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Hotel Savoy

Joseph Roth: Hotel Savoy - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
booktitleHotel Savoy ? Hiob
titleHotel Savoy
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090331
projectida0c219b9
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Santschin wurde um drei Uhr nachmittags begraben, auf einem entlegenen Teil des orientalischen Friedhofs.

Wer im Winter etwa sein Grab wird besuchen wollen, wird sich mit Spaten und Schaufel mühsam einen Weg bahnen müssen. Alle Armen, die auf Gemeindekosten sterben, werden so weit draußen bestattet, und erst wenn drei Generationen gestorben sind, zeigt jener entlegene Teil des Gottesackers menschliche Wege.

Aber dann wird das Grab Santschins nicht mehr zu finden sein.

Nicht einmal Abel Glanz, der arme Souffleur, wird so weit draußen liegen.

Das Grab Santschins ist kalt und lehmig – ich sah hinein, als er begraben wurde –, und sein Gebein ist schutzlos dem Getier der Erde preisgegeben.

Santschin lag drei Tage aufbewahrt im Varieté, weil das Hotel Savoy ja kein Hotel für Tote ist, sondern für Springlebendige. Er lag hinter der Bühne in einer Garderobezelle, und seine Frau saß bei ihm, und ein armer Küster betete. Der Direktor des Varietés hatte die Kerzen beigesteuert. Die Tänzerinnen mußten an dem toten Santschin vorbei, wenn sie auf die Bühne gingen, die Blechmusik machte ihren Lärm wie gewöhnlich, auch der Esel August kam, aber Santschin rührte sich nicht.

Von den Gästen wußte niemand, daß hinter dieser Bühne ein Toter lag. Die Polizei hatte es erst verbieten wollen, aber ein Polizeioffizier, der immer Freiplätze bekam – seine Verwandtschaft füllte ein Viertel des Saales –, brachte die Bewilligung.

Vom Varieté aus ging der Leichenzug, der Direktor bis an den Rand der Stadt, wo die Schlachthöfe stehen – in dieser Stadt wurden die Toten den gleichen Weg geführt wie das Vieh. Die Kollegen, Stasia und ich und die Frau Santschins folgten bis zum Grab.

Als wir das Tor des Friedhofs erreicht hatten, stand Xaver Zlotogor da, der Magnetiseur, und zankte mit dem Friedhofsverwalter. Zlotogor hatte den Esel Santschins unbemerkt an das offene Grab geführt und dort warten lassen.

»So kann er nicht begraben werden!« schrie der Verwalter.

»So wird er begraben werden!« sagte Zlotogor.

Es gab einen kleinen Aufenthalt, der Pope sollte entscheiden, und da ihm Xaver Zlotogor etwas zuflüsterte, entschied er, daß das Tier bleiben könne.

Der Esel stand mit schwarzen Trauerläschchen auf den gesenkten Ohren und rührte sich nicht. Hart am Grabesrand stand er und rührte sich nicht, und jeder ging um ihn herum und wagte nicht, das Tier wegzuschieben.

Mit Xaver Zlotogor und dem Esel ging ich zurück, auf den breiten, kiesbestreuten Wegen des Friedhofs, an vornehmen Grabmälern vorbei. Hier liegen die Toten aller Bekenntnisse nicht weit voneinander, nur der jüdische Friedhof ist durch zwei Zäune getrennt. Bettelnde Juden stehen am Zaun und in den Alleen den ganzen Tag wie menschliche Zypressen. Sie leben von der Gnade reicher Erben und schütten über jeden Geber ihre Segenssprüche.

Ich mußte Xaver Zlotogor meine Anerkennung ausdrücken, er hatte tapfer für den Esel gekämpft. Ich kannte den Magnetiseur noch gar nicht, er trat nicht jeden Tag, sondern nur am Sonntag auf oder bei besonderen Anlässen, und sehr oft reiste er »selbständig« durch kleine und größere Städte und gab Vorstellungen.

Er wohnt im Hotel Savoy im dritten Stock. Er kann es sich leisten. Xaver Zlotogor ist ein weitgereister Mann, den Westen Europas kennt er und Indien. Dort hat er seine Kunst von Fakiren gelernt, wie er erzählt. Er mag wohl an die vierzig alt sein, aber man merkt ihm kein Alter an, so gut beherrscht er Gesicht und Bewegungen.

Manchmal glaube ich, er wäre müde, während wir so gehen, ich glaube, seine Knie seien leise geknickt, und weil der Weg weit ist und ich nicht mehr frisch bin, will ich vorschlagen, daß wir uns ein bißchen auf einen Stein setzen. Aber siehe: Xaver Zlotogor springt mit hochgezogenen Knien über den Stein und ein gut Stück darüber in die Luft wie ein vierzehnjähriger Knabe. Er hat in diesem Augenblick ein Knabengesicht, ein olivengrünes, jüdisches Knabengesicht mit schelmischen Augen. Eine Minute später trägt er einen müden Mund mit hängender Unterlippe, und es ist, als lastete sein Kinn schwer, er muß es auf der Brust stützen.

Xaver Zlotogor wandelt sich so schnell in kurzen Zeiträumen, daß er mir unsympathisch wird, ja, ich muß denken, daß seine ganze edle Geschichte mit dem Esel eine gemeine Komödie war, und es scheint mir, daß dieser Xaver Zlotogor nicht immer so geheißen, daß er vielleicht – der Name taucht plötzlich in mir auf – Salomon Goldenberg geheißen hat in seiner kleinen galizischen Heimat. Merkwürdig, daß sein Einfall, den Esel auf den Friedhof zu führen, mich hatte vergessen lassen, daß er Magnetiseur ist, ein schnöder Zauberer, ein Mann, der das indische Fakirtum für Geld verriet und von den Geheimnissen einer fremden Welt nur so viel wußte, als die Zauberkunststückchen erforderten. Und Gott ließ ihn leben und strafte ihn nicht.

»Herr Zlotogor«, sage ich, »ich muß Sie leider allein lassen, ich habe eine wichtige Unterredung.«

»Mit Herrn Phöbus Böhlaug?« fragt Zlotogor.

Ich war verblüfft und wollte fragen: Woher wissen Sie – aber ich unterdrückte diese Frage und sagte »nein« und gleich darauf »Guten Abend«, obwohl es noch gar nicht dämmerte und die Sonne Lust hatte, noch eine geraume Weile am Himmel zu bleiben.

Ich schritt rasch in die entgegengesetzte Richtung, ich sah wohl, daß ich mich nicht der Stadt näherte, hörte, daß mir Zlotogor etwas nachrief, aber wandte mich nicht um.

Bündel gemähten Heus dufteten stark, Grunzen kam aus einem Schweinekoben, Baracken standen verstreut hinter den Hütten, und ihre Dächer aus Weißblech glühten wie schmelzendes Blei. Ich wollte bis zum Abend allein sein. Ich dachte an viele Dinge, alles, Wichtiges und Nebensachen, ging mir durch den Kopf, die Gedanken kamen wie fremde Vögel und flogen wieder davon.

Spät am Abend kehrte ich heim, die Felder und Wege lagen im Dunkel, und die Grillen zirpten. Gelbe Lichter brannten in den Dorfhäusern, und Glocken schlugen.

Das Hotel Savoy schien mir leer. Santschin war nicht mehr da. Zweimal nur war ich in seinem Zimmer gewesen. Aber mir war, als hätte ich einen lieben guten Freund verloren. Was wußte ich von Santschin? Er war ein Clown im Theater und zu Hause traurig, warm und grob, er erstickte im Wäschedunst, jahrelang hatte er den Duft schmutziger fremder Wäsche geatmet – wenn nicht in diesem Hotel Savoy, so doch in andern. In allen Städten der Welt gibt es kleinere oder größere Savoys, und überall in den höchsten Stockwerken wohnen die Santschins und ersticken am Dunst fremder Wäsche.

Das Hotel Savoy war noch voll besetzt – von allen 864 Zimmern stand nicht ein einziges leer, nur ein Mensch fehlte, der einzige Wladimir Santschin.

Ich saß unten im Fünf-Uhr-Saal. Der Doktor lächelte mir zu, als wollte er sagen: Siehst du, wie recht ich hatte, als ich Santschin den Tod prophezeite? Er lächelte, als wäre er die medizinische Wissenschaft und feierte nun seinen Triumph. Ich trank einen Wodka und sah Ignatz an – war er der Tod, oder war er nur ein alter Liftknabe? Was glotzte er mit seinen gelben Bieraugen?

Nun fühlte ich, wie Haß in mir aufstieg gegen das Hotel Savoy, in dem die einen lebten und die andern starben, in dem Ignatz Koffer pfändete und die Mädchen sich nackt ausziehen mußten vor Fabrikanten und Häusermaklern. Ignatz war wie ein lebendiges Gesetz dieses Hauses, Tod und Liftknabe. Ich werde mich nicht durch Stasia verlocken lassen hierzubleiben, denke ich.

Für drei Tage reicht meine Barschaft, weil ich durch Glanz' Hilfe Geld gewonnen habe. Dann wird man mich, wenn ich verhungere, genauso begraben wie den armen Santschin, weit draußen auf dem Jenseits des Friedhofs, in einer lehmigen Regenwürmergrube. Jetzt kriechen die Würmer und Schlangen schon über Santschins Sarg, drei Tage noch, acht oder zehn, und das Holz wird verfaulen und der schwarze, alte Anzug, den ihm jemand geschenkt hat und der schon längst fadenscheinig war.

Hier steht Ignatz mit seinen gelben Bieraugen und fährt hinauf und hinunter mit dem Fahrstuhl und hat auch Santschin zum letztenmal hinuntergefahren.

In dieser Nacht betrat ich mein Zimmer nur noch mit großer Überwindung. Ich haßte das Nachtkästchen, den Lampenschirm, den Druckknopf, ich schmiß einen Sessel um, daß es laut polterte, ich hätte gern den Zettel des Kaleguropulos, der höhnisch an der Tür hing, abgerissen, und ich ging furchtsam ins Bett und ließ die ganze Nacht die Lampen brennen.

Santschin erschien mir im Traum: Ich sehe, wie er in seiner lehmigen Grube aufsteht und sich rasiert – ich reiche ihm einen Wasserkübel, er nimmt Lehm dazu und streicht sein Gesicht mit Lehm an, als wäre es Rasierseife. »Das kann ich«, sagt er und: »Sehen Sie mir nicht zu!«, und ich starre beschämt auf seinen Sarg, der in der Ecke steht.

Dann klatscht Santschin in die Hände, und es erhebt sich ein lautes Beifallsklatschen, das ganze Hotel Savoy klatscht, Kanner und Neuner und Siegmund Fink und Frau Jetti Kupfer.

Vorne steht mein Onkel Phöbus Böhlaug und flüstert mir zu: »Weit hast du's gebracht! Du bist nicht mehr wert als dein Vater! Du Taugenichts!«

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