ihr die Thränen, zum ersten mal in ihrem Leben sagte sie kein auswendig gelerntes Gebet, keine Worte ohne Gedanken. Sie betete um das Seelenheil ihres Heinrich, um die Erlösung von ewiger Verdammniß des Kindes, das sie unter dem Herzen trug. Und Madonna schien ihr gnädig zuzulächeln.

Als Marie sich wieder erhoben hatte und im Wagen saß, fühlte sie sich erleichtert. Sie kam durch ein großes Kirchdorf, von Protestanten bewohnt, die Bevölkerung feierte das Erntefest und war auf dem Gemeindeanger, wo man Buden und Zelte aufgeschlagen hatte, im fröhlichen Tanze beisammen.

Glaubte einer dieser Menschen an seine ewige Verdammniß? Gewiß nicht; und hatte der Priester recht, daß alle Anhänger Luther's am Jüngsten Tage hinabgestoßen werden sollten in die Hölle, wo es nur Heulen gibt und Zähnklappen?

Die Mainzerin hatte über religiöse Dinge nie viel nachgedacht, sie hatte angenommen, geglaubt, was ihr gelehrt wurde, hatte die religiösen Ceremonien mitgemacht und nachgemacht. Man war in Mainz nicht eben fromm in jener Zeit; der Kurfürst war ein Lebemann, und alle Mainzer sind von jeher keine Kopfhänger gewesen. Man besuchte die Messe, betete den Rosenkranz, flehte die Mutter Gottes um mancherlei weltliche Dinge an, das Innerliche, das Geistige, fehlte aber. Die junge Frau hatte wenig Gelegenheit gehabt zu reflectiren, sie hatte wenig nachgedacht über den Himmel, noch weniger über Fegfeuer und ewige Verdammniß, die Gegenwart selbst hatte sie immer hinreichend beschäftigt, und ihre Gedanken waren immer nur auf das Nächste gerichtet gewesen. Jetzt war ihre Phantasie durch schreckliche Bilder angeregt und von ihnen erfüllt, die wilden bösen Augen, mit denen der Priester auf sie eingesprochen, wollten lange nicht von ihrer Seele weichen.

Jetzt waren sie fort, die bösen Augen des Priesters, jetzt waren sie fort, die Höllenbilder! Sie konnte frei athmen und, was mehr, sie konnte wieder denken. Und Marie dachte.

War eine ewige Verdammniß überhaupt möglich? Konnte Gott, wenn er der allmächtige und allgerechte war, die Sünde einer Mutter an ihrem Kinde strafen? Sie war durch große Länderstrecken, von Frankfurt an gereist, in denen lauter Protestanten wohnten, und diese alle sollten ewig verdammt sein, weil sie Gott auf andere Weise anbeteten, denselben Gott, denselben Christus anbeteten?

Ihr einsamer, natürlicher Sinn beantwortete diese Fragen mit Nein, sagte ihr, daß der Priester gelogen haben müsse. Aber nun stellte sich wieder der angeborene und anerzogene Glaube an das Priesterthum dazwischen. Mußte der Mann Gottes nicht die Wahrheit sagen; warum hätte er sie schrecken sollen, wenn er nicht selbst überzeugt war von dem, was er sagte? Zu dem Gedanken erhob sie sich nicht, daß der Priester auch irren könne, daß er sich in Unduldsamkeit und Fanatismus hineingearbeitet, daß er sich selbst noch nicht aufgeschwungen zu der Erkenntniß der Eigenschaft Gottes, die Rache und Uebelzufügung als einen Widerspruch mit dem Wesen Gottes erscheinen läßt.

Essen und Trinken hatte sie vergessen, immer nur nach Hause getrieben, körperlich und geistig zerschlagen kam sie in Heustedt an.

Als der Drechsler seine Frau aus dem Wagen gehoben, rief er erschreckt: »Aber mein Gott, Schatz, wie siehst du aus?!« »Nichts, Lieber«, antwortete sie, sich zusammennehmend. »Der starke Wind hat mir auf dem ganzen Wege den Staub in die Augen geweht, das Rütteln und Schütteln hat mich angegriffen.« In der Stube angekommen, sank sie halb ohnmächtig auf einem Stuhle zusammen, dann aber plötzlich raffte sie sich auf, stürzte über die Wiege her, riß das schlafende Kind aus ihr empor, bedeckte es mit hundert stürmischen Küssen und rief wie außer sich: »Dich, dich meinen Einzigen, meinen lieben Engel, wollen sie in die ewige Verdammniß und Hölle schicken?« Dann sank sie besinnungslos zusammen.

Georg schickte zu dem Arzte. Ehe er kam, hatte sich Marie erholt; ein Glas Wasser hatte sie erquickt. Der Arzt verordnete Wein, etwas Essen und Ruhe. In der Nacht beichtete denn das arme gepeinigte Weib ihrem Manne die Vorgänge in Twistringen.

Der sonst so ruhige Mann verfiel in seinen Wuthzustand: »Da soll doch ein tausend Schock Schwerenoth den verfluchten Pfaffen holen! Verflucht, wenn du je wieder einen Schritt nach Twistringen thust, ich aber will hingehen und den Pfaffen todtschlagen.«

Die junge Frau hatte Mühe, den Zorn des Eheherrn zu besänftigen und ihm vorzustellen, daß die Nachbarn sein Toben ja hören könnten und denken, man zanke sich.

Das schlug durch, und als jener wieder beruhigt war, liebkoste und schmeichelte er seine Marie und bat sie wegen seines Zorns um Verzeihung. Er suchte ihr dann mit denselben Gründen das Unvernünftige, Widersinnige, ja Gottlose der priesterlichen Lehre darzustellen, als sie selbst es gethan. Bis tief in die Nacht führten die Eheleute religiöse Gespräche, beruhigt schliefen sie ein.

Marie gebar ihren zweiten Knaben. Er wurde Friedrich getauft, und sie selbst war bei der Taufe gegenwärtig. Der Pfarrer, von dem Vorfalle in Twistringen unterrichtet, sprach bezügliche Worte, bestimmt, ihr Gemüth zu beruhigen. Sie aber war ein starkes Weib, sie hatte sich durch wochenlanges Nachdenken freigemacht von dem Glauben an die Wahrhaftigkeit des Priesters, von dem Glauben, daß ihren Kindern als Protestanten ewige Verdammniß drohe, und damit von vielem Aberglauben ihrer Kindheit.

Als im Winter ein Brief des Pfarrers aus Twistringen kam, der außer Fegfeuer und Hölle noch mit Excommunication drohte, gab sie ihn lächelnd dem Manne und bat, ihn zurückzusenden, wobei er dem Pfarrer, wie sie sich ausdrückte, seine Meinung sagen könne.

Die Zeit verging, weiterer Ehesegen blieb nicht aus. Die Mainzerin gebar in den nächsten Jahren noch zwei Mädchen, Klara und Marianne getauft, und einen Knaben – Otto.

Allein der Kindersegen hatte neben der Freude, die er verursachte, schwere Sorgen und Einschränkungen im Gefolge. Selbstverständlich hatte bei mehrern Kindern das Kleidermachen in und außer dem Hause schon gänzlich aufgehört, auch das Putzgeschäft war eingeschlafen, nachdem die Cousine in Mainz verstorben und dadurch die Verbindung mit Paris unterbrochen war.

Als dieser Nebenverdienst nach und nach aufgehört hatte, merkte Georg eigentlich erst, daß er nicht Neben-, sondern Hauptverdienst gewesen sei.

Sein Drechslergeschäft war nicht vorwärts, sondern zurückgekommen. Die Mode der Freundschaftsdosen war eingeschlafen. Mit vielen Haushalts- und Nippsachen, die er verfertigte, waren die meisten Haushaltungen versehen, der vielgeplagte Bauer kaufte nur das Nothwendige, Spinnrad und Haspel, einige hölzerne Schinkenteller, wenn er den Brautwagen der Tochter ausrüstete. Große Knöpfe in Perlmutter und Horn, wie sie Georg der damaligen Mode gemäß anfertigte, kamen jetzt aus englischen Fabriken um das Dreifache wohlfeiler. Der Drechsler hatte schon angefangen, einen Theil seiner Zeit in einer Essigfabrik als Böttcher zu arbeiten, wo er etwas besser als ein Taglöhner gelohnt wurde. Die beiden ältesten Knaben besuchten schon die Schule, kosteten Schulgeld und Bücher. Die Mutter konnte trotz allen Waschens und Flickens die Kleider nicht immer in dem guten Stande erhalten, den sie nun einmal für nothwendig hielt. Der Proceß, der anfangs wenig gekostet, fraß jetzt, da die Chatoulle der Putzmacherin schon längst leer war, große Summen hinweg.

Das Stadtgericht hatte, gegen sonstige Gewohnheit, in dem Processe gegen den Horndrechsler rasch gearbeitet. Schon nach Verlauf eines halben Jahres war eine Entscheidung erfolgt, welche den Klägern den Beweis auferlegte, daß ihnen seit undenklicher Zeit die Befugniß zustehe, ausschließlich der Holzdrechsler, Horndrechslerwaaren anzufertigen und zu verkaufen. Da keine von beiden Parteien gegen dieses Beweisurtheil Rechtsmittel eingewendet hatte, wurde zur Beweisaufnahme geschritten. Es wurden von beiden Seiten eine Menge Zeugen und Gegenzeugen vernommen. Endlich kam ein Erkenntniß, welches den klägerischen Beweis für nothdürftig geführt erkannte und den Klägern einen Erfüllungseid auferlegte.

Hiergegen appellirte der Holzdrechsler, und er erhielt von der Justizkanzlei ein reformatorisches Erkenntniß, der Beweis sei gänzlich verfehlt, die Kläger wurden zurückgewiesen. Nun brachten Kläger die Sache an den höchsten Gerichtshof, verbanden mit der Appellation zugleich das beneficium novorum, indem sie eine alte Urkunde von dem lüneburgischen Herzog Georg Ludwig vorlegten, die zu Gunsten der Horndrechsler allenfalls interpretirt werden konnte. Nach zwei Jahren stellte das Oberappellationsgericht in Celle das erste Stadtgerichtserkenntniß wieder her, verurtheilte auch, wenn Kläger den Erfüllungseid leisteten, den Beklagten in die Kosten, mit Ausnahme derjenigen der Appellationsinstanz, welche compensirt wurden.

Der Eid wurde abgeleistet.

Das war ein harter Schlag für die Schulz'sche Familie. Die Proceßkosten, die der Besagte seinen Gegnern für zwei Instanzen bezahlen mußte, beliefen sich auf mehrere hundert Thaler. In seiner Kasse waren kaum so viel Groschen. Es war ein schlechter Trost, daß der Advocat meinte, bis die Liquidation der Kosten erfolgt und diese festgestellt sei, möchte wol immer noch ein halbes Jahr hingehen, und dann könne er die Sache leicht noch ein halbes Jahr, und wenn man die Kosten einer Instanz anwenden wolle, noch länger hinausziehen. Vielleicht, hatte er gesagt, sei der Proceß mit den Schneidern dann gewonnen. Das war in der That die letzte Hoffnung der armen Familie; sie erhielt dann einen Theil der seit Jahren aufgewandten Proceßkosten erstattet.

Dieser Schneiderproceß lag zur Entscheidung in einer Supplicationsinstanz bei irgendeiner unbekannten Juristenfacultät. Die Justizkanzlei zu Hannover, in der moderne Ansichten vertreten waren, hatte auch hier in der Appellationsinstanz zu Gunsten der Beklagten entschieden, dem Schneideramte den Beweis auferlegt, daß die Schneideramtsmeister in Heustedt das ausschließliche Recht hätten, Damenkleidungen anzufertigen, der Beklagten den Einredenbeweis, daß keiner der heustedter Schneider fähig sei, ein Damenkleid ordentlich anzufertigen. Der Rechtsbeistand Schulz' zweifelte nicht, daß der erste Beweis nicht werde geführt werden, und daß es der Beklagten ein Leichtes sein werde, den zweiten Beweis zu führen. Die Schneider verzweifelten selbst daran, den Proceß zu gewinnen, der einen des Processirens werthen Gegenstand nicht mehr hatte, da Marie die Schneiderei aufgegeben; es handelte sich nur um die Kosten.

Georg meinte indeß, auf den Gewinn eines Processes zu hoffen, das sei dasselbe, als seine Hoffnung auf den Gewinn einer Quaterne zu setzen; er dachte Tag und Nacht darüber nach, auf welche Weise es ihm möglich sein würde, den Betrag der Proceßkosten geliehen zu bekommen. Jemand um die kleinste Gefälligkeit anzusprechen, war ihm von Jugend an schwer geworden, es beleidigte das seinen Stolz. Nun dachte er sich es als eine Möglichkeit, daß der reiche Essigbrauer ihm die Gelder vorschießen könne. Er wollte ja gern arbeiten. Er wollte dem Essigbrauer den ganzen Tag opfern, woran diesem viel lag, und seine Drechslerarbeit in der Mittagsstunde und am frühen Morgen und Abend beschaffen; wenn dann der Herleiher ihm die Hälfte seines Lohnes abzog, und davon Zinsen und Kapital abgetragen würde, so war es möglich, nach und nach aus der Zinsenlast zu kommen. Aber der Stolze konnte seine Bitte nicht selbst anbringen, seine Frau mußte gehen.

Der Essigbrauer Otto war ein ganz guter Mann, der seinem Nächsten gern half, und der, wenn Georg ihm selbst die Bitte vorgetragen hätte, unbedingt Ja gesagt haben würde. Allein sein Weib gehörte zu der Clique der Jungfer Lenchen, sie haßte die Mainzerin. Nun wollte es das Unglück, daß dieses Weib die Ankunft der immer noch schönen Mainzerin sah. »Was will die Aff' im Hause«, rief sie, und schlich sich in die Nebenstube ihres Mannes, von wo sie genau hörte, wie jene ihre Bitte vortrug. Ehe ihr Mann aber antworten konnte, stürzte sie einer Furie gleich aus dem Nebenzimmer und schrie: »Daraus wird nichts, wir haben unser Geld zu sauer verdienen müssen, um es dem Bettelvolke, das schlechte Processe führt, in den Hals zu werfen; daß du dich nicht unterstehst, Wilm!« – und der arme geknechtete Mann mußte Nein sagen, mit schwerem Herzen. Als Marie nach Hause kam mit diesem Nein, sanken dem Manne die Hände am Leibe herunter, er war nicht mehr im Stande zu arbeiten. Er setzte sich in die Stube seiner Frau, die noch immer so reinlich als sonst aussah. Hinter dem Ofen spielten die beiden jüngsten Mädchen, der jüngstgeborene Knabe lag noch in der Wiege.

»Wozu sind wir eigentlich in der Welt, Frau, als um uns zu placken und zu schinden, des trockenen Brotes wegen, das wir genießen, um jene da, die ihr Leben lang nichts gethan, als den Vergnügungen gelebt, die Gräfin und das ganze unnütze Geschmeiß dort drüben von dem zu unterhalten, was wir im Schweiße des Angesichts verdienen? Eine erbärmliche Welt das –, wären nicht die Kinder, ich spränge noch heute in die Weser.«

»Aber Georg«, sagte die Frau sanft, »haben wir nicht auch unsere guten Tage erlebt? Müssen wir Gott nicht dafür danken, daß alle unsere Kinder gesund und kräftig sind? Ich zweifle nicht, daß es noch gute Menschen gibt, die uns in dieser Trübsal helfen werden, bis wir uns selbst helfen können. Du weißt, wie freundschaftlich und gut die Baronin Bardenfleth in frühern Tagen gegen mich war. Sollte sie meine Bitte abschlagen, wenn ich sie um Hülfe in dieser Noth anflehte?«

»Lieber in die Weser«, fuhr der zornige Mann auf, dem der alte Eifersuchtsteufel in den Kopf stieg, »lieber mag mir Haus und Garten verkauft werden, als daß ich duldete, daß dem adelichen Volke da drüben ein gutes Wort gegeben würde.«

Da pochte es an, und auf das Herein trat der Nachbar, der Schutzjude Moses Hirsch, in die Stube.

»Verzeihens, wenn ich stehre, komm als guter Freind, aufzubieten Hilfe dem fleißigen Nachber und der lieben Nachberin. Hab gehehrt, daß Frauchen sein gewäst vergeblich bei dem Herrn Ott. Hartes Herz, kein Fünkchen Gemith, bei's Licht auf das Grab meiner Mutter. Meins gut, meins ehrlich. Werdet brauchen 400 bis 450 Thaler zu szahlen vor des Proceßkoschten. Die Lehne trägts von Haus szu Haus, hat die Rechnung von Laxpetern und die Briefe von Celle immer bei sich. Will lassen verkaufen allesch was err isch, Haus und Hoff. Geld rar, schwehre Szeiten. Korn 2 Thaler 5 Groschen heite.

»Kennen uns geben szweiter Hippethek, is nicks mit szweiter Hippethek bei's Licht, gäbe nicht 1 Gulden auf der szweiten Hippethek. Thu's aus Freindschaft, bei Gott aus Freindschaft und Mitleiden. Mache ein Opplogatschonchen, versetze Haus und Garten, fihr 600 Thaler, szahle baar auf's Tisch 450 Thaler Gold, behalten Sie über die Lahsche, wenn Sie beszahlt haben die Kosten, geben mir nur fünf Procentchen!«

Das war denn freilich eine theure Hülfe, aber es war kein Almosen, es kostete kein gutes Wort.

Nach langem Berathen ging man auf den Vorschlag ein. Vom Vater her standen 1660 Thaler Gold zur ersten Hypothek, die 600 Thaler für Moses erschöpften den Werth der Grundstücke gänzlich. Aber wer griffe nicht in der Noth selbst nach dem Strohhalme als Rettung? Charaktere wie Georg, die es mit der Selbstachtung für unvereinbar halten, andern zur Last zu fallen, sind die geeignetsten Leute zur Ausbeutung für Geschäftsmänner wie Moses Hirsch.

Die Magd war schon vor einem Jahre abgeschafft, Marie that alle Arbeit selbst, man hatte der Kinder wegen eine zweite Kuh anschaffen müssen, nur das Holen der Milch von der entfernten Weidestätte, wo die Kühe während des Sommers und Herbstes Tag und Nacht bliebe, war einer gemieteten Hülfe übertragen. Marie hatte gelernt, ihre Kartoffeln, Bohnen und Erbsen, Rüben und Kohl auszupflanzen und einzuernten, wobei ihr die Knaben schon zur Hand gingen, nur der Ankauf des Roggens zum Brote machte oft Verlegenheit, da das Geld fehlte.

Die Obligation wurde gemacht, die Kosten wurden bezahlt, das Wenige, was von den 450 Thalern übrigblieb, reichte nicht hin, den Kindern die nöthigen Kleidungsstücke anzuschaffen und die Forderung des Amtsadvocaten zu decken, obgleich dieser einen Theil seiner Forderung erließ.

So hatte man einen Herbst, Winter und Frühling in der äußersten Beschränkung gelebt, als plötzlich die Nachricht kam, die Universität Rostock habe ein höchst ungünstiges Erkenntniß erlassen. Bald kam auch die Bestätigung. Es war entschieden: Das Schneideramt als solches berechtige zu jeder Schneiderarbeit, ob Herren- oder Frauenkleider, es brauche daher Kläger einen Beweis nicht mehr zu führen, und auf den Einredenbeweis komme es gar nicht mehr an, denn es müsse präsumirt werden, daß jeder Schneider, der sein Meisterstück gemacht habe, auch sein Handwerk verstehe. Demgemäß mußte die Justizkanzlei ihr früheres Urtheil aufheben und Marie Schulz verurtheilen, sich der Anfertigung von Frauenkleidern in wie auch außerhalb ihres Hauses zu enthalten, auch sämmtliche Kosten mit Ausnahme der Versendungskosten zu erstatten.

Der Amtsadvocat belehrte die Schulz'schen Eheleute zwar, daß gegen dieses Erkenntniß noch ein Rechtsmittel zulässig sei, allein Georg wollte von Rechtsmitteln und Processen nichts mehr wissen, eine dumpfe Verzweiflung hatte sich seiner bemächtigt, er wollte die Dinge gehen lassen wie sie gingen, da er kein Mittel sah, sich durch eigene Kraft zu helfen. Schlimme, sehr schlimme Tage und Wochen folgten. Waren die Kosten auch nicht so groß als die des Drechslerprocesses, so reichten doch Mobilien, Hausgeräth, die Kuh, die vorräthigen Waaren nicht hin, die Kostenrechnung damit zu decken, und Georg selbst drang darauf, daß sein Grundeigenthum zunächst zur Subhastation gebracht werde. So geschah es. Moses Hirsch blieb Höchstbietender, indem er noch 50 Thaler weniger bot, als seine Hypothek betrug. Er erhielt den Zuschlag. Aber Juden durften damals und bis in die Mitte unsers Jahrhunderts kein Grundeigenthum erwerben. Unter besondern Umständen wurde davon indeß eine Ausnahme gemacht. Moses Hirsch reiste selbst nach Hannover, um eine solche für sich zu erwirken. Er machte dort großes Geschrei, daß er genöthigt gewesen, zur Rettung seines Kapitals und der Hypothek zu kaufen das Haus, daß er schon jetzt 50 Thaler verliere, noch viel mehr verlieren würde, wenn der weniger Bietende das Haus erhielte. Dieses Geschrei wirkte indeß wol weniger als die thätige Fürsprache seines Vetters, des Hofagenten Markus Meier. Moses Hirsch bekam die Dispensation vom Gesetze, ward so der erste jüdische Grundbesitzer in Heustedt und mußte demzufolge auch Bürger werden, das Schutzjudenverhältniß hörte damit auf. Von da an pflegte er seinen Kindern, und in spätern Jahren noch seinen Enkeln täglich von früh bis abends einzupredigen: »So ich bin geworden in Heustedt der erste Grundbesitzer und Börger vom Stamme Israels, sollen bei dem Gotte meiner Väter und dem Lichte auf dem Grabe meiner Mutter werden meine Kindeskinder die ersten au Gut und Habe von den Börgern Heustedts.«

Aber Moses Hirsch war gewissermaßen großmüthig und gutmüthig. Er hätte das Recht gehabt, wegen der 50 Thaler, um die er bei der Subhastation zu kurz gekommen, sich an das Mobiliarvermögen Schulz' zu halten, er hätte die Kuh und das Hausgeräth verkaufen lassen können. Er verzichtete darauf, er machte einen Strich durch die Obligation, hatte er doch das Ziel erreicht, das er seit dreißig Jahren beständig vor Augen gehabt, das ihm bei seinem anfänglichen Schacher mit alten Kleidern und Fellen, dann bei seinem Viehhandel, dann bei dem Wollhandel und Négocegeschäft beständig vor Augen gestanden: er war Bürger und Hausbesitzer.

Es traf sich, daß damals der alte Spritzenmeister, als dessen Substitut Georg schon seit Jahren fungirt hatte, starb. Derselbe hatte eine Officialwohnung neben dem Spritzenhause, freilich in Klein-Paris. Der Drechsler wurde von dem Magistrat als Spritzenmeister gewählt, ihm die Wohnung nebst Garten und eine Moorwiese zur Kuhweide überwiesen, dafür mußte er Spritzen und Schläuche in Ordnung halten, einschmieren, lüften, beim Feuer das Rohr führen u. s. w.

Georg konnte sein Unglück nicht verschmerzen, obwol er jetzt viel sorgenfreier lebte wie zuvor. Er hatte sich eine Werkstatt eingerichtet, Marie hatte das Haus so schön ausgeziert, als nur möglich war. Der Garten hinter dem Hause war bedeutend größer als der beim eigenen Hause, hatte Aepfel-, Birnen- und Zwetschenbäume, ein Umstand, der die beiden Jungen ungemein glücklich machte.

Wenn bei der trüben Stimmung, in welcher Georg dahinlebte, eine zufällige Veranlassung sich fand, daß ihm Marie etwas wider seinen Sinn machte oder sprach, namentlich die Erziehung der Jungen betreffend, welche sie allzu gern in die Rectorschule geschickt hätte, so kam es wol zu Ehestandszänkereien, und der Mann war ungerecht genug, seiner Marie Vorwürfe zu machen, wie sie einst ihm von der Mutter eingegeben: »Hättest du nicht immer so hoch hinaus gewollt, hättest du mich nicht beredet, einen Laden einzurichten, hättest du durch dein ganzes Wesen und Betragen nicht den Neid und die Eifersucht der Heustedter erregt, mich nicht zu den Processen verleitet, wir brauchten jetzt nicht in diesem Banditenwinkel zu wohnen. Nun willst du mit den Jungen auch wieder hoch hinaus. Der Heinrich sitzt beständig hinter den Büchern, statt mit Hand anzulegen, oder läuft in die Oststadt mit Forstschreibers Karl, daraus wird nimmer etwas Gutes.«

Wenn die Frau dann aber antwortete: »Georg, habe ich das um dich verdient? Habe ich nicht Vater und Vaterstadt, das goldene Mainz, verlassen, bin ich meiner Religion nicht entfremdet deinetwegen? Willst du mich durch deine Lieblosigkeit nun noch zu dem Glauben zwingen, daß mich die Strafe des Himmels schon hier verfolgt, weil ich dich lieber gehabt als meinen Glauben? weil ich die Gebote meiner Kirche misachtet, und mich der Absolution unwürdig gemacht habe, wie der Priester sagt?« dann bat der Mann um Verzeihung, und man versöhnte sich.

Marie hatte den Umzug mit viel größerer Geduld ertragen; sie war in gewisser Beziehung froh darüber, weil sie dadurch aus der Nachbarschaft der Katze fortkam, die sie in ihren trüben Tagen mit wollüstig-teuflischen Blicken gehöhnt hatte. Sie bedauerte die neue Lage nur deshalb, weil sie ihrem Lieblingswunsche, Heinrich und Friedrich in die Rectorschule zu bringen, noch mehr Hindernisse in den Weg legte.

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