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Hotel Amerika

Maria Leitner: Hotel Amerika - Kapitel 19
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleHotel Amerika
publisherAufbau-Verlag
yearo.J.
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171014
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18

Es ist schon dunkel, als Ingrid und Salvatore zurückfahren.

Von unwirklicher Schönheit ist jetzt die Stadt. Als hätte die Dunkelheit sich wohltätig über alles Häßliche geneigt, als hielte sie das Alltägliche verborgen oder machte es so phantastisch, daß es aufhörte, häßlich zu sein.

Die Straßen der Armen mit der gespenstisch wehenden Wäsche, den Feuertreppen, die die Häuser umgittern; die kleinen, schmutzigen Hotels, die Märkte in den Seitenstraßen, die jetzt von Menschen belagert sind, dämmern im Halbdunkel, im Schatten der leuchtenden Wolkenkratzer.

Brücken, die sich mit unvergleichlicher Kühnheit über den Strom spannen, leuchten auf. Zu Bergen sind die Warenlager am Ufer aufgetürmt. Aus Tausenden von Fenstern leuchtend, spiegeln sich die Schiffe in den Gewässern.

Dann tauchen immer wieder ganz in Licht gehüllte Wolkenkratzer auf, die Burgen der Gegenwart, aufstrebende Türme, hell leuchtende Kuppeln.

Die Kinos beginnen schon ihre farbigen, bunten Lichter aufzusetzen, und in den Straßen schwillt immer mächtiger das Leben an.

Die Hochbahnzüge sausen dahin wie feuersprühende Schlangen. Die kleinen Angestellten, die Arbeiter, die Einwanderer, die kaum ein englisches Wort richtig sprechen können, die alle über ihre Kräfte schuften müssen, sie blicken hinaus und denken voll Stolz: Amerika.

Auch Salvatore zeigt es Ingrid: ist es nicht eine märchenhafte Welt?

»Nie hätte ich gedacht, daß es mir hier jemals gefallen wird. Ich war anfangs krank nach unseren Wäldern und nach Ruhe. Abends ist es bei uns so still. Und im Sommer bleibt es immer hell. Aber die Helligkeit in der Nacht ist anders als am Tag. Sie ist wie ein durchsichtiger, bläulicher Schleier, der alle Gegenstände einhüllt.«

»Schade, daß wir zurück müssen, an die Arbeit. Ich würde dich in das Palast-Kino einladen. Etwas so Großartiges hast du sicher noch nie gesehen. Überall Marmor und Kristallleuchter und so viel Menschen und Musik und Tanzvorführungen. Aber nächstens, wenn wir frei sind, geh ich mit dir hin.«

»Jetzt fühle ich mich nicht mehr fremd. Jetzt gehöre ich auch schon zu dieser Stadt. Der Gedanke ist mir nicht mehr schrecklich, daß ich immer hier werde arbeiten und leben müssen.«

»Nirgends in der Welt kannst du so viel Wunderbares sehen.«

Sie können jetzt in das Herz der mächtigen Straße sehen. In diesem flammenden, betäubenden, von Menschen wimmelnden Schacht erhebt sich das Hotel. Umgeben von Speisehäusern und reizenden kleinen Geschäften, die den Appetit anregen.

Schmuck gekleidete Negerinnen backen Waffeln, Schokoladenberge werden in wechselndes Licht gerückt.

In einem Schaufenster steht ein weißgekleideter Koch vor einem riesigen Herd, in dem elektrische Glühbirnen glimmen, die in ihrer geschickten Anordnung brennende Kohlen vortäuschen. Auf dem Herd aber lagern mächtige goldbraune Gänse und riesige Hammelkeulen, um die Zuschauer in das Geschäft zu locken.

Unweit davon, in einem italienischen Spaghettihaus, brodeln in ungeheuren Kesseln Makkaroni. Die Köche, die durch ihr Aussehen und ihre lebhaften Gesten ihre italienische Herkunft ohne weiteres verraten, türmen auf Schüsseln und Teller die Makkaroni auf.

In der Austernbar öffnen in Schweiß gebadete Männer ohne Unterlaß Austern, die die auf hohen Stühlen kauernden Kunden beleben sollen.

Nebenan werden im Schaufenster Hühner gegrillt, und in einer anderen Auslage tanzen rotgesottene Hummern in künstlerischem Arrangement einen Black bottom.

»Das ist eine komische Welt, in der wir leben«, sagt Salvatore, »die gebratenen Tauben fliegen nur den Satten in den Mund.«

»Es ist mir doch lieber, ich gehöre nicht zu den Satten. Weißt du, wir haben keinen Augenblick darüber nachgedacht, was inzwischen im Hotel geschehen ist.«

»Solche Plänkeleien sind nichts Besonderes, die kommen fast alle Tage vor. Einmal aber, wenn es zum richtigen Kampf kommt, machen wir alle mit.«

Das Hotel steht jetzt vor ihnen wie eine riesenhafte, ungeheuere, hellerleuchtete Schachtel, in die unzählige Menschen, unzählige Schicksale gepfercht sind, Menschen aus allen Klassen und aus allen Teilen der Welt, Reiche und Arme, Glückliche und Elende. Hier ist alles angehäuft, Hölle und Himmel, Trauer und Glück, Krankheit und Übermut.

Von der höchsten Spitze des Hotelturmes aus, der über den Dachgarten hinausragt, durchsucht ein Scheinwerfer das Firmament. Er ist so leuchtend, als wollte er die Himmelskörper erblassen machen. Wonach sucht er? Nach etwas Neuem, noch nie Dagewesenem, das man hier auf Erden nicht finden kann?

Salvatore und Ingrid stehen jetzt am Ausgang für das Personal.

»Es ist doch schade, daß wir wieder arbeiten gehen müssen.«

»Ich habe jetzt Hunger und denke nicht gern an unseren Speiseraum.«

»Siehst du, du hättest mehr Kuchen essen sollen.«

»Es gibt hier alles, alles, was man sich nur ausdenken kann, aber nicht für uns.«

Sie werden jetzt von zwei Gestalten fortgeschoben, die aus dem Ausgang herauseilen.

Die eine ist im Kellnerfrack und scheint ziemlich zerknirscht, die andere in Zivil und in um so strahlenderer Laune.

Herr Fish und der »schöne Alex«.

Sie werden von einer dritten Gestalt verfolgt, die ihnen atemlos nacheilt, aber an der Schwelle von Ingrid und Salvatore aufgehalten wird.

»Wohin rennst du denn, Shirley? Was ist denn mit dir?«

Shirley macht keinen weiteren Versuch, den beiden Männern, die an der nächsten Straßenecke vor ihren Augen verschwinden, nachzueilen.

Sie zuckt die Achseln. Wozu auch? Sie weiß ohnehin schon alles, und vielleicht ist es auch besser so.

»Nun, Shirley, bist du inzwischen eine reiche Dame geworden? Muß man vor dir tiefe Verbeugungen machen?«

»Sei nur nicht so spöttisch, ich bin im Gegenteil ganz arm geworden. Man hat mir vorhin meinen Lohn ausgezahlt. Die haben nur darauf gewartet, daß das Personal fortgehe, an die Arbeit oder nach Hause. Frau Magpag hat mir sogar erklärt, man brauche mein Bett noch heute abend.«

»Siehst du, ich habe dir angeboten, ein Zimmer für dich zu suchen, ich wußte, daß es so kommen würde. Aber du warst ja so hochnäsig.«

»Fang jetzt nicht wieder an, ja? Übrigens, du hast dich schnell getröstet.«

»Du wolltest es ja selbst.«

»Bist du mir böse, Shirley?«

»Ach nein, Ingrid; heute morgen dachte ich, es ist der letzte Tag, und wirklich, es ist so gekommen. Und doch ganz anders, als ich ahnte.«

»Wir werden dir helfen, wir halten zu dir. Wir haben jetzt von dir eine viel bessere Meinung als früher. Siehst du, wenn du eine große Dame geworden wärst, hätte sich keiner von uns weiter um dich gekümmert, du wärst uns genau so fremd gewesen wie alle anderen Gäste.«

»Ich verstehe eigentlich nicht, daß ich das so sehr gewünscht habe.«

»Warte auf uns, bis wir mit der Arbeit fertig sind, wir gehen dann zusammen ein Zimmer für dich suchen. Dann feiern wir, daß du keine große Dame geworden bist, sondern weiter zu uns gehörst. In Ordnung?«

»Freilich! Der neue deutsche Küchenjunge kommt sicher auch mit. Ihr würdet staunen, was der alles weiß. Er geht in die Bibliothek lesen, mich wird er auch mitnehmen. Doch jetzt muß ich packen gehen.«

Im Vorraum steht Fritz bei Heinrich Klüter. Der Nachtwächter hat eine kleine Pause; er trägt seinen Revolver und die Nachtlampe am Gürtel, während er sein Sandwich ißt.

»Viele Morde verhindert?« fragt Shirley.

»Die Kleine ist aber spöttisch.«

»Ich bin heute gefeuert worden; das war mein letzter Tag hier.«

»Heute wäre es mir auch bald geschehen, daß man mich gefeuert hätte. Ein Nachtwächter muß vorsichtig sein bei der Entdeckung von Verbrechen; er muß wissen, wann er nichts zu entdecken hat.«

»Was ist denn passiert?«

»Ich höre heute abend in einem Zimmer verdächtiges Geräusch. Es scheint mir, Koffer werden aufgebrochen; es ist ein Einzelzimmer, und ich höre, daß mehrere Personen sich an dem Gepäck zu schaffen machen. Das kann doch nicht mit richtigen Dingen zugehen, denke ich, und will schon meine Alarmglocke in Betrieb setzen. Vorsichtshalber bleibe ich doch noch vor der Tür stehen und warte ab. Und wer kommt da heraus? Mit wichtiger Miene und gerötetem Kopf? Zwei unserer Hausdetektive in Begleitung von zwei anderen, die im Dienst eines unserer gewichtigsten Gäste stehen. Sie haben tüchtige Arbeit geleistet, die vier. Das Zimmer sah wieder ganz unberührt aus, aber ihre Taschen waren mit Schriften vollgepfropft. Ich wette, sie haben kein Papierschnitzelchen drin vergessen. Ich habe so getan, als ob ich nichts gesehen hätte, sonst wäre sicher dem Personalleiter eingefallen, daß ich meinen Dienst nicht zur Zufriedenheit versehe. Na ja, was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Ein Nachtwächter muß eben wissen, wann er nicht zu wachen hat.«

»Und der Gast, wird er denn keinen Krach machen?«

»Wahrscheinlich nicht; viel würde es ihm auch nicht nützen. Der Stärkere hat nicht nur die Macht, sondern auch das Recht.«

»Wie war die Zimmernummer?« fragt Shirley.

»Es war, glaube ich, Nummer 1025.«

1025, das ist ja die Nummer des Herrn Fish.

Ein Speiseträger kommt vorbei und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

»Ich wünschte, das Fest im Ballsaal wäre vorbei, ich bin halbtot. Und die langen Reden, die sie halten! Wenn es anfängt, müssen wir zu einer Statue erstarren, es muß so still sein im Saal, daß man eine Nadel auf den Fußboden fallen hören kann. Die Gäste freilich brauchen die Sache nicht so ernst zu nehmen, die können ruhig lachen, aber wir dürfen das Gesicht nicht verziehen. Dabei könnte man sich krank lachen über den Unsinn, den sie sich gegenseitig weismachen, ohne selbst daran zu glauben. Die Braut sitzt da wie eine Ausstellungspuppe, und die anderen tun so, als wäre sie ein höheres Wesen. Dabei hat sie Angst, Angst vor den Kellnern. Immer blickt sie nervös nach uns.«

Oben in ihrem Zimmer packt Shirley ihre Sachen. Celestina hilft ihr. Es ist nicht viel, was sie zu tun haben.

Die Lichter von der Straße und der Widerschein des Scheinwerfers fallen in das Zimmer, sonst ist alles wie am Morgen.

Patrizia kniet vor den Heiligen und dem Papst und betet.

Die alte Nanny sitzt steif auf ihrem Stuhl, wie eine Figur aus Holz geschnitzt.

Aber als sie Shirley packen sieht, steht sie auf und kommt zu ihr.

»Gehst du wirklich?«

»Sie wird bessere Arbeit finden, es war mein Fehler, daß sie hier so lange blieb, ich habe sie gehalten«, sagt Celestina. »Shirley wird weiter zu uns gehören, aber sie soll lernen, vieles sehen, dann kann sie uns allen besser helfen. Ob sie auch mich fortschicken werden? Ich alte Frau könnte schwerer neue Arbeit finden.«

»Sie können doch nicht alle wegschicken, sie brauchen doch unsere Arbeit. Ging nicht alles drunter und drüber, weil wir uns eine halbe Stunde verspätet haben?«

»Hier eine Erinnerung für dich, Shirley.«

Nanny kramt ein altes, vergilbtes Bild hervor.

»So sah es hier aus, als ich noch jung war.«

Shirley sieht eine Straße mit niedrigen Häusern, Pferdewagen und altmodisch gekleideten Leuten.

»Verdankt man nicht uns, die gearbeitet haben, daß alles so groß und mächtig wurde?«

»Besonders dir, Shirley.« Patrizia wirft ihr aus den Augenwinkeln einen spöttischen Blick zu.

»Du brauchst nicht über mich zu lachen, Patrizia, ich werde viele Bücher lesen und manches erfahren, was ich jetzt noch nicht weiß.«

Sie zieht jetzt den Pappkarton mit dem Flitterkleid unter ihrem Bett hervor.

»Aha, und dazu brauchst du dein schönes Tanzkleid.«

»Patrizia, jetzt, wo ich für immer fortgehe, könntest du mir wirklich verraten, ob du Augen in deinem Dutt hast. Immer betest du und weißt doch alles, was hinter deinem Rücken vorgeht.«

»Ich brauche keine Augen zu haben, um zu wissen, wie es um dich steht, Shirley.«

»Hab nur keine Angst um mein Seelenheil. Meinst du, ich werde Trübsal blasen und nie tanzen wollen? Deshalb kann ich doch arbeiten und lernen. Vielleicht kaufe ich mir nie wieder ein solches Kleid wie dieses, aber hier lassen tue ich es nicht, darauf hast du ganz vergebens gehofft, Patrizia. Ich wette, du hattest vor, heute deine Heiligen im Stich zu lassen und in meinem Kleid auszugehen. Aber tröste dich, du hättest vielleicht auch Abenteuer erlebt, und dann kann leicht alles schiefgehen wie bei mir.«

»Kannst du jetzt auch in den letzten Minuten nicht aufhören mit deiner Uzerei?«

»Ach ja, die letzten Minuten, unten wartet man schon auf mich, Fritz und die anderen.«

Und sie sieht noch einmal auf die hellerleuchteten, glitzernden, strahlenden Wolkenkratzer, die so nahe scheinen.

»Ich bin jung, und das ganze Leben steht noch vor mir. Schwer wird es sein, aber ich werde es schaffen, denn ich bin nicht mehr allein.«

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