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Hotel Savoy

Joseph Roth: Hotel Savoy - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
booktitleHotel Savoy ? Hiob
titleHotel Savoy
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090331
projectida0c219b9
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VI

Es klang wie ein Schlachtruf durchs Haus: Kaleguropulos kommt! Er kam immer am Vorabend, ehe die Sonne verschwand. Geschöpf der Dämmerung war er, Herr der Fledermäuse.

Weiber standen in den drei höchsten Stockwerken verteilt und scheuerten die großen Quadersteine. Man hört Geräusch pantschender Staubfetzen, die in gefüllte Kübel fallen, Schrubbern eines harten Besens und besänftigendes Gleiten trockener Tücher über den Korridor. Ein Zimmerkellner reibt, gelbes Säurefläschchen in der Hand, an den Klinken.

Leuchter blinken, Druckknöpfe und Türleisten, verstärkter Dunst quillt aus der Waschküche und stiehlt sich ins sechste Stockwerk. Auf schwankenden Leitern ragen dunkelblaue Männer gegen den Suffit und tasten Drahtleitungen mit behandschuhten Händen ab. An breiten Gurten hängen Mädchen mit wehenden Schößen wie lebendige Fahnen zu den Fenstern hinaus, Scheiben putzend. Aus dem siebenten Stock sind alle Einwohner verschwunden, offen stehn die Türen, dargeboten ist dem Blick alle kümmerliche Häuslichkeit, eilig zusammengeraffte Bündel, Haufen von Zeitungspapier über verbotenen Gegenständen.

In den vornehmen Stockwerken tragen die Zimmermädchen prachtvoll gesteifte Nonnenhauben, duften nach Stärke und feierlicher Aufregung wie Sonntag morgens. Ich wundere mich, daß keine Kirchenglocken läuten. Unten stäubt jemand mit einem Taschentuch die Palmen ab, es ist der Direktor selbst, sein Auge sieht einen Lederfauteuil, dessen Sitz Risse aufweist und Eingeweide aus Holzwolle verrät. Flugs legt der Portier einen Teppich darüber.

Zwei Buchhalter stehn an hohen Kontorpulten und machen Auszüge. Einer blättert im Katasterkasten. Der Portier trägt eine neue Goldborte um den Mützenrand. Ein Diener tritt aus einem kleinen Gelaß in einer neuen grünen Schürze, blühend wie ein Stück Frühlingswiese. Im Vestibül sitzen dicke Herren, rauchend und Schnäpse trinkend, von hurtigen Kellnern umgaukelt.

Ich bestelle einen Schnaps und setze mich an einen Tisch am äußersten Rand des Vestibüls, hart neben dem Läufer, über den Kaleguropulos ja kommen muß. Ignatz kam vorbei, nickte, freundlicher als sonst, ruhig, mit einer Würde, die einem Liftboy gar nicht anstand. Er schien als einziger in diesem Hause Ruhe bewahrt zu haben, seine Kleidung wies keine Veränderung auf, sein glattrasiertes Gesicht, bläulich schimmernd am Kinn, war heute genauso pastorenhaft wie immer.

Ich wartete eine halbe Stunde. Plötzlich sah ich Bewegung vorn in der Portierloge, der Direktor griff nach dem Kassabuch, schwenkte es hoch wie ein Signal und rannte die Treppe hinauf. Ein dicker Gast ließ das Schnapsglas, das er halb erhoben hatte, wieder stehn und fragte seinen Nebenmann: »Was ist los?« Der, ein Russe, sagte gleichmütig: »Kaleguropulos ist im ersten Stock.«

Wie war er gekommen?

In meinem Zimmer, auf dem Nachtkästchen, fand ich eine Rechnung mit aufgedrucktem Vermerk:

»Die geehrten Gäste werden höfl. ersucht, in bar zu zahlen. Schecks werden prinzipiell nicht angenommen.

Hochachtungsvoll
Kaleguropulos, Hotelwirt«

Der Direktor kam nach einer Viertelstunde und bat um Entschuldigung, es wäre ein Versehen und die Rechnung für einen Gast bestimmt, der darum gebeten hatte. Der Direktor schied, er war aufrichtig erschrocken, seine Entschuldigungen nahmen kein Ende, es war, als hätte er einen Unschuldigen zum Tode verurteilt, so überwältigte ihn die Reue. Er verbeugte sich noch einmal, zum letztenmal, tief, die Türklinke in der Hand, die Rechnung bergend, verschämt, in den Schößen seines Cuts.

Später belebte sich das Haus, ein Bienenstock, in den die Bewohner mit süßer Beute einschwärmen. Hirsch Fisch kam und die Familie Santschin und viele andere, die ich nicht kannte, auch Stasia kam. Sie hatte Angst, in ihr Zimmer zu gehn.

»Weshalb fürchten Sie sich?«

»Es ist eine Rechnung da«, sagte Stasia, »und ich kann sie doch nicht bezahlen, Ignatz wird wieder mit dem Patent kommen müssen.«

Was das für ein Patent wäre?

»Später«, sagte Stasia. Sie ist sehr aufgeregt, sie trägt eine dünne Bluse, und ich sehe ihre kleinen Brüste.

Auf ihrem Nachtkästchen lag eine Rechnung. Sie war ansehnlich; wenn ich sie bezahlen wollte, hätte sie mehr als die Hälfte meiner Barschaft verschlungen.

Stasia erholte sich leicht. Vor dem Spiegel entdeckt sie einen Blumenstrauß, Nelken und Sommerblumen.

»Die Blumen sind von Alexander Böhlaug«, sagt sie, »aber ich schicke niemals Blumen zurück. Was können sie dafür?«

Dann schickt sie um Ignatz.

Ignatz kam, mit forschendem Gesicht, und verbeugte sich tief vor mir. »Ihr Patent, Ignatz«, sagt Stasia.

Ignatz zieht eine Kette aus der Hosentasche und greift nach einem Toilettenköfferchen vor dem Spiegel.

»Das dritte«, sagt Ignatz und legt die Kette vierfach um den Koffer. Er hat dabei ein wollüstiges Gesicht, als fesselte er Stasia und nicht ihr Gepäck. Er hängt an die Kettenenden ein kleines Schloß, faltet die Rechnung und birgt sie in seiner abgegriffenen Brieftasche.

Ignatz leiht jedem Geld, der Koffer hat. Er bezahlt die Rechnungen der Parteien, die ihm ihre Gepäckstücke verpfänden. Die Koffer bleiben in den Zimmern ihrer Besitzer, sie sind von Ignatz versperrt und können nicht geöffnet werden. Das Patentschloß hat Ignatz selbst erfunden. Er kommt jeden Morgen nachsehn, ob »seine« Koffer unberührt sind.

Stasia begnügt sich mit zwei Kleidern. Drei Koffer hat sie verpfändet. Ich beschließe, einen Koffer zu kaufen, und ich denke, daß es gut wäre, das Hotel Savoy schnell zu verlassen.

Mir gefiel das Hotel nicht mehr: die Waschküche nicht, an der die Menschen erstickten, der grausam wohlwollende Liftknabe nicht, die drei Stockwerke Gefangener. Wie die Welt war dieses Hotel Savoy, mächtigen Glanz strahlte es nach außen, Pracht sprühte aus sieben Stockwerken, aber Armut wohnte drin in Gottesnähe, was oben stand, lag unten, begraben in luftigen Gräbern, und die Gräber schichteten sich auf den behaglichen Zimmern der Satten, die unten saßen, in Ruhe und Wohligkeit, unbeschwert von den leichtgezimmerten Särgen.

Ich gehöre zu den hoch Begrabenen. Wohne ich nicht im sechsten Stockwerke nur? Nicht acht, nicht zehn, nicht zwanzig? Wie hoch kann man noch fallen? In den Himmel, in endliche Seligkeit?

»Sie sind so weit von hier«, sagt Stasia.

»Verzeihen Sie«, bitte ich, ihre Stimme hat mich gerührt.

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