Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Frida Schanz >

Huberta Sollacher

Frida Schanz: Huberta Sollacher - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorFrida Schanz
titleHuberta Sollacher
publisherTrowitzsch & Sohn
printrunFünftes Tausend
illustratorW. Gause
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140315
projectidae575776
Schließen

Navigation:

Neunzehntes Kapitel

Es ist stillere Zeit, die den Atem anhaltende, sonnige Rastzeit des Spätsommers.

Die Stadtleute sind fort. Das Giselchen ist lieb geworden. Das heißt: im Grunde nur gesund, waldgesund. Das stadtbleiche Kind war rotbäckig und kernig durch die vielen Gänge im Wald, durch Waldzauber, durch Waldesluft und Tannenduft.

Und Frau Thea hat dadurch erst ihr Mutterglück gefunden, ist eine frohe, beruhigte Frau geworden. Und nun erst fand sie auch die Sammlung, Huberta nahe zu kommen, sie richtig kennen zu lernen und sehr fest ins Herz zu schließen. Ein guter Kitt war zwischen den beiden, die Liebe des Giselchens zu allen zweien und die Liebe beider zu dem Kind.

Als gute treue Freundinnen sind Frau Thea und Huberta beim Abschied geschieden, mit langer Umarmung und herzlichem Kuß. Die mittlere der Schwippschwägerinnen aber schied mit jubelndem, jauchzendem: »Auf Wiedersehn!« als glückstrahlende Braut eines strammen, jungen Oberförsters aus uraltem Bergförsterblut, der bei seiner Werbung kurz, nach dem Schützenfest der Geliebten mit blitzenden Augen gestand: so bald er sie nur geschaut hätte, hätt's ihn durchzuckt: »O du Gamsgaiserl, du schmales, feins, heut noch möcht ich dich am liebsten zur Strecke bringen mit einem Verlobungskuß!«

* * *

Der Herr Vikar ist als Hilfsgeistlicher des alten, müden Herrn Pfarrers auf seine schöne Probepredigt hin von der Gemeinde gewählt und vom Ober-Konsistorium in München bestätigt worden. Im Herbst soll er eingesetzt werden in sein neues Amt. – –

* * *

Im Forsthaus blüht das grüne Handwerk, wie immer um diese Zeit.

Es war ein besonders nachwuchsreiches Wildjahr; viel älteres Wild soll daher zum Abschuß gebracht werden in dieser Frühherbstzeit, um den Wildstand nicht zu groß werden zu lassen.

Von früh bis spät sind die Jäger draußen, um Wechsel aufzuspüren, die einzelnen Wildstücke für den Schuß zu bestimmen, auf dem Anstand zu lauern auf den richtigen Schußaugenblick.

Wie fröhlich ist's in anderen Jahren um diese Zeit!

Dies Jahr ist's gespannt, gedrückt!

Der junge Sollacher übertreibt entschieden seinen Berufseifer. So fieberhaft jagert er, daß der eigne Vater aufgebracht wird und zum Maßhalten redet.

Die Huberta freut sich schon längst nicht mehr über des Abgotts Weidmannsschneid. Die knirscht innerlich: »Der reibt sich noch auf, der Mensch! Von früh bis spät ist der unterwegs! Hat nachts nicht amal a Ruh! Für nichts mehr hat er Sinn!«

Die letztere Betrachtung bringt sie vollends in zornigen Gram. Für nichts mehr! Für die Agnes nicht mehr! Das meint sie damit!

Das frohe, freundliche Gernhaben zwischen den beiden hat sich noch nicht wieder zurechtdrehen lassen von Hubertas vielleicht zu zart, zu ängstlich zugreifenden Händen. Es ist ein scheues Meiden und Einanderausweichen zwischen den beiden; die Agnes ist vergrämt wie ein aus seiner Ruhe und Unbefangenheit aufgestörtes Wild; seltner als ehedem kommt sie ins Forsthaus; wenn sie da ist und mit dem Max zusammentrifft, erschrickt sie; und dann gibt's ein Leiden zwischen den zweien, ein eigentümliches, scharfes, das sich nicht recht in Worte fassen läßt. Denn der Max ist ja äußerlich respektvoll. Die Agnes ist äußerlich sehr ruhig, sehr gelassen.

* * *

Und doch ist der Verkehr zwischen ihnen ein einziges verstohlenes Reiben, eine einzige Bitterkeit. Agnes von Rieden trägt den schönen Kopf jetzt wirklich recht hoch. Die Kränkung hat sie stolz und vornehm gemacht, die alte Traulichkeit völlig von ihr genommen.

Und an dieser Vornehmheit reibt der Sollacher sich durch einen Ton ausgesuchter, kalter Höflichkeit, der ihr bis ins Herz schneidet. Etwas von dem trutzigen, hakenden Ton zwischen der Agnes und dem Hubertl in der Dorfschulzeit liegt jetzt über der jungen Leute Verkehr.

Zwischen Agnes und ihrer Huberta wird es indessen immer inniger. Eine immer tiefere Herzlichkeit ist's von einem Wiedersehn zum anderen, wenn auch keine redselige, sondern eine seltsam schweigsame, schonende. Spröde, keusche Scheu, die tiefe, zarte Herzenssachen durch Reden zu entweihen fürchtet, nicht daran zu rühren wagt, lebt in den beiden Mädchen, diesen beiden reinen, natürlich-feinen Geschöpfen.

Agnes hat ihre Huberta einmal mit einem zwingenden, tiefschmerzlichen Blick gebeten: »Rühr' an nichts! Sag' nichts!«

Und wie der Freundin zartes Flehen, fordert des Bruders ganzes strenges Wesen gebieterisch: Daß du nicht an mein Tiefstes, Schwerstes rührst! Du hast kein Recht! Denn ich hab' dir kein Wort davon gesagt!

So herrscht zwischen den drei jungen Menschenkindern, die sich einander die Liebsten sind, eine quälende, aufreibende Spannung.

Dazu noch, ja durch den heimlichen Gram noch empfindlicher gemacht, des Sollachers Berufszorn und -ärger, der ihn aufregt, ihn aufs äußerste aufreibt, seelisch und körperlich.

Die Wilderer treiben's jetzt wie zum Hohn gegen ihn immer ärger. Es ist zweifellos eine ganze Bande, die der Hammerschmieds-Toni als Führer leitet. Mit geradezu herausfordernder Keckheit betreiben sie die Wildstehlerei durch Schuß und Schlingenfang. Und doch hat ihnen noch nichts nachgewiesen, hat keiner von ihnen in letzter Zeit auf frischer Tat ertappt werden können.

Frech führen sie die Jäger hinters Licht, locken sie von einem Ende der riesigen Wildbahn zum andern durch Abfeuern irreleitender Schüsse, zünden nächtlich Lichtscheine an, um falschen Verdacht zu erwecken und von der richtigen Spur abzulenken.

Ein einziges Äffen und Narren der übereifrigen, hoch gereizten Forstbeamten scheint ihr ganzes Gebaren.

Dem Hirschrudel an der Ahornsuhle fehlt eines Tages der kapitale Leithirsch. Ein paar Rehschädel mit ausgesägten Gehörnen liegen, in einem rotweißen Baumwollfetzen eingeknöpft, einst am frühen Morgen vor der Forsthaustür.

Huberta, die sie zum Glück findet und stillschweigend zur Seite räumt, weiß, das geschieht extra ihrem scharfschartigen Bruder zum Trotz. Sie weiß: zu der Hab- und Diebsucht, zu dem Wagemut und dem Wildfieber der Leute ist ein persönlicher, rachvoller Haß gegen den Sollacher gekommen, ein freches, übermütiges, fast humorvolles Herausfordern seines Zornes, seiner gar zu leidenschaftlichen Schneid.

Huberta ängstigt sich namenlos um den Bruder. Sie ist sich bewußt: er rückt der Gefahr ohne Schonung gegen sich auf den Leib, sucht sie eher, als daß er ihr ausweicht ober sie meidet. Jedes beschwichtigende, liebevolle Wort prallt an ferner Schweigsamkeit, seiner unnatürlichen Ernsthaftigkeit ab.

Huberta hört aus dem Bureau heraus, wie sogar der Vater, der eifrige, ernste Wilddiebverfolger, ihm zur Mäßigung rät, vor Übereilungen warnt.

Aber der Sohn erklärt ihm in festen, energischen Worten dagegen, das helfe jetzt nichts mehr.

»Da kannst jetzt nix mehr machen, Vater«, sagt er. »Da mußt mi meine Wege gehn lassen. Das ist verpaßt. Du hast mir's eingeflößt, und von dir hab' ich's geerbt, die heiße Liebe zum Wald und Wild. Das liegt mir nun alles zu tief im Blut. Du hast dei Leben auch nicht geschont, schonst's heut noch nicht, wenn's gilt, den Feinden aufzupassen, den Wildverluderern, den Metzgern, den gewissenlosen Schuften. Aus der großen Lieb zum Wald kommt der große Zorn gegen die; der ist wie a Feuer, laßt einem kei' Ruh Tag und Nacht. Das weißt ja selbst, Vater – –«

Der Vater erwidert darauf, seiner Familie zu liebe, sei er doch stets vorsichtig gewesen, habe im leidenschaftlichsten Eifer doch sein Leben nie vorwitzig und trutzig aufs Spiel gesetzt.

Da zuckt der Sollacher nur leise und bitter lächelnd die Achseln.

* * *

»Huberta, mit deinem ewigen Geraschel und Gerühr' machst mich noch ganz nervös! Ich bitt' dich, geh! Laß mich ein bissel allein! Du störst mich!« sagt der Sollacher-Max unwillig flüsternd zur Huberta, die, einige Tage später, lautlos wie ein Schatten und bewegungslos wie ein Bild von Stein zwischen Stangenholz und Wiese, von Buschwerk gedeckt, neben ihm, aus dem Anstand war.

Abend war's, kurz vor Schwinden des Büchsenlichts. Huberta wandte sich, ohne eine Silbe zu erwidern, sofort hinweg und schritt, den Hund mit einer Handbewegung beschwichtigend, davon, schnellen und doch so leichten, leisen Schrittes, daß kein Zweig unter ihren Füssen knackte, kein trocknes Blatt raschelte und rauschte.

Wie aus einer heißen Quelle in ihrem tiefsten Seeleninnern war ihr das Wasser in die Augen gestiegen und über das erblaßte Gesicht gestürzt.

Sie ihn stören! Das war noch nie dagewesen, so lange sie sich besinnen konnte! Durch ihn selbst hatte sie ja Ruhe gelernt beim Anstand und Ansitz, beim noch so langen Erwarten, noch so überraschenden Anblick des Wildes! –

Daß sie die letzte war, die auch nur durch den leisesten Ton, die geringste Regung auf dem Anstand Leben verriet, das wußte er genau. Unzähligemal hatte sie sich Gesicht und Hände von Mückenschwärmen zerstechen lassen, ohne nur zu zucken! Wie hatte er das dann immer mitleidig liebevoll anerkannt!

Und heute! –

Ihr höchster Ehrgeiz war verletzt durch seine Unfreundlichkeit. Wie nervös mußte der sein, wie wund, um sie so zu verwunden! –

Zu seinen kränkenden, sie von seiner Seite wegweisenden Worten hatte er sie noch dazu so flehend mit den traurigen Augen angesehn! So war sie ihm im Weg, sie, die bisher sein liebster Kamerad war!

Ein großes heißes Schmerzgefühl stieg in ihr auf. Ihr war, als müsse es sie verbrennen, vergiften in diesem Augenblick!

Dann nahm sie aber von sich selbst, vom verständigeren Teil ihres Ich sehr rasch Vernunft an.

Hatte der Sollacher es vielleicht gemerkt, daß ihre Blicke unverwandt an seinem Gesicht hingen? Hatte ihn das geniert? bedachte sie ernst.

Da war das Recht freilich auf seiner Seite, mußte sie beschämt zugeben. – Sehr indiskret war ihr Beobachten! Keinen Augenblick ließen ja ihre sorgenden Gedanken den Bruder allein! Wie ein Spürhund ging sie seinen Stimmungen nach. Tag und Nacht beschäftigte sie sich mit ihm.

Noch eben, als sein Anruf sie aus ihrer Versunkenheit weckte, hatte sie ganz verzweifelt gedacht: So kann's nicht bleiben, kann's nicht weitergehen!

Wo war ihr frischer, froher, schneidiger Bruder hin?

Ein Elend ist's rein mit ihm. Nichts. nichts als diesen fieberhaften, rastlosen Jagdeifer! Und keine Jägerfreude dabei mehr, keine frische, frohe, glückselige Jägerschneid! Kein Weidmannsheil, keine Weidmannslust! Seine letzte Berufstat, die Einlieferung eines Wilderers, eines jungen Burschen, der offenkundig mit zur Toni-Bande gehörte, aber absolut nichts gestehen wollte, hatte ihn eher noch düstrer gestimmt, statt stolz und froh.

Freilich, eine Freud' war ja daran auch nicht! Ein trauriges Genügen war's, Schufte zu entdecken! Und sich immer heißere Feindschaft dadurch zuzuziehen!

So dachte und sann Huberta, indem sie den Wald, zwischen den jungen Tannen und halbwüchsigen, goldleuchtenden Buchen fest austretend und doch wie schwebend, durchschritt.

Nein, so kann's nicht bleiben! rief's da auf einmal heiß entschlossen in ihr. Heut noch wollte sie alle Schranken zarter Rücksicht durchbrechen, offen und frei mit dem Bruder reden!

Und der Agnes wollte, mußte sie die Augen nun einmal öffnen.

Vor allem nicht zürnen, nicht grollen dem Starrköpfigen, dem heiß empfindenden, brüderlichen Toren, dem doppelte Liebe jetzt not tat! Sich die Seele warm und rein und hoch halten! Sich nicht auch noch verwickeln, verwirren in häßliches Dornengerank!

Dem mochte es selbst unbehaglich genug in seinem Gemüt sein, nachdem er sie zum erstenmal in seinem Leben ungerecht und empfindlich gekränkt hatte.

Am besten, ihn ihre Empfindlichkeit gar nicht merken lassen, dachte Huberta, nun wie durch sich selber erlöst.

»Ich schleich' mich zurück, steig' auf die Waldkanzel in seiner Nähe und überwach' halt sein Jägerglück! Kommt er gut zum Schuß, dann bin ich rasch bei ihm und steck' ihm den Tannenbruch auf seinen Hut, als sei nichts geschehn,« nahm sie sich froh und mutig vor. »Und dann,« sann sie weiter, »muß es klar zwischen uns werden! Auf dem Heimweg will ich's dann wagen, will frei und offen mit ihm reden. Meine Lieb' zu ihm ist ja so groß. So geb' Gott im Himmel, daß es gelingt!'«

Die Waldkanzel, eine von vier einzeln ragenden, alten, hohen Kiefern in Wipfelhöhe getragene, mit Moos umkleidete Schuß- und Beobachtungshütte, befand sich kaum sechzig Schritte links seitwärts von des Bruders Anstandsstelle, etwa dreißig Schritt vom Rande der Wiese im hohen Waldbestand, der mit spärlichem Unterholz durchsetzt war. Zu ihr empor führt eine hohe, schwankende Leiter, die sich unter Hubertus sicheren, geübten Schritten nur leise vibrierend bog.

Über die Kanzel empor ragten die vom Wind zerzausten, dünnen Kronen der einzelstehenden Bäume, deren Stämme dem leichten, luftigen Holzbau zum Halt dienten. Durch ihr schwarzgrünes, fransiges Gezweig stach die sinkende Sonne von Westen her mit grellem Feuerglanz. Nach der Waldwiese hin, wo das Wild im Winter bei der Fütterung, im Sommer beim Äsen von der Kanzel aus beobachtet werden konnte, war der Ausblick frei.

Bis auf die einzelnen Blätter erkennbar, hob sich das gilbende Buchengebüsch, hinter dem der Sollacher stand, von der herbstlichen Wiese ab. Ja, der aufrecht stehende Jäger selbst war, von Zweigen nur halb verborgen, deutlich zu übersehen. Zwischen dem Buchengebüsch, das ihn deckte, und der Wiese befand sich ein etwa noch zehn Schritte breiter Abstand. Von der anderen Seite der Wiese, aus der dichten Schonung her mußte der starke Bock austreten. Seine Begleiterin, eine alte starke Ricke, stand schon auf der Wiese und verhoffte.

Es war selbst für die an solche Situationen gewöhnte Jägertochter äußerst reizvoll, das alles heute so frei von da oben zu überschauen.

Huberta selbst aber bot in diesem Augenblick, ohne es zu ahnen, das anziehendste Bild, ein Bild von schauendem Genießen, von Kraft, von Freudigkeit, ja von Jugendschönheit. Es war, als ob aller Glanz der Sonne sich noch einmal vorm Scheiden wie verklärend über ihre hohe, blühende, edelkräftige Gestalt ergösse, den guten lieblich-entschlossenen Ausdruck auf ihrem Gesicht noch erhöhe und verkläre.

Im nächsten Augenblick war die Sonne weg.

Und Hubertus eben noch strahlendes Gesicht war verzerrt, entstellt. Sie richtete die von Grauen geweiteten Augen links nach dem Waldrand, wollte schrillend aufschreien.

Da kam's ihr besser zu Sinn.

Der Mensch, den sie da plötzlich erspäht, der da stand, in bequemer Schußentfernung vor ihrem Bruder, die Büchse nach ihm gerichtet –, der schoß wohl sicher die tödliche Kugel auf den Gehaßten erst recht ab nach ihrem Schrei! Und der Hammerschmieds-Toni, – der war's, der da aus dem Wald hervorgetreten war, – der trifft! Dessen Blei geht nicht fehl, noch dazu, wo so heißer, leidenschaftlicher Haß, wie der, welcher aus jedem Zug der anschleichenden Gestalt, des gespannten Gesichts spricht, es lenkt.

Diese Gedanken schossen durch Hubertas Bewußtsein in rasenden Fluchten. Und dabei läd't sie mit sicheren Händen die Büchse, legt an und zielt in blitzhafter Entschlossenheit nach des Mörders Hand.

Ihr Schuß kracht.

Aber in demselben Augenblick knallt vom Waldrand her ein zweiter. Sie sieht den Rauch aus des Wilderers Rohr aufsteigen. Sie weiß: »Der Toni hat geschossen, getroffen! Mei Bruder ist tot! Ich hab' ihn nicht retten können!« Und sie weiß und sieht mit dem gleichen Entsetzen: ihr Schuß, ihr eigener, ging falsch! Der ging nicht in die Hand des Mannes, der ging ins Leben! Der Mörder ihres Bruders überschlägt sich drunten mit wildem Schrei im Gras, wird dann stumm und streckt sich lang.

.

Und Huberta ist's, als ob die Waldkanzel ein paarmal in großen Wogen hin- und herschwanke, dann, als zöge sich eine nachtschwarze Wolke, die das Unglück heißt, dicht um sie, über sie, daß sie nichts mehr zu schaun vermag, nicht mehr atmen kann, daß sie erstickt, ertrinkt, vergeht in tiefer Nacht – – – – – – – – – –

Als Huberta Sollacher, die ihr Bruder, von dem Hunde geleitet, auf der Waldkanzel ohmnächtig gefunden hatte, nach fast zwei Tagen aus ihrer Bewußtlosigkeit erwachte, konnte sie lange nichts fassen von all dem, was sie sah und was man ihr sagte. Daß ihr Bruder heil und unverletzt vor ihr stand, daß Agnes von Rieden blaß, aber seligverklärt an seinem Halse hing und seine Braut war, weil der Augenblick der Erschütterung, da sie erfuhr, wie schwerbedroht sein Leben gewesen, ihm ihre lebenstiefe, treue Liebe klar enthüllt hatte, – das ging Huberta wohl zu Ohr und Auge ein, aber als flüchtiger, wesenloser, leerer Hauch und Schall, ohne den Weg in ihr Bewußtsein zu finden.

Sie konnte nichts denken, nichts sehen, nichts verstehen, die Huberta. Mit wildverstörten, leeren Augen sah sie sich um.

Taub war alles in ihrer Seele.

Sie trug etwas zu Schweres, zu entsetzlich Schweres!

Zwei Tage und Nächte lang hatte sie es durch die tiefe, kalte Dunkelheit getragen in dumpfer, halbbewußter Qual.

Eine Last, die größte, schwerste, die ein Menschenherz nur zu tragen bekommen kann!

»Vater!« schrie sie nach irrem Umherstarren plötzlich gellend auf, als nun die Erinnerung an das Erlebte klar durch ihr dämmerndes Bewußtsein brach. Sie breitete die Arme wie schutzsuchend gegen den Vater aus, der zu Max und Agnes an ihr Bette getreten war, ließ sie dann in tiefster Erschlaffung wieder ohnmächtig sinken, lallte nur leis am Herzen des Teuren, der sie in unaussprechlicher Liebe an sich zog, tonlos, voll verzweifeltem Schmerz:

»Ich habe – einen – Menschen – erschossen! Nicht wahr?«

Was Huberta im folgenden Augenblick erlebte, das hatte sie schon einmal erlebt, miterlebt mit einem andern, aus der wohl hundertmal wiederholten Erzählung eines andern, ihres Bruders, ihres Heimwehbruders, Huberts, des Oberförsters, der sich aus den Alpen in das Forsthaus in der Lechebene hatte versetzen lassen müssen.

Wie der den schweren Rucksack mit den beiden Gemsen zu Hause abwarf, nach dem sechsstündigen Marsch durch die Nacht, durch die tiefe, dunkle eiskalte Alpenschlucht – – –

Wie die Erleichterung ihn dann förmlich an die Zimmerdecke schnellte, die Erde wegzog unter seinen Füßen – – –

So war's der Huberta, als der Vater sie voll Liebe und Mitleid heiß umfing, ihr beruhigend zurief: »Kind, woran denkst denn? Gar kei Red davon! Mei liebes, liebes Kind!« – – – –

» Gerettet hast du einem Menschen das Leben, deinem herzlieben Bruder, der lebt; der da vor dir steht, der dich anschaut, als ob er dich anbeten wollt,« erklärte er dann weiter der plötzlich wie von höherem Licht übergossenen, ihn wie nun erst zum Leben erwacht anstarrenden Huberta.

.

Und der Max, der den Gedankengang der Schwester klar und deutlich verstand, rief aufgeregt darein: »Liebs, liebs Hubertl! Hab kei Angst! Der Mordspitzbub sitzt ganz lebendig im Gefängnis. Was du gewollt hast, ihn unschädlich machen, das hast erreicht! Hast ihm die Hand zerschossen und fei arg zugericht't; schießen wird der nimmer in sein'm Leben! Um und um geschnellt ist er, als der Schuß ihn traf und die Erkenntnis dazu, der seinige sei an mir vorübergesaust, jetzt kam' ich zur Antwort! Dir hat er's nachgemacht, ist ohnmächtig geworden, der baumstarke Kerl, der felsenfeste, wie a jungs Madel!«

* * *

Wenn eine so gewaltige, himmlische Erleichterung über ein Menschenherz kommt, solch ein Erlöstsein, solch ein Schwimmen und Schweben in Dank und Glück, so ist's zuerst beinahe wie ein Sterben, ein seliges Verscheiden.

Huberta ward krank vor lauter zu gewaltsamer, wenn auch herrlichster Erleichterung, – – auch wie ihr Bruder Hubert einst, – ward aber dann, im Gegensatz zu ihm, ganz gesund.

Nur so stämmig, so stahlkräftig, so rosenfrisch, wie sie da oben auf der Waldkanzel stand, ist sie nie wieder geworden.

Ein ganz leiser Hauch von Zartheit und echtem, tiefem Seelenernst blieb für immer über dem Waldkinde.

Das hinderte Huberta nicht am Glücklichsein.

Huberta Sollacher ward kaum ein Jahr nach ihrem zweiten Meisterschuß eine selige Braut, ward später eine frohe Frau, eine stolze, gute, zärtlich liebende Mutter.

Des evangelischen Predigers Frau im lieben Seeort wurde sie.

Der hatte sie aus tiefster Seele lieb gehabt vom ersten Sehen an. Und immer mehr war sie ihm das Teuerste, das Geliebteste auf der Welt geworden.

Auf einem langen Wandergange zu zweien durch ihren Heimatwald sagte er ihr das einst. In tiefbewegtem, seelendurchzittertem Gespräch und nicht minder beredtem Schweigen enthüllten sie einander ihr heiligstes Geheimnis.

Er fühle, sie gehöre zu ihm, wie die schöne frohe Welt mit ihren reinsten Freuden zu seinem Glauben an Gott und die Ewigkeit, sagte er ihr.

Seine liebe Gehilfin müsse sie sein, wie sie es jetzt schon gewesen, nur noch mehr und mehr, seine Vermittlerin zwischen ihm und den Leuten, zwischen seiner und ihrer Kirche und der Kirche ihrer Lieben. In ihm sei viel Suchen und Sinnen, Ringen und Wollen, in ihr lauter frische gesunde Tatkraft, gesundes Feststehn.

Wie könnten sie einander ergänzen! Wie die ausübende Seite des geistlichen Berufs erschiene sie ihm mit ihrem warmen Herzen und ihren tätigen Händen, ihrer innigen Liebe für alle Geschöpfe, ihrem sorgenden Mitleid für das Zarte, Schwache, Hilflose bei Mensch und Tier.

Und im Forsthaus würde ja schon, ehe sie aus ihm hinauszöge, ein von ihr selbst in seine wunderschönen Pflichten eingeführtes, frohes junges Weib – ihre Herzensschwester Agnes – walten.

Das sagten sie einander und dazwischen immer wieder mit tiefstem Seelenklange das eine Wort: »Lieb!« – mit immer neuem Zauber, heimlich und jubelnd, leise und laut. Sie versprachen sich einander, er in tiefster Ergriffenheit und Begeisterung, sie schlicht und fest, in demütigen Worten voll Dank für ein unverdientes, unfaßbares Glück.

Danach stand Huberta plötzlich still und sah sich staunend um. Strahlende Schalkheit brach aus ihren Augen; wie elektrisiert sprang sie empor, konnte sich gar nicht fassen vor kindischer, übermütiger Fröhlichkeit.

Ihr Verlobter hielt gleichfalls verdutzt Umschau, sah sie an, strich sich die Stirn und frug, sich besinnend: »Wo sind wir denn?«

Sie hatten miteinander weit ausschreiten wollen quer durch den Wald nach einer Stelle am oberen Teil des Sees, wohin der Sollacher mit seiner Agnes vorausgewandert war, um eine in der vorhergehenden Nacht vom Blitz gefällte, vierhundert Jahre alte Eiche zu beschaun.

Bei einer Eiche standen Huberta und ihr Liebster auch jetzt, aber bei einer aufrechten, heilen, beiden wohl vertrauten, derselben, nach deren Eicheln das kleine Hubertl einst ihre ersten Zielübungen mit Steinen gemacht, wobei ihr einer ein so tiefes, blutiges Loch in den Kopf geschlagen hatte.

Vor zwei Stunden kaum hatte sie diese Geschichte an derselben Stelle bei Anfang ihres Spaziergangs ihrem Begleiter erzählt. – –

Nun gab es unter hellem Lachen die vergnüglichste Aufklärung!

Der sehnlichste Wunsch ihrer Kindheit hatte sich der Huberta unversehens erfüllt! Die beiden hatten sich miteinander verlaufen! Sie waren im heimatlichen Wald im Kreis gegangen und nach dem Ausgangspunkt zurückgekehrt.

Huberta schüttelte den Kopf in seliger, bräutlicher Verschämtheit.

»So war ich in Träumen!«

Darauf faßte sie zart und fest des geliebten Mannes Hand und führte ihn in gerader sichrer Richtung, wie auf vorgezeichneter Schnur, vom alten Eichbaum quer durch den Wald ihrem wipfelumrauschten Vaterhause zu.

 << Kapitel 19 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.