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Hotel Savoy

Joseph Roth: Hotel Savoy - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/roth/savoy/savoy.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleHotel Savoy ? Hiob
titleHotel Savoy
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090331
projectida0c219b9
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Viertes Buch

XXIV

Den Hof liebe ich, in den das Fenster meines Zimmers hinausgeht.

Er erinnert mich an den ersten Tag im Hotel, den Tag meiner Ankunft. Ich sehe immer noch Kinder spielen, höre einen Hund bellen und freue mich, wie bunt und fahnenhaft die Wäsche flattert.

In meinem Zimmer ist die Unrast, seitdem ich die Besucher Bloomfields empfange. Unrast ist im ganzen Hotel, im Korridor und im Fünf-Uhr-Saal, und eine kohlenstaubüberwehte Unrast herrscht in der Stadt.

Wenn ich zum Fenster hinausblicke, sehe ich ein Stück glücklich geretteter Ruhe. Die Hühner schreien. Nur die Hühner.

Es gab im Hotel Savoy einen anderen, einen engen Lichthof, der aussah wie ein Schacht für Selbstmörder. Dort wurden Teppiche geklopft, dorthin schüttete man den Staub, die Zigarettenstummel und den Kehricht des polternden Lebens.

Mein Hof aber war so, als gehöre er gar nicht zum Hotel Savoy. Er barg sich hinter dem riesigen Gemäuer. Ich wüßte gerne, was mit dem Hof geschehn ist.

Auch mit Bloomfield geht es mir so. Wenn ich seiner denke, bin ich neugierig, ob er seine gelbe Hornbrille trägt. Auch wüßte ich gerne etwas von Christoph Kolumbus, dem Friseur. Welche offengelassene Lücke des Lebens füllt er jetzt aus?

Große Ereignisse nehmen manchmal ihren Anfang in Friseurstuben. In dem kleinen Salon des Friseurs Christoph Kolumbus im Hotel Savoy ereignete es sich, daß einer der streikenden Arbeiter Neuners Lärm schlug.

Das Geschäft ging gut. Man hörte in Kolumbus' Stube am Vormittag allerlei Neues. Die angesehenen Männer der Stadt, sogar der Polizeioffizier, alle fremden und die meisten heimischen Gäste des Hotels ließen sich bei ihm barbieren. Und einmal trat ein Arbeiter, ein bißchen angetrunken, in den Friseurladen und begegnete allen widerwilligen Blicken mit aufreizender Gleichgültigkeit.

Er ließ sich rasieren und bezahlte nicht. Christoph Kolumbus hätte ihn – er war ein großzügiger Mensch – gehen lassen. Doch Ignatz drohte mit der Polizei. Da schlug der Arbeiter auf Ignatz ein. Die Polizei verhaftete den Arbeiter.

Am Nachmittag zogen seine Kameraden vor das Hotel Savoy und riefen: »Pfui!« Dann gingen sie vor das Gefängnis.

Und in der Nacht zogen sie, Lieder singend, durch die erschrockenen Straßen.

In der Zeitung stand fett gedruckt eine Nachricht, sie brannte in der Mitte des Blattes. Ein paar Meilen weiter waren die Arbeiter einer großen Textilfabrik in den Streik getreten. Die Zeitung rief nach Militär, Polizei, Behörde, Gott.

Der Schreiber erklärte, daß alles Unheil von den Heimkehrern stamme, die den »Bazillus der Revolution in das keimfreie Land« verschleppten. Der Schreiber war ein jämmerlicher Mensch, er spritzte Tinte gegen Lawinen, er baute Dämme aus Papier gegen Sturmfluten.

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