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Huberta Sollacher

Frida Schanz: Huberta Sollacher - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFrida Schanz
titleHuberta Sollacher
publisherTrowitzsch & Sohn
printrunFünftes Tausend
illustratorW. Gause
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140315
projectidae575776
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Siebentes Kapitel

Sie ging mit der Ruhe, mit der sie sich nach den ersten ungestümen Wald- und Heimwehwochen ins Unvermeidliche schickte, auf ihren ersten Ball.

Getanzt hatte sie zu Haus bei den Schützenfesten auf den Dörfern, auch wohl auf Kirchweihen und Bauernhochzeiten mit ihrem Bruder und jungen Jagdbeamten, auch wohl, wenn sie es nicht abschlagen konnte, mit den Bauernsöhnen oftmals ein paar Tänze.

Warum sollte sie ums Tanzen ängstlich sein?

In der Tanzstunde sollte sie es doch nun noch besser gelernt haben.

Ihr einfaches weißes Mullkleid gefiel ihr selber. Es war neu, mit hoher Blusentaille und seidenem Gürtel; anders hatte sie es nicht gern gemocht. Durchaus hatte es anders sein sollen, ausgeschnitten, wie die der andern, hatte Thea gewollt. Daß sie ihr schließlich den Gefallen getan hatte (sie meinte nämlich im stillen, Huberta sei zur Ausgeschnittenheit doch zu eckig), freute Huberta.

Auf dem Balle, der von der akademischen Liedertafel gegeben wurde, freute sie auch manches.

Sonnenhell erleuchtet und sehr schön war der Saal; so groß und strahlend hatte sie sich's lange nicht gedacht. Dicke Fichtenguirlanden, die die Studentenwappen und Fahnenstangen umkränzten, erfüllten ihn mit herrlichem, starkem Waldesduft. Und die vielen hell und bunt gekleideten Mädchen sahen zwischen den schwarzen Fräcken der Herren reizend aus.

Die Kapelle des Jägerbataillons spielte mit frischem, flottem Klang fröhliche, wiegende Weisen.

Das erste, was Huberta im einzelnen wahrnahm, war die Gestalt des Herrn von Meitzenstein. Der hatte es natürlich dringend, denn er war Ballvorstand und Tanzordner. Daß er die Professorsfamilie überaus herzlich begrüßte, Huberta selbst um einige Grade gemessener, berührte diese wenig. Er konnte der hochverehrten befreundeten Familie sogar auch nur vorübergehend Beachtung schenken, wie er bedauernd sagte, den drei Mädels nur eilig seinen Namen etliche Male auf die Tanzkärtchen kritzeln. Unaufhaltsam trieb es ihn dann weiter, seinen Vorstandspflichten nach. Bei diesem eilenden Lauf prallte er plötzlich an einen großen, starken Herrn in Oberstuniform an, der, sich rings umschauend, in der Nähe der Professorsfamilie stand.

Einen Augenblick tat es Huberta, die den Zusammenstoß beobachtet hatte, ordentlich leid, wie er erschrak.

Unter tiefen Verbeugungen entschuldigte er sich.

Und unter einer weiteren Verbeugung stellte er sich dann, wie Huberta deutlich hörte, dem aus Versehen angerempelten militärischen Herrn vor:

»Mein Name ist von Meitzenstein, – Meitzenstein mit tz.« –

Der schöne mächtige Weißbart sah ihn mit seinen runden braunen Augen unter den starken Knecht-Ruprechtsbrauen voll Erstaunen ganz nahe an.

»Was?« frug er laut.

Im nächsten Augenblick fuhr er mit explodierendem Klange seiner starken Stimme dem zierlichen Männlein ins Gesicht:

»Und mein Name ist Oberst Ruffel! Ruffel mit ff!«

Huberta, die der ganzen Vorstellungsszene mit ernsthafter Aufmerksamkeit gefolgt war, mußte da auf einmal so helllaut auflachen vor Ergötzen, daß die Verwandten und einige Umstehende sich ganz verdutzt nach ihr umschauten.

Auch die beiden Herren, die, Blick in Blick geheftet, einander noch dicht gegenüberstanden, fuhren unwillkürlich herum.

Der Ballvorsteher mit dem hohen weißen Stehkragen und der Ordensschleife sah sie aus erblaßtem Gesicht wütend an. Der Oberst aber mußte beim Anblick dieses lachend geöffneten Mädchenmundes mit den gesunden, weißen, gleichmäßigen Zähnen höchst vergnüglich mitlachen. Rasch dies Lachen verbeißend, wandte er sich von seinem noch wie zu Stein erstarrten Gegenüber ab und verlor sich in der Ballmenge.

Huberta hatte kein Ballglück an diesem Abend. Aber sie war durch diesen kleinen Vorfall so erheitert, daß sie ihr Mißgeschick ruhiger trug, als es sonst vielleicht der Fall gewesen wäre.

Sie tanzte wenig und zwar: weil sie merkwürdigerweise nicht tanzen konnte!

Schon in dem der Polonaise folgenden Walzer, zu dem sie ein liebenswürdiger junger Hörer ihres Bruders engagiert hatte, blieb sie stecken. Sie wollte es recht schön machen, nach Tanzstundenregeln, schöner als daheim; die Musik wirbelte aber zu schnell; sie fand sich im Takt nicht zurecht. Vorn Überlegen und Anstrengen kam sie in Unsicherheit, ins Probieren, ins Stocken, dann gar ins Stolpern.

Sie fuhr an ein anderes Paar heran. Verlegen mußte sie ihren Partner endlich bitten, abzulassen und sie auf ihren Platz zurückzuführen.

»Es geht halt nicht!« seufzte sie gedrückt. Den zweiten Tanz, hoffte sie, würde sie besser tanzen können.

Zu dem engagierte sie aber niemand. Herr von Meitzenstein ging nur einmal mit einem Freund an ihr vorüber, und beide sahen sie strafend an.

Da hatte sie Zeit, sich vorm dritten Tanz im voraus schon recht zu ängstigen. Und richtig, es kam schlimm! Sie blamierte sich vor aller Augen, kam nicht hinein in den rasenden Takt des Galopps mit ihrem ebenfalls ängstlichen und ungeschickten Herrn, einem Akademiker im ersten Semester, der über das gemeinsame Mißgeschick entsetzlich unglücklich war.

Das Ansetzen und Probieren des jungen Tanzpärchens war aufgefallen, zumal Herr von Meitzenstein durch ein nun seinerseits vergnügtes Auflachen noch extra darauf aufmerksam gemacht hatte.

Huberta saß nun drei Tänze hintereinander, bis sie dann endlich auf freundliches Zureden mit ihrem stattlichen Bruder Professor einen Walzer zu tanzen versuchte, der auch leidlich ging. Die Schwippschwägerinnen hatten das ins Werk gesetzt, den Bruder aus dem Rauchzimmer herbeigeholt. Sie hatten Huberta, ganz aufgeregt über ihr Mißgeschick, im Vorbeigehen zugeflüstert:

»Unglückskind, du blamierst dich und uns! Wie ist das schrecklich, Huberta! Siehst du, wir haben dir's ja gesagt!« – – –

Sie selbst flogen den ganzen Abend von einem Arm in den andern und fühlten sich in ihren schlanken, rosaseidnen, spitzenüberlegten Prinzeßkleidern selbst etwas als wundersame Wesen. Überall sah man ihre zarten, blühenden Gesichter, ihre gebauschten Frisuren, ihre kleinen, blitzenden Fächer und die goldschimmernden Spitzchen ihrer schmalen Schuhe; überall hörte man ihr graziöses Geschwätzel und ihr silberhelles Lachen.

Von Mitleid und Sorge für die Familienehre und Teilnahme für das arme Waldkind erfüllt, brachten sie der Huberta noch einige Tänzer an. Es war aber ein zaghaftes Tanzen ohne Genuß und Freude für Huberta. Diese machte ihr ernstestes und bedenklichstes Pflichtgesicht dabei. Und die jungen Herren, die sie schwer zum Reden brachten, langweilten sich mit ihr.

Einer hatte mühsam aus ihr herausgefragt, daß sie englische und französische Stunden in der Stadt nähme.

»Fräulein Sollacher lernt schweigen in drei Sprachen,« witzelte dieser dann hinterdrein zu einem Freund.

Jedenfalls war Fräulein Sollacher froh, als die Fanfare zur Abendtafel erklang. Durch Tanzleistungen hatte sie das Ballsouper nicht verdient, dessen war sie sich beschämt bewußt; sie hatte auch keinen Tischherrn, – keiner hatte sie engagiert, – nur Hunger. Dicht auf dem Fuß folgte sie Bruder und Schwägerin durch den Speisesaal, verlegen und nicht schwebenden Ganges. Das fühlte sie peinlich. Auf dem spiegelglatten Parkett und mit der Angst, ja nicht auszugleiten, ging sich's erst recht wie auf einer Riesenwalze einher.

Zum Glück ward sie abgelenkt von diesen, ihren Gang immer unsichrer machenden Betrachtungen.

»Darf ich vielleicht die Ehre haben, Sie zu Tisch zu führen, mein gnädiges Fräulein?« sprach jemand sie mit starker Stimme an.

Sie fuhr überrascht auf. Oberst Ruffel war es, – der sich vorgestellt hatte, mit dem ff! Unwillkürlich verzog sich ihr ganzes Gesicht zu einem einzigen frohen Anlachen. Darauf zog der Herr Frager auch sofort ihren Arm durch den seinen.

Holla, nun ging das schwebende Schreiten über die Glaswalze auf einmal ganz anders! Sicher! Fest! Spielend leicht!

Herr Oberst Ruffel stellte sich sofort Herrn und Frau Professor Sollacher, neben denen er am Tische Platz nahm, vor. Er sei eben zu den Chevauxlegers in die Garnison herkommandiert, berichtete er. Um sich die Menschen gleich am ersten Abend ein bißchen anzusehen – auch für seine erst nach ein paar Wochen nachkommende Familie –, habe er ersucht, an diesem Ball teilnehmen zu dürfen. Er wohne in dem an die Gesellschaftsräume anschließenden Hotel.

»Auf gute Unterhaltung!« stieß er mit Huberta an.

Der kam gleich wieder die Angst ans Herz: »Unterhaltung? O je, wie wird das gehen!« Sie war auf einmal wieder befangen, dumm-verlegen. Dreimal ließ sie die gestärkte Serviette von ihrem Schoße herunterrutschen, so daß ihr alter Kavalier sich dreimal danach bücken mußte. Das dritte Mal hätte sie beinahe geweint, so fatal war's ihr.

Der Oberst erklärte auch ziemlich entschieden:

»Öfter als dreimal hebe ich keiner Dame die Serviette auf! Wer sie öfter herunterfallen läßt,« – – dabei sah er Huberta unsagbar gutmütig vergnügt an, »dem nadle ich sie einfach mit einer Stecknadel an die meine fest. Schaun's mal! Haben's nicht eine Sicherheitsnadel bei sich? Geben's mir eine, wenn Sie damit versehen sind.«

Das geschah; sie hatte eine. – Und so, fest und nah mit dem stattlichen freundlichen Nachbarn auch äußerlich verbunden, begann sich Huberta mehr und mehr heimisch neben ihm zu fühlen. Er forschte mit freundlichen Worten, wer und von wannen sie sei. »Ein Stadtpflänzchen wohl kaum,« meinte er, ihre Erscheinung mit einem väterlichen Blicke prüfend.

»Eine Försterstochter!« gab sie Bescheid.

Hei, das sei ihm eine Freude, sagte der Oberst. Wald und Wild, – das sei ja seine Leidenschaft! Wenn man nur dran denke, käm's frisch und würzig daher. Und nun floß die Unterhaltung auf einmal dahin wie ein fröhlich plätschernder Bach.

Der Wald war da im hellerleuchteten Saal!

Sie jagerten miteinander, die zwei, während die Speisen herumgereicht wurden und der hellgoldige Mosel- und Pfälzerwein in die Gläser floß.

Dem alten Kriegsmann und Jagdfreund funkelten die Augen vor Vergnügen, als er wahrnahm, wie gut die Huberta Bescheid wußte im Fache ihrer Ahnen, wie weidgerecht sie sprach! Von gut oder schwach geperlten Geweihen, von geraden und ungeraden Zwölfendern, von braven und feisten Kapitalhirschen, die gut bei Leibe, von den Lichtern, dem Geäse und dem Windfang des Hirsches, seinem Lecker, seinen Lauschern, u. s. w., u. s. w.

Sie stießen nun noch einmal vergnügt miteinander an, die beiden zusammengenadelten Nachbarn.

»Weidmannsheil!« sagte der Herr Oberst.

»Weidmannsdank!« Huberta.

Wie im Flug verstrich die einundeinhalbstündige Essenszeit, während welcher der Oberst sich außer mit Huberta, auch mit Professors herzlich befreundete.

Huberta erzählte ihm auf seine Fragen immer mehr von daheim, vom Vater, wie der jeden Baum und jedes Weidtier im riesigen Revier kenne und wieder auf jedem Quadratmeter jedes Pflänzchen, jede Wild- und Vogelspur, jedes Kleintier und Kleingewächs des Waldes, der nichts wisse von Rücksicht auf Unwetter und Sturm, der zu jeder Tages- und Nachtstunde seine oft nicht gefahrlosen Reviergänge mache. Vom Sollacher, dem Glücklichen, der beim Vater als Forstadjunkt das Weidhandwerk lernen dürfe, der bei jedem Preisschießen Schützenkönig sei und der sie das Schießen gelehrt habe. Dabei schmolz ihr förmlich das Herz, in ihre Augen stieg's feucht und heiß, um ihre Lippen zuckte es.

Und ehe sie sich's versah, hatte sie, von seiner Teilnahme verlockt, unter Lächeln und einem kleinen funkelnden Tränenschauer alles herausgeklagt: ihr Waldweh, ihr Heimweh, ihre Stadtleidigkeit, die drückende, unfrische, unfrohe Laune, an der sie so schwer litt, die Vorwürfe, die sie sich wegen ihrer Undankbarkeit machte, – kurzum mit einem Wort: das Übergangl!

»Solche G'schichten!« sagte der Oberst, und, in sein gefülltes Glas sehend, erholte er sich daraus offenbar tiefsten Rat.

»So müssen's halt heim!« lautete der. Und als Huberta ihm ängstlich zuflüsterte, das solle er beileibe nicht Bruder und Schwägerin hören lassen; »nein, nein, das geht nicht, –« sprach er, ihr ins Gesicht schauend, voll Entschlossenheit:

»So muß man Sie ein bisserl erheitern!«

Huberta mußte hell lachen. Nach kurzem Nachsinnen erklärte sie:

»O heiter ist's bei meinen Stadtleuten schon! Nur zu heiter! Ich bin, glaub' ich, zu ernst für die!«

Der Oberst sagte in trockenem Ton: »Als ich Sie zuerst gesehn hab', über's ganze Gesicht lachend wie ein Zahnpulver-Reklamebildl, hätt' ich das nicht gedacht!«

Huberta sagte aufleuchtend: » Ja, das! Das war mir aber auch eine zu große Freud'!«

»So? Das freut mich ja noch nachträglich!« versicherte der Herr Oberst. »Wissen's denn die Verhältnisse?« Huberta nickte. »Ja, grad!«

Meizenstein ohne t sei der Bankier seiner Verwandten gewesen, der, als das Unglück kam, lieber verarmte, statt andre Schaden leiden zu lassen, erzählte der Herr Oberst.

»Ja, ich hab's gehört, er war' brav. Drum war mir halt die Sach so eine Gaudi!«

Da blies die Tafelmusik schmetternd den letzten Tusch.

Man sagte einander: »Wohl bekomm's!« und stand von der Tafel auf. Der ergraute Oberst unternahm's auch noch, den Tischwalzer mit der jungen Huberta zu tanzen. In seinem dirigierenden Arm flog sie sicher dahin, ihre Wangen röteten sich vor Freude und Lust. Drei-, viermal rum ging's.

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»So, jetzt schaun's nett aus,« sagte der Oberst, als er sie auf ihren Platz führte. »Jetzt haben's doch rote Pausbacken! Und wenn den anderen Damen ihre Locken ausgehen, kräuseln sich ja die Ihren.«

Ein paar aufmerksam gewordene junge Seilte hatten jetzt ebenfalls gefunden, Huberta sei nett. Es stehe ihr gut, wenn sie lache.

Einer forderte sie gleich danach zum Rheinländler auf. Sie dankte jedoch, noch immer »geschreckt«, wie's vom verängstigten Wilde in der Jägersprache heißt.

Sie wolle es lieber nicht mehr versuchen

»Danke sehr! Erst will ich noch besser tanzen lernen,« sagte sie mit freundlichem Blick.

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