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Huberta Sollacher

Frida Schanz: Huberta Sollacher - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorFrida Schanz
titleHuberta Sollacher
publisherTrowitzsch & Sohn
printrunFünftes Tausend
illustratorW. Gause
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140315
projectidae575776
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Dreizehntes Kapitel

Nun kam eine schöne Zeit.

Der Huberta war so fröhlich zu Mut, daß sie nur immer laut hätte jauchzen mögen, die Freude und Lust des Herzens ausströmen in einem Jubelschrei.

Die Agnes, die Agnes war noch ihr, gehörte ihr noch zu, wie sie ihr zugehörte!

Keine Pensionsfreundin hatte ihr dieses geliebte Herz geraubt!

Ernst hatte sie der Heimgekehrten durch die schönen Augen ins Herz geblickt in der ersten Stunde des Alleinseins im Mädchenstübchen mit den Fahnentücheln und Rehbockgehörnen.

Bang und angstzitternd hatte sie gefragt: »Agnes, Agnes, nun sage: wie war's mit den dix à douze jeunes filles? Welches hättest du dir erwählt? Welche ist dir die liebste Freundin gewesen?

Da hatte die Agnes ihr unter zartem Erröten hauchleise ins Ohr geflüstert: »Gar keine!«

Und nach kurzer Scheu und feiner Verlegenheit hatte sie rasch entschlossen, ehrlich und geradeaus gestanden:

»Es gab nämlich gar keine außer mir!«

»Die Sache war so:« erklärte sie dann in einem Zug eifrig und offen, »Großvater hatte die Pension doch nach einer Annonce ausgesucht und sich den Prospekt schicken lassen. Gerade durch die vielen Mitpensionärinnen, hatte er gemeint, würde ich recht rasch und flüssig Französisch lernen. Nun war's aber, als ich zu Mademoiselle Laure Florin kam und nach den zehn bis zwölfen frug, eine große Verlegenheit. Das Haus mit den reizenden Zimmern für zehn bis zwölf junge Mädchen war da. Mademoiselle Florin hatte es neu gekauft; es lag in einem Garten über dem Genfer See und war wunderschön. Aber auf die vielen Annoncen, durch welche Mademoiselle die Pensionärinnen gesucht hatte, hatte sich nur eine einzige gemeldet, nämlich ich. Du glaubst nicht, wie das der armen Mademoiselle Laure fatal war, meinetwegen, mir auch, ihretwegen. Denn wenn ein erwachsener älterer Mensch und ein so vorzügliches Menschenkind sich vor unsereinem geniert, das ist schrecklich. Ich tröstete sie, so gut ich konnte, sagte ihr, mir wär's recht, daß es so sei, ja lieb; als Freundin hätte ich dich, Französisch lernen könne ich ja von ihr; sie sprach entzückend, und weil wir doch allein waren, hat sie, außer wenn ich bei Lehrern wissenschaftlichen Unterricht hatte, den ganzen Tag mit mir gesprochen, gelesen und geübt, mir auch meine Musikstunden französisch erteilt. Das war großartig. Ich hatte sie sehr lieb, sie mich, glaub' ich, auch ein wenig. Schließlich bekam ich gar Angst, daß andre Pensionärinnen dazu kommen könnten, so nett war's. Aus Pflicht, heißt das, wünschte ich's doch, denn Mademoiselle Laure tat mir leid. Sie hatte doch das ganze große Haus eingerichtet. Aber als ich ihr das einmal sagte, beruhigte sie mich fröhlich. Aufs Geld käme es ihr gar nicht an, sagte sie. Sie hätte recht viel geerbt und nur aus Lust und Liebe zur Jugend und zum Erzieherinnenberuf die Pension gegründet. Aus diesen Gründen könne sie ruhig warten. Nur meinetwegen und Großvaters wegen sei es ihr ärgerlich. Das redete ich ihr aber gründlich aus. An Großvater schrieb ich's, der antwortete, wenn ich nur zufrieden sei und gut Französisch lerne und auch sonst viel, so sei's recht. Das sagte ich Mademoiselle Laure. Aber die hatte nun weiter Angst, daß andre Menschen die Sache erfahren und schlecht Beurteilen könnten. ›Welche Schande!‹ sagte sie immer. ›Es ist, als ob ich deinen lieben Großvater irre geführt hätte, als sei ich nicht ehrlich! O, wie ist mir das peinlich!‹ Da hab ich Großvater im nächsten Briefe gebeten: ›Sag's nur keinem!‹ Und Mademoiselle Laure hab' ich versprochen, ich schriebe es sonst auch niemandem in der Welt. Dir schrieb ich's vor allem ganz extra nicht. Auf dich kam's mir ja am meisten an. Vor dir, mein Liebes, Liebstes, sollte die gute Mademoiselle Laure am allerwenigsten in einem schiefen Lichte stehn. Sagen ist jetzt etwas anderes; da kann ich's besser erklären, wie's kam; man mußte nämlich zart und rücksichtsvoll gegen sie sein, sie war so einzig gut. Sie vor dir zu beschämen, das hätte ich gar nicht fertig gebracht. Für mich allein schmückte sie im Sommer das ganze Haus mit Rosen, für mich allein kaufte sie die besten Bücher, für mich allein machten wir die herrlichsten Partien; sie lebte nur für mich. Ja, ein paarmal hatten sich sogar Mitpensionärinnen angemeldet, und sie hat sie nicht angenommen. So genossen wir unser Leben zu zweien. Wir waren nur immer froh und lachten und freuten uns, meine liebe Lehrerin und ich. Was haben wir alles Schönes zusammen getrieben und gelernt!« – – –

Diese Beichte der Agnes war's, die Hubertas Herz so mit Wonne, ja mit Übermut erfüllte.

Ganz war ihr die geliebte Freundin nun erst wieder geschenkt. Wie hatten sie einander lieb! Wie genossen sie die Freundschaft! Nach fast zwei Jahren so schwer ertragener Sehnsucht sahen sie einander nun jeden Tag. »Ich finde, du kommst morgen wieder!« sagte Huberta bei jedem Abschiednehmen.

»Ja, wenn du nicht zu mir kommen kannst, so finde ich auch, ich komme zu dir,« war dann der Agnes fröhliche Antwort. »Wenn wir uns nur haben, lieber Schatz!« Lieb haben, mit dem Schwergewicht auf das letzte Wort, meinte sie, das sei doch noch eine andre Sache, als das tiefste und schönste Liebhaben aus weiter Ferne.

Solche Worte trank Huberta förmlich ein. Sie hatte eine Seelenarbeit zu verrichten, ein immer neues Aufraffen zum Selbstvertrauen in dieser Freundschaft. Die Agnes war ihr als Kind schon immer wie ein höheres Wesen erschienen. Nun war zu dem Reiz ihres ernsthaften Kinderwesens so vieles hinzugekommen: das Erwachsene, Fräuleinhafte, Vornehme, zu den rein und ernst geschnittenen Zügen ein strahlender Liebreiz um Augen und Mund. Hubertas Blick konnte sich nicht satt sehen in verstohlener Betrachtung an dem geliebten Gesicht.

» Du!« sagte sie nur immer wieder, sah ihr in die Augen und schüttelte wie in glückseliger Verwunderung den Kopf.

» Daß d' mi magst!«

Agnes antwortete bann lächelnd, ganz leise und langsam, mit einem Ton der Innigkeit, wie's niemand beschreiben kann: »Ich mag dich schon!«

Dazu Frühling!

Es war wie eine vom heiligen Geist der Güte extra bewegte und durchlebte Zeit!

Das Wehen und Weben, Knospen und Drängen war wie eine noch nie dagewesene Seligkeit nach der extra harten Wintersnot. Das goldene Gelb jeder Blüte des Scharbockskrauts, jeder Schlüsselblume, das lachende Lila jedes Veilchens im frischen Grün war ein entzückendes Wunder.

Unter den Obstbäumen des Grasgartens, die sich mit ihrer schneeweißen Blütenfülle breit und wohlig in der Sonne dehnten, saßen die Freundinnen stundenlang, plauderten, zeigten einander ihre Handarbeiten oder lasen einander aus guten Büchern vor.

»Ich bitt' dich, lehr' du mich von dem, was du weißt,« hatte Huberta schon am ersten Tag ihre Agnes demütig gebeten. »Hilf mir weiter im Wissen, daß der Unterschied zwischen uns nicht gar so groß ist.«

Und der Sollacher fügte dann, als es Huberta einmal nicht hörte, dringlichen Tons hinzu: »Ja, ich bitt' Sie auch, Fräulein Agnes, kommen Sie recht oft! Helfen Sie ihr! Zwar –, für einen Bierwagen ist das Hubertl gebildet genug (Huberta lief gerade mit den eiskalt beschlagenen Bierflaschen unermüdlich, hausfraueneifrig zwischen Eiskeller und Abendbrottisch hin und her) – ihren Faust hat sie auch beständig im Strickkörbel bei den Wadenstutzeln und Kinderröckeln und lernt ihn auswendig so nebenbei, das französische Taschen-Wörterbuch trägt sie neben Portemonnaie und Notizbuch als ständiges Inventar in der Rocktasche, und auf ihrem Nachttisch liegt dauernd ein dicker Band Weltgeschichte. Die Sorge, nicht hinter Ihnen zurück zu bleiben, war ihr eine scharfe Lehrmeisterin, Fräulein Agnes, während Ihres Wegseins. Aber macht nix. Zu viel lernen kann der Mensch nicht. Belehren Sie sie also nur, bitt' schön, weiter, wo Sie irgend können.«

Agnes meinte, zu lehren habe sie Huberte wirklich nichts. Aber des Sollachers Blicke baten mehr als seine Worte. »Komm nur! Komm nur! Komm nur!« baten die, »wann ich dich nur seh, bin ich froh!«

Da nickte sie freundlich und frohbefangen: Ja! Sie schlugen einander nicht leicht etwas ab, sie waren gut miteinander, die beiden. Das tat so wohl. Er frozzelte sie nicht mehr, sie riß nicht mehr vor ihm aus. Ein schönes Vertragen, ein immer mehr wachsendes Vertrauen war's zwischen ihnen, in das wie in die ruhig sich breitenden, weitgeöffneten Kirschblüten an den Zweigen eine goldig strahlende Frühlingssonne niederschien.

So schön, so überirdisch war's, was da mit den Frühlingsblumen heimlich um die Wette wuchs, daß Hubertas Herz schon die Ahnung davon vor Glück kaum fassen konnte.

Und menschlich genommen war es wohl auch kaum zu fassen. Die Agnes mit den feinen Händen, mit der feinen Bildung, dem feinen Sinn, und der Sollacher, der nichts kannte, nichts wollte, als seinen Wald, sein Wild, seine Weidmannswelt, der kräftige, sich oft rauh und rücksichtslos gebende Jäger! – Agnes ein Fräulein von Rieden! – Uralten Adels Erbin. – Vielleicht auch die Erbin eines großen weltlichen Besitzes, eines beträchtlichen Vermögens.

Vielleicht aber nur!

Und dem Vielleicht gegenüber – zum Glück – ein »Vielleicht auch nicht!«, das der Huberta in ihren schwindelnd schönen Hoffnungen doch etwas festen Grund unter die Füße gab.

Der Sollacher, der hätte sich eher eine Lieb', und wenn sie wie ein hundertjähriger Tannenbaum gewurzelt, aus dem Herzen gerissen, ehe er nach einem Vermögen getrachtet oder den Schein auf sich geladen hätte, das zu tun. Das wußte sie.

Nun aber hatte sich in seinem Sinn das »Vielleicht auch nicht!« verstärkt und versteift zu einem felsenfesten, trotzigen: »Fallt gar kein'm Menschen ein! Gar nicht im Traum gewinnen die Riedens den Prozeß! Gar nicht menschenmöglich ist's!« Das verteidigte er sogar dem Vater gegenüber mit leidenschaftlicher Rechthaberei.

Er hatte aus den Tatsachen, die der alte Herr von Rieden ihm oft erzählt, aus den Prozeßakten, den Stammbaumdarlegungen, die er ihm gezeigt, eine für den nicht Eingeweihten scheinbar teuflische Freude gesogen. Die Hoffnungslosigkeit von Fräulein Agnes' Erbansprüchen, die lag ihm klar, so klar, daß er wolfswild werden konnte, wenn Huberta manchmal ganz schüchtern doch noch besserer Hoffnung für ihrer lieben Agnes Zukunft war. Den schlimmsten Ausgang der Sache ersah er ordentlich jubelnd und ohne einen Funken Mitgefühl für die Enterbte. Als ihr schlimmster Feind hätte er nicht schadenfroher sein können. Und er war doch ihr Freund, der sich um sie sorgte, wenn sie sich bei einem Gang durch die sumpfigen Wiesen nur einmal die Sohlen naß machte.

Solche Widersprüche gibt's!

Gut war's nur, daß er der Agnes nicht gerade zeigte, wie er dachte, daß er über ihre Pläne einstiger Lehrtätigkeit lachte, als ob eine Prinzessin sich um ihre Zukunft Sorge wöbe.

Agnes selbst nahm die Möglichkeit einstigen Geldverdienenmüssens aber doch sehr ernst, wenn auch ganz gelassen.

»Ich möchte nur so lebensgern tüchtig werden in allen Sachen,« vertraute sie ihrer Huberta eines Tages in sehnsüchtigem Tone an. »Du sagst: ich soll dich belehren. Wieviel tausendmal dringender müßt' ich dich bitten: lehr' du mich, was du weißt! Denn wenn Bücherwissen auch schön ist, was du weißt und kannst, Huberta, ist für uns weibliche Wesen doch das hundertmal Notwendigere. Ich komme vielleicht einmal als Erzieherin von Kindern und als Gehilfin einer guten Hausfrau irgendwohin aufs Land. Was fehlt mir dazu alles! Du verstehst zu schaffen, wie ich es noch bei keinem Menschen gesehn hab', daß es jedem Geschöpf um dich her wohl wird. So umsichtig und gründlich und dabei so fröhlich und spielend hab' ich noch keine Hausfrau walten sehn.« – – –

Zärtlich flehend wurde ihre Stimme.

»Lehr' mich, Huberta! Nimm mich in die Schule zu dir! Bitte tu's!« –

Wie stolz und froh sagte da die Huberta Ja!

Es war aber auch eine Zeit zum Schulanfang für Hausfrauenwissen, wie's keine holdere im Jahreslaufe gibt.

Eine einzige große Kinderstube ist die ganze Natur! Die winzigste Vogelmutter huscht mit der Beute im Schnabel durch die Zweige wichtig ins Nestversteck. Aus den Staarkästen schreien hungrig die Jungen.

Junge Pflänzchen stehn in den Beeten, die zärtliche Obacht und Fürsorge brauchen; unter dem Hausgeflügel ist's ein Gackern und Schnattern, ein wichtiges Getu der übereifrigen Mütter, ein Piepen und Tschiepen und Wieseln und Wuseln der Jungen und Winzigkleinen nach Futter. Drei Glucken und vier alte Enten haben jetzt im Forsthausstaate Junge, – sechzig Kinder im ganzen – und immer noch sprengen neue Völkchen die zarten Eischalen. Zart angefaßt wollen sie sein, die Neugebornen, die runden, weichen, fast körperlosen Bällchen, und doch fest und sicher. Agnes lernt Huberta den richtigen Griff bald ab und begreift's nicht, daß sie sich zu Hause bisher um derlei reizende Dinge nicht gekümmert hat. Solch weiches Dingerl an die Wange schmiegen, wie ist das süß! Dann wieder knien die beiden Mädchen auf dem Flur, streuen das bedachtsam zurechtgemachte Weichfutter, zerkleinertes Ei und gekochte Hirse, aus fürs piepsende Völkchen, schaffen Recht und Ordnung unter den hungrigen Drängern, die einander noch gleich scheinen, wie Eier, und doch sind sie der erfahrenen Pflegemutter Huberta schon alle einzeln bekannt. Über jede im jungen Brennesselwald am Bleichplatz spazierende, stolpernde Familie halten die beiden Mädchen mit scharfen Augen Wacht, ängstlich nach den gierigen Räubern in der Luft und den weichsohligen, vierfüßigen der Erde spähend.

.

Da gilt's, auf der Hut zu sein!

Das Wiesel hat mit dem weißen Winterpelz die Mordlust nicht abgestreift. Schmal und gelenkig drängt sich's durch jede Ritze im Stall.

Als die große gelbe Henne brütete, waren ihr mehrmals Eier unter dem Leibe weggeschwunden, wie weggezaubert aus dem verschlossenen Stall. Die ausgesaugten Schalen fanden sich in einer Stallecke. Hubert« hat dann den spitzen Wieselkopf in einer Spalte der Stallmauer entdeckt, hat die Falle gestellt und hat's gefangen.

»Mit dem schwarzen Winterschwanzspitzerl noch,« erzählt sie der Agnes eifrig. »So zeckerlfett!«

Für das junge, im Freien kribbelnde Getier ist jetzt eine Welt von Feinden, neben dem Wiesel Edelmarder und Fuchs, zu fürchten.

Ein junges Häsle, ein kaum handgroßes, wolliges Bällchen, das er einem Raubvogel abgejagt, hat der Sollacher den zwei Mädchen zur Pflege mit heimgebracht.

Die Gefahren für die Jungen bilden in dieser fröhlichen Frühlingszeit Hubertas einziges Leid. Zornige Tränen hat sie ein paarmal über das Verschwinden schon herangefütterter Küken und zerblasene Federspuren im kräuterreichen Frühlingsgras des Bleichgartens geweint. Das Traurige geschieht immer und immer wieder. Sie weiß nicht, was sie denken soll, ist gar nicht zu trösten.

Eine Fähe, d. h. einen weiblichen Fuchs, die sie einmal mit gestreckter Rute am Waldrand entlangschleichen sah, hat ihr der Max am anderen Tage triumphierend gebracht. Bei einer Lehrstunde, die die Fuchsmutter ihren zwei Füchseln gab, hatte er die Spitzbübin erwischt, einer Belehrung im Mausen an einem selbstgemausten Stück Federvieh, das sie packen mußten und das sie ihnen immer wieder wegriß, damit sie die Sache durch gründliche Übung gründlich lernten.

Einen Marder, dessen Luftsprünge er von Baum zu Baum verfolgt, hat er in seinem aus Baumbart gebauten Kobel auf einer Fichte geschossen und mit einem dünnen Fichtenast heruntergestielt.

Die Verluste im Hühnerhof aber gehn fort, immer fort.

Auch die Amsel, die so süß im Kirschgarten sang, so schmelzend und jubelnd über alle anderen Vogelstimmen weg, singt nicht mehr, ist jäh verstummt.

Da hat Huberta, als sie eines Tages mit der Agnes unter dem alten Sauerkirschenbaum auf der Bank sitzt, einen sie förmlich in Erstarrung versetzenden Anblick.

Krampfhaft packt sie der Freundin Arm und starrt gradaus mit weitgeöffneten, entsetzten Augen.

Ein großes, dickes, langgeschwänztes Tier mit ruppigem Fell und grünfunkelnden Augen biegt den Leib geschmeidig über die den Garten einfassende Schwarzdornhecke, streckt die mit scharfen Krallen versehene Pfote weit aus nach dem Nest der Grasmücke, das wie ein verborgenes Schlößchen voll Jubel und Glück in den Zweigen geborgen steckt.

Mit einem scheuchenden, wilden Aufschrei schrillt Huberte den Räuber weg.

Im Nu ist das Tier verschwunden.

Aber Huberta hat es erkannt, an dem samtschwarzen Abzeichen im grauweißen Pelz. Ein guter, alter Bekannter ist's, ein einst geliebter, traulicher Freund: das Hauskatzel, das sich mit schnurrendem, spinnendem Ton, mit krummem Buckel und hochgestrecktem Schwanz einst so behaglich an sie anschmeichelte, dem sie pünktlich dreimal des Tages seine Milch gegeben, das dann, während sie in der Stadt war, spurlos verschwand.

Eine so starke, gefährliche Wildkatze ist das nun geworden, ein Schrecken der Nester und Hausgeflügelkleinen. Sie weiß, diese verwilderten Bauernkatzen sind furchtbar, tun's an Raubsucht womöglich dem Fuchs zuvor.

Da sprühen ihre Augen Feuer unter nassem Schleier, ihre Wangen brennen vor Zorn. Sie ballt drohend die Hand.

»Wie du dich über so etwas aufregen kannst!« sagt Agnes ganz erschrocken.

»Das Tier hab' ich mal so gern gehabt! Hätten sie mir's doch nicht laufen lassen!« klagt Huberta leidenschaftlich.

Am Abend bittet sie den Sollacher: »Eine Wildkatz wildert in der Nähe vom Haus, schau, daß du sie triffst!«

Aber der junge Jägersmann kommt zu diesem besonderen Jägerstück nicht.

Agnes von Rieden hat am nächsten Tag einen Anblick, den sie nie vergessen wird.

Die beiden Freundinnen kamen fröhlich von einem Reviergang mit dem Herrn Forstmeister, der die Agnes auch ins Herz geschlossen hat, heim.

Da stutzt, schon in der Nähe des Forsthauses, Huberta, äugt groß und scharf, ladet dann rasch ihre sie auf jedem Waldgang begleitende Büchse und reißt sie an die Backe.

Es gibt einen kurzen, scharfen Knall.

Und aus dem Wachholdergebüsch am Wege plumpst mit schwerem, dumpfem Fall ein rauhhaariger, grau und weißlich gefleckter Tierkörper ins Waldgras.

»Raubtier! Da! Nun läßt du meine jungen Vögel in Ruh!« ruft Huberta mit bebender Stimme.

Dann fliegt die feste, kräftige Mädchengestalt federnden Laufes, wie weggeweht, den andern voran dem Forsthause zu.

Niemand hat Huberta mehr gesehn an diesem Tag, auch Agnes nicht.

Sie hatte sich in ihr Stübchen eingeschlossen und rief, als Agnes anpochte und leise und zärtlich um Einlaß bat, schluchzend aus demselben heraus:

»Verzeih, Liebste du! Ich kann nicht! Heut nicht! Ich hab's schießen müssen, das gemeine Raubtier! Aber ich kann nicht schnell fertig werden damit! Der Schuß ins Leben! Der erste! – Morgen, hoff' ich, hab' ich mich gefaßt. Aber heute verzeih! Heute kann ich nicht in deine lieben Augen sehn! Nur heute nicht!«

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