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Hotel Amerika

Maria Leitner: Hotel Amerika - Kapitel 6
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleHotel Amerika
publisherAufbau-Verlag
yearo.J.
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
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5

Jedesmal, wenn Celestina das Reich der Gäste betritt, wird sie überwältigt von der wunderbaren Stille und Ruhe, die hier in jedem Winkel herrschen. Die Schritte ersterben in weichen Teppichen. Mit Bedacht wird bei der Arbeit Lärm vermieden; die Stimmen des Personals senken sich zum Flüstern. Der Gang der Stubenmädchen wird schwebend, die Haushälterinnen scheinen überhaupt nicht den Boden zu berühren, wenn sie die Korridore der Gäste betreten.

Celestinas Arbeitsstätte zeichnet sich durch besondere Vornehmheit aus. In diesem Stockwerk befinden sich die teuersten Appartements, große Konferenzsäle und dem »individuellen Geschmack« entsprechend eingerichtete Empfangsräume.

Jedes Stockwerk untersteht einer besonderen Haushälterin. Sie tragen alle das gleiche schwarze Seidenkleid und das gleiche verbindliche Lächeln; das allen gemeinsame Lächeln wie die Kleider scheinen in der gleichen Fabrik angefertigt zu sein. Nur die Namen der Haushälterinnen sind verschieden. Celestinas Vorgesetzte ist Frau Magpag.

Die Etagenvorsteherin heißt Fräulein Wesley. Ihr Schreibtisch steht in der Halle, den Personenaufzügen gegenüber. Es gibt nicht weniger als ein Dutzend Aufzüge für die Gäste, aber niemand kann hinauffahren oder hinabfahren, ohne von Fräulein Wesley gesehen zu werden.

Fräulein Wesley nimmt auch die Nachrichten, die an die Gäste ihrer Etage aus allen Teilen der Welt kommen, entgegen. Mit dem »ticker«, dem elektrischen Fernschreiber, zeichnet sie mit merkwürdigen Buchstaben die Mitteilungen, auf, die sie an ihre Gäste gelangen lassen muß. Der elektrische Stift schreibt von selbst, als führe eine Geisterhand Fräulein Wesleys Finger.

Was Fräulein Wesley nicht zu wissen bekommt, erfahren die Detektive, die lautlos und unauffällig umherwandeln und nur manchmal vor einer Tür stehenbleiben.

Hinter den sorgfältig geschlossenen Türen führen die Gäste ihr Leben für sich, und man weiß von ihnen nur das, was zufällig durchsickert.

Celestina beginnt, die Marmorfliesen der Aufzüge zu scheuern. Die Lifts für die Gäste sehen ganz anders aus als die riesigen schmutzigen Kästen, die dem Personal zur Verfügung stehen; die Böden sind mit Perserteppichen belegt, die Wände mit Leder tapeziert; es gibt besondere Vorrichtungen, die jede unangenehme Schwankung auffangen; wie leichte Vögel schießen diese Aufzüge lautlos auf und nieder.

Während Celestina mechanisch die ihr zufallende Arbeit verrichtet, muß sie immer wieder an Shirley denken. Sie findet es wohl begreiflich, daß ihre Tochter dem schweren Leben entfliehen möchte – aber kann ihr diese Flucht gelingen? Wird es ihr später nicht noch schlechter gehen?

Shirley ist mir böse, denkt sie, während sie den Boden wischt und vor ihrer Nase elegantes Schuhwerk vorbeidefilieren sieht; Shirley ist böse auf die Mutter, die ihr kein besseres Leben geboten hat. Ja, Celestina hat nichts tun können, damit Shirley es besser habe als sie selbst. Aber wie und was hätte sie das Mädchen lernen lassen sollen, wo das Geld nicht einmal für das Allernotwendigste reichte ...? Und dann schien es Celestina überdies gar nicht notwendig, daß Shirley auch so ein Büromädel wurde, das auf andere, die noch schwerer arbeiten, herabblickt. Nein, ihre Tochter sollte das Leben, das sie zu führen gezwungen war, kennenlernen, sie, die jung und frisch ist und auch nicht dumm. Die Junge könnte eher als die alten, müden Köpfe auf Gedanken kommen, die einen Ausweg aus dem Elend zeigten. Aber wenn sie sich einfach aus dem Staube macht, nützt sie niemandem, nicht einmal sich selbst ...

Man beginnt, die Frühstückstafeln für die Gäste zu bringen; sie werden von den Kellnern aus einem sehr geräumigen, zu diesem Zweck besonders reservierten Aufzug mit viel Sorgfalt herausgehoben.

Die Frühstückstische werden von allen mit Interesse betrachtet, sogar von Fräulein Wesley und Frau Magpag. Sie sind aber auch entschieden sehenswert.

In einer schlanken Vase steht eine Blume in der Mitte des Tisches, um kundzutun, daß hier nicht nur auf materielle Genüsse Wert gelegt wird. Die gerösteten Brote liegen zwischen weißen Servietten, wie kleine Babys liebevoll zugedeckt. Der Kaffee in den silbernen Kannen duftet angenehm und aromatisch und scheint nicht die geringste Verwandtschaft mit dem gleichnamigen und gleichfarbigen Gebräu, das in der Angestelltenküche gereicht wird, zu haben. Die Schlagsahne schmiegt sich in zierliche Silberschälchen, während die Milch in einem schön geschwungenen Kristallglas serviert wird. Erdbeeren liegen rosig zwischen grünen Blättern, frische Pfirsiche, das goldgelbe Fleisch sorgfältig aufgeschnitten, noch mit den blutroten Spuren der abgetrennten Kerne, liegen aufgeschichtet daneben. Braungekräuselter, dünngeschnittener Speck, gebratene Würstchen und geröstete Hammelkoteletts, mit weißen, gekräuselten Papiermanschetten verziert, ruhen, wie es sich gehört, unter schützenden silbernen Schalen, die aber von Zeit zu Zeit von Neugierigen aufgehoben werden. Die Kellner müssen allerlei Spaße anhören, die sich auf die reich gedeckten Tische beziehen, aber auch Begehrlichkeiten wehren, die sich gegen diese Tische richten.

Sogar Fräulein Wesley flötet jedesmal, wenn sie einen Frühstückstisch vorbeischweben sieht, den Kellnern freundlich zu: »Vergessen Sie mich nicht, mein Lieber, wenn etwas Kaffee übrigbleibt, ich habe solchen Durst.«

Aber sie hat nur selten Gelegenheit, ihn zu stillen; es kommt nicht oft vor, daß von den Gästen etwas verschmäht wird.

Sogar Frau Magpag verliert beim Anblick der Tische ihre Würde und notiert sich die Nummern der Zimmer, in denen sie verschwinden. Auf diese behält sie ein Auge, und sie ist die erste, die nachkontrolliert, sobald die Gäste das Zimmer verlassen.

Aber leider wird auch Frau Magpags Aufmerksamkeit selten belohnt. Ja, der Appetit der Gäste ist staunenswert.

Ingrid nimmt ihren Zimmerbestand auf. Sie notiert auf einem Zettel die freien Zimmer, meldet Fräulein Wesley, wenn jemand auswärts geschlafen hat, und prüft dann, aus welchen Zimmern die Gäste schon ausgegangen sind. Zu diesem Zweck ist an jedem Schloß ein Knopf angebracht. Kann man ihn herunterziehen, so ist das ein Zeichen, daß von innen kein Schlüssel in dem Schloß steckt; ist ein Schlüssel drin, bleibt der Knopf unbeweglich.

»Die Leute sollten wirklich nicht vergessen, daß sie ihre Schlüssel nicht abziehen dürfen, wenn sie zu Hause sind«, sagte Ingrid zu dem dänischen Kellner, der gerade mit einem besonders reichgedeckten Tisch in ein Zimmer wollte. »Es ist schrecklich, wenn man plötzlich in ein Zimmer gerät und die Bewohner sind noch drin, die sich allein und ungestört glauben. Wirklich, man müßte eine Tafel anbringen und die Gäste darauf aufmerksam machen, wie sie sich einschließen sollen.«

»Als ob die sich viel daran kehren würden, ob wir sie sehen oder nicht! Der Kerl, zu dem ich mit der großen Bestellung gehe, hat sicher wieder zwei Weiber in seinem Bett. Nun, wenn er ein gutes Trinkgeld gibt, kann er meinetwegen auch tun, was er will, sonst mache ich Krach.«

»Wenn er seine Rechnungen bezahlt, kannst du lange Krach machen, dann darf er tun, was er will.«

»Na, ich werde ihn schon so ansehen, daß er das Trinkgeld nicht vergißt.«

»Also viel Glück!«

»Wenn sie etwas übriglassen, werde ich an dich denken, Kleines.«

Celestina ist heute der Sektion Ingrids zugeteilt und hat die Badezimmer gründlich zu reinigen, während Ingrid die Zimmer in Ordnung bringt.

Dieser Teil ihres Tagewerks beginnt in einem Zimmer, das zu den merkwürdigsten Räumlichkeiten des Hotels Amerika gehört. Hier wohnt eine alte Frau, eine Kaffeeplantagenbesitzerin aus Westindien, die ihr Zimmer in einen Miniatururwald verwandelt hat: mit zwei Palmen, einem Affen, der auf diesen Palmen umherklettert, einem Papagei und einem weißen Kakadu. Vor allem aber gibt es, dank dieser Tiere, sehr viel Schmutz, den die Besitzerin nur nach einem gewissen Plan wegräumen läßt. Es gibt in diesem Zimmer »Wege«, die rein zu sein haben, alles andere ist »Wald«, und hier soll der »Naturzustand« aufrechterhalten bleiben.

Die alte Frau beaufsichtigt selbst die Reinigungsarbeiten und schimpft mit einer Stimme, die der des Papageis ähnelt.

»Du kannst keinen Besen richtig halten!« schreit sie Ingrid an.

Ingrid kostet es Mühe, ihr nicht ins Gesicht zu lachen.

Die Alte folgt dann Celestina ins Badezimmer. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtet sie, wie Celestina die Wanne reinigt.

»Da sieht man, warum du nie auf einen grünen Zweig kommst. Du bist viel zu verschwenderisch, du brauchst viel zuviel Seife. Ihr jammert immer, daß ihr arm seid, aber wie man sparen muß, das lernt ihr auch auf eure alten Tage nicht.«

Celestina schweigt. Oberster Grundsatz des Hotels Amerika ist: Die Gäste haben immer recht.

Die Alte schimpft weiter. Da ihre Gesellschafterinnen immer wieder ausrücken, benutzt sie die halbe Stunde des Zimmeraufräumens, um ihren Herrschergelüsten freien Lauf zu lassen. Sonst kommandiert sie ihre Tiere, aber an ihnen kann sie nie ein Zeichen von Unwillen wahrnehmen.

Jetzt, da sie in Celestinas Gesicht eine leise Röte aufsteigen sieht, ist sie zufrieden.

»Nun, du brauchst dich nicht gleich zu ärgern, wenn man dich belehren will.«

Dann beginnt sie fieberhaft in einem Schreibtischfach zu suchen und drückt endlich mit großartiger Gebärde ein Zehncentstück in Celestinas Hand.

Diese Zehncentstücke, die sie in seltenen Fällen zu verteilen pflegte, hatten ihr von dem Personal den Spitznamen »der weibliche Rockefeller« eingebracht.

»Hat sie dir wieder ein ›dime‹ gegeben? Sie ist doch so reich. Fräulein Wesley erzählt, daß auf ihrer Plantage viele hundert Neger arbeiten. Vor ein paar Tagen gab es sogar einen kleinen Aufstand. Fräulein Wesley hat gerade die Nachricht aufgenommen, als ich abends Inspektion hatte.«

»Was meinst du, wieviel Geld die Alte zahlen muß, um sich hier solche Verrücktheiten zu erlauben? Es wohnen hier auch andere, die nicht richtig im Kopf sind, aber sie müssen sich mit ihrem Steckenpferd doch anpassen, kein anderer dürfte das Parkett so zuschanden machen.«

»Ach, ich habe vergessen, meinen ›Brief‹ nachzusehen.«

Frau Magpag hat die wenig beliebte Gewohnheit, allen Stubenmädchen der Etage die kleinen Verfehlungen, den Mangel an Vollkommenheit, den sie beim Reinigen der Zimmer zeigen, auf einer langen Liste aufzuschreiben.

Wenn die Haushälterin ein Zimmer inspiziert, entgeht nichts ihren Späheraugen.

Ingrid buchstabiert mit Schwierigkeit den Zettel, das Englischlesen fällt ihr noch schwer.

»Du meine Güte, was habe ich alles verbrochen! Allein in Nummer 17: Die Nickelknöpfe des Wandspiegels glänzen nicht, im Spucknapf ist nicht genug Wasser, es fehlen Ersatzstecknadeln, das kleine Löschpapier ist zu stark gebraucht, auf dem Schrank liegt Staub, die kleine Tischdecke muß gewechselt werden – das geht ja noch weiß Gott wie lange weiter! Frau Magpag gibt mir für eine Stunde Lesestoff.«

»Ja, die Haushälterinnen müssen zeigen, wie notwendig sie sind.«

»Sie schreibt an alle ihre Briefchen; ich glaube, sie schläft nachts nicht. Sicher denkt sie an nichts weiter als an die Zimmer, und ob nicht achtzehn Stecknadeln in einem Zimmer sind statt zwanzig und nur fünf reine Handtücher statt sechs.«

»Sie ist eben die Haushälterin und muß daran denken.«

»Aber sie verdient auch nur fünfzehn Dollar die Woche und muß noch länger arbeiten als wir.«

»Sie bekommt aber besseres Essen und ißt am gedeckten Tisch.«

»Ja, sie steht über uns; sie ist Vorgesetzte ... Ob das ein angenehmes Gefühl ist?«

»Das wirst du wahrscheinlich nie erfahren, ein Stubenmädchen wird selten Haushälterin.«

»Will ich ja gar nicht werden, ich denke nur nach, wie es sein mag, etwas anderes zu sein, als man ist.«

»Aus mir kann nie etwas anderes werden als was ich bin: eine Scheuerfrau.«

»Das Dumme ist, ich weiß, es nützt mir nichts, und doch muß ich oft an die Arbeit denken, auch wenn ich schon frei bin. Sogar im Traum hatte ich heute Angst, ich hätte nicht genügend Streichhölzer in ein Zimmer getan.«

Unter solchen Gesprächen sind sie jetzt in einem Zimmer angelangt, das sowohl die fromme Gesinnung wie die Mondänität der Zimmerbewohnerin verrät. Ein Gebetbuch liegt mit dem Theaterprogramm zusammen, die Puderdose mit einem goldenen Kreuz, ein Rosenkranz neben dem Lippenstift.

»Sie ist wenigstens reinlich«, sagt Celestina, »die Badewanne ist sauber.«

»Aber Celestina, vielleicht hat sie gar nicht gebadet?«

»Das ist mir ganz gleich, die Hauptsache ist, daß die Wanne ganz rein ist.«

»Und für mich ist es die Hauptsache, daß sie den Puder nicht ins ganze Zimmer verstreut.«

»Ob die wohl reich ist?«

»Wenn sie eine wirklich Reiche wäre, würde sie nicht dieses billige Zimmer bewohnen, und dann würde sie auch kein Gebetbuch haben.«

Beim nächsten Zimmer hat Ingrid keine Zweifel über den Reichtum der Bewohnerin.

»Die hat bestimmt viel Geld.«

Sie beginnt die Schuhe zu zählen, die den Boden des ganzen Wandschrankes bedecken.

»Soviel Schuhe werde ich in meinem ganzen Leben nicht besitzen, auch wenn ich noch so alt werde und meine Babyschuhe noch mitrechne.«

»Hör auf mit dem Zählen, du machst dir auch Arbeit, die du nicht unbedingt nötig hast.«

»Schau, Celestina, wieviel Kleider und Mäntel! Wie würde ich aussehen, wenn ich solche Kleider trüge? Besser als die Frau, der sie gehören. Ich hab sie einmal gesehen. Fabelhaft elegant angezogen – aber schön war sie doch nicht. Celestina, wenn du die Tür bewachen und darauf achten wolltest, daß Frau Magpag nicht hereinkommt, möchte ich schnell dieses Abendkleid anprobieren.«

»Du bist wohl ganz verrückt! Als ob ich nichts Besseres zu tun hätte! Du wirst dir auch allerlei dumme Gedanken in den Kopf setzen, genau wie Shirley. Ihr seht all die schönen Sachen und denkt an nichts weiter als daran, wie ihr auch alles genauso haben könntet.«

»Celestina, sei doch nicht so langweilig, ich möchte doch nur ein bißchen Spaß haben. Es fällt mir nicht ein, so werden zu wollen, wie die sind.«

»Du merkst es kaum, und schon denkst du immer an schöne Kleider.«

Das nächste Zimmer wirkt kahl, alles ist sorgfältig weggeräumt.

Aber Ingrid lacht, als sie den Inhalt des Papierkorbes entleert.

»Das muß eine kindische Person sein, die hier wohnt« Celestina, sieh dir mal all die Papierfetzen an.«

Sie sind zum Teil zerrissen, aber überall sind die gleichen Buchstaben, ist das gleiche Wort zu entdecken; manchmal sind auch die Buchstaben durcheinandergeworfen, doch immer kehren sie wieder: A-R-Z-T; Arzt steht da überall, klein und groß geschrieben, manchmal im Kreuz, manchmal im Kreis, erst in dichter, dann in ganz weiter Reihenfolge, immer das gleiche Wort: Arzt.

»Ein komisches Spiel, nicht wahr?«

Ingrid findet auch Zeichnungen, die genauso kindisch sind. Eine Männergestalt im weißen Kittel, sehr primitiv hingezeichnet, manchmal hält die vorgestreckte Hand ein Messer oder irgendein ähnliches Instrument.

»Lach doch nicht so albern«, Celestina sieht sich auch die Zettel an. »Wenn man einen Arzt braucht, ist das nie zum Lachen.«

In diesem Augenblick tritt die Bewohnerin des Zimmers ein.

Ingrid will erschrocken mit dem Papierkorb abziehen.

»Ich komme wieder, wenn Sie fort sind.«

»Sie können ruhig weiterarbeiten, Sie stören mich nicht.«

Die Dame mustert Ingrids frische Jugend, und Ingrid kann sich nicht enthalten, einen neugierigen Blick auf ihr verfallenes Gesicht zu werfen. In ihren Augen liegt Verzweiflung.

Sie setzt sich vor den Toilettenspiegel und beginnt, sehr sorgfältig Rot aufzulegen. Dabei hantiert sie mit allerlei Tuben und Pinseln. Während Ingrid Staub wischt, ordnet die Frau ihre Haare. Sie scheint das Mädchen überhaupt nicht zu bemerken.

Das eben noch verfallene Gesicht leuchtet ihr jetzt aus dem Spiegel frisch und rosig entgegen, die Verzweiflung scheint aus ihren Augen gewichen zu sein. Die Frau entfaltet eine Zeitschrift, »Gesellschaftliches Leben im Süden«, sieht sich einige Bilder aufmerksam an und geht wieder zum Spiegel, prüft sich von allen Seiten: sie sieht jetzt gut aus, eine strahlende, noch junge Frau. Schon ist sie wieder fort, wahrscheinlich will sie nicht allein in ihrem Zimmer sein.

»Ich habe Angst vor ihr gehabt«, sagt Ingrid zu Celestina, die schon in ein anderes Zimmer vorausgegangen war, »es ist etwas unheimlich an ihr.«

Dieses Mal ist es Celestina, die sich die Gegenstände im neuen Zimmer genau betrachtet. Hier wohnt ein junger Mann, und Celestina möchte erfahren, ob nicht er mit Shirley im Zusammenhang steht.

An dem Kleiderhaken hängt ein Waschbärpelz, der geeignet ist, selbst den schmächtigsten Burschen in einen wahren Bären zu verwandeln. Auf dem Schreibtisch liegt ein »Lehrbuch der neuesten Bridgeregeln« und ein »Juristischer Ratgeber für Autofahrer«. Golfschläger und Boxhandschuhe und eine Sammlung von Fotografien ausgesucht hübscher Frauen, die alle sichtbar unter dem Glas der Tischplatte liegen, vervollständigen die Einrichtung.

»Der wird es wohl doch nicht sein«, sagt Celestina, die kein besonderes Vertrauen zu ihrem Detektivtalent besitzt. Sie muß Ingrid einweihen, zusammen werden sie schon herausfinden, was Shirley vorhat.

»Nein, der ist es nicht«, das ist auch Ingrids Meinung, und in dem Zimmer, das sie danach betreten, brauchen sie ihn wohl auch nicht zu suchen.

Dieser Raum ist mit einer wahren Batterie von Arzneiflaschen ausgestattet. Eine an der Wand angeschlagene Tabelle enthält genaue Anweisungen über die Zahl der einzunehmenden Tropfen mit genauer Zeitangabe.

»Der Alte könnte schon ruhig sterben, ich hasse die vielen Arzneiflaschen.«

»Aber Ingrid, schämst du dich nicht?«

»Fällt mir nicht ein, ich mache doch nur Spaß.«

Aber die Menschen leben zu gern, auch wenn sie alt und krank sind.

»Ich möchte nicht in einem Zimmer mit der Nummer 13 wohnen«, sagt Ingrid im nächsten Zimmer, das sie reinigen, und öffnet den Schrank.

»Warum bist du so neugierig, Ingrid? Wir wollen uns beeilen, du brauchst dir doch nicht jedes einzelne Kleid anzusehen.«

»Aha, wir sollen wohl nur die Zimmer genau nachsehen, in denen Männer wohnen!? Celestina, wenn Frau Magpag das von dir wüßte! Übrigens habe ich den Auftrag, mich um dieses Zimmer besonders zu kümmern, vom Etagendetektiv selbst.«

»Warum denn?«

»Sicher hat sie kein Geld. Der Detektiv hat mich gefragt, ob die Dame viel Herrenbesuch bekommt, – als ob er das nicht besser wüßte als ich. Wahrscheinlich konnte sie ihre Rechnung nicht bezahlen, deshalb fällt ihnen ihr Lebenswandel plötzlich auf. Sie wird sicher fliegen, die Arme. Mir hat sie gleich am ersten Tag einen Dollar gegeben, dachte mir gleich, daß etwas nicht mit ihr stimmt; die Frauen sind doch sonst so geizig.«

»Mach schnell, Ingrid.«

»Sehen wir uns mal den Schrank an; zwei Kleider und ein Paar Schuhe. Die wird noch heute gehen, paß auf. Sie stellt es sicher nicht schlau an bei dem vielen Herrenbesuch.«

»Ihr bildet euch immer ein, es besonders schlau einzurichten, und fallt erst recht herein.«

Celestina muß immer wieder an Shirley denken; der Gedanke an die Tochter quält sie, sie möchte wenigstens klarsehen.

Das Zimmer, das sie nun betreten, gibt Celestina einen Ruck. Sollte hier jener wohnen, den sie sucht?

Man kann sich schwer ein wilderes Durcheinander vorstellen. Der ganze Boden ist mit Konfetti besät, an den Lampen und an den Möbeln hängen farbige Papierschlangen, in der Badewanne liegen Whiskyflaschen, zerbrochene Gläser bedecken den Tisch, Zigarrenasche ist in alle Ecken verstreut. Einige Puppen sind in den höchsten, kaum erreichbaren Plätzen und Ecken mit verrenkten Gliedern aufgestellt.

»Ist es nicht eine Schande, wie es hier aussieht? O Gott, wenn nur nicht Shirley hier –«

»Ach nein, Celestina, hier wohnen doch zwei Männer, und sie sind erst gestern eingezogen, sicher aus der Provinz; sie machen sich in New York einen guten Tag.«

»Sieh dir nur die Wanne an und den Boden! Merk dir das, nur Männer benehmen sich so. Eine Frau, und wenn sie von der übelsten Sorte ist, wird nie so dreckig sein. Die sollten mal selbst aufräumen.«

»Du hast recht, Celestina, aber ich bediene Männer doch lieber als Frauen, sie sind nicht so knickerig und suchen nicht in jedem Winkel nach Staub.«

Celestina blickt auf das Mädchen, das sich bei der Arbeit beugt und reckt. Sie empfindet einen gewissen Widerwillen, aber sie weiß, Ingrid selbst hat nichts damit zu tun. Diese Junge erinnert sie nur stark an ihre Nichte, die eines Tages – es ist schon eine lange Reihe von Jahren her – mit Celestinas Mann auf und davon lief.

Das war noch in den ersten Jahren des Aufenthalts in Amerika. Man schrieb ihr damals aus der irischen Heimat, daß die Eltern der Kleinen gestorben waren, daß sie allein auf sich gestellt sei und hungern müßte. Celestina ließ die Nichte kommen, und da erschien dann eines Tages so ein gesundes, strahlendes Mädchen. Die sollte gehungert haben? Da wußte Celestina schon besser, was hungern hieß; aber böse wurde sie dem Mädchen freilich erst, als es mit Celestinas Mann plötzlich das Weite suchte und sie mit Shirley alleinließ.

Nun, wozu sich über Vergangenes den Kopf zerbrechen? Die Arbeit drängt auch, es bleibt nicht viel Zeit übrig für Gedanken über die Vergangenheit.

»So viele Bücher«, sagt Celestina anerkennend. Sie sind jetzt in einem Appartement, das mit einigen eigenen Möbeln der Bewohner ausgestattet ist. Sogar ein Bücherschrank ist da; eine Seltenheit im Hotel Amerika.

Die Bücher verraten die vielseitigen Interessen und die Bildung ihres Besitzers, was allerdings weder Celestina noch Ingrid feststellen können. Aber die Bücherreihen wirken auf sie trotzdem angenehm.

Diese Zimmer zeichnen sich überhaupt durch besondere Gediegenheit und eine gewisse Ruhe aus.

Die Wände sind mit Bildern geschmückt, die sowohl Celestinas wie Ingrids Beifall finden; es sind Radierungen, die Szenen aus der Bibel darstellen.

Die Korrespondenzen und Arbeiten auf dem Schreibtisch lassen vermuten, daß der Bewohner an einem Buche über die Geschichte der frühen amerikanischen Literatur beschäftigt ist. Er benutzt sein Arbeitszimmer auch als Schlafraum, während der nächste Raum als Empfangszimmer dient. Er ist mit Perserteppichen und schönen chinesischen Vasen ausgestattet, und auch hier liegen verschiedene wissenschaftliche Werke und Schriften herum.

Der daran stoßende dritte Raum ist das Schlafzimmer der Frau Professor; denn man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß der Bewohner des Appartements etwas Ähnliches ist.

Allerdings zeigt das Zimmer der Frau einen Unterschied zu den anderen, einen gewissen Riß, es ist zu auffällig ehrbar und einfach. Am Fenster steht ein Nähtisch mit Strickzeug und mit einem Buch, das nur eine sehr primitive Seele erfreuen kann. Alle Gegenstände in diesem Zimmer, auch die Kleider, zeigen einen etwas provinziellen und wenig gewählten Geschmack.

»Sie ist eine ganz alte Dame«, stellt Ingrid fest, die von einem Polster ein langes weißes Haar nimmt.

»Hast du sie schon gesehen?« fragt Celestina.

»Nein, aber ihn. Wie gefällt es dir hier, Celestina?«

»Na, jedenfalls sieht es hier besser aus als vorhin bei den versoffenen Kerlen.«

»Und doch habe ich hier etwas Dummes erlebt.«

»So?«

»Komm, ich zeige dir etwas.« Ingrid geht zurück in das Arbeitszimmer des Professors und kramt auf dem Schreibtisch.

»Nein, sie sind nicht mehr hier, er hat sie sicher verschlossen. Er hatte so merkwürdige, häßliche Bilder. Als ich seinen Schreibtisch in Ordnung bringen wollte – alles lag in einem solchen Durcheinander –, habe ich eine Mappe verschoben, und dabei sind einige Bilder herausgefallen.«

»Na, und?«

»Und nichts. Gerade, als ich mir die Bilder ansah, ist er hereingekommen; ich habe ihn erst später bemerkt und einen Schreck bekommen – aber er auch. Er hat mir ein großes Trinkgeld gegeben.«

»Ein großes Trinkgeld, weil du seine Bilder angesehen hast?«

»Nein, nicht deshalb.«

»Sondern?«

Ingrid erinnert sich wieder an die Szene, aber sie schweigt.

Während sie die Möbel abstaubt, muß sie wieder daran denken. Auf den Bildern waren nackte Menschen in merkwürdigsten Stellungen abgebildet, und Ingrid hatte sie mit solchem Interesse betrachtet, daß sie sogar ihre kornfarbenen Haare, die eine Neigung hatten, ihr vor die Augen zu fallen, nach hinten strich, um besser sehen zu können.

Da fühlte sie, vor Schrecken fast erstarrend, eine Hand auf ihrem Arm, eine Hand, die gegen ihre Brust vorrückte. Ingrid konnte mit weit aufgerissenen Augen diese Hand sehen, die lang und schmal war, mit einer gelblichen, schon pergamentenen Haut überzogen, mit länglichen, ins Bläuliche schimmernden Fingernägeln, die zitternd ihren Körper abtastete.

Sie wollte aufschreien, aber der Schrei blieb in ihrer Kehle stecken. Schuldbewußt hielt sie immer noch die Bilder in ihrer Hand.

Nur langsam drehte sie den Kopf zur Seite und erblickte das Gesicht eines alten Mannes, ein durchgeistigtes Gesicht, das aber verwüstet aussah – und doch befreit, als hätte es eben eine Maske fallen lassen und könnte nun freier atmen.

In diesem Augenblick hörte man Schritte im Nebenzimmer. Die Stimme einer alten Frau schallte herüber.

Der Professor – denn sicher war der alte Mann der Zimmerbewohner – schien vollkommen erstarrt zu sein, er wurde aschfahl, seine Hände fielen von Ingrid ab und blieben an einer Stuhllehne hängen.

Ingrid warf schnell die Bilder hin, sie mußte noch ihre Reinigungswerkzeuge zusammensuchen.

Der Professor antwortete nicht der Stimme draußen; er hatte sein Gesicht in die Hände verborgen, schüttelte sich wie in Ekel vor sich selbst und flüsterte vor sich hin:

»Wann kommt nur das Ende?«

Bevor er die Tür des Nebenzimmers öffnete, reichte er mit abgewandtem Gesicht Ingrid eine Banknote.

»Er hat mir ein Trinkgeld gegeben, weil er ein schlechtes Gewissen hatte«, sagt Ingrid zu Celestina. »Sie geben nur dann etwas.«

»Dann müßte ich aber mehr Geld bekommen; ich habe in einem Vierteljahr nur fünfundvierzig Cents Trinkgelder verdient.«

»Fünfundvierzig Cents in einem Vierteljahr?«

»Zwei dimes von der Verrückten, die immer mit mir schimpft, und einmal einen Vierteldollar von einer Frau, die mit irgendeinem Zeug die Badewanne verdorben hatte; ich hatte eine Stunde Extraarbeit damit, bis sie halbwegs rein wurde.«

»Siehst du, ich habe doch recht. Deine Trinkgelder hast du nur bekommen, weil man ein schlechtes Gewissen dir gegenüber hatte.«

»Da könnte man aber schon ruhig öfter ein schlechtes Gewissen haben.«

Im nächsten Zimmer lag auf dem Tisch eine große Kristallkugel, daneben ein Buch, »Offenbarungen der Geheimnisse des Kristalls«, und ein anderes mit dem Titel »Wege, in die Zukunft zu blicken«.

»Die Frau, die hier wohnt, habe ich schon ein paarmal gesehen. Einmal saß sie vor dem Kristall und blickte ganz starr hinein. Ob sie wohl zaubern kann?«

»Ingrid, du redest viel Unsinn.«

Ingrid steht jetzt vor dem Kristall und blickt hinein.

»Ich sehe mich selbst drin, ganz klein und winzig. Ob du es glaubst oder nicht, Celestina, ich kann meine Zukunft sehen.«

»Komm, jetzt laß das.«

»Ist es so schwer, die Zukunft vorauszusehen? Ich kenne meine und brauche nicht mal zu zaubern. Ich werde immer arbeiten müssen, mein Leben wird nie leicht sein, immer die gleiche schwere Arbeit. Jeden Tag das gleiche schlechte Essen, immer nur billige Kleider und die Angst, wirst du auch morgen weiterarbeiten dürfen oder mußt du nun wieder auf die Arbeitsuche gehen. Vielleicht werde ich Kinder haben. Werden sie das gleiche Leben weiterführen? Die ganze Welt müßte sich ändern, nicht wahr? Nur dann könnte sich unsere Zukunft ändern.«

»Ja, das ist es, was ich Shirley sage. Was nützt es, wenn sich das Leben nur für einen von uns ändert? Vielleicht könnte sie es besser haben als jetzt, aber für wie lange? Wenn ich nur genau wüßte, was sie vorhat.«

»Wahrscheinlich meint sie es nicht im Ernst, was sie sagt.«

Sie stehen noch vor der Kristallkugel, als die Bewohnerin, eine kleine alte Frau mit stark geröteten Augen, das Zimmer betritt.

»Was macht ihr da?« Sie betastet die Kugel, als ob sie die Unversehrtheit feststellen wollte.

Ingrid ist schon bei der Tür.

»Wir wollten das Zimmer machen, aber wir kommen dann lieber später wieder, wenn Sie nicht da sind, wir wollen nicht stören.«

»Aber laßt meine Kugel in Ruhe, auch wenn ich nicht da bin, sonst beschwere ich mich.«

»Wir tun nur unsere Arbeit.«

»Ja, und schnüffelt überall herum.«

»Sie ist bestimmt eine Hexe«, sagt Ingrid zu Celestina auf dem Korridor.

Die Frau mit der Kristallkugel ist keine Sondererscheinung; es gibt viel mehr von Ziellosigkeit gequälte, das Unmögliche suchende Menschen, als man ahnt, wenn man ihr scheinbar nüchternes Äußere sieht.

Fräulein Wesley und alle anderen neunundzwanzig Etagenvorsteherinnen haben eine Liste, die die Eigenheiten, Besonderheiten, Extrawünsche der ständigen Gäste enthält. Nur Passanten, die wenige Tage bleiben und nicht die Gelegenheit haben, ihr inneres Wesen zu verraten, erscheinen normal. Alle anderen haben ihre »ticks«. Sie haben das höchste Ziel ihres Lebens erreicht, sie sind reich, sie haben jedenfalls Geld und brauchen sich nicht um das Morgen zu sorgen. Und nun martern sie ihr Gehirn, um noch mehr vom Leben zu erzwingen; sie wollen Unsterblichkeit, übernatürliche Kräfte oder übermenschliche Macht wie Doktor Faustus im Mittelalter.

»Celestina, schau her, vierundzwanzig Spucknäpfe, ach, das ist zum Verzweifeln. Ich reinige lieber ein Dutzend Schlafzimmer als einen einzigen Konferenzsaal. Jeder einzelne muß seinen Spucknapf haben, sonst kann er nicht beraten. Wie findest du das, Celestina? Die vielen Papierschnitzel und die Asche in allen Ecken; ich wünschte, es gäbe überhaupt keine Konferenzen, oder ich hätte wenigstens nichts mit ihnen zu tun.«

Ingrid besieht sich verzweifelt den großen Konferenzsaal, der zur Zeit für den Verleger Strong reserviert ist.

Die Mitte des Saales nimmt ein langer Tisch ein, um den herum die großen gewichtigen Sessel geradezu auf ebenso gewichtige Personen zu warten scheinen. Vor den Sesseln stehen die Spucknäpfe, die Ingrid zur Verzweiflung gebracht haben. Es fehlt auch nicht an besonderen Diktiertischen und an einer eigenen Telefon- und Fernschreibanlage.

»Soll ich dir helfen, Ingrid?«

Shirley steht in der Tür. Sie hält ihr Wäschekörbchen in der Linken und beugt sich schnell, um mit der Rechten einige Papierschnitzel aufzusammeln.

»Weißt du auch, wem der Saal jetzt gehört?« fragt Shirley Ingrid. »Hier war eine große Konferenz, nicht wahr?«

»Ich hab keine Ahnung. Ich weiß nur, daß ich verteufelt viel Spucknäpfe zu reinigen habe.«

»Aber ich kann es dir verraten! Hier wohnt ein Millionär, ein mächtiger Mann, dem schrecklich viel Zeitungen gehören und der schreiben lassen kann, was er will. Er weiß alles, was in der Welt vorgeht. Siehst du hier den Fernschreiber? Damit bekommt er aus allen Teilen der Erde Nachrichten. Wenn man aber sehr schlau ist, kann man herausbekommen, was er alles weiß und was er macht, und dann kann man auch mächtig werden.«

»Woher weißt du denn das alles, Shirley?«

»Das verrate ich dir nicht.«

»Hast du deshalb die Zettel aufgehoben, weil du etwas erfahren willst?«

»Ach, schweig, du brauchst über das, was ich sage, zu niemandem zu reden.«

»Warum tust du nur so geheimnisvoll?«

»Vielleicht wirst du es noch einmal herausbekommen und dann denken, diese Shirley ist doch klüger, als wir alle vermuteten.«

Celestina beobachtet Shirley gespannt.

»Wenn Frau Magpag dich hier sieht, wird sie schimpfen.«

»Wieso denn? Ich habe hier in diesem Stockwerk zu tun, ich muß Wäsche austragen.«

»Du hast hier sehr oft zu tun.«

»Ich dachte, Mutter, du freust dich, wenn du mich siehst.«

Shirley ist in Eile; mit vielen Zetteln in der Hand verschwindet sie.

Celestina bittet Ingrid:

»Jetzt paß gut auf, wohin sie geht, wir werden schon ihr Geheimnis herausfinden.«

Doch Shirley ist vorsichtig, sie klopft erst an verschiedenen Türen, die sie nicht verraten können. Erst als sie aus Celestinas Sehweite ist, beginnt sie auch die Zettel, die sie vom Boden des Konferenzsaals aufgelesen hat, zu studieren, aber sie sind zerrissen, nur halbe Sätze, einzelne Wortfetzen buchstabiert Shirley:

»Die Kolonien Großbritanniens bedeuten heute einen schlimmeren Krankheitsherd als seinerzeit die Nationalitäten der Doppelmonarchie.«

»Eine Revolte in den Kolonien darf auch die Vereinigten Staaten nicht ungerüstet finden.«

»Japan und Großbritannien.«

»Eine Zollabsperrung des britischen Imperiums, Gefahr für den Handel der Vereinigten Staaten.«

»Englischer Gummiwucher und die Regierung.«

»Die Gefahren des Freundschaftsvertrages zwischen ...«

»Englische Intrigen, die die Erschöpfung amerikanischer Ölfelder bezwecken.«

Shirley starrt die Sätze verständnislos an und begreift keine Silbe; aber eine Bedeutung wird das alles sicher haben. Aber »Er« wird sie verstehen, ihm werden sie sicher nützlich sein, er wird sehen, daß Shirley ihm helfen kann, daß sie nicht dumm ist und das, was er ihr aufgetragen hat, auch wirklich tut. Shirley weiß jetzt schon, wie man gewisse Zimmer beobachtet. Ja, sie kann so manches von ihm lernen, er ist klug, viel klüger als die anderen; kein Wunder, daß er reich sein wird, und es ist gut, daß sie ihm ein wenig helfen kann. Sie nimmt ein Paket aus ihrem Korb. Bevor sie aber an der Tür ihres Freundes klopft, sieht sie sich vorsichtig um. Pochen. Doch das Zimmer bleibt stumm, niemand antwortet.

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