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Huberta Sollacher

Frida Schanz: Huberta Sollacher - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFrida Schanz
titleHuberta Sollacher
publisherTrowitzsch & Sohn
printrunFünftes Tausend
illustratorW. Gause
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140315
projectidae575776
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Viertes Kapitel

Der Max hatte einmal gesagt, die Zenzl habe etwas vom Staps.

Auf ihren Gang anspielen wollte er damit nicht. Der war bei der kurzgeratenen Alten mit den glänzendroten Backen und den fröhlichen Schalksäuglein auch absonderlich.

Aber der vom Staps war doch unvergleichlich, über jede Ähnlichkeit erhaben.

Staps war ein mehr als rasseechter Hund. Sein Vater hatte auf einer Jagdhundeausstellung den ersten Preis davongetragen, seine Mutter auf einer anderen Ausstellung gleicher Art desgleichen.

Von diesen vornehmen Eltern hatte der Staps die Schönheiten seiner Rasse: den niederen, langgestreckten Bau, den starken Vorderkörper zu dünner Rückhälfte, in hohem, ja übertriebenem Grad geerbt.

Staps war ein überzüchteter, überschöner Hund. Und er mußte darunter leiden.

Mühselig war das Gangwerk dieser kleinen Kreatur. Nach einem langen Pirschgang bluteten dem armen Bürschel einst die aufgelaufenen Innenseiten der Läufe. Huberta, die sich seiner immer besonders annahm, hat es entdeckt, hat sie ihm gewaschen und gesalbt. Seitdem und weil er auch schon altert und etwas gichtelt, wird das brave Jagdgehilflein öfters im Rucksack mitgetragen auf die Gamswindung, wenn es sich um eine Einladung von Alpenkollegen des Forstmeisters, oder auf die Fuchsspur, wenn es sich um größere Entfernungen im eignen Revier handelt.

Denn zum Aufspüren der Gemsen, sowie zum Kriegszug gegen Raubzeug, namentlich gegen die Füchse, seine Erzfeinde, ist er nicht zu entbehren.

Urkomisch ist er, wenn er dann den geschossenen, toten Fuchs noch wie rasend anbellt, ihm noch einmal die Wahrheit zu sagen scheint mit seinem wütenden Geblaff.

Die Huberta sagt: »Das tut er doch nur uns zur Gaudi! So einen durchtriebenen Lackl wie den gibt's auf der Welt nimmer! Der ist auch im Charakter überzüchtet und in der Schlauheit, der Lump der!«

Wenn ihn z. B. sein Herr gewichst hat, weil er verbotenerweise einen Hasen aufgejagt und er dann beim Abendbrot die Läufe auf die vom Herrn weitentfernteste Ecke des Tisches stellt, statt neben ihn, so täte er es nur, weil er wisse, ein allgemeines Gelache ginge los, und jedermann sei ihm wieder gut, behauptete sie.

»So eine kokette Dalketheit hat akkurat auch die Zenzl!« behauptet der Max. »Die tut auch so unschuldig und a bisserl einfältig. Faustdick hat sie's dabei hinter den Ohren. Mordsgescheit is sie, – extra, wenn sie ihre ganz dummen Antworten gibt uns zum Spaß!«

»Dir besonders!« behauptet Huberta. Der Max ist der Zenzl Liebling, und so oft der mit ihr anbindet, setzt's einen besonderen Schlager zur Antwort, das hat die Huberta auch schon längst weg.

»Wie schmeckt's, Zenzl?« rief der Max gestern in die Küche hinein zum Schinkenknödelessen.

Sie ließ die Äuglein verklärt funkeln und klopfte auf den Magen:

»Herr, ich möcht' grad nur, daß mein Buckel a noch a Magen wär'!«

Neulich hat sie der junge Herr gefragt, ob sie nicht auch ins Volkstheater in dem Seeflecken gehen wolle und dann: auf welchen Platz.

»A, i geh halt aufs Programm,« hat sie geantwortet. »Aufm Zettel steht nämlich: Programm 5 Pfennig.«

Sie steckt mit ihren siebzig Jahren noch voll Witz und Schabernack, wie durch ihr ganzes Leben.

Noch jetzt erzählt sie mit der ihr eigenen Dummdreistigkeit dem alten stolzen Windhofbauern, wenn sie ihn nach der Kirche auf dem Freithof trifft, wie sie ihm als zweijährigem Bübl, als sie im Windhof Kindsmädel war, das Lutschen am Schnuller abgewöhnt habe.

»A jungs Laubfröschl hab i halt einbunden! Wie des si g'rührt hat in Ihna Ihr'n Mund drin, haben's wol nix mehr wissen mögen vom Lutschen!«

Abends, zur Winterzeit, wenn die Jagdbediensteten und grad im Dienst stehenden Holzer in der großen, rauchgeschwärzten Jägerstube, an deren Decke allerlei auf den Pelzhändler harrendes Rauchzeug ausgespannt ist, mit ihren Knasterpfeifen um den Tisch im Eck, unter dem die großen Hunde sich strecken und räckeln, zusammenhocken, – dann hat die Zenzl gute Zeit. Dann erzählt sie ihre alten Geschichten, und die Jäger müssen die ihren erzählen.

Da wird aufgedrahtet, Jägerlatein geredet! Und die Zenzl lockt die schönsten Stückeln immer noch extra aus den Leuten heraus.

Wenn's so knallt und prasselt im Ofen von brennenden Scheiten und Fichtenzapfen und der Pfeifenrauch immer dichter nebelt, der Sturm draußen heult und orgelt oder die Stille unterm flockenstreuenden Wolkenhimmel fast Musik wird, da schlägt sie schlau und leis die erste Note an mit der Frage an den Heger-Toni, den alten weißhaarigen, wurzelbraunen Waldmenschen, der wie ein Adler ausschaut mit den scharfen Augen im scharfen, klugen Gesicht: »Wie is g'wesen, wie 'st da mit die Daxen Fichtenäste. aus 'm Wald gefahren bist?«

Und der Alte gibt mit dröhnender Stimme unter wildem Augenrollen und einem Faustschlag auf den Tisch Bescheid:

»Ob ihr's glaubt oder net, – über mi is hinganga!«

Er meint natürlich das wilde Gejaid, die wilde Jagd, die Wonne und den Schrecken jeder Forstmannsphantasie.

In die Herrschaftsstube hinein steckt die Zenzl dann den Kopf mit dem weißen Mauseschwänzchen und gibt das Signal:

»Fräuln, kommen's g'schwind! S' wilde G'jaid!«

Hubertas Lieblingsgeschichte, die sie nie versäumen mag!

»Fürchtig is g'wesen!« sagt der alte Jägersmann. Zum hundertsten Mal mindestens erzählt er diese Sache unter demselben starren Schauder seines Publikums und seiner selbst, wie beim ersten.

»I bin mit der Fuhr Astholz aus 'm Wald g'fahren. Da san die Pferd auf einmal g'standen. Nimmer weiter zu bringen warn's g'wesen, net an Schritt. Wie vor aner Mauer warn's g'standen! Die Bäum' hab'n sich nur so bogen. – Und a G'sauß und a G'braus, a G'heul und a grausigs G'pfeif hat ang'fangen über mi und meine Ross' ihre Köpf hin. Na hat's wieder geisterhaft: ›Huiu! Huiu!‹ g'schrien, gell aufg'lacht hat's, und Hund' hab'n g'kläfft, und heulende Viechsstimmen hast gehört über die ganze Luft hin. Jesus, Maria und Josef, grausi is g'wesen! Meine Gäul' waren um und um mit Schweiß bedeckt, als es vorbei war. Noch im Stall haben's stundenlang zittert, als i's heimbracht hab.«

Der alte Waldmensch selbst zittert, jetzt nach so langen Jahren, in der Erinnerung noch. Das Glasl Kirschwasser, das ihm die Huberta zur Beruhigung und Stärkung reicht, scheint ihm nötig.

Aber nun ist das Erzählen aufgeweckt durch des Hegers Vorantritt und das Kirschwasserl. Nun wissen auch andere Leut noch ihr Stückl vom Nachtgejaid!

Der Grieser-Sepp, der lange, baumstarke, holzharte Holzer, beruft sich immer kindlich auf sein Ahndl, wenn er seine schauerlichen Winterabendgeschichten zum besten gibt.

»Mei Ahndl selig hat's Gejaid einmal mitten in der Mitternacht grad durchs Haus fahren sehen!« berichtet er geheimnisvoll.

»Wie von an fürchtigen Windzug san die Türen aufg'sprungen,« beschreibt er mit schauerlichem Blick seiner geweiteten, fast aus dem dürren, von Wind und Wetter scharf gemeißelten Gesicht herausspringenden schwarzen Augen.

»Die Lichter san ausg'löscht. Die Rösser im Stall hab'n grad fort g'rasselt und g'scheucht. A Höllenspektakl is g'west, a Brüllen und Brausen, wie's G'jaid durch'n Denner Tenne. durch is. Die Rösser sind ganz liacht und durchsichtig g'wesen und die glühenden Kohlen aufm Herd ham's g'fressen. A weiße Gans watschelte ganz derletzt hinter drein. Mei Ahndl hat denkt, nimmer rühren kann er sich, so verstarrt ist er g'wesen, der Schreck hätt'n daschlagen, hat er g'moant. Aber Leut', so a guat's Jahr, hat's gar nimmer geben, wie selbigs Mal. Bald's G'jaid durchs Haus geht, da gibt's Geld! Das hat mei Ahndl allweil g'sagt.«

Geld! – Reichwerden! – – –

Von lauter Schätzen, Schatzheben, Schatzgraben reden sie nun.

Die Huberta hat an einem solchen Geschichtenabend hellauf lachen müssen, weil sie gerade an einen Brief von der Gundel, der jungen Schwester ihrer Stadtschwägerin Thea, dachte, den sie in der Tasche trug. Gundel schrieb: »Langweilst du dich nicht tödlich, armes Herzlein, an den furchtbar langen, öden Abenden in deiner Waldeinsamkeit?«

Bei solchen Geschichten! Und drinnen am Tisch die Mannen über Vater Diezels, Hartigs und Döbels Wild- und Waldbüchern und der neuen Nummer einer Jagdzeitung – und eben zwei Forstaufseher da, die Rapport erstatteten! –

Und das soll langweilig sein!

Einer der Holzschläger im Jägerstübel erzählt vom Schatzmüller, dem Schneidmüller im Gurgental, der vom Schatzgraben so reich geworden sei.

»An großmächtigen goldigen Schatz hat der unter an Lindenbaum tief zwischen dem G'wurzel g'funden. Schon allweil hat der Müller si aufs Schatzsuchen g'legt. Sei lustigs jungs Weiberl ist ihm jedoch glei nach der Schatzgräberei gestorben. Die hat nix wissen wollen von dem Gesuch nach Gold und den Zaubersprücheln. Sie hat immer g'moant, sie is so froh und z'frieden, no froher könnt's ja nimmer werden im Erdenleb'n. Die hat's richtig g'spürt. Wie das Geld ins Haus kommen is, is sie krank worden; und der reiche Müller hat bald kei Weib mehr g'habt. Jetzt hat er a Zweite, a Mordsböse! S' gibt halt immer an Ausgleich, mein i, daß keiner zu viel hat und daß 's keinem z'gut geht.«

Vom Freischützen, von Zauberkugeln, von allerhand Jagdwundern erzählen und munkeln sie. Immer grauslichere Sachen, wunderlicheres Gespensterzeug kommt zu Tag.

Die Zenzl weiß auch Gespenstergeschichten in Menge. Aber ihre sind lauter Schabernacksgeschichten, laufen auf Anführen und Lustigmachen über Leichtgläubigkeit und Bangherzigkeit hinaus.

Die letzte dieser Geschichten ist ein paar Tage alt. Und eigentlich ist's noch gar keine Geschichte. Noch ein Geheimnis ist's, das außer der Zenzl nur noch zwei und die Huberta wissen.

Dem Sepp, dem jetzt baumlangen, ehemaligen Schulkameraden der beiden Mädchen, dem jetzigen Holzfuhrmann und Holzer, und dem armen Babettl schaudert die Haut, wenn sie nur daran denken.

Die zwei jungen Leut' sitzen weit auseinandergerückt im Leutestübl. Scheu und entsetzt starren sie einander von Zeit zu Zeit an. Huberta kann's vor Mitgefühl und heimlichem Lachen kaum sehn.

Denn eigentlich sind sie ein Liebespaar, das Babettl und der Sepp. Der Sepp hat seit den Schulwegen der Kinderzeit das rotzöpfige Dingerl noch manche Male gepufft und dabei gesagt: »Du g'fallst mir!«

Neulich, vor wenigen Tagen, hat er am Brunnen, wo das Babettl Wasser schöpfte, dies etwas gesteigert und sogar geäußert: »He, g'fallst mir du!«

»Willst mei Schatz sein?« hat er sie am Abend spät auf dem Bänkl hinterm Herd unterm großen Rauchfang, wo die Liebesleut' unter den Ehhalten sich immer hinzusetzen pflegen, heimlich gefragt.

Und das hat grad müssen der Zenzl in den Wind kommen!

Der hat das nicht in ihren Kram gepaßt.

Ohnehin muß sie zum versponnenen und vergeßlichen Babettl tagsüber zehnmal sagen: »Schleun' di! Schleun' di!«

Nun soll's gar mit Liebesgeschichten noch vergeßlicher gemacht werden! Die soll erst mal etwas Tüchtiges in der Wirtschaft lernen, sich was verdienen und sparen. Und der Sepp soll erst seine drei Jahre abdienen beim Militär in der Stadt! Mit dem Schätzeln hat's da nach ihrer Meinung noch lange Zeit!

Mit ihrem verschmitztesten Gesicht und einer großen eisernen Stallkette im Arm ist die Zenzl die Bodenstiege bis zum Rauchkammerl hinaufgekraxelt.

Und dann ist auf einmal das ganze wild G'jaid unter entsetzlichem dumpfen Gepolter und höllischem Gerassel zum Rauchfang niedergefahren. – Auf und ab! – Auf und ab! – – – Und mit wildem, gellenden Angstgeschrei ist das angehende Liebespaar auseinandergestoben.

Bis jetzt haben sie nicht ein einziges Wort wieder miteinander zu reden getraut.

Nicht mit einem Blick hat der entsetzte Sepp wieder zum Babettl zu sagen gewagt: »G'fallst mir du!«

 

Aber nicht nur derartige ausgelassene, sondern auch ernste und schöne Geschichten weiß die Zenzl. Freilich nur solche, die sich um zwei bestimmte Personen ranken: König Ludwig und – die Frau.

Mit aller Liebe, allem Zauber einer heiligen Erinnerung umspinnt das alte kecke Weiblein die beiden.

Denn sie kann auch ernst sein, die komische Alte, Würde und Wichtigkeit an den Tag legen und seine Gescheitheit, gerade wie der Dackel in seinen Ernststunden, wenn er in weiter Entfernung bei einer Hochgebirgsjagd durch die klare Luft die Gemsen windet.

Wenn die Zenzl von König Ludwig anfängt, da sprechen sie im Jägerstübel alle mit. Denn jeder, bis auf die ganz Jungen, hat ihn noch gesehn, hat es erlebt, das Geheimnisvolle, Wunderbare, Unerwartete der nächtlichen Durchfahrten durch die winterstillen Ortschaften in die einsame Schneewelt der Berge hinein, im märchenhaften Schlitten, im Mondschein meist, unter leisem, lieblichem Geklingel und Fackelgeleucht.

Im Forsthaus ist er einmal bei einer Mondscheinrundfahrt vom Schloß Schachen aus ein paar Stunden zur Nacht geblieben; deshalb hat die alte Zenzl wohl ein Recht, von ihm wie von einem guten Bekannten zu reden.

Ihr hat sich dieses bleiche, ernste Antlitz für ihr Leben eingeprägt. Sie hat ihm den kostbaren Pelz umgeben dürfen, hat den Teller und das goldgeränderte Weinglas abwaschen und zum Gedächtnis für alle Zeit auf den Wandbort apart setzen dürfen, aus dem er getrunken.

Wie »die Frau,« die junge Försterin, in ihrer ganzen Lieblichkeit, im Lichte der vielen Lampen und Kerzen, die im Hause rasch angezündet worden waren, mit ihren drei Buben auf der Diele stand und ihm so bewegt und beglückt in die taghelle Schneewelt nachrief:

»Fröhliche Weiterfahrt, Majestät!« –

und er noch einmal wie aus einem Traum erwachend, mit den dunklen Augen aufblickte, auf das lebensvolle Bild starrte und mit der Hand zurückwinkte, – – – das hat die Zenzl in aller Frische in ihrem Gedächtnis aufbewahrt.

Ein paar Jahre darauf waren sie beide tot, der ernste Königsgast und die junge, lachende, blühendschöne Frau.

Der König zuerst. –

Die Frau hat noch unter Schluchzen um das goldgeränderte Glas auf dem Sims eine schwarze Florschleife geknüpft. – – –

Von der Frau erzählt die Zenzl, mit Ausnahme dieses einen Zusammenhangs, aber nie vor Andern.

Diese ihre kostbarsten und liebsten Geschichten sind nur für die Huberta da.

In ihrem Kämmerchen, wo sie abends beim Schein ihrer kleinen Lampe oft lange vor dem schönen Jugendbild der Försterin sitzt, oder Sonntag nachmittag auf der sonnenwarmen Hausbank oder in der Laube erzählt die Alte sie dem jungen Mädchen.

Ihre Stimme wird dann völlig weich und heimlich, und sie hat ein scheues, ängstliches Getu und Geschau dabei, als wolle sie nur ja nicht, daß der Herr es hört und weiß, daß sie von der Toten spricht.

Auch das hat die Zenzl mit dem Staps gemein, dieses liebevolle Zittern vor dem Herrn, der doch beiden nie etwas Böses getan hat.

Es gibt aber auch ein Zittern, das nicht Angst ist. Beim Staps ist's Appell, Liebe zum Herrn.

Bei der Zenzl ist's jene Ehrfurcht und Scheu, die viel größer ist, als die vor der Strenge, die Ehrfurcht vor einem Schmerz, den ein Mensch erlebt hat und den die Zeit nicht heilt.

»Sie war wie ein Muttergottesle!« sagt die Zenzl.

So gut, so schön, so heilig, meint sie.

Sie weiß, die Krone seines Lebens ist dem Manne genommen, seit dieser Schmerz ihn gebeugt hat. »Gebeugt« ist freilich, äußerlich genommen, ein ganz falsches Wort. Seitdem die Frau von ihm ging, ist die Jäger-Kraftgestalt womöglich noch höher geworden, noch höheren Hauptes schreitet der Mann durch sein Revier.

Und doch ist um seine blauen, treuen Augen etwas so heimlich Leidvolles, ein paar ganz feine Striche, leise Fältchen nur.

Der Wald ist stat.

Der macht auch die Menschen stat, treu in ihrer Liebe, ihrem Schmerz, treu in ihrem Gedenken an die Toten.

Sein Lachen geht der Zenzl eigen ins Gehör. Das hat früher ganz anders geklungen.

Ein einziges Freuen und Lachen ist die ganze Ehezeit der beiden Leute gewesen.

Schön und förmlich froh träumend hat die Frau noch im Sarge gelegen, einen Kranz von hellen Rosen im Haar, den die Zenzl gewunden, in lauter feine edle Rosen gebettet, die die Leute aus dem Seeflecken und den Bauergärten geschickt hatten.

Der alte evangelische Pastor aus dem Ort hat, als er die Leiche seines lieben Gemeindekinds einsegnete, gesagt:

»Die sieht aus, als ob sie nie einen Kummer gehabt hätte, nur lauter Freud'!«

.

Und die Zenzl schildert sie in ihrer Weise:

»Nicht ein Rümpele hat sie im Gesicht g'habt!«

Für die Schwester ihrer großen Buben habe man sie oft gehalten.

»Oder an a Vogelmutterl hat ma denken müssen,« meint die Zenzl, »das so klein und so gar fein ist und so froh mit seinen Jungen, das so gut für sie sorgt.«

Der Huberta zuckt und zittert etwas im Herzen, wenn sie die einzelnen lieben Mutterausdrücke hört, in denen die Frau zu ihren Buben geredet hat und die die treue Alte sorglich in ihrem Gedächtnis für die junge Tochter aufbewahrt.

.

 

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