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Huberta Sollacher

Frida Schanz: Huberta Sollacher - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFrida Schanz
titleHuberta Sollacher
publisherTrowitzsch & Sohn
printrunFünftes Tausend
illustratorW. Gause
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140315
projectidae575776
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Achtes Kapitel

Darf's heißen: »Auf Wiedersehn?« hatte der Oberst beim Auseinandergehn nach Ballschluß den Herrn Professor gefragt.

»Ich hoffe lebhaft, daß wir Sie wiedersehn! Schenken sie uns Ihren Besuch, das soll mich herzlich freuen,« versicherte der. In ganz andrem, viel festerem Ton als bei sonstigen neuen Bekanntschaften sagte er's.

Frau Thea fand: »Ein prächtiger alter Herr!«

»Hoffentlich hat sich 's Hubertl keine Blöße gegeben in der Unterhaltung,« flüsterte eine der Schwippschwägerin der anderen zu.

Es schien keine Angst nötig. Dem Herrn Oberst mußte sie recht gewesen sein. Er schickte am andern Tage seiner Tischdame durch seinen Burschen einen von Tannenzweigen eingefaßten Rosenknospenstrauß.

»Der alte Kriegsmann hat reizend junge Einfälle,« meinte Frau Thea.

Er hatte bald einen noch netteren.

Am nächsten Tage erklangen die Töne eines schneidigen Militärmarsches plötzlich in der stillen Straße, in der die Professorsvilla lag. Trompetenklang tönte mit immer näher anrückendem, schmetterndem Schall.

Lachend und staunend flogen die fünf großen und die kleine Dame, die gerade beim Frühstück bei Professors vereint waren, an die rasch aufgerissenen Fenster.

»Schaut!« rief's in fröhlichem Durcheinander.

»Kinder und Leut'! Die Chevauxlegers! Grüne Uniform mit roten Aufschlägen, Kragen und Streifen! Wie kommen die hierher? Die sind doch noch nie hier vorbeimarschiert! Halt, da reitet ja auf dem dicken Schimmel Herr Oberst Ruffel an der Spitze! Jetzt grüßt er 'rauf! Aha, aha! 'S wird klar! Das ist so gemeint! Uns zu Ehren! Ist das eine reizende Aufmerksamkeit! Ein ganzes Stück Umweg von der Kaserne bis zum Exerzierplatz hinaus! Kinder, ist das fein!«

Graziös grüßte Frau Thea hinab, fröhlich nickten die drei Schwippschwägerinnen, das Giselchen winkte und wedelte mit der Hand, und Huberta lachte. Es war so eigen schön im hellen Sonnenschein das Geblitz und Getön, das Getrappel, die schönen Pferde, das Grün der Uniformen mit den roten Aufschlägen, Kragen und roten Hosenstreifen!

Der Oberst, der stramm, ohne zu grüßen, einen Augenblick heraufsah, lachte auch verstohlen. Es war ein trockner, schöner, sonniger Herbstmorgen mit ein wenig Reif. Wie machte sich im Sonnengeblitz das um die nächste Ecke biegende Fähnlein so gut! Und die forsche, schmetternde Melodie ging einem nach, nachdem sie sich längst in der Ferne verzogen – stundenlang!

Den nächsten Tag, den übernächsten und den darauf folgenden kam abermals und abermals durchs stille Sträßlein dasselbe klingende Spiel, leise nahend, anschwellend, zu den Fenstern heraufschmetternd, um die Ecke herum abziehend, langsam verhallend.

Drei junge Damen, eine schöne Frau und ein altkluges kleines Mädel waren sich einig: »Der Herr Oberst ist zu nett!«

Die vierte junge Dame, Huberta, traf Herrn Oberst Ruffel an einem der nächsten Vormittage in der Stadt. Er frug sie, stehen bleibend und ihr herzhaft die Hand schüttelnd, im Ton militärischen Verhörs:

»Wie geht's? Was macht das Übergangl? Hilft's denn, wenn ich fragen darf, mein Mittel?«

Huberta sah ihn fragend an. Wie? Verstand sie ihn recht?

Vor Rührung und Dank brach ihr ein hellglitzernder Schein aus den ernsten Augen.

Aber nein, das konnte doch gar nicht sein! Für sie? Ihr zu Gefallen, um ihr zu helfen, das ganze fröhliche Spiel?

Nein! Das hatte sie natürlich mißverstanden.

Allen galt's! Ihr mit! Das war schon gar zu lieb und gut.

In herzlichen Worten kam ihr die Freude, der Dank für den allmorgendlichen Augen- und Ohrengenuß über die Lippen.

Zu schön sei's! Ganz froh werd's einem davon! Alle jubelten schon immer, wenn die ersten Töne sich von fern hören ließen.

Sie sagte es, so fröhlich sie konnte.

Es schien ihr wirklich auf einmal alles lieber und lichter in der alten Stadt. Unerträglich war's ihr eben noch gewesen, dickvoll von Leid und Heimweh das Herz, die Augen voll ungeweinter Tränen, der Hals wie zugeschnürt.

Sie hatte vom Sollacher heute früh einen Brief voll gar zu herzhafter, waldfrischer Jägerfreud bekommen! Wie gefangen und verbannt kam sie sich da aufs neue vor in der grauen, steinernen Stadt Und vom Zenzl eine Postkarte:

»Hubertl! Liebs Fräuln!

schreib Dir auch ein Brief, weil so viel lang fort bist. Bei unz is als recht. Ich schaff scho die Herrn ihna Sach. Gsund is als. Halt nur meine Füß. Gruß von Babettl, wo Gans taugsam is, nur alz viel int Luft schauts, anstatt auf die Arbeit.

Mit Weidmannsheil und schön Gruß
Creszenz«.

Da rumorte nun der Huberta Herz nur so vor Sorge, Unruh, Heimweh und Heimwollen. So überflüssig fühlte sie sich in der Stadt, so nötig zu Haus. Eine verzehrende Ungeduld war über sie gekommen. Die wollte sie nun wegschaffen mit lauter Danksagen! Es ginge schon! Es sei schon recht! So eine Militärmusik, die helfe einem, die mache einen mutig und stramm.

Der alte Freund aber sah sie, als sie dies sagte, mit gerunzelten Brauen an und brummte finster:

»Was? Sie sagen: 'S hilft! Und dabei schaun's so kümmerlich aus! Was haben's denn?«

»Nur ein bisserl Zahnschmerz,« sagte Huberta verlegen ausweichend. »Ich geh aber morgen zum Hofzahnarzt Ritter, um neun früh bin ich bestellt,« fügte sie gleich darauf beruhigend hinzu. »Der bessert's schon! Zum erstenmal in meinem Leben hab' ich was an meinen Zähnen, 's ist mir ganz ungewohnt.«

Oberst Ruffel brummte verdrießlich: »Na viel Vergnügen! Hoffentlich hilft der Ihnen!«

Kurz und hart sagte er's.

Aber der Huberta wurde ganz weich dabei, so freundlich forschend schaute er sie an.

Der Zahnschmerz tat ja lange nicht so weh wie das Heimweh! Recht, recht weh, so wie Huberta noch nie ein Körperschmerz weh getan hatte, tat er aber doch. Es zog und riß, zum Aufschreien. Und Huberta konnte nicht einmal sagen, welcher Zahn es war. Das war das Seltsamste!

Sie saß am anderen Morgen sehr blaß im Marterstuhl, der Herr Hofzahnarzt stand vor ihr und klopfte mit einem feinen Hämmerchen an ihren Zähnen herum und suchte den Schmerz. Der war auf einmal überall, hier und dort, in allen Zähnen und doch nirgends bestimmt.

Huberta dachte grad: »So jetzt ist's am End, jetzt halt ich's nimmer aus!« – – –

Da klang's plötzlich lustig schmetternd die Straße herauf. Pferdegetrappel und fanfarenartiger Trompetenschall ertönten froh.

»Holla! Was ist denn das?« rief der Zahnschmerzenmann höchlichst verwundert, ließ das kleine Hämmerchen rasten und riß das Fenster auf.

»Die Chevauxlegers!« rief er voll Erstaunen. »Nein, – wie kommen denn die durch diese Straße daher? Sonderbar! Das ist doch noch gar nicht dagewesen!«

Huberta war auch vom Stuhl aufgesprungen, stand mit am Fenster und lachte übers ganze Gesicht.

Ganz heiß ward ihr's ums Herz, ganz heiß im Gesicht. Ein lachender Seitenblick des Regimentskommandeurs auf dem dicken weißen Schimmel streifte das Zahnarztfenster und die Huberta voll verschmitzter Freude. Der Blick sagte: »Na, was sagst du nun? Ist das gelungen?«

Hubertas Nicken und Lachen antwortete frisch und froh: »Ja, ja!«

Wenn jemand so gut ist, es so lieb mit einem meint, da wird man schon seelenvergnügt!

Und ganz stark! Ganz tapfer!

Huberta setzte sich mit lächelnder Fassung auf den Marterstuhl zurück, als der letzte Ton der Musik verhallt war. Nicht mucksen wollte sie jetzt, wenn der Zahnarzt mit dem kleinen Hämmerchen den scheußlichen Schmerz weiter suchte.

Aber, – wo war denn eigentlich auf einmal der Schmerz? »Ich weiß nicht, was das ist, – 's tut nimmer weh!« sagte Huberta und sah den Doktor ganz verdutzt an. Der sah sie wieder an. Auf einmal lachten sie beide hell auf.

»So müssen Sie jetzt gehn und wiederkommen, wenn die Schmerzen sich wieder einfinden. Da kann ich jetzt nichts weiter machen!« konnte der Arzt nur raten. – Ei, wie freudig befolgte Huberta diesen Rat! Fröhlich und erlöst sprang sie auf.

Das Schönste aber war: sie hat sich überhaupt nie wieder beim Herrn Hofzahnarzt eingefunden! Die Schmerzen kamen nämlich überhaupt nicht wieder! Wie weggezaubert waren sie von dem Momente jener fröhlichen Überraschung an.

»Könnt' ich Ihnen alle Schmerzen so wegzaubern, wie diesen, Sie liebes, gutes Kind!« sagte der Oberst, als er bald darauf mit seiner liebenswürdigen Frau Bei Professors Besuch machte und Huberta ihm die Sache glückselig erzählte.

Er hat Huberta danach lange prüfend angeschaut.

»Kümmerlich sind's aber doch noch, – ein Schmaltier,« sagte er, heimlich, unfroh, nur für sie hörbar.

»Sein's doch tapfer!« raunte er ihr dringend zu. »Himmelsakra hätt' ich bald gesagt. So ein halbes Jahrl ist doch bald vergangen. Der Wald bleibt stehn und wartet auf Sie. Der ist stat!«

»Ich will schon!« versprach sie ihm fest.

»Und ich helf' Ihnen. Warten's nur! Morgen spielen meine Musikanten den Hohenfriedberger Marsch für Sie! Da ist a Schneid und a hinreißende Fröhlichkeit drin!« – –

Ja, das war wahr! Der Koburger Marsch kam dann am folgenden Tag daran, dann der Pariser Einzugsmarsch, der König Ludwig-Marsch und der Fürst Taxis-Marsch.

Täglich ein andrer!

Der Herr Oberst schickte eines Tags auch seinen Sohn zu einem Besuch zu Professors. Mit einem Extragruß an Huberta. Der sollte ihr nämlich auch helfen!

Er sprach still, fein, lieb mit ihr.

Ein junger Theologiekandidat war er, der zur Erholung nach einer sehr ernsten, schweren Erkrankung jetzt bei seinen Eltern zu Haus weilte, ein ernster, schöner Mensch, der ein schwärmerisches und begeistertes Licht in seinen dunkelblauen Augen trug.

Sein Vater hatte ihm von dem Heimwehleiden der Huberta erzählt, und der gefällige, liebenswürdige junge Mann schien dem Waldkinde nun den Wald in die Stadt bringen zu wollen mit aller Macht.

Entgegengesetzt der Ansicht des Herrn Professors, der vom Lesen schöner Waldbücher bei Waldsehnsucht abriet, brachte Herr Kandidat Ruffel ihr bei jedem seiner ferneren Besuche, – die Verwandten fanden ihn prächtig und luden ihn öfter ein, – Waldgeschichten und Waldgedichte mit, den altmodischen, lieben »Hochwald« von Adalbert Stifter und die »Hochlandlieder« von Stieler, in denen der Hochwald so mächtig rauscht. Über diese seine Lieblinge, die auch ihre wurden, sprachen sie dann viel, entweder am Familientisch Bei Professors oder bei Obersts oder auch, wenn Huberta das Giselchen spazieren führte und der Herr Kandidat, der sich viel an der Luft bewegen sollte, zu ihnen stieß.

Die kleine Gisela, dieses schwerzugängliche Kind, dieses weinerliche, verwöhnte, zimperliche Persönchen, zu der sie erst gar keine Brücke fand, hatte sich Huberta nämlich im Laufe der Zeit gewonnen. Sie hatte nicht viel dazu getan. Und die Kleine tat in der ersten Zeit auch, als sähe sie die ernste Tante kaum, bis sie eines Abends, die sie küssenden anderen drei Tanten zurückdrängend, sich zart an Huberta schmiegte und leise, ganz hauchleise in ihr Ohr flüsterte:

»Komm du heut mal an mein Bett!«

»Erzähl' mir das noch mal, was du heut meinem Papa gesagt hast,« bat sie dann ebenso leise, nachdem sie in ihrem weißen Bettlein allen anderen den Abschied gegeben und Tant' Huberta mit festen Griff ihres winzigen Händchens allein noch zurückbehalten hatte.

Huberta überlegte – –

Was konnte das doch gleich sein?

»Von der Mutterkatz«, half Giselchen ihr ein, »weißt du's jetzt?«

Ja freilich! Huberta besann sich. »Ah – die, – die Katzengeschicht!«

»Das war beim Niedererbauer,« begann sie, »bei uns zu Haus, Giselchen! Da hat eine alte Mutterkatz vier Junge gehabt, und der Wachtelhund hat auch drei Junge gekriegt. Das Tier ist aber krank worden und hin worden, zwei von den jungen Hundeln auch, bloß eins ist übrig geblieben, das haben sie der Katz mitgegeben zu ihren vier Kleinen. Die hat sich gewundert! Die Pfötle und d's Schwänzle von dem Stiefkind hat sie untersucht; da auf einmal hat das Hundle angefangen zu bellen. Wutsch! hat's von der alten Katz a Karwatschen gekriegt. Als ob sie sagen wollt: ›Wart, ich will dir solche Unarten abgewöhnen!‹ So hat's ausgeschaut.«

Giselchen lachte: »So, und dann?«

»Dann hat sie's gelockt und hat ihm zu trinken gegeben. Aber jedesmal, wenn's gebellt hat, hat sie's wieder karwatscht!«

Giselchen sagte: »Das ist zum Lachen! Weißt du noch mehr solche Geschichten?«

»O ja! Tu jetzt schön schlafen! Morgen weiß ich dann gewiß noch eine!« hat die Huberta verheißen.

Am andern Tag ist das Giselchen auf den Fußspitzchen zur Huberta herangekommen und hat sie – abermals sehr leise – gefragt: »Kannst du heut mit mir spazieren gehn? Die Elise weiß gar nichts von solchen Sachen wie du.«

Huberta hat Ja gesagt.

Seitdem ist es üblich, daß die beiden täglich eine Stunde miteinander wandern. Zu einem solchen Spaziergang hat sich der Herr Kandidat von ungefähr eines Tages gesellt. Gisela hat ihn erst als Störenfried sehr schief und beleidigt angesehn.

Er habe ein Stück Wald in der Stadt entdeckt, erzählte er der Tante Huberta eifrig, mit glänzenden Augen, den wolle er ihr zeigen.

Schließlich war's nichts anders als die alte etwas verwahrloste Südanlage der Stadt, die im Sommer dicht belebt von Kindermädchen, Kinderwagen und Kindern war. In ihrer Leere und ersten Schneereinheit sah die freilich heute feierlich fremd und kurios aus.

Der Herr Kandidat schwärmte der Huberta von einem Spaziergang um die drei Teiche vor. Um die herum wollte er jetzt die Beiden führen.

Er führte sie schließlich dreimal um einen und denselben Teich herum und merkte das Versehen nicht. –

Huberta merkte es, nahm es ihm aber nicht übel und berichtigte es aus Rücksicht auch nicht.

Zu tief waren sie in ein etwas aufgeregtes Gespräch miteinander versunken, in das sie ganz unversehens geraten waren.

Er sagte ihr, welche Kämpfe es ihn gekostet habe, den seiner forschen Soldatenfamilie ganz entlegenen Beruf der Theologie zu ergreifen. Sein Herz sei aber für diesen Beruf entbrannt. Wie sein Vater die Soldaten zu äußerer Strammheit und Tapferkeit, so hoffe er, seine Gemeinde einmal innerlich zu drillen, zum Rechten, zum Schönen, zum Guten, zum Hohen. Seine Eltern hätten ihm schließlich seinen Wunsch gewährt. Nun nach der schweren Krankheit ergreife ihn aber oft ein Zagen, eine ganz sonderbare Angst vor dem freien Reden. Werde er es klar und schon vor der Gemeinde heraussagen können, was ihm das Herz bewege? Er bange oft und hoffe nur, mit der alten Gesundheit werde die alte Unbefangenheit und Zuversicht wieder über ihn kommen.

O, das hoffte Huberta auch für ihn! Dieses Aengstigen vor dem Reden, das verstand sie! Das kannte sie auch ein wenig.

Er sprach noch manches von der Herrlichkeit des evangelischen Pfarrberufs, seiner großen, tiefen Liebe dazu.

Da konnte sie auch mitreden!

Die habe sie kennen gelernt an dem geliebten alten Herrn Pastor am See, erwiderte Huberta.

»Das sind liebe Leut, der und seine Frau,« erzählte sie ihrem Begleiter. »Jedem Menschen möchten sie wohltun, jedem so recht etwas sein! Aber,« sie fuhr nach kurzem Nachdenken mit leisem Mitleidston in der Stimme fort: »Da liegt halt ein rechter Kummer für die Leut'. Die evangelische Gemeinde ist klein. Das sind auch meist Fremde, Zugezogene, Sommerfrischler, wohlhabendere Leut'. Das richtige Volk, die Armen, die Landleute, sind katholisch. Da war oft viel zu helfen; grad eine Frau wie unsere Frau Pfarrerin, die so gern helfen möcht und den feinen, gescheiten Sinn, das gute Herz dazu hat, war so oft am Platz. Die gibt sich aber ganz umsonst Müh' um die Herzen; nicht beizukommen ist ihnen. Die Leut' fürchten den Hochwürden, den katholischen Herrn, damit zu kränken; halten's für eine Sünd, wenn sie der einen Kirche angehören, mit dem Hirten der anderen befreundet zu sein. Das macht,« zögernd gestand es Huberta, »die beiden geistlichen Herren, so gut sie es beide meinen, verstehen sich einander selber nicht so recht. Sie haben nie miteinander verkehrt, sich kaum kennen gelernt. Von Anfang an ist's verpaßt. Mir ist's leid, der Frau Pastor wegen, die lieb ich so sehr.«

Der Herr Kandidat sagte nachsinnend: »Das muß allerdings schwierig sein! Aber«, fügte er tiefausatmend hinzu, »gerade köstlich, solche Schwierigkeiten zu besiegen. In solcher Gegend, in einer solchen Diasporagemeinde möchte ich gern einmal wirken!«

Huberta blickte auf. Sie stellte sich ihren jungen Begleiter zum erstenmal wirklich ernsthaft als künftigen Pfarrherrn vor, und zwar sah sie unwillkürlich seine hohe, schlanke Gestalt im Kindergottesdienst, umringt von Kindern.

Das kam daher, daß das scheue Giselchen, das erst mit ihm trotzen gewollt, nun immer wieder seine Hand ergriff und ihn glücklich ansah. Mit ein paar freundlichen Blicken und Worten hatte er das fertiggebracht, das kleine Herz an sich gebannt! Ja, der übersah solch ein Kind nicht! Der verstand wohl Kinder! Vertrauensvoll, altklug seufzend teilte Giselchen dem neuen Freund schon ihre Leiden mit: »Ja, man merkt's, daß man wieder ein Jahr älter ist! Das Steigen dieses Berglein rauf wurde mir doch eben recht schwer!« Wie er da lachte!

»Erfrieren die Fische nicht unter dem Eis, das da auf dem Teiche friert?« frug sie ihn dann.

Er beruhigte sie in bester Weise: »O nein, Giselchen! Die Eisscheiben, das sind ja grade die Winterfenster, die es hübsch still und warm halten drunten!«

Das beruhigte Giselchen sehr. Herzlich bat sie ihren neuen Freund sogar nach einer Weile: »Kannst du jetzt nicht endlich mal ruhig sein und Tant' Huberta erzählen lassen? Die hat mir eine Geschichte versprochen. Wie sie sich als Kind im Wald verlaufen hat.«

Der Herr Kandidat war begeistert.

»O ja, Giselchen, das wollen wir uns jetzt erzählen lassen! Bitte, Fräulein Sollacher! Tun Sie's doch!«

Huberta zauderte verlegen. Dann begann sie, rasch entschlossen mit fröhlichem Lachen: »Das ist so eine von den Nixnutzigkeitsgeschichten meiner Kinderzeit.«

»Wir haben doch eine Stund' durch den Wald an den See gehen müssen,« fuhr sie fort, »über den wir dann nach dem Schuldorf gefahren sind. Der Sepp, von einem Holzknecht der Bub, meine kleine Gefährtin Babettl und halt ich. Der Weg war uns nun oft noch nicht weit genug; wir waren so unnütz und sind oft noch weit um und um gelaufen. Einmal eine ganze Stunde weit nach einer einsamen Suhle im Wald, so einem sumpfigen, von Binsen und Schilf besetzten Wasser, in dessen seichten Stellen die Hirsche suhlen, d. h. sich darin niederlegen, wälzen und sich abkühlen. An dem kleinen Wasser sind drei Ahornbäume gestanden, die schöne, rote Art Ahorn mit dem festen, feingemaserten Holz, das eine Kostbarkeit ist, – koralletes Holz heißt man's bei uns, – aus dem werden die Geigen gebaut. So ein Ahornbaum hat an dem Tag gefällt werden sollen; Geigenbauer in einem Tiroler Dorf hatten das Holz gekauft. –

Davon war viel die Red' gewesen bei uns im Forsthaus, daß ich halt durchaus den Baum noch einmal hab' sehn wollen, mir ist's so halb ehrfürchtig, halb gruslig gewesen, als sei der Baum ein Mensch, der heut lebt und morgen nimmer, ganz kurios, wie der Großvater in seinen letzten Stunden. Bald nach Sonnenaufgang sind wir drei an dem Tag fort von zu Haus; die beiden andern haben mir gegen Abtretung von einigen Kücheln den Willen getan. Wie wir die Suhle und den Baum dann erreicht haben, ist's freilich gar nicht feierlich gewesen. Wir haben bloß Angst gehabt, ob wir noch zur rechten Zeit in die Schul kommen. Der Weg ist so weit geschienen, und von der Suhle bis zu unserem See war wieder gar weit. Das heißt, ein Weg ist da gar nicht gegangen. Direkt durch den Wald hat man durchgemußt, auf moosigem, welligem Boden, auf dem sich's fein geht, unter großen, schönen Bäumen mit hängenden Ästen. Manchmal haben wir so einen Ast als Rundschwinge benutzt, haben uns fest dran gehangen, einen Anlauf genommen von einer kleinen Erhöhung aus und sind dann um den halben Baum herumgesaust im festen Schwung. Einer ist aber immer vorausgelaufen, die andern ihm dann immer wieder g'schwind nach; wir haben uns nicht versäumen dürfen, die Sonn' ist schon recht hoch g'standen; überhaupt der Wald, der hat sich so unendlich weit gedehnt! Jetzt muß der See doch bald kommen, haben wir nach einer langen Weile gemeint. Aber er ist halt nicht gekommen. Uns ist's angst worden; die höchste Schulzeit war's längst, und noch war kein End' vom Wald zu sehn. Leider hab' ich grad am vorigen Tag meinem Vater versprochen gehabt, nicht bis in die Spitzen der hohen Bäume zu klettern und über'n See nach der Uhr zu sehn. Das war sonst unser Hilfsmittel. Aber an dem Tag hat's nur gehießen: Weiter, weiter! Wir sind schließlich gehetzt, immer schneller, manchmal ist's uns vorgekommen, als müßten wir schon stundenlang gegangen sein. Dann haben wir wieder gedacht: wir irren uns wohl. Unverzagt ist's wieder weiter gegangen, bis wir endlich durch die tiefhängenden Fichten Wasser haben blitzen sehn. Wir haben gejubelt: der See! Aber wie wir näher gekommen sind, sind wir gestanden und haben einander angeschaut, wie verhext. Nicht der See, sondern die Hirschsuhle mit den drei Ahornbäumen war's, vor der wir gestanden sind. Wir haben uns alle an die Köpf gegriffen. Wir waren doch gradaus gegangen! Wie hat denn das nur sein können? –

Jetzt ist auf einmal freudiges, kurzes Hundsgebell laut geworden, Stimmen und Schritte haben wir gehört. Der Sepp und ich haben auf einmal jed's wie aus einem Mund geschrien: ›Mei' Vater!‹ Die beiden Männer sind durch den Wald dahergekommen, mei' Vater mit der Büchsen, dem Sepp sei' Vater mit der Holzaxt. Da hat's ein Halloh gegeben! Die haben doch gedacht, wir sitzen in der Schul'. Schläg' vom alten Sepp hat's schon sollen hageln für den kleinen Sepp. Mein Vater hat uns aber zuvor ruhig zu Wort kommen lassen; aufgeregt haben wir's ihm durcheinander erzählt, wie's uns gegangen ist, und der Vater hat aufmerksam zugehört, hat nur einmal mit dem Kopf genickt und schließlich nur gesagt: ›Sixt, sixt, so ist euch dieser alte, wunderbare Waldzauber auch einmal passiert!‹

Wir waren richtig im Kreise herumgegangen. So hat sich's herausgestellt. Und schließlich sind wir zum Ausgangspunkt zurückgekommen.

›Allen Jägern und Waldleuten ist dies Waldwunder bekannt,‹ hat der Vater gesagt. ›Mancher, der auf ebenem, unbekanntem Revier gradaus zu gehen meint, ist zu seinem Erstaunen unbewußt zum Ausgangspunkt zurückgekommen. Da glauben viele Leute, Kobolde und neckische Waldgeister führen sie in der Runde herum. Das ist aber nicht so.‹ Der Vater hat uns die Sache anders, auf natürliche Weise erklärt.«

Der Herr Kandidat frug voll Interesse: »So? Wie denn? Da bin ich doch gespannt!«

»Sehr einfach,« belehrte ihn Huberta. »Unwillkürlich setzt man beim Gehen den rechten Fuß ein klein wenig weiter vor als den linken, und wenn man nicht ein bestimmtes Ziel vor sich sieht, gibt der Körper der dadurch entstehenden Neigung nach links unwillkürlich etwas nach. Und so beschreibt man mit der Zeit beim Sichverlaufen einen Kreis.«

»Das ist ja seltsam, dieses Abirren vom Ziel, – dies Zurückkommen auf den alten Punkt, während man sich weit fort in der Irre glaubt,« meinte, ganz in Nachdenken verloren, der Kandidat. »Und dies erklärt sich also so einfach und natürlich?«

»Ja, wir sind uns auch schrecklich g'scheit vorgekommen mit dieser natürlichen Erklärung des Wunders, der wir schließlich einen Entschuldigungszettel an den Schullehrer verdankt haben,« gestand Huberta. »Im Stillen, heißt das, war ich doch ein bissel enttäuscht.«

»Das Wunder,« frug der Kandidat lächelnd, »war Ihnen wohl lieber?«

Huberta lachte: »Ich will's offen gestehn, – ja!« – » Etwas Geheimnisvolles und Wunderbares,« fuhr sie zögernd fort, »ist aber trotz aller natürlichen Aufklärung an der Sache geblieben!«

Giselchen frug ganz entzückt: »Waren's doch Waldgeister?«

»Nein,« entgegnete Huberta, »das nicht! Aber wir haben's später so oft versucht, haben's mit Willen drauf abgesehn, unsere ganze Kindheit hindurch, uns nur ein aller einzig es Mal noch so zu verlaufen. Trotz alles Bestrebens und Bemühens ist uns das aber nie wieder geglückt.«

.

Der junge Kandidat sollte seinem Vater zu Haus eine Erklärung drüber abgeben, wie ihm die Huberta gefiele. Er sagte nur, sehr heiter lächelnd: »Lieb und gut!«

Huberta urteilte über ihn im stillen: » Der ist recht!«

Er tat ihr unerklärlich wohl, der feine, ideale Mensch. Durch ihn ist sogar ihr Heimweh zuerst etwas besser geworden. Dann wurde es freilich ganz schlimm. Es war ihr, als müsse sie heim, ohne Zeit zu verlieren, in aller Eile, los von etwas Fremdem, Unbekanntem, Zauberhaftem, das sie in seiner Nähe umstrickte, von dem sie fürchtete, daß es sie in der gräßlichen Stadt vielleicht festhalten, sie das heiße Waldheimweh mit der Zeit sogar vergessen lassen könne.

In die Einsamkeit sehnte sie sich, in den geliebten Wald, zu ihren Menschen, immer tiefer, tiefer, mächtiger als je. –

Als die Tannenbäume auf dem Christmarkt standen, die Weihnachtsbäume, die 15-20jährigen Dinger, die sie daheim auf den Halden und Schonungen so oft besucht, die sie in ihrem Sommerglück gesehn hatte, von Weiderosen und lila Glocken umblüht, von Pfauenaugen und Bläulingen umflogen, – jetzt in langen Reihen, einer an den andern geschmiegt, wie fragend, das hölzerne Stützkreuz wie eine Krücke unter dem von den Wurzeln abgesägten Fuß, – als Fuhren und Fuhren solcher Tannenbäume in die Stadt kamen, – da brach das Heimweh in seiner ganzen ungebändigten Macht wie ein Bergsturm in ihr los.

Oder war sie krank?

Ein paar Tage war ihr schon so eigen gewesen, so fieberhaft. Der Kopf tat ihr weh. Sie hatte sich in einer der verhaßten Apotheken eins der verhaßten Pulver geholt gegen den »ordinären Schmerz«. Danach war ihr so traumhaft eigen, als könne sie sich auf die Weihnachten in der Stadt heimlich freuen. – Obersts hatten Professors zu Tisch eingeladen zu einem der Feiertage, Professors Obersts zu einem andern. Und die Frau Oberst, die war doch die liebste Frau! Als die die Huberta einmal sanft ans Herz gezogen, war's der wie ein Schlummerlied, als höre nun wirklich alle Sehnsucht auf! Aber nur um danach um so ungestümer wieder los zu brechen!

Sie konnte es einfach nicht mehr aushalten vor Heimweh! Sie mußte heim! Naturgewalt zog sie heim.

Und doch wollte sie die Verwandten nicht kränken, wollte dem Vater gehorchen!

Da kam ihr in einer von Weinen und körperlichem Unbehagen heißen Kopfwehnacht ein erlösender Entschluß:

»Holla, ich kann meine Leut' ja zu Weihnachten überraschen, kann sie besuchen und wiederkehren nach dem Fest!«

Freudigst teilte sie diese Lösung am andern Morgen ihrem Bruder Professor mit. Der gab ihr lachend die Hand. Abgemacht war's.

Und nun fuhr die ruhige Huberta wie ein flitzender Irrwisch in der Stadt herum und machte Christkindl-Einkäufe.

Der Herr Oberst, der sie dabei traf, sagte tief gekränkt: »So was! Da setzt man nun sein ganzes Regiment in Trab, um Sie aufzuheitern, ganz umsonst! – Und so ein einziges bissel Nachhausgehn macht's! Ganz anders schaun's aus! So hab' ich Sie noch nie gesehn!«

Huberta antwortete nur mit glänzenden, schimmernden Augen: »Vergelt' Ihnen Gott Ihre Güte tausendmal, Herr Oberst!«

Der junge Kandidat und die Huberta sagten einander nichts beim Auseinandergehn als ein ganz herzliches: »Auf Wiedersehn!«

»Ich komm' ja wieder!« damit tröstete Huberta sich, wenn sie sich undankbar scheinen wollte gegen die ihr jetzt so gütig erscheinenden Stadtleut', damit tröstete sie das um ihr Weggehn ganze Bächlein weinende Giselchen, damit entschuldigte sie vor der Schwägerin und den Mädchen ihre plötzliche erwachte Frische und Fröhlichkeit. – In ganz früher Morgenstunde fuhr sie weg, so früh, daß niemand außer dem Bruder Professor sie auf den Bahnhof geleiten konnte.

In tiefer Bewegung, mit vielem, warmem Dank und treuen Liebesworten sagte sie dem Lebewohl.

Als der Zug aus der Bahnhofshalle heraus war und an den letzten Häusern der Stadt vorbei in die leere, bleichweiße, morgendliche Winterlandschaft hinausdampfte, war's ihr, als löse sich ein eisernes Band von ihrem Herzen.

.

Ein Freiheitsgefühl kam über sie. so frisch, so groß, so selig, als sei ihr die ganze weite Welt geschenkt.

In dem Frauencoupé zweiter Klasse, in dem sie zu ihrem Glück ganz allein saß, juchzte sie auf einmal, einem unwiderstehlichen Drange folgend, hell und laut heraus.

 

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