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Huberta Sollacher

Frida Schanz: Huberta Sollacher - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFrida Schanz
titleHuberta Sollacher
publisherTrowitzsch & Sohn
printrunFünftes Tausend
illustratorW. Gause
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140315
projectidae575776
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Neuntes Kapitel

Huberta war nach langer, von einem zweistündigen Bahnhofsaufenthalt in der Hauptstadt unterbrochenen Fahrt gegen drei Uhr, noch in der Nachmittagshelle, glücklich auf dem Bahnhöfel des Seefleckens angekommen. Um fünf Uhr sollte der nächste Zug der Lokalbahn nach der Forsthausstation Gereut und den vielen anderen kleinen stillen Wald- und Landstationen weiter gehen.

Diese zwei Stunden bei den Pastorsfreunden oder bei der Schulkameradin Wabi in der Post zu verschwätzen, wäre nicht übel, hatte Huberta sich in ihrem seligen Heimkehrübermut ausgedacht.

Als der Zug nun aber hielt, der Schaffner den geliebten, anheimelnden Namen des Seefleckens lautschallend ausrief, nahm ihr das heftige Herzklopfen der Freude fast den Atem. So etwas von lachendem Jubel, von zitternder Erwartung hatte sie noch nie gefühlt. Ordentlich hehr, ordentlich feierlich war jetzt, so nahe am Ziel, die Heimaterwartung in ihr.

»So etwas, – »nein, nein, das trägt man halt doch nicht unter die Leut'!« dachte sie.

Zwanzig Menschen hätte sie in der Post doch gewiß mindestens Auskunft geben müssen, – und ebensoviel und mehr erstaunten Fragern wäre sie beim Gang »durchs Ort« wohl begegnet.

Schon der Stationsvorstand, der stattliche Herr, hätte sie vor Überraschung beinahe umarmt und sie ihn vor lauter Glückseligkeit nicht minder. An dem einen Zusammenstoß war's genug!

Wie sie nur aber hinbringen, diese ewig scheinenden Wartestunden?

»Halt, still ins Wartezimmerl gesetzt!« beantwortete Huberta sich diese Frage selbst.

Der Eisenofen da drin brauchte nur nicht grad so höllenmäßig zu glühen und zu sprühen! Heiß war's der Huberta so genug, obgleich es draußen flimmerte und glitzerte von Schnee und Frost in der klaren, zarten, schon abendrötlichen Luft, durch welche einzelne Schneeflocken, groß und weich und schön gesondert, wie kleine weißsilberne Astern niederfielen.

Ach, lieber unter diesen kühlen, weißen Schneeastern bisserl hingehn mit seiner Freud'! – Das sei doch noch gescheiter, meinte sie, als da im Zimmer hocken und Braten und fast ersticken vor Hitz.

Und still konnte man's draußen auf solchem Spaziergang auch haben!

Gleich hinter dem Bahnhöfchen ging der Weg in die Schlucht, die Huberta im Sommer so sehr liebte. Viel tropfende, rieselnde Quellchen sickerten darin und sammelten sich zum Gnadenbrünnlein vor einer winzigen Kapelle, deren Bewohnerin ein edel geschnitztes, jugendschönes Herrgottsmutterl war mit einem lebendig und lieblich lächelnden Kindl auf dem Arme. Dieses heilige Frauenbild stand im Rufe besonderer Wunderkraft. Viele kamen tagaus, tagein zu ihm, namentlich zur schönen Sommerszeit, an linden Abenden oder auch, wenn draußen die Sonnenglut brütete und es wohlig kühl und traulich war im Kapellchen in der schattigen Schlucht. Mancher und manche ist aber freilich auch schon in Sturm und Nacht und Dunkelheit angehetzt oder angeschlichen gekommen mit einem schwer beladenen Herzen voll übergroßem Leid und Weh. Alle ihre Not brachten die Leute dem Muttergottesbild. Und sie ehrten es und dankten ihm für seine Hilfe durch massenhafte Blumenopfer. Den ganzen Sommer stand der kleine Altar wie in einem bunten Blumenwald, und dazu brannten fast immerzu die geweihten Kerzen; an Marientagen, wenn die vielen alten Weiblein, Männer, Frauen und Kinder vor dem Kapellchen knieten, war's ein Geleucht und Geflimmer von unzähligen Lichtern und Lichtlein aus dem halbdunklen Raum, wie aus einer Sternennacht.

Dies Zur-Mutter-gehn mit allem Leid, allen Klagen, zur jungen, schönen Mutter, die zugleich Himmelskönigin war, erste und gottnächste unter den Frauen des Himmelreichs, das hatte die junge, ernste Protestantin Huberta, das mutterlose Kind, am katholischen Glauben immer so traulich und rührend angeheimelt. Entzückt hatte sie oft der Anblick des geschnitzten Kunstwerkchens in seiner bunten, freundlichen Blumenwelt, in seinem schimmernden Glanz, vor den betenden Scharen.

.

Jetzt, als Huberta bei sinkender Dämmerung im Flockengeriesel durchs Tälchen schritt, lag die Kapelle ganz verlassen unter ihren drei hohen Schutztannen, hinter ihrem zu eisigem Schweigen erstarrten Born. Huberta tat sie leid in ihrer kahlen Einsamkeit und Verlassenheit.

Wie ein rotes glimmendes Fünkchen brannte sein ewiges Lämpchen nur, einsam und schüchtern schimmerte es durchs bläuliche Schneelicht, und die Sterne auf Marias blauem Mantel funkelten matt. Und rings um das holde Himmelsfrauchen her war alles in arger Verwüstung! Die paar Papierröschen, die letzten Überreste vom reichen, bunten Sommerschmuck, in den festgenieteten Zinnvasen ganz verkrumpelt und zerweicht! Die Altardecke, – eine schon recht schadhafte, ohne Spitzen mußte es im Winter tun, – zerknittert und verrutscht, die Eisenteller mit den scharfen Spitzen zum Aufstecken der geweihten Kerzen wirr durcheinander geschoben, das alte ledergebundene Bittbuch an der eisernen Kette, in das die Bittgänger ihre Wünsche oder Danksagungen und Namen oder wenigstens Anfangsbuchstaben schrieben – der gnadenreichen Mutter zum besseren Gemerk – ganz vorn auf den Altar gelegt, daß die Schneeflocken es trafen! –

So etwas konnte die Huberta nun gar nicht sehn!

Sie bog sich über das abgeschlossene Gitter und schaffte, so gut sie es von da tun konnte, Ordnung im Kapellchen, wedelte mit einem Tannenast Staub und Schnee vom Altar, stellte die Teller, von denen sie das Wachs der zerflossenen Lichtstümpfchen brach, in Reih und Glied, bog die Papierrosen zurecht, wischte mit einem Stück Seidenpapier aus ihrem Handtäschchen das Bittbuch blank, mit liebevollem Interesse dabei Seite um Seite umblätternd und überlesend.

Alle diese ungelenken, holprigen, höckrigen, kindlichen Schriftzüge, diese flehenden Bitten, diese treuherzigen Danksagungen, wie viel sagten und erzählten sie ihr!

Eine ganze Anzahl Seiten war wieder gefüllt, seit Huberta das Buch im Herbst zuletzt durchgesehen hatte.

Immer wieder und wieder stand's da, das vielsagende, flehende: »Maria hilf! Maria hilf!«

»Heilige Muttergottes,« las Huberta, »hilf einer armen, gebeugten Frau! Kathi S.«

»Hilf, o Mutter Gottes, bald, sonst bin ich verloren. I. M.«

»Hl. Maria, hilf einem jungen Burschen zu seinem Glück! Ludwig Brötlein. Auf Wanderschaft.«

»Hl. Muttergottes, hilf mir zur Erfüllung meines heißen Wunsches, falls es für mich gut ist.« – Kein Name dazu. – Aber – – – ist das nicht der Postwirts-Wabi nette, ordentliche Handschrift? Huberta überkommt's ganz warm und geheimnisvoll. Was die sich wohl wünschte, so heimlich, so heiß, das hübsche, frohe Ding?

»Hl. Muttergottes hilf, daß unsre Mutter gesund wird!« – »Hl. Maria, hilf meinem Sohn zu seinem Vorhaben!« stand da des weiteren.

Darunter von Männerhand geschrieben, wie mit einem dicken Zimmermannsbleistift, ein kurzes:

»Hl. Muttergottes, hilf dem Roserl, wann's noch Zeit ist. Hanker-Sepp.«

Da riß Huberta in heißem Erschrecken die Augen weit auf. Was? – Las sie recht?

Ja, es blieb so! Sie hatte sich nicht getäuscht.

»Roserl« – – »Wann's noch Zeit ist« – – – »Hanker-Sepp.« – – –

Ihr Roserl! Ihr Liebling! Einen Augenblick stand sie wie erstarrt:

»Ja, ist denn das schon wieder krank? Was ist denn das?« sann sie. – Dann, – ein tiefes Aufatmen: »O, das Glück, daß ich daher kam und das erfuhr!«

»B'hüt euch Gott, Mutter Maria und Jesuskind!« flüsterte sie in hastigem Abschiednehmen dem schönen Madonnchen zu. »Dank euch, daß ihr mir das offenbart habt!«

Fort, Fort!

Es gab kein Besinnen! Das Roserl krank, sehr krank! »Wann's noch Zeit ist!« klang's ihr unheimlich immer wieder in den Ohren. Flugs zu ihr! Es war grad noch möglich vor der Abfahrt des Zuges.

Ohne sich umzusehen, eilte sie zurück, durch die Schlucht, durch den Ort, in dem nun die hellen elektrischen Vollmondlampen schon freundlich erstrahlten, an allen, die ihr erstaunt: »Grüß Gott, ja, wo kommen denn Sie her?« zuriefen, mit eiligfreundlichem: »Grüß Gott, grüß Gott! Ja, ja, i bin wieder daheim!« vorbei, ohne anzuhalten, durchs Hauptgässel, ins Häusergewinkel und -gewirr hinein bis in eins der letzten kleinen Häuser, aus dessen Fensterchen ein matter, gleichsam müder Lichtschein ins immer dichter und weicher niederwallende Flockentreiben brach.

»Da ist's!« – – Sie äugt erst noch einen Augenblick, Im Winter, im Schnee, sehen die kleinen Dinger von Häusern sich so gleich. Ja, da ist's aber doch! Ein sicheres Merkmal: hinter der Tür, auf dem Bänkel im kleinen Flur hockt mit baumelnden Füßen, verlassen, verloren, ein Kinderfigürchen, Roserls Freundin, 's Reserl!

»Was tust denn du da?« fragt Hubert«, und vor lauter Angst erstarrt ihr jedes weitere Wort. Reserl sieht so verängstigt zu ihr auf, so entsetzt, so scheu.

»Ist's Roserl sehr krank?« will Huberta sie fragen und wagt's doch nicht. Und Reserl sagt auch nichts vom Roserl. Verlegen und weinerlich spielt's mit dem Kochtöpfel, das ihr an einem roten Fädchen um den Hals hängt (Hubertas Geschenk ans Roserl, dann von dem ans Reserl weitergeschenkt!), und sagt mit kläglichem Stimmchen, als wisse sie vor Angst nicht aus noch ein:

»D' Bub'n sein so letz – – –«

Huberta streichelt ihr nur eilig übers Gesicht:

»Geh nach Haus, aus der Kält' fort, Reserl!« sagt sie, so festen Tons, daß das kleine Ding augenblicklich vom Bänkchen herunterrutscht und gehorcht.

»O Gott, da drin im Stübchen steht's schlimm!« weiß Huberta, noch ehe sie hineingesehen hat.

Die Buben, die das Reserl nicht hereinlassen wollten, stemmen sich auch jetzt wieder gegen die Tür. Huberta aber drückt die energisch auf. »Laßt mich rein!« – ganz herrisch sagt sie's.

»Ist der Vater und die Mutter nit daheim?« ist dann ihr erstes Wort. Sie ist's nicht imstande vor Herzklopfen, nach dem Roserl zu fragen. Da im Kammerl steht sein Bettchen, – sie eilt darauf zu.

»Na, d' Mutter is fortgegangen, die holt an Kaffee und a Butter,« berichten die Buben. »Der Vater kommt spät am Abend erst heim, der is auf Arbeit.«

Huberta hört's kaum.

Es lebt! das Roserl!

Nun steht sie an seinem Bett im häßlich und dumpf riechenden Kämmerchen, und als sie laut und zärtlich seinen Namen ruft, schlägt's die Augen auf.

So müd, so schwer! So irr schaut sie's an. Wie ein Wachsbild liegt's da in den rot und weißen Kissen.

»O, Roserl, was ist mit dir geschehn, während ich nicht da war!« schluchzt's in Huberta. So lang und schlank gestreckt ist das Kind! So furchtbar ernst!

Die Augen fallen ihm wieder zu, dann öffnet es sie noch einmal matt; mühsam macht's sein Mündchen auf, murmelt leise, ganz leise: »Sollacherfräuln, i brock dir schon wieder Bleameln!«

Dann liegt's aufs neue regungslos, teilnahmslos da. Huberta kniet an seinem Bett.

Und währenddem ist die Hankerin auf einmal, mit ein paar gefüllten Papiersäcken und Düten beladen, ins Zimmer getreten.

Ihr Gesicht hat sich beim Anblick Hubertas erst ärgerlich und trotzig verzogen. Dann sagt sie mit einer Stimme, die mitleidig jammernd sein soll, aber lässig und gleichgültig klingt:

»Ah, sie wollen's Roserl gewiß noch mal sehn? Ja, gell'ns, gar so matt ist's? Seit heut früh hat's nix mehr angeben! Ganz in die Züg ist's g'fallen! 's is aus! 's is halt nix mehr mit dem Kind!«

Da reißt's die Huberta mit Gewalt empor.

Mit flammenden Augen, mit heißen Backen steht sie vor der Frau.

»Mit dem Kind ist wohl noch was!« schreit sie mit bebender Stimme leidenschaftlich heraus.

»Hankerin, Hankerin,« – sie besinnt sich, faßt flehend die Hand der Frau, fragt sie bescheiden und freundlich mit herzlicher Dringlichkeit: »O bitt' schön. Frau, sagen's mir, was ist mit dem Kind? Weiß der Doktor, wie krank's ist? War der da? Habt ihr nach ihm geschickt?«

Die Frau sieht Huberta von oben bis unten an, als wolle sie den Schnitt von ihrem neuen, in der Stadt gekauften Mantel auswendig lernen und sagt, fahrig und zerstreut:

»Morgen haben wir wollen nach ihm schicken.«

»Ja, – aber Hankerin!« schreit Huberta da auf. Rütteln und schütteln, ins Gesicht schlagen möchte sie die Frau. Dann besinnt sie sich wieder, mäßigt sich mit Gewalt.

Vorwürfe machen, wie käme ihr das hier zu!

Sie bittet nur, mit beweglicher Stimme, aber gelassen, freundlich-sanft und doch so voll Inbrunst! Traulich schmeichelnd überredet sie die Frau, sie soll, so geschwind sie kann, zum Doktor laufen. Ein paar Silberstücke aus ihrem Reiseportemonnaie schüttelt sie ihr in die Hand, – – »falls der Doktor gleich etwas zum Mitbringen bestimmt. Ich bleib' derweil bei dem Kind! Bitt' schön! Bitt' schön! Gehn Sie!« bettelt sie. Das höfliche Bitten, das Geld dazu, – das wirkt; die Frau macht sich auf den Weg; – neugierig, aufgeregt, laufen die Beiden Buben hinter ihr drein.

Und nun sitzt Huberta stumm, die zuckenden Hände der Kleinen haltend, an ihres Lieblings Bett.

Auch das Kind liegt stumm, schneebleich, ganz apathisch, als sei's schon für immer entschlummert.

Dann auf einmal schreckt's auf, fängt zu wimmern und zu stöhnen an, wirft sich herum in wilder Fieberqual. Sein Gesichtchen verzerrt sich: »Fort! fort!« schreit's, richtet sich auf, wehrt mit den Händen etwas Unsichtbares, Grausiges ab. Nach der Tür starrt's mit weit geöffneten Augen, dann will's aus seinem Bett fort: »Unter mei'm Bett ist's – – der schwarze Mann – die schwarze Katz,« lallt's entsetzt.

In heißer Angst versucht Huberta das fiebernde Kind zu beruhigen.

»Sei gut, Roserl! Schau, ich bin ja bei dir!« redet sie ihm zu, »'s ist niemand sonst da; schau doch, niemand will zur Tür rein, unter dei'm Betterl ist erst recht nix.«

Wie zur Bestätigung ihrer eigenen Worte bückt sie sich und steckt ihren Kopf unter des Kindes Lager.

Da hätte sie freilich beinahe selbst laut aufgeschrieen; entrüstet und erschrocken fährt sie aus ihrer gebückten Stellung zurück.

»Nix ist, Roserl!« kann sie dem kranken Kind lächelnd versichern. 'S ist auch nix! Nichts, was ihrem armen Liebling Gefahr brächte. Das ist jetzt die Hauptsache. – – –

Ein großer, schwarzer, falscher Männervollbart nur, eine Flinte, ein noch blutiges Gehörn und eine Mulde mit feisten, rohen, schwarzroten Rehwildstücken stehn und liegen unter dem Bett.

Der Hankerer wildert!

Und nach dem Wildbret also hat's so eigen gerochen im kleinen Raum.

Sie hat's schon munkeln hören, der stehe im Verdacht, nicht wildrein zu sein, mit den Brüdern der Frau, langverdächtigen Wilddieben, in Verbindung zu stehn. Immer hat sie den netten, treuherzig aussehenden Menschen verteidigt und entschuldigt. Mit Unrecht! Nun weiß sie's gewiß. Und es füllt sie außer mit Empörung, mit Angst und Unruhe. Sie muß es ihrem Vater sagen, was sie entdeckt hat, muß Roserls Vater anklagen! Und der Vater kennt keine Schonung dem Wilddiebsgesindel gegenüber, dem der oft lebensgefährliche Kampf seiner Tage und Nächte gilt; er darf keine kennen. Huberta sinnt: »O, wie mach' ich das jetzt nur gescheut?« Sie zittert vor Aufregung, und in doppelt zärtlichen, doppelt traulichen Worten ergießt sich ihre mitleidvolle Liebe nun über das Kind. Das stöhnt, das windet sich vor Schmerz. Sein Strohsäckchen schüttelt sie, sein verrutschtes, grobes Betttuch streicht sie dem Kind zurecht. Sie facht die Glut an auf dem Herd, macht Wasser heiß, rupft von dem am Fenster hängenden Buschen zu Mariä Himmelfahrt geweihter Kräuter, die in keinem Bauerhaus als kräftiger Zauberschutz gegen böse Geister und Feuersgefahr fehlen, alle Kamillen aus und brüht sie in der irdenen Knödelschüssel, der einzigen, die sie auftreibt. Ein linnener Lappen, der gerade zur Hand ist, wird hineingetaucht.

So ein warmer Umschlag unters grobe Hemdchen auf die Brust gelegt, – das tut dem Roserl wohl!

Und das gute Zureden dazu:

»Gel', das Mauserl liegt jetzt ganz schön still und schaut mich lieb an und tut sich nicht ängstigen und wird wieder gesund? Gel'? Gel'?«

Immer leiser, leiser klingt's – – –

Wie ein summendes Wiegenliedchen, wie ein Vogelschlummerlied, so zart und lind werden zuletzt die Worte.

Das Roserl schlägt die schweren Augen noch einmal auf und lächelt müd und ganz leis an ihrem Herzen. Dann schläft's ein.

So sitzt die Huberta, wohl eine Stunde lang.

Die Hankerin hat den Doktor gleich mitgebracht, drum hat's so lange gedauert. Sie ist wie verdonnert, die Frau. Der Mann, der wie ein alter, wirklicher Heiliger aussieht, mindestens wie ein Apostel vom Passionsspiel im höchstgelegenen Gebirgsdorf und der als grundgescheiter, kreuzbraver Doktor gilt, ist zuweilen ein Grobian und Wüterich allerfürchterlichsten Ranges.

Man sieht's seinen funkelnden Augen an, er hat der Frau unterwegs kräftig Bescheid gesagt, und er schilt sie, Roserls Herz und Lunge untersuchend und aushorchend, jetzt in gedämpftem Tone mit schonungslosen Worten weiter.

Er hat's damals gesagt nach den Masern, die Hankerin solle das Kind jede Woche einmal zu ihm bringen, da sei noch was nicht richtig –

»Dem Kind hat nix g'fehlt. Nur was angewunschen is ihm worden. Verhext war's!« verteidigt sich die Hankerin trotzig. »Wir hab'n alles getan – –.«

Der Doktor schaut sie wild an.

»Was habt ihr getan?« fährt er sie scharf an.

»Halt bestreichen und besprechen lassen,« – gesteht 's die Hankerin nun ganz wichtig ein, – »die Sympathiefrau hab'n wir geholt! Die hat an ei'm Freitag die Krankheit von dem Kind mit einer Zwiebel in die Erden gescharrt und weggebet't. Den Brautkranz von ihrer Mutter selig hat sie dem Roserl in der Nacht aufg'legt gegen die Hitz'n und hat ihn dann verbrannt. In den drei höchsten Namen hat's ihr das angewunschne Übel weg'bet't und wegg'sprochen. –«

Der Doktor äußert zu der Sache nur noch das eine wütende Wort: »Blödsinn!«

Sie solle sofort in die Küche gehn, frisches Wasser aufs Feuer setzen zu neuen Umschlägen, weist er die schwätzende Frau dann heftig an.

»Die heißen Umschläge, die Sie gemacht haben, Fräuln Sollacher, sind recht; die sollen alle halben Stunden wiederholt werden, die ganze Nacht,« ordnet er an, »Kamillen hab ich schon mitgebracht.«

»Und einen Eßlöffel Medizin geben Sie ihr jede halbe Stunde, hier, Hankerin!«

Er schreibt das Rezept auf, gibt der Frau noch einmal seine genauen Anordnungen und schickt den größeren Buben zur Apotheke.

»Morgen früh komm ich wieder!« sagt er und donnert mit dem Stock auf den Ziegelboden des kleinen Küchenraums.

Huberta sagt sanft, mit einem bittenden Blick auf die hastig herumwirtschaftende Frau: »Und ich auch!«

Dann nickt sie dem schlummernden Roserl drin noch einmal zu, eilt hinter dem Doktor drein, wagt's unterm dichten Flockengeriesel, ihn ernst zu fragen, wie's mit der Krankheit des Kindes da drinnen steht. Es ist ihr einerlei, ob er sie nun auch noch andonnert, – ihr den Kopf abreißt oder nicht.

Er tut keins von beiden. Freundlich gibt er ihr Bescheid:

»Eine ganz traurige, häßliche Sache. Eine von den Masern verschleppte, entzündliche Lungengeschichte, vernachlässigt, verschlampt.«

»Wenn Sie mir aber beistehn, Fräulein Sollacher, und der große Doktor da droben im Himmel, will ich's schon zwingen!« sagt er und drückt Huberta, ehe er nach der Dorfseite davonstapft, warm die Hand.

Da atmet sie auf. Wirklich um ein Haar wäre sie schon wieder einem um den Hals gefallen, – dem Zweiten heute!

O, ob sie ihm beistehen wollte, diesem zornwütigen Doktorsmann!

* * *

Huberta hat nun der Frau, der Hankerin, rasch noch ein paar Worte zu sagen.

Holla, wie zuckt das kecke, lässige, junge Weib da auf einmal zusammen! Wie starrt sie trotzig in des jungen Mädchens ernstes Gesicht!

Die Wilddieberei ihres Mannes entdeckt, von der da – wie fatal!

Und die Entdeckerin sagt mit einer Festigkeit, die keinen Einspruch aufkommen läßt: »Ich muß das meinem Vater sofort sagen, es geht nicht anders!«

»Herr mei!« schreit die Frau, »Jess, Maria und Josef!«

Sie sieht Huberta an, als wolle sie auf sie losfahren.

»So geben's doch acht! Ich will Ihnen etwas vorschlagen, Frau!« sagt sie, die Frau am Arme packend, schnell. »Tun Sie, was Sie können, um's Roserl gesund zu pflegen, – und dafür versprech' ich Ihnen, daß ich bei meinem Vater für Ihren Mann tun will, was möglich ist! Für dies eine Mal! Falls der Hanker verspricht, abzulassen von der Wilddieberei für alle Ewigkeit! Recht und Ordnung wär's, ich schickt' Ihnen gleich die Gendarmen ins Haus, das wissen Sie! Wenn die das unterm Bett da finden, ist Ihr Mann geliefert! Jetzt also vor der Hand bis morgen, da wird sich das weitere finden! Tun's dem Kind Umschläg' machen einstweilen die Nacht. Versprechen's mir das!«

Unfreundlich und verlegen verspricht's die Frau.

Huberta ist's nun leichter und ruhiger ums Herz.

Heim jetzt, heim! –

Fliegen möchte sie am liebsten, so jäh bricht die niedergehaltene Ungeduld nun wieder los.

Mit dem Zug ist's viel zu spät! Der ist seit Stunden fort!

So wird halt zu Fuß zugestapft! Was macht's? Längs der Bahngleise hin, die jetzt bis zum andern Morgen kein Zug mehr befährt, im pfadlosen Schnee.

Es geht schlecht! Der Schnee wallt immer dichter, dichter – – –.

.

Huberta hat ihr Handtaschel, ihren Muff, ihren Schirm, den sie aber aus angeborner Abneigung gegen solche Stadtinstrumente nicht aufspannt, zu tragen, hat ihr Kleid in die Höhe zu halten, ihr schweres, langes, fürs Feinaussehen auf der Eisenbahnfahrt berechnetes Stadtkleid.

Fußhoch liegt schon der Schnee; immer dichter wirbelt's, zwischen den spärlichen Streckenlichtern liegen lange Wegstellen tiefet, stockfinsterer Nacht.

Macht nix!

Man gehört zum Geschlecht der Waldleute, die fühlen sich durch den Wald in schwärzester Dunkelheit, aufrecht, ohne Tappen und Greifen, – wievielmehr durch ein schönes Waldsträßlein mit parallelen Tannenwänden und Schienengleisen!

Furcht kennt man nicht, – trotz aller Gespenstergeschichten, die man sich mit wohligem Gruseln am warmen Ofen an Winterabenden erzählt!

Das schaurige Hu–u–u–! der Eule klingt Huberta lieb und vertraut, und sie äfft es während des Vorwärtsstapfens neckend nach. –

Nur gegen Nässe und Müdigkeit ist man doch nicht ganz gefeit.

Mit großmächtigen, hohen Schritten muß sie durch's Schneepolster stiefeln. Ihre Füße sind naß, eiskalt.

Wie als Kind möchte sie lieber die Schuhe, – dumme, elegante Stadtschuhe sind's heut auch noch, – ausziehn und barfuß tappen. Und ihr Rock ist so naß, so schwer, wird schwerer und länger mit jedem Schritt!

Jetzt kann ich nimmer! denkt sie manchmal ganz erschöpft.

Aber nur tapfer vorwärts! Nach Haus! Nach Haus!

Sie lacht, sie singt den ganzen Weg.

So, jetzt ist's kaum eine Viertelstunde mehr von der Station, jetzt wagt sie's, verläßt die Schienengleise, um den Weg nach dem Forsthaus durch den Wald abzukürzen, fühlt sich quer durch. Jetzt ist's g'schafft! Jetzt ist's ganz bald am End'!

Hoppla!

Mit einem leisen Aufschrei prallt sie da zurück. Unter ihren Füßen hat's sonderbar geknaxt, und ein eigner Duft zieht ihr in die Nase.

Fuchswitterung!

Aha, da ist eine von Bruder Maxens Fuchsfallen nicht weit! Sie fühlt und tappt sich eh paar Schritte zurück, – nach rechts, – –. Da weiß sie für einen Augenblick wirklich nicht mehr, wo sie ist.

»Horridoh!« ruft sie langgezogen und so laut der dämpfende Schnee ihre Stimme irgend schallen läßt, durch den Wald!

O Glück! O Jubel! Da tönt's ihr von fern entgegen: »Holla hoh! Holdrio!«

O, wie windet sie, wie spitzt sie ihre Ohren da! Wie lacht ihr Herz!

»Sollacher!« jauchzt sie glückselig.

Und nun gibt's, einander näher und näher kommend, Laut und Gegenlaut, und im Dunkel finden zwei Waldgeschwister, wie durch Scheinwerfer beleuchtet, flugs und sicher die Wege zueinander!

»Hubertl! Mädel, liebs, liebs Mädel! Ja, wo kommst her? Bist's denn nur wirklich?«

Er weiß selbst gar nicht, was er alles im Augenblick der unglaublichen Überraschung und aufgeregten Wiederhabensfreude schwätzt, dieser über Weichheit sonst so erhabene, junge Jägersmann!

Die Huberta fühlt, als sie von seinem Arm umschlungen, lachend an seiner Schulter lehnt, sie hätte jetzt wirklich nimmer weiter gekonnt mit der Müdigkeit, den schweren Schuhen, dem triefendnassen, schleppenden, städtischen Geschlamp!

'S wird kurzer Prozeß gemacht?

Der Sollacher hebt sie geschwind auf und trägt sie ins Heimathaus!

O, wie einem da wohl wird, wenn der einen so leicht und sicher packt, mit dem treuen Arm fest umschlingt, der starke, gute Mensch!

Jetzt bricht der erste Lichtschein des Heimathauses, Goldfäden spinnend, durch die nachtschwarzen Tannen.

Da jauchzen und jodeln die Geschwister vereint übermütig laut: »Ju – – hu! Ju – – hu!«

Und im nächsten Augenblick ist's auf einmal wie das ganze Gelärm der wilden Jagd um das Forsthaus her. Alle Hunde stürzen heraus, – heulend, blaffend vor Freude, – die Jager und Holzer, die heute alle bei der Zenzl zum tagebeschließenden Schmarrn eingekehrt sind, recken, im Helldunkel der geöffneten Haustür auslugend, die kräftigen Silhouetten. Sie treten heraus, Lichtschein fällt zwischen ihnen durch auf den Schnee, jetzt weht der Luftzug der Zenzl weißes Schöpfel spielend auf, jetzt leuchtet der Babettl schönes Köpfchen auf mit dem staunend, nicht grad übergescheit aufgesperrten Mund, und zwischen all den charakteristischen Gestalten, dem Gebell, dem Geruf, dem Gelach, dem Gefrag und Gewunder schwenkt der Herr Forstmeister sein schneeblitzendes Mädel, das der Träger helllachend vor ihm abgesetzt, hoch in die Luft.

»Nur als Überraschung zum Christkindl! Nur auf Besuch!« entschuldigt Huberta ganz ängstlich den Überfall.

O, die Freud'! Die Hunde wollen und wollen keine Ruh geben, bellen sich halbtot! Huberta hat nur immer zu beruhigen: »Ja, ja Staps! Ist schon recht! Ist schon das Frauerl! Dei Frauerl ist da! Hirschmann, Lora und Thora, ja, ja, ihr seid schon brav, ich mag euch schon noch! Nur jetzt a Ruh!« – – –

Huberta ist's, als ob das ausgestopfte Gevögel und Getier in der Halle sich rühre, sie grüße, als ob der schwebende schwarze Aasrabe unter der Decke direkt auf sie zuflöge mit den weitgespreiteten Flügeln. Großvaters alter, aus Hirschgeweihen gefügter Lehnstuhl breitete ihr förmlich die Arme entgegen.

»Nei, so was! Mei liebs Hubertl! Ja Mädl!« Viel mehr sagt der Herr nicht. Daß er aber so glücklich lachen kann, das hat die Zenzl jetzt grab seit siebzehn Jahren nimmer gehört.

Huberta hat ihm, als sie sich umgezogen hat und mit ihren beiden Mannen allein am traulich gedeckten Tische im Wohnzimmer sitzt, viel zu erzählen.

Die Hankersache, die brennende, die ihr schwer auf dem Herzen liegt, natürlich ganz zuerst! Beklommen, sich herzhaft Mut fassend, berichtet sie diese.

Die beantwortet der Vater mit hartem Schlag der kräftigen Faust auf den Tisch, mit finsterem Runzeln der Brauen, Murmeln zornwütiger Worte in den mächtigen Bart.

Er sieht die Huberta. ernst an, wehrt alles weitere, alles Bitten, Beruhigen, Zureden ab, spricht nur: »Jetzt sagst nix mehr! Wir werden schaun!«

Für sie liegt doch eine Hoffnung, eine Beruhigung hierin, trotz des zornigen Tons. Sie hält während des ganzen Abends seine Hand, blickt ihm ins wetterharte, schöne, alternde Gesicht, sagt nur immer wieder: »O, Vater, ich bin so innig froh, daß ich daheim bin bei euch!«

Dann gesteht sie kleinlaut, halb lachend, halb weinend, wie wenig Ehr und Ruhm sie eingelegt habe bei den Stadtleuten.

Und die Mannen geben ihr dafür zum Trost auch etwas preis, – ganz heimlich:

»'S war halt absolut nichts ohne dich, hast halt überall gefehlt – – –.«

»So, und jetzt sind wir also wieder alle beieinand'!« sagt der Vater dann in einem Ton von Wohligkeit, als sie ihm die Maserpfeife reicht, die sie ihm mit der Spindel eines Fichtenzapfens gestopft hat, wie einst dem seligen Großvater.

Und der Sollacher bestimmt kurz:

»Jetzt bleibst halt gleich da!«

Sie sahn sich alle einander an, als dies Wort, das feierlich wie ein Vogel schon lange über ihnen in der Luft schwebte, ausgesprochen war – und lachten.

 

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