Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Maria Leitner >

Hotel Amerika

Maria Leitner: Hotel Amerika - Kapitel 11
Quellenangabe
authorMaria Leitner
titleHotel Amerika
publisherAufbau-Verlag
yearo.J.
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171014
projectidecf4e1b7
Schließen

Navigation:

10

Salvatore hatte am Vormittag seine Sache gut gemacht. Herr Fish erfuhr von ihm Marjories Pläne für den Mittag. Sie wollte mit ihren Freunden auf dem Dachgarten tanzen.

Herr Fish war zufrieden. Salvatore war es weniger, die geringe Freigebigkeit des Gastes enttäuschte ihn.

Aber Herr Fish mußte beginnen, mit seinen Mitteln hauszuhalten. Der Erfolg stellte sich nicht so schnell ein, und es war ratsam, noch auf allerlei Hindernisse gefaßt zu sein.

Es war aber ein gutes Vorzeichen, daß er die Möglichkeit haben sollte, Marjorie noch vor dem Abend zu sprechen. Er würde ihr schon klarmachen, daß er vor keinem Schritt zurückschrecke und sie ihren Vater zur Nachgiebigkeit zwingen müsse.

   

Der Anblick des Dachgartens erfreut Herrn Fish. Dieser mit Blumen geschmückte und Teppichen belegte, ungeheuere Glaskasten inmitten des rußigen Häusergebirges erinnert ihn an eine Oase.

Das Netz der Straßen unten erscheint wie eine unendlich tiefe, zerklüftete Schlucht, in der Menschen geschäftig herumwimmeln.

Polizisten dirigieren die endlos hin und her flutenden Karawanen der Verkehrsmittel, die halten, rasen, halten, rasen ...! An den Straßenecken sammeln sich Menschen wie Schafherden, jagen dann über die Straße, halten wieder, jagen, halten.

Ringsherum hinter den blinkenden Fenstern der Wolkenkratzer, die ganz nahe scheinen, sieht man sie arbeiten, in Büros und Werkstätten, die Köpfe, die Füße, die Hände. Manche bewegen Maschinen, als wären sie selbst Maschinen.

Und alle diese hastenden Menschen scheinen winzig zwischen den in den Himmel hinaufragenden Türmen. Es scheint so, als hätte man die Häuser so hoch, so übermächtig gebaut, um die Menschen um so stärker ihre Kleinheit und Ohnmacht fühlen zu lassen.

Alle Geräusche, das Keuchen der Motoren und Maschinen dringt nur wie ein ganz fernes Summen hierher in diesen paradiesischen Raum.

Vor der Farbenpracht eines von Indianerhänden gewebten Teppichs stehen die Musikanten und spielen. Die Instrumente schrillen und klirren, pfeifen und flöten, Trommeln und Pauken geben den Rhythmus an, nach dem sich die Paare inmitten des Raumes bewegen.

Sogar die Kellner folgen diesem Rhythmus. Sie schaffen die Platten, kunstvoll geschmückt, auf Eis gebettet oder auf Flammen gewärmt, herbei. Die Speisen dürfen nichts von ihrer ursprünglichen Wärme oder Kälte verlieren, während sich die Essenden in Tanzende verwandeln.

Herr Fish bleibt einen Augenblick in nachlässig eleganter Haltung zwischen den Tischen stehen und mustert die Paare. Es dauert nicht allzu lange, bis er Marjorie entdeckt. Natürlich, sie tanzt. Sie tanzt mit einem jungen Bengel – so bezeichnet ihn Herr Fish, der wenig für diese Collegeboys übrig hat, die sich weiß Gott was einbilden, weil ihre Väter gespickte Geldbörsen haben. Er fühlt sich frei von jeder Eifersucht, aber es erfüllt ihn doch mit Ärger, daß Marjorie es nicht unterlassen kann, sich mit einem solchen Schnösel abzugeben.

Unleugbar: sie ist schön – Herr Fish kann nicht umhin, es sich aufs neue zu gestehen. Nur hat ihre Schönheit wenig Menschliches, sie erinnert mehr an eine Wachspuppe von außerordentlich kunstvoller Beschaffenheit. Ihre Augen sind von unwahrscheinlich langen Wimpern beschattet, die Brauen zeichnen sich wie von feinstem Pinselstrich gezogen über die Stirn. Ihr Mund von brennendem Rot und sorgfältigster Zeichnung enthüllt Zähne, die jedem Reklamezeichner zum Modell dienen können. Ihre Haut, in allen Schönheitssalons der Welt gewaschen, ist von fleckenloser Reinheit. Die Haare schmiegen sich in duftenden Wellen an den Kopf. An den feingedrechselten Händen ist jeder einzelne Fingernagel ein glänzendes Kunstwerk.

Während sie tanzt, umgibt ihr Kleid die leichte Gestalt aufs raffinierteste und einfachste wie eine gewichtlose Wolke.

Herr Fish hört sie lachen. Er versucht, sich einen Weg zu ihr zu bahnen, das ist nicht leicht. Die Tanzenden halten ihn immer wieder auf, und gerade als er in ihre Nähe gekommen ist, fühlt er Hände auf seinen Schultern, Hände, die tüchtig zupacken, die ihn weiterzerren, ganz weit weg von Marjorie.

All das geschieht so schnell, daß Herr Fish erst Zeit hat aufzublicken, als man ihn auf einen Sessel gezwungen hat. Er sitzt an einem Ecktisch, zwischen zwei stiernackigen Fremden, die ihm jetzt freundlich-derb mit lautem »Hallo, Kamerad!« zunicken.

»Kein übler Spaß, daß wir uns nach so vielen Jahren wiedertreffen.« Diese Worte werden von einem derben Schlag auf Herrn Fishs Schultern begleitet.

Zum Teufel auch, ich heiße nicht mehr Fish, wenn ich diese Visagen je im Leben gesehen habe, denkt Herr Fish, aber sein Versuch, sich von den freundlichen Unbekannten loszumachen, mißlingt.

»Inkey-dinkey parleh wuh«, krähen sie jetzt, »es war doch mordsgemütlich dort drüben in Frankreich zwischen den schönen Mademoiselles.«

»Du hast dich aber gar nicht verändert, Kamerad, machst genau so ein dämliches Gesicht wie damals, als wir bei Calais lagen. Wie hieß nur das Dorf und dein Mädchen – es war doch eine Mademoiselle Blanche oder Yvonne?«

Herr Fish zwingt sich zur Ruhe. Er merkt, er sitzt in einer Falle und nichts bleibt ihm übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Er kramt vergeblich in seinem Gedächtnis, die Leute bleiben ihm aber fremd. Nur über die Kraft ihrer Muskeln gibt er sich keinen Illusionen hin.

Seine Hand befühlt vorsichtig die Brusttasche: ja, das Briefpaket ist noch da. Aber er sagt sich, er müsse beide Augen offenhalten, schlau sein und so tun, als ob er sich an der Nase herumführen ließe, als ob er ihnen wirklich glaube, diesen »Kameraden«. So seht ihr aus, ihr Lieben, ihr Schützengrabenhelden! Vielleicht habt ihr einmal früher Alkohol geschmuggelt oder für gutes Geld Menschen niedergeschlagen!? Solche Heldentaten traue ich euch schon zu, ihr vollgemästeten Schweine. Ihr habt gute Muskeln und gute Nerven, viel zu gute, als daß ihr mir aufdrehen könntet, ihr seid Kriegskameraden. Zum Teufel auch, wenn man euch sieht, merkt man, wieviel Schaden an einem da drüben angerichtet wurde. Nun gut, gehen wir auf euren alten Trick ein.

Herr Fish beginnt nun auch mit lärmender Fröhlichkeit Wiedersehensfreude zu mimen.

»›Inkey-dinkey parleh wuh‹, das macht Freude, wieder die alten Töne zu hören. Ich habe eure schiefen Kartoffelnasen nicht gleich erkannt. Der Mensch sieht anders aus, wenn man ihn aus der Uniform schält. Ja, an die Mademoiselles, an die denkt man noch gern.«

Die beiden beobachten Herrn Fish mißtrauisch.

»Tja, war eine tolle Zeit.«

»Schade, daß man hier nichts Richtiges trinken kann, man müßte ordentlich Wiedersehen feiern.«

Herrn Fishs Mut scheint zurückzukehren. Hehe, man muß Verstand haben, Muskeln allein genügen nicht. Ich werde es schon mit euch aufnehmen.

»Wenn wir richtig feiern wollen, wüßte ich ein Lokal dafür; man schenkt da einen echten alten Schotten aus, wie man ihn nicht besser in London bekommt. Ich schlage vor, kehren wir diesem langweiligen Tanzboden den Rücken.«

Nein, nein, meine Lieben, mit einem Dummkopf habt ihr es nicht zu tun.

»Kann leider nicht weg von hier, habe eine wichtige Verabredung.«

Ihr werdet mich von hier nicht weglotsen, ich werde euch schon los werden, aber ich bleibe hier.

In diesem Augenblick tanzt Marjorie dicht an dem Tisch der drei vorbei.

Herr Fish fühlt sich wieder wie in einer Falle, denn als er aufspringen und auf Marjorie zueilen will, klemmen ihn die beiden mit einer Gewalt an die Tischkante, daß ihm Hören und Sehen vergeht. Ihre Rücken bilden jetzt eine Wand, die ihn vor Marjories Augen verdeckt.

Aber Marjorie hat Herrn Fish trotzdem einen flüchtigen Moment lang gesehen, allerdings war dieser Moment so flüchtig, daß ihr Zweifel aufstiegen. Nun durchsucht sie vergeblich den Raum nach ihm.

»Glauben Sie an Erscheinungen?« fragt sie ihren Tänzer.

»Ich glaube an schöne weibliche Erscheinungen, wenn ich sie im Arm halte«, sagt der Collegeboy und führt Marjorie mit viel Geschick in die Nähe der Musikanten.

»Ach, Junge, ihr lernt wenig Geist an euren Universitäten.«

»Den brauchen wir ja auch Gott sei Dank nicht.«

»Bobby, haben Sie sie gesehen? Dort drüben tanzt Dorothy Prince mit dem hübschen blonden jungen Mann. Eigentlich ist es skandalös.«

»Warum denn? Ich finde, sie ist ein nettes Mädchen. Wie sollte auch eine sechzehnjährige Fünfzig-Millionen-Dollar-Erbin nicht reizend sein? Beim nächsten Tanz fordere ich sie bestimmt auf, da Sie, Marjorie, heute ja doch heiraten.«

»Fünfzig Millionen Dollar hat dieser Backfisch! Ich komme mir wirklich wie eine Bettlerin neben ihr vor. Aber wie die Leute zu ihrem Vermögen gekommen sind, darf man nicht untersuchen. Auf den Tabakplantagen Princes soll noch heute echtes Sklaventum herrschen.«

»Liebe Marjorie, wir sollten überhaupt den Ursprung unserer Vermögen nicht so genau prüfen. Es ist ja auch im Grunde unwichtig.«

»Aber daß sie heute schon öffentlich tanzt! Ihre Mutter starb doch erst vor zwei oder drei Wochen. Die erste Frau vom alten Prince, das wissen Sie doch? Sie starb buchstäblich Hungers, das ist authentisch. Sie hatte, wie Herr Prince behauptete, die Unvorsichtigkeit begangen, ihn zu betrügen, obgleich sie aus armer Familie stammte. Sie selbst behauptete dagegen, daß alles nicht wahr wäre; Prince hätte einen Zeugen gekauft, um sie loszuwerden. Jedenfalls hatte er viel Geld und sie keines. Die Richter glaubten ihm. Sie konnte auch auf ihrem Sterbebett nicht die Erlaubnis erhalten, ihre Tochter wiederzusehen.«

»Ja, wir Amerikaner verstehen es, Mütter zu ehren.«

»Ach, Bobby, verallgemeinern Sie nicht gleich. Sehen Sie dort am Ecktisch die Frau in Weiß, das ist Frau Ellgins.«

»Welche, die ›Schund-Ellgins‹?«

»Nun, Bobby, mit nichts kann man so viel Geld verdienen als mit Schund. Zwischen dem Preis von fünfzig Cents und einem Dollar verkauft Ellgins Juwelen, unbrauchbare Grammophone und fotografische Apparate, die sich ausschließlich für Geschenke an Kleinstädterinnen eignen. Mit so etwas kann man mehr verdienen als an Zeitungen.«

»Klagen Sie nicht, Marjorie. Gedruckter Schund ernährt auch ganz gut seinen Mann samt Familie. Übrigens ist der alte Ellgins ein rühriger Mann. Er hat noch Zeit, gegen Alkohol, Landstreicherei und Geburteneinschränkung Propaganda zu machen. Da fällt mir ein: ich habe auch einmal im Sommer, als wir im Camp waren und, um manchmal etwas Stadtluft zu atmen, in die nahe Kleinstadt fuhren, die Bekanntschaft einiger seiner kleinen Angestellten gemacht. Das sind niedliche kleine Mädchen zwischen dreizehn bis sechzehn Jahren, die sechs bis acht Dollar die Woche verdienen und ihm dieses Geld für Schminke und Puder zum Teil noch zurückzahlen.«

»Acht Dollar, das ist doch eigentlich nicht wenig für so junge Mädchen.«

»Ich weiß nicht – man kann sich nur schwer vorstellen, wie sie davon leben. Freilich, sie können ja auch Freunde haben.«

»Diese Leute verstehen es eben, mit lächerlich wenig Geld auszukommen. Dabei meint Vater, sie hätten zu große Ansprüche. Aber ich wollte Ihnen eigentlich nur über Frau Ellgins Mutterschaft, das heißt Nicht-Mutterschaft erzählen. Herr Ellgins wollte unbedingt ein Kind haben; das ist schließlich begreiflich, sich bei einem so guten Geschäft nach einem Erben zu sehnen.«

»Nun, und Frau Ellgins wollte nicht?«

»Doch, aber nur gegen Vorausbezahlung einer Million Dollar; er aber war nur bereit, eine halbe Million in das Familiengeschäft zu investieren. Er ist eben ein kleinlicher Mensch. Sie hat natürlich sofort auf Scheidung geklagt.«

»Hat sie den Prozeß gewonnen?«

»Natürlich, sie ist eine Whiteacker und er immerhin nur ein Emporkömmling.«

»Marjorie, Sie sollten auch lieber einen Geschäftsmann heiraten! Edgar Sedwick wird Ihnen nie solche Prämien versprechen, um seine Golftrophäen vererben zu können.«

»Bobby, lassen Sie das nur meine Sorge sein.«

»Und daß er sogar heute, am heiligen Tag Ihrer Hochzeit trainiert, ist eigentlich kein so gutes Vorzeichen. Sie hätten lieber auf mich warten sollen, Marjie.«

»Bobby, kümmern Sie sich lieber um Ihre Tanzschritte, Sie verfehlen ständig den Rhythmus.«

»Ich werde mich rächen. Zum nächsten Tanz fordere ich Dorothy Prince auf, und Sie werden sehen, wie sie in meinen Armen zerschmilzt.«

»Wenn Sie es aufs Zerschmelzen abgesehen haben, so rate ich Ihnen, fordern Sie lieber Frau Carmer auf. Diese Matrone wird bei dem Gedanken, mit einem Jungen zu tanzen, der ihr Enkel sein könnte, die Sensation von Verruchtheit genießen.«

»Marjie, Sie haben eine böse Zunge. Warum wollen Sie Frau Carmer so alt machen und vor allem – das ist noch unverzeihlicher! – mich so jung? Dabei, glaube ich, ist die Frau interessant. Ihre Scheidungsaffäre war es jedenfalls. Lebt sie jetzt wieder mit dem Gatten?«

»Ja, sie leben jetzt sogar sehr gut, nachdem sie sich mit allem denkbaren Schmutz beworfen haben. Er hat erklärt, daß sie sich mit allen Chauffeuren und Lakaien eingelassen hat; sie warf ihm seine Verhältnisse mit Kellnerinnen und Dienstmädchen vor. Dann ließen sich beide psychoanalysieren, und jetzt vertragen sie sich wieder glänzend. Um ihren Komplex loszuwerden, arbeitet sie mit meiner Mutter zusammen an der Rettung gefallener Mädchen. Sie verbringt ihre Nächte in den ›Nachtgerichten‹, um die dort verurteilten Sünder wieder auf gute Wege zu bringen, aber auch, um, wie ich annehme, interessante Bekanntschaften zu machen. Ich finde überhaupt diese ›Nachtgerichte‹ eine famose Einrichtung. Es wird immer mehr Mode, sie zu besuchen. Man kann damit auch ein nächtliches Fernbleiben von zu Hause auf das einfachste und überzeugendste erklären.«

»Hören Sie, Marjie, – aber das bleibt ein Geheimnis unter uns! – ich kann diesen Hang zum Abgrund begreifen. Unter Umständen unterhalte ich mich besser mit einer alten Prostituierten als mit einer Dame der Gesellschaft.«

»Bobby, wenn Sie nicht so schwatzhaft wären, könnte ich Ihnen auch einiges über mich erzählen.«

»Ich schwatzhaft? Das höre ich zum erstenmal. Sie können sich mir viel eher anvertrauen als Ihrem zukünftigen Gatten, der Sie an Ihrem Hochzeitstage zu einer Golf-Witwe gemacht hat.«

»Bobby, fühlen Sie nicht auch manchmal einen Kitzel, als stünde man vor einem Abgrund und jemand ist hinter uns, der uns hinabstürzen könnte, oder man würde sich gar selbst hinabstürzen? Wenn wir hier oben sind und in die Wolkenkratzer hineinblicken können, die alle vollgepfropft sind mit arbeitenden, schwitzenden Menschen, fühle ich manchmal das Gefährliche dieser ganzen Situation. Aber gerade das reizt mich, das Gefährliche, das Leben auf dem Gipfel dieser Arbeitsberge.«

»Das Gefährliche? Marjie, haben Sie Umgang mit Bolschewisten? Ich sehe nichts Gefährliches. Aber ich möchte eine Ahnung davon haben, wie es da unten ist, wie diese anderen Menschen leben und was sie denken. Doch in Amerika wird es nie wie in Rußland werden, davor brauchen wir keine Angst zu haben.«

»Es fällt mir nicht ein, Angst zu haben; aber gerade dieses Gefühl, daß die Welt nicht immer bleiben wird, wie sie heute ist, wirkt auf mich betäubend. Könnte man das Leben überhaupt genießen, wenn man nicht wüßte, daß man sterben wird? Ich liebe alles, was das Heute ausmacht, diese Musik, diese Wolkenkratzer, von oben bis unten vollgepfropft mit Arbeitern – alle wahnsinnigen Gegensätze liebe ich.

Die Gewißheit, daß all das nicht für die Ewigkeit ist, erhöht nur meine Genußfähigkeit. Ich will alles, was das Leben bieten kann, an mich reißen, sofort und ohne Bedenken. Schon als Kind habe ich mir nie eine Freude für den nächsten Tag aufgehoben; immer dachte ich: vielleicht sterbe ich noch heute. Solange ich lebe, will ich ganz leben, ich brauche keine moralischen Mäntelchen, um meine Daseinsberechtigung zu bejahen.«

Herr Fish hat noch einmal den Versuch unternommen, aufzuspringen, aber er mußte merken, daß er einer Übermacht ausgeliefert war, die ihm jede Bewegungsfreiheit raubte. Mußte er seinen Plan verlorengeben? Spielte Herr Strong mit ihm Katz-und-Maus-Spiel? Er spricht sich Mut zu: nur nicht die Nerven verlieren. Ruhig Blut behalten, auf das dumme Gefasel dieser Kerle eingehen.

»Ein anderes Bild, das hier, als wir es drüben hatten, hehe, ein anderes Schauspiel. Ja ja, die Schützengräben waren ein gefährlicheres Pflaster.«

Um gefährliche Pflaster macht ihr große Bogen! Ihr aufgedunsenen Rohlinge, ihr habt euch wohl gehütet, nicht nur Verfolger, sondern auch Verfolgte zu sein. Herr Fish merkt, wie entmutigend es ist, sich fein besaitet und moralisch hochstehend neben Brutalen und Energischeren zu fühlen.

»Der Unterschied ist nicht so groß. Wir sehen hier nur die andere Seite, und so verführerisch es auch hier zugeht, man soll die Nasenflügel nicht allzusehr aufblasen, sonst könnte man die Fäulnis der Ermordeten riechen.«

Herrn Fishs Gesicht verfärbt sich. Er sieht aus, als mangele es ihm an Luft, als würge ihn jemand.

Die beiden markieren Teilnahme, aber Herr Fish hört nur Spott aus ihren Worten.

»Nanu, Kamerad, beruhige dich mal. Du hast wohl seinerzeit einen Nervenschock erlitten und bist noch nicht ganz geheilt? Ja, man muß vorsichtig sein, wenn man sich auf gefährliches Terrain begibt. Nun, willst du nicht doch unseren Schotten versuchen? Das würde dich auf andere Gedanken bringen.«

Zum Teufel auch, man muß die Nerven behalten. Gerade jetzt, da er sich besonders hilflos fühlt, sieht er wieder Marjorie, diesmal am Arm eines Modemalers, vorübertanzen. Sein Versuch, sie zu erreichen, scheitert kläglich an den zugreifenden Fäusten seiner Tischgenossen.

   

Aber Marjorie hat wieder sein auftauchendes Gesicht erblickt.

»Glauben Sie an Erscheinungen? Heute mittag geschieht etwas Seltsames mit mir. Ich erblicke zum zweitenmal einen Geist. Sollte es möglich sein, daß ich Gewissensbisse habe? Können Sie sich das vorstellen?«

»Nein! Ihr ›Geist‹ muß auf einem anderen Verbindungsweg als durch Ihr Gewissen heraufbeschworen worden sein. An Ihrem Hochzeitstage müßten überhaupt mehr ›Geister‹ vorwurfsvoll vor Ihnen erscheinen, Marjorie, Sie können noch umkehren. Glauben Sie mir, Sie begehen eine große Dummheit, wenn Sie Edgar Sedwick heiraten. Ich hätte für Sie passendere Ehemänner in Vorschlag bringen können.«

»Zum Beispiel sich, den großen Maler der großen Welt.«

»Gut, zum Beispiel mich. Sie könnten mit mir in Paris leben, alle großen Künstler der Welt, ein Leben, von dem Sie überhaupt noch nichts ahnen, kennenlernen.«

»Sie belieben zu scherzen. Sie kommen vorsichtigerweise ziemlich spät mit Ihrem Vorschlag. Aber Sie hätten auch früher nicht mehr Glück gehabt. Stellen Sie sich vor, wie man sich über eine Verbindung mit einem Künstler in der Gesellschaft aufgeregt hätte.«

»Sie geben etwas auf das Urteil der Gesellschaft?«

»Allerdings, wenn ich heirate, ja. Noch vor kurzem erschien mir ein Affront gegen die gute Gesellschaft geradezu amüsant. Aber ich habe herausgefunden, daß auch die schlechte mit der Zeit viel von ihrem Reiz einbüßt. Ja, sie kann ebenso langweilig werden wie die der anerkanntesten Blaubuchleute.«

»Sie sind wirklich liebenswürdig, Marjorie. Die größten Künstler der Welt erscheinen in Ihren Augen als schlechte Gesellschaft.«

»Ich habe überhaupt nicht an Ihre Künstler gedacht. Sie glauben doch übrigens nicht, daß es mich reizen würde, die größten Künstler der Welt kennenzulernen!? Um Gottes willen, nur das nicht, ich finde sogar schon Edgar von seinem Golf zu sehr eingenommen. Doch wenn er davon spricht, verstehe ich wenigstens etwas. Aber über Bilder möchte ich wirklich nichts hören.«

»Ich sage Ihnen etwas, Marjorie: nie wird ein Künstler so von sich eingenommen sein wie ein Sportsmann, denn ein Künstler kann auch dann noch groß sein, wenn tausend andere Bedeutenderes leisten als er. Aber ein Golf- oder Tennisspieler, der besiegt wird, ist ein armseliger Dilettant. Der Läufer, der eine Zehntelsekunde später ans Ziel kommt als der erste, ist ein Nichts. Der beste Spieler wird Nationalheld, der zweite, der dritte sind nur Staffage, ihr Tun Spielerei. Stellen Sie sich vor, wie ehrgeizig und besessen Sportsleute werden müssen. Geben Sie zu, Marjorie, es gibt keine langweiligeren Menschen als ehrgeizige.«

»Wie schade, daß Sie mich erst so spät warnen, aber ich bin vollkommen zufrieden mit Edgar. Er sieht gut aus und wirkt in den illustrierten Blättern bedeutend besser als die größten Künstler.«

»Vor allem, er hat auch Geld.«

»Vor allem auch das.«

»Sie werden sich mit ihm sehr langweilen.«

»Machen Sie doch nicht solche Umwege, und kommen Sie doch endlich zu Ihrem Vorschlag. Ich wette, Sie werden mir raten, möglichst bald allein nach Paris zu fahren und mich Ihrer kunst- und sachverständigen Führung anzuvertrauen.«

»Marjorie, Sie sind klug, Sie hätten die Wette gewonnen. Ich werde Ihnen Paris zeigen. Sie werden entdecken, daß es ein Genuß sein kann, Augen zu haben. Hier in New York ist das nur eine bittere Notwendigkeit. Und die Luft, die silbrige Atmosphäre, die erst die richtige Perspektive allen Straßen gibt, den Straßen, die alle angelegt sind, als hätten sie nur den Zweck, Augenfreude zu sein. Ist es Ihnen aufgefallen, Marjorie, daß unsere Wolkenkratzer aussehen, als wären sie zweidimensional und stünden ganz flach in der Luft?«

»Überwältigt Sie nicht dieser Anblick hier? Ich finde diese ungeheueren Häuserberge schöner, ergreifender als den Mont Blanc, denn von all dem hier können wir sagen, das ist unser Werk, diese Kolosse haben wir errichtet.«

»Ich wußte nicht, Marjorie, daß Sie der Gewerkschaft der Maurer angehören.«

»Ja, wir haben sie errichtet, wir Amerikaner, es ist unser Werk.«

»Die fremden Sklaven haben es errichtet, nur sie.«

»Aber Amerikaner haben sie zu diesen ungeheueren Taten gezwungen.«

»Nun, diesen Häusern merkt man an, daß sie von Sklaven erbaut wurden. Ich werde Ihnen die Dome zeigen, die Künstlerhände geschaffen haben.«

»Glauben Sie wirklich, ich würde nach Paris fahren, um Ihre Vorträge über Städtebau anzuhören?«

»Ich werde Ihnen eine Welt zeigen ohne unsere schrecklichen amerikanischen Feigenblätter. Finden Sie es nicht greulich, in einem Land zu leben, in dem sogar zweijährige Kinder vor der Filmkamera dazu erzogen werden, sich ihrer Nacktheit zu schämen? In dem bei einem Scheidungsprozeß die amerikanische Öffentlichkeit mit Schaudern von einem Ehemann hört, der die Schamlosigkeit besaß, seine Gattin bei Licht nackt zu beschauen?«

»Die Amerikaner lieben eben gut gelüftete Zimmer, sie schlafen bei weit geöffneten Türen. Das wirkt natürlich auf die Sitten. Mir ist der Mangel an Ekstase und erotischem Getue nur sympathisch; ich entsinne mich eines kleinen Erlebnisses in einem europäischen Hotel mit dünnen Wänden. Ich konnte die sentimentalen Ergüsse des Liebespaares im Nebenzimmer mit anhören. Am nächsten Tag bekam ich es zu Gesicht. Sie waren das Komischste, was ich je gesehen habe. Die Frau mit Kneifer, fetten Haaren, riesigen Schnürstiefeln, der Mann mit einem Hängebauch, einer Glatze und mit Sommersprossen. Ich finde, es ist die größte Geschmacklosigkeit, Sauerkraut zu essen, als wäre es Ambrosia. Ich will genießen, aber ohne überflüssige und verlogene Ekstasen und Sentiments. Wir haben unsere Nachtklubs, Pyjama- und Cocktailparties. Wir haben unsere Autos und die Roadhouses, die alle Landstraßen umsäumen und die uns alle Vergnügungen bieten, die wir verlangen: Tanz, Musik, Alkohol und nebenbei auch Hotelbetrieb.«

»Alle Achtung, Marjorie, Sie kommen gut vorbereitet in die Ehe.«

»Daran brauchen Sie nicht zu zweifeln. Auch nicht daran, daß wir es im Grunde mit Paris aufnehmen können.«

»Sie werden sehen, in Paris können Sie Dinge entdecken, von denen Sie überhaupt nichts ahnen. In Amerika gibt es nicht einmal große Kokotten, fabelhaft elegante, Frauen mit taubeneiergroßen Perlen, die nichtsdestoweniger außerhalb der Gesellschaft stehen und nicht die Spießigkeit unserer Millionärinnen haben.«

»Eine Frau mit taubeneiergroßen Perlen kann bei uns nicht außerhalb der Gesellschaft stehen. Bei uns gibt es keine Kokotten, weil man in Amerika logisch denkt. Frauen, die sich für wenig Geld prostituieren, kommen ins Arbeitshaus. Eine Frau aber, die sich für viel Geld verkauft, ist bei uns eben keine Kokotte, sondern eine anständige Frau. Man achtet ihre Perlen und wird sich hüten, die Herkunft zu untersuchen. Man sperrt ja auch nur die kleinen Diebe ein, während man die großen als Stützen der Gesellschaft ehrt.«

»Marjorie, Sie zeigen mehr den Verstand Ihres Vaters als die puritanische Erziehung, die er Ihnen hat angedeihen lassen.«

»Ich habe für meine Erziehung schon selbst gesorgt Ich fürchte also, Sie könnten mir nicht viel Neues in Paris zeigen, aber ich bin gern bereit, Sie etwas über New York aufzuklären. Sehen Sie dort die Dame, die mit Frau Carmer spricht?«

»Eine blendende Erscheinung.«

»Sie ist wie ein Filmtrick, nichts ist echt, alles ist gestellt, aber bei der Vorführung wirkt das Ganze sensationell.«

»Und wer ist sie?«

»Rum Arizona.«

»Ist das ein Spitzname?«

»Nein, sie nennt sich selbst so, sie ist Besitzerin des größten und teuersten Nachtlokalkonzerns in den Staaten. Sie ist teuer, aber sie liefert die beste Ware, sowohl in Alkohol wie in Mädchen. Ihre Nepplokale sind so berühmt, daß sich die Leute geehrt fühlen, wenn sie ihr Geld an sie loswerden. Und diese bekannte Kupplerin ist die populärste Frau der guten Gesellschaft. Sie wurde schon wiederholt ins Kittchen gebracht; mit Hilfe dieser billigen Reklame erhöhten sich natürlich nur ihre Einkünfte. Und sie wird nicht etwa im geheimen verehrt, augenzwinkernd, nein, bewundernd und ehrfurchtsvoll beugt man sich vor so gesunder Geschäftstüchtigkeit.«

   

Herr Fish lugt vergeblich nach Marjorie aus. Die beiden Fremden versperren mit großem Geschick jede Aussicht auf sie und unterhalten ihren Gefangenen auf eine Weise, daß es ihm schwer wird, Ruhe zu heucheln. Diese abgestandenen Soldatengeschichten, die sie aus alten Witzblättern und patriotischen Aufrufen zusammenmischen und die sie mit ihm zusammen in Wirklichkeit erlebt haben wollen, erwecken in ihm den Wunsch, seine Fäuste mit ihren Nasen in nächste Berührung zu bringen. Herr Fish aber muß mit Bedauern feststellen, daß seine Fäuste zart und weibisch neben den mächtigen Tatzen seiner angeblichen Kriegskameraden wirken. »Ob es wohl noch einmal losgeht?«

»Wenn es noch einmal losgeht, sollten die rankommen, die nur mit dem Maul dabei waren.«

Merkt ihr endlich, daß ich nicht so dumm bin, wie ihr euch einbildet?

»Hehe, wir werden schon dafür sorgen, daß keiner uns zu nahe kommt. Eine gute Kriegsrüstung ist die beste Gewähr für den Frieden.«

»Hoho, Kamerad, du meinst wohl eher das beste Gewehr für den Krieg.«

»Mach keine Witze, Junge. Wir haben oben Leute sitzen, die schlau genug sind, um zu wissen, wie sie alles für Amerika richtig drehen.«

»Sie drehen die Sache schon richtig für alle, die Geld haben.«

»Du bist wohl ein Roter geworden, Kamerad?«

»Nur soweit man vor Wut rot werden kann.«

»Du bist doch nicht wütend auf uns, Freundchen, das wäre zu schlimm.«

»Wenn ich Geld habe, kann meinetwegen geschehen was will, dann genieße ich Freiheit, Sicherheit, Geborgenheit.«

Der alte Fuchs, Herr Strong, kann ruhig erfahren, daß ich gefährlich bin, wenn ich kein Geld habe, daß ich aber mit mir reden lasse, wenn man bereit ist, meine Forderungen zu erfüllen.

»Geld, von wem willst du Geld haben, Kamerad? Niemand gibt es her, der es nicht unbedingt muß. Bei einem armen Teufel denkt keiner an ein Muß.«

Ihr scheint ja gut im Bilde zu sein, ich werde euch zeigen, ob ich ein armer Teufel bin.

»Aber wenn einer Verstand hat, jedoch keine Sicherheit, Geborgenheit und Freiheit, das heißt kein Geld, aber dafür eine sichere, gute Waffe, der könnte gefährlich werden. Wenn einer einiges weiß darüber, hehe, wie er gemacht, wie er vorbereitet wird, der Krieg, der könnte für manche der Herren, die es nicht wahrhaben wollen, schädlich werden.«

»Also etwas wird vorbereitet, nicht übel, du weißt es bestimmt, Kamerad, du hast eine extra gute Nase.«

»Ja, und ich beginne, sie voll zu haben. Wenn ich auspacke, könnte man von mir allerlei erfahren über Rüstungen und so.«

Herrn Fishs Hände ruhen auf seiner Brusttasche.

»Du kommst mir vor, Kamerad, wie die alte slowakische Bäuerin, die ich vor einigen Monaten in Wallstreet getroffen habe, als wir uns einen Fliegerangriff angesehen haben, natürlich war es nur ein Manöver, aber es sah toll aus und hörte sich noch toller an. Die Dampfsirenen, die Bomben, die Kanonenschüsse; die Leute johlten und schrien und konnten gar nicht genug haben von diesem Gratistheater. Nur die alte Frau, weißt du, diese slowakische Bäuerin, konnte die Sache nicht kapieren, sie jammerte und weinte laut. Die Leute lachten sich natürlich halb tot über sie, sie war die komische Alte in diesem kriegerischen Schauspiel. Sie konnte und wollte nicht begreifen, daß alles nur Schein war. ›Kommen die Feinde über New York, wollen uns töten, arme Menschen, die nichts Böses getan haben, die wollen arbeiten.‹ Sie konnte sich nur gebrochen verständigen. ›Wer ist denn unser Feind?‹ fragte sie alle Leute, die vorbeigingen. ›Wir haben doch keine Feinde, das ist doch alles nur eine Übung für den Fall, daß einmal Krieg sein sollte.‹ – ›Aber wenn sie üben zum Krieg, dann denken sie, es wird auch Krieg kommen.‹ – ›Man übt ja eben nur, damit kein Krieg kommen soll.‹ – ›Kann ich nicht verstehen, kann ich nicht verstehen‹, jammerte die komische Alte. ›Wieder kommt Krieg, o weh!‹ Kamerad, du hast anscheinend genausoviel Verstand wie diese slowakische Bäuerin, die kein richtiges Englisch kann.«

Herr Fish antwortet nicht, denn wieder erblickt er Marjorie. Sie tanzt jetzt mit einem jungen Mann ihres Jahrganges, mit dem sie zusammen die Universität besucht hatte.

Herrn Fish ist es bereits gelungen aufzuspringen, aber weiter kommt er nicht. Er ist wieder zwischen den beiden eingekeilt, die auf ihn weiter einreden.

»Ich fange tatsächlich an, an Erscheinungen zu glauben, ich sehe schon zum drittenmal dasselbe verstörte Gesicht. Bis heute war ich überzeugt, daß Spiritismus Humbug sei.«

»Nur gut, daß man unter Schminke nicht blaß werden kann, Marjorie. Haben Sie Angst?«

»Eddie, mit Ihnen kann ich offen reden, Sie sind keine katzenhafte Freundin. Es ist wirklich langweilig, wie vorsichtig man bei uns sein muß, wenn man Geld hat. Man sollte in Amerika wirklich nichts mit einem verheirateten Mann zu tun haben, sonst schickt uns gleich die Gattin eine gepfefferte Rechnung ins Haus.«

»Bezahlen Sie sie nicht.«

»Diesen Rat braucht man meinem Vater nie zu geben. Eigentlich wollte ich ihn in der Hand haben, er ist zu geizig, wenn es sich um etwas anderes als um sein Geschäft handelt. Ich wollte, daß er erführe, ich wüßte einiges über ihn. Es war etwas unvorsichtig. Nun taucht heute, gerade am Tage meiner Hochzeit, dieser Junge mit meinen gesammelten Briefen und allen Enthüllungen über meinen Vater bei ihm auf. Der Junge hat die Kateridee, auf diese Weise zu Geld zu kommen. Ich begreife ja diesen Wunsch, besonders wenn man viel mit Leuten zusammen war, die auch wirklich das Geld und nicht nur den Wunsch haben. Ich bin mit ihm sehr viel ausgegangen, in Nachtklubs und so. Ich glaube, es gibt Idioten, die ihm daraufhin, daß man uns zusammen gesehen hat, oder auf die Briefe Geld geliehen haben. Wir verbrachten wirklich eine amüsante Zeit. Er war für mich etwas Neuartiges, ganz anders als ihr Jungens. Er war mit der Armee drüben, hat eine Frau, die ich nie gesehen habe. Ich bin nicht einmal sicher, ob sie nicht nur in seiner Phantasie lebt. Er bemerkte so vieles, was mir früher nicht auffiel. Aber was nützt ihm das! Es wird ihm zu keinem Erfolge verhelfen. Ich finde, erfolglose Menschen können sehr nett im Gespräch sein, aber auf die Dauer werden auch sie langweilig. Ich hätte eigentlich kaum was dagegen, wenn es zu einem Prozeß käme.«

»Aber wahrscheinlich Ihr Vater.«

»Er sagt, er würde mich enterben, wenn auch nur eine Silbe in die Öffentlichkeit käme. Dann mußte ich mich hinsetzen und eine Stunde lang Bibelsprüche schreiben.«

»Zum Totlachen.«

»Er verlangte es wirklich ganz ernstlich; dann ist es auch gar nicht ratsam, ihm zu widersprechen. Sie lachen, aber ich habe noch einen richtigen Schreibkrampf in den Fingern. Stellen Sie sich vor, wenn er mich enterben würde, könnte ich wochenlang auf der ersten Seite erscheinen, und alle Zeitungen würden sich um meine Bilder reißen.«

»Marjorie, Sie werden auch ohne Prozeß genug fotografiert.«

»Man dürfte mich noch mehr kennen. Sehe ich nicht besser aus als unsere weltberühmten Filmschauspielerinnen? Und dann diese Sache mit der Erscheinung. Ich schwöre Ihnen, ich habe dreimal ganz klar sein Gesicht gesehen, das ist schon an und für sich eine Sensation.«

»Wahrscheinlich ist er hier, so erkläre ich mir Ihre spiritistischen Gesichter.«

»Dann würde er bestimmt herkommen, mir vielleicht drohen, einen Skandal machen. Nein, dieses dreimal auftauchende Gesicht, das ist ein übernatürliches Zeichen.«

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.