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Hotel Savoy

Joseph Roth: Hotel Savoy - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
booktitleHotel Savoy ? Hiob
titleHotel Savoy
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090331
projectida0c219b9
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VIII

Wir sitzen an kleinen Tischen, Verbindung besteht zwischen allen, es ist eine große Familie. Frau Jetti Kupfer läutet mit einem silbernen Glöckchen, und nackte Frauen treten auf die Bühne. Es wird still und dunkel, man schiebt Stühle zurecht und sieht auf die Bretter. Die Mädchen sind jung und weiß gepudert. Sie tanzen schlecht, winden sich nach der Melodie, jedes, wie ihm gefällt. Unter allen – es sind zehn – fällt mir eine dünne Kleine auf, die mühsam überpuderte Sommersprossen hat und erschrockene blaue Augen. Ihre schmalen Knöchel sind gebrechlich, ihre Bewegungen ungelenk und furchtsam, mit den Händen versucht sie vergeblich, ihre Brüste zu schützen, die klein und spitz sind und fortwährend zittern wie junge, frierende Tiere.

Dann läutet Frau Jetti wieder das silberne Glöckchen, der Tanz hört auf, der Klavierspieler schlägt einen Donnerwirbel, das Licht brennt hell, und die Mädchenkörper weichen gleichmäßig einen halben Schritt zurück, als hätte sie erst das aufflammende Licht entkleidet. Sie wenden sich, um im Gänsemarsch abzutrippeln, und Frau Jetti ruft:

»Toni!«

Toni kam, die kleine Sommersprossige, Frau Jetti Kupfer verließ den Bartisch, kam hinunter wie aus Wolken, sie verbreitet einen starken Parfüm- und Likörgeruch und stellt vor: »Fräulein Toni, unsere Neueste!«

»Brav!« schrie ein Herr, es war Herr Kanner, ein Anilinfabrikant, wie mir Glanz erklärte. »Tonka«, sagte er und knipste mit Daumen und Zeigefinger wohlgelaunt, streckte die Linke aus und tastete nach Tonkas Hüfte.

»Wo stecken die Mädchen?!« schrie Jakob Streimer, »was ist das überhaupt für eine Bedienung? Hier sitzen die Herren Neuner und Anselm Schwadron, sie werden behandelt wie – ich sag' nicht wer ...« Ignatz glitt durch den Raum und brachte fünf der nackten Mädchen, verteilte sie auf fünf Tische. Frau Kupfer sagte: »Wir haben nicht mit so viel Gästen gerechnet.«

Anselm Schwadron und Philipp Neuner, die Fabrikanten, standen gemeinsam auf, winkten zwei Mädchen heran und bestellten Prünelle gemischt.

Ein Gast trat ein, von allen mit großem Geschrei begrüßt, die Mädchen schienen vergessen, sie saßen auf kleinen Stühlchen wie abgelegte Gegenstände.

Der Gast ruft: »Bloomfield ist heute in Berlin!«

»In Berlin«, wiederholen alle.

»Wann kommt er?« fragt der Anilinfabrikant Kanner.

»Er kann jeden Tag eintreffen!« sagt der Neuangekommene.

»Und grad jetzt müssen meine Arbeiter streiken«, sagt Philipp Neuner, der ein Deutscher ist, groß, rotblond, stiernackig, mit einem runden, starken Kindergesicht.

»Einigen Sie sich, Neuner!« ruft Kanner.

»20 Prozent Zulage für die Verheirateten?« fragt Neuner, »können Sie das zahlen?«

»Ich gebe Zulage für jedes neugeborene Kind«, trumpft Kanner auf, »und seitdem ist ein Kindersegen auf meine Arbeiter hereingebrochen. Ich wünsche allen meinen Feinden eine so fruchtbare Arbeiterschaft. Die Kerle legen sich selbst herein, predige ich immer, aber ein Arbeiter verliert den Verstand für zwei Prozent vom Gehalt und macht mir ein Schock Kinder.«

»Sie ihm auch!« sagt Streimer gelassen.

»Ein Fabrikant ist kein Häusermakler! Merken Sie sich das!« schnarrt Philipp Neuner. Er hat einmal bei der Garde gedient, als Einjähriger.

»Ein Duellant«, sagt Glanz.

»Mehr als ein Fabrikant«, sagt Streimer, »hier ist nicht Preußen.«

Ignatz stürzt mit einem Telegramm herein. Er weidet sich an dem neugierigen Schweigen der Gesellschaft, zwei, drei Sekunden lang. Dann sagt er leise, daß man ihn kaum versteht:

»Ein Telegramm von Herrn Bloomfield. Er kommt Donnerstag und bestellt Nummer 13!«

»13? – Bloomfield ist abergläubisch«, erklärt Kanner.

»Wir haben nur 12a und 14«, sagt Ignatz.

»Malen Sie eine 13 hin«, sagt Jakob Streimer.

»Ei des Kolumbus! Bravo, Streimer!« ruft Neuner versöhnt und streckt Streimer die Hand entgegen.

»Ich bin ein Häusermakler«, sagte der und verbarg die Hand in der Hosentasche.

»Keinen Streit bitte«, ruft Kanner, »wenn Bloomfield kommt!«

Ich gehe in den siebenten Stock, mir scheint es plötzlich, daß Stasia mir begegnen muß. Aber Hirsch Fisch tritt mit seinem Nachtgeschirr aus dem Zimmer.

»Bloomfield kommt! Glauben Sie? –«

Ich höre ihn nicht mehr.

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