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Hotel Savoy

Joseph Roth: Hotel Savoy - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/roth/savoy/savoy.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleHotel Savoy ? Hiob
titleHotel Savoy
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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XVII

Es ist wieder die Zeit der Heimkehrer.

Sie kommen in Gruppen, viele kommen auf einmal. Sie werden herangespült wie bestimmte Fische zu bestimmten Jahreszeiten. Vom Schicksal westwärts gespült werden die Heimkehrer. Zwei Monate lang war keiner zu sehen. Dann, wochenlang, fluten sie herbei aus Rußland und Sibirien und aus den Randländern.

Der Staub zerwanderter Jahre liegt auf ihren Stiefeln, auf ihren Gesichtern. Ihre Kleider sind zerfetzt, ihre Stöcke plump und abgegriffen. Sie kommen immer denselben Weg, sie fahren nicht mit der Eisenbahn, sie wandern. Jahrelang mögen sie so gewandert sein, ehe sie hier ankamen. Sie wissen von fremden Ländern und fremden Leben und haben, wie ich, viele Leben abgestreift. Sie sind Landstreicher. Ob sie mit Freuden nach Hause wandern? Wären sie nicht lieber in der großen Heimat geblieben, statt in die kleine heimzukehren, zu Weib und Kind und Ofenwärme?

Es ist vielleicht nicht ihr Wille, nach Hause zu gehn. Sie werden nach dem Westen gespült wie Fische zu gewissen Jahreszeiten.

Wir standen, Zwonimir und ich, am Rande der Stadt, wo die Baracken sind, stundenlang, und forschten unter den Heimkehrern nach einem bekannten Gesicht.

Viele gingen an uns vorbei, und wir erkannten sie nicht, obwohl wir gewiß mit ihnen zusammen geschossen und gehungert haben. Wenn man so viele Gesichter sieht, kennt man keines mehr. Sie sehen einander gleich wie Fische.

Traurig ist es, daß da einer vorbeigeht, den ich nicht erkenne, und wir haben doch eine Todesstunde miteinander geteilt. Wir waren im grausamsten Augenblick unseres Lebens eine einzige Angst – und jetzt erkennen wir einander nicht. Ich entsinne mich, daß ich dieselbe Trauer fühlte, als ich einmal ein Mädchen sah, in einem Zug trafen wir uns, und ich wußte nicht, ob ich mit ihr geschlafen oder nur meine Wäsche von ihr hatte flicken lassen.

Manche Heimkehrer wollten, wie wir, in dieser Stadt bleiben. Das Hotel Savoy bekam neuen Zuzug. Auch Santschins Zimmer war schon bewohnt. Alexanderl mußte sein Absteigequartier 606 für drei Tage hergeben, der Direktor behauptete, das wäre sein gutes Recht, ein unbenutztes Zimmer zu vermieten.

Ich hörte, während ich meine Schlüssel abgab, wie Ignatz mit Alexanderl diskutierte.

Viele, die kein Geld fürs Hotel Savoy hatten, richteten sich in den Baracken ein.

Es sah aus, als wollte ein neuer Krieg ausbrechen. So wiederholt sich alles: Der Rauch steigt wieder aus den Schornsteinen der Baracken, Kartoffelschalen liegen vor den Türen, Fruchtkerne und faule Kirschen – und Wäsche flattert auf ausgespannten Schnüren.

Es wurde unheimlich in der Stadt.

Man sah bettelnde Heimkehrer, sie schämten sich nicht. Ausgezogen waren sie als kräftige und stolze Männer, und jetzt konnten sie sich nicht mehr das Betteln abgewöhnen. Nur wenige suchten Arbeit. Bei den Bauern stahlen sie, gruben Kartoffeln aus dem Boden, schlugen Hühner tot und erwürgten Gänse und plünderten Heuschober aus. Alles schleppten sie in die Baracken, sie kochten dort, aber gruben keine Latrinen aus, man konnte sie an den Wegrändern hocken und ihre Notdurft verrichten sehn.

Die Stadt, die keine Kanäle hatte, stank ja ohnehin. An grauen Tagen sah man am Rand des hölzernen Bürgersteigs, in den schmalen, unebenen Rinnen schwarze, gelbe, lehmdicke Flüssigkeit. Schlamm aus den Fabriken, der noch warm war und Dampf aushauchte. Es war eine gottverdammte Stadt. Es roch, als wäre hier der Pech- und Schwefelregen niedergegangen, nicht über Sodom und Gomorra.

Gott strafte diese Stadt mit Industrie. Industrie ist die härteste Strafe Gottes.

Man war hier an die Heimkehrerperioden gewöhnt, keine Behörde störte sie. Vielleicht ängstigte sich die Polizei vor den vielen verwegenen Menschen, und man wollte keinen Aufruhr. Die Arbeiter Neuners streikten ohnehin schon vier Wochen lang – wenn es hier einmal zu Kämpfen kam, waren die Heimkehrer dabei.

Sie kamen aus Rußland, sie brachten den Atem der großen Revolution mit, es war, als hätte sie die Revolution nach Westen gespuckt wie ein brennender Krater seine Lava.

Lange waren die Baracken leer gewesen. Jetzt wurden sie plötzlich so lebendig, daß man glaubte, heut oder morgen würden sie anfangen, sich in Bewegung zu setzen. Des Nachts brannten dürftige Talgkerzen, aber eine wilde Fröhlichkeit erfüllte sie. Die Mädchen kamen zu den Heimkehrern, man trank Schnaps und tanzte und verbreitete die Syphilis.

Mein Freund Zwonimir geht in die Baracken, denn er liebt Aufregung und Unruhe und vergrößert sie. Er erzählt den Hungernden von den Reichen, schimpft auf den Fabrikanten Neuner und erzählt von den nackten Mädchen in der Bar des Hotels Savoy.

»Du übertreibst ja«, sage ich zu Zwonimir.

»Das muß man tun, sonst glauben sie einem nichts«, sagt er.

Er erzählt vom Tod Santschins so, als wäre er dabeigewesen.

Er hat eine Kraft zu schildern, der Atem des wahrhaftigen Lebens geht von seinen Reden aus.

Die Heimkehrer hören zu, und dann singen sie Lieder, jeder sein Heimatlied, und alle klingen gleich. Tschechische Lieder und deutsche, polnische und serbische, und in allen liegt die gleiche Trauer, und alle Stimmen sind gleich rauh und hart und grölend – und dennoch klingen die Melodien so schön, wie manchmal die Stimme eines alten, häßlichen Leierkastens schön ist – an Märzabenden, im Vorfrühling, an Sonntagen, wenn die Straßen leer und reingefegt sind, von den großen Glocken, die des Morgens über die Stadt gingen.

Die Heimkehrer essen in der Armenküche, und Zwonimir auch. Er sagt, das Essen schmecke ihm. Zwei Tage essen wir in der Armenküche, und ich sehe, daß Zwonimir recht hat.

»Amerika!« sagt Zwonimir.

Es war eine dicke Bohnensuppe, wenn man den Löffel hineinsteckte, blieb er drinnen wie ein Spaten in der Erde. Das ist Geschmacksache, ich liebe dicke Bohnen- und Kartoffelsuppen.

Niemals öffnet man die Fenster in der Armenküche, deshalb liegt der Duft alter Speisereste in den Winkeln und steigt von den nie gewaschenen Tischplatten auf, wenn der Dampf der frischgekochten Speisen ihn zu neuem Leben erweckt.

Und die Menschen sitzen eng an den Tischen, ihre Ellbogen führen Krieg gegeneinander. Ihre Seelen sind friedlich, ihre Gesinnungen freundschaftlich, und ihre Arme führen Krieg.

Die Menschen sind nicht schlecht, wenn sie viel Raum haben. In den großen Gasthäusern nicken sie einander fröhlich zu, weil sie Platz finden. Bei Phöbus Böhlaug streitet niemand, weil die Menschen einander aus dem Wege gehn, wenn es ihnen nicht mehr paßt. Aber wenn zwei in einem engen Bett liegen, kämpfen ihre Beine im Schlaf, und ihre Hände zerreißen die dünne Decke, die sie einhüllt.

Wir stellten uns um halb eins an das Ende einer langen Menschenkette. Vorne stand ein Polizist und wedelte mit dem Säbel, weil er sich langweilte. Je zwanzig wurden eingelassen, wir standen paarweise. Zwonimir und ich zusammen.

Zwonimir fluchte, wenn es zu langsam ging. Er sprach mit dem Polizisten, der ihm nicht gerne antwortete, weil die Behörde schweigsam sein muß.

Zwonimir sagte ihm »du« und »Kamerad«, und einmal erklärte er, daß ein Polizist gar keinen Grund hätte, so stumm zu sein.

»Du bist stumm wie ein Fisch, Kamerad!« sagte Zwonimir. »Nicht wie ein lebendiger, sondern wie ein toter Fisch, den man mit Zwiebeln füllt hierzulande. Bei uns zu Hause werden nur gesprächige Menschen zur Polizei engagiert, so wie ich einer bin.«

Die Arbeiterfrauen erschrecken ob solcher Rede und fürchten sich zu lachen.

Der Polizist, der sieht, daß er Zwonimir unterlegen ist, zwirbelt seinen Schnurrbart und sagt:

»Das Leben ist langweilig. Es gibt kein Gesprächsthema.«

»Siehst du, Kamerad«, sagt Zwonimir, »das kommt davon, daß du nicht in den Krieg gegangen bist, sondern zur Militärpolizei. Wenn man im Schützengraben gelegen hat wie wir, hat man Gesprächsstoff bis zum Tod.«

Hier lachen einige Heimkehrer. Der Polizist sagt:

»Unser Leben war auch in Gefahr!«

»Ja«, erwidert Zwonimir, »wenn ihr einen mutigen Deserteur gefaßt habt – freilich, das glaub' ich schon, da war euer Leben in Gefahr.«

Kein Zweifel, die Heimkehrer liebten meinen Freund Zwonimir, und die Polizisten nicht.

»Du bist ein Fremder«, sagen sie zu ihm, »und sprichst zu viel bei uns.«

»Ich bin ein Heimkehrer und darf mich hier aufhalten, Freund, weil meine Regierung mit der deinigen eigens deswegen einen Vertrag geschlossen hat. Das verstehst du nicht: Es gibt in meinem Lande der Eurigen genug, und wenn ihr mir hier ein Haar krümmt, schlägt meine Regierung daheim den Eurigen die Köpfe ab. Aber man sieht, du hast keine Politik studiert. Bei uns zu Hause muß jeder Polizist eine Prüfung in Politik ablegen.«

Das sind wirksame Argumente, und die Polizisten schweigen.

Und Zwonimir konnte jeden Tag fluchen.

Er fluchte, wenn er lange warten mußte, und auch drinnen, wenn er die Suppe schon in der Hand hielt. Sie war kalt oder ungesalzen oder zu sehr gesalzen. Er steckte die Menschen mit seiner Unzufriedenheit an, sie schimpften alle, schweigend oder laut, so, daß die Köche hinter den Scheibenfenstern erschraken und noch einen Löffel mehr dazugaben, als sie gewohnt waren und als ihnen befohlen war. Zwonimir vergrößerte die Unruhe.

Die Arbeiterfrauen nahmen die Suppe in Töpfen nach Hause, für den Abend.

Sie hätten die Suppe auch in Zeitungspapier packen können, wie sie es mit dem Viertel Brot taten – so erstarrt und zäh war sie, wenn man sie kalt werden ließ. Es war dennoch eine schmackhafte Suppe, man aß sie sehr lange, und weil nur je zwanzig eingelassen wurden, dauerte die Abspeisung drei Stunden.

Man hörte, daß die Köche unzufrieden waren, sie wollten nicht für geringen Lohn einen ganzen Tag arbeiten. Von den Wohltätigkeitsdamen, die umsonst und ehrenhalber die Aufsicht führen sollten, war am zweiten Tag nichts mehr zu sehen. Zwonimir hatte eine »Tante« genannt, und man drohte, die Küche zu sperren.

»Wenn sie nur die Küche sperren!« sagt Zwonimir. »Wir werden sie schon aufmachen. Oder wir werden uns von Herrn Neuner zum Mittagessen einladen lassen. Seine Suppe ist bestimmt besser.«

»Ja, der Neuner«, sagen die Arbeiterfrauen.

Sie waren elend und blaß, und die schwangeren schleppten ihre gesegneten Leiber wie eine verhaßte Last.

»Wenn man ein Bündel Holz schleppt vom Walde«, sagt Zwonimir, »weiß man wenigstens, daß es warm wird in der Stube.«

»Neuner hätte ja Zulagen für jedes Kind gegeben, wenn sie nicht angefangen hätten zu streiken, wäre es doch irgendwie gegangen«, weinten die Frauen.

»Es wäre nicht gegangen«, sagte Zwonimir, »es kann nicht gehen, wenn der Neuner verdienen will.«

Es war eine Borstenreinigungsfabrik. Dort reinigte man die Schweinehaare von Staub und Schmutz, und es wurden Bürsten daraus gemacht, die wieder zum Reinigen dienen. Die Arbeiter, die den ganzen Tag die Borsten strählten und siebten, schluckten den Staub und bekamen Lungenbluten und starben im fünfzigsten Jahr ihres Lebens.

Es gab allerlei Hygiene und Gesetze, die Arbeiter sollten Masken tragen, die Arbeitsräume sollten soundso viel Meter hoch und weit sein und die Fenster offen. Aber eine Renovierung der Fabrik hätte Neuner viel mehr gekostet als doppelte Kinderzulagen. Deshalb wurde der Militärarzt zu allen sterbenden Arbeitern gerufen. Und er bestätigte schwarz auf weiß, daß sie nicht an Tuberkulose gestorben waren und auch nicht an Blutvergiftung, sondern am Herzen. Es war ein herzkranker Menschenschlag, alle Arbeiter Neuners starben »infolge Herzschwäche«. Der Militärarzt war ein guter Kerl, er mußte jeden Tag im Hotel Savoy Schnäpse trinken und den Santschins Weine schenken, wenn es zu spät war.

Die Gewerkschaftsführer lebten auch schlecht, aber sie kamen sich vor wie Bürgermeister der Fabrik, und Neuner war ihr König. Jetzt suchten sie immer wieder Wege, um zu Neuner zu kommen.

Er empfing sie mit Wein und Kaviarbrötchen, gab ihnen Vorschüsse und vertröstete sie mit Bloomfield.

Es war dem Fabrikanten Neuner überhaupt gar nicht um die Arbeit zu tun.

Bloomfield, dessen Arm weit war und über den großen Teich reichte, Bloomfield war an allen Fabriken seiner alten Vaterstadt beteiligt. Wenn er einmal im Jahr herüberkam, ordnete sich alles, ohne daß es Neuner etwas gekostet hätte.

Neuner wartete auf Bloomfield.

Man wartete also auf Bloomfield – nicht nur im Hotel Savoy. In der ganzen Stadt wartete man auf Bloomfield. Im Judenviertel erwartete man ihn, man hielt mit den Devisen zurück, das Geschäft war flau. Man hoffte auf ihn in den oberen Stockwerken des Hotels, Hirsch Fisch zitterte vor Angst, Bloomfield könnte ein Unfall zugestoßen sein, und er hatte sich schon schöne Lose träumen lassen.

Übrigens hatte sich Hirsch Fisch mit meinem Los geirrt, die Ziehung war erst in zwei Wochen. Ich erfuhr es im Gemeindeamt.

Auch in der Armenküche sprach die Welt von Bloomfield. Wenn er kam, bewilligte er alle Forderungen, die Erde bekam ein neues Gesicht.

Was machte bei Bloomfield so eine Forderung? Soviel gab er im Tag für Zigarren aus.

Man erwartet Bloomfield überall: Im Waisenhaus ist ein Schornstein eingestürzt, man richtet ihn nicht, weil Bloomfield jedes Jahr etwas für das Waisenhaus gibt. Kranke Juden gehn nicht zum Arzt, weil Bloomfield die Rechnung bezahlen soll. Am Friedhof hat man eine Erdsenkung bemerkt, zwei Kaufleute sind abgebrannt, die Kaufleute stehen in der Gasse mit ihren Warenballen, es fällt ihnen nicht ein, die Läden zu reparieren – womit sollten sie zu Bloomfield gehen? Die ganze Welt wartet auf Bloomfield. Man wartet mit dem Versetzen des Bettzeugs, mit Anleihen auf Häuser, mit Hochzeiten.

Es ist eine große Spannung in der Luft. Abel Glanz sagt mir, er hätte Gelegenheit, jetzt eine gute Stellung anzunehmen. Aber lieber wäre ihm eine Stellung bei Bloomfield. Ein Onkel des Glanz lebt in Amerika, bei dem könnte man wohnen, vielleicht gibt Bloomfield nur die Schiffskarte, ohne Anstellung, dann würde er sich schon durch den Onkel fortbringen.

Glanz' Onkel verkauft Limonaden in den Straßen New Yorks.

Sogar Phöbus Böhlaug braucht Geld, um sein Geschäft zu »vergrößern«. Er wartet auf Bloomfield.

Aber Bloomfield kommt nicht.

Sooft der Zug aus Deutschland einfährt, stehen viele Menschen am Bahnhof. Vornehme Herren mit braunen und gelben Reiseplaids kommen mit großen Lederkoffern, in Gummimänteln, mit zusammengerollten Schirmen in Etuis.

Aber Bloomfield kommt nicht.

Dennoch gehen die Menschen täglich zur Bahn.

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