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Huberta Sollacher

Frida Schanz: Huberta Sollacher - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFrida Schanz
titleHuberta Sollacher
publisherTrowitzsch & Sohn
printrunFünftes Tausend
illustratorW. Gause
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140315
projectidae575776
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Zehntes Kapitel

Sie blieb auch.

Nicht weil es so traulich war zu Haus, so unbeschreiblich behaglich und heimelich; sie hätte nur einfach gar nicht wieder fortgekonnt, so nötig war sie zu Haus, so viel gab's gleich vom ersten Tage an zu sorgen, zu schaffen. Mit so viel Anforderungen kam die Heimat und hielt sie fest. Es war gar keine Lücke, wo sie hätte durchschlüpfen können, wieder 'naus in die Welt, wenn sie noch so gern gewollt hätte.

Das Babettl kam am Morgen nach ihrer Ankunft wie ein gähnendes, sich reckendes Kätzel mit lautem, verwundertem: »O mei!« zur Küche hereinspaziert, wo die roten Feuerscheine und schwarzen Schatten sich schon über die Wände reckten.

»O mei, – 's Fräuln is schon auf!«

Noch nicht fünf Uhr war's.

Jawohl, die Zenzl sollte einmal liegen bleiben, so lange sie mochte und konnte, sich gründlich ausschlafen. Huberta hatte es gestern abend fest bestimmt. Das alte Weibl sah elend, abgeschafft aus; das hatte sie auf den ersten Blick gewahrt. Deswegen hatte es ihr beim Aufwachen in stiller, stockdunkler Morgenfrühe nach dem kurzen Schlaf, den Heimfreude und Bangen um die Hankersleute ihr übrig gelassen, den gewissen Ruck gegeben, den sie in der ganzen Stadtzeit nicht einmal gespürt, den Ruck, der eine so große Wohltat ist im Frauenleben:

»Auf, auf! Versäum' dich nicht! Bist nötig! Bist zu was!« Sie steht am Herd und kocht den vier ledigen Holzern, die vom Forsthaus aus auf Arbeit gehen, die Morgensuppe, teilt ihnen Brot und Topfkäse zu zum Mitnehmen in den Rucksäcken. Das Schleichen und Schlurfen und Stapfen der Männer, der Schein ihrer Laternen zum glutroten Herdbrand, dazu all die hupfenden, huschenden, kohlschwarzen Riesenschatten an den Wänden, der ganze emsige, halblaute, halbhelle Betrieb, – das gibt das höchst fesselnde Gepräge eines solchen Morgens ab. Wie hat sie in der Stadt lange vor Morgengrauen, wenn sie wachend im Bette lag, oft daran gedacht!

Nach der Suppe wird, während das Rotköpfl die Zimmer aufräumt, erst der Morgenfraß für die Hunde bereitet. Wie die angesprungen kommt, die Bande! An der Huberta in die Höhe, ihr die Hände leckend, das Gesicht lecken wollend, als seien sie alle toll!

»Kusch! Kusch! Kusch!« hat sie immer zu rufen.

Dann gießt Huberta den das Haus gemütlich durchduftenden Kaffee auf für die Mannen.

Die haben die Stärkung nötig!

Die gilt's aufzurichten heut! Lange vor Licht und Tag werden die herausstapfen!

»Die Bäum'! O je! Die armen jungen Bäum'!« Das ist der Morgenzuruf, mit dem Vater, Sohn und Tochter nach dem ersten warmen: » Recht guten Morgen!« einander sorgenvoll begrüßen.

Es hat die ganze Nacht geschneit, schwer, massenhaft, lastend, wie seit vielen Jahren nicht.

Mit Erschrecken hat's die Huberta an den kolossal hohen, weißen Flockenpolstern vor den Fenstern und auf der Türschwelle gewahrt. Da ist über den Schneefall von gestern abend nach kurzer Pause ein gewaltiger neuer gefallen.

Diese Schneewucht ist für den Wald, die halbhohen Kiefernbestände besonders, eine schwere Gefahr. Huberta weiß genau, wie der Vater bangt um sein schönes Stangenholz, die von ihm angepflanzten, jungen Waldungen, seine Freude und sein Stolz, den jungen Wald, der zum herrlichen Hochwald werden, ihn um ein Menschenleben überdauern soll. Ein einziger solcher Schneebruch kann Hunderten und Hunderten schlanker, schwankender Baumknaben die Kronen gebrochen haben.

»Zu helfen ist da nichts.« –

»Gegen den Schneebruch steht der Forstmann ratlos da,« – unterreden sich, trüb und ernst gestimmt, Vater und Sohn.

»Sogar der Sturmgefahr,« sagt der Forstmeister, »läßt sich noch eher vorbeugen durch die Randmäntel«.

Reihen hoher Bäume, die man am Rande junger Pflanzungen nach der dem Sturm am meisten ausgesetzten Seite stehn läßt, sind das.

»Halt mal nachschaun erst,« spricht, nun wieder gelassener, der Max. »Das wird wohl, mein' ich, mit den Schneeschuhen am vorteilhaftesten zu beschaffen sein, 's Hubertl ist so gut und holt sie uns aus dem Schuppen, die Schneestöck' dazu.« – »Und geht mit,« will er, einer raschen Erleuchtung folgend, hinzusetzen.

Da kommt sie ihm zuvor.

»O wenn ich dürft'! Wenn ich mit dürft'!« ruft sie so hellstimmig, daß es die ernste Sorge mit einem Schlage freundlich durchbricht. »Von den jungen Beständen hab' ich ja nicht weit zum See, kann dann vormittags schon im Ort sein –«

Sie sieht den Vater gespannt, wartend an.

Der sagt nur: »Kommst halt mit!«

Die drei auf Schneeschuhen traumesschnell dahinsausend über dem frischen daunigen Nachtschnee, der köstlichreinen »Neuen«, Die »Neue«, d. h. Neuschnee. über der die Morgensonne, durch Nebel gedämpft, kupferfarbig glüht, – – so kommt in den bangen, verstimmenden Reviergang doch noch ein eigenartiger Reiz!

Huberta kann sich nicht helfen, sie muß manchmal halblaut aufjauchzen. Die Waldungen stehen wie verzaubert, in so großer, hehrer, lautloser Stille. Die größten und die kleinsten Bäume trogen ihre silberglitzernde Schneelast so zauberhaft schön, wie etwas Weiches, Gutes, Warmes. Die hohen, mächtigen halten sie mit stolzer Kraft auf ausgebreiteten Armen; die kleinen hat's ganz zugedeckt, eingehuschelt bis über die Ohren und Nasenspitzen. Nur die halbhohen, sich eben reckenden, – o weh, o weh!

Vater hat recht gehabt.

Er sagt nur immer, indem er sorgend Nachschau hält, tief seufzend, wie aus blutendem Herzen: »Da schaut! Da schaut!« Immer wieder, wieder!

Unzählig vielen jungen Bäumen hat es die Kronen gebrochen; viele stehen mitten durchgeknickt, ganz zersplittert; viele hat die übermächtige Schneeschwere rund, wie Reifen, zusammengebogen, daß sie nun nicht die Kraft haben, sich aufzurichten.

Wo er kann, hilft der erfahrene Forstmann mit seinen zwei jungen Gehilfen nach.

Viel aber ist nicht zu tun.

Nicht einmal entfernt zu übersehen ist der ganze Schaden.

Daß sie beisammen sind, miteinander leiden um ihren vom Unglück betroffenen Wald, muß es den drei Waldleuten wenigstens etwas erleichtern. Jeder sieht's dem andern an, wie nahe' es ihn trifft. Dem Vater geht so etwas immer förmlich ins Leben. Das weiß Huberta.

Sie tröstet nicht. Sie hätte ihn so gern gestreichelt, tut's aber nur zart, mit ganz leisen Worten:

»Liebs Herrle! Liebs Vaterl!« – –

»Das sind die großen Schmerzen im Forstmannsleben,« sagt der Vater nur kurz, fast hart.

In Nachdenken geht's heim, eine lange Weile ganz in Schweigen. Dann bricht das Interesse an den vielerlei Fährten und Spuren vom Waldgetier, die den lockeren, eindrucksfähigen Schnee, den vor Tagesanbruch gefallenen, also günstigsten Spurschnee hie und da kreuzen, den Bann.

Max schmunzelt: »So eine ›Neue‹ ist doch famos! Die ganze Gesellschaft hinterläßt da ihre Visitenkarten!«

»Da kommt man dem Gesindel auf die Schliche!«

Ja, ganz genau ist für die drei Kundigen nach den Fährten, den Eindrücken der Läufe und Hufe festzustellen, wer und was von Waldgetier da gewandelt, geschlichen, getrabt, gehuscht ist.

Manches interessante Stück Wild und Raubzeug im Revier, dem sonst schwer auf die Spur zu kommen, ist an solchen Tagen festzustellen.

Das gibt einen wichtigen, kostbaren Reviertag für Vater und Max!

Ein paar Baummarder- und Wieselfährten werden schon auf dem Weg bis an die Kreuzungsstelle bestätigt, auf der Huberta zum See abschwenke.

Dort gibt der Forstmeister seiner Tochter mit der eigentümlichen, harten Unerbittlichkeit, die bei Forstsachen durch seine Stimme klingt, Bescheid:

»Dem Hanker also sagst, – oder seiner Frau richtst aus: bis morgen abend hab' er seine Büchsen bei mir abzuliefern zur Aufbewahrung! Nachsicht und Pardon gibt's nicht in Wilddiebsaffären. Legt er die nicht bis zur bestimmten Zeit gutwillig bei mir ab und steht mir zugleich Rede auf einiges Befragen, so folgt Verhaftung und Gefängnis. Du würdest dann müssen als Zeugin dienen.« – – –

Es ist eine eigentümliche Situation, in der die erregte Huberta eine Stunde später dem Manne diese Botschaft ausrichtet.

Übers Bett des unruhig schlummernden Kindes weg steht sie ihn mit gefalteten Händen, mit kaum lauthellen, aber doch tief einbringlichen Flüsterworten an.

Die Frau steht in der Küche und bereitet unter mißmutigem Poltern – denn das Nachschaun und Einmischen der Huberta ärgert sie doch ungemein, – das Mittagsmahl.

Um viele Groschen und viele gute Bissen ist sie durch das Spionieren der Huberta gekommen. Das hat sie sich von gestern auf heute gründlich überlegt. Huberta fühlt's in ihren Nerven: die ballt ihr draußen die Faust!

Und der Mann reicht ihr unterdessen die steinharte, schwielige Hand und verspricht ihr, von ihrer Angst und ihrem Zureden bedrängt, kleinlaut, ja stöhnend: »In Gottes Namen also: Ja!«

»Ein einziges, kümmerliches Tier wär's überhaupt nur gewesen, ein einziges Mal hätte er dem Wildhunger, der Wildererlust, gefolgt,« – murmelt er.

Diese Aussage prüft Huberta jetzt nicht näher auf ihre Wahrheit. Beschwörend möchte sie den geduckten Mann, die verstimmte Frau nun bloß flehn: »Laßt's das Kind hier nicht entgelten!«

Sie hat den Doktor vorhin einen Augenblick gesprochen, hat sich sagen lassen, was sie tun, was sie zu seiner Stärkung bringen darf. Von gestern auf heute wäre etwas gewonnen, hat er ihr gesagt; mehr nicht.

Und doch, – unheimlich krank ist das Kleine noch, das sieht sie genau.

Sie geht so angstvoll, so beklommen von ihm weg nach Haus. Und daheim findet sie noch eine andre Kranke!

Die alte Zenzl leistet sich ihr dümmstes Getu, lacht über sich selbst bis zu Tränen und sagt, jetzt stünde sie gar nimmer auf von ihrem vornehmen Liegenbleiben, seit sie es einmal versucht habe. Mit raschem Blick sieht's die Huberta: »Die ist ja in einem schauderhaften Gesundheitszustand. Die fiebert ja!«

.

Zenzl

»Es wäre nichts Gefährliches,« versichert der Doktor, nach dem gleich telefoniert wird und der am Abend kommt.

Eine Woche im Bett liegen lassen! Sehr streng ankämpfen gegen den Eigensinn des alten Weibels, die – nach Großvaters Rezept, das für ihn selbst wohl probat gewesen sein mochte, aber kaum für andre – nur Enzianschnaps einnehmen will. Pünktliche Medizinverabreichung, sehr kräftige Nahrung, Ruhe und gute Pflege! verordnet er. – – – –

* * *

Huberta ist nun in ihrem Element.

Man ist zu was! Jetzt kann sie's von sich sagen.

Zwischen Küche und Magdkammer, Diele, Wohn- und Leutestube und Hühnerstall gilt's hin und her zu fliegen. Die Zenzl; die aus ihrer Krankheit gern einen recht dummen, lustigen Gespaß machen möchte, gilt's streng und fest und sehr lieb und aufmerksam zu pflegen. Dazu gilt's zu schaffen, zu backen, zu räumen und allerlei unmerklich vorzubereiten, vor allem viel zu ordnen und zu putzen.

In ein paar Tagen ist Weihnachten!

Allerlei ist nicht völlig in Ordnung im Haushalt, ist ein bißchen verwahrlost und verschlampt. Die Zenzl sagt mit gemachter Kindischtuerei »Ich Hab's halt doch nicht so können. Ich war halt doch z' jung und z' klein!«

Das Babettl sagt immer nur traumverloren: »I woaß net!« wenn die Huberta sie nach dem und jenem fragt, was nicht zu finden oder nicht gut besorgt ist.

Sogar, wo das Katzerl hingekommen ist, Hubertas weiß und grau geschecktes, ihr besonderer Liebling, der ihr überall nachstieg, weiß Babettl nicht.

»Ihr habt's eben mal zu füttern vergessen! Da ist's wildern gegangen in den Wald. Das kommt nicht wieder,« sagt Huberta erregt. Um das kleine Tier tut's ihr heftig weh. Sie möchte ernsthaft schelten auf Babettl. Aber sie hat doch nicht Lust, auch gar nicht Zeit.

Nach dem Ort zu fliegen, gilt's alle Tage, auf Schneeschuhn durch den Wald, mit Schlittschuhn über den See, um Einkäufe zu machen, und daneben, nein vor allem, um nach dem Roserl zu sehn.

Der Hanker hat dem Herrn Oberförster das Gewehr gebracht.

»Die Frau, die Frau, die macht mir's nit gut, wenn i's wirklich da lasse,« hat er dabei in arger Bedrängnis gefleht. »Die macht mi kalt! Sie hat mir's g'schenkt, das Gewehr, wie wir uns g'heirat't haben. Ihrem Bruder selig hat's gehört. – Ja, ja, aus der Hammerschmiedsfamilie is sie, mei Frau. Wissen's, dem einen Bruder von ihr, dem hat's Wildschießen halt sei Leben kost!«

»Und die andern Brüder, die aus der Hammerschmied, das sind wohl jetzt deine Genossen?« fragt der Forstmeister scharf. Der Hanker leugnet das lebhaft.

Ein einziges Mal habe er das Gewehr überhaupt nur probiert. »Nie wieder!« verspricht er zitternd. Der Herr Oberförster spricht ihm ins Gewissen, wie er halt mit Wilddieben zu reden pflegt, daß es kracht und donnert und blitzt.

Schlotternd ist der Hanker fortgeschlichen, mit offenbar sehr ehrlich gemeinten guten Vorsätzen, – ohne Gewehr.

Seitdem zittert Huberta in heißem Bangen um das Kind.

Die Hankerin, die macht's ihrem Mann nicht gut und dem Roserl nicht gut! Zwei Tage läßt sie Huberta gar nicht hinein ins Stübel.

»'s Roserl schläft, das darf net g'stört werden –,« sagt sie immer barsch, wenn Huberta klopft.

Erst am Christtag früh öffnet sie ihr zum erstenmal wieder die Tür. Huberta kommt hochbepackt mit Spielsachen und Christwecken, einem roten Wollkittel mit schwarzen Litzen fürs Roserl und einem blauen Schürzchen dazu.

Dieselben Dinge hat sie auch fürs Reserl mitgebracht.

Aber ob die beiden Kinder ihren Staat jemals zusammentragen werden in lachender Lustigkeit?

Huberta wird immer tiefer bedrückt, als sie das Roserl sieht. Fieber hat's gar nicht mehr. So gut wie gesund sei's, sagt die Frau. Sie haben es aus dem Bett genommen, ihm ein altes Kittelchen und Jäckchen angezogen, und es auf einen Stuhl an den Tisch gesetzt. Da sitzt's mit hängendem Köpfchen, schlaff, lässig, wie ein im eisigen Wind erfrorenes Schneeglöckchen.

* * *

Huberta sagt sich's immer wieder vor an diesem Christtag: Sie müßte doch jauchzen und jubeln!

Es ist Weihnachten! Und sie ist zu Haus!

Weihnachten im Schneewald! Weihnachten, das sie von klein auf immer ganz berauscht hat mit seinem Zauber.

Wenn der Sepp die vom Vater bezeichnete Tanne aus dem Wald geholt hat und sich dann den Schnee so extra heftig von den Stiefeln stapft, weil er sie ins gute Zimmer bringen darf, – mit einem Schauer von Glückseligkeit ist ihr das immer durch und durch gegangen. Den Baum hat sie dann schon seit langen Jahren immer allein geputzt mit dicken Trauben aus zusammengestielten, vergoldeten Walnüssen, mit den rotbäckigsten Äpfeln und verschwenderisch vielen Wachslichtern, daß der Schein so recht goldhell strahlen sollte, weit hinaus in den bleichweißen Wald. Dabei war's ihr immer, als höre sie tausend schöne, ferne Glocken läuten, obgleich keine einzige Kirchenglocke vom Forsthaus zu hören war. Auf alle Tische stellte sie dann immer schneeweiß blühende Barbarazweige.

Die fehlen auch diesmal nicht. Babettl hat die kahlen Zweige am Barbaratage pünktlich eingestellt, die Krüge auf den Ofen gesetzt und sie zärtlich und sorglich immer neu mit lauem Wasser getränkt. Darin war sie nicht verträumt und faul gewesen. Sie blühen überreich wie ein Märchenwunder in der schneetiefen Winterzeit.

Babettl verrät, sie habe sich etwas dabei gewünscht. Was, sagt sie nicht. Sie stottert und gerät in Angst, als sie gefragt wird: »I woaß net! I woaß net!«

Dabei überkommt Huberta einen Augenblick eine lebhafte Lust. Sie hat Ordnung geschaffen im Haus, in der Küche, im Gewehrschrank. Nun möchte sie's noch in dem törichten Babettlkopf, das junge Ding aufklären über den Wahn, in dem sie sich befindet. Doch sie läßt es einstweilen doch noch, wie es ist. Eine ernste, recht unnahbare Herrin ist sie heut.

Wie sie auch möchte, wie sie sich auch anstrengt, sie kann und kann nicht heraus aus ihrem Ernst.

Es ist ihr so sehr um das Kind!

Sie möchte am liebsten heute noch einmal nach dem Ort, sie hat keine Ruhe, sie kann nicht einmal richtig lachen über die Zenzl, die so froh ist, daß sie wieder in der Küche sitzen und Hubertas wohlgeratene Krapfen zum Kaffee probieren darf.

»Vater, wirst sehen, sie machen's dem Kind nicht gut!« hat sie laut ausgerufen, als der Vater sie heute beim Mittagessen durch einen freundlichen Schlag auf die Schulter aus ihrem grübelnden Sinnen weckte.

Ernsthaft, wie eine sorgenvolle Hausfrau kramt sie am Abend ihre Geschenke für alle heraus und legt sie, mit Tüchern bedeckt, unter den Baum. Dann wird sie eine Zeitlang auf Vaters lautschallenden Befehl hin hinauf in ihr Zimmer gesteckt, das sonderbare Mädchenzimmer, voll zierlicher Rehbockgehörne als Wandschmuck und rotseidener Fahnentüchel, den Trophäen der Scheibenschießen, die Bruder Max ihr im Laufe der Jahre von den Schützenfesten mit heimgebracht hat.

Der Postbote kommt noch einmal von der Station angestapft; der brächte allerlei für sie, heißt's. Und Max ist nachmittag gar noch einmal im Ort gewesen und hat, wie er ihr geheimnisvoll andeutet, ganz was Apartes für sie eingekauft; das solle jetzt ausgepackt werden. Und das wollen sie ihr alles aufbauen, während sie droben weilt.

Sie läßt sich's lächelnd gefallen. Im lichtlosen Zimmer steht sie und schaut hinaus in die weiße, flimmernde Winterlandschaft.

Wie ein großer Dom ist der mondbeschienene, schneefrische Wald. Und nun fängt's darin golden zu glimmen und zu leuchten an. Der Christbaumschimmer bricht allmählich heller und heller durch des Hauses Fenster in das hehre, kalte Weiß hinaus. Sie hat die Hände gefaltet, der Sinn der Christnacht und das Glück, zu Hause zu sein, kommen überwältigend über sie. Von unten fängt's an zu klingen; Vater, der außer Weihnachten nie eine Taste berührt, spielt wie alle Jahre auf dem alten Mutterklavier, dem tafelförmigen, altmodischen Klavizimbel, mit den kräftigen Händen ganz zart und sacht anschwellend die alten kirchlichen Weihnachtslieder: Das » O, Sanctissima« und » Dormi, blandulae Jesus.« Die Silberschelle, die nur einmal im Jahr ihre helle Stimme erhebt, erschallt, und dazu tönt Maxens kräftiger Ruf durchs alte hallende Haus:

»Huberta!«

Da erfaßt sie durch alle Nachdenklichkeit hindurch ein seliges Kinderglück, Hoffen und Ahnen und Schauern. Mit den alten, flüchtigen Wildfangsschritten, zwei Stufen auf einmal, jagt sie die Treppe hinunter. Die Tür zwischen Diele und Staatszimmer steht weit auf – –

Und da sinkt sie auch gleich auf die Kniee vor dem Tisch mit dem sonnenhell leuchtenden Lichterbaum. Sie lacht vor Glück, – ihr Sachen, ihr besonderes Lachen in heißerregten Momenten, das Lachen, das eigentlich ein Schluchzen ist!

Unter dem Baum, auf einem Stuhl neben dem Tisch sitzt, ihr zugewandt, im neuen rotwollenen Flauschkuttchen, ein rotes, leuchtendes Seidenband in den braunen Löckchen, einen blühenden Kirschzweig in der kleinen Hand, ein wachsweißes Weihnachtsengerl, – das Roserl, das Hankerkind!

»Du sollst mich g'sund machen, Sollacherfräuln,« sagt's schelmisch lächelnd, mit schwachem Stimmchen.

»Ja, also jetzt tu das, jetzt pfleg' sie gesund, mein liebs Hubertl,« sagt der Vater und lacht Huberta mit einem Blick verständnisvoller Liebe zu.

Er ist gestern schon im Ort gewesen, hat mit dem Doktor gesprochen, hat die Unterhandlungen mit den Hankerleuten geführt. Heute nachmittag hat der Sollacher das Kind mit Hilfe der Postwirts-Wabi zur Bahn und herausgebracht.

Das Babettl hat das Fremdenstübchen geheizt, hat Hubertas Kinderbettchen vom Boden geholt und hineingestellt. Die Angst dabei, daß Huberta in ihrem Ordnungsdrang auch da hinein wollte, um reinzumachen! O mei! –

Das wird der knieenden Huberta alles in fröhlichem Durcheinander von Herrschaft und Gesind erzählt und vorgeschwätzt.

Sie lacht und strahlt, schlingt die Arme um das Kind, schmiegt ihr Gesicht weich an sein seines, samtiges Bäckchen, überschüttet's mit zärtlichen leisen Worten, dankt und jauchzt immer von neuem. Dann trägt sie es mütterlich besorgt hinauf in sein stilles Nest. Sie zieht es aus, sie wäscht's, bettet's, flößt ihm noch eine Tasse warme Milch ein, die es mit Behagen trinkt.

Diese Viertelstunde dann, bis das nun friedlich lächelnde Kind seine Augen schließt!

Huberta hat noch einmal die alte Kindheitsvorstellung von Weihnachten: als sei die ganze dunkelblaue Luft da draußen von Engelsköpfchen voll, dazu die Vorstellung von weichen Vogelnestern, dem Neste des Kreuzschnabels, der im Winter brütet, von Moosbetten und schützenden Zweigdächern im tiefen Wald, drein die Rehe sich schmiegen.

Es kommt eine solche Wonne und Wärme über sie. Dies Kind darf sie pflegen, hüten, herzen! Ihre Augen lachen, als sie das frischüberzogene Fremdenbett sieht, in dem sie nun dicht neben dem Kinderbettchen schlafen soll.

* * *

Der Abend hat noch viel Schönes für sie. Es ist ihr alles wie ein einziger Traum!

Sie bekommt ein großartiges Geschenk von Vater und Max: einen eigenen, feinen Stutzen. Den soll sie von nun an immer am grünen Gurtbande auf dem Rücken tragen, wenn sie in den Wald geht, wie die richtigen Jägersleut, soll damit immer besser schießen und treffen lernen. Dazu bekommt sie eine neue Schillerausgabe geschenkt, von der Agnes eine große Schachtel voll Leckerli, ein paar schöne französische Bücher und einen Ring nebst einem Briefchen, in dem nur steht: »Grüß dich Gott zum heiligen Christtag, du meine liebste und höchste Freud!«

Von den Schwippschwägerinnen gibt's eine ganze Kiste voll niedlicher Kleinigkeiten. Und von Rupert, ihrem alten, guten, etwas, über das sie sich unbändig freut. Wie er wohl auf die Idee kam? Wo er das wohl her hat, für sie angeschafft hat, der liebe Kerl? Bayrische Dirndltracht! Tiefgrünen Rock vom feinsten Stoff, Mieder, blumiges, seidenes Brusttuch und grünen Filzhut, die schillernde, schwerseidene Taffetschürze dazu, Silbergeschnür zum Mieder mit drei blanken Georgitalern daran. O, wie will sie das tragen, sich damit schmücken! Sie hat sie so gern, die schöne, farbenfrohe, phantasiereiche Tracht des Bauernvolks! –

Es sei ein kleiner Lohn für die vielen Arbeiten im Laboratorium, schreibt der Bruder in seinem lieben Brief.

Weihnachtsgutsle kommen aus dem Bruder-Forsthaus am Lech.

Und Rosen, Rosen, Rosen, mitten durch den Winterschnee, so wunderschöne, sommerschöne, – tief und sorgsam in Watte verpackt, mit gar vielen Grüßen vom Herrn Oberst Ruffel und seinem ganzen Haus.

Wie rührt sie das alles so tief!

Daß man so reich sein kann, das hat sie nie gedacht. Noch nie hat der Christbaum so strahlend gebrannt, das Glück sie so überströmt. Wie im Traume teilt sie ihre eigenen Geschenke aus. Die werden auch hoch geschätzt und sehr bejubelt.

Das Babettl ist so übermannt von ihrem dunkelveilchenfarbenen wollenen Stoff zum Sonntagskleid, daß sie sich, nach Fassung ringend, auf die Bank unter dem Rauchfang flüchtet und kaum gewahrt, daß dort ihr größter Schreck, ihr herzliebster Sepp, auf einmal den Arm um sie legt.

Sie wacht erst auf, als etwas Schreckliches vorbei ist. Ein schmatzendes Busserl hat er ihr gegeben! Aber o Jubel, o Seligkeit! Die Gespenster haben's gelitten, haben nicht gepoltert, nicht getobt und gerast!

Eine ungeheure Befreiung ist das. Die ganze unheimliche Angst ist nun zerstoben. Erlöst, befreit atmen die beiden Liebesleute auf. Sie sprechen miteinander, sie traun sich's auf einmal. In die Christmesse des Orts wollen sie miteinander und mit einer gemeinsamen Laterne an der Eisenbahn hingehn in dieser heiligen Nacht. Lachend, umständlich schwätzend machen sie's aus.

Die Zenzl mag's merken. Und natürlich hat sie das auch gleich gewindet, daß etwas los ist! Sie denkt aber in ihrer günstigen Weihnachtslaune: ›Wegen meiner! Der Sepp muß ja so 'nauf in die Holzknechthütten nach Neujahr, das Holzrutschen überwachen, die mühsame Arbeit! Da kommt er die Wochen nur einmal heim. Und im Frühjahr muß er sich dann stellen zum Militär für zwei Jahre. – Also, – na macht's nixen!‹

.

 

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