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Huberta Sollacher

Frida Schanz: Huberta Sollacher - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorFrida Schanz
titleHuberta Sollacher
publisherTrowitzsch & Sohn
printrunFünftes Tausend
illustratorW. Gause
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140315
projectidae575776
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Erstes Kapitel

Eifrig und ernst, mit hochaufgestreiften Blusenärmeln und einer großen Achselschürze aus rotem Kattun, sitzt Huberta Sollacher in dem für die »Leut« bestimmten Jägerstübel des väterlichen Forsthauses am großen alten Eichentisch über einer von jungen Mädchen gewiß selten geübten Beschäftigung. Recht peinlich und schwierig ist diese.

Die Ernsthaftigkeit von Hubertas Mienen hat mit dieser Schwierigkeit indessen nichts zu tun. Die Arbeit zwingt sie; das weiß sie, und das freut sie schon jetzt.

Huberta macht immer so ein gesammeltes, ernstes Gesicht, was nicht hindert, daß sie, wenn's die Gelegenheit gibt, hell und schallend laut auflachen kann, z. B. über ihren Liebling, den Lackl und Erzkalfaktor Staps, Vaters alten Jagddackl. Auch wenn sie mit kleinen Kindern und jungen Tieren kost und scherzt, bekommt ihr Gesicht etwas Strahlendes, Sonniges. Das Försterfräulein ist ein großer Kindernarr. Auch Tierkinder zählen da mit drein.

Jetzt ist weder Staps noch einer ihrer vielen Lieblinge und Schützlinge in der Nähe. Unverwandt kann Huberta ihre Aufmerksamkeit auf das unter ihren Händen befindliche Werk richten. Draht, Werg, Watte und Zwirn, ein Leimtopf und ein Gefäß mit der Aufschrift »Arsenikseife« liegen und stehen, sauber ausgebreitet, auf großen Zeitungsbogen vor ihr auf dem Tisch. Dazwischen liegt ein aus Werg nun schon fertig geformter Vogelleib, und neben ihm glänzt in seinem feinen Farbenspiel der ausgeschlachtete gefiederte Balg eines Edelfalken.

Huberta soll den Raubvogel, den ihr Bruder Max, der jüngste, längste und liebste ihrer drei Brüder, heute früh geschossen hat, ausstopfen.

Das ist ihr eine vertraute Arbeit. Sie hat Häher, Bussarde, Habichte und kleine Singvögel, die sich in der verhaßten Drosselschlinge fingen, unter des Vaters und der Brüder Leitung in Menge ausgestopft; einmal auch einen Wachtelkönig.

Bei dem fand sie die Zeichnung einer Krone unter dem Federpelz auf dem Gehirnknochen, was sie unter Staunen und Entzücken voll hellem Eifer ihrem Vater meldete. Der hatte dieses ihm wohlbekannte Naturspiel selbst seit langen Jahren nicht mehr gesehen.

In der Diele drüben, zwischen all den großen, seltenen Geweihen, den Rehbockgehörnen und Gamskrickeln, dem zahlreichen ausgestopften Feder- und Haarraubzeug, breitet ein Aasrabe die fast anderthalb Meter Spannweite messenden kohlschwarzen, stahlblau glänzenden Flügel. Dessen Ausstopfung ist auch Hubertas Werk.

Das war ihr bestes Stück Gesellenarbeit.

Max, ihr junger Bruder – er ist zehn Jahr älter als sie – hat damals gesprochen:

»So, Mädel, jetzt bist' kei Gesellin mehr, jetzt bist' Meisterin!«

Einen fürchterlichen Geruch hat dieser Rabenriese verbreitet. Alle Kraft hat sie zusammennehmen müssen, um dies Meisterstück zu bestehn.

Auf dem Simmetsberg droben, dem spitzgipfligen Urwaldsberg, der zu Bruder Huberts damaligem Revier gehörte, wo aber nicht geforstet wird, sondern nur gejagt, weil doch keiner die gefällten Stämme zu Tal bringen könnte, wo die Bäume wachsen, bis sie in sich selbst zerfallen und stürzen und mauerhoch, dicht grün mit Moos befranst, oft durch und durch morsch, den Weg versperren, wo der Wald sich immer wieder selbst anforstet und gen Himmel wächst, da haben sie den Raben in der Adlerfalle mit vergiftetem Aas gefangen.

In wipfeldürren Tannen horsten diese Nestplünderer dort.

Huberta war mit dem Bruder droben in der Sennhütte über Nacht.

Fein ist's dort droben.

An dies Abenteuer muß sie jetzt, beim Ausstopfen ihres Falken, noch mit erglühenden Wangen denken! Eine Mordskraxelei war der Weg dort hinan. Und der Sollacher, wie sie den jüngsten Bruder einfach nennt, war auf dem wüsten Pfad auch noch extra wüst gegen sie.

Beim Fortgehn von zu Haus wurde er wild und fuchtig und hat beinahe mit ihr gerauft! Weil sie sich vermessen hatte, seinen Rucksack zu waschen! Und der hatte doch von allen Glanz- und Klebstoffen geleuchtet und in allen Farben gespielt außer in dem ursprünglichen Grün!

»Himmelsakra, wenn du dir das nochmal unterstehst, nehm' ich dich bei den Ohren und beutel' dich und karwatsch' dich, Fräul'n!« hatte er ihr verheißen.

Der festgepichte Gamsschweiß am Rucksack, das war sein Stolz. Das hatte sie in ihrem Reinlichkeitseifer nicht so bedacht. Unterwegs ist er dann allmählich wieder lieb zu ihr geworden, hat von jagdlichen und forstlichen Dingen mit ihr gesprochen, unterweisend und doch kameradschaftlich, für sie ehrenvoll, wie mit einem Mann. Wenn zwei Mitglieder der Sollacherfamilie zusammen stehn und gehn, so wird nichts getan, als geforstet und gejagert, heißt's allgemein. Daß sie sich da mit einfügt, keine Ausnahme bildet, darauf ist sie stolz. Und auf ihres »Sollachers« Achtung ist sie es noch ganz besonders.

Der Max ist so mit ganzer Seele Weidmann!

Sie hat lachen müssen auf dem Simmelberg droben, von wie weit die Gemsen und Rehe da das Jagerblut in ihm gewindet haben!

Eine kleine Almwirtschaft ist da droben in der Waldeinsamkeit auf der grasreichen Kuppe. Unter den Schafen und Kühen, die da kein Geläut tragen, hätten ganz friedlich ein paar Gemsen und Rehe mitgeweidet, erzählte der Senn.

»Auf oamal waren's weg!« sagte er. »Wie weggeblasen, in'n Wald eini. Die ham's glei von der Weit'n g'spürt, daß a Jager kimmt. Vor mir hat si no keins g'forchten. Ja, die Gamsen, die hab'n an gar feinen Wind!«

Es wäre ihnen vom Jäger dazumal nichts geschehn. Das Gamsvolk hatte Schonzeit. Nur auf die Aasraben, die interessante Beute, hatte der Bruder es an dem Tage abgesehn.

Huberta half ihm die Fallen stellen. Ein hehres Sonnenuntergangsschauspiel hatte sie dabei. Ein einziges düsterrotes Glühen und Strahlen durch rauchschwarze Wolken der ganze Himmel, dann ein langes, feuriges Nachglühen aller Bergspitzen, als die Sonne gesunken war.

In der Hütte hatte Huberta dann im Dampfhafen Fleisch gekocht für den Senn, den Bruder und sich.

In der Frühe des andern Morgens gab's noch eine warme, von ihr bereitete Suppe. Dann reinigte sie das Geschirr und die Hütte und putzte das von ihr mitgebrachte Jagdbesteck. Noch jetzt fühlte sie die Genugtuung, die sie damals empfand: »Man ist zu was!«

Drei der Riesenvögel brachten sie mit heim. Zwei trug Max und einen sie, an die Gleitriemen der Rucksäcke angeschnürt, als sie talein schritten.

Sie waren eine Seltenheit, die großen, starken Vögel. Zwei davon wurden in ausgestopftem Zustand dem älteren Bruder Rupert, dem Professor, für die forstwissenschaftlichen Sammlungen nach der Forstakademiestadt, an der er lehrend tätig war, geschickt.

Freundlich, fast zärtlich aufmerksam und fürsorglich gegen sie war der Sollacher beim Abstieg.

Dann ist er freilich noch einmal arg in die Hitz gekommen. Als sie auf einem ganz fernen Gipfel eine Gemse nicht gleich zu erkennen vermochte! – Ganz fuchtig ward er da!

Und sie sah doch nun einmal den weißen Tupf des Gamsbrüstchens nicht sofort in all den weißen Neuschneetupfen und -punkten zwischen dem Steingrau und dem Rostbraun des welken Almrosenkrauts da am fernen, fernen Hang!

Der freilich, der Sollacher! Der hat Augen!

»Wie der da!« denkt Huberta. Und plötzlich flammen ihre eigenen ernsten Augen zornig auf; eine fieberhafte Erregung kommt über sie. Sie hat da beim Ausstopfen ihres Falken eine ganz wunderbare Entdeckung gemacht.

Das muß sie ihm sagen, dem Sollacher, schleunigst!

Sie springt auf, reißt die Tür, die vom Jägerstübl in Vaters Bureaustube führt, sperrangelweit auf. Da sitzt er, der Max, bei der Schreibarbeit, bei Holzberechnungen, forstamtlichen Berichten, bei denen er – der Adjunkt – dem Vater behilflich ist. Sie weiß genau, bei solchen Sachen, – die sie alle nicht übergern tun, der Max am wenigsten, – darf man die Jagdmannen beileibe nicht stören.

Aber jetzt hat sie keinen Respekt und keine Scheu. Die Stimme bebt ihr vor Erregung.

»G'schwind du, Sollacher!« ruft sie atemlos, »geh mal her und schau!«

Der lange Mensch erhebt sich und starrt einen Augenblick überrascht die Erscheinung der Schwester an, gar so fest und energisch steht sie in der Tür, die Nachmittagssonne scheint ihr so hell ins gesunde, frische Gesicht, aufs blonde, sehr glatt geflochtene Haar. Dann schreitet er ihr mit einem von Kopfschütteln begleiteten: »Na, wo fehlt's denn?« ins Jägerstübl nach.

Da erlebt's Huberta, daß ihre Entdeckung dem stolzen Herrn doch recht stark imponiert. Selbst wieder ruhig geworden, zeigt sie ihm, um was es sich handelt.

Sie hatte, ehe sie ihre Arbeit begann, mit scharfem Messer die Augen des toten Vogels aus ihren Höhlen herausoperiert, in die nun die starren, blinden Glasaugen an den spitzen Drähten eingestielt werden sollen. Und eben jetzt hat sie sich an diesen Vogelaugen den Bau des Auges, wie er ihr in der Schule erklärt worden ist, wieder einmal recht genau betrachten wollen.

Sie hat die Linse des einen Falkenauges herausgeschält. Wie eine reine, klare Glaslinse liegt sie vor ihr. Nun hebt sie sie mit spitzem Griff über dem Bogen Zeitungspapier, der ihr bei ihrer Arbeit als Unterlage gedient hat, in die Höhe und schaut den Bruder triumphierend an.

»Da sixt! Schau mal da durch, bitt' schön!« –

Als sich der Jägersmann über die Linse beugt, bricht er in einen Ruf des Staunens aus.

»Da schau einer an!« Er nickt. Vertraut ist ihm die Sache, und doch bringt sie ihn aufs neue ganz aus dem Häuschen. In so bedeutender Vergrößerung erscheinen unter der natürlichen Vergrößerungslinse die Buchstaben der klein gedruckten Schrift.

»Sapristi! Der trägt ein nettes Vergrößerungsglas bei sich, der Räuber,« sagt er, mit der freien Hand kräftig auf den Tisch schlagend. »Sixt, so viel größer und schärfer und näher sieht so ein Falkenaug' die Dinge als ein Menschenaug'. Der sieht, was zu tiefunten krabbelt und läuft und fliegt, wenn der Raubritter, der geflügelte, da oben steht und rüttelt, hoch, wie drei Kirchtürme hoch, im Blauen!«

»Die Singvögerl, die armen!« sagt Huberta und sieht ihn mit den ganz schwarzdunkel gewordenen glitzernden Augen schmerzlich an. »Da wundert's einen, daß so ein Falk so zielsicher auf seine Beute stößt, aus höchster Luft, auf so ein armes kleines Vogelmutterl, das Insekten jagt für seine Kinderln im Nest, auf die Tauben und Schwalben, die ihm so ängstlich zu entwutschen suchen, auf die armen jungen Häsln und Rebhühnln!« »Räuber abscheulicher!« klagt sie den toten, halb ausgestopften, augenlos dahockenden Fürsten der Lüfte zornbebend an.

Der Sollacher sagt überlegen: »A – geh, so schlimm ist's nicht! Was Ritterliches, Vornehmes hat er halt doch, der Falk! In den Schlupfwinkel, in den Hausfrieden hinein, verfolgt der seine Beute zum wenigsten nicht. Der läßt ab, wenn die Taube ein Dach oder Gebüsch erreicht hat oder der Vogel sein Nest! Da nimm dagegen den Habicht an. Der hat wohlmöglich sein Fernrohr noch schärfer gestellt. Und der schont nicht!«

Huberta ruft entrüstet: »Ja der! Da hast recht! Der is gemein!« Sie blickt vor sich hin, nachsinnend, stirnrunzelnd, als sähe sie einen Feind.

»Der geht bis ins Gebüsch und bis ans Gemäuer, der stößt sogar aufs Dach; meine jungen Enterln hat mir der Habicht aus dem Grasgarten geholt, meine Küchlein vom Hof. Wenn ich nur sein »Kiä-kiä« höre, bin ich schon ganz auseinander. Entsetzlich klingt's. Der ist schon wirklich der böse Feind von all dem kleinen Zeug,« klagt sie laut.

Es kommt sie eine wahre Wut an. Glühend steigt's ihr ins bräunliche Gesicht.

Der Max sagt achselzuckend: »Geh, Falk und Habicht wollen halt auch leben!«

Aber dabei sieht er doch dieses zornbebende Schwesterlein mit heimlicher Freude an. »Lieb's Dingerl,« denkt er bei sich.

Was in ihr glüht, er versteht's!

Vom Ahnen und Urahnen her hat sich's besonders stark in ihr gesammelt, diese schützende, hegende, weiche Seite des rauhen, kraftvollen Jägertums, das zärtliche Gefühl für das Kleine, das Zarte, das Junge!

Er hat's auch. Wo er kann, knallt er das Raubzeug weg, die Verfolger des Hilflosen, Jungen, Schwachen!

Jeder echte Jäger hat das! Der älteste, knorrigste, rauheste hat etwas von einer jungen Mutter, empfindet etwas Mütterliches für das junge Getier. Nur reden mag man davon nicht viel.

»Sei g'scheit und schaff' dei Sach!« sagt der Sollacher, sie auf die Schulter klopfend, und geht seinerseits, die Tür hinter sich schließend, wieder an sein Werk.

Und die Huberta ist wirklich nach einigen Augenblicken auch wieder bis zur Selbstvergessenheit in ihre mühsame Arbeit versenkt. Es gilt dem Vogel aus Werg mit dem Drahtgerippe, das die schöne Federhaut fest umschließt, noch die richtige Stellung und Form zu geben. Zeit versäumen darf sie nicht. Sie muß sich eilen. Sie ist die einzige kleine Frauensperson in der Familie der jagdbaren Mannen und hat immer eilige Wirtschaftspflichten. Der Haushalt steht unter ihrem Szepter. Ein schier gar zu altes Weiblein, die Zenzl, und ein gar zu junges oder vielmehr jugendlich zerstreutes, das Babettl, sind dabei ihre Trabanten.

Als Huberta ihre braunen Augen zum Licht öffnete, hat ihre junge Mutter die ihren für immer geschlossen. Die damals schon ältliche Zenzl hatte die Regentschaft im Forsthaus ergriffen, für das in den Windeln liegende Haustöchterlein. Sobald das aber nur reden konnte und seinen Willen kund tun, hielt's die Zenzl damit, es in allen Dingen um diesen Willen zu befragen. Ob es Strauben- oder Himbeerschmarrn zum Nachtisch geben sollte, hat das Hubertl schon mit drei Jahren ganz allein bestimmt.

Die brave Alte zog als gute stellvertretende Regentin es aber auch zu Beschäftigungen und Hilfsleistungen herbei, sobald sich's tun ließ. Mit fünf Jahren mußte das Hubertl schon mit kochen, d. h. am Kochherd aufpassen, ob das Knödelwasser koche und die am Waschfaß beschäftigte Zenzl benachrichtigen.

Puterrot, in höchster Eile kam sie dann angehetzt.

»Gswind! Gswind! 's Wasser brennt an!«

Die Zenzl erzählt das unter Prusten und Lachen jetzt noch oft.

Mit sieben Jahren trug das Hubertl das Säckchen mit dem Dampfmehl zu den feinen, süßen Gerichten auf dem Rücken aus dem Marktflecken am See, wo sie in die Schule ging, heim.

Einmal ist's ihr nach vorn über den Kopf geflogen beim allzu wilden Schleifen auf einer nagelneu gefrorenen langen Eisrutsche. Gesicht und Haare waren ihr wie beschneit, das Säckel halb leer, als sie es nach Hause brachte.

Noch jetzt muß sie tief aufatmen, wenn sie an das Entsetzen der guten Zenzl dazumal denkt.

Ihr ernster guter Wille und ihre Wildheit, – sie haben während ihrer ganzen Kinderzeit hart miteinander im Kampfe gelegen. Aber sie kann sich's ehrlich sagen: immer mehr haben Selbstbeherrschung und Pflichttreue über das Unbändige in ihr gesiegt.

Sie hat sich stramm zusammengenommen, hat schon was in sich bezwungen!

Zwischen all den Mannsleuten das einzige weibliche Wesen, das legt Verpflichtungen auf!

Seit sie fünfzehn Jahre alt ist, trägt sie den Schlüsselbund am Gürtel.

Seitdem ist Ruhe über ihr Gemüt gekommen.

Solange sie in die Schule ging, die geliebte Schule drüben überm Wald im großen, um den Viertelssee herumgelagerten Marktflecken und Sommerfrischort mit den drei Kirchtürmen, solange war's, ein Gehetz! –

Die Schule riß rechts und die Wirtschaft links an ihrem Herzen. Freilich – was für ein feines Gehetz!

Sie muß manchmal die Augen schließen, wenn sie die Erinnerung an diese Schule, diesen Schulweg, diese Schulkameradinnen, diesen Schullehrer überkommt!

Wie eben jetzt!

Ach nein!

Jetzt hat sie zu tun, aufmerksam zu sein auf ihr mühevolles Werk.

Jetzt giebt's kein Versponnensein!

Der Falk ist fertig ausgestopft ein Viertelstündchen später.

Mit einer starken Stricknadel glättet Huberta noch das beim Abstreifen und Umkrämpeln des Balges verschobene und verdrückte Gefieder, legt geduldig jedes Federchen glatt an, daß die ausgeprägte Zeichnung in tadelloser Richtigkeit erscheint.

So, jetzt ist's auch geschafft!

Da hört man grad vielstimmiges Hundegekläff, feste, schwere Mannesschritte; eine eigentümlich klangvolle Mannesstimme ruft ins Haus:

»Huberta, Dirndl! Wo bist? Geh her, nimm mir mal die Jagdtasche ab!« –

Da fliegt sie auf von ihrem Stuhl, fliegt zur Tür hinaus, dem von seinem Reviergang heimkehrenden Vater, dem schönen, stattlichen Vater, entgegen!

»Vatterl, bitt' schön,« bittet sie, indem sie ihm eifrig, von den drei Hunden umkläfft, behilflich ist, »geh dann auch mal her und schau, was ich g'tan hab! Den Falken, weißt! Ob's recht ist!« – –

Und der Vater sagt, indem er sich das ausgestopfte Tier ein paar Minuten später kritisch von allen Seiten anschaut, kurz und warm: »'s ist schon recht! Das hast brav gemacht!«

Darüber steigt der Huberta vor lauter Glück das Blut heiß in die Wangen.

Mit Tadel wird nicht gespart bei ihrer Erziehung zur Jagdgehilfin. Lob aber sprechen diese geliebten Weidmannsstimmen selten über sie aus. Sie hat's aber auch verdient heute, das Lob!

In der richtigen, der Natur abgelauschten Eigenart, die Flügel leise gelüftet, den Kopf spähend etwas vorgeneigt, sitzt der tote Räuber elegant und leicht, wie lebend, auf dem von ihr geschickt zurecht geschnittenen Tannenast.

 

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