Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Maria Leitner >

Hotel Amerika

Maria Leitner: Hotel Amerika - Kapitel 7
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleHotel Amerika
publisherAufbau-Verlag
yearo.J.
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171014
projectidecf4e1b7
Schließen

Navigation:

6

Herr Fish hat sich auf der Estrade, die die Halle des Hotels umsäumt, in einem Sessel niedergelassen. Er sitzt der großen Uhr gegenüber; das ist bequem, er braucht nicht immer nach seinem Handgelenk zu blicken. Herr Fish hat Zeit, aber manchmal ist die Zeit, die man noch hat, geeignet, auch einen kaltblütigen Menschen nervös zu machen. Wenn man nämlich vor Entscheidungen steht, vor wichtigsten Entscheidungen, wie das gerade bei Herrn Fish der Fall ist.

Noch eine halbe Stunde, und er hat die Möglichkeit, seine Angelegenheit bestens zu ordnen. Herr Fish zweifelt nicht an dem Erfolg. Er wird den Schlüssel zu allen Herrlichkeiten der Welt in die Hand bekommen: Geld. Er hat eine gute Waffe in der Faust, besser gesagt in der Brusttasche. Herr Fish befühlt zärtlich ein Päckchen über seiner Brust, ein Päckchen, das ihm Macht gibt.

Manchmal scheinen die Zeiger der Uhr wie verhext, sie bleiben unbeweglich, die Zeit will nicht weiterrücken.

Dabei hat Herr Fish einen Aussichtsposten, der geeignet ist, die Wartezeit kurzweilig zu gestalten.

Er hat einen guten Überblick. In die Marmorhalle, die sich vor ihm ausbreitet, münden Zugänge vom Bahnhof und von der Untergrundbahn, aus Straßen und Plätzen. Ohne Unterlaß flutet eine Menschenmenge durch die Säulenhallen, Koffer werden hinaus- und hereingetragen, Pagen wiederholen hartnäckig Namen, Telegrafenboten durcheilen schreiend die Gänge, Pakete werden von Boten gebracht, Auskünfte an Schaltern erteilt.

Genau wie Herr Fish, so sitzen auf der Estrade, versunken in ihre Sessel, gut gekleidete Damen und Herren und blicken in die Halle hinunter, als wären sie im Theater und säßen in ihrer Loge. Nur sind sie hier nicht nur Publikum, sondern auch Akteure. Ihre Beschaulichkeit dauert immer nur eine kurze Weile. Sie warten – genau wie Herr Fish – auf eine bestimmte Minute, auf das Erscheinen eines Partners, auf ein Stichwort, um aktiv auf der Bühne zu erscheinen und ihre Rolle herzusagen.

Herr Fish ist noch Zuschauer; er versucht, soviel er kann von dem Gehabe der scheinbar Müßigen aufzufangen.

Sie spielen Variationen zu dem einen Thema: Geld. So scheint es jedenfalls Herrn Fish, der aus allen, von mehr oder weniger gewichtigen Männern gebildeten Gruppen gleiche Worte heraushört, wie: »Zahlungsbedingungen«, »Lieferungszeit«, »Produktionskosten«, »Sparmaßnahmen«, »Kaufkraft«, »Import, Export«, »Zoll«, »Neues Trustgesetz«, »Senat«, »Politik«, »Ruhe und Ordnung«, »Bestechung«. Alles untermischt mit Zahlen. Freilich sind auch Politik und Gesetze nichts weiter als Geldangelegenheiten, denkt Herr Fish und blickt mit gespanntem Interesse auf alle diese überhitzten oder übermüdeten Männergesichter, die so wenig Ähnlichkeit haben mit dem »Typus des Amerikaners«, der in Hollywood hergestellt wird.

Die Frauen sehen den von ihnen plagiierten Idealgestalten ähnlicher. Aber wieviel Arbeit und Mühe kostet sie diese Ähnlichkeit! Geld haben, Geld, dann fallen sie einem mit Leichtigkeit zu, diese in Pelze gehüllten, mit Juwelen geschmückten, sorgsam gepflegten und gehegten, überirdisch wirkenden Feen. Man kann sie natürlich auch ohne Geld bekommen, aber dann kosten sie viel zuviel Zeit, Mühe und Arbeit. Geld haben – Geld!!

Wenn sie miteinander flüstern, erzählen sie sich, wieviel ihre Schuhe oder ihr seidenes Unterkleid gekostet haben, wieviel ihr Freund oder Mann für den diamantenen Ring oder für den Champagner im Nachtklub bezahlen mußte.

Es gibt allerlei zu sehen, auch wenn man das Hotel nicht verläßt. Eine Geschäftsstraße bietet Herrn Fish alle Schätze der Welt an. Herr Fish flüstert: »Geld, nur Geld«, und seine Hand tastet zu dem bewußten Päckchen, das an seiner Brust ruht. Hoho! er wird Geld haben, er wird schon dafür sorgen, daß er es bekommt, nur noch etwas Geduld, nur noch wenige Minuten Geduld ...!

Die Autos bewegen sich auf einer Drehscheibe, um sich von allen Seiten den Zuschauern zu präsentieren, er braucht nicht in Verlegenheit zu geraten, wenn er sich das beste aussuchen will.

Schneider locken ihn mit einem Bild des Prince of Wales, der hier einen Anzug hat anfertigen lassen. Ja, auch er wird das Beste aus sich herausholen.

Eine riesige, irisierende Perle in einer Krawattennadel, garantiert echt, würde besonders geeignet sein, die Blicke der Frauen auf sich zu lenken. »Geld, nur Geld ...«

Aber diese äußeren Kleinigkeiten sind das wenigste, das Bedeutungsloseste, sogar die Schulden, die man los wäre, sind nicht so wichtig. Die Hauptsache wäre die Freiheit: Man könnte endlich über dem niederen Leben stehen, die Dinge überblicken, alle Zusammenhänge aus einer Höhe übersehen, die einem bisher verwehrt wurde. Endlich ist die Zeit um. Herr Fish steht Herrn H. W. Strong gegenüber, dem mächtigen H. W., wie er allgemein von seinen Freunden und Feinden genannt wird.

   

Jetzt, da Herr Fish vorläufig am Ziele ist, fühlt er mit Schrecken eine gewisse Befangenheit in sich aufsteigen, die seiner Redegewandtheit, vielleicht sogar seinem Erfolg hinderlich sein könnte. Er findet, daß der Blick, den Herr H. W. Strong über ihn gleiten läßt, zu gleichgültig, ja zerstreut ist.

Sie befinden sich in dem Empfangsraum des Zeitungsmannes. Herr Fish bucht es als einen Erfolg, daß kein Sekretär zugegen ist, und betrachtet enttäuscht diesen mächtigen H. W. Strong, der durchaus nichtssagend aussieht wie ein ganz gewöhnlicher Mitmensch.

Herr Fish hatte von H. W. Strong erwartet, daß er hinter einer faszinierenden Glätte etwas Dämonisches verriete. Aber er scheint im Gegenteil den Ehrgeiz zu haben, unbedeutend und einfach auszusehen. Sein Anzug sieht aus, als hätte er ihn von der Stange in der 14. Straße gekauft.

Das stört Herrn Fish. Seine ganze wunderbare, wohldurchdachte, gut aufgebaute Rede kommt ins Wanken.

Er gerät in Versuchung, seine Augen zu schließen, um Herrn H. W. Strong richtig zu sehen: diese Spinne, die ihre Fäden über die ganze Welt zieht, diesen Mann, der in ungeheuren Höhen wohnt und Zusammenhänge übersieht, die den winzigen, um ihr tägliches Brot kämpfenden Menschlein unbekannt bleiben, denn er, H. W. Strong, beschließt, was der Masse bekannt werden soll. Seine Reporter sind wie Rennpferde, die den Nachrichten nachjagen. Sieger bleibt, wer als erster die Information telegrafiert. Aber Herr H. W. Strong oder seine Bevollmächtigten entscheiden allein darüber, ob die Information zum Druck geeignet ist.

Welche Macht! Herr Fish blickt auf den ungepflegten älteren Herrn, der wie ein schlechtbezahlter Methodistenprediger aussieht, und bezweifelt fast, daß dieser mit dem Mächtigen identisch ist.

Aber jetzt hört er dessen scharfe, befehlende Stimme, und er zweifelt nicht mehr.

»Beeilen Sie sich«, sagt Herr H. W. Strong.

Herr Fish räuspert sich und beginnt dann unvermittelt gleich damit, was er eigentlich erst viel später, gleichsam als Pointe, zu sagen sich vorgenommen hatte.

»Ich weiß nicht, Herr Strong, ob es Ihnen bekannt ist, daß ich das große Glück hatte, mit Marjorie –«

Herrn Strongs Augenbrauen heben sich plötzlich zu einem scharfen Dreieck.

»Verzeihung, ich meine natürlich Fräulein Strong – wie gesagt, ich hatte das Glück, mit Ihrer verehrten Tochter befreundet zu sein.«

Es verhält sich tatsächlich so, daß noch vor einigen Monaten Herr Fish bedeutend höhere Ambitionen hatte als heute. Er hatte nichts weniger erwartet, als der Schwiegersohn des mächtigen Herrn Strong zu werden. Herr Fish hatte ohne Zweifel auf die verwöhnte Marjorie Strong einen starken Reiz ausgeübt, aber natürlich dauert nichts ewig, am allerwenigsten die Zuneigung Marjorie Strongs.

Herr Fish aber ist nicht bereit, sich ohne weiteres aus dem Schlaraffenland vertreiben zu lassen. Vorläufig besitzt er nur Schulden, die zu machen er nur dank dieser Verbindung in der Lage gewesen war.

»Wie gesagt, Fräulein Strong sah in mir einen Freund, einen intimen Freund.«

Herr Strong zeigt mit einer ironischen Handbewegung auf einen Stuhl, der nicht weit von ihm steht.

Herr Fish läßt sich eilig nieder.

»Ich interessiere mich zwar nicht für die Freunde meiner Tochter, aber da ich annehme, daß Sie nicht nur hier sind, um mir das mitzuteilen, reden Sie.«

Herr Fish fühlt sich noch immer unbequem. Er redet sehr schnell.

Es handelte sich um eine Freundschaft, die überaus warm war, doch sei er – so beteuert Herr Fish – nicht der Mann, der der schönen Braut etwa Unannehmlichkeiten an ihrem Hochzeitstage bereiten wolle. Ja, es sei auch nicht sein Fehler, daß die Angelegenheit erst jetzt zur Klärung käme, seine bisherigen Bemühungen, von Herrn Strong empfangen zu werden, seien bislang gescheitert. Es läge ihm auch fern, etwa das Lebensglück Marjories – – –

Herr H. W. Strong zieht seine Augenbrauen wieder in die Höhe.

Er meine natürlich Fräulein Strongs – setzt Herr Fish fort – zerstören zu wollen, um so weniger, da er ja selbst nicht frei sei. Diese Tatsache war auch wohl Fräulein Strong bekannt, und man hatte eine Scheidung erwogen, die aber nicht zur Ausführung kam, als sich Marjorie –

Herr Fish erblickt wieder die drohenden Augenbrauen Herrn H. W. Strongs.

Verzeihung: als sich Fräulein Strong mit Robert Sedwick verlobte. Nun handelt es sich um folgendes: Herrn Fishs Gattin hat unglücklicherweise Briefe Fräulein Strongs gefunden, und sie trägt sich mit der Absicht, gegen Fräulein Strong eine Schadenersatzklage wegen Diebstahls der Gattenliebe anzustrengen. Ja, das wäre also die Sache.

Herr Fish hat sich freigeredet. Er beginnt, seine Sicherheit wieder zu erlangen, und prüft eingehend Herrn H. W. Strongs Miene.

Diese aber verzieht sich nicht im geringsten, und in überaus trockenem Ton erwidert H. W. Herrn Fish:

»Nun, ich werde der letzte sein, der Ihre Frau von solchen Schritten abzubringen versuchen wird.«

Herr Strong steht auf, doch Herr Fish macht nicht die geringste Anstalt, ihm nachzuahmen.

»Darf ich Sie daran erinnern, Herr Strong, daß ein solcher Prozeß in aller Öffentlichkeit stattfände und daß es sich natürlich nicht vermeiden ließe, daß auch die Briefe bekannt würden?«

Tatsächlich setzt sich Herr Strong wieder, er ist ein Mann, der die Gefahr, die ihm droht, genau kennen will. Nun, es kann nicht schaden, diesen obskuren Jüngling aussprechen zu lassen.

Herr Fish merkt, daß seine Drohungen einen gewissen Eindruck nicht verfehlt haben, und spricht zufrieden weiter:

»Meine Frau ist durch die Aufregung schwer erkrankt, sie ist etwas konservativ in ihren Ansichten und paßt nicht ganz in die heutige Zeit. Aber wir dürfen uns nicht verhehlen, daß sie sicher Sympathien bei einem großen Teil des amerikanischen Publikums finden würde. Leider hat sich Fräulein Strong in ihren Briefen keinen Zwang auferlegt und hat offen über Ihr Familienleben, ja sogar über Ihre Geschäftsangelegenheiten geschrieben.«

Herr Fish merkt mit aufrichtigem Vergnügen den aufflackernden Ärger in H. W. Strongs Augen.

»Ein unverzeihlicher Leichtsinn von Marjorie – verzeihen Sie, ich meine: von Fräulein Strong! –, aber sie war gewöhnt, mich als einen Bruder, für mehr als einen Bruder: als den vertrautesten Freund zu betrachten.«

Und jetzt nimmt Herr Fish ein beschriebenes Blatt Papier aus der Tasche und reicht es Herrn Strong.

»Das wäre der Vertragsentwurf. Gegen den hier angeführten Betrag würde ich Ihnen sämtliche Briefe Marjories ausliefern, und meine Frau würde sich verpflichten, von allen weiteren Schritten abzusehen. Dieser Betrag könnte auch die Heilung meiner Frau ermöglichen, die jetzt in dürftigen Verhältnissen dahinvegetieren muß.«

Herr Strong wirft das Stück Papier, nachdem er einen Blick hineingeworfen hat, dem jungen Mann wieder zu.

»Ihre Frau mußte also dahinvegetieren, während Sie in der Lage waren, den Begleiter meiner Tochter zu spielen.«

Herr Fish streicht sorgenvoll seine Stirn.

»Das ist es eben, deshalb will meine Frau Fräulein Strong, oder heute schon Frau Sedwick, verklagen.«

»Sie wollen also erpressen.«

»Erpressen? Man würde vielleicht in Europa davon sprechen, Herr Strong. Ich halte nicht sehr viel von unseren amerikanischen Einrichtungen, aber diese eine, die die finanzielle Wiedergutmachung seelischer Beleidigungen ermöglicht, scheint mir in sittlicher Hinsicht ein ungeheurer Fortschritt zu sein.«

»Es wäre mir angenehm, wenn ich das Wort ›sittlich‹ aus Ihrem Munde nicht hören müßte.«

»Ich hätte Sie gerade in dieser Hinsicht nicht für so empfindlich gehalten, Herr Strong, da Sie die ›Sittlichkeit‹ mit Hilfe von Druckerschwärze immer gleich millionenfach mißbrauchen können, ohne daß jemand in der Lage wäre, sich dagegen zu verwahren.«

»Kommen wir endlich zur Sache.«

Doch Herr Fish scheint den Einwurf überhört zu haben.

»In Europa versucht man noch heute, Liebesschmerzen und Eifersucht mit Revolver und Vitriol abzureagieren. Wäre es nicht schrecklich, wenn meine Frau nach diesem Muster versuchen wollte, Marjories, – Verzeihung, ich meine Fräulein Strongs wunderschönes Gesicht zu zerstören?«

Er verbirgt, wie in einer Aufwallung von Entsetzen, sein Gesicht in den Händen.

Herr H. W. Strong mustert ihn mit Widerwillen, doch ohne etwas zu entgegnen.

Herr Fish ist wieder zu sich gekommen.

»Wie beruhigend wirkt es dagegen, wenn man weiß, daß man sein Unglück in Zahlen umrechnen und dem Zerstörer seines Glücks die Rechnung präsentieren kann. Wenn es etwas gibt, worauf Amerika mit Recht stolz sein kann, so ist es sicher dieses. In Chikago, in allen großen Städten der Staaten ist die Zahl der Verbrechen ungleich höher als in den Großstädten Europas ...«

»Was fällt Ihnen ein, wollen Sie mir hier einen Vortrag über das Polizeiwesen halten?«

Aber Herr Fish läßt sich nicht ablenken.

»... Dagegen können wir mit Genugtuung feststellen, daß bei uns Verbrechen aus Leidenschaft, Eifersuchtstragödien und ähnliches überhaupt nicht vorkämen, wenn wir keine Fremden und Neger hätten.«

»Wenn Sie es weiter für nötig halten, sich in allgemeinen Redensarten zu ergehen, bin ich nicht mehr in der Lage, mir meine Zeit von Ihnen stehlen zu lassen.«

»Verzeihen Sie, Herr Strong, aber es liegt mir viel an Ihrem Urteil. Ich möchte, daß gerade Sie, der Sie so gern auf die sittliche und moralische Überlegenheit Amerikas hinweisen, meinen Schritt richtig begreifen.«

Herr Strong schlägt sich auf die Knie und zeigt sein Gebiß: »Ihre Unverschämtheit ist wirklich erheiternd, junger Mann.«

»Nun, vielleicht könnten wir doch noch zu dem gewünschten Abschluß kommen«, antwortet Herr Fish, während seine Hand schützend auf der Brust liegt, als hielte er dort ein kostbares Amulett verborgen.

»Zur Sache!« ruft wieder Herr Strong.

Herrn Fish scheint es an der Zeit zu sein, mit dem größten Trumpf herauszurücken. Seine Hand verschwindet in der Brusttasche und bringt das bewußte Päckchen zum Vorschein, ein Bündel Briefe.

Jetzt ist er aufgestanden. Die Briefe fest in der Hand, läßt er auch die Tür nicht außer acht, denn er befürchtet, Herr Strong könnte auch vor Gewalttätigkeiten nicht zurückschrecken, um ihm die Briefe zu entreißen.

Er hält sie ihm also in vorsichtiger Entfernung vor die Augen, doch immerhin so nahe, um eine Prüfung zu ermöglichen.

Zweifellos: Herr Strong hat die wenig regelmäßigen, wild durcheinandertanzenden Schriftzüge seiner Tochter erkannt. Er setzt eine Brille auf, wodurch seine Ähnlichkeit mit einem Methodistenprediger noch unterstrichen wird.

Herr Fish kann nicht umhin, die Situation komisch zu finden.

Dieser ehrbare, ältliche, graue Herr versucht mit nicht geringer Mühe und mit Hilfe einer sehr großen Brille, Sätze zu entziffern, die ihn als einen mächtigen Dämon entlarven. Sätze, die seine Tochter über ihn geschrieben hat, allerdings ohne viel von den Ungeheuerlichkeiten, die sie beschreibt, zu begreifen.

Herr Fish beginnt, in dem ziemlich umfangreichen Paket scheinbar unbeabsichtigt zu blättern, und läßt so Herrn Strong einen Blick auf jene Stellen tun und Sätze aufschnappen, die er für geeignet hält, den Unnahbaren zu erschüttern.

Vorläufig ist von Heliotrop Helis, der berühmten Filmschauspielerin und Favoritin Strongs, die Rede. Der Brief stammt aus Paris und noch aus jener Zeit, als Marjorie ernstlich daran dachte, sich mit dem merkwürdigen Herrn Fish zu verbinden.

»Dein Interesse, das Du Heliotrop Helis bezeugst, mein lieber Junge, finde ich recht merkwürdig«, schrieb Marjorie Strong, und Herr Fish gibt nun aus einiger Entfernung und mit allen nötigen Vorsichtsmaßregeln Herrn Strong Gelegenheit zu lesen, was seine Tochter geschrieben hatte. »Aber da ich nicht annehmen kann, daß sie Dir persönlich gefällt, will ich gern alles über sie schreiben, was ich weiß. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, daß Du einen so schlechten Geschmack haben könntest wie mein armer Papa. Aber ich glaube, da spielt auch was anderes mit als nur Geschmack, dumm ist diese Frau sicher nicht. Es ist ja auch keine Kunst, in ihrem Alter klug zu sein. Sie ist mindestens doppelt so alt wie ich. Schlecht sieht sie trotzdem nicht aus. Aber, du lieber Gott, wie mag es da unter der Tünche aussehen! Von dem Puder und der Emaille auf ihrem Gesicht und Körper könnte sie ihr Geburtshaus weiß streichen lassen. Sie ist in irgendeiner Hütte geboren, also übertreibe ich wirklich nicht Das Rouge genügte für die Fensterläden und Türen. Es könnte ein nett hergerichtetes Haus werden, netter als sie selbst ist.

Aber ich weiß, Du möchtest etwas anderes erfahren. Man sieht sie wirklich immer mit dem Senator, der eine so wichtige Rolle am Quai d'Orsay spielt. Sie interessiert sich brennend für auswärtige Angelegenheiten und europäische Politik. Der Senator sieht aus wie ein siebzigjähriger Menjou. Er hat schneeweiße Haare und einen kleinen rabenschwarzen Schnurrbart. Von diesem Schnurrbart wird übrigens eine drollige Anekdote erzählt. Auf einem Ball erschien sein Abbild, auf dem Rücken Heliotrop Helis. Seitdem ist es hier Mode, statt ›Fliegen‹ ›Schmetterlinge‹ zu tragen. Wie findest Du das?

Das mit der legion d'honneur ist wirklich wahr. Sie hat sie bekommen. Die ganze amerikanische Kolonie ist perplex. Durch die Vermittlung des Senators, so erzählt man; in Wirklichkeit aber hat es Vater durchgesetzt, zur Belohnung ihrer fabelhaften Verdienste. Ich werde Dir noch verraten, warum. Eine Frau wird nur selten Mitglied der Ehrenlegion. Neben Madame Curie und Sarah Bernhard sind es nur noch ein paar alte Weiber. Wie findest Du das? Übrigens hebt die legion d'honneur ihre Sittlichkeit nicht wenig. Man muß das rote Band irgendwo an der Brustgegend befestigen, und sie ist nun gezwungen, ihren Oberkörper zu bekleiden, den sie bisher großmütig allen Blicken enthüllt hatte. Nun, Du sollst hören, warum sie so großartig belohnt werden mußte. Sie hat den Originaltext des Freundschaftsvertrages zwischen den bewußten europäischen Ländern gestohlen. Ich muß sagen, die Frau imponiert mir eigentlich. Vater war mächtig begeistert, obgleich er sehr ruhig und gleichgültig tat. Die Sache hat glänzend eingeschlagen, war eine fabelhafte Reklame für Vaters Zeitungen, die ersten, die den Text bringen konnten – und alles für den Frieden. Vater läßt Leitartikel schreiben und sich als Friedensapostel feiern.

Das Komische aber, das, was Dich auch am meisten interessieren wird, ist folgendes: Dieser ganze Spaß wurde – natürlich mit Vaters Hilfe – vom Stahltrust und den ersten amerikanischen Schiffbauwerften inszeniert und finanziert.

Zum Dank finanzieren sie jetzt in ganz großem Maßstab Vaters Zeitungsunternehmungen. Ich bin es zufrieden. Es schadet nie, wohlhabende Eltern zu besitzen. Vor allem aber bin ich stolz auf meinen Vater. Man muß es ihm lassen, er hat Verstand, läßt sich als Friedensfreund bewundern und von der Rüstungsindustrie bezahlen. Ich würde das alles gar nicht so gut verstehen, wenn Du mir nicht schon in New York vieles erklärt hättest. Ich hatte keine Ahnung, daß ich in einer so interessanten Welt lebe.«

Herr H. W. Strong stand da mit weit vorgestrecktem Hals und las.

Herr Fish genoß den Anblick mit angenehmem Triumphgefühl. Er blätterte langsam weiter und überließ Herrn Strongs spähenden Blicken andere Briefstellen.

»Wieder etwas, lieber Junge, was Dich interessieren wird. Mich selbst fesseln ja politische Fragen nur unserer Zukunft wegen. Man soll es wirklich nicht versäumen, das Tun und Lassen der Eltern zu beobachten. Es schadet nichts, wenn sie merken, man sei nicht die Dümmste.

Hier ist also ein Japaner, er heißt Makarabo oder Marahabo, ich weiß nicht ganz genau, es klingt jedenfalls ähnlich wie Marabu, und so sieht er auch aus. Er ist ein früherer Admiral oder etwas Ähnliches.

Wie ich erfahren habe – es macht mir geradezu Freude, etwas für Dich auszukundschaften –, hat er ein Buch geschrieben, das in Japan rasend gekauft wird. Es heißt ›Wie kann Japan die Vereinigten Staaten in zwei Monaten besiegen?‹ Dieser Marabu oder wie er heißt, wäre also ein Feind unseres Vaterlandes, wie man so schön sagt.

Aber gerade mit ihm verhandeln Vaters Vertreter besonders freundschaftlich. Sie haben das alleinige Recht erworben, seine Artikel in Amerika zu veröffentlichen. Demnächst soll er sogar klipp und klar beweisen, daß Japan imstande wäre, die Staaten in zwei Wochen zu schlagen. Und wer bezahlt nun wieder alles, die Artikel und die Druck- und Vertriebskosten? Wieder der Stahltrust und die Schiffbauwerften.

Nie hätte ich früher gedacht, daß Vaters Schreibtisch soviel Interessantes enthüllen kann. Der japanische Patriot wird von der amerikanischen Großindustrie bezahlt, damit er gegen uns hetzen und somit den Beweis liefern soll, daß weitere Aufträge an die Schwerindustrie unbedingt, notwendig seien. Und daran verdient Vater viel Geld. Es gehört entschieden mehr Verstand dazu, als ich je geahnt habe.«

»Sie haben diese Sätze meiner Tochter suggeriert. Jeder Richter würde sofort die Fälschung feststellen.« Herr H. W. Strong konnte nur schwer seinen Unwillen verbergen.

Die Schrift war zweifellos die Marjories, wenn es auch offensichtlich war, daß dieser verdächtige junge Mann ihr die Sätze diktiert hatte. Er hatte Marjorie angehalten, in ihrem Elternhaus zu spionieren. Er hatte wahrscheinlich, eine andere Annahme war nicht möglich, Marjorie hypnotisiert. Dieser junge Mensch war bedeutend gefährlicher, als er zuerst angenommen hatte. Beschäftigt sich mit hoher Politik, um Geld zu erpressen – gar nicht übel! Aber er soll sich vorsehen, wenn er es mit H. W. aufnehmen will.

Herr Fish beobachtet mit halbgeschlossenen Augen seinen mächtigen Gegner. Er sieht mit Vergnügen, daß die Briefe ihre Wirkung nicht verfehlt haben, und läßt jetzt ganz nebensächlich einen Satz fallen, der Herrn Strongs Bereitschaft, mit ihm einig zu werden, erhöhen soll.

»Es ist mir nicht unbekannt, Herr Strong, daß auch jetzt Verhandlungen zwischen dem Strong-Syndikat und dem Stahltrust wegen einer neuen Finanzierung stattfinden.«

Herr Strong weist dem obskuren jungen Mann noch immer nicht die Tür. Es ist besser, zu wissen, was dieser Mensch alles in Erfahrung gebracht hat. Man kann dann leichter mit ihm fertig werden.

Herr Fish glaubt schon, gesiegt zu haben.

Er blättert weitet in den Briefen, um Herrn Strong zu zeigen, daß er auch über dessen Familienverhältnisse gut orientiert sei.

»Bill« – das ist Marjories Bruder und Herrn H. W. Strongs einziger Sohn – »kam heute vollkommen blau nach Hause, das heißt, er wurde von der Polizei nach Hause gebracht. Vater hat die guten Leute mit einem netten Trinkgeld weggeschickt. Wir können solche überflüssigen Skandälchen nicht brauchen.«

»Ich verstehe überhaupt nicht, wie Vater Mutter heiraten konnte. Ich kann mir keinen kleinlicheren Menschen vorstellen. Sie ist glücklich, wenn sie ein Dienstmädchen drei Tage umsonst in ihrem Haus gehabt hat. Wenn die Mädchen davonlaufen, wird ihr Lohn mit so viel Schikanen zurückgehalten, daß sie lieber auf ihn verzichten. Heute hat Mutter drei Laib Brote von ihrer großen Wohltätigkeitssammlung nach Hause schicken lassen.«

Herr Fish faltet jetzt die Briefe zusammen und hält das Päckchen fest in der Hand, auf das Herr Strong so begehrlich blickt, daß es Herrn Fish ratsam erscheint, es eiligst und sorgsamst wieder in seine Brusttasche zu versenken.

»Glauben Sie mir, Herr Strong. Ihre Zustimmung zu dem Entwurf, den ich Ihnen vorgelegt habe, könnte die ganze Angelegenheit aufs erfreulichste aus der Welt schaffen.« Herr Strong nimmt Haltung an.

»Ich glaube Ihnen gern, daß Ihnen ein solches Aus-der-Welt-Schaffen recht erfreulich wäre. Aber mir liegt daran durchaus nichts. Sie leiden an Größenwahnsinn, wenn Sie annehmen, Sie könnten mir schaden.«

»Wie sollte ich nicht an Größenwahnsinn leiden«, erwidert Herr Fish mit einem etwas ironischen Tonfall, »wenn ich den Vorzug genossen habe, von Marjorie Strong ausgezeichnet worden zu sein – der Tochter eines so großen Mannes, wie Sie es sind.«

Herr Fish macht eine devote Verbeugung.

Herr H. W. Strong blickt kühl und wortlos über den gekrümmten Rücken hinweg.

»Ich kann es Ihnen nicht verhehlen, Herr Strong, daß ich Sie bewundere. Sie haben Ähnlichkeit mit den großen Renaissancegestalten, die ohne Rücksicht auf kleinliche Moralgesetze ihrem Ehrgeiz lebten, herrschten und Macht ausübten.«

Herr H. W. Strong, noch mit der Brille auf der Nase, mit dem Anzug, der aussieht, als hätte er ihn von der Stange in der 14. Straße gekauft, blickt geschmeichelt zu Herrn Fish hinüber.

Doch dieser junge Mann sollte sich hüten, anzunehmen, daß er mit derlei Redensarten etwas bei ihm erreichen könnte. Keinen Cent. Dieser Typ wird gefährlich, wenn man ihm auch nur eine Scheidemünze hinwirft.

»Sie, Herr Strong, stehen über der Masse, Sie gehören zu den wenigen Menschen, die die Möglichkeit haben, unsere heutige Welt zu übersehen. Sie wissen mehr, Sie können etwas über die Zukunft ahnen. Aber ich bin auch sicher, daß Sie sich von dem großen Publikum nicht in die Karten sehen lassen möchten.«

»Junger Mann, empfinden Sie denn keine Scham, wenn Sie über sich selbst nachdenken?«

»Scham? Über mich selbst nachdenken? Warum sollte ich das tun? Es gibt so viel Wichtigeres, über das ich nachdenken kann. Sie vergessen nie die Moral, Herr Strong, auch dem gegenüber nicht, der doch Gelegenheit hatte, in Ihre Karten zu schauen.«

»Heruntergekommener Erpresser«, murmelt Herr Strong vor sich hin. Er entläßt den obskuren jungen Mann nur aus dem Grunde noch nicht, weil er nun einmal den Grundsatz hat, keine Gelegenheit vorbeigehen zu lassen, seine Feinde kennenzulernen.

Herr Fish lacht, obgleich er eigentlich ärgerlich ist. Ihm liegt nicht viel an einer langen Auseinandersetzung, ein Scheck ist ihm lieber. Er findet es unerträglich, Beleidigungen von einem Manne einzustecken, dessen Charakter und Treiben er eben enthüllt hat.

»Haben Sie eine Stellung, wo arbeiten Sie?« examinierte Herr Strong.

Das ist wirklich stark! H. W. will ihn etwa noch aushorchen, ihm moralische Vorhaltungen machen.

»Herr Strong, ich bin einer von den Hunderttausenden jungen Männern, die einst Legionäre waren, Mitglieder der amerikanischen Übersee-Armee. Es ist zum Teil sogar Ihr Verdienst, Herr Strong, daß ich mich beeilt habe, ein Held zu werden.«

Herr Strong blickt mit strengem Gesicht auf seine Uhr.

Herr Fish läßt sich nicht einschüchtern.

»Sie sind es, Herr Strong, der Näheres über mich erfahren will, ich will Ihnen meine Lebensgeschichte nicht vorenthalten. Ich habe meine Jugend in Little Rapids, Ohio, verlebt, war Gehilfe in der 2355. Filiale der ›Kolonialwaren-Gesellschaft zwischen den Ozeanen‹ und verkaufte den ganzen Tag Konserven, Heringe und Haferflocken. Abends schaukelte ich auf der Veranda. Der Sonntagvormittag war für den Kirchenbesuch vorgesehen, nachmittags ging ich zum Baseballmatch, als Zuschauer natürlich nur. Ich muß offen gestehen, daß ich darüber, was auf der anderen Seite des Ozeans geschah, nicht viel nachdachte. Damals aber wurden wir jungen Männer nachdrücklich auf unsere Pflichten der Menschheit gegenüber aufmerksam gemacht, sowohl von der Kanzel herab als auch in den Spalten der Zeitungen. Ja, sogar in den Katalogen unseres Kolonialwarenladens wurden wir zwischen dem Preisverzeichnis für Konserven und den sonnengeküßten Apfelsinen gefragt: ›Junger Mann, warum bist du noch nicht in der Armee?‹ Man erzählte uns, daß es unsere Pflicht sei, drüben Ordnung zu schaffen, für den ›letzten Krieg‹ zu kämpfen.«

Herr Strong macht eine ungeduldige Gebärde.

Herr Fish übersieht sie, er spricht weiter.

»Ihre Propaganda leuchtete uns jungen Männern ein. Ordnung zu schaffen! – das schien so einfach und schön. Ich will Ihnen gestehen, daß ich mir den Kriegsschauplatz drüben wie einen durcheinandergeratenen Kolonialwarenladen vorgestellt habe. Unsere Aufgabe war, so dachte ich, alles wieder dahin zu tun, wohin es gehörte. Das Verdorbene wegwerfen, das Gute aufheben – und die Ordnung war geschafft. Leider stellte es sich heraus, daß alles nicht so einfach war, und es mußten uns auch Zweifel aufsteigen, ob wir tatsächlich den ›letzten Krieg‹ ausfochten.«

»Soweit ich Sie verstehe, gehören Sie zu den Unglücklichen, die sich den Friedensverhältnissen nicht anpassen können.«

»Ganz im Gegenteil, ich gehöre zu denjenigen, die das, was Sie ›Friedensverhältnisse‹ nennen, durchschauen. Sie meinen, ich hätte wieder zurückgehen sollen nach Little Rapids, Heringe verkaufen?«

»Allerdings, man hätte Sie sicher zum Dank für Ihre Verdienste befördert.«

»Fabelhaft, man hätte mich vielleicht an die Kasse gesetzt, es wäre zu schön gewesen. Leider habe ich diese Gelegenheit verpaßt. Aber ich begreife ganz gut, was Sie wollen. Unsereins soll Heringe verkaufen, in die Kirche gehen und darauf warten, daß Sie uns wieder rufen, um Ihre Geschäfte zu realisieren. Danke! Ich weiß heute, was ich zu tun habe. Ich will über den Kleinlichkeiten des Lebens stehen. Ich will auch über die Welt eine Übersicht haben und, wenn es soweit ist, viel Geld verdienen und nicht im Dreck liegen.«

»Sie wollen? Nichts ist leichter als zu wollen, nichts schwerer als zu können. Bitte, führen Sie Ihre Projekte durch, aber wenn Sie dabei auf meine Hilfe bauen, so haben Sie sich schlimm verrechnet.«

»Nun gut, Sie wollen den Kampf, ich werde auch Marjorie nicht schonen können.«

»Ich verbiete Ihnen, meine Tochter beim Vornamen zu nennen.«

»Warum denn? Unsere Beziehungen waren die intimsten. Auch das wird aus den Briefen erhellt werden.«

»Wie gemein! Sie haben meine Tochter hypnotisiert. Das, was sie getan hat, ist mir rätselhaft.«

»Wie sollten Sie auch Marjorie verstehen? Marjorie ist nicht Ihre Tochter – zucken Sie nicht zusammen, Herr Strong, ich meine es nicht wörtlich. Sie ist eine Tochter des Krieges. Eine vollkommene Repräsentantin jenes Typus, den Sie mit erhobenem Zeigefinger als ›flammende Jugend‹ bezeichnen. Aber im Grunde ist sie alles eher als ›flammende Jugend‹. Sie gehört zu jenen, die an nichts glauben und die doch alles besitzen wollen. In ihren Nerven lebt nur die Gewißheit der Ungewißheit. Sie will noch schnell alles an sich raffen, was sie kann. Und ihr Wahlspruch lautet, wie auch meiner: Nach uns die Sintflut, nach uns der Weltuntergang.«

»Ich habe Sie ausreden lassen, Herr, denn man soll nie die Mühe scheuen, auch seine kleinsten Feinde kennenzulernen, das ist mein Wahlspruch. Die Zeit, die ich Ihnen gewidmet habe, genügt, ich wünsche aber nichts mehr von Ihnen zu hören.«

»O ja, das glaube ich gern. Ich habe meine letzte Karte noch nicht ausgespielt. Vergessen Sie nicht, Herr Strong, die Briefe könnten auch Ihre gegenwärtigen Verhandlungen ungünstig beeinflussen.«

»Spielen Sie nur ruhig Ihre Karten aus, junger Mann. Sie sind naiv, Sie ahnen ja nicht, wie wenig gefährlich Sie sind.«

Herr Fish fühlt sich verletzt, er greift schnell nach seinem Briefpaket, als müßte er befürchten, daß es ihm durch ein Zauberkunststück entwendet worden sei. Doch noch ist es da. Und Herr Fish verzieht sich.

Wenn er allerdings Gelegenheit gehabt hätte, Herrn Strong zu beobachten, den er allein im Zimmer ließ, hätte er doch einige Genugtuung empfunden.

Denn Herr H. W. Strong verzog wütend sein Gesicht und zischte zwischen den Zähnen: »Man erlebt an seinen Kindern nur Ärger.«

Dem herbeigeklingelten Sekretär gibt er Anweisung, daß dieser gefährliche junge Mann keine Gelegenheit finden möge, sich Marjorie oder Frau Strong zu nähern.

Seine Leute bekommen ferner den Auftrag, Herrn Fishs Tun und Lassen zu verfolgen, vor allem herauszufinden, ob er hier im Hotel wohne und mit wem er in Verbindung stände.

Die Hoteldetektive sind stolz, Herrn Strong die Notwendigkeit ihrer Existenz beweisen zu können.

Man wußte, daß Herr Fish hier im Hotel dieselbe Etage bewohne wie Herr Strong und daß er vergebliche Versuche gemacht habe, ein Zimmer neben dem Strongschen Appartement zu bekommen.

Man hatte auch schnell herausgefunden, daß Herr Fish heute morgen in der Frühstücksbar eine längere Unterhaltung mit dem dort beschäftigten Kellner hatte, der den Spitznamen der »schöne Alex« führt.

So hat die Unterredung zwischen Herrn Strong und Herrn Fish noch ein Nachspiel in der Frühstücksbar.

Dieses Mal ist es ein Sekretär des Herrn Strong, der sich unbedingt angelegentlich mit dem »schönen Alex« unterhalten will.

Er versucht, ihn vorsichtig über das Gespräch, das er mit Herrn Fish geführt hatte, auszuholen.

Der »schöne Alex« zieht es vor, sich zuerst schweigsam zu verhalten. War vielleicht jener Mann, der um jeden Preis zu der Hochzeit hineingeschmuggelt werden wollte, doch ein Juwelendieb oder sonst ein Krimineller? Und dieser Neugierige, der ihn so viel fragt, ist er ein Kriminalbeamter?

Der »schöne Alex« beschließt, schweigsam zu bleiben. Er trauert wehmütig dem in Aussicht gestellten Gewinn nach. Ja, so war es nun in der Welt: einmal konnte er hoffen, ohne Arbeit einen Verdienst einzuheimsen, und nun sollte es sich sicher herausstellen, daß nichts zu machen sei. Jetzt mußte er den Unwissenden spielen, denn er hat keine Lust, etwa seine Stellung zu verlieren.

Aber es sollte anders kommen, als der »schöne Alex« befürchtete. Der Neugierige bleibt sitzen und wartet ab, bis sich die Gäste verzogen haben. Plötzlich aber, als sie allein sind, schaukelt vor des »schönen Alex« Augen ein Dollarschein. Kein kleiner, gewöhnlicher, sondern einer, den er nicht so oft zu sehen gewohnt war.

»Nehmen Sie ihn«, sagte ihm der Neugierige.

Nein, das war kein Kriminalbeamter, die kommen anders.

Der »schöne Alex« läßt sich die Aufforderung nicht zweimal sagen. Er konnte den Schein nehmen, gegen das Licht halten und ihn dann ohne weitere Zeremonien in seine Tasche verschwinden lassen. Das war ein merkwürdiger Tag heute. Der »schöne Alex« hat noch nie etwas Ähnliches erlebt.

Er sieht sich veranlaßt, dem Neugierigen reinen Wein einzuschenken. Er verschweigt nichts von seinem Gespräch mit Herrn Fish, wie er das einem Kriminalbeamten gegenüber getan hätte. Er konnte ja jetzt auch ohne Gewissensbisse diesen Herrn Fish sausenlassen. Aus dem Neugierigen sah mehr heraus.

Der »schöne Alex« flicht auf alle Fälle seine Sehnsucht nach geschäftlicher Unabhängigkeit und Selbständigkeit ein. Er verhehlt nicht, daß er intelligent sei, ein Mensch, der über alles, was das Schicksal ihm zutrage, sich auch seine Gedanken mache, der sich nicht nur als reines Werkzeug betrachten lassen will. Er läßt ferner durchblicken, daß seine Verluste überaus bedeutend wären, wenn er Herrn Fish fahrenlassen würde und den versprochenen Dienst nicht ausführen könnte.

Diese Beteuerung war allerdings, wie es sich später herausstellt, nicht so vollkommen glücklich, denn der Neugierige versichert ihm, er hätte bei Gott nicht die Absicht, seine Verbindung mit Herrn Fish zu stören. Ganz im Gegenteil, gerade an dieser Verbindung läge ihm viel. Er solle nur ruhig Herrn Fish in eine Kellneruniform stecken und ihn zu der Hochzeit kommen lassen. Er könne diesen Dienst Herrn Fish noch billiger als vorausgesehen erweisen, damit der auch bestimmt nicht versäume zu erscheinen.

Herr Fish wollte also in seine Wohnung kommen und sich bei ihm umkleiden, vergewissert sich noch einmal der Neugierige. Das wäre ausgezeichnet. Der »schöne Alex«, der einen so fähigen Kopf zu haben scheine, hätte weiter nichts zu tun, als Herrn Fish genau zu beobachten. Alles andere würde man ihm noch mitteilen.

Der Neugierige scheint immerhin auch gegen den »schönen Alex« einiges Mißtrauen zu empfinden. Er findet es überflüssig, ihn näher einzuweihen.

»Sie können diesen Herrn Fish auch in das Hotel begleiten und ihm sagen, daß Sie ihn abrichten wollen, damit seine Kellnerlaufbahn kein allzu jähes Ende nähme. Verstanden?«

Klar, der »schöne Alex« verstand immer alles.

Besonders dann, wenn der Lohn nicht ausblieb.

Dieses Mal sollte er, wenn dem Neugierigen Glauben zu schenken war, beträchtlich sein.

Vor den Augen des »schönen Alex« erscheint in greifbarer Nähe die Flüsterkneipe in der 81. Straße.

Der Neugierige hat Grund, beruhigt zu sein. Auf den »schönen Alex« könnte man sich verlassen.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.