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Hotel Savoy

Joseph Roth: Hotel Savoy - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/roth/savoy/savoy.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleHotel Savoy ? Hiob
titleHotel Savoy
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090331
projectida0c219b9
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XV

Wir wohnen zusammen, in meinem Zimmer, Zwonimir schläft auf dem Sofa.

Ich biete ihm nicht mein Bett an, ich bin bequem und habe lange Zeit ein Bett entbehrt. In meinem Elternhaus in der Leopoldstadt gab es manchmal wenig Essen, aber immer ein weiches Bett. Zwonimir aber hat sein Leben lang auf harten Bänken genächtigt, »auf echtem Eichenholz«, scherzt er, er verträgt keine Bettwärme und hat schlechte Träume auf weichen Lagern.

Er hat eine gesunde Konstitution, geht spät schlafen und erwacht mit dem Morgenwind. Bauernblut rollt in seinem Körper, er besitzt keine Uhr und weiß immer die Stunde genau, fühlt Regen und Sonne voraus, riecht entfernte Brände und hat Ahnungen und Träume.

Einmal träumt er, sein Vater wäre begraben worden; er steht auf und weint, und ich weiß mir keinen Rat mit dem großen, weinenden Mann. Ein anderesmal sieht er seine Kuh verenden, er erzählt mir davon und scheint gleichgültig. Wir gehen den ganzen Tag umher, Zwonimir erkundigt sich bei den Arbeitern Neuners nach den Verhältnissen, nach den Streikführern, er gibt den Kindern Geld und schreit mit den Frauen und befiehlt ihnen, ihre Männer aus dem Wartesaal zu holen. Ich bewundere Zwonimirs Fähigkeiten. Er beherrscht die Sprache des Landes nicht, spricht mit Mienen und Armen mehr als mit dem Mund, aber alle verstehen ihn vortrefflich, denn er redet einfach wie das Volk und flucht in seiner Muttersprache. Aber einen kräftigen Fluch versteht hier jeder.

Am Abend gehen wir in die Felder hinaus, da setzt sich Zwonimir auf einen Stein, schlägt die Hände vors Gesicht und schluchzt wie ein Knabe.

»Warum weinst du, Zwonimir?«

»Wegen der Kuh«, sagt Zwonimir.

»Aber das weißt du ja schon den ganzen Tag. Warum weinst du jetzt?«

»Weil ich bei Tag keine Zeit habe.«

Das sagt Zwonimir ganz ernst, er weint noch eine gute Viertelstunde, dann steht er auf. Er lacht plötzlich auf, weil er entdeckt, daß ein Prellstein wie eine kleine Vogelscheuche angezogen ist.

»Die Kerle sind zu faul, stellen ihre Vogelscheuchen nicht ordentlich in die Mitte. Prellsteine sind ja keine Vogelscheuchen!! Möchte den Sperling sehn, der vor einem verkleideten Prellstein Angst hat!«

»Zwonimir«, bitte ich, »fahren wir fort! Geh heim, dein Vater lebt noch, aber er wird vielleicht sterben, wenn du nicht kommst und dann wirst du keine bösen Träume mehr haben. Und ich will auch fort.«

»Ein bißchen bleiben wir noch«, sagt Zwonimir, und ich weiß, daß er fest bleibt.

Er freut sich über das Hotel Savoy. Zum erstenmal lebt Zwonimir in einem großen Hotel. Er wundert sich gar nicht über Ignatz, den alten Liftknaben. Ich erzähle Zwonimir, daß in anderen Hotels kleine, milchwangige Buben die Fahrstühle bedienen. Zwonimir meint, es wäre schon vernünftiger, wenn eine solche Amerikasache einem ältern, erfahrenen Herrn überlassen wird. Übrigens sind ihm beide unheimlich, der Fahrstuhl und Ignatz. Er geht lieber zu Fuß.

Ich mache Zwonimir auf die Uhren aufmerksam und daß sie verschiedene Stunden zeigen.

Zwonimir sagt, das wäre unangenehm. Abwechslung muß aber sein. Ich zeige ihm den siebenten Stock und den Dunst der Waschküche und erzähle ihm von Santschin und dem Esel am Grab. Diese Geschichte gefällt ihm am besten, Santschin tut ihm gar nicht leid, über den Esel lacht er, des Nachts, während er sich auskleidet.

Ich mache ihn auch mit Abel Glanz bekannt und mit Hirsch Fisch.

Zwonimir kaufte bei Fisch drei Lose und wollte noch mehr kaufen und versprach Fisch ein Drittel vom Gewinst. Wir gingen mit Abel Glanz in das Judengäßchen, Abel machte gute Geschäfte, fragte, ob wir deutsche Mark hätten. Zwonimir hatte deutsche Mark. »Zu zwölf ein viertel«, sagte Abel. »Wer kauft?« fragte Zwonimir mit überraschender Kennerschaft. »Kanner!« sagte Glanz.

»Führen Sie den Kanner her!« sagt Zwonimir.

»Was fällt Ihnen ein? Kanner wird zu Ihnen kommen?!« schreit Glanz erschrocken.

»Dann geb' ich die Mark nicht!« sagt Zwonimir.

Glanz will verdienen und rennt zu Kanner.

Wir warten. Er kommt nach einer halben Stunde und bestellt uns in die Bar für den Abend.

Am Abend kamen wir in die Bar, Zwonimir in einer russischen Militärbluse, mit genagelten Stiefeln.

Zwonimir kniff Frau Jetti Kupfer in den Oberarm, sie ließ einen schrillen Juchzer los, so einen Gast hatte sie schon lange nicht gehabt. Zwonimir ließ Schnäpse mischen, gab Ignatz einen Klaps auf die Schulter, daß der alte Liftknabe zusammensank, in die Knie brach. Zwonimir lachte über die Mädchen, fragte laut nach den Namen der Gäste, rief den Fabrikanten Neuner beim Namen ohne den Titel »Herr« und fragte Glanz:

»Wo steckt denn der verdammte Kanner?«

Die Herren verzogen die Gesichter, sie blieben ruhig, und Neuner rührte sich nicht und ließ sich jede Anrede gefallen, obwohl er Einjähriger bei der preußischen Garde gewesen war und Schmisse hatte.

Anselm Schwadron und Siegmund Fink unterhielten sich leise, und als Kanner verspätet eintraf, wurde er nicht mit jenem Hallo begrüßt, das er erwartet und verdient hatte. Er sah sich um, entdeckte Zwonimir; da ihm Glanz winkte, trat er auf uns zu und fragte majestätisch: »Herr Pansin?«

»Zu Befehl, Mister Kanner!« schrie Zwonimir mit dröhnender Stimme, daß Kanner einen halben Schritt zurücktrat. »Zwölf dreiviertel!« schrie Zwonimir wieder.

»Nicht so laut!« flüsterte Glanz.

Aber Zwonimir zog, während alle nach unserem Tisch sahen, sein Geld aus der Brieftasche – auch dänische Kronen hatte er – weiß Gott woher.

Kanner steckte das Geld ein und rechnete nach, um nur fertig zu werden, und zahlte zwölf dreiviertel.

»Meine Provision?« sagte Glanz.

»In Schnaps!« sagte Zwonimir und ließ fünf Schnäpse für Glanz bringen. Abel Glanz trank, aus Furcht, bis er besoffen war.

Es war ein lustiger Abend. Den Stammgästen hatte Zwonimir die Laune verdorben. Ignatz war böse. Seine biergelben Augen funkelten. Zwonimir aber tat, als wäre Ignatz sein bester Freund, rief ihn beim Namen – »liebster Ignatz!« sagte Zwonimir, und Ignatz kam auf leisen Sohlen, ein alter Kater.

Der Fabrikant Neuner fand keine Lust an Tonka, die nackten Mädchen kamen zutraulich an unsern Tisch und pickten Zwonimir aus der Hand. Er fütterte sie mit Gebäck, zerbröckeltem Kuchen und ließ sie an verschiedenen Schnapsgläsern nippen.

In ihrer weißen Nacktheit standen sie da wie junge Schwäne.

Spät kam Alexanderl Böhlaug. Er war niedergeschlagen und aufgeräumt zugleich, er wollte irgendeinen Kummer übertönen, und Zwonimir half ihm.

Zwonimir hatte viel getrunken, dennoch war er nüchtern und spöttisch und höhnte Alexanderl, daß es eine Lust war.

»Sie haben spitze Stiefel!« sagte Zwonimir, »lassen Sie sehen, ob sie scharf sind. Wo lassen Sie Ihre Stiefel schleifen? Die neueste Kriegswaffe. Sturmangriff mit französischen Stiefelspitzen! – Ihre Krawatte ist schöner als meiner Großmutter Kopftuch, so wahr ich der Sohn Nikitas bin, so war ich Zwonimir heiße und niemals mit Ihrer Braut geschlafen habe.«

Alexanderl tat, als hörte er nicht. Gram zehrte an ihm. Er war traurig.

»Ich möchte diesen Vetter nicht an deiner Stelle!« sagte Zwonimir.

»Man sucht sich seine Vettern nicht aus«, sagte ich.

»Nichts für ungut, Alexanderl!« schrie Zwonimir und stand auf. Er war groß, wie eine Mauer stand er in der kleinen, dunkelroten Bar.

Am nächsten Morgen erwacht Zwonimir früh und weckt mich. Er ist angekleidet. Er wirft meine Decke auf den Fußboden und zwingt mich, aufzustehen und mit ihm spazierenzugehn. Die Lerchen trillern wunderbar.

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