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Horazens Satiren

Horaz: Horazens Satiren - Kapitel 9
Quellenangabe
typesatire
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Satiren
pages575
created20001125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es ist ein eignes Laster aller Sänger,
daß sie, ersucht, sich unter Freunden hören
zu lassen, immer keine Stimme haben;
hingegen wenn kein Mensch sie hören mag,
des Singens gar nicht müde werden können.
Tigell, der SarderWir sind mit diesem Virtuosen bereits in der vorgehenden Satire in Bekanntschaft gekommen, und die Abschilderung, die uns Horaz im Eingang der gegenwärtigen macht, ist eine Biographie wert. Das Beiwort Sardus ille ist hier nichts weniger als müßig. Die Sardinier standen bei den Römern schon von alten Zeiten her in bösem Rufe. Als Sempronius Gracchus im Jahre der Stadt Rom 514 diese Insel eroberte, wurden beinahe alle Einwohner nach Rom geschleppt, und als Leibeigene verkauft; und da die Ware in so großer Menge vorhanden und dabei sehr schlecht war, so entstand das Sprüchwort: Sardi venales, alius alio nequiorSardinier zu verkaufen! einer schlechter als der andere!, hatte diese Mucke.
Wenn Cäsar, der ihn zwingen konnte, ihn
bei seines Vaters Freundschaft und bei seiner eignen
beschworen hätt', es half nichts! Kam hingegen
die Fantasie ihn an, so ließ er euch
sein Jo Bacche! von den Eiern an
bis zu den Äpfeln
, ohne Maß noch Ziel
durch alle Töne um die Ohren gellen.
Nichts war sich selbst an diesem Menschen gleich:
bald lief er auf der Straße wie vorm Feinde,
bald ging er wie die KörbeträgerinnenAus dieser Stelle und aus der Anmerkung des alten Scholiasten ist zu vermuten, daß auch am Feste der Juno Prozessionen üblich waren, wobei die Canephori (Körbeträgerinnen) eine Rolle zu spielen hatten. Ursprünglich wurden die priesterlichen Jungfrauen so genannt, die zu Athen an den Festen der Minerva und der Ceres gewisse zu ihren Mysterien gehörige symbolische Dinge in Kisten oder Körbchen auf dem Kopfe trugen. Weil diese Attitude sehr geschickt ist, eine schöne jugendliche Figur zu ihrem Vorteil zu zeigen, so übten sich die geschicktesten Bildhauer daran; und Cicero erwähnt, in der Liste der schönen Bildsäulen, welche Verres als Prätor von Sizilien mit List oder Gewalt an sich gebracht, auch zweier Canephoren des Polykletus von ausnehmender Schönheit. Act. in Verrem, IV. 3.
    Omnibus hoc vitium est cantoribus, inter amicos
ut numquam inducant animum cantare rogati,
iniussi numquam desistant. Sardus habebat
ille Tigellius hoc. Caesar, qui cogere posset,
<5> si peteret per amicitiam patris atque suam, non
quicquam proficeret: si collibuisset, ab ovo
usque ad mala citaret »Io Bacche!« modo summa
voce, modo hac resonat quae fidibus ima.
Nil aequale homini fuit illi: saepe velut qui
<10> currebat fugiens hostem, persaepe velut qui
an Junons Feste. Heute wimmelte
sein ganzes Haus von Sklaven, morgen ließ
er sich an zehn begnügen: hatte bald
den Mund voll Potentaten und Tetrarchen,
da war ihm nichts zu groß; bald hieß es: »Laßt
mir nur ein schlichtes Tischchen auf drei Füßen,
mit einer Muschel reinen Salzes drauf,
und einen Rock, so grob gewebt er sei,
der mich vor Kälte schützt, was brauch ich mehr?«
Nun, hättst du diesem mit so wenigem
Zufriednen eine Million gegeben,
in minder als sechs Tagen war davon
kein Heller übrig. Wenn die ganze Welt
sich schlafen legte, ward es Tag bei ihm;
hingegen ging er, wie der Morgen graute,
zu Bett', und schnarchte den ganzen langen Tag.
Mehr mit sich selbst in Widerspruch war nie
ein Mensch als dieser. Nun fragt jemand mich
vielleicht: »Und du, der andrer spottet, hast
du etwa keine Fehler?« Allerdings,
nur andere und kleinere vielleicht.
Als der bekannte MäniusDieser Mänius ist ohne Zweifel der nämliche Taugenichts, den unser Dichter in der Epistel an Numonius Vala schildert. Er eilte soviel er konnte, sein väterliches Erbgut durch die Gurgel zu jagen. Der Scholiast erzählt noch folgende Anekdote von ihm: Einsmals hörte ihn jemand am ersten Tage des Jahres im Capitol mit lauter Stimme beten, daß er vierzig Tausend schuldig sein möchte, und bezeugte ihm seine Verwunderung über eine so sonderbare Bitte. Ich würde noch immer hundert Prozent dabei gewinnen, wenn mich Jupiter erhören wollte, sagte Mänius; denn ich bin achtzig Tausend schuldig. einst von einem
gewissen Novius hinter seinem Rücken
Iunonis sacra ferret; habebat saepe ducentos,
saepe decem servos: modo reges atque tetrarchas,
omnia magna loquens; modo: »Sit mihi mensa tripes et
concha salis puri, et toga quae defendere frigus,
<15> quamvis crassa, queat.« Decies centena dedisses
huic parco paucis contento; quinque diebus
nil erat in loculis. Noctes vigilabat ad ipsum
mane, diem totum stertebat; nil fuit umquam
sic impar sibi. Nunc aliquis dicat mihi: »Quid tu?
<20> Nullane habes vitia?« Immo alia et fortasse minora.
Maenius absentem Novium cum carperet: »Heus tu«,
unglimpflich sprach, fiel jemand ihm ins Wort:
»Und du, seit wenn bist du dir selbst so fremd
geworden? Oder glaubst du uns als unbekannt
was weis zu machen?« – »O, das ist was anders«,
versetzte Mänius, »mir nehm' ich nichts vor übel!«
So eine unverschämte Art sich selbst zu lieben
ist freilich ahndungswürdig. Wie? du hast
für deine Fehler immer trübe Augen,
und nur für andrer ihre siehst du schärfer
als Falk' und Schlange? Nun, so rechne drauf,
daß wir auch dir nichts übersehen werden.
Was ists nun mehr, wenn einer deiner Freunde
leicht über Kleinigkeiten aufbraust oder für
die feinen Nasen dieser Herr'n zu schlicht ist,
sein Haar zu bäurisch um die Ohren hängt,
sein Rock nicht zierlich sitzt, sein Schuh nicht knapp
genug am Fuße schließt? – Er ist dafür
ein Biedermann, so daß du einen bessern
vergebens suchtest, ist dein Freund, und unter
der plumpen Außenseite steckt ein großer Geist.
Und endlich schüttle doch ein jeder nur
sich selber aus; er wird wohl manchen Fehl
quidam ait, »ignoras te? An ut ignotum dare nobis
verba putas?« »Egomet mi ignosco«, Maenius inquit.
Stultus et improbus hic amor est, dignusque notari!
<25> Cum tua pervideas oculis mala lippus inunctis,
cur in amicorum vitiis tam cernis acutum
quam aut aquila aut serpens Epidaurius? At tibi contra
evenit, inquirant vitia ut tua rursus et illi.
Iracundior est paulo? minus aptus acutis
<30> naribus horum hominum? rideri possit eo quod
rusticius tonso toga defluit, et male laxus
in pede calceus haeret? At est bonus, ut melior vir
non alius quisquam, at tibi amicus; at ingenium ingens
inculto latet hoc sub corpore. Denique te ipsum
entdecken, den entweder die Natur
ihm eingepflanzt hat, oder er sich selbst
durch böse Angewohnheit zugezogen.
Denn ungebautes Land wird, wenn die Flamme nicht
dem Unkraut wehrt, gar bald von Heide strotzen.
Der Punkt, auf den hier alles ankommt, ist:
Wer wahrhaft liebt, hat keine Augen für
die Mängel der Geliebten; oder wird
er sie zuletzt gewahr, so wandelt sie
der Liebe süßer Wahn in neue Reize,
und ihn ergötzt, was andern Ekel macht,
wie Hagnas Polypus den zärtlichen Balbin.
Wie glücklich, wenn wir in der Freundschaft uns
auf gleiche Weise täuschten, und die Tugend
mit einem schönen Namen diesen Irrtum deckte!
Wir sollten es hierin mit unsern Freunden,
wie Väter es mit ihren Kindern, halten;
der Knabe sei so schielend als er will,
krummbeinig, höckricht, oder zwergiger
als der unzeit'ge Sisyphus es warDieser Sisyphus war ein Lieblingszwerg des Triumvirs M. Antonius, und (wenn dem Scholiasten zu glauben ist) nicht völlig zwei Fuß hoch. Die Gewohnheit Zwerge, aus Liebhaberei oder zum Staat, zu unterhalten, scheint um diese Zeit unter den Großen in Rom schon ziemlich gemein gewesen zu sein; denn Sueton bemerkt es als etwas Besonderes am August, (c. 83.) daß er die Zwerge nicht habe leiden können. Es scheint aber, daß hier eigentlich von mißgestalteten Zwergen die Rede sei. Wenigstens hatte seine Enkelin Julia einen ägyptischen ZwergMan sieht aus einer Stelle des Statius (Silvar. V. 5.) und mehrern andern, daß Ägypten vorzüglich fruchtbar an dergleichen Zwergen war, die besonders ihrer außerordentlichen Lebhaftigkeit wegen gesucht wurden., Canopus genannt, in deliciis, (wie PliniusHist. Nat. L. VII. c. 16. Die Ursache, warum diese ägyptische Knäblein den Damen und Herren in Rom so angenehm waren, findet man beim Martial (L. IV. Ep. 42.).
Si quis forte mihi posset praestare locanti,
    audi quem puerum, Flave, locare velim.
Niliacis primum puer hic nascetur in oris:
    Nequitias tellus scit dare nulla magis.
sagt) der nicht über zwei Fuß und einen Palm hoch war, und seine Gemahlin Livia (Iulia Augusta) eine Freigelassene, namens Andromeda, von ähnlicher Größe.
,
stets wird die Vaterlieb' ein mildernd Wort
<35> concute, num qua tibi vitiorum inseverit olim
natura, aut etiam consuetudo mala; namque
neglectis urenda filix innascitur agris.
Illuc praevertamur: amatorem quod amicae
turpis decipiunt caecum vitia, aut etiam ipsa haec
<40> delectant, veluti Balbinum polypus Hagnae,
vellem in amicitia sic erraremus, et isti
errori nomen virtus posuisset honestum.
At pater ut gnati, sic nos debemus amici
si quod sit vitium non fastidire: strabonem
<45> appellat paetum pater; et pullum, male parvus
si cui filius est, ut abortivus fuit olim
für sein Gebrechen findenDa es unsrer Sprache an solchen mildernden Worten fehlt, so habe ich mich begnügen müssen, nur den allgemeinen Sinn dieser Stelle zu geben, ohne die Beispiele, welche Horaz anführt, übersetzen zu können. Ein Vater, sagt er, nennt seinen zwergichten Knaben pullus, den krummbeinichten varus, den kurzbeinichten scaurus, den schielenden oder unfreiwillig mit den Augenlidern nickenden paetus. Da wir kein Wort für scaurus haben, so mußte ich auch das Wort balbutit fallen lassen, das im Original eine besondere Anmut deswegen hat, weil Horaz die väterliche Gewohnheit, wenn sie mit ihren Kleinen reden, ihr kindisches Stammeln und Schnarren nachzuahmen, dadurch ausdrückt. Es ist in keines Übersetzers Macht, zu verhindern, daß nicht Schönheiten dieser Art zuweilen verloren gehen sollten.. Lebt dir einer
zu kärglich? nenn' ihn einen guten Wirt.
Macht jener sich zu wichtig, drängt sich auf?
nenn's Eifer, seinen Freunden sich gefällig
zu zeigen. Ist der Mann, im Gegenteil,
ein Polterer, und nimmt sich mehr heraus
als Höflichkeit und guter Ton erlauben?
heiß' es Geradheit, Stärke, Biedersinn!
Ist er zu rasch, zu hitzig? zähle ihn
den Feuergeistern zu. Dies, denk ich, ists,
was Freunde knüpft und fest zusammenhält.
Wir machens umgekehrt. Wir kehren selbst
die Tugenden von unsern Freunden um,
und suchen sie, gleich einem lauteren
Gefäß, mit einem Lack zu überziehn,
der, was hineingegossen wird, verfälscht.
Gutherzig heißt uns schwach, bedächtlich stumpf.
Ist einer, der in einer Lage lebt,
wo Mißgunst und Verleumdung auf ihn lauern,
stets wohl auf seiner Hut, damit er nie
der Bosheit eine nackte Seite zeige,
Sisyphus; hunc varum distortis cruribus; illum
balbutit scaurum, parvis fultum male talis.
Parcius hic vivit? frugi dicatur. Ineptus
<50> et iactantior hic paulo est? concinnus amicis
postulat ut videatur. At est truculentior atque
plus aequo liber? simplex fortisque habeatur.
Caldior est? acres inter numeretur. Opinor,
haec res et iungit, iunctos et servat amicos.
<55> At nos virtutes ipsas invertimus, atque
sincerum cupimus vas incrustare. Probus quis
nobiscum vivit? multum est demissus homo; illi
tardo cognomen pingui damus. Hic fugit omnes
insidias, nullique malo latus obdit apertum:
und tut damit nichts mehr als jedem klugen,
nicht unvorsicht'gen Manne ziemt) uns heißt
er falsch und ränkevoll. Ein andrer, der
seiner Bonhommie (was mir, Mäcenas, gern
mit dir begegnet) falls er etwa dich
bei einem Buche oder in Gedanken antrifft,
ganz unbekümmert daß er dir vielleicht
beschwerlich fallen könnte, mit dem ersten
was in den Mund ihm kömmt, dich unterbricht:
Dem, sagt man, fehlt's sogar an Menschensinn.
So rasch sind wir, zu unserm eignen Schaden
ein wenig billiges Gesetz zu geben!
Denn wer von uns wird fehlerlos geboren?
Der ist der Beste, den die kleinsten drücken.
Es wäg' ein Freund, wie billig ist, mein Gutes
an meine Fehler, und schlägt jenes vor,
so neige seine Liebe sich dorthin.
Gefällt es ihm auf diesen Fuß von mir geliebt
zu sein, so werd' ich ihn auf gleicher Waage wägen.
Verzeihe selbst, wenn du Verzeihung brauchst,
<60> (cum genus hoc inter vitae versetur, ubi acris
invidia atque vigent ubi crimina) pro bene sano
ac non incauto, fictum astutumque vocamus.
Simplicior quis, et est qualem me saepe libenter
obtulerim tibi, Maecenas, ut forte legentem
<65> aut tacitum impellat quovis sermone, molestus:
communi sensu plane caret, inquimus. Eheu,
quam temere in nosmet legem sancimus iniquam!
Nam vitiis nemo sine nascitur: optimus ille est
qui minimis urguetur. Amicus dulcis, ut aequum est,
<70> cum mea compenset vitiis bona, pluribus hisce,
(si modo plura mihi bona sunt) inclinet. Amari
si volet hac lege, in trutina ponetur eadem.
und soll ich deinen Höcker übersehen,
so halte meine Warzen mir zugut.
Wofern uns aber nebst den übrigen
Gebrechen unsres albernen Geschlechts
der Zorn nicht gänzlich ausgeschnitten werden kann:
warum bedienet die Vernunft dabei
sich ihres Maßes, ihrer Waage nicht,
und ahndet jegliches Vergehen nur
so viel die Sache wert ist, und nicht mehr?
Wenn jemand seinen Knecht, der aus der Schüssel,
die abzutragen ihm befohlen war,
die halbgegeßnen Fische samt der lauen Brühe
verschlungen hätte, gleich dafür ans Kreuz zu schlagen
befähle, würde wer bei Sinnen ist
ihn nicht wahnsinniger als Labeo nennenAlle Handschriften die man noch gefunden hat, lesen Labeone, und die alten Scholiasten, welche eben so gelesen haben, stimmen darin überein, daß dieser Hieb (Labeone insanior) dem M. Antistius Labeo, einem unter den Rechtsgelehrten berühmten Namen, gelte; einem Manne, dessen Vater in den Zeiten, da Roms Freiheit die letzten Zuckungen tat, ein eifriger Anhänger der Cäsars-Mörder gewesen, und, weil er nach der unglücklichen Schlacht bei Philippi die Republik nicht überleben wollte, den Tod des Brutus und Cassius gestorben war. Labeo, der Sohn, hatte von dem Freiheitssinne seines Vaters soviel geerbt, daß er nach dem Ausdruck des TacitusAnnal. III. 75. sogar unter Augusts Oberherrschaft eine freie unverdorbene Seele erhielt; wiewohl er zur Zeit, da Brutus und die Pompejanische Partie noch den letzten Versuch tat die römische Freiheit zu retten, noch zu jung war, um selbst auf dieser Seite zu fechten. Er lag, wie es scheint, damals noch den vorbereitenden Studien ob, oder übte sich bereits unter dem berühmtesten der damaligen Rechtsgelehrten, C. Trebatius, in der Wissenschaft und Praxis des römischen Rechtes, worin er es in der Folge auf einen so hohen Grad von Stärke brachte, daß er und Atejus Capito für die ersten Männer in diesem Fache angesehen wurden. Beide, Labeo und Capito, waren, nach dem Ausdruck des Tacitus (l. c.) duo pacis decora (zwei Zierden des Zivil- Standes) unter Augusts Regierung. Sed Labeo incorrupta libertate (setzt er hinzu) et ob id fama celebratior: Capitonis obsequium dominantibus magis probabatur: Labeos unbestechliche Freiheit erwarb ihm mehr Ruhm und Popularität; den Capito hingegen machte seine gefällige Geschmeidigkeit den Gewalthabern angenehmer. Labeo, dem Charakter eines echten altrömischen ICtus getreu, lebte in dem Fesseltragenden Rom, als ob er nichts davon wüßte, daß sein Vaterland die Freiheit, die ihm von Rechtswegen zustund, de facto verloren hätte: und wiewohl dies kein Mittel war sich dem August angenehm zu machen, so war es doch, bei einem so furchtsamen Usurpator, dem es so sehr am Herzen lag, seiner Domination das Ansehen einer gesetzmäßigen, popularen und liebenswürdigen Regierung zu geben, ein unfehlbares Mittel, sich in Achtung zu setzen. Ein auffallender Beweis davon ist, daß, als August im Jahre der Stadt Rom 735 den Senat zu reinigen und gleichsam umzuschaffen nötig fand, Labeo einer von den dreißig Männern war, welche, unter eidlicher Verpflichtung, das Recht erhielten, jeder fünf Senatoren zu erkiesen. Bei dieser Gelegenheit war es, daß er die beiden Probstücke von Ungeschmeidigkeit ablegte, welche ihm sein Nebenbuhler Capito in einer vom Gellius aufbehaltnen Stelle eines seiner BriefeGell. Noct. Att. XIII. 12. so übel nimmt. Jeder Römer wußte, wie verhaßt dem August der alte Lepidus war, sein ehmaliger Kollege im Triumvirat, den er aber aller Gewalt beraubt, aus Rom verbannt, und ihm nichts als die Würde eines Pontifex Maximus gelassen hatte, die ihm wenigstens persönliche Unverletzlichkeit gewährte: und Labeo hatte nichts Dringenders als, dem August gleichsam zum Trotz, diesen Lepidus in den neuen Senat zu wählen. August konnte sich in der ersten Bewegung nicht enthalten, ihm hierüber seinen Unwillen mit großer Hitze zu bezeugen; und warf ihm vor, daß er durch Ernennung eines so unwürdigen Mannes wie Lepidus seinen Eid gebrochen habe. Jeder hat das Recht nach seiner Einsicht zu urteilen, antwortete Labeo ganz kaltblütig: warum sollte ich einen Mann, den du Pontifex Maximus sein lässest, nicht zum Senator gut genug findenDion. Cass. Hist. Rom. L. 54. c. 15. Sueton. in Aug. c. 54. cf. Vincent. Gravina, de O. et P. Juris Civil. §. 73.? Dies schien (sagt Dion) ein Wort zur rechten Zeit, und August beruhigte sich. Bald darauf wurde, zur Sicherheit der Person des Augusts, gegen welchen eine neue Verschwörung entdeckt worden war, im Senat vorgeschlagen: daß immer, der Reihe nach, einer von den Senatoren in seinem Vorzimmer wachen sollte. Was mich betrifft, sagte Labeo, ich tauge nicht zu diesem Amte; denn ich schnarche im Schlafe. Sueton scheint es dem August zum Verdienst anzurechnen, daß er diese und andere dergleichen Reminiszenzen der alten republikanischen Freiheit ungeahndet habe hingehen lassen. Indessen ist gewiß, daß Labeo sich dadurch nicht beliebter bei ihm machte; und Tacitus sagt ausdrücklich: August habe den Atejus Capito um so schleuniger zum Konsulat befördert, damit er durch diese Würde (welche damals, ungeachtet sie im Grunde ein bloßer Titel war, das höchste Ziel der Ambition eines Römers ausmachte) dem Labeo, der in der Rechtsgelehrsamkeit den Vorzug über ihn behauptete, wenigstens im Rang vorginge; und er gibt sehr deutlich zu erkennen, daß Labeo bloß wegen seiner altrömischen Denkart und Affektation einer Freiheit, die nicht mehr in diese Zeiten paßte, nicht höher als bis zur Prätur gestiegen sei; wiewohl der Rechtsgelehrte Pomponius sagt, August habe in der Folge auch ihm das Konsulat angetragen, er habe sich aber diese Ehre verbetenV. Joh. Bertrand, de Jurisperitis. L. I. p. 60..

Ich mußte diese historische Notiz, welche alles enthält was wir von der Lebensgeschichte dieses berühmten Rechtsgelehrten wissen, vorausschicken, um die Leser in den Stand zu setzen, die Frage: ob wohl der Labeo, von welchem Horaz hier als einem notorischen Tollhäusler spricht, und dieser M. Antistius Labeo eine und eben dieselbe Person sein könne? auf einen Blick zu entscheiden.

Der alte Scholiast, (dessen geringes Ansehen schon mehrmal bemerkt worden ist) sagt ganz dreiste ja, und versichert: »weil M. Antistius Labeo, gewesener Prätor, und ICtus, der Freiheit, worin er geboren war, eingedenk, sich (wie man sage) ziemlich viel gegen den August in Worten und Werken herausgenommen; so habe ihn Horaz, um Augusten seine Cour dadurch zu machen, wahnsinnig genannt.« Unzählige gelehrte Männer, und unter diesen alle Kommentatoren des Horaz, und beinahe alle Biographen der alten römischen Rechtsgelehrten, haben dies dem unbekannten Notenschmierer ohne mindestes Bedenken nachgesagt; und der Verfasser der Mémoires de la Cour d'AugusteVol. III. et L. XIV. p. 367. Horace même eut la foiblesse, pour plaire à cette cour servile, de lancer des traits pinquans contre Labeo, Cassius et Varron. Sa complaisance à cet égard ne fait pas honneur au poëte, à lui surtout, qui, comme eux, avoit autrefois été partisan de la bonne cause etc. macht unserm Dichter »eine so niederträchtige Schmeichelei oder Gefälligkeit gegen den Usurpator« zu einem desto größern Verbrechen, da er selbst so gut wie Labeo ehmals für die gute Sache gefochten habe. Der gelehrte und scharfsinnige Bentley ist, meines Wissens, der einzige unter den Kommentatoren, dem es auffiel, daß Horaz auf das bloße Wort eines elenden Scholiasten einer so niedrigen Handlung beschuldiget werden sollte, und dem es unerträglich war, diese Verleumdung auf ihm ersitzen zu lassen. Er wendet alles an, um zu zeigen, daß es moralisch unmöglich sei, daß unser Dichter, auch nur als ein Mann von Welt und Lebensart, fähig gewesen sein sollte, die Achtung, die er einer Person von Labeons Geburt, Würde, Ansehen und Verdiensten schuldig war, so gröblich aus den Augen zu setzen. Es wäre, meint er, nicht nur unedel, sondern selbst unpolitisch gewesen, dem August auf eine so schändliche Art den Hof machen zu wollen: kurz, Horaz müßte selbst toller als toll gewesen sein, um eine Person von solchem Charakter und Ansehen einen Tollkopf zu schelten. Und warum? Um dem August zu schmeicheln, der sich doch durch die edle und keinesweges unanständige Freiheit, welche Labeo sich zuweilen gegen ihn erlaubte, so wenig beleidigt fand, daß er ihm vielmehr die Prätur, das Prokonsulat des Narbonensischen GalliensDieses Prokonsulat muß wohl aus der Titulatur unsers Labeo ausgestrichen werden. Bentley scheint mit Joh. Bertrand (l. c.) durch eine mißverstandene Stelle des Plinius (Hist. Nat. XXXV. c. 4.) verleitet worden zu sein, unsern Antistius Labeo mit einem andern Atejus Labeo zu vermengen. Parvis gloriabatur tabellis, sagt Plinius, exstinctus nuper in longa senecta Ateius Labeo, praetorius, etiam proconsulatu provinciae Narbonensis functus. Mir ist unbegreiflich, wie ein Bentley hier Antistius lesen konnte. Wenn man auch annehmen könnte, daß unser Labeo über hundert und zehn Jahre alt worden wäre; (welches freilich nicht unmöglich ist) so ist doch beinahe ungereimt zu glauben, daß er ein Miniaturmaler, und noch dazu ein schlechter gewesen sein sollte. Denn, daß Plinius mit dem Worte gloriabatur soviel habe sagen wollen, als: diese kleine tabellae seien eine Grille des alten Mannes gewesen, der aus Liebhaberei in die Kunst gepfuschet habe, ist doch wohl deutlich genug. und eine Stelle unter den dreißig Senatoren, denen er die Besetzung des Senats auftrug, als eben so viele Beweise seiner Achtung und seines Vertrauens erteilte. – Mich dünkt, man müßte ganz außerordentlich an der schlimmen Reputation hangen, die unserm Dichter von seinen naseweisen Scholiasten und von Gelehrten, deren einer immer der Nachhall eines andern ist, gemacht worden, um über diesen Punkt nicht Bentleys Meinung zu sein. Indessen gestehe ich, daß ich noch einen von ihm nicht berührten Grund habe, warum ich überzeugt bin, daß der tolle Labeo des Horaz nicht der ICtus M. Antistius Labeo sein kann: und dieser ist, daß dieser weder ein Vir Prätorius, noch einer von den dreißig Wählern des neuen reformierten Senats vom Jahre 735, noch ein in hohem Ansehen stehender und verdienstvoller Mann, sondern noch ein sehr junger Mensch war, als Horaz diese Satire schrieb. Wir wissen zwar weder das eigentliche Jahr, wann er geboren wurde, noch wann er gestorben ist. Aber als sein Vater bei Philippi umkam, hatte er noch nicht einmal das Alter, worin ein junger Römer die ersten Kriegsdienste tat; oder wer könnte glauben, daß er seinen Vater, der unter den Häuptern der republikanischen Partei war, bei einer solchen Gelegenheit nicht begleitet haben würde? Daß er dies aber nicht getan habe, ist aus dem Stillschweigen des Dion, bei der umständlichen Beschreibung, die er von dem Tode Labeons, des Vaters, macht, mehr als nur wahrscheinlich. Das Alter, das ich unserm Labeo gebe, bestätigt sich auch aus dem Umstande, daß vor dem Jahre 735 gar keine Erwähnung von ihm geschieht. Wahrscheinlicherweise war er mit seinem Rival Capito ungefähr von gleichem Alter; Capito aber, wiewohl er beim August ganz vorzüglich in Gnaden stund, gelangte erst im Jahre 758 zur konsularischen Würde, und lebte bis ins Jahr 774. Man kann also sicher annehmen, daß die glänzende Periode dieser beiden Männer in die dreißig letzten Regierungsjahre des Augustus fällt; und daß Labeo, wenn er auch bei seiner Ernennung zu einem von den Wählern des neuen Senats bereits 40 Jahre gehabt hätte, doch nicht viel eher als um das Jahr 696 geboren sein konnte, und also zur Zeit, da Horaz diese Satire schrieb (d. i. um das Jahr 715 oder 16) noch viel zu jung war, um unter den damaligen Umständen, und nach der gänzlichen Unterdrückung der Partei, für welche sein Vater gestorben war, den Titel eines Tollkopfes durch sein öffentliches Betragen im Staate zu verdienen. Daß er ihn aber durch andere Jugend-Ausschweifungen verdient haben könnte, ist mit dem Charakter, den er in der Folge behauptete, eben so unverträglich, als mit Horazens Denkart, einen noch unbedeutenden jungen Mann bloß deswegen öffentlich zu beschimpfen, weil er vielleicht der Sache des Octavius Cäsar, die ihm das Leben seines Vaters kostete, weniger günstig war. Nimmt man nun alles dieses zusammen, so ist, deucht mich, wahrscheinlich genug, daß die Note des alten Scholiasten keine Aufmerksamkeit verdiene, und daß der tolle Labeo, von welchem Horaz spricht, irgend einer von den andern Labeonen gewesen sein müsse, deren es damals eine Menge gab. Denn Labeo war ein Beiname sehr vieler römischen Familien, die einander nichts angingen; und außer der Familie Antistia, von welcher ein jüngerer Zweig sich durch diesen Beinamen (Labeo) von den Antistiis Veteribus unterschied, finden sich Ateii oder Atinii, Asconii, Cethegi, Cornelii, Fabii, Pomponii und Segutii, welche alle den Beinamen Labeo führten. Aller Wahrscheinlichkeit nach war der Labeo, von welchem hier die Rede ist, physisch toll, oder toll zum Anbinden; und es war ohnezweifel eine so notorische Sache, daß Horaz sogleich einem jeden verständlich war, indem er sagt: Wenn einer seinen Sklaven, wegen einer solchen Kleinigkeit, ans Kreuz schlagen ließe, würden ihn alle Leute, die bei ihren Sinnen sind, für toller als den Labeo, d. i. für einen Unsinnigen, der ins Tollhaus gehört, halten. Wäre dieser Labeo nur ein moralischer Narr gewesen, so könnte, deucht mich, nichts frostiger sein als dies Labeone insanior, da von einer Handlung die Rede ist, deren man keinen seiner Sinne mächtigen Menschen fähig halten kann.

?
Und doch, wie viel wahnsinniger, einen Freund,
weil ers in einer Kleinigkeit versah,
die nur ein Mensch, mit dem gar nicht zu leben ist,
ihm nicht verzeihen konnte, gleich dafür
zu hassen und zu fliehenIch zweifle, ob es möglich wäre etwas zu ersinnen, das zu gleicher Zeit die Macht allgemeiner National-Vorurteile, selbst über die besten Menschen, und die entsetzliche Abschätzigkeit eines Sklaven bei den alten Römern, auffallender zu fühlen gäbe, als diese Stelle; wo ein so humaner Sterblicher als Horaz, mit so kaltem Blute, die Unmenschlichkeit, einen Sklaven deswegen zu kreuzigen weil er aus einer abgetragenen Schüssel genascht hat, in Vergleichung mit der Unbilligkeit und Unklugheit, einem Freunde irgend einen geringen Fehler nicht zu übersehen, für eine Kleinigkeit erklärt., wie den Ruso
Qui ne tuberibus propriis offendat amicum
postulat, ignoscet verrucis ipsius. Aequum est
<75> peccatis veniam poscentem reddere rursus.
Denique, quatenus excidi penitus vitium irae
cetera item nequeunt stultis haerentia: cur non
ponderibus modulisque suis ratio utitur, ac res
ut quaeque est, ita suppliciis delicta coercet?
<80> Si quis eum servum, patinam qui tollere iussus
semesos pisces tepidumque ligurrierit ius,
in cruce suffigat, Labeone insanior inter
sanos dicatur. Quanto hoc furiosius atque
maius peccatum est – paulum deliquit amicus
<85> quod nisi concedas habeare insuavis, acerbus
odisti et fugis ut Rusonem debitor aeris;
sein Schuldner flieht; der, wenn die traurigen Kalenden
gekommen sind, entweder Hauptgut oder
Intressen (komm' es nun woher es wolle)
herbeizuquälen, oder seinen Hals
wie ein Gefangener den bitterbösen
Geschichten, die er vorliest, darzurecken
genötigt istDer Scholiast macht, nach seiner Gewohnheit, eine Anmerkung zu dieser Stelle, die uns nichts mehr von der Sache sagt, als sich aus Horazens Worten schließen läßt. Octavius Ruso (sagt er) acerbus faenerator fuisse dicitur, item historiarum scriptor, ad quas audiendas significat solitum fuisse cogere debitores suos. Daß dieser Ruso ein Mann gewesen sein mußte, der Gelder auslieh und langweilige Historien schrieb, sagt der Dichter deutlich genug, daß es uns der Notenmacher nicht wieder zu sagen brauchte. Aber, daß Ruso seine Schuldner gezwungen habe, seine Historien anzuhören, sagt Horaz nicht. Sie zwangen sich wohl selbst, wenn sie nicht bezahlen konnten, ihm wenigstens durch diese Gefälligkeit, worauf er einen großen Wert legte, die Cour zu machen. Es ist ein eben so witziger als beißender Hieb, im Vorbeigehen, auf einen elenden Autor, der die Wut hatte, seine Werke vorzulesen. Man weiß, daß die Gewohnheit, alle seine Freunde und Bekannten zu solenner Vorlesung seiner Werke einzuladen, damals schon eine ziemlich gemeine Mode war, und daß es unter die Pflichten der Höflichkeit und Freundschaft gerechnet wurde, bei solchen Gelegenheiten zu erscheinen. Man zwang die Leute nicht zu kommen, sondern man lud sie ein. Entschuldigte sich wer konnte, wenn der Vorleser ein langweiliger Autor war! Aber Klienten und Schuldner, die um Aufschub baten, kamen freilich so leicht nicht weg; die mußten wohl erscheinen, wenn sie sich ihrem Patron oder Gläubiger nicht mißfällig machen wollten; und so stellten sie sich denn, wiewohl ungern genug, von selbst ein. Das ist alles, was der Leser wissen oder sich einbilden muß, um den Witz in diesem drolligten Scherz ganz zu fühlen.. Ein Freund hat trunknerweise
was Menschliches begangen, hat vielleicht
ein Näpfchen, von Euanders Hand gedrehtDie Ausleger sind uneins, ob hier von dem alten König Euander, den wir aus Virgils Äneis kennen, oder von Euander dem Künstler die Rede sei, der (wie der alte Scholiast, auf das Zeugnis derer qui de personis Horatianis scripserunt, berichtet) nach dem Tode des Triumvirs Antonius unter andern Gefangenen nach Rom gebracht worden sein und diese Hauptstadt der Welt mit einer Menge schöner Arbeiten bereichert haben soll. Bentley und Winkelmann sind der letztern Meinung; und Junius, in seinem Kommentar über das 34-, 35- und 36ste Buch des Plinius, vermutet, daß der Antonius Euander gemeint sei, von welchem Plinius meldet, daß er zu einer Statue der Diana von dem berühmten Bildhauer Timotheus, die damals im Tempel des Palatinischen Apollo stand, einen neuen Kopf gemacht habe. Man weiß, daß die Römer mit Schüsseln von künstlicher Arbeit großen Luxus trieben. Vielleicht waren diejenigen, welche Euander machte, eine Art von ägyptischem Porzellan, und wurden der schönen Arbeit und Form wegen besonders gesucht. Saumaise hat bewiesenSalmas. in Solin. p. 289., daß das Wort tritum soviel als tortum oder tornatum, gedreht, heißen könne; und so paßte sowohl dieses Wort, als der Zorn des Hausherrn über den Gast, der unvorsichtigerweise ein zerbrechliches Gefäß von solchem Werte vom Tisch herabgestoßen, sehr gut auf eine Art von feiner Töpferarbeit. – Diejenigen, welche diesen catillum Euandri manibus tritum lieber zu einer Antiquität aus des uralten Hirtenkönigs Euanders Küche machen wollen, berufen sich auf ein Epigramm des Martial (L. VIII. 6.) wo ein gewisser alter Geck, Euctus, sich viel mit dem hohen Altertume seiner Trinkgeschirre weiß und lauter berühmte Namen aus der Heldenzeit als ehmalige Besitzer derselben nennt; aber freilich waren seine Trinkgeschirre von Silber: König Euander hingegen vermochte schwerlich andere als hölzerne oder irdene Becher. Tritum bedeutete dann soviel als abgenutzt. Der Sinn scheint mir aber bei dieser Auslegung so gezwungen, daß ich in der Übersetzung lieber Bentleys seiner gefolget bin.,
vom Tisch herabgestoßen: soll er mir
deswegen, oder weil er etwa hungernd
ein Hühnchen aus der Schüssel sich gelangt
das mir vorüberlag – soll er darum
mir minder lieb sein? Nun, was könnt' ich tun,
wenn er gestohlen oder vor Gericht
mir seine Handschrift abgeleugnet hätte?
Die Herren, die an Gleichheit aller Sünden
Belieben tragen, finden, wenn's um Wahrheit gilt,
viel Schwierigkeit: Gefühl und Sitten stehn entgegen;
ja selbst das Nützliche, das als die Mutter
von Recht und Billigkeit gewissermaßen
betrachtet werden kannHier fängt die Disputation mit den Stoikern an, deren bekanntes Paradoxon, »alle Handlungen sind, insofern sie recht oder unrecht sind, gleich recht oder unrecht«, Horaz bei dieser Gelegenheit in dem Geiste und Tone eines echt Sokratischen Dichters bestreitet, welcher dialektischen Subtilitäten gemeinen Menschenverstand entgegensetzt, und seine Begriffe von menschlichen Dingen vielmehr aus der Erfahrung und den Jahrbüchern der Welt geschöpft, als aus ontologischen Abstraktionen abgeleitet hat. Sein Räsonnement über diese Sache ist folgendes. Der allgemeine Menschensinn, (Sensus communis) das, was bei allen polizierten Völkern Sitte ist, (mores) und das allgemeine Interesse, (utilitas) stehen dem Stoischen Grundsatze, der hier bestritten wird, gleich stark entgegen. (v. 97. 98.) Am Ende ist es doch bloß das was der ganzen Gattung nützlich ist, was die Menschen in Bestimmung des Unterschiedes zwischen Recht und Unrecht geleitet hat, und worauf es bei der Entscheidung dessen, was recht und billig sei, in den vorkommenden Fällen ankam. Als die Menschen noch in ihrer ersten natürlichen Roheit in den Wäldern der ungebauten Erde herumzogen, hatten sie noch keine Begriffe von Gesetzen und Pflichten. Sie suchten bloß ihre Naturtriebe zu befriedigen, und wenn Kollisionen entstanden, entschied die Stärke. Die natürlichste Folge davon war ein allgemeiner Krieg, (bellum omnium contra omnes) der sich mit Aufreibung der ganzen Gattung hätte endigen müssen, wenn nicht etwas in dem Menschen wäre, dessen Entwicklung ihm eben so natürlich ist, als das Wachstum seines Körpers und die Entfaltung seiner tierischen Kräfte. (v. 98–103.) Dieses Etwas entwickelt sich in den Menschen, so wie sie, durch einen ebenfalls natürlichen Trieb, eine Sprache erfunden haben, mittelst welcher sie ihre Begriffe festhalten, ihre Gefühle zu Gedanken erheben, und ihre Gedanken einander mitteilen können. Von diesem Augenblick an gewinnt das menschliche Leben eine andere Gestalt; die tierische Wildheit verschwindet; das Gefühl des unendlichen Ungemachs, das sie in jenem Zustande erlitten, leitet sie auf die Idee einer gesellschaftlichen Einrichtung. Sie sehen, daß sie um ihres eigenen Bestens willen ihren Trieben Schranken setzen, ihren Leidenschaften Zügel anlegen lassen müssen; und so wird die Furcht vor dem Unrecht, d. i. das Verlangen von den verderblichen Folgen einer gesetzlosen Freiheit befreit zu werden, die Mutter des Rechtes, oder der ersten positiven Gesetze, welche die Vernunft den Menschen gibt, und wodurch alle gewalttätigen Handlungen oder Beschädigungen eines andern, weil sie mit der Ruhe und dem gemeinschaftlichen Wohlstande der Gesellschaft geradezu unverträglich sind, für unrecht oder für Beleidigungen erklärt und einer gemeinschaftlichen Rache unterworfen werden. (v. 103–112.) Diese Rache, welche die Gesellschaft an ihren Beleidigern nimmt, konnte, ohne in das alte Ungemach zu verfallen, nicht der Willkür der einzelnen beleidigten Personen überlassen werden: denn die Natur allein lehrt den Menschen das, was in jedem Falle Recht oder Unrecht ist, nicht eben so sicher unterscheiden, als sie jeden durch das bloße Gefühl lehrt, was ein Übel oder ein Gut für ihn ist; im Gegenteil, der Zorn, der uns bei einer erlittenen Beleidigung erhitzt, würde in der Rache immer die Grenzen der Billigkeit überspringen. Die Gesetze müssen es also sein, die das Strafamt in der Gesellschaft verwalten; und da es bei Bestimmung der Strafen hauptsächlich auf die Beschädigung ankommt, welche die Gesellschaft oder auch der unmittelbar beleidigte Teil erlitten hat; und kein Mensch von gesundem Verstande in dieser Hinsicht behaupten wird, daß es gleich viel sei, ob einer eine Rübe aus des andern Garten auszieht, oder ob er einen Tempel beraubt, ob er jemanden eine Beule in den Kopf geschlagen, oder seinen eigenen Vater erdrosselt hat: so kann auch mit Vernunft nicht behauptet werden, daß diese Verbrechen gleiche Strafe verdienen; und so ist klar, daß Strafgesetze nötig sind, welchen die Billigkeit zur Grundlage dient, vermöge deren die Verbrechen nach dem Verhältnisse des Schadens, den sie der Gesellschaft tun, bestraft werden. (v. 113–129.). Als aus dem neu-
qui, nisi cum tristes misero venere Calendae
mercedem aut nummos unde unde extricat, amaras
porrecto iugulo historias, captivus ut, audit.
<90> Comminxit lectum potus, mensave catillum
Euandri manibus tritum deiecit; ob hanc rem,
aut positum ante mea quia pullum in parte catini
sustulit esuriens, minus hoc iucundus amicus
sit mihi? Quid faciam, si furtum feccrit? aut si
<95> prodiderit commissa fide? sponsumve negarit?
Queis paria esse fere placuit peccata, laborant,
cum ventum ad verum est: sensus, moresque repugnant,
atque ipsa utilitas, iusti prope mater et aequi.
erwärmten Erdenschlamm die ersten Menschentiere,
ein stummes ungestaltes Vieh, hervor
gekrochen kamenHoraz, wiewohl seine Moralphilosophie gewöhnlich einen Lehrling und Freund der Sokratischen Schule verrät, (an welche sich auch Epikur in der Moral sehr genau anschloß) scheint, was seine Begriffe vom Weltall und vom Ursprung der Dinge betrifft, die Vorstellungsart der Epikuräer von diesen Dingen, die über unsern Horizont gehen, (quae supra nos, in welche sich Sokrates entweder gar nicht einließ, oder, wenn er es ja tat, nur auf eine sehr populäre Art, und ad hominem darüber philosophierte) für die natürlichste, und vielleicht für die bequemste für ihn gehalten zu haben. Es ist daher um so weniger zu verwundern, daß er sich den Ursprung der Menschen eben so gedacht hat wie Lukrez: da beinahe alle kultivierten Völker gestanden haben, und gestehen mußten, daß eine Zeit war, wo ihre Vorfahren in Wäldern irrten, Eicheln aßen, und, weil sie noch keine positiven Gesetze kannten, in allen Fällen, wo ihre Leidenschaften in Zusammenstoß gerieten, durch das physische Gesetz, kraft dessen der Stärkere den Schwächern überwältigt, (abusive oder zum Scherz das Recht des Stärkern genannt) den Handel zu Ende brachten. Der Dichter mußte übrigens in seiner Deduktion gegen die Stoiker so weit ausholen, weil er gegen sie zu beweisen hatte: daß die Theorie von Recht und Unrecht eine Folge und Frucht der Kultur, oder (mit andern Worten) daß sie dem Menschen nicht natürlicher und angeborner sei, als Sprache, Kleidung, Wohnung, gesellschaftliche Verbindung, Kunstfleiß, und alles übrige, wodurch er sich von den sprachlosbleibenden Tieren unterscheidet: als welches alles zwar in der Anlage der menschlichen Natur enthalten ist; aber doch nicht anders, als nach und nach, langsam, und mit Hülfe einer Menge befördernder Umstände zum Vorschein kommt und zu einem gewissen Grad von Vollkommenheit gebracht wird., kämpften sie um Eichelmast
und um ein Lager erst mit Faust und Klauen,
mit Knitteln dann, hernach mit andern Waffen,
womit Gebrauch und Kunstfleiß sie versah:
bis sie zuletzt, statt wilder Töne, Worte,
und zu Bezeichnung dessen was sie fühlten
die Sprach' erfanden. Nun begannen sie
vom Kriegen abzulassen, und in friedlicher
Gemeinschaft Städte zu befesten, und Gesetze
zu geben, die dem Diebstahl und dem Ehbruch wehrten.
Denn lange vor Helenen war – ein Weibchen
der Gegenstand und Zunder wilder Fehden;
(nur daß, sie zu besingen, kein Homer sich
damals fand.) Sie fielen namenlos,
die, wenn (nach andrer wilden Tiere Art)
erhitzte Brunst sie wiehernd auf die erste
die beste Sie, die ihnen aufstieß, sprengte,
der Stärkere, gleich dem Stier in einer Herde,
zu Boden stieß. Zieht die Annalen nur
Cum prorepserunt primis animalia terris,
<100> mutum et turpe pecus, glandem atque cubilia propter
unguibus et pugnis, dein fustibus, atque ita porro
pugnabant armis, quae post fabricaverat usus;
donec verba, quibus voces sensusque notarent,
nominaque invenere. Dehinc absistere bello,
<105> oppida coeperunt munire, et ponere leges,
ne quis fur esset neu latro neu quis adulter.
Nam fuit ante Helenam cunnus taeterrima belli
causa: sed ignotis perierunt mortibus illi,
quos, Venerem incertam rapientes more ferarum,
<110> viribus editior caedebat, ut in grege taurus.
der ersten Welt zu Rat, ihr werdet mir
gestehen müssen, daß die Furcht vor Unrecht
das Recht erfand. Wenn also die Natur allein
uns nicht, so wie was gut und böse, was zu meiden,
was zu begehren ist, so auch in jedem Falle
das Recht vom Unrecht unterscheiden lehrt;
und die subtilste Dialektik nie
uns überzeugen wird, daß einen Kohlstrunk
in eines andern Garten abzubrechen
und einen Tempel nächtlich auszurauben
gleich große Sünden sind: so braucht es doch
wohl einer Vorschrift, die auf jede Sünde
nach Billigkeit gemeßne Strafen setze;
damit du den mit Geißeln nicht zerfleischest,
der kaum der mildern Peitsche würdig war.
Denn daß du je die Rute statt des Beils
ergreifest, ist von dir nicht zu besorgen,
du, welcher Dieberei und Straßenmord
in eine Reihe stellst, und groß und klein
mit gleicher Sense niederhiebest, wenn
die Menschen dich regieren lassen wollten.
Iura inventa metu iniusti fateare necesse est,
tempora si fastosque velis evolvere mundi.
Nec natura potest iusto secernere iniquum,
dividit ut bona diversis, fugienda petendis:
<115> nec vincet ratio hoc, tantundem ut peccet idemque,
qui teneros caules alieni fregerit horti
et qui nocturnus divum sacra legerit. Adsit
regula, peccatis quae poenas irroget aequas:
ne scutica dignum, horribili sectere flagello.
<120> Nam ut ferula caedas meritum maiora subire
verbera, non vereor, cum dicas esse pares res
furta latrociniis, et magnis parva mineris
Wiewohl, was brauchtest du zu wünschen was du hast?
Denn, wenn der Weise, als ein solcher, reich,
ein guter Schuster, und alleine schön ist,
warum nicht auch ein König? – »Wie ich sehe
(erwidert er) verstehst du schlecht was VaterChrysippus, der unmittelbar nach dem Kleanthes den philosophischen Lehrstuhl des Stifters der Stoischen Sekte, Zenon, behauptete, heißt hier Vater Chrysippus, weil er bei den Stoikern in so hohem Ansehen stand, daß man von ihm zu sagen pflegte: ohne Chrysippus würde keine Stoa sein. Er war im eigentlichsten Verstande ein Doctor subtilissimus, und einer der schärfsten Gegner der Epikuräischen Sekte. Allein, mit allem Ansehen, worin er bei den Seinigen stand, ist doch von den 705 Büchern, die er geschrieben haben soll, kein einziges bis auf uns gekommen; und es scheint nicht, daß die Welt viel dabei verloren habe.
Chrysippus sagt: wenn gleich der Weise nie
sich Stiefeln machte, noch die Schuhe sich
besohlte, ist der Weise doch ein Schuster.«
Wie so? – »Gerade wie Hermogenes
auch wenn er schweigt ein großer Sänger ist,
und wie der pfiffige AlfenDie gemeine Meinung der Ausleger, welcher auch die Lebensbeschreiber der alten ICtorum, die Kommentatoren des Pomponius, und eine Menge anderer Gelehrten folgen, ist, daß die Rede hier von dem berühmten Publ. Alfenus Varus, einem der eminentesten Rechtsgelehrten des Augustischen Zeitalters, sei. Diese Meinung hat keinen andern Gewährsmann als den alten Scholiasten und seine Abschreiber, deren Gültigkeit wir bereits kennenSeine Worte sind: Urbane satis (Horatius) illum irridet, qui abiecta sutrina, quam in municipio suo Cremonensi exercuerat, Romam venit, magistroque usus M. Sulpicio, ICto, ad tantam pervenit scientiam, ut et consulatum gereret et publico funere efferretur.. Mir ist nicht unwahrscheinlich, daß uns dieser Scholiast hier wieder seinen gewöhnlichen Streich gespielt hat. Er wußte nicht, wer der Alfenus des Horaz war: aber der ICtus, P. Alfenus Varus von Cremona, (der mit dem P. Alfinius des Dion, und dem P. Alfinius, der im J. 754 Konsul war, eine und eben dieselbe Person ist) war ihm desto bekannter: er zweifelte also nicht, daß Horaz von diesem Alfenus rede, und nun meldet er uns, daß dieser Rechtsgelehrte ehmals zu Cremona das Schusterhandwerk getrieben habe, als ob ihm diese Anekdote anderswoher bekannt wäre, ungeachtet er sie bloß aus dern Horaz selbst genommen hat. – Nun wäre es zwar nicht unmöglich, daß eines Cremonesischen Schusters Sohn in seiner ersten Jugend eine Zeitlang die Profession seines Vaters getrieben hätte, und weil er sich nicht zum Schuster berufen gefühlt, nach Rom gegangen, ein Schüler des Serv. Sulpicius, ein großer Rechtsgelehrter, und endlich Konsul geworden wäre. Es ist aber eben so möglich, daß Horaz einen ganz andern Alfenus gemeint hat. Man konnte ein Schuster gewesen sein, das Handwerk aufgegeben haben, und hundert andere Dinge treiben, ohne daß es gerade Juristerei sein mußte. Aber nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich, ja beinahe augenscheinlich ist es, daß der Dichter einen andern Alfenus im Sinne hatte. Alfenus, der Rechtsgelehrte, überlebte unsern Dichter um viele Jahre; dieser aber spricht von seinem Alfenus als einem, der damals nicht mehr lebte, erat; welches erat einen ungereimten Sinn gäbe, wenn Alfenus noch gelebt hätte. Denn da wäre schlechterdings notwendig gewesen, est zu setzen, weil gerade darauf die Spitze des Stoischen Arguments steht: »der Weise ist (virtualiter) ein Schuster, auf eben die Art, wie ein Schuster, der das Handwerk aufgegeben hat, noch immer Schuster ist, weil er es wirklich sein kann, sobald er will.«Man könnte hier einwenden: wie denn Horaz unmittelbar vorher vom Tigellius anstatt erat: est habe sagen können, da doch Tigellius auch nicht mehr lebte? Ich antworte: 1) Man kann in diesem Zusammenhang wohl est für erat setzen, wenn die Rede von einem Verstorbenen, aber nicht erat für est, wenn die Rede von einem noch Lebenden ist. 2) Hermogenes steht hier nicht eigentlich für sich selbst, sondern für jeden großen Sänger; so wie man ein Apelles, ein Lysippus, für: ein großer Maler oder Bildhauer, zu sagen pflegt. – Eben da ich dieses geschrieben habe, sehe ich, daß der berühmte Utrechtische Antecessor, Everard Otto, in seinem P. Alfenus Varus ab injuriis veterum et recentiorum liberatus (Thesaur. Jur. Rom. Vol. V. c. 3. p. 1643) das nämliche Argument geltend gemacht und überhaupt so gute Gründe beigebracht hat, die ehrsame Schuster-Innung aus dem ungerechten Besitz der Ehre, die ihnen bisher durch diesen fast allgemeinen Irrtum der Gelehrten zugewachsen, herauszuwerfen, daß es überflüssig wäre, noch ein Wort darüber zu verlieren. – Übrigens scheinen mir die von Bentley beigebrachten Gründe hinreichend, statt des gewöhnlichen sutor, des Scholiasten ungeachtet, tonsor (Barbier) zu lesen., nach weg-
geworfnem Bartzeug und geschloßner Bude doch
Barbier war: eben so ist auch allein
der Weise Meister jeder Kunst, mithin
auch König.« – O gewiß! nur Schade, daß
die Gassenjungen nichts von deinem Rechte
zu wissen scheinen, wenn sie, ohne Scheu,
auf offner Straße dich beim Barte zupfen,
und, wie du auch dich sträubst und um dich bellstEine mutwillige Anspielung auf die nahe Verwandtschaft der Stoischen Sekte mit der Cynischen oder Hündischen.,
falce recisurum simili te, si tibi regnum
permittant homines. Si dives qui sapiens est,
<125> et sutor bonus et solus formosus, et est rex,
cur optas quod habes? – »Non nosti, quid pater (inquit)
Chrysippus dicat: Sapiens crepidas sibi numquam
nec soleas fecit, sutor tamen est sapiens.« – Quo? –
»Ut quamvis tacet Hermogenes, cantor tamen atque
<130> optimus est modulator: ut Alfenus vafer, omni
abiecto instrumento artis clausaque taberna,
tonsor erat: sapiens operis sic optimus omnis
est opifex solus, sic rex.« – Vellunt tibi barbam
lascivi pueri; quos tu nisi fuste coerces,
dich so zusammendrücken, daß du bersten möchtest,
und ihrer los zu werden, deine Majestät
den Knotenstock zuletzt erheben muß.
Doch, laß uns enden. Du, Herr König, ohne Hof,
und von dem Plaudermatz CrispinHoraz charakterisiert den Crispinus (den wir schon aus dem Schluß der ersten Satire kennen) mit dem Beiworte ineptus, wofür unsre Sprache so wenig als (nach Ciceros Bemerkung) die griechische ein völliges Äquivalent hat. »Dieses Wort«, läßt er in seinem oratorL. II. c. 4. den Cäsar sagen, »hat mir immer eines der bedeutungsvollesten in der lateinischen Sprache geschienen, und der Gebrauch hat ihm einen sehr weiten Umfang gegeben. Denn wer im Reden nicht auf Zeit und Umstände sieht, wer zuviel schwatzt und sich selbst zu gern hört, oder prahlt, oder nicht Acht darauf hat, was sich für die Würde der Personen, mit denen er es zu tun hat, schickt, oder ob das, was er ihnen sagt, sie interessieren kann, oder ob es ihnen auch gelegen ist, ihn zu hören; kurz, wer, auf welche Art und bei welcher Gelegenheit es sein mag, unschicklich, wortreich und langweilig spricht, heißt uns ineptus. Ein Fehler, womit vornehmlich die hochgelehrten Griechen (eruditissima illa Graecorum natio) bis zum Übermaß begabt sind. Daher kommt es vermutlich, daß sie für diese Unart, deren Häßlichkeit ihnen nie aufgefallen ist, auch kein Wort in ihrer Sprache haben. Unter allen Ineptiis aber, deren Menge unzählbar ist, ist meines Erachten, schwerlich eine größere, als (wie sie zu tun pflegen) ohne mindeste Rücksicht auf Ort, Zeit, und Personen, über die abstraktesten und unnötigsten Dinge von der Welt, mit der subtilsten (und langweiligsten) Spitzfindigkeit zu disputieren.« – Weil es mir wahrscheinlich scheint, daß Crispinus (den uns Horaz, wo er seiner erwähnt, als einen albernen, abgeschmackten Pedanten schildert) besonders in dieser letzten Art von Ineptien stark war: so habe ich für das, was er durch ineptus hier vornehmlich auszudrücken scheint, kein schicklicheres Wort gefunden, als Plaudermatz, welches zwar nicht edel und nur aus dem gemeinen Leben genommen ist, (vox de medio sumpta, wie unser Dichter dergleichen Wörter v. 243. der Art. Poeticae nennt) aber eben darum, was er hier sagen soll, desto kräftiger sagt. Im Französischen würde vieux radoteur dieses ineptus besser ausgedrückt haben, als das zu allgemeine Wort sot, dessen sich Batteux bedient hat. allein
begleitet, geh und laß im nächsten Bade dich
um einen QuadransEine kleine Kupfermünze, die ungefähr einen Pfennig unsers Geldes betrug. Gemeine Leute, die sich der öffentlichen Bäder bedienten, zahlten dafür nicht mehr als einen Quadrans. scheuern: ich will unterdessen
so oft ich was aus Torheit fehle, wie bisher,
auf meiner Freunde Nachsicht rechnen, wie
auch sie hinwieder auf die meine zählen können;
und hoffe besser mich als ein gemeiner Mann
dabei zu stehn, wie du bei deinem Königreiche.
<135> urgueris turba circum te stante, miserque
rumperis, et latras, magnorum maxime regum.
Ne longum faciam, dum tu quadrante lavatum
rex ibis, neque te quisquam stipator, ineptum
praeter Crispinum sectabitur: et mihi dulces
<140> ignoscent, si quid peccaro stultus, amici,
inque vicem illorum patiar delicta libenter,
privatusque magis vivam te rege beatus.
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