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Hotel Savoy

Joseph Roth: Hotel Savoy - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
booktitleHotel Savoy ? Hiob
titleHotel Savoy
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090331
projectida0c219b9
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XXVI

Zwonimir sagte einmal:

»Die Revolution ist da.«

Wenn wir in den Baracken sitzen und mit den Heimkehrern sprechen – draußen fällt der schräge Regen unaufhörlich –, fühlen wir die Revolution. Sie kommt aus dem Osten – und keine Zeitung und kein Militär kann sie aufhalten.

»Das Hotel Savoy«, sagt Zwonimir zu den Heimkehrern, »ist ein reicher Palast und ein Gefängnis. Unten wohnen in schönen, weiten Zimmern die Reichen, die Freunde Neuners, des Fabrikanten, und oben die armen Hunde, die ihre Zimmer nicht bezahlen können und Ignatz die Koffer verpfänden. Den Besitzer des Hotels, er ist ein Grieche, kennt niemand, auch wir beide nicht, und wir sind doch gescheite Kerle.

Wir haben alle schon lange Jahre nicht in so schönen, weichen Betten gelegen wie die Herrschaften im Parterre des Hotels Savoy.

Wir haben alle schon lange nicht so schöne, nackte Mädchen gesehn wie die Herren unten in der Bar des Hotels Savoy.

Diese Stadt ist ein Grab der armen Leute. Die Arbeiter des Fabrikanten Neuner schlucken den Staub der Borsten, und alle sterben im fünfzigsten Jahr ihres Lebens.«

»Pfui!« schreien die Heimkehrer.

Man entließ den Arbeiter, der Ignatz verprügelt hatte, nicht aus dem Gefängnis.

Jeden Tag ziehn die Arbeiter vor das Hotel Savoy und vor das Gefängnis.

Jeden Tag brennen in den Zeitungen die Nachrichten von den Streiks in der Textilindustrie.

Ich rieche die Revolution. Die Banken – so erzählt man bei Christoph Kolumbus – packen ihre Tresors und schicken sie in andere Städte.

»Die Polizei soll verstärkt werden«, berichtet Abel Glanz.

»Man will die Heimkehrer internieren«, erzählt Hirsch Fisch.

»Ich fahre nach Paris«, sagt Alexanderl.

Ich dachte, daß Alexanderl nach Paris fahren würde, nicht allein, sondern mit Stasia.

»Man kann nicht noch einmal flüchten«, klagt Phöbus Böhlaug.

»Der Typhus ist ausgebrochen«, erzählt der Militärarzt am Nachmittag im Fünf-Uhr-Saal.

»Wie schützt man sich vor Typhus?« fragt die jüngere Tochter Kanners.

»Der Tod wird uns alle holen!« erklärt der Militärarzt, und Fräulein Kanner wird blaß.

Vorläufig aber holt der Tod nur ein paar Arbeiterfrauen. Die Kinder erkranken und kommen ins Spital.

Man schließt die Armenküche, um die Ansteckungsgefahr zu vermindern. Also bekamen die Hungrigen keine Suppe mehr.

Die Heimkehrer konnte man nicht mehr in den Baracken internieren.

Es waren zu viele Heimkehrer.

Es waren ganze Völkerscharen.

Der Polizeioffizier erzählt, daß man um Verstärkung nachgesucht habe. Der Polizeioffizier war nicht aufgeregt. Er trägt eine Dienstpistole, und er steht nicht um zehn Uhr auf, sondern um neun. Er wedelt mit den Wildlederhandschuhen, als herrschte kein Typhus.

Die Krankheit ergriff ein paar arme Juden. Ich sah, wie man sie bestattete. Die jüdischen Frauen erhoben ein gewaltiges Wehklagen, die Schreie standen in der Luft.

Zehn, zwölf Menschen starben jeden Tag.

Der Regen fällt schräg und hüllt die Stadt ein, und durch den Regen fluten die Heimkehrer.

In den Zeitungen flammen die schrecklichen Nachrichten auf, und jeden Tag ziehen die Arbeiter Neuners vor das Hotel und schreien.

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