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Hotel Savoy

Joseph Roth: Hotel Savoy - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
booktitleHotel Savoy ? Hiob
titleHotel Savoy
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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XI

Ich wollte gerade das Hotel verlassen, da stieß ich mit Alexanderl Böhlaug zusammen, der einen hellen Filzhut trug. Solch einen schönen Filzhut habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen, es ist ein Gedicht, ein Hut von einer zartgetönten hellen, unbestimmbaren Farbe, in der Mitte sorgfältig zusammengekniffen. Wenn ich diesen Hut trüge, ich hütete mich wohl zu grüßen, und ich verzeihe es auch, daß Alexanderl nicht grüßt, sondern nur mit dem Zeigefinger an den Hut tippt, salutierend wie ein Offizier, wenn er den Gruß eines Militärkochs erwidert.

Dabei bewundere ich Alexanderls kanariengelbe Handschuhe ebenso wie den Hut – wenn man diesen Menschen sieht, kann man nicht zweifeln, daß er schnurstracks aus Paris kommt, dorther, wo es am stärksten Paris ist.

»Guten Morgen!« sagt Alexanderl, schläfrig und lächelnd. »Was macht Stasia, Fräulein Stasia?«

»Ich weiß nicht!«

»Sie wissen es nicht? Sind Sie aber lustig! Gestern sind Sie mit der Dame hinter dem Sarg einhergegangen, als wären Sie ihr Cousin.«

»Die Geschichte mit dem Esel ist köstlich«, sagt Alexanderl, zieht einen Handschuh aus und wedelt mit ihm.

Ich schweige.

»Hören Sie, Vetter«, sagt Alexanderl, »ich möchte ein Absteigquartier mieten – im Hotel Savoy. Zu Hause fühle ich mich nicht frei. Manchmal –«

Oh, ich verstehe – Alexanderl legte seine Hand auf meine Schulter und schob mich ins Hotel. Das war mir unangenehm, ich bin abergläubisch und kehre nicht gerne wieder ins Hotel zurück, das ich kaum verlassen habe.

Ich habe keinen Grund, Alexanderl nicht zu folgen, und ich bin neugierig, welche Nummer mein Vetter bekommen wird. Ich überlege, die Zimmer links und rechts von Stasia sind bewohnt.

Es bleibt nur ein Zimmer übrig, in dem Santschin gewohnt hat – seine Frau packt schon und soll zu Verwandten aufs Land.

Einen Augenblick freue ich mich, daß Alexanderl aus Paris in Santschins Wäschedunst wohnen wird – und sei es auch nur ein paar Stunden oder zwei Nächte in der Woche.

»Ich will Ihnen einen Vorschlag machen«, sagt Alexanderl, »ich miete Ihnen ein Zimmer privat oder zahle Ihnen das Logisgeld für zwei Monate – oder wenn Sie unsere Stadt verlassen wollen, das Reisegeld nach Wien, Berlin, Paris sogar –, und Sie treten mir das Zimmer ab. Ist das ein kulantes Geschäft?«

Dieser Ausweg lag sehr nahe, dennoch überraschte mich meines Vetters Angebot. Nun hatte ich alles, was ich mir wünschte. Weiterreise und Zehrgeld, und ich brauchte nicht mehr auf Phöbus Böhlaugs Wohltat zu rechnen und war ein freier Mensch.

Sehr schnell löste sich jede Verwicklung. Meine Wünsche gingen prachtvoll in Erfüllung. Gestern noch hätte ich eine halbe Seele für ein Reisegeld verkauft, und heute bot mir Alexander Freiheit und Geld.

Dennoch schien es mir, daß Alexander Böhlaug zu spät gekommen war. Ich hätte jubeln sollen, ja sagen, und ich tat nichts dergleichen, sondern machte ein nachdenkliches Gesicht.

Alexander bestellte einen Schnaps um den andern. Aber je mehr ich trank, desto wehmütiger wurde ich, und der Gedanke an Weiterreise und Freiheit schwand ins Nichts.

»Sie wollen nicht, lieber Vetter?« sagte Alexander – und um zu beweisen, daß es ihm gleichgültig war, begann er, von der Revolution in Berlin zu erzählen, die er zufällig erlebt hatte.

»Wissen Sie, diese Banditen ziehn zwei Tage herum, man ist nicht sicher, daß man mit dem Leben herauskommt. Ich sitze den ganzen Tag im Hotel, unten bereiten sie für alle Fälle die gemauerten Keller vor, ein paar fremde Diplomaten wohnen auch dort. Ich denke mir, nun ade schönes Leben – dem Krieg bin ich entgangen, nun soll mich die Revolution treffen. Ein Glück, daß ich damals die Vally hatte, wir waren ein paar befreundete junge Leute und nannten sie Vally, die Trösterin, denn sie war unsere Trösterin in der Not, wie es in der Bibel heißt.«

»Das steht nicht in der Bibel.«

»Nun einerlei – diese Knöchel hätten Sie sehen sollen, mein lieber Vetter – und das aufgelöste Haar, es reichte bis zum Popo – es waren sehr aufgeregte Zeiten. Und wozu? Sagen Sie mir, wozu hat man diese aufgeregten Zeiten nötig?«

Alexander saß mit gespreizten Beinen; um die Bügelfalte nicht zu beschädigen, streckte er sie weit von sich und trommelte mit den Absätzen auf dem Boden.

»Ich werde mich also um ein anderes Zimmer umsehn müssen«, sagt Alexander, »wenn Sie nicht wollen.« Oder: »Ich will nicht drängen. Überlegen Sie sich das, lieber Gabriel, bis morgen – vielleicht? ...« Gewiß – ich will es mir überlegen. Jetzt habe ich Schnaps getrunken, und das plötzliche Angebot hat mich noch mehr betäubt. Ich will es mir überlegen.

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