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Hotel Savoy

Joseph Roth: Hotel Savoy - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/roth/savoy/savoy.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleHotel Savoy ? Hiob
titleHotel Savoy
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090331
projectida0c219b9
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V

Stasia heißt das Mädchen. Das Programm des Varietés nennt ihren Namen nicht. Sie tanzt auf billigen Brettern vor einheimischen und Pariser Alexanders. Sie macht ein paar Wendungen in einem orientalischen Tanz. Dann setzt sie sich mit verschränkten Beinen vor einen Weihrauchkessel und wartet das Ende ab. Man kann ihren Körper sehn, blaue Schatten unter den Armen, schwellenden Ansatz einer braunen Brust, die Rundung der Hüfte, den Oberschenkel aus plötzlich aufhörendem Trikot.

Es gab eine lächerliche Blechmusik, die Geigen fehlten, und das schmerzte fast. Es gab alte Witzlieder, modrige Späße eines Clowns, einen dressierten Esel mit roten Ohrenläschchen, der geduldig auf und ab trippelte, weiße Kellner, die wie Bierkeller rochen, mit überschäumenden Krügen zwischen dunklen Reihen, der Glanz eines gelben Scheinwerfers fiel schräg aus willkürlicher Deckenöffnung, ein finsterer Bühnenhintergrund schrie wie ein aufgerissener Mund, der Ansager krächzte, Bote trauriger Kunden.

Am Ausgang warte ich; es ist wieder wie einst; als wartete ich, ein Knabe, im Seitengäßchen, gedrückt in den Schatten eines Haustors und in ihn verfließend, bis rasche, junge Tritte erschallen, aus dem Pflaster erblühen, wunderbar aus unfruchtbaren Kieselsteinen.

Mit Frauen und Männern kam Stasia daher, die Stimmen rannen durcheinander.

Lange war ich einsam unter Tausenden gewesen. Jetzt gibt es tausend Dinge, die ich teilen kann: den Anblick eines krummen Giebels, ein Schwalbennest im Klosett des Hotels Savoy, das irritierende, biergelbe Aug' des alten Liftknaben, die Bitterkeit des siebenten Stockwerks, die Unheimlichkeit eines griechischen Namens, eines plötzlich lebendigen grammatikalischen Begriffs, die traurige Erinnerung an einen boshaften Aorist, an die Enge des elterlichen Hauses, die plumpe Lächerlichkeit Phöbus Böhlaugs und Alexanderls Lebensrettung durch den Train. Lebendiger wurden die lebendigen Dinge, häßlicher die gemeinsam verurteilten, näher der Himmel, untenan die Welt.

Die Tür des Fahrstuhls war offen, Stasia saß da. Ich verbarg meine Freude nicht, wir wünschten einander guten Abend wie alte Bekannte. Ich empfand den unvermeidlichen Liftboy bitter, er tat, als wüßte er nicht, daß ich im sechsten Stock aussteigen mußte, fuhr uns beide in den siebenten; hier stieg Stasia aus, verschwand in ihrem Zimmer, während der Liftmann noch wartete, als müßte er hier Passagiere mitnehmen: Wozu wartet er mit gelben Hohnaugen?

Ich gehe also langsam die Treppe hinab, lausche, ob der Fahrstuhl sich in Bewegung setzt; endlich, ich bin in der Mitte, höre ich des Fahrstuhls glucksendes Geräusch und kehre um. Auf der obersten Stiege schickt sich der Liftmensch gerade an hinunterzusteigen. Er hat den Fahrstuhl leer laufen lassen und geht mit langsamer Bosheit zu Fuß.

Stasia hat wahrscheinlich mein Klopfen erwartet.

Ich will mich entschuldigen.

»Nein, nein«, sagt Stasia. »Ich hätte Sie schon früher eingeladen, aber ich hatte Angst vor Ignatz. Er ist der Gefährlichste im Hotel Savoy. Ich weiß auch, wie Sie heißen, Gabriel Dan, und kommen aus der Gefangenschaft – ich hielt Sie gestern für einen – Kollegen – Artisten –« sie zögert – vielleicht fürchtet sie, mich zu beleidigen? Ich war nicht beleidigt. »Nein«, sagte ich, »ich weiß nicht, was ich bin. Früher wollte ich Schriftsteller werden, aber ich ging in den Krieg, und ich glaube, daß es keinen Zweck hat zu schreiben. – Ich bin ein einsamer Mensch, und ich kann nicht für alle schreiben.«

»Sie wohnen gerade über meinem Zimmer«, sagte ich, weil ich doch nichts Schöneres sagen kann.

»Weshalb wandern Sie die ganze Nacht herum?«

»Ich lerne Französisch, ich möchte nach Paris gehn, etwas tun, nicht tanzen. Ein Dummkopf hat mich nach Paris mitnehmen wollen – seither denke ich daran hinzufahren.«

»Alexander Böhlaug?«

»Sie kennen ihn? Seit gestern sind Sie hier?«

»Sie kennen ja auch mich.«

»Haben Sie auch schon mit Ignatz gesprochen?«

»Nein, aber Böhlaug ist mein Vetter.«

»Oh! Entschuldigen Sie!«

»Nein, bitte, bitte, er ist ein Dummkopf!«

Stasia hat ein paar Schokoladerippen, und einen Spirituskocher holt sie aus dem Grunde einer Hutschachtel.

»Das darf niemand wissen. Selbst Ignatz weiß es nicht. Den Spirituskocher verstecke ich jeden Tag woanders. In der Hutschachtel heute, gestern lag er in meinem Muff, einmal zwischen Schrank und Wand. Die Polizei verbietet Spirituskocher im Hotel. Man kann aber doch nur – ich meine unsereins – im Hotel wohnen, und das Hotel Savoy ist das beste, das ich kenne. Sie wollen lange hierbleiben?«

»Nein, ein paar Tage.«

»Oh, dann werden Sie Hotel Savoy nicht kennenlernen, hier nebenan wohnt Santschin mit Familie. Santschin ist unser Clown – wollen Sie ihn kennenlernen?«

Ich will nicht gerne. Aber Stasia braucht Tee.

Die Santschins wohnen gar nicht »nebenan«, sondern am andern Ende des Korridors, in der Nähe der Waschküche. Hier ist der Plafond abschüssig und hängt so tief, daß man fürchtet, gegen ihn zu stoßen. In Wirklichkeit aber erreicht man ihn noch lange nicht – er scheint nur so bedrohlich. Überhaupt verringern sich in dieser Ecke alle Dimensionen, das kommt von dem grauen Dunst der Waschküche, der die Augen betäubt, Distanzen verkleinert, die Mauer anschwellen läßt. Es ist schwer, sich an diese Luft zu gewöhnen, die in ständiger Wallung bleibt, Konturen verwischt, feucht und warm riecht, die Menschen in unwirkliche Knäuel verwandelt.

Auch in Santschins Zimmer ist Dunst, seine Frau schließt eilig die Tür, als wir eintreten, als lauerte draußen ein wildes Tier. Die Santschins, die ein halbes Jahr in diesem Zimmer wohnen, haben schon Übung im raschen Türschließen. – Ihre Lampe brennt mitten in einem grauen Kreis, weckt Erinnerungen an Photographien von Sternbildern, die von Nebeln umgeben sind. Santschin steht auf, schlüpft mit einem Arm in einen dunklen Rock und neigt den Kopf vor, um die Gäste zu erkennen. Sein Kopf scheint aus Wolken herauszuwachsen wie das Haupt einer überirdischen Erscheinung auf frommen Bildern. Er raucht eine lange Pfeife und spricht wenig. Die Pfeife behindert ihn an der Unterhaltung. Sooft er einen halben Satz zusammengebracht hat, muß er innehalten, nach der Stricknadel seiner Frau greifen und im Pfeifenkopf herumstochern. Oder es muß ein neues Streichholz angezündet werden, und es gilt, die Zündholzschachtel zu suchen. Frau Santschin kocht Milch fürs Kind, sie braucht die Streichhölzer ebensohäufig wie ihr Mann. Die Schachtel wandert unaufhörlich von Santschins Seite auf den Waschtisch, wo der Spirituskocher steht, manchmal bleibt sie unterwegs liegen und verschwindet im Nebel spurlos. Santschin bückt sich, wirft einen Sessel um, die Milch kocht, man nimmt sie fort und läßt die Spiritusflamme flackern, bis man etwas anderes zu wärmen »aufgestellt« hat, weil die Gefahr besteht, daß die Streichhölzer überhaupt nicht mehr gefunden werden. Ich empfahl meine eigene Streichholzschachtel abwechselnd dem Herrn und der Frau Santschin – aber niemand wollte sie nehmen, beide suchten eifrig und ließen den Spiritus vergeblich brennen. Endlich erblickte Stasia die Schachtel in einer Falte der Bettdecke.

Eine Sekunde später sucht Frau Santschin nach den Schlüsseln, um den Tee aus dem Koffer zu holen – aus dem Kasten konnte er »immerhin« gestohlen werden. »Ich höre irgendwo Klirren«, sagt Santschin auf russisch, und wir halten still, um ein Klirren der Schlüssel zu erhaschen. Aber nichts regt sich. »Sie können ja auch nicht von selbst klirren«, schreit Santschin. »Ihr müßt euch alle bewegen, dann melden sie sich schon!« Aber sie meldeten sich erst, als Frau Santschin einen Milchfleck auf ihrer Bluse entdeckte und rasch nach der Schürze griff, um eine Wiederholung zu vermeiden. Es stellt sich heraus, daß die Schlüssel in der Schürzentasche lagen. Und im Koffer ist kein Stäubchen Tee mehr. »Ihr sucht den Tee?« fragt Santschin plötzlich, »den hab' ich heute früh verbraucht!«

»Warum sitzt du da wie ein Klotz und sagst kein Wort?« schreit seine Frau.

»Erstens habe ich nicht geschwiegen«, sagt Santschin, der ein Logiker ist, »und zweitens fragt mich ja auch niemand. Ich bin nämlich, müssen Sie wissen, Herr Dan, der Letzte hier im Hause.«

Frau Santschin hatte eine Idee: Man könnte Tee kaufen bei Herrn Fisch, wenn er nicht grade schlief. Daß er etwas Tee herleihen würde, bestand keine Aussicht. »Mit Nutzen« würde er gern verkaufen. »Gehn wir zu Fisch«, sagt Stasia.

Fisch muß man erst wecken. Er wohnt im letzten Zimmer des Hotels, Nummer 864, umsonst, weil die Kaufleute und Industriellen des Ortes und die vornehmen Parterregäste des Hotels Savoy für ihn zahlen. Es geht die Sage, daß er einmal verheiratet, angesehen, Fabrikant und reich gewesen war. Nun hat er alles unterwegs verloren, aus Nachlässigkeit – wer kann's wissen. Er lebt von geheimer Wohltätigkeit, aber er gibt es nicht zu, sondern nennt sich »Lotterieträumer«. Er besitzt die Fähigkeit, Lotterienummern zu träumen, die unbedingt eintreffen müssen. Er schläft den ganzen Tag, läßt sich Nummern träumen und setzt. Aber noch ehe sie gezogen sind, hat er wieder geträumt. Er verkauft sein Los, ersteht für den Erlös ein neues, das alte gewann, das neue nicht. Viele Menschen sind durch Fischs Träume reich geworden und wohnen im ersten Stock des Hotel Savoy. Aus Dankbarkeit bezahlen sie für Fisch das Zimmer.

Fisch – sein Vorname ist Hirsch – lebt in steter Angst, weil er einmal irgendwo gelesen hat, daß die Regierung das Lotteriespiel aufheben und »Klassenlose« einführen will.

Hirsch Fisch muß »schöne Nummern« geträumt haben, es dauert lange, ehe er aufsteht. Er läßt niemanden in sein Zimmer, begrüßt mich im Korridor, hört Stasias Wunsch an, schlägt die Tür wieder zu und öffnet sie nach einer geraumen Weile, mit einem Teepäckchen in der Hand.

»Wir verrechnen das, Herr Fisch«, sagt Stasia.

»Guten Abend«, sagt Fisch und geht schlafen.

»Wenn Sie Geld haben«, rät Stasia, »kaufen Sie bei Fisch ein Los« und sie erzählt mir von den wunderbaren Träumen des Juden.

Ich lache, weil ich mich schäme, den Wunderglauben zuzugeben, dem ich leicht verfalle. Aber ich bin entschlossen, ein Los zu kaufen, wenn Fisch mir etwas anbieten würde.

Die Schicksale Santschins und Hirsch Fischs beschäftigten mich. Alle Menschen schienen hier von Geheimnissen umgeben. Träumte ich das? Den Dunst der Waschküche? Was wohnte hinter der, hinter jener Tür? Wer hatte dieses Hotel erbaut? Wer war Kaleguropulos, der Wirt?

»Kennen Sie Kaleguropulos?«

Stasia kannte ihn nicht. Niemand kannte ihn. Niemand hatte ihn gesehn. Aber wenn man Zeit und Lust hatte, konnte man sich einmal aufstellen, wenn er gerade inspizieren kam, und ihn anschaun.

»Glanz hat es einmal versucht«, sagte Stasia, »hat aber keinen Kaleguropulos gesehn. Übrigens sagt Ignatz, daß morgen Inspektion ist.«

Noch ehe ich die Treppe hinabsteige, holt mich Hirsch Fisch ein. Er ist im Hemd und in langen weißen Unterhosen und hält steif vor den Leib hingestreckt ein Nachtgeschirr. Groß und hager, sieht er im dämmerigen Zwielicht wie ein Auferstandener aus. Seine grauen Bartstoppeln drohen wie kleine, scharfe Spieße. Seine Augen liegen tief, beschattet von mächtigen Backenknochen.

»Guten Morgen, Herr Dan! Glauben Sie, daß die Kleine mir den Tee bezahlen wird?«

»Wahrscheinlich doch!«

»Hören Sie, ich habe Nummern geträumt! Eine sichere Terz! Ich setz' heute! Haben Sie gehört, daß die Regierung die Lotterie abschaffen will?«

»Nein!«

»Es wär' ein großes Unglück, sag' ich Ihnen. Von was lebt das kleine Volk? Von was wird man reich? Soll man warten, bis eine alte Tante stirbt? Ein Großvater? Und dann steht im Testament: das Ganze fürs Waisenhaus.«

Fisch redet, das Nachtgeschirr vor sich haltend, er scheint es vergessen zu haben. Ich werfe einen Blick darauf, er bemerkt es.

»Wissen Sie, ich erspar' mir Trinkgelder. Was brauch' ich den Zimmerkellner bei mir? Ich mach' mir selbst Ordnung. Die Menschen stehlen wie die Raben. Allen ist schon was gestohlen worden. Mir nicht! Ich mach' mir selbst Ordnung. Heute, hat der Ignatz gesagt, ist Revision. Ich geh' immer weg, wer nicht da ist, ist nicht da. Wenn Kaleguropulos etwas nicht richtig findet, kann er mich nicht herstellen. Bin ich sein Rekrut?«

»Kennen Sie den Wirt?«

»Wozu soll ich ihn kennen? Ich bin nicht neugierig auf die Bekanntschaft. Haben Sie das Neueste gehört: Bloomfield kommt!«

»Wer ist das?«

»Bloomfield kennen Sie nicht? Bloomfield ist ein Kind dieser Stadt, Milliardär in Amerika. Die ganze Stadt ruft: Bloomfield kommt! Ich hab' mit seinem Vater gesprochen, wie ich hier mit Ihnen rede, so wahr ich leb'.«

»Entschuldigen Sie, Herr Fisch, ich will noch ein bißchen schlafen!«

»Bitte, schlafen Sie! Ich muß Ordnung machen.« Fisch geht der Toilette entgegen. Aber unterwegs, ich war schon auf der Stiege, rannte er zurück:

»Glauben Sie, daß sie zahlen wird?«

»Ganz gewiß.«

Ich öffnete die Tür meines Zimmers und glaubte noch einmal, wie gestern, einen huschenden Schatten zu sehn. Ich war zu müde, um nachzusehen. Ich schlief, bis die Sonne hoch im Mittag stand.

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