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Huberta Sollacher

Frida Schanz: Huberta Sollacher - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorFrida Schanz
titleHuberta Sollacher
publisherTrowitzsch & Sohn
printrunFünftes Tausend
illustratorW. Gause
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140315
projectidae575776
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Zweites Kapitel

Über die tausend und tausend Kronen des heimatlichen Hochwalds sah die Huberta von ihrem Zimmerchen aus die Sonne aufgehn jeden Morgen. Da ging immer ein eigenes Rauschen und Zittern, wie ein Andachtschauer, durch die Zweige. Frisch, wie in der ganzen langen Nacht nicht, wehte es durch die weitgeöffneten Fenster zu ihr herein.

.

Da sprang sie immer flugs auf von ihrem Lager; mit gematteten Händen stand sie im Unterrock und Morgenjäckchen lange am Fenster und schaute hinaus und schaute hinauf und schaute hinein in ihr Herz. Junger, guter, froher Wille zu fleißigem Schaffen, zu Gutsein und Rechttun ging darin jeden Morgen neu auf, wie eine helle, wärmende Sonne.

* * *

Es ist ein uraltes Forsthaus in den Voralpen, in der Unermeßlichkeit riesiger, königlicher Wäldermassen des Bayerlands, des Hochplateaus, das sich mächtig breit und unmerklich aufsteigend, zwischen zwei Donauzuflüssen gegen die Alpen hin erstreckt, der Huberta Sollacher Vaterhaus. Eins der behaglichsten, größten und schönsten des Landes, ist's seit über hundert Jahren in derselben Familie von Grünröcken vom Vater auf den Sohn geerbt.

Wie ein großes Bauernhaus ist's gebaut, mit grünen Fensterläden und hohem zeitgebräuntem Ziegeldach, nur etwas herrschaftlicher, zu einem Viertteil mit Epheu umrankt und durch die Nachbarschaft der turmhohen Jahrhunderttannen und Edelfichten viel romantischer als die großen Bauernhäuser, sonst ihnen in allem gleich.

Das Brennholz, die Scheiteln, liegen ebenso an der nördlichen Hauswand aufgeschichtet, der Blumengarten strotzt ebenso voll Rosen und Phlox, Levkojen und Löwenmaul, voll Reseden, Braut im Haar, rankender Kresse mit brennendroten Blumen und regenschirmartigen großen Blättern, voll rosa und lila Wicken, im Herbst voll Stockrosen und Georginen; der Obstgarten ist ebenso voll alter, wuchtiger Bäume, breitschattend und sonnendurchblitzt, über grünem, kräutleindurchwachsenem, doldenüberblühtem Gras, der Gemüsegarten voll Kohl und Kartoffeln und Beerensträuchern, wie bei den wohlhabenden Bauern. Nur im Blumengarten ist alles etwas schönheitsvoller und zierlicher geordnet, die Blumenbeete sind mit Muscheln eingefaßt, die Gartenmöbel behaglich und breit aus stämmigen Eichen- und Birkenästen gezimmert, die Lauben außer mit dem traulichen Gaisblatt mit der schönfarbigen lila und der vornehm duftenden elfenbeinweißen Waldrebe umrankt.

In den Grasplätzen vor dem Haus stehen, aus Tannenholz und Borke gefertigt, Schubkarren und landesübliche Mistkarren als Ziergeräte, voll üppig blühender und wuchernder Geranien und Kressen; vor dem Tor auf dem kleinen freien Rundplatz rieselt und gluckst das Brünnchen in eine Muschelschale von poliertem, gelbweißem Alpenmarmor. Und über dem Eichentor, unter dem vorspringenden, holzgeschnitzten Giebel, prangt zwischen Malereien und Jägersprüchen ein geschnitzter Hirschkopf mit echtem, vierzehnendigem Prachtgeweih.

Zu diesem Familienwappen passen sie, die jetzt vorm Haus beim Abendmahl und -trunk sitzenden »Mannen,« wie die Huberta ihren Vater und ihre Brüder gern heißt. Zwei von den drei Söhnen sind jetzt zu Haus, der eine, der Max, der Forstadjunkt, ständig; Nummer Zwei, der Hubert, selbst schon junger Oberförster und Familienvater, nur auf einem kurzen Geschäfts- und Heimatsbesuch. Stämmig, hochgewachsen sind die jungen Herren beide. Der Vater, der Herr Forstmeister, übertrifft sie an Länge und Breite jedoch noch ein kleines Teil.

In dem rotblonden, mit Grau durchschossenem langen Bart, dem vollen, kühn und doch milde geschnittenen, wohlwollend dreinschauenden Gesicht, mit dem hellen, klaren Blick, der würdigen Haltung, im graugrünen Filzhütl mit dem Eulenstutz, der offenen Joppe über dem groben, gleichfalls über dem braunen Hals offenstehenden Wollhemd und den derben Schuhen bietet er ein kerniges Weidmannsbild.

Hubert erscheint etwas bleich neben dem wetterharten, sonnenbraunen Vater und Bruder. Das hat seinen Grund. Huberta hat's mit Sorge gesehn, wie der Bruder ein paarmal so tief geatmet und nach Luft geschnappt hat bei einem kräftigen Aufstieg auf einen ins Revier gehörenden Waldberg gestern. »Tut's dich quälen?« hat sie ihn ängstlich flüsternd gefragt.

»A Deixelsgeschicht ist's!« hat er stirnrunzelnd im Flüsterton geantwortet und dann gleich darauf gelacht und ganz ungeheure Jagdgeschichten erzählt, als sei ihm nichts.

Was ihm aber ist, was ihm zu schaffen macht, schmerzlich und wohlig – die Huberta weiß es genau.

Heimatluft! – In dem Wort liegt alles!

Der Hubert ist jetzt Oberförster in der Ebene draußen, im Unterland, am Lech. Vor Jahren hatte er das schönste, interessanteste Revier des Oberlands; sein Forsthaus lag, von Hochwaldtannen umhegt, an einem schäumenden weißgrünlichen Wildbach, tief in den Bergen drin. Mit wehem Herzen hat er sich von da versetzen lassen müssen, »weh« in bildlichem und körperlichem Sinn.

Ein Herzleiden, das er seiner Jagdleidenschaft zu verdanken hatte, war daran schuld.

Zwei feiste Gamsböcke hatte er im Rucksack durch eine kalte, feuchte Schlucht in der Nacht sechs Stunden lang auf dem Rücken nach Hause geschleppt.

Als er den Rucksack zu Hause abwarf, war's, als hätte er keinen Boden mehr unter den Füßen, als flöge er viele Meter hoch in die Luft oder als zöge man die Erde unter ihm weg. Er war nach seiner Krankheit nicht mehr der Alte; einen Herzklappenfehler hat er bekommen, hat die Luft der hohen Berge und das Steigen nicht mehr vertragen gekonnt.

»Gut, daß der Großvater das nicht mehr zu erleben brauchte,« hat er in seiner schweren Krankheit danach einmal beschämt zur Huberta, die seiner jungen Frau in seiner Pflege beistand, gesagt.

Der Großvater! Der unvergeßliche Alte!

Grad jetzt reden sie bei dem aus Eiern, Pilzen, kräftigem Schinken und Wild bestehenden Abendbrot wieder mal so recht lebhaft von ihm, die drei Jager und das Jagerfräuln!

Hubert verkündet, bei einer fürstlichen Treibjagd, zu der er geladen gewesen, sei von ihm die Rede gewesen als von einem Jägeroriginal und einer Forstwirtschaftsautorität allerersten Ranges. Jägersleute, mit denen er nie vorher gesprochen, hätten von den Jägerstückeln des Alten gewußt und erzählt.

Der Vater sagt, seine kräftige Gestalt im erinnernden, ehrfürchtigen Nachsinnen förmlich beugend: »Ja mein Vater, das war echtes Weidmannsblut! Bis zum sechsundachtzigsten Jahr, Winter und Sommer, Tag für Tag mit der Flinten aufm Rücken im Wald! Nicht einen Tag seines Lebens krank! Wißt's noch, wie er mit sechsundachtzig Jahren eines Tags so ganz verwundert g'sagt hat: ›I weiß nit, i kann mei Pfeiferl jetzt nimmer derziehn‹ – –?«

»Freilich!« – Beide Brüder, die damals Forstschüler und auf Ferien daheim waren, wissen es noch genau und nicken voll Rührung. Hubert hat damals im Seeflecken den Doktor holen sollen; der Vater hatte natürlich gleich gemerkt, daß es zu Ende mit dem Alten gehe.

»O Sakra!« erinnert sich Max, »ist da der Großvater wild worden! ›Den Doktor holen? Wollt's mi vergiften?‹ hat er geschrien.«

Er hätte im Leben noch keinen Tropfen Arznei genommen, erzählt der Herr Forstmeister.

Seine paar Heilmittel hat er sich selbst gemacht: lauter rechtschaffene Jagermedizin. Schädelechte Hirschgeweihe – die rechte Stange hat's aber sein müssen, die war heilkräftiger als die linke –, in Scheiben geschnitten, mit Kreuzwurzsaft und Spiritus zu einem Schnaps verwertet – hauptsächlich gegen Schlangengift. Und Hirschfeist, das ausgelassene Fett des Hirsches, gegen Brandwunden und Frost. Gelbes Johanneskraut, Spitzwegerich und Hundszungen, mit Weingeist aufgesetzt, zum Einreiben und Trinken, gegen allerlei übriges Gebrest.

»Den Holzern, denen er's verschrieben hat, hat das Trinken immer besser eingeleucht',« sagt lachend der Max. Huberts erinnert dran: Huflattich habe der Großvater auch noch gelten lassen als Heilmittel »gegen die Hitz'n,« und das schöne gelbe Bernsteinharz vom gespaltenen Holz für Geschwüre und Kinderwunden.

»Wenn ich Splitter im Finger g'habt heb', hat's das gegeben!« weiß sie noch genau.

»Gelt, vom Rutschen auf den Holzhaufen und vom Kraxeln auf die Bäum'?« neckt, ihr zublinzelnd, der Sollacher. Sie sagt: »Wird schon sein!«

Der Großvater hat damals wirklich keinen Doktor an sich herangelassen. Die Schwäche, die erste seines Lebens, die sich ihm nahte in seinem sechsundachtzigsten Jahr, warf ihn rasch in Fieberphantasien. – – –

»Gelt, Herrle, gejagert hat er da noch immerzu?« fragt Huberta mit leuchtenden Augen, voll Jager-Enkelinnen-Stolz, den Vater.

Der berichtet: »Freilich! zwei Stunden lang! Bis zu seinem allerletzten Augenblick.«

»Alle seine alten Jagdgeschichten hat er noch einmal erlebt. Seine Hofjagden mit seinem geliebten König Max machte er noch einmal durch. Der war wieder einmal bei ihm Gast im Forsthaus, war nach der Jagd bei ihm eing'kehrt. ›Wasserküchle backen!‹ hat der Vater noch mit deutlicher Stimm' ang'schafft. Die hat der König so gern gegessen. Im Fieber hat der Vater das Rezept angegeben. Nach seinem Tod hab' ich dir's in der Mutter Kochbuch g'schrieben, weißt, Hubertl?«

Ja! Sogar auswendig weiß sie's: »Semmeln, in Wasser geweicht, paniert, mit Zwiebeln und Butter gebacken.« – – –

Wie der Großvater dann noch mit allen seinen Gedanken im Wald gewesen ist, die Jagdgehilfen eingestellt hat, sich über sie giftete und ärgerte, erzählt der Herr Forstmeister dann weiter zu des Toten Gedächtnis. »Die jungen Leut' heutz'tag!« hätte er gewettert. »Nix verstehn die mehr! Sie da, hören's doch! Wie können's denn von dem Fleck aus schießen!« hätte er im zornigen Fiebertraum einen angeschrien.

»Über die Treibjagden hat er sich dann noch aufg'regt,« berichtet der Herr Forstmeister. »›Mit fünfunddreißig Mann hinter ei'm Gamskitzel her, a schöne Kunst,‹ hat er verächtlich gesagt. ›Und die Sauhetzen! Treiber anschießen, den Muttersau'n die Läuf' und den Leib zerfetzen! Das ist ka Kunst, das ist a Metzgerei! Die edle Jagd! Der edle Schuß!‹ hat er a paarmal leise und doch vernehmlich vor sich hingesprochen. ›Wenn der rechte Jäger paßt, bis das Wild zum Schuß kommt und schießt's dann mitten auf's Blatt, trifft's mitten ins Herz, dann ist's recht!‹ Das ist sein letztes Wort gewesen. Danach ist er friedlich und still zurückgesunken zur seligen Weidmannsruh.« –

.

Der Großvater.

Und des uralten Weidmanns Begräbnis dann! Das weiß Huberta, so klein sie damals war, noch ganz genau!

Der Prinzregent hat dem Toten einen mächtigen Fichtenkranz mit großer Trauerschleife geschickt. Von weit und breit kamen die Leute, lauter Förster, Forstbeamte, Jäger, Holzer und Trister, mit Tannenkränzen. Der Vater und die drei Brüder haben den Sarg des Alten nach dem Dorfkirchhof durch den Wald getragen.

»Und i bin mit dem Seppl und der Babettl dicht hinterdrein gangen,« stellt Huberta fest. »Die vielen andern haben laut gebetet, den Rosenkranz in den Händen, die Jagdleut' alle im tiefen Baß, das Babettl neben mir mit seinem hellen Stimmerl mächtig laut, und mich dazwischen gepufft hat's, weil ich nit mitgebet' hab. I hab' nit können; hab' immer nur denken müssen: jetzt kann i dem Großvater nix mehr z'lieb tun! Wißt's, mit der langen, harten Spindel von den Fichtenzapfen hab' i ihm doch immer die Pfeifen g'stopft! Und die genagelten Bergschuh und die mit Fett eingeschmierten Jagdstiefel, die größer waren als i selber, hab' i ihm herholen dürfen.« – –

So bringen sie in ihren Gesprächen und Erinnerungen das uralte Jagerleben noch einmal zu Grab. –

Der schäumende Bierkrug ist dabei leer geworden. Die roten saftigen Schinkenscheiben sind vom Teller verschwunden. Ein Häufchen Streifen vom kernigen Schinkenfett liegt nur vor Huberta noch aufgehäuft. Die kriegt der Staps, der Dackl.

Aber nicht etwa leichten Kaufs!

Durch langes Aufwarten muß der gefräßige und doch rührend gehorsame Schlingel sie sich verdienen.

Er kennt das Manöver. Auf einer Ecke der aus knorrigen Ästen geflochtenen Gartenbank steht er, den üblichen guten Bissen des Abendbrots erwartend, mit dem dünnen harten Schwänzchen wedelnd, schon lange Zeit.

Wenn Huberta ihn dann so extra zärtlich klopft und sagt: »Da! Geh her, altes goldiges Viecherl!« dann weiß er, was die Glocke geschlagen hat.

Der junge Herr, der verständnisvoll von ihm angeschielt wird, stülpt ihm einen rotbemalten hölzernen Schachteldeckel mit Gummiband als studentisches Cereviskäppchen auf den glatten schwarzen Kopf mit den hängenden Ohren und den gelbbraunen Abzeichen über den gescheiten – Huberta findet durchtriebenen! – Äuglein. Mit den kurzen, stark nach einwärts gekrümmten Vorderläufen steht er auf der äußersten Ecke des sauber gedeckten Abendbrottisches.

Und über diese Pfoten und die lange Schnauze weg werden von dem gestrengen jungen Herrn und Meister mit umständlicher Sorgfalt die leckeren Speckstreifen gelegt. Die darf der Staps aber bei weitem noch nicht verschlingen!

»Erst wenn ich › Jetzt‹ sage! Hörst?« kommandiert der Sollacher in möglichst schönem Hochdeutsch.

»Merk' auf, mein Sohn! Man kann dies › Jetzt‹, wie du weißt, in verschiedenem Ton sagen. Der gewöhnliche Ton geht di gar nix an. Gar nix! Du verstehst! Und du wartest – ruhig, – geduldig, – bescheiden – und folgsam – – –.«

Staps sieht bei jedem langgezogenen Wort erst den Gebieter und dann die Speckstreifen auf seinen Pfoten verständnisinnig an, schielt die lange Schnauze entlang, spielt genäschig mit der Zunge, klopft mit der gekrümmten Rute, zittert, teils vor Freßgier, teils vor Liebseinwollen, – ohne aus der anstrengenden Haltung zu fallen.

»Also, mein Freund, du wartest, – bis ich das Jetzt in dem dir bekannten Tone sagen werde, dem Ton, der dich zum Zugreifen auffordert, nämlich –:

» Jetzt

Auf das kurz und scharf gesprochene Kommandowort schnappt der erlöste Staps mit unglaublicher Geschwindigkeit erst den Nasenbissen und dann die Pfotenbissen weg, wobei er seinen wieselartig langen Leib krampfhaft streckt.

.

Noch einmal beginnt dann das Spiel von vorn. Diesmal geht's schief. Staps irrt in seiner Gefräßigkeit, wartet das richtige Kommando nicht ab und schnappt zu früh zu. Nun schämt er sich, der Lackl!

Alles zürnt ihn entrüstet an: »Aber pfui! Staps!«

Blitzschnell nimmt er da die Vorderpfoten vom Tisch und versteckt sich, d. h. er steckt den Kopf unter das gestickte rote Gartenkissen der Tannenbank.

Sein langer Dackelleib hängt kläglich heraus.

Das ist ein Anblick, über den die Huberta vor Vergnügen immer wieder aufs neue in die Hände klatscht und Tränen lacht.

 

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