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Huberta Sollacher

Frida Schanz: Huberta Sollacher - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFrida Schanz
titleHuberta Sollacher
publisherTrowitzsch & Sohn
printrunFünftes Tausend
illustratorW. Gause
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140315
projectidae575776
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Fünftes Kapitel

Der Huberta ging es wie ihrem verstorbenen Großvater. Dem taten die Stadtleut' so innig leid.

»Nur halbe Menschen sind das ja; die Großstadtleut' gar nur viertels,« hat er oft gesagt.

Huberta empfand es genau so, dies Mitleid.

Große, tote Häusermassen, hohe, lange Häusermauern um sich zu haben, statt wogenden, rauschenden Waldes, harte Steine unter den Füßen, statt schwellenden Moosbodens, blumiger Wiesen, lieblicher Steige!

Die Füße hatten ihr immer so ganz besonders weh getan, so oft sie in der Stadt gewesen war.

Ach, und die vielen Apotheken in der Stadt!

Unwillkürlich verband sich ihr der Begriff abscheulicher Krankheiten damit. Denn zweimal in ihrem Leben hatte sie Kopfschmerz gehabt, üblen, wehen, »so an ganz ordinären,« schilderte sie ihn, der ihr fast den Kopf zersprengte und den Magen in Mitleidenschaft zog. Und das war jedesmal in der Stadt gewesen.

Von den vielen Besuchen, die Bruder und Schwägerin immer hatten, all dem Durcheinanderreden, -lachen, -klingeln, -lärmen, dem Gerassel der vielen Pferdebahnen und dem Rollen der Wagen auf den Straßen vom frühesten Morgen bis tief in die Nacht, dem Schauen und Hören der vielen neuen Sachen war es wohl gekommen.

Und das haben die armen Stadtleut' nun Tag für Tag!

Sie hatte immer bald wieder hinausgedurft in ihren Wald!

Wie erlöst war sie dann immer gewesen, leicht und frei, als könne sie fliegen. Und die armen Leut' mußten drin bleiben! – Daß sie es selbst eigentlich zu gut hätte auf der Welt, hatte sie immer gedacht.

Deshalb meinte sie jetzt, es geschähe ihr recht und wäre eigentlich nur in der Ordnung, daß sie einmal nicht so leichten Kaufs davon kommen sollte, auch einmal ordentlich dran mußte.

Gefaßt und ruhig ging sie einher, wenn auch unter fortwährendem mühsam unterdrücktem innerem Stöhnen.

Ein ganzes halbes Jahr, einen kostbaren Winter, sollte sie in der Stadt verbringen!

Ihre Schwägerin, Thea, die Frau Professorin, hatte an ihren Vater geschrieben, einen diesen sehr überraschenden Brief. Vorstellungen und Vorwürfe hatte sie ihm gemacht, sogar unter Berufung auf Hubertas tote Mutter.

Er ließe Huberta im Walde verwildern.

Für ein gebildetes Mädchen ginge das nicht, dieser fortwährende, ausschließliche Verkehr mit Jägern und immer wieder Jägern. Huberta müsse die Welt, die gebildete Gesellschaft und ihre Umgangsformen kennen lernen, nun sie erwachsen sei. Wenn sie sich dann aus freier Wahl und mit freiem Willen für die Einsamkeit und die Jägerei entschiede, sei's etwas anderes. Sie solle eine Gesellschaftssaison bei ihnen in der Stadt mitmachen, wünsche sie. Nebenbei solle sie mancherlei lernen, die Theater und Konzerte besuchen einen Winter lang.

Der Herr Forstmeister legte diesen Brief vor Huberta hin, nahm die Büchse von der Wand, pfiff dem Staps und den zwei großen Hunden und ging mit dieser sich darüber närrisch freuenden Zoologie davon. Die Dielen knarrten schwer unter seinen Schritten, so wuchtig schritt er hinaus. Als er heimkam, hatte er eine lange Unterredung mit der Huberta.

»Verwildern!«

Sie sprachen beide in derselben Sekunde dasselbe Wort, sahen einander an und lachten laut durch tiefen Ernst.

»Gelt, mein liebs Deandl, das tust bei uns nit?« frug der Vater.

»Das hat die Thea nur grad mal wieder so städtisch übertrieben ausgedrückt,« meinte er dann entschuldigend. »Die Frau Thea fahrt leicht aus der Haut, schießt leicht übers Ziel. Nervös heißt man das ja wohl. In der Sach',« fuhr er nachdenkend fort, »mag sie recht haben.«

Huberta sah ihn verwundert an.

»Ja, wie meinst, Herrle?«

Er streifte ihr zart die Wange mit der kräftigen Hand und sagte ebenso zart und ganz leise:

»Halt – die Mutterlosigkeit – – –. Übrigens, i denk', angegeben hat's der Rupert,« fuhr er im selben Atem laut und kräftig fort. »Der sehnt sich halt nach dir. Du bist ihm ein Stückerl Wald und Heimat. So gut er's hat in der Stadt bei der schönen Frau und in seinem ehrenvollen Beruf und mit dem Reichtum, den die Thea ihm mitgebracht hat, mit dem lieben Töchterl und extra mit den drei großen Töchtern, den Balltöchtern, der Thea ihren Schwestern im selben Haus, – irgendwo fehlt ihm was. Sein Weib ist nit im Wald geboren, wie dem Hubert sein liebs, einfachs Frauerl, die nichts weiter will als ihren Mann, ihre Buben und ihren Wald, – sondern halt in der Welt. Die liebt den Wald nicht und versteht ihn nicht. Deshalb hat sie auch darauf gedrungen, daß er die Professur angenommen hat. – – So gehst halt zu ihm! Kei Wort sagst dagegen, i bitt mir's aus –.«

Huberta hatte gar nicht entfernt an eine Erwiderung gedacht, war nur tief erblaßt.

»Dem tust gut,« fuhr der Vater kräftig fort. »'S wird ihm wohl sein, wenn er einen von uns Waldleuten bei sich hat! Durchbringen werden wir uns wohl einen Winter ohne dich, die Zenzl muß halt noch eine Hilf' nehmen. Wenn's auch manchmal hapern wird! Du darfst dir die Geschicht' auch nicht zu schwer machen!«

»Wenn du's halt meinst, Herr,« sagte die Huberta mühsam, dem Vater ernst in die Augen blickend.

So war's beschlossen und abgemacht.

Sie reichten einander die Hand. Ja, der Forstmeister zog die Tochter einen Augenblick ans Herz, und sie schlang fest und innig die Arme um seinen Hals und lag an seiner Brust, was selten geschah.

Aufs Mitleiden mit den Stadtleuten kam's also doch schließlich heraus, das in die Stadt gehen!

Und die Stadtleut' hatten es doch gerade umgekehrt gemeint! Gesprochen wurde von der Sache nicht mehr viel. Nur das Wort: »'Vor ich in die Stadt geh!« konnte man von der Huberta jetzt mehrmals des Tags in recht energischem, geschäftigem Ton hören.

»'Vor ich in die Stadt geh,« – da gab's noch zu tun! Apfelpflücken und auf die Horden schichten, die Hutzeln anreihen und dann trocknen, Hagebutten und Hollunderbeeren sammeln und dörren für Heilzwecke und Suppen, Federn schleißen, eine große Herbstwäsche mit flatterndem und auf dem Rasen bleichendem Linnen, Reinmachen des Hauses vom Keller bis zum Boden hinauf.

»Und Brombeerpflücken zum Einkochen, Fräuln, bitt' schön,« hat das Babettl schämig gemahnt.

Hubertas Brombeergelee und Brombeerwein waren berühmt.

Das Einsammeln der sonnenwarmen, lockeren Beeren auf den Halden, wo die Septembersonne so glühend hinbrannte, war eine einträgliche Arbeit. Das Babettl war nie extra geschätzt dabei gewesen, weil es zuviel aß. Gewöhnlich war's am Abend blaß gewesen und hatte mit zitterndem Stimmerl gebettelt: »Bitt schön, Fräuln, der Zenzl nix sagen!«

Aber so hübsch war's, sein leuchtendes Rotköpfel zwischen des Herbstes leuchtenden Silberfaden und dem blutroten Gerank zu sehen!

Und in diesem Herbst wars auch weniger bei Appetit als in den vorhergehenden.

In einer gespannten und erregten Gemütsverfassung, die es freilich nur noch lieblicher machte, befand sich's seit die Gespenster sich in den ersten schüchternen Anfang seiner Liebesgeschichte eingemischt hatten. Noch langsamer und vergeßlicher in seinem Tun und Hantieren war's leider seit diesem Zeitpunkt auch. Dem Sepp wich sie aus mit ängstlicher Scheu und tat doch nichts als nach ihm ausspähn und an ihn denken, wenn er fern war.

Die Zenzl war ein einziges Brummen und Ärgern ein einziges »Schleun' di, schleun' di, schleun' di, Deandl!« jetzt von früh bis spät.

»Wie das werden soll, wenn du fort bist, Weiberl?« ängstigte sie sich und Huberta. »Aber wenn's der Herr sagt, da mußt halt gehn, da gibt's nixen, da kannst nix machen!«

* * *

»'Vor ich in die Stadt geh, gibst mir auch noch ein paar Schießübungen, Sollacher, gelt?« bat die Huberta ihren Bruder Max. »Daß ich mei Kunst noch üb'. 'S ist für lange Zeit!«

Der Sollacher antwortete: »Die sollst haben!«

Er war der Lehrmeister der Schwester gewesen in der Kunst zu zielen und das Gewehr zu handhaben. Eine Schützin, an der er seine Freude hatte, war sie durch ihn geworden.

Mit dem Werfen von kleinen Steinen nach einem festbestimmten größeren Stein am flachen Rande des Sees hatte vor Jahren die Belehrung angefangen.

Daß unter 50 Würfen mindestens einer träfe, hatte er zuerst von ihr verlangt; dann unter 40 Würfen einer; schließlich unter 10. – Ein paar Wochen später hatte er seine kleine Schülerin so weit, daß sie einst zehnmal hintereinander traf.

Dafür gab's eine Schachtel mit klein winzigen tönernen Kochtöpfeln auf dem nächsten Markt im Ort zur Belohnung für sie.

Und nun kam das Zielen mit Steinen, nach einem bestimmten, am Baume hängenden Tannenzapfen, dann nach einer bestimmten Eichel an einem hohen Eichbaum vorm Wald.

In jener Zeit wollte sich die Huberta eines Morgens die Haare nicht von der Zenzl kämmen und flechten lassen, sondern behauptete energisch: »I kann's allein!«

Als sie dann mittags mit der Löwenmähnenfrisur, vor der sich Seppl einst so sehr entsetzt hatte, nach Hause kam, flocht ihr die Zenzl die Zöpfe doch. Und da sah sie ein tiefes blutiges Loch mitten auf dem Kopf zwischen den blonden Haaren. Die Huberta lachte, wenn auch etwas mühsam:

»'S tut gar nicht weh! Macht nix! Dem Stein hat's nix getan!« Sie rühmte sich, sie könne jetzt ganz hochhängende Eicheln treffen mit einem kleinen Stein. »Das mit dem Loch brauchst dem Sollacher nit zu sagen,« beschied sie die Zenzl.

Das Schießen mit der Armbrust nach der Scheibe kam nun in Hubertas Schießstunden als nächste Stufe daran.

Auf 10 Meter Entfernung den Bolzen in die Scheibe, dann auf 20, dann auf 30; dann auf ebenso weite Entfernung innerhalb der drei mittelsten Kreise: dann auf 10 Meter ins Schwarze; – auf 20; – auf 30; auf 40, – so hießen die Aufgaben.

Und später lernte sie das Gewehr anlegen, »anbacken,« es laden, damit zielen und treffen.

Aus Vaters Gewehrschrank durfte sie sich nach eigner Prüfung und Überlegung dasjenige aussuchen, das nach Gewicht und Schäftung am besten für sie geeignet war, das sie am leichtesten halten, am bequemsten anlegen konnte.

Zuerst war es eine Schrotflinte, mit langem glattem Lauf, wie die Jäger sie für die Niederjagd, die Jagd auf Hasen, Haarraubzeug, d. h. die vierfüßigen Raubtiere, und auf Wildgevögel, sogenanntes Federwild verwenden.

Innerhalb eines bestimmten Kreises der Scheibe, auf so und so viel Entfernung, so und so viel Schrotkörner einschießen mußte sie nun, die damals Zwölfjährige, mit der vorher von ihr selbst geladenen Flinte.

Eine ausgestopfte Eule wurde geopfert und auf einen mit Bedacht ausgesuchten Baumast gesetzt; die ward so lange zum Ziel genommen, bis ihr Federgewand ganz zerstob.

Dann kam eine Glaskugel daran und dann eine Tontaube, welche beide der brüderliche Lehrmeister, der »Lehrprinz«, wie in der alten Weidmannssprache der Jagdlehrer heißt, in die Höhe warf.

Denn auf das flüchtige, das sich fortbewegende Ziel zu schießen und es im richtigen Punkt zutreffen, das ist ja erst Weidmannskunst.

Huberta lernte die Regeln des Zielens auf das bewegliche Ziel, das Berechnen seiner Fortbewegung, das richtige Visieren.

Als sie dreizehn Jahre alt war, sollte sie zum erstenmal ein lebendiges Eichhörnchen schießen.

Mit Maxens Flinte, über Ruperts Schulter hinweg mußte sie zielen; sie konnte aber nicht, konnte nicht vor Lachen, – eigentümlich krankhaftem Lachen, das eigentlich ein Schluchzen war.

Ein Schauer und Schütteln ging ihr über den Leib.

Mit schluchzendem Auflachen gab sie ihrem Bruder die Schrotflinte zurück.

Der hat sie verstanden.

»Nicht töten,« sagt ihr tränenglänzender, um Nachsicht bittender Blick.

Ein zu starker Widerstand gegen das Lebenvernichten lag in ihrer Natur.

Viele hundert Male hatte sie das geschossene, mit geronnenem Schweiß bedeckte Wild zu Haus in Empfang genommen. Die Regungen des Bedauerns, die sie anfangs dabei stark übermannt, hatte sie bald beherrschen gelernt. Sie wußte, daß der Vater und ihre Brüder die Jagd im edlen Sinne betrieben, kein Stück mehr schossen, als dem Wildstand des Forstes angemessen war, so daß er nicht ausartete zum Schaden des Waldes, sich nicht verringerte zum Schaden der Jagd und doch dem hohen Jagdherrn reichen Ertrag bot.

Sie wußte, daß ihre »Mannen« scharf schossen, in weidgerechter Entfernung, die Kugel aufs Blatt des Wildes, wo sie Herz und Lunge trifft, ein rasches Verenden bewirkt und starke Schweißfährte erzeugt, nach der das todeswunde Tier vom Schweißhunde möglichst schnell aufgefunden wird.

So bereiteten sie dem Wild den raschesten, schmerzlosesten Tod, im Gegensatz zu den Jagdpfuschern, den Aasjägern, wie der Vater sie nannte, all dem gewissenlosen Wilddiebsgesindel.

Der Haß und die Empörung auf diese und der damit verbundene ewige Kampf und Krieg gegen sie, das war im friedlichen Forsthaus die einzige, alle durchlodernde unfriedliche Leidenschaft.

Bis ins tiefste junge Herz ist auch Huberta von dieser Leidenschaft erfüllt und mitgerissen.

In gemeinsamem, bebendem Zorn haben sie sich oft angesehen, ihr Vater und die Brüder und sie, wenn in schneestiller, mondheller Nacht im Walde Schüsse fielen.

Voll heller Wut hat die Huberta mehrmals die Hände geballt, wenn sie in verborgenen Moosbetten, die gerade sie mit ihren guten Augen gut aufzufinden verstand, krankes, von Schrotschüssen zerrissenes Wild gefunden, von unkundigen Gesellen angeschossenes, nicht richtig schweißendes, an inneren Wunden verblutendes Wild, das die Wilderer nicht aufzufinden vermocht hatten, das nun elend verloren ging, verluderte, wie's in der Jägersprache heißt.

»Die Malefizwilderer!« schimpft die Huberta herzhaft.

Sie hat mit dem Vater gezittert und gebebt, wenn er vom Reviergang nach Hause kam und losdonnerte: »Die Mütter knallen sie von den Kitzen weg, die Hallunken! Das edle Hochwild fangen sie in Schlingen!«

Ihr Leben lang hat sie in heimlicher Angst den unermüdlichen Kampf des Vaters und ihrer Brüder gegen die listigen, gemeinen Wildräuber mitdurchlebt, hat oft heimlich gezittert und gebebt für das Leben ihrer tapferen Mannen.

Je wilder sie aber gegen die Raubjagd, die gesetzlose, rechtlose Wilddieberei, je stolzer war sie auf des Vaters gesetzgerechte Kunst.

Sie war ein echtes Jägerkind.

Ein weidgerecht geschossenes Wild in der Fülle feinen Wildbrets, ein geschickt erlegtes Raubtier zu sehen, das erfüllte sie mit Genugtuung und Freude. Nur selbst Blut fließen machen, selbst einem Geschöpf den Tod bringen, das konnte sie nicht! – Nicht einmal den Nickel, dem Verramscher und Vergeuder, dem Eichkater, der glaubte, alle Nüsse und Samenfrüchte des Waldes seien nur für ihn da und er dürfe zehnmal mehr davon verstreuen als er aß, dem sie daher trotz seiner Zierlichkeit und Drolligkeit den Tod von des Vaters und der Brüder Hand nicht übel gönnte.

Der Lehrprinz Max hat sie wegen ihrer Weichherzigkeit nicht gescholten, sondern er betrieb seine Schießübungen mit ihr nur frischer und munterer weiter. Er lehrte sie, die richtige Pirschbüchse, mit der das edle Hochwild erlegt wird, kennen und handhaben, laden und abdrücken.

Ihren Wunsch nach ein paar Schießausgaben hat er ihr, »'vor sie in die Stadt ging,« gern erfüllt.

Sie mochten wundervolle Streifereien in den letzten Tagen durch die Wölbungen mit ihrem leuchtenden Buchengold zwischen den Fichten, mit ihren rostbraunen und goldgelben Birkenrändern, über Halden weg, geschlengelte Bergstraßen aufwärts, in die Berge hinein.

Einen roten Kinderluftballon aus Gummi brachte er ihr vom Kirchtag aus dem Marktflecken mit heim. Den ließen sie über der zehnjährigen Fichtenkultur überm Seeufer in die klare herbstliche Lust steigen, bis er wie ein Vogel hoch droben im Blauen erschien.

Da wurde er auseinandergeknallt mit scharfem Schuß.

Eine auf einem Feldstück überm See stehende abgestorbene, gleichsam versteinerte Krüppelfichte gleicht aufs Haar einem Gemsbock.

»Freilich einem kommoden,« sagt Max, »der den Jäger nicht äugt und windet und der nicht flüchtig wird! Dem schieß also mal mit der Kugel kein Auge raus, sondern eins ein, du besondere Gamsjägerin!«

Das mußte sie vom Boot aus tun. Es war keine leichte Aufgabe. Sie war stolz, daß sie ihr gelang.

Und über die Waldwiese weg mußte sie einen Stecken treffen, der in einem Maulwurfshügel steckte.

»Auf gerechte Rehbock-Schußweite! Wie viel macht's?« examinierte Max.

Sie erstattete prompt Antwort: »Hundert bis hundertzwanzig Schritt.«

»Also 120 nimm! Wir wollen's uns nit kommod machen beim Lernen!«

Der Vater nahm sie ein paarmal auf die Hühnerjagd mit, »'vor sie ging.«

Das war eine aufregende Geschichte.

Ein so wunderschöner dunkelbrauner Hund, der einem Prinzen, einem Vetter des hohen Jagdherrn gehörte, sollte vom Herrn Forstmeister auf dessen Bitte abgeführt, d. h. angelernt werden. Das war eine Heidenarbeit gewesen. Das wunderschöne und liebe Vieh hatte eben nur grad den einen Fehler, den allerschlimmsten für eine Jagdhündin, daß es nicht gehorchen wollte. Heut sollte die Lora nach langer Lernzeit bei einem größeren Jagdausflug ihr Probestück machen.

Huberta hatte ihr noch mit erhobenem Finger ins schöne, verständig-sanfte Hundegesicht hinein eingebläut:

»Du, sei g'scheit! Mit dem traurig und sanft die Leut anschaun ist's nit g'schafft! Paß fei scharf auf, was d' sollst und was nit!«

Am liebsten hätte die Lora der Huberta das ganze Gesicht abgeleckt vor aufgeregter Liebe auf diese Ermahnung. Das wurde zu ihrer großen Betrübnis aber dankend von Huberta abgelehnt.

»Nicht darauf kommt's an, sondern, daß d' hörst!« machte die Belehrerin ihr mit laut erhobener Stimme klar.

Die Lora schien nun mit treuherzigem Anschaun zu versprechen: »Wohl, wohl! Ganz g'wiß!«

Sie stand denn auch in fröhlicher Herbstfrühe des sonnigen Jagdtages drei Volk Rebhühnern nach allen Regeln vor.

Vor einem Hasen, auf den sie bei strengstem, durch den Ruf: »Wahr' dich!« ausgedrückten Verbot nicht losgehen durfte, stand sie wie versteinert oder festgefroren, die Rute schnurgrad weggestreckt, die Pfote mitten im Vorwärtssetzen halb gehoben, unbeweglich.

Huberta flüsterte ganz bewegt: »Brav, brav, Lora!« Da o weh!

Als der Hase Reißaus machte, konnte Lora der Versuchung nicht widerstehen und ging ihm nach.

Für solche Vergehen gibt's eine harte Strafe: das Stachelhalsband! – – Huberta sollte es der Ungehorsamen auf der Stelle umlegen. Deren schöne Augen schauten dabei aber so vertrauend und rührend mit so sanftem Flehen zu ihr auf, daß Huberta den Vater innig bettelte:

»Guts liebs Herrle, schenk's ihr doch dies eine Mal! Ich bitt' dich schön!«

»J, ja nit,« sagte der Vater ganz verwundert über Hubertas Bitte. »Soll was aus ihr werden oder nit?« frug er scharf.

Da hat die Jägertochter still genickt.

»Es soll was aus ihr werden,« sagte sie leise.

Und beherzt hat sie dem schönen Hund seine Strafe gegeben, ihm eindringlich dabei gedroht und ihm begreiflich gemacht, wofür er sie erhielt. – –

»So ist's recht! Darfst morgen dafür auch mit auf den Frühanstand, mei bravs Kind!« versprach ihr der Vater.

Auf den Frühanstand mitzugehn, – – er wußte schon, wie viel Glück und Freude das für sie bedeutete!

In aller heiliger herbstlich kalter Morgenfrühe eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang, als der Wald voll grauweißer Netze der Wanderspinne wie voll Gespensterschleier hing, ging's am andern Tage von zu Haus fort.

Da gab's bei Huberta ein heftiges Herzklopfen.

Es galt einem bestimmten starken Rothirsch, der ausgemacht und zum Schuß bestimmt war.

An dem Rande der Waldwiese, auf die das Edeltier jeden Morgen um dieselbe Stunde an derselben Stelle herauswechselte, stand Huberta in ihrem kurzen Lodenanzug von graugrüner verwitterter Waldfarbe hinter der Gebüschdeckung ein paar Schritte weit vom Vater.

Unhörbar ist sie mit ihm herangeschlichen.

Kirchenstill ist rings umher.

Und in fieberhafte Wallung kommt ihr nun das junge Jägerblut.

Alle Anspannung, alle Erregung des Wartens auf das austretende Wild macht sie genau wie der ansitzende Jäger es selbst empfindet, mit durch.

Gerade als die Sonne aufging, die Tautropfen an den Spinnennetzen und auf den Spitzen der Gräser heller und immer heller in prismatischem Farbenspiel zu funkeln begannen, trat der Zwölf-Ender, ruhig äugend, aus dem Holze.

Und nun lebte sie das Kommende durch, als hielte sie selbst das Gewehr in der Hand.

Wie in der Starre stand sie: keine Bewegung durfte sie machen, damit sie das Wild nicht schreckte oder gar verscheuchte.

Wie das Tier so ruhig und schön stand, dann näher heranzog, ruhig äste, dann auf einmal argwöhnisch den Kopf hob, aber beruhigt ihn wieder senkte und weiter äste, da wußte sie so genau, als sei sie selbst der Jäger:

.

»Jetzt! Jetzt!«

Ohne den Vater anzusehn, wußte sie aufs Haar den Moment, wo der Vater die Büchse hob, aufs Blatt zielte! –

Nun kracht's!

In ein paar langen, raschen Fluchten stürzt der Hirsch davon und bricht zusammen, noch ehe er das Holz erreicht.

Das war ein feines Jägerstück! Eine gute Beute! Mit stolzer Freude steckt Huberta ihrem Vater das Zeichen glücklicher Jagd, den graugrünen Tannenbruch, ans Jägerhütl. Es hat sie eigentümlich ernst und froh bewegt.

Man erlebt alles Erleben so doppelt tief und klar in der beseelten Zeit, den eigenartigen Tagen, ehe es an einen schweren Abschied geht.

* * *

Deshalb war auch der letzte Besuch im Marktort für die Huberta so besonders eindrucksvoll.

Ihren Abschiedsbesuch bei dem Pfarrer, der ihr Religionsunterricht gegeben und sie im kleinen Kirchlein der evangelischen Gemeinde eingesegnet hatte, mußte sie noch machen.

Huberta war nach ihrer evangelischen Mutter, die aus dem sächsischen Erzgebirge heraus ins mehr katholische Bayerland den katholischen Mann geheiratet hatte, evangelisch.

Da war's gut, daß der Seeflecken durch seine vielen Sommerfrischler, seine Hotels und Villen, die sich von dem Kern des Ortes, dem echtbayrischen Haufendorf, weg um den halben See herumgezogen hatten, mit der Zeit auch mehr und mehr evangelische Bevölkerung und ein eigenes protestantisches Kirchlein bekam.

Das kleine Pfarrhaus liegt weit ab vom gemütlichen Häusernest mit seinen Gäßchen und Ecken, in einem wildschönen kleinen Blumengarten und sieht im Herbst aus, als ob es brennte, so lodert der unbändige wilde Wein daran hernieder und daran herauf.

Ergreifend schön scheint das alles in diesen Abschiedstagen, die auch des Sommers Abschiedstage sind.

Und der silberhaarige Pastor und sein sanftes Altchen von Frau scheinen doppelt gut, doppelt zart und bescheiden in diesem purpurnen Prunk.

Das ganze Örtchen heute so eigen reizvoll, die Villen alle in rotem Wildwein und selbst so weiß und so blank gegen den Seeschimmer und das Bergesblau!

Und der Flecken heimatlicher als je mit dem brenzlichen Geruch des Herdfeuers aus allen Gäßchen und Gassen. Den großen Torfmooren der Gegend nach dem Flachland zu entstammte dies extra heimatlich duftende Brennmaterial. Durch das winklige Gedräng unregelmäßig gestellter Häuser mit Zickzackgäßchen und Nebengäßchen schnitt in schnurgerader Linie die bergige Hauptstraße mit der schönen von einem goldigen Sternenkranz umfunkelten, mit Asterkränzen geschmückten Mariensäule, den querüber schwebenden Ketten, die die mondrunden elektrischen Lampen trugen, die abends im Glanze des von der Wildbachkraft erzeugten elektrischen Lichts auch wirklich wie sechs volle Monde schimmerten.

Wie liebte Huberta das alles!

Und die blumigen Gärtchen! Und die behaglichen Firmenschilder, die drolligen Kauflädchen, die spielenden Kinder auf den Schwellensteinen mit ihren Wägelchen, in denen ihre Puppen oder noch kleinere Kinder lagen!

Diese kernigen, braunen, blau- ober braunäugigen Kinder mit ihren prachtvoll gesunden und doch zarten runden Gesichtern, den rundgemodelten Gliedern vor allem! Sie waren Hubertus ganzes Entzücken!

Sie kennt fast alle. Und alle kennen sie.

»Sollacherfräuln!« »Förstersfräuln!« schrein die kleinen frechen Dachse von Buben sie an.

Und die kleinen Mädchen kommen und geben ihr die Hände. – Sie bleibt fast vor jedem stehn zu einer kleinen Unterhaltung, lobt die gute Verfassung der Strampelchen auf ihrer Mutter Arm, beugt sich kosend zu dem ganz Winzigen in dem Wägelchen herab.

»Ja, was ist denn das für ein ernsthaftes Guckerl?« redet sie eins an. »Kennst mi denn? Tust lachen, du? Willst mir dei Trompeterl in'n Mund stecken?« – – –

Einem zweijährigen, weinerlichen, »maunzigen« Buberl auf seiner jungen Mutter Arm, einem rechten »Granterl«, droht sie scherzend:

»Daß d' nit lachst!«

Und im Nu bricht's kleine Granterle mit der großen Gockelfeder auf dem winzigen Hütel in ein helles Auflachen aus.

Das Briefträgers-Waberl mit der knallroten Vogelbeerkette um den kleinen braunen Hals bewundert sie gebührend.

»Bist du heut schön!«

»Und du bist brav,« lobt sie ernsthaft das Katterl, das aus Leibeskräften an einem winzigen Strumpfe strickt. »Du wirst amal a ganz a Ordentliche! A Rechte! Was willst beim werden, sag', wenn d' groß bist? Weißt scho?«

Das Katterl antwortet, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, altklug:

»O freili – Ladnerin! Beim Zemperer!«

Der Zemperer, das ist die »Handlung« des Marktfleckens, wo es Schnitt- und Materialwaren, Ansichtskarten, Andenken und »Zuckerle« gibt.

Eine Altersgenossin vom braven Katterl teilt ungefragt mit:

»I werd Kellnerin in der Post!«

»Und i a Badfrau!«

»Und i a Bergführer!«

»I a Holzer!«

»I Schandarm!«

So geht's nun in der kleinen Kinderansammlung laut und lebhaft untereinander.

Während dem kommt ein besonders nettes Mäderl mit strahlendem Gesicht über die Gosse gerannt, auf Huberta zu.

»Grüß di Gott! – – Sollacherfräuln!« schrillt's hell und laut.

»Ja, grüß di Gott, liebs Reserl!« sagt Huberta erfreut und fügt dann, das Kind erstaunt ansehend, hinzu:

»Ja, wo hast denn 's Roserl heut?«

Die Kleine ruft: »Da kommt's!« –Die blauen Augen von veilchenhaftem Schimmer weisen dabei im Verein mit einem nicht extra sauberen, braunen Fingerlein triumphierend über die Gasse.

Ganz müd und bleich, spitz und schmal, aber übers ganze Gesichtchen lächelnd, als sei das in Sonnenschein getaucht, kommt etwas dahergeschlichen.

Huberta ruft mit einem Ton herzlicher Liebe und großer Bestürzung:

»Ja, aber Roserl, was ist denn mit dir geschehn?«

Das kleine Wesen schmiegt sich schämig und selig an sie an und berichtet mit einem matten, wehen Stimmchen voll unsagbarem Stolz:

»An Maser hab i g'habt!«

Masern! – – – Huberta blickt das Kind kopfschüttelnd an. Können Masern so verheeren?

»Ja, Rosi, – – aber Rosi!« sagt sie stockend. Sie hätte ihr wunderschönes Roserl, das schönste und blühendste aller Dorfkinder, ihren heimlichen Liebling unter allen, in dem wackligen Geschöpfchen kaum wiedererkannt.

Ebenso schlank und doch weich ausgefüllt, braun und fest und voll Grübchen wie das Reserl war es noch vor knapp drei Wochen.

Da hat sie noch so herzlich über das Kind gelacht.

Gewöhnlich flogen die beiden, das Roserl und das Reserl, gemeinsam auf sie zu, wenn sie sie im Orte wußten, die Hände voll Blumen, rasch abgezupft, eng zusammengeplustert.

»Sollacherfräuln! Da! Wir hab'n dir Bleamerln brocht!« schrien sie jubelnd, mit vereinten Stimmen, schon immer von weitem.

Vor drei Wochen aber, bei Hubertas letzter Anwesenheit im Ort, gab's nichts dergleichen.

.

Da war das Roserl stolz. – Geistlicher Hochmut und weltliche Eitelkeit hatten sie vereinigt ganz umsponnen. In der Prozession ging's, – unter mindestens hundert von betenden Männern und Frauen. Statt wie gewöhnlich im roten Kattunröckel, etwas malerisch verschlampt, ging's im steifgestärkten weißen Gemächte von Kleid, die braunen, weichen Löckchen geölt und fest wie Schuhriemen zu Zöpfchen geflochten, mit roten Wollfäden verlängert und ums Köpfel gelegt, einen gemachten Myrtenkranz darauf. – Die schönen, braunen Bloßfüßel steckten in mächtigen Schuhen; – die Handerln mit dem Rosenkranz hielt's dicht vor den Mund gepreßt, daß man beileibe kein lachendes Zähnchen blitzen sah. – Als ganz außergewöhnliche Erscheinung fühlte sich's; – nicht um die Welt hätt's »Grüß Gott!« gesagt; – nur mit einem Blick unsäglichen Stolzes hat's das Sollacherfräuln gestreift. Sogar sein Reserl hat's nicht beachtet. Das stand, ganz erdrückt von Roserls Fürnehmheit, am Wege, sein Gesichtchen ein einziges Bewundern, Sehnen und Neiden.

Sonst waren sie die unzertrennlichsten Freundinnen, das blonde, blauaugete Reserl und das braunlockige Roserl mit den seltsam lieben Augen von samtigem, tiefdunklem Grau mit dem tiefschwarzen Wimperrand. Selten sah man eins der Kinder ohne das andere. Frug Huberta das Roserl, wenn sie es ja einmal traf: »Magst mir heut kei Bleamerl brocken?« so kam sicher die Antwort:

»Schon! – Wann dir d' Resi welche brockt!«

Frug sie das Reserl: »Gehst a Stückerl mit mir, Herzerl?« so lautete der fröhliche Bescheid: »Wann d' Rosi mitgeht!«

Das war alles immer so voll Lachen und Leben und Lust!

Huberta konnte sich in das blasse, veränderte Kind mit dem mühsamen Lächeln heute gar nicht finden.

Sie hat ihm einen großen, geflochtenen Wecken und drei saftige Pfirsiche gekauft, ihm ein paar Markstücke fest in's dünne Händchen gedrückt, es recht ermahnt, der Mutter einen schönen Gruß zu sagen, und sie solle ihm Eier und Milch und »a bisserl a Fleisch« kaufen für das Geld. – – –

Ob sie es nur gut pflegen? dachte sie voll Besorgnis. Roserls Vater, der Hanker-Sepp, war im Sommer Fischer, im Winter Eisbrecher auf dem See, daneben Tuchwirker und noch mancherlei.

Kürzlich hatte er wieder geheiratet, der Sepp, nachdem ihm die erste Frau, eine nette, liebe, im letzten Winter weggestorben war.

Der verlassenen mutterlosen Kinder hatte die Huberta sich fleißig angenommen. Die neue junge Hankerin hatte ihr aber zu verstehen gegeben, daß sie bei der Erziehung ihrer drei Stiefkinder, Rosels und der beiden Buben, keiner Aufsicht bedürfe. Sie werd's schon machen.

»Ob die Stiefmutter wohl gut zu den Kindern ist, so recht gut, wie eine rechte?« dachte Huberta bang.

Sie war heute am Grabe ihrer Mutter, von dem sie nun auch Abschied nahm, extra nachdenklich und in Träumerei verstrickt.

Fest mußte sie manchmal die Zähne zusammenbeißen, um nicht aufzuweinen an diesem Grab über etwas Verlorenes, das sie nie besaß.

Und heut war's ein Herbstnachmittag, so extra geschaffen zum Sehnen.

Der Mutter Grab lag im protestantischen Teil des Friedhofs unter lauter Epheu und wilden Rosenstöcken, die jetzt über und über voll glühendroter Hagebutten wie voll Blutstropfen hingen.

Es trug nur einen einfachen Marmorstein, unter dem Namen die Worte: »Die Liebe höret nimmer auf!« – – – Darüber war eine Rehgais in den Stein gemeißelt, schlicht und kindlich, von eines Bauernkünstlers Hand, ein junges Kitzchen dicht an das Muttertier angeschmiegt, trinkend. Tief gerührt starrte Huberta heute auf dieses ihrem lieben Waldleben entnommene vertraute Symbol.

Die Mutterliebe der Tiere, wie oft hat sie die schon in Sehnsucht aufseufzen lassen nach dem Glück der jungen Menschenkinder am Mutterherzen, das sie nie gekannt hatte!

Alle die kleinen tapferen Mütter im Tierreich!

Sie hat einmal eine Rehricke gesehn, die mit ihren vier kleinen harten Hufen, eng zusammengestellt, eine Kreuzotter zertrampelte, einen »Wurm«, wie die Leute sagen, der ihr zierlich geschecktes junges Kind bedroht hatte.

Sie hatte die Gluckhenne ihre Küchlein vorm Habicht verteidigen sehn, sich davorstellen, schreiend, die Flügel starr auseinandergesträubt, wie ein stählernes Schild, alle Federn gesträubt.

Die kleinen Vogelmütter, die ihre Nester vor den scharfen Raubvogelblicken verstecken und sich den Platz für ihr Kinderstübchen so sorgsam aussuchen müssen, die so angstvoll schrein, wenn der Häher durchs Gebüsch schlüpft oder gar der Fuchs mit den scharfen falschen Augen ins Nestglück schielt, – wie haben die sie immer gerührt! – – – – – – – –

Mit ihrer ganzen Resolutheit muß sie sich heute herausreißen aus ihren gedankenvollen Träumen.

Der kleine Friedhof ist heute so licht, die Luft so klar, das goldene Laub segelt so grad und ruhig herab von den alten Linden, das helle Weiß und Gold der Grabsteine, das Schwarz der schmiedeeisernen Kränze und das Feuerrot und Lila der letzten Gräberblumen stehen so kräftig gegen das zarte Duftblau der fernen Berge.

Von den Bergen kommt's aber schon frisch daher, gar nicht träumerisch, sondern herzhaft und kräftig kühl.

Um ein Menschenkind aus einer zu weichen Stimmung zu reißen, dazu ist solch ein bayrischer Bauernfriedhof auch aufs beste angetan.

Huberta vertiefte sich beim Herausgehn zwischen den Bauerngräbern in das Lesen der Grabschriften, oft den Kopf schüttelnd und heimlich lächelnd.

Da gab's eine Zacherlbräu-Grabstätte; eine im dreißigsten Jahr ihres Lebens verstorbene Grenzaufsehersgattin zu Pferd; einen ehrengeachteten Jüngling, Herrn Andreas Huber, Roßknecht, gestorben im 81. Jahr seines Lebens; eine Erescenz Steinacher, die im 15. Lebensjahr als Knopf – was Knospe heißen sollte, – gestorben war.

»Herr« wurden sie auf den Leichensteinen alle genannt, die Bauern und Dörfler und selbst die Knechte.

Das fiel Huberta heute zum erstenmal auf im Gegensatz zu den Gräbern ihrer Vorfahren, der langen Reihe von Sollachergräbern, die nur die Namen der Entschlafenen trugen und dazu meist auf den Gräbern der Männer den Titel: »Königlicher Oberförster« oder »Königlicher Forstmeister«.

* * *

Diese Entdeckung konnte Huberta gleich mit jemand besprechen, der gerade am Friedhof vorbeiging und ihr mit kräftigem Baß: »Grüß Gott, Fräulein Huberta!« zurief, dabei sein Hütl schwenkend, das mit Alpenrosen, Eulenflaum, dem Bundeszeichen eines Alpenklubs, und noch einer ganzen Sammlung andrer schöner alpiner Herrlichkeiten geschmückt war.

Der Herr Vollhuber, der Schullehrer war's, ihr einstiger Lehrer.

Der verdiente seinen Namen jetzt schon besser als früher.

Von dem feinen, zarten Jüngling mit dem seinen schwarzen Bärtchen war nichts mehr übrig.

Ein großer, breiter, stämmiger Mann war's, von der Alpensonne gebräunt, mit einem großen, breiten, mächtigen Vollbart versehen.

Der plagte die Herren im Herrenstübel jetzt weniger oft mit Gesprächen über neue Büchererscheinungen. Umsomehr sprach er von zwiegenähten Bergschuhen, von Gletschersalben, Eispickeln und Schneebrillen.

Er teilte Huberta mit, er käme von einer Herbstferientour, einer großen Hochtour aus Tirol, nachdem er sie zuvor herzhaft begrüßt und sie ihm gesagt hatte, was sie im Ort geschafft, was sie auf dem Friedhof erspäht und daß sie übermorgen abreise.

Wie einer, der von den höchsten Berghöhen kommt, sah er aus, mit Rucksack und alpenrosengeschmücktem Bergstock und mit dem weiten, freien Blick, der sich in die Enge des Tals noch kaum zurecht zu finden weiß.

Etwas Ingrimmiges, Zornbebendes haftete aber dabei an dem breitschultrigen, gleichsam sonnendurchtränkten Manne mit dem lieblichen Alpenrosenschmuck.

Er machte dieser Stimmung Luft in Form einer Ermahnung an die Huberta, in der er immer noch die Schülerin, den Zögling seiner von ihm immer noch nicht verschmerzten, lieben Extraklasse sah.

Seine zornige Entrüstung, die er von den Berggipfeln mit heimgebracht, betraf die Damen.

»So werden's nur nie, Fräuln Huberta, wie die meisten, von denen sind!« ließ er sich aus. »Verfallend nicht in denen ihre allgemeine Torheit! Es sind törichte Geschöpfe, – fast ohne Ausnahme!«

Mit drei Damen hatte er die große, herrlich lohnende Gletschertour unternehmen wollen, mit einer Kollegin aus dem nächsten größeren Flecken, die jüngst versuchsweise angestellt worden war, und deren zwei Münchner Freundinnen, erzählte er Huberta.

»Wegen mangelhaften Mutes und Schuhwerkes sind diese drei Naturfreundinnen aber auf halber Höhe in einer sicheren Sennwirtschaft hocken geblieben. Fräulein Huberta Sollacher, was sagen's da dazu?« frug er höhnend.

Er sprühte förmlich, der Herr Vollhuber, nicht nur vor Entrüstung über diese drei guten Mutes und guter Schuhe Mangelnden, sondern über das ganze Geschlecht.

Schon lange schien er Material gesammelt und sogar systematisch geordnet zu haben zu einem Angriff gegen die Weiblichkeit. Auf seinen Touren habe er diese Hälfte der Menschheit in sonderbaren Beispielen kennen gelernt, äußerte er sich.

Er hoffe, seine Schülerinnen dürfe er ausnehmen, wandte er sich daraus mit lautem Schall an Huberta.

»Übrigens,« sagte er, »ist's mit diesen törichten Wesen folgendermaßen bestellt:

» Erstens wissen's nit, wo rechts und links ist!' (Fräulein Helene Haas, die Kollegin, sei beinahe nach links in einen Abgrund gerannt, während er doch deutlich gesagt habe, der Weg ginge rechts!) Zweitens (er legte einen Nachdruck der Stimme auf die Ordnungszahl): haben's nie a Idee, wo Osten, Westen, Norden und Süden ist! Drittens weiß keine in einem Eisenbahnkursbüchel Bescheid! Dazu brauchen's immer ein männliches Wesen zur Hilfe. Wenn sie selbst blättern, fangen sie regelmäßig von hinten an. Viertens können's kei Generalstabskarten und kei Bergkarten lesen! Fünftens: nie haben's einen Kompaß in ihrem Besitz! Sechstens: Bei weitem nicht alle eine Uhr! Wenn schon, dann ist sie oft zu Hause oder sie geht meistens falsch. Siebentens: wann sie Ansichtskarten schreiben, fragen sie immer andere Leute, welches Datum und welcher Wochentag ist.« – –

Leider konnte Herr Vollhuber die Liste der Mängel, von der noch einiges übrig schien, nicht weiter fortsetzen. Denn während dieser Aufzählung war er, Huberta begleitend, mit ihr auf das Bahnhöfl des Ortes gelangt, wo der dreiwagige Lokalzug, der Huberta heimführen sollte, schon hielt.

Zur Überfahrt über den See und zum Gang durch den Wald langte es nicht an dem kurzen Herbstnachmittag.

Auf dem Bahnhof aber mochte der Herr Lehrer sich nicht weiter auslassen. Er verabschiedete sich vielmehr rasch, da ein Häuschen seiner Schulkinder, das Huberta nachgelaufen war, sich im kleinen Warteraum kichernd und flüsternd an sie herandrängte.

Das Katterl, das Ladnerin werden wollte, löste sich nach des Herrn Lehrers Entfernung flugs aus dem Kinderknäul und hielt Huberta ein in den »Seeboten«, die kleine Dorfzeitung, eingehülltes Buch entgegen.

»Sollacherfräuln, bitt' schön, schreiben's mir a Verserl in mei Album!« platzte sie mit erhobener Stimme feierlich heraus.

Das durfte das Sollacherfräuln keinem Dorfkinde abschlagen.

»Soll gern geschehn, Katterl!« sagte sie freundlich. »Übermorgen früh darfst dir's nur beim Zemperer abholen; ich leg' dir's ein, 'vor ich abfahr'.«

Auf der viertelstündigen Heimfahrt hat dies Bauernkinder-Einschreibe-Album der Huberta Sollacher zur zerstreuenden Lektüre gedient.

Da schrieb die Mutter ihrem Kind:

»Wenn einst nach langen Jahren
Mein Name wird genannt,
Da denk daran und sage:
Die hab ich auch gekannt!«

Eine »treue Freundin« verewigte sich mit dem Rat:

»Katti, willst du Rosen brechen,
Werden dich die Dornen stechen!
Katti, deshalb denke dran,
Katti, ziehe Handschuh an!«

Ein siebenjähriger »Schulfreund« schrieb dem achtjährigen Kattl:

»Solang noch Lebensfeuer
In meinen Adern rollt,
Bist du mir ewig teuer,
Bin ich dir ewig hold!«

Hinter diesem äußerte sich ein andrer:

»Schön ist's ja nicht geschrieben,

(Das stimmte!)

Aber gut ist's doch gemeint.
Meine Hände haben gezittert,
Meine Augen haben geweint!«

Darunter:

Dein Ahndl.

Dies war mit klecksverziertem Strich wieder ausgestrichen und dafür war gesetzt: Dein Schulfreund Valentin Unterwiesner.

Dem Valentin hatte sein Ahndl den Vers offenbar mit »zitternden Händen« in sein Album geschrieben, und der Valentin hatte ihn für Kattls Album weiter verwendet – sogar zuerst aus Versehen mit des Ahndls Unterschrift.

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