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Hotel Savoy

Joseph Roth: Hotel Savoy - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/roth/savoy/savoy.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleHotel Savoy ? Hiob
titleHotel Savoy
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090331
projectida0c219b9
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XIX

Am nächsten Morgen scheint mir das Hotel Savoy verändert.

Die Aufregung hat sich meiner wie aller andern bemächtigt, hat meinen Blick geschärft für tausend kleine Veränderungen, so daß ich sie wie durch ein Fernrohr sehe mit mächtig geschwollenen Dimensionen. Es ist möglich, daß die Stubenmädchen der drei unteren Stockwerke dieselben Häubchen tragen wie gestern und vorgestern. Mir scheint, daß die Hauben und Schürzen neu gestärkt sind, wie vor einem Besuch des Kaleguropulos. Neue grüne Schürzen tragen die Zimmerkellner, auf dem roten Treppenläufer ist kein einziger Zigarettenstummel zu sehen.

Es ist eine unheimliche Sauberkeit. Man fühlt sich nicht mehr heimisch. Man vermißt wohlbekannte Staubwinkel.

Ein Spinnennetz in der Ecke des Fünf-Uhr-Saals war mir eine liebe Gewohnheit geworden, in der Ecke fehlt heute mein Spinnennetz. Ich weiß, daß man eine schmutzige Hand bekam, wenn man über das Stiegengeländer strich. Heute ist die Handfläche sauberer, als sie vorher gewesen, als bestünde das Geländer aus Seife.

Ich glaube, man hätte einen Tag nach der Ankunft Bloomfields auf dem Fußboden essen können.

Es riecht nach aufgelöstem Bohnerwachs, wie daheim in der Leopoldstadt einen Tag vor Ostern.

Etwas Feiertägliches liegt in der Luft. Wenn Glocken läuten würden, wäre es selbstverständlich.

Wenn plötzlich jemand mich beschenkte – es wäre nichts Ungewöhnliches. An solchen Tagen muß man beschenkt werden.

Und trotzdem regnete es draußen in dünnen Schnüren, und der Regen war voller Kohlenstäubchen. Es war ein dauerhafter Regen, er hing über der Welt wie ein ewiger Vorhang. Die Menschen stießen mit den Regenschirmen zusammen und trugen hochaufgeschlagene Mantelkragen. Die Stadt bekommt an solchen Regentagen erst ihr wirkliches Gesicht. Der Regen ist ihre Uniform. Es ist eine Stadt des Regens und der Trostlosigkeit.

Die hölzernen Bürgersteige faulen, die Bretter quietschen, wenn man auf sie tritt, wie schadhafte, nasse Schuhsohlen.

Der gelbe, träge Brei in den Rinnen löst sich auf und fließt träge dahin. Tausend Kohlenstäubchen birgt jeder Regentropfen, sie bleiben auf den Gesichtern und Kleidern der Menschen liegen.

Dieser Regen konnte durch die dicksten Kleider dringen. Man hatte im Himmel große Reinigung und schüttete die Kübel auf die Erde.

An solchen Tagen mußte man im Hotel bleiben, im Fünf-Uhr-Saal sitzen und die Leute ansehn.

Der erste Zug, der aus dem Westen kam, um zwölf Uhr mittags, brachte drei Fremde aus Deutschland.

Sie sahen aus wie Drillinge, sie bekamen alle drei nur ein Zimmer – Nummer 16 hörte ich – sie hätten ganz gut alle drei in ein Bett gepaßt wie Drillinge in eine Wiege.

Alle drei hatten Regenmäntel über die Sommermäntel gestreift, alle waren gleich klein gewachsen und hatten spitze Bäuchlein von einer Firma. Alle hatten schwarze Schnurrbärtchen und kleine Augen und große karierte Schirmkappen und Regenschirme in Etuis. Es war ein Wunder, daß sie sich selbst nicht verwechselten.

Der nächste Zug, der um vier Uhr nachmittags kam, brachte einen Herrn mit einem Glasauge und einen jungen, kraushaarigen Mann mit geknickten Knien.

Und am Abend um neun kamen noch zwei junge Herren mit spitzen französischen Stiefeln und dünnen Sohlen. Es waren Männer von neuestem Schnitt.

Die Zimmer 17, 18, 19, 20 im Hochparterre waren besetzt.

Henry Bloomfield lernte ich beim Fünf-Uhr-Tee kennen.

Das hatte ich Zwonimir zu verdanken, der mit dem Militärarzt plauderte. Ich saß dabei und las in einer Zeitung.

Bloomfield kommt mit seinem Sekretär in den Saal, und der Militärarzt begrüßt ihn an unserm Tisch. Als er Zwonimir vorstellen will, sagt Bloomfield: »Wir kennen uns schon« und gibt uns beiden die Hand. Seine kleine Kinderhand hat einen kräftigen Druck. Sie ist knochig und kühl. Der Militärarzt erzählt mit lauter Stimme und interessiert sich für amerikanische Verhältnisse. Bloomfield spricht sehr wenig, sein Sekretär beantwortet alle Fragen.

Sein Sekretär ist ein Jude aus Prag und heißt Bondy.

Er spricht artig und beantwortet die dümmsten Fragen des Militärarztes. Sie sprechen über das Alkoholverbot in Amerika. Was macht man in so einem Lande?

»Was macht man in Amerika, wenn man traurig ist – ohne Alkohol?« fragt Zwonimir.

»Man spielt Grammophon«, sagt Bondy.

Das also ist Henry Bloomfield.

Ich habe ihn mir ganz anders vorgestellt. Ich habe geglaubt, daß Bloomfield das Gesicht, den Anzug, die Gebärden eines neuen Amerikaners hat. Ich habe geglaubt, daß Henry Bloomfield sich seines Namens und seiner Heimat schämt. Nein, er schämt sich nicht. Er erzählt von seinem Vater:

Das Trinken schadet nur den Betrunkenen, hatte der alte Bloomfield gesagt, und Henry Bloomfield, sein Sohn, weiß noch die Aussprüche seines alten jüdischen Vaters.

Er hat ein kleines Hundegesicht und große gelbe Hornbrillen. Seine grauen Augen sind klein, aber nicht flink, wie kleine Augen manchmal sind, sondern langsam und gründlich.

Henry Bloomfield sieht sich alles genau an, seine Augen lernen die Welt auswendig.

Sein Anzug ist nicht amerikanisch geschnitten, und seine dünne, kleine Gestalt ist altmodisch elegant. Eine große weiße Halskrause hätte zu seinem Gesicht gepaßt.

Henry Bloomfield trinkt seinen Mokka sehr schnell, eine halbe Schale läßt er stehn. Er nippt nur flink, wie ein durstiger Vogel.

Er bricht ein kleines Törtchen entzwei und läßt ein halbes liegen. Er hat keine Geduld für die Nahrung, er vernachlässigt seinen Leib, er ist mit gewaltigen Dingen beschäftigt.

Er denkt an große Gründungen, Henry Bloomfield, des alten Blumenfelds Sohn.

Viele Menschen kamen vorbei und begrüßten Bloomfield, sein Sekretär Bondy sprang immer auf, er schnellte in die Höhe, als zöge ihn jemand an einem Gummiband, Bloomfield aber blieb immer sitzen. Es schien, daß der Sekretär auch die Aufgabe hatte, alle Höflichkeit für Bloomfield zu erfüllen.

Einigen reichte Bloomfield sein kleines Händchen, den meisten nickte er nur zu. Dann steckte er seinen Daumen in die Westentasche und trommelte mit den übrigen vier Fingern auf der Weste.

Manchmal gähnt er, ohne daß man es merkt. Ich beobachte nur, wie seine Augen wässerig werden und seine Brille trübe. Er putzt sie mit einem riesengroßen Taschentuch.

Er schien sehr vernünftig, der kleine große Henry Bloomfield. Nur daß er just im Zimmer Nummer 13 wohnen mußte, war amerikanisch. Ich glaube nicht an die Ehrlichkeit seines Aberglaubens. Ich habe gesehen, daß viele vernünftige Menschen sich absichtlich eine kleine Verrücktheit zulegen.

Zwonimir war merkwürdig still. So still war Zwonimir noch nie gewesen. Ich hatte Angst, daß er über eine Möglichkeit nachdachte, Bloomfield umzubringen.

Plötzlich kommt Alexanderl herein. Er grüßt sehr tief, er schont seinen neuen Filzhut nicht. Er lächelt mir intim zu, so daß jeder merken muß: Hier sitzen Alexanders Freunde.

Alexander geht ein paarmal hin und zurück durch den Raum, als suchte er jemanden.

In Wirklichkeit aber hat er hier niemanden zu suchen.

»Amerika ist doch ein interessantes Land«, sagte der dumme Militärarzt, weil man schon eine Weile geschwiegen hatte.

Und er fuhr mit seiner alten Klage fort: »Hier in dieser Stadt verbauert man. Der Schädel wird einem zugenäht. Das Gehirn verdorrt.«

»Aber die Kehle nicht«, sage ich.

Bloomfield sah mich mit einem dankbaren Blick an. Kein Zug seines Gesichts verriet, daß er lächelte. Nur seine Augen bemühten sich, von unten her über den Rand der Brille zu blicken, und bekamen so einen spöttischen Ausdruck.

»Sie sind ja fremd hier?« fragte Bloomfield und sah uns beide an, Zwonimir und mich.

Es war die erste Frage, die Bloomfield getan hatte, seitdem er angekommen war.

»Wir sind Heimkehrer«, sage ich, »und halten uns nur zum Spaß hier auf. Wir wollen weiterfahren, mein Freund Zwonimir und ich.«

»Sie sind schon lange unterwegs«, fiel der höfliche Bondy ein.

Es war ein prächtiger Sekretär – Bloomfield brauchte nur ein Stichwort zu sagen, und schon setzte Bondy Bloomfields Gedanken in Rede um.

»Sechs Monate«, sage ich, »sind wir unterwegs. Und wer weiß, wie lange noch.«

»Es ist Ihnen schlimm ergangen in der Gefangenschaft?«

»Im Kriege war es schlimmer«, sagt Zwonimir.

Wir sprechen nicht mehr viel an diesem Tage.

Die drei Reisenden aus Deutschland kommen in den Saal, Bloomfield und Bondy verabschieden sich und setzen sich mit den Drillingen an den Tisch.

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