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Horazens Satiren

Horaz: Horazens Satiren - Kapitel 7
Quellenangabe
typesatire
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Satiren
pages575
created20001125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Ambubajen-Chöre, Scharlatane,
Zigeuner, Tänzerinnen, PflastertreterEs scheint von Scaligern und andern hinlänglich erwiesen zu sein, daß die Ambubajen ihren Namen nicht von Ambu und Bajä, sondern von dem syrischen Worte Abub oder Anbub, welches eine Art von Flöten bezeichnet, bekommen haben. Es waren Truppen herumziehender syrischer Pfeiferinnen, die neben ihrem musikalischen Gewerbe noch ein anderes trieben, das nicht unter dem Schutze der Musen steht; daher sie Sueton im 27sten Kapitel seines Nero mit den Priesterinnen der Venus volgivaga ohne Bedenken in eine Reihe stellt. Pharmacopolä waren zu Horazens Zeiten nicht was wir Apotheker nennen, sondern Quacksalber, die sich für Ärzte gaben, mit Arcanis, Universalarzneien, Mithridat, Rattengift, Mitteln gegen die Würmer, und dergleichen auf den Märkten herumzogen, und vermutlich, wie die Ambubajen, neben ihrer Haupt-Profession noch andere trieben, wodurch sie sich dem Virtuosen Tigellius empfahlen. – Unter den Mendicis (Bettlern) versteht Torrentius nicht unwahrscheinlich die angeblichen Isis-Priester, Chaldäer, Wahrsager, Geisterseher und dergleichen Gesindel, wovon es schon damals zu Rom und in ganz Italien wimmelte, und die gewöhnlich die Bettler-Profession nebenher trieben. Ich habe also, nicht unschicklich wie ich hoffe, Zigeuner dafür gesetzt. Endlich bedarf das Wort Balatronen, (welches ich durch Pflastertreter ersetzt habe) noch einer Erklärung. Der Scholiast Akron scheint zu glauben, Horaz habe hier einem gewissen Servilius Balatro (einem von den Parasiten, denen wegen ihres Talents im Spaßmachen die Tafel des Mäcens offen stand) die Ehre angetan, seinen Namen zum allgemeinen Geschlechtsnamen oder Ehrentitel aller Schmarotzer und lustigen Tischräte zu machen. Einige Ausleger berufen sich dagegen auf den Varro de Re rustica, wo dieses Wort in der Bedeutung heilloser Buben von Sklaven, denen mit der Peitsche gedroht wird, vorkommt. Aber dies allein beweiset um so weniger gegen Akron, weil Varro sein Werk von der Landwirtschaft ungefähr um eben die Zeit schrieb als Horaz seine Satiren publizierte; und also wohl möglich wäre, daß das Wort Balatronen, durch den Gebrauch, den unser Dichter davon macht, und in dem Sinne, worin er es nimmt, eben so gäng und gebe geworden wäre, als bei uns vor einiger Zeit die Wörter Abderitenstreich, Bonzengift, und dergleichen. Indessen, da balatro (nach dem Festus) ein altes lateinisches Wort war, das eigentlich die Kotklunkern bezeichnete, die sich an die Schuhe ansetzen, wenn man bei schlechtem Wetter durch die Straßen geht: so ist mir viel wahrscheinlicher, daß es schon vor Horazens und Varrons Zeiten verächtlicherweise von Schmarotzern gebraucht worden, Denn daß Horaz, dessen Sache Übermut und Skurrilität gar nicht war, einen Menschen, den Mäcenas wohl leiden mochte, und der vermutlich um diese Zeit nicht selten sein Tischgenosse an den Tafeln der Großen und Reichen war, (wie beides aus der letzten Satire des zweiten Buches sich schließen läßt) auf eine so empfindliche Art beleidigt haben sollte, seinen Zunamen, wenn er nicht bereits das Äquivalent von Tellerlecker gewesen wäre, erst zu einem Schimpfworte zu stempeln, und mit H**n und Bettlern zusammenzustellen, ist mir auf keine Weise glaublich.,
und was in diese saubre Zunft gehört,
sind durch Tigellius, des Sängers, TodDieser Virtuose, dessen ganzer Name Marcus Tigellius Hermogenes war, spielte (wie einige seiner Profession in unserm Jahrhundert) keine kleine Rolle in den Zeiten, in welche die Jugend unsers Dichters fiel. Die Schönheit seiner Stimme und die höfische Geschmeidigkeit seines Charakters hatten ihn schon bei dem Diktator Julius Cäsar in solche Gunst gesetzt, daß ihn Cicero in einem Briefe an Fabius Gallus (wiewohl nicht um dem Diktator Ehre dadurch zu machen) unter die familiarissimos desselben setzt. Cicero hatte sich damals die Ungnade dieses Sängers zugezogen, und der ganze Brief handelt von nichts als dieser Sache, die dem großen Konsularen nicht so gleichgültig war, als er das Ansehen haben wollte. »Selbst in jenen Zeiten (schreibt er) da unser Ansehen und Einfluß allvermögend schien, (cum regnare existimabamur) wurde uns von niemand so der Hof gemacht, wie von den Günstlingen und Vertrauten Cäsars, diesen einzigen Tigellius ausgenommen; aber ich halte es für Gewinn, mit einem Menschen übel zu stehen, der noch verpesteter ist als die Luft seines Vaterlandes.« (Tigell war ein Sardinier.) Vermutlich machte dieser Mensch sein Glück bei Cäsarn und seinem Neffen, dem nochmaligen Augustus, durch eben die sittlichen Eigenschaften, wodurch er einem Manne wie Cicero verächtlich werden mußte. Genug, er war einer von den Glücksbastarden, die in den heillosen Zeiten der Triumvirate durch angenehme Talente, und durch das einträglichste unter allen, das Talent sich alles gefallen zu lassen und zu Diensten, wozu sich kein ehrlicher Mann brauchen läßt, brauchbar zu sein, das Mittel fanden, sich bei den Großen in Gunst zu setzen, eine Figur zu machen, in den besten Gesellschaften willkommen zu sein oder doch geduldet zu werden, und Reichtümer zu erwerben, welche sie eben so leicht verschwendeten als erworben hatten. Wie Tigellius mit den seinigen wirtschaftete, davon braucht es keinen redendern Beweis als die allgemeine Trauer, in welche, wie Horaz sagt, sein Tod, der um diese Zeit (wie es scheint) erfolgt war, alle Tänzerinnen und Pfeiferinnen, Baladins, Scharlatans und Pflastertreter in Rom, versetzte, die in ihm einen so gütigen Patronen und Wohltäter verloren hatten. Quippe benignus erat!
in großes Leid versetzt. – »Es war ein gar
so güt'ger Herr!« – Hingegen würd' ein andrer,
aus Furcht für einen Prasser ausgeschrien
zu werden, einem armen Freunde
in seiner größten Not nicht soviel geben,
um Frost und bittern Hunger abzutreiben.
Fragt den, warum er seiner Ahnen rühmlich
erworbnes Gut undankbarlich verprasse,
und hohe Zinsen gebe, um nur alles
was eßbar ist auf seinem Tisch zu haben?
so sagt er, es gescheh', um nicht für einen Knicker
und Mann von kleinem Geiste zu passieren.
Das heißt durch seiner Tafelfreunde Lob
sich für den Tadel aller übrigen
entschädigt halten! Ein Fufidius hingegen,
den bösen Ruf von einem Taugenichts
    Ambubaiarum collegia, pharmacopolae,
mendici, mimae, balatrones, hoc genus omne
maestum ac sollicitum est cantoris morte Tigelli;
quippe benignus erat! Contra hic, ne prodigus esse
<5> dicatur metuens, inopi dare nolit amico,
frigus quo duramque famem depellere possit.
Hunc si perconteris, avi cur atque parentis
praeclaram ingrata stringat malus ingluvie rem,
omnia conductis coemens obsonia nummis?
<10> sordidus atque animi quod parvi nollet haberi
respondet. Laudatur ab his, culpatur ab illis.
und Prasser scheuend, legt sein Geld zugleich
an Gründe und auf hohe Zinsen an,
drückt seinen Schuldner desto mehr, je tiefer
er steckt, und dient besonders gar zu gern
auf Wechsel, gegen fünf pro Zent des Monats,
gleich abgezogen, jungen Herr'n von Stande
die über harte Väter klagenIch habe hier, wie man sieht, eine kleine Versetzung vorgenommen, die aber dem Sinne des Autors vollkommen gemäß ist, und (wie mich deucht) den Effekt des Bildes vermehrt. Übrigens bin ich, was den Sinn der Worte quinas capiti mercedes exsecat betrifft, dem Torrentius gefolgt. Fufidius nahm fünf Prozent vom Kapital voraus; und weil nach römischer Gewohnheit alle Monate Zins gegeben werden mußte, und diese 5 Prozent also jährlich 60 Prozent ausmachten: so fehlte es den jungen Herren in Rom nicht an Gelegenheit, ihres Erbteils noch bei Lebzeiten ihrer Väter bei ihm und seines gleichen los zu werden.. Großer Zeus!
ruft wer dies hört. – Doch (denkt man) wenigstens
wird einer, der so viel gewinnt, dafür
was auf sich selber wenden? – Weit gefehlt!
Ihr könnt nicht glauben, wie der Mann so wenig
sein eigner Freund ist! Jener komische
Selbstquäler in Terenzens Lustspiel, dem
sein Sohn entlief, bestraft nicht grausamer
des Buben Unart an sich selbst. – Was ich
mit allem diesem wolle, fragst du? – dies!
Wenn Narren sich vor Lastern hüten wollen,
so laufen sie in die entgegenstehenden.
Malchinus zieht in ungeschürzten RöckenWer sollte sich vorstellen, daß es Ausleger gegeben hat, die auf das Wort eines alten Scholiasten für eine ganz ausgemachte Sache annahmen, daß Horaz unter diesem Malchinus oder Malthinus (wie einige Handschriften lesen) den Mäcenas habe lächerlich machen wollen? Baxter scheint nichts natürlicher zu finden als einen solchen Spaß, und hat die Albernheit, dieses für eines von den Beispielen anzusehen, welche Persius im Auge gehabt, da er sagt:
Omne vafer vitium ridenti Flaccus amico
tangit, et admissus circum praecordia ludit.

Das wäre eine feine Schlauheit an Horaz gewesen, und Mäcen hätte es wohl sehr lustig finden müssen, von einem Dichter, den er liebte, den er mit seinem vertrautern Umgang beehrte, den er mit Beweisen seiner Zuneigung überhäufte, kurz von dem er die stärkste persönliche Ergebenheit zu erwarten so viele Ursache hatte, so geradezu und öffentlich für einen Narren erklärt zu werden! – »Aber (sagen die schlauen Leute, die sich so gut darauf verstehen wie ein Horaz mit einem Mäcenas scherzt) dieser Zug paßt doch völlig auf den Mäcenas: denn, versichert nicht Vellejus Paterculus, Maecenatem otio et mollitiis paene ultra feminam fluxisse, er habe sein Leben in mehr als weibischer Weichlichkeit vertändelt? und wirft ihm Seneca nicht ausdrücklich vor, daß er immer solutis tunicis (welches mit demissis einerlei ist) in der Stadt herumgegangen sei? Und dies sogar in den Zeiten, da er Statthalter des abwesenden jungen Cäsars (Augusts) in Rom gewesen?«Epist. 114. – Und was ist das Äußerste, was man hiemit beweisen kann? Allenfalls: Daß Mäcenas sich in dieser Stelle habe getroffen finden können, und daß Horaz freimütig genug gewesen, ein Betragen, das gegen den Wohlstand anstößig war, zu tadeln, wiewohl dieser Tadel auch einen Mäcenas traf. Dies ließe sich noch begreifen und entschuldigen; vorausgesetzt, daß Malchinus, auf den der Tadel geradezu geht, eine wirkliche damals lebende Person war. Aber nichts hätte den Horaz entschuldigen können, wenn er, unter dem erdichteten Namen eines Malchinus, auf seinen Wohltäter und Freund gestichelt hätte, der eben damals eine der ersten Personen im römischen Reiche vorstellte. Sein Kopf und sein Herz müßten eines so schlecht gewesen sein als das andere, um einer solchen Skurrilität fähig zu sein. Ich stelle mir die Sache so vor. Mäcenas, der, bei aller seiner Neigung zu asiatischer Weichlichkeit, einer der feinsten Staatsmänner und selbst ein tapfrer Offizier war, (wie er in der Schlacht bei Actium und bei andern Gelegenheiten bewies) konnte in den Augen seiner Freunde, und in seinen eigenen, berechtigt scheinen, in Dingen, die bloß seine eigene Person angingen, etwas Besonderes zu haben; ja, es konnten (wie anderswoHoraz. Briefe, I. T. S. 31f. schon bemerkt worden ist) unter allem dem, was ihm Seneca so übel auslegt, politische Rücksichten verborgen sein, die einem so scharfsichtigen Menschenkenner, wie Horaz, kein Geheimnis waren. Aber was dem Mäcenas wohl anstand, oder ihm wenigstens von seinen Freunden zugut gehalten wurde, ziemte deswegen nicht einem jeden; und so konnte Horaz, ohne seinen großen Freund zu beleidigen, einen Pflastertreter, wie Malchinus vermutlich war, eben darum züchtigen, weil er sich einbildete, was Mäcenas tun könne, sei auch ihm anständig. Aber wenn man auch diese Erklärungsart nicht annehmen will, läßt sich sehr wohl begreifen, wie Horaz, ohne an den Mäcenas zu denken, den Malchinus habe tadeln können. Die Rede ist von Narren, die in das eine Extremum fallen, weil sie das andere vermeiden wollen. Der Mittelweg oder das Gewöhnliche bei den Römern war, die Tunicam angusticlaviam, deren sich die vom Ritterstande sowohl als die gemeinen Bürger bedienten, mit einem Gürtel mehr oder weniger aufzuschürzen, so daß sie nie bis an die Knöchel, und meistens nur – unter die Wade reichte. Diese Art sich zu schürzen zeigte einen geschäftigen und hurtigen Menschen an, und gehörte, in den Zeiten wo Horaz lebte, zur guten alten Sitte. Die Tunica ungegürtet über die Knöchel herabhangen zu lassen, war vermutlich damals eine neue asiatische Mode, die von Leuten, welche vornehm tun und zeigen wollten, daß sie das Recht müßig zu gehen hätten, affektiert wurde. Horaz nennt den Malchinus, nicht als ob er der einzig, gewesen wäre, der sich so getragen hätte: sondern vermutlich, weil es ein Mensch war, den man nennen konnte, ohne daß es viel zu bedeuten hatte. Andere, die diese Mode weibisch und lächerlich fanden, die aber gleichwohl auch faceti (des Elegans)Daß dies die wahre Bedeutung des Wortes facetus sei, beweiset Quintilian L. VI. c. 3. sein wollten, trieben's bis zur andern Extremität, und schürzten sich, wie Horaz sagt, so weit auf, daß sie, nach der damaligen Art sich zu kleiden, keiner Dame mit Anständigkeit auf der Straße hätten begegnen können. Horaz führt also beides als törichte Exzesse einer vermeinten Eleganz an, und Mäcenas, der ohne Gürtel ging, weil es ihm bequem war, oder weil es ihm so beliebte, hatte sich dessen nichts anzunehmen.


wie eine Frau daher: ein anderer,
Fufidius vappae famam timet ac nebulonis,
dives agris, dives positis in fenore nummis:
quinas hic capiti mercedes exsecat, atque
<15> quanto perditior quisque est, tanto acrius urguet,
nomina sectatur modo sumpta veste virili,
sub patribus duris, tironum. Maxime, quis non,
Iupiter, exclamat, simulatque audivit! At in se
pro quaestu sumptum facit? – Hic, vix credere possis,
<20> quam non sit sibi amicus: ita ut pater ille, Terenti
fabula quem miserum nato vixisse fugato
inducit, non se peius cruciaverit atque hic.
Si quis nunc quaerat: quo res haec pertinet? Illuc,
dum vitant stulti vitia, in contraria currunt.
<25> Malchinus tunicis demissis ambulat, est qui
um unscheniert zu sein, schürzt seinen Rock
bis übers Knie hinauf. Gorgonius bockelt,
Rufillus riecht nach BisamBaxter, der, um die Feinheit seiner Nase zu beweisen, immer mehr riecht als andere, vermutet, daß diese beiden, Rufillus und Gorgonius, Leute von Bedeutung gewesen, weil aus einer Stelle in der vierten Satire erhelle, daß dieser Vers pastillos Rufillus olet etc. dem Horaz übel genommen worden sei. Daß dies ungegründet ist, wird sich in der vierten Satire zeigen. Indessen ist es wohl möglich, daß es hier dem nämlichen Cajus Gorgonius gegolten haben kann, den Cicero (de Clar. Orator. c. 48.) für den ersten Rabulisten aus dem Ritterstande seiner Zeit erklärt. Ein alter, vermutlich in Verfall gekommner Rabulist, der in der Gesellschaft noch durch seine Unreinlichkeit beschwerlich fiel, war wohl nicht so vornehm, daß ein Dichter, den Mäcenas und Cäsar in ihren Schutz genommen hatten, sich nicht die Freiheit hätte nehmen dürfen, die beleidigten Nasen seiner Mitbürger an ihm zu rächen.; niemand hält
die Mittelstraße. Mancher rührte euch
das schönste Weib nicht an, wenn die Besetzung
an ihrem Rocke nicht die Knöchel deckt:
ein anderer hingegen keine, für sein Leben,
als die im muffichten Gewölb' auf Käufer laurt.
»So! Bravo!« rief der weise Cato einstDie Redensart, inquit sententia dia Catonis, anstatt inquit Cato, ist eine Nachahmung der nämlichen Art zu reden, die in einer Satire des Lucilius vorkommt, Valeri sententia dia. – Horaz scheint mit allem Fleiß zuweilen dergleichen Kleinigkeiten von seinem Vorgänger Lucil geborgt zu haben, wie man ohne Bedenken eine Prise Tabak aus der Dose eines guten Freundes nimmt. – Das Histörchen, worauf er hier anspielt, soll, nach dem alten Scholiasten, dem bekannten M. Cato Censorius, auch Cato Major genannt, mit einem jungen Menschen von seiner Bekanntschaft begegnet sein. Der Scholiast setzt noch einen Umstand hinzu, der des Anführens wert ist. Der Jüngling hatte das Bravo! das ihm Cato zugerufen, unrecht verstanden, und den Ort, woraus ihn der alte Censor sich herausschleichen sah, gar zu fleißig besucht. »Ei, ei, junger Mensch, sagte Cato, der dies bemerkte: ich lobte dich in der Meinung, du kämest nur zuweilen hieher; ich wußte nicht, daß du hier wohnest
dem Jüngling, der beschämt ihm auswich, nach:
»Noch immer besser, wenn die Ungeduld
des strengen Triebs der Jugend Adern schwellt,
sich hier erleichtern als nach fremden Weibern wiehern!«
»Ich danke meines Orts für solch ein Lob«,
spricht Cupiennius, der langen weißen RöckeDie verheurateten römischen Frauen trugen eine Art langer Tuniken, welche Stolen hießen und unten mit einem breiten Falbala (instita) garniert waren, und über diese einen weiten Mantel, Palla genannt, der sie vom Kopfe bis zu den Füßen einhüllte. Den gemeinen Weibspersonen, die mit ihrer Person Gewerbe trieben, war in diesen Zeiten nur eine Toga erlaubt, die sich von dem männlichen Oberkleide wenig unterschied; und eine Matrone, die der Verletzung des ehelichen Gelübdes gerichtlich überwiesen war, mußte die Stola ablegen, und wurde zur Toga verdammt. Daher ist togata unserm Autor soviel als prostibulum. – Der Cupiennius, der in diesem Verse einen kleinen Stich bekommt, ist vielleicht der nämliche, an den Cicero schrieb, um ihm eine Geldangelegenheit seines Freundes Atticus zu empfehlenAd Atticum Ep. 16. L. XVI.. Der Scholiast sagt, er habe Cupiennius Libo geheißen, sei bei August besonders wohl gelitten, und ein gewaltiger Matronen-Jäger gewesen.

Das Beiwort Albus, dessen Sinn in diesem Verse problematisch zu sein schien, hat einige Ausleger in große Unkosten von Witz gesetzt, weil Octavius Ferrarius in seiner Kompilation de Re vestiaria Veterum zuversichtlich behauptet, wiewohl meines Erachtens nicht hinlänglich beweiset, daß die Stolen und Tuniken aller römischer Matronen außer der Trauer niemals weiß, sondern von Purpur gewesen seien. Dieser Ferrarius beliebtDe Re Vestiar. Vet. L. III. c. 17. in Graevii Thes. Antiquit. Roman. vol. VI. p. 755. das unübersetzbare Wort in dem Verse – mirator cunni Cupiennius albi, im eigentlichen Sinne zu nehmen, und meint: entweder habe ihm Horaz das Beiwort weiß deswegen gegeben, quia hic locus matronis albior puriorque esset quam publicarum libidinum receptacula (als ob alle Libertinae solche Kloaken gewesen wären!) oder, was ihm noch wahrscheinlicher vorkömmt, weiß bedeute hier soviel als alt und grau, vetulus ac canescens, quod scilicet ille matronarum sectator, veluti sepulcrorum incola, vetularum noctibus testamenta captaret: – eine sehr gezwungene Auslegung, die vermöge des ganzen Zusammenhangs in unserm Texte nicht den mindesten Grund hat! Der schlaue Baxter wundert sich, daß den Auslegern nicht eingefallen sei, daß albus auch felix und beatus bedeute; und Geßner endlich (der das unnennbare Wort auch eigentlich nimmt) meint, Horaz habe bloß teneritatem et mollitiem stolatarum, pulveris ac solis impatientium, durch das Beiwort albus andeuten wollen. Und alle diese gezwungenen Auslegungen, bloß einer unerweislichen Behauptung des Ferrarius zu Gefallen! Denn, wenn es auch seine Richtigkeit hätte, daß alle Damen von Stande das ganze Jahr nichts als Purpurkleider getragen hätten: wer, dem der damalige hohe Preis des Purpurs bekannt ist, wird sich einbilden, daß auch die Matronen von geringeren Stande, daß alle Ingenuä (Freigeborne) das nämliche getan haben könnten? Oder, weil es doch auch schlechte und wohlfeilere Gattungen von Purpur gab, gesetzt die Stola, in welcher sich die Matronen öffentlich sehen ließen, wäre immer von Purpur gewesen: folgt daraus, daß sie zu Hause keine weiße Stolen getragen, oder daß nicht wenigstens die Tunika intusiata, die unter der Stola getragen wurde, weiß gewesen sei? Aber, alles dies auch bei Seite gesetzt, kann sich in Sachen dieser Art nicht in einem einzigen Jahrzehend sehr viel verändern? und war dies nicht gerade in demjenigen, worin Horaz diese Satire schrieb, mit der Kleiderpracht der Römerinnen der Fall gewesen? Hatte nicht Julius Cäsar während seiner Diktatur den Aufwand durch scharfe Gesetze eingeschränkt, und unter andern auch den Matronen (mit gewissen Ausnahmen) selbst die geringere Gattung von Purpurzeug, die man vestem conchyliatam hieß, verboten? Warum sollten wir also nicht den Scholiasten Akron und Porphyrion glauben, die uns ausdrücklich sagen, die Matronen hätten damals meistens weiße, die Libertinä und Meretrices hingegen schwarze (oder braune) Kleider getragen? Daß es übrigens in einer Stadt wie Rom, und unter einer so gelinden Regierung wie Augusts nach dem Treffen bei Actium war, nicht lange bei einer solchen Einschränkung geblieben; und daß die Begierde zu gefallen, die Üppigkeit und der Reichtum bald wieder alle Arten von Purpur und anderer Farben gemein gemacht habe, ist leicht zu ermessen; und es erhellet (ohne andere Beweise aufzuhäufen) schon aus der Stelle im 3ten Buche von Ovids Liebeskunst (wo er seine Schülerinnen ermahnt, die Wahl der Farben ihrer Kleidung für keine gleichgültige Sache anzusehen), daß die Kunst, der Wolle alle mögliche Farben zu geben, damals schon auf einen hohen Grad gestiegen sei.

Quot nova terra parit flores, cum vere tepenti
    vitis agit gemmas pigraque fugit hiems,
lana tot aut plures succos bibit. Elige certos,
    nam non conveniens omnibus unus erit.

 
Soviel Blumen im Lenz die verjüngte Erde gebieret,
    wenn in wärmlicher Luft Augen die Rebe gewinnt,
soviel Farben und mehr trinkt zarte Wolle. Drum wähle!
    Denn gleich vorteilhaft ist allen die nämliche nicht.

Bewunderer. Indessen ists für jeden,
der kein Int'resse hat den Ehebrechern
viel Gut's zu gönnen, wohl der Mühe wert
zu sehn, wie schrecklich sauer diese Leute
sichs werden lassen müssen, und wie schlecht
das bißchen seltne Lust die große Mühe
inguen ad obscaenum subductis usque facetus;
pastillos Rufillus olet, Gorgonius hircum.
Nil medium est. Sunt qui nolint tetigisse nisi illas,
quarum subsuta talos tegat instita veste:
<30> contra alius nullam nisi olenti in fornice stantem.
Quidam notus homo cum exiret fornice, »macte
virtute esto!« inquit sententia dia Catonis:
»Nam simulac venas inflavit taetra libido,
huc iuvenes aequum est descendere, non alienas
<35> permolere uxores.« »Nolim laudarier«, inquit,
»sic me«, mirator cunni Cupiennius albi.
Audire est operae pretium, procedere recte
qui moechis non vultis, ut omni parte laborent,
und die Gefahren lohnt, womit man sie
erjagen muß. Der ward genötigt sich
vom Dach herabzustürzen, dieser auf
den Tod gegeißelt; jener fiel im Fliehen
in eine Räuberbande, dieser mußte
was er verwürkt mit schwerem Gelde lösen;
Stallbuben ward ein andrer preis gegeben,
ja einem armen Teufel ging es gar
wie jenem Fuchse, der den Kopf zu retten,
das, was ihr wißt, zurücke lassen mußte.
»Wie recht ist!« rufen alle: Galba nur
ist andrer MeinungGalba negabat. Dieser Stich (sagt der alte Scholiast) galt dem Rechtsgelehrten Servius Galba, und gibt zu verstehen, daß er seine persönlichen Ursachen gehabt haben möge, warum er mit den Langsamen, die sich ertappen ließen, nicht so streng verfahren lassen wollte; da doch, nach der gemeinen Meinung, die Gesetze in diesem Falle dem beleidigten Ehemann alles gegen den Beleidiger erlaubten.. – Wie viel bessern Kaufs
kommt einer in der zweiten Klasse weg!
Die Freigelaßnen mein ich: freilich nicht
wofern ihr den Sallust zum Muster nehmetAußer dem Torrentius sind alle mir bekannte Ausleger der Meinung, daß der Sallustius, welchen Horaz hier einer bis zum Unsinn ausschweifenden Leidenschaft für die Nymphen aus der zweiten Klasse beschuldigt, kein andrer als der berühmte Geschichtschreiber C. Sallustius Crispus sei. Diese auch von den Biographen des Sallustius angenommene Meinung hat keinen festern Grund, als 1) das bloße Vorgeben des Scholiasten des Cruquius in seiner Note zu den Worten: tutior at quanto etc. 2) den Umstand, daß man keinen andern Sallustius kennt, auf welchen diese Stelle gezogen werden könnte; und 3) das allgemein herrschende Vorurteil gegen die Sitten des Geschichtschreibers dieses Namens.

Die Ehre und der Nachruhm eines vortrefflichen Schriftstellers ist, meiner Meinung nach, auch alsdann, wenn ihm selbst nichts mehr daran gelegen ist, der Menschheit keine gleichgültige Sache. Sie ist, so zu sagen, eine unverletzbare Hinterlage, deren Bewahrung der Redlichkeit und Sorgfalt der Nachwelt anvertraut ist; und, wenn es von jeher bei allen Völkern für ein Verbrechen gegen die Humanität angesehen worden ist, die Gebeine eines Verstorbenen zu mißhandeln oder seine Asche zu beunruhigen: wie viel mehr ist es unedel und grausam, den Nachruhm eines Mannes, dessen Verdienste um die Welt noch immer fortdauren, durch Schändung seines sittlichen Charakters, den er selbst nicht mehr verteidigen kann, zu besudeln? Es sei mir also erlaubt, den Gehalt der Gründe zu würdigen, auf welchen die Meinung beruhet: C. Sallustius Crispus, der sich durch seinen Catilina und Jugurtha als einen Geschichtsmaler gezeigt hat, dem Quintilian in der historischen Kunst vor dem Thucydides selbst den Vorrang gibt, sei derjenige Sallustius, von welchem in dieser Stelle unsers Dichters die Rede ist. Daß der erste Grund, nämlich das bloße unbewiesene Vorgeben eines unbekannten Notenmachers, auf der Waagschale der Kritik kein Gewicht habeDas wenige Gewicht dieses Scholiasten ist unter den Gelehrten eine ziemlich ausgemachte Sache. Als ein Beispiel, mit welcher Sorglosigkeit seine Scholien hingeschmiert sind, will ich nur dieses anführen, daß er ganz dreist versichert, die Ode des Horaz an C. Crispum Sallustium sei an den Geschichtschreiber Sallust gerichtet, der doch damals schon lange tot war. Denn daß diese Ode nicht vor dem Jahre der Stadt Rom 734 geschrieben sein könne, ist aus dem Verse redditum Cyri solio Phraatem klar. (v. Masson., Vita Horat. p. 303.) Des Geschichtschreiber Sallusts Tod hingegen erfolgte im Jahre 719, also 15 Jahre wenigstens eher, als Horaz eine Ode an ihn geschrieben haben soll. Was für einen Glauben kann ein so unwissender und unachtsamer Kommentator verdienen?, braucht keines weitern Beweises. Es leuchtet von selbst in die Augen. Ein Zeuge, dessen Glaubwürdigkeit wir nicht untersuchen können; den man nicht einmal fragen kann, wie er heiße? wie alt? und wie er zu seinem Zeugnis gekommen sei? – ein solcher Zeuge ist soviel als gar keiner. Der zweite Grund hat nicht mehr Gewicht. Man kennt nur zwei Salluste aus der Zeit, worin Horaz lebte: den Schriftsteller, der, ehe er sich in seine berühmten Gärten und in seine schöne Tiburtinische Villa zurückzog, um in einer edel beschäftigten Ruhe sich dem Dienste der historischen Muse zu ergeben, Tribunus Plebis, Quästor, Prätor und Präfectus von Numidien gewesen war; und seinen Schwestersohn, gleiches Namens, den er an Kindesstatt angenommen, der, nach dem Zeugnis des Tacitus (Annal. III. c. 3o.) so lange Mäcenas lebte ihm der nächste, und nach dessen Tode der erste in der Gunst und dem engesten Vertrauen des Augustus und der Livia war, und an welchen Horazens zweite Ode des zweiten Buches gerichtet ist. Die Sallustische Familie war aus der kleinen Sabinischen Munizipalstadt Amiternum gebürtig, und, vor diesen beiden Sallusten, ohne alle Illustration; wiewohl der Altdorfische Professor Moller in seiner i. J. 1684 herausgegebenen Dissertation de C. Sallustio Crispo ohne einigen Beweis vorgibt, Sallustiorum gentem Romae quondam fuisse amplissimam. Es ist zu vermuten, daß sie um diese Zeit wenig zahlreich war: indessen bleibt doch möglich, daß der Geschichtschreiber Sallust noch einen andern Geschlechts- und Namens-Verwandten hatte, der sich durch nichts als seine Ausschweifungen bekannt gemacht, und welchen, da er von Seiten des guten Namens nichts zu verlieren hatte, Horaz also um so weniger zu schonen brauchte. Dies ist freilich eine bloße Vermutung: aber wie viel oder wenig man sie auch gelten lassen will, immer bleibt gewiß, daß sich daraus, »weil der hier gemeinte Sallustius nicht anderswoher bekannt ist«, nicht beweisen läßt, es müsse notwendig der Geschichtschreiber Sallustius gemeint sein.

Es ist also nur noch zu untersuchen, worauf sich der dritte Grund, nämlich das allgemeine Vorurteil gegen den sittlichen Charakter des Geschichtschreibers, stütze? Ich nenne es allgemein, weil, außer dem einzigen Corte, (der sich durch eine vortreffliche Ausgabe um die Werke desselben verdient gemacht, und eine Apologie seiner Sitten im Sinne gehabt, aber nicht ausgeführt hat) alle ältern und neuern Lebensbeschreiber, selbst Moller, Vossius und Le Clerc (von ihren Abschreibern nichts zu sagen) ihn einhellig als einen Menschen von den schändlichsten Sitten und dem schlechtesten moralischen Charakter abschildern. Bei so bewandten Umständen möchte es wohl, da es hier um seine Restitution in Integrum zu tun ist, nötig sein, den Prozeß ganz von neuem zu instruieren, und vor allen Dingen die Glaubwürdigkeit der Zeugen, die man gegen ihn auftreten läßt, und ihre Aussagen, die man bisher auf ihr bloßes Wort gelten ließ und für Wahrheit nachsagte, etwas schärfer zu untersuchen.

Es ist ungereimt, wenn neuere Lebensbeschreiber des Sallust sich auf einen Pomponius Lätus berufen, der 1600 Jahre später lebte als Sallust, und selbst ein bloßer Kompilator war; und eben so wenig kann man den Deklamator Lactantius für einen Zeugen gelten lassenQuod non fugit hominem nequam Sallustium, qui ait: sed omnis nostra vis in animo et corpore sita est; animi imperio, corporis servitio magis utimur. Recte, si ita vixisset, quemadmodum locutus est. Servivit enim foedissimis voluptatibus, suamque ipse sententiam vitae pravitate dissolvit. Lactant. Instit. II. 12., wiewohl er nur 400 Jahre später in die Welt kam: zumal, da sein Ausfall gegen die Sitten Sallusts sich auf keine angeführte, viel weniger erwiesene Tatsache stützt, sondern die Sache, die man dadurch bekräftigen will, schon als notorisch voraussetzt – ein Umstand, der aber meinem Klienten nicht zum Präjudiz gereichen kann, da wir bald erfahren werden, wie wenig Achtung diejenigen verdienen, die ihm eine so schlimme Reputation gemacht haben. Horaz kann nicht als Zeuge auftreten, weil erst noch zu erweisen ist, daß er von Sallust dem Geschichtschreiber spreche; und sein Scholiast beweiset nichts, wie wir schon gesehen haben. Diese also, wie billig, abgerechnet, bleiben nur vier Zeugen übrig, die wir noch zu untersuchen haben, und auf deren Aussage eigentlich alles das Böse, was von Sallust gesagt wird, beruhet. Es sind: 1) der berühmte M. Terentius Varro, dessen Treue und Glauben für das einzige Faktum, das gegen die Sitten des Sallusts namentlich angeführt werden kann, die Gewähr leistet. 2)  Dion Cassius, der im 40sten Buche seiner Römischen Geschichte berichtet, daß Sallustius von den Zensoren Appius Claudius Pulcher und Lucius Piso wegen von ihm selbst eingestandenen Ehebruchs aus dem Senat gestoßen worden. 3) Ein gewisser Lenäus, der ein Pasquill gegen den Sallust geschrieben, woraus noch einige Blümchen, zur Probe, auf uns gekommen sind. Und endlich 4) der unbekannte Verfasser einer unter Cicerons Namen laufenden Declamatio in Sallustium.

Die Anekdote, die auf der Glaubwürdigkeit des Varro beruht, war in seinem Traktat Pius oder de Pace zu lesen, der nicht mehr vorhanden ist. Aber Gellius oder Agellius, ein Gelehrter aus den Zeiten des Kaisers Marcus Antoninus, hat sie daraus abgeschrieben, und in seine unter dem Namen Attische Nächte bekannte Miszellanien eingetragen, wo sie das kleine 18te Kapitel des 17ten Buches ausfüllt. Sie lautet dahin: »C. Sallustius, der nachmalige Geschichtschreiber, sei vom Annius Milo in flagranti ertappt worden, und nach einer tüchtigen Geißelung nicht anders als gegen Erlegung einer großen Summe mit dem Leben davon gekommen.« Ich habe zuviel Achtung für das Wort eines Mannes wie Varro, und das Vergehen, das dadurch auf unserm Sallust ersitzen bleibt, war damals eine zu alltägliche Sache, als daß ich versucht sein könnte, es bezweifeln zu wollen. Nur höre man, was sich, mit genugsamem historischem Grunde, zu Verringerung seiner Schuld sagen läßt. Die Gemahlin des Milo, von welcher hier die Rede ist, war die schöne Fausta, die würdige Tochter des Diktators Sulla; eine Dame, die an Hoheit der Geburt niemand über sich, und an Ausgelassenheit, wie an Reizungen, wenige ihres gleichen hatte. Fausta war keine Frau, deren Tugend ein Liebhaber seinen Wünschen im Wege fand; und, wiewohl eine Matrone vom ersten Rang, war sie doch, was ihre Ausschweifungen betrifft, wenig besser als eine Togata. Unter der römischen Jugend, der sie ihre Netze stellte, hatte auch der junge Sallustius das Unglück darin hängen zu bleiben. Ich verlange ihn, wiewohl ich seine Apologie unternommen habe, für keinen keuschen Joseph auszugeben. Er lief nicht davon, als die schöne Fausta nach seinem Mantel griff. Aber welcher junge Römer von Stande in den damaligen Zeiten wäre davon gelaufen? Kurz, Sallust wurde von Milo überrascht, und mußte mit seiner Haut und mit seinem Vermögen bezahlen. Vermutlich schreibt sich der Vorwurf, der ihm in der bekannten Deklamation gemacht wird, »daß sein väterliches Vermögen schon in seiner frühen Jugend ein Opfer seiner Ausschweifungen geworden,« lediglich von diesem Vorfalle her. Aber jeder billigdenkende Leser mag urteilen, wer von beiden mit ewiger Schande gebrandmarkt ist: der Jüngling, der den verführerischen Reizen einer Fausta unterliegt? oder ein Mann vom ersten Range in Rom, der sich für die Schande seines Ehebettes mit klingender Münze bezahlen läßt, und einen ins Netz gefallnen Unglücklichen dahin bringt, sein Leben, oder was ihm eben so lieb war, mit dem größten Teile seines zukünftigen Erbgutes loszukaufen? Die Makel, welche sich Sallust durch diese Begebenheit, und (wie ich nicht zweifle) durch andre Ausschweifungen dieser Art in seiner Jugend zuzog, war ihm beinahe mit allen jungen, und mit vielen alten Römern seines Standes gemein. Es wäre daher abgeschmackt, seine Verstoßung aus dem Senat auf Rechnung seiner Sitten zu schreiben, und sich einzubilden, er müsse (wie er im Pasquill des Lenäus genennt wird) ein Ungeheuer von Lastern gewesen sein, weil ihn die Zensoren Appius und Piso unter dem Vorwande seines ausgelaßnen Lebens aus dem Senat ausgestrichen hätten. Dieses letztere erfolgte im Jahre 702 der Stadt Rom; und wer die damaligen römischen Angelegenheiten etwas genauer aus der Geschichte kennt, wird nicht unwahrscheinlich finden, daß der wahre Grund, warum es geschah, nicht in dem großen Eifer eines selbst so tadelhaften Mannes wie AppiusMan sehe hierüber in den Briefen des M. Cölius an Cicero den 12ten und 14ten. Epist. ad Familiar. L. VIII. für die Reinigkeit der Sitten in einer solchen Sentina malorum wie das damalige Rom, sondern in dem Hasse der Partei des Milo und Cicero gegen ihn, zu suchen sei. Die Sache hing, deucht mich, so zusammen. Der Streit zwischen Pompejus und Cäsar um die Oberherrschaft war dem letzten entscheidenden Ausbruch nahe; aber mehrere Jahre zuvor hatte er im Innern der Republik gegärt, und ganz Rom war in die Faktionen dieser zwei großen Männer geteilt. Denn die Herren, welche dafür angesehen sein wollten, als ob sie bloß die Partei der Republik hielten, stunden auf des Pompejus Seite. Milo und Cicero, beide von der letztern Partei, waren durch große Verbindlichkeiten, die der letztere dem erstern hatte, sehr genaue politische Freunde geworden; und zwischen ihnen und Clodius, einem eifrigen Anhänger Cäsars, hatte eine tödliche Feindschaft geherrschet, von welcher Clodius das Opfer wurde. Milo, ein sehr brutaler Sterblicher, ermordete ihn, indem sie auf der Via Appia an einander stießen, zu eben der Zeit, da er, Milo, von den Pompejanern aus allen Kräften unterstützt, und von Clodius und der ganzen Partei Cäsars auf alle mögliche Weise gehindert, sich um das Konsulat bewarb. Milo hätte seine Zeit nicht schlechter zu dieser Heldentat nehmen können; denn eben damals war Sallustius, der beides, seinen Rücken und seinen Beutel, an ihm zu rächen hatte, Tribunus Plebis; und, da er sich vermöge dieses Amtes an der Spitze des Volkes befand, und überdies von der Cäsarischen Partei unterstützt wurde, so konnte der Kriminal-Prozeß, der wegen der Ermordung des Clodius gegen Milo geführt wurde, aller angestrengten Bemühungen des Cicero ungeachtet nicht anders als unglücklich für ihn ausfallen. Allein Sallustius hatte sich durch die Rolle, die er in diesem Handel gespielt, alle Gegner des Clodius und Cäsars und alle Freunde und Kreaturen des Cicero und Pompejus zu Feinden gemacht; und kaum war sein Tribunat vorüber, so ließ man ihn, bei der ersten Gelegenheit, die sich dazu darbot, die Wirkung davon empfinden. Appius Pulcher, der im J. R. 703 Zensor wurde, hatte eben damals die Freundschaft des Cicero in seinen eignen Angelegenheiten nötig; Cicero und alle Freunde Milons waren auf den Sallust erbittert; wie wahrscheinlich also, daß – zu einer Zeit, wo in Rom alles durch Kabalen ging, und Privat-Leidenschaften oder Privat-Absichten die wahren Springfedern aller öffentlichen Handlungen waren, – auch die Ausstoßung des Sallusts aus dem Senat das Werk einer solchen Kabale gewesen sei? Immer bleibt es lächerlich, sich einzubilden, daß sein ärgerlicher Lebenswandel ihm diese Schmach zugezogen. Die damaligen Römer waren auch die Leute, die sich an so was ärgerten! Und was würde aus dem Senat geworden sein, wenn man alle hätte ausstoßen wollen, die in diesem Punkte sträflich waren?

Nach dem, was ich von den Ursachen, wodurch sich Sallustius den Haß der Pompejanischen Faktion zugezogen, gesagt habe, ist es wohl kein Wunder, daß ein Freigelaßner des Pompejus (der nach seines Herren Tod den Schulmeister zu Rom machte, und es für Pflicht gegen die pios manes desselben hielt, sie an einem respektwidrigen Ausdruck zu rächen, der dem Sallust gegen den Pompejus entfahren war) was Wunder sage ich, daß dieser Mensch, Lenäus genannt, ein Pasquill gegen ihn schrieb, worin er ihn mit Schimpfnamen überschüttet, die nur aus dem Munde oder der Feder eines so niedrigen Menschen kommen konntenS. Sueton. Vit. Gramm. Lat. c. 15.? Hier ist wohl sonst nichts zu bewundern, als wie man noch itzt, nach so vielen Jahrhunderten, um das armselige Vergnügen zu haben, von einem Manne wie Sallust Böses zu sagen, sich auf die Überbleibsel eines Pasquills von einem solchen Furcifer berufen kann.

Was endlich die bekannten Deklamationen des Sallust gegen Cicero, und des Cicero gegen Sallust betrifft, die unter dem Namen des einen und des andern den Ausgaben ihrer Werke angehängt zu werden pflegen, so ist es unter den Gelehrten ausgemacht, daß sie, des nachgeahmten Stils ungeachtet, diese berühmten Namen fälschlich an der Stirne führen. Beide sind der edlen Männer, denen man sie angedichtet hat, ganz unwürdig; sie sind kaum eines römischen Karrenschiebers aus jenen Zeiten würdig; und wenn man auch glauben könnte, daß Sallust und Cicero das, was sie dem Senat und sich selbst schuldig waren, so gänzlich hätten vergessen können: wer kann sich einbilden, daß der Senat Geduld genug gehabt hätte, so niedrige den Staat gar nichts angehende Schmähreden anzuhören? Die gemeine Meinung ist, daß diese Deklamationen einen gewissen Porcius Latro oder Vibius Crispus zu Verfassern haben könnten, welche Schulen der gerichtlichen Redekunst hielten; wahrscheinlich ist es wenigstens, daß es nichts als ein paar Schul-Exerzitien sind, wodurch irgend ein damaliger Meister der Sykophanten-Kunst seine Zöglinge vor Gericht schimpfen lehren wollte; und wozu die gemeine Sage von der Feindschaft, die zwischen Cicero und Sallust wegen der Milonischen Händel obgewaltet, Gelegenheit gegeben haben mag. Wie dem aber auch sein mag, vor welchem Gerichte in der Welt könnte eine solche Schmähschrift, wie die vergebliche Deklamation des Cicero gegen Sallust, als ein Dokument gegen die Ehre des letztern angeführt werden? Und was muß man also davon denken, wenn man einen Gottfried Ephraim Müller in seiner historisch-kritischen Einleitung zur Kenntnis der lateinischen Schriftsteller, ohne alle Kritik, und in einem Tone als ob er gegen den Sallust gedungen wäre, alle die schimpflichen Beschuldigungen gegen den Charakter desselben, welche keinen andern Gewährsmann als diesen pseudonymen unbekannten Deklamator haben, sorgfältig zusammentragen, und zum Beweise diese unterschobene vaterlose Hirngeburt anführen sieht?

Übrigens verdient noch bemerkt zu werden, daß man der Wahrheit sehr verfehlen würde, wenn man sich die Feindschaft zwischen Cicero und Sallust so vorstellen wollte, wie sie der Verfasser der beiden Deklamationen vorausgesetzt hat. Braucht es hievon wohl einen stärkern Beweis als diesen, daß man in allen Schriften des Cicero des Sallustius mit keinem Worte gedacht findet? und daß hingegen Sallust in seinem Catilina dem Cicero (der den Ruhm seines Konsulats beinahe einzig auf die von ihm entdeckte und unterdrückte Catilinarische Verschwörung gründete) alle mögliche Gerechtigkeit widerfahren läßt? Wenn dieses dem Charakter des Sallust, als Geschichtschreiber und als Mensch, Ehre macht: so beweiset jenes wenigstens soviel, daß Ciceros Haß gegen ihn weder sehr heftig noch von langer Dauer gewesen sei; denn es wäre sonst kaum zu begreifen, wie auch nicht ein Wort davon in seine Briefe ad Familiares und an Atticus (welche doch größtenteils in der Periode zwischen dem J. R. 696 und 710 geschrieben sind) eingeflossen wäre.

Wenn nun, aus der vorstehenden Untersuchung der Zeugen und Dokumente, auf welche sich die allgemein angenommene Meinung von dem moralischen Charakter des Sallustius gründet, deutlich genug erhellet, daß seine jugendliche Intrigue mit der schönen Fausta das einzige ist, was ihm mit Wahrheit vorgeworfen werden kann; eine Jugendsünde, die ihm mit Tausenden seines gleichen gemein war, und für die unter Zehntausenden vielleicht nicht einer jemals so strenge büßen mußte: so ist es nun wohl Zeit, sich, zu Bestätigung der bessern Meinung, die mir dieser Schriftsteller als Mensch zu verdienen scheint, auf seine Werke, in denen sich durchaus ein edler, gesetzter und männlicher Charakter ausdrückt, und besonders auf die introduktorischen Kapitel seines Catilina und Jugurtha zu berufen. Ich verlange diesem Argumente nicht mehr Gewicht beizulegen als es hat: aber man lasse es auch gerade soviel gelten als es wiegt. Entweder Sallust war der verächtlichste Heuchler, der je gewesen ist, oder er war ein besserer Mann als wofür ihn seine Biographen ausgaben, und der Widerspruch seines Lebens mit seinen Grundsätzen, den ihm Lactanz vorwirft, ist ein unbilliger Vorwurf, da er keinen andern Grund hat als Jugendfehler, die ich nicht entschuldigen will, aber wovon selbst unter den edelsten und größten Menschen aus seiner Klasse wenige jemals frei gewesen sind. Was in der Welt hätte einen Mann wie Sallust, einen Mann von seinem Rang und Vermögen, der in seiner wahren Gestalt, wie cynisch oder grob epikurisch sie auch gewesen sein möchte, nichts zu befürchten hatte, und dem eine solche tartüffische Gleisnerei nichts eintragen konnte; den sie, wenn sein Leben im Widerspruch mit ihr gewesen wäre, der Welt nur noch verächtlicher gemacht hätte: was hätte ihn bewegen können, die Gesinnungen eines Curius zu affektieren, wenn er Bacchanalien gelebt hätte? Man lese die ersten Kapitel seines Catilina, und frage sich: wozu hatte er nötig die Heuchelei so weit zu treiben? In einer Stadt und zu einer Zeit, wo selbst ein Metellus Pius sich nicht scheuen durfte, ein rühmliches Leben, das einen ganz andern Ausgang erwarten ließ, mit Bacchanalien zu beschließen? Er wollte sich bei der Nachwelt dadurch in eine bessere Meinung setzen als seine Zeitgenossen von ihm gehabt hatten, kann man sagen. Ich glaube selbst, daß er dies wollte: aber auch diesen Gedanken hat kein schlechter Mensch, – so wenig, als ein Wüstling in den glänzendsten Glücksumständen seine Muße mit Anstrengung des Geistes und edeln Arbeiten für die Nachwelt zubringt. Mich dünkt, dieser innere psychologische Beweis für den Charakter des Sallustius wäre allein schwer genug, zehn solche Anekdoten, wie die Varronische, und zwanzig Pasquille wie die Deklamation des unbekannten Rhetors an den Waagebalken springen zu machen. Doch, meine Absicht ist nicht, selbst eine Deklamation für ihn zu schreiben; und ich habe genug gesagt, damit die Leser fortdenken, und ein billiges Urteil fällen können. Immerhin mag die Moral gegen die Jugend des Sallust, gegen sein öffentliches Betragen in der Republik, gegen die großen Reichtümer, die er durch Julius Cäsars Gunst in wenigen Jahren erworben, vieles einzuwenden haben. Ich sage nicht, daß man ihn als ein Tugendbild aufstellen soll; ich behaupte nur, daß es unrecht sei, ihn ohne hinlängliche Gründe, auf bloße Vermutungen, und sogar auf offenbare Pasquille hin, noch in unsern Zeiten zu einem Lotterbuben und Bösewicht zu machen. Wir wissen sehr wenig von seinem Leben; lassen wir es also dahingestellt sein, und halten uns an das, was er uns hinterlassen hat. Er lebt für uns in seinen Werken; und in Rücksicht auf die Nachwelt sind Werke wie die seinigen tugendhafte verdienstliche Handlungen, und wahrlich von einem ganz andern Werte, als die häuslichen Tugenden aller uns unbekannten guten Bürger von Minturnum, welche jemals lebten, Weiber nahmen, und starben, wie unsträflich auch ihr Lebenswandel gewesen sein mag.

Wiewohl diese Erläuterung bereits zu einer kleinen Dissertation angewachsen ist, so muß ich doch um Erlaubnis bitten, sie noch zu verlängern. Denn, nachdem ich die Schwäche der Gründe dargetan habe, um derentwillen andere Gelehrte diese Stelle auf Sallustius den Geschichtschreiber ziehen: bin ich noch die Gründe schuldig, welche mich überzeugen, daß Horaz nicht an ihn gedacht haben könne.

Es sind folgende. Erstlich: Horaz spricht hier in der gegenwärtigen Zeit von dem was Sallustius tue, als diese Satire geschrieben wurde. Er spricht von seiner Leidenschaft für die Mädchen aus der Klasse der Freigelassenen, als einer notorischen Ausschweifung, welche Sallustius bis zur Raserei treibe, und wodurch er sich um guten Namen und Vermögen bringe; und der Ton, wie er ihn deswegen züchtigt, ist derjenige, worin man mit einem jungen Sausewind spricht; ein Ton, wodurch sich ein Dichter, der selbst ein Weltmann ist, lächerlich machen würde, wenn er ihn gegen einen Mann vom ersten Rang an Stande und Vermögen annehmen wollte. Dies letztere war aber Sallustius, als Horaz diese Satire schrieb; er lebte zwar von Staatsgeschäften entfernt, aber als ein Vir Praetorius und ehmaliger Freund Cäsars, in otio cum dignitate, mit der römischen Geschichte beschäftigt, und im Besitze großer Reichtümer. Ein Beweis davon waren sein Haus auf dem Quirinalis und die herrlichen Gärten, die er an demselbigen angelegt hatteDie Gärten des Sallustius waren ihres Umfangs und ihrer Schönheit wegen so vorzüglich, daß sie nach dem Tode des jüngern Sallustius, der sie von seinem Oheim dem Geschichtschreiber geerbt hatte, an die Kaiser kamen, und noch zu Ulpians Zeiten zu den Domänen derselben gerechnet wurden., und seine Villa zu Tibur. Wie paßt nun das alles auf den Sallustius des Horaz? – Man müßte daher, um den Dichter von einer so offenbaren Absurdität zu retten, sich mit der Ausflucht behelfen: er rede von dem was Sallustius ehmals getan, und habe hier nur die gegenwärtige Zeit statt der vergangenen gesetzt, weil eine solche Zeitverwechslung den Dichtern sehr gewöhnlich ist. Die Grammatiker, die für alle Fälle immer ein Kunstwort bei der Hand haben, um sich und ihrem Autor aus der Not zu helfen, nennen das eine Enallage temporis. Aber (ohne hier die Unschicklichkeit einer solchen Enallage aus andern GründenUm nur einen zu berühren: so beweiset, deucht mich, das auf diese Stelle, wo vom Sallustius in der gegenwärtigen Zeit gesprochen wird, unmittelbar folgende ut quondam Marsaeus, amator Originis, ganz augenscheinlich, daß in jener de praesenti und in dieser de praeterito die Rede sei. Denn aus dem Quondam ist klar, daß Marsäus nicht mehr lebte, wiewohl der Dichter per Enallagen donat und inquit von ihm sagt. zu zeigen) welche Wahrscheinlichkeit, daß Horaz, mit seiner liberalen Art zu denken, und, was hier sehr entscheidend ist, in seiner Lage, in seinen Verhältnissen, fähig gewesen sein sollte, einem Sallust, der ein eifriger Anhänger und Vertrauter des Divus Julius gewesen war, und nur bloß aus diesem Grunde, wo nicht die Freundschaft, doch gewiß die Achtung des jungen Octavius Cäsars besaß, welche dieser allen Freunden seines Vaters zu erweisen pflegte, – welche Wahrscheinlichkeit, sage ich, daß Horaz fähig gewesen sein sollte, einem solchen Manne, unter solchen Umständen die Ausschweifungen seiner jüngern Jahre auf eine so beleidigende und impertinente Art vorzurücken?

Ich müßte mich sehr betrügen, wenn dieses Argument nicht ganz allein hinlänglich wäre, jeden Vernünftigen zu überzeugen, daß der Sallustius des Horaz und der Geschichtschreiber Sallustius zwei sehr verschiedene Personen sein mußten. Aber zu allem Überfluß ist hier noch ein anderes, das (wie man zu sagen pflegt) ex visceribus causae hergenommen, und meines Erachtens ganz entscheidend ist. Des Dichters Zweck in dieser Satire ist, wie oben schon gesagt worden, die Liebhaber der Intriguen mit verheurateten Frauen ihrer Torheit zu überzeugen, und ihnen zu zeigen, daß sie das, was sie bei den Matronen suchten, mit unendlich mal weniger Gefahr und mehr Vergnügen bei den Freigelassenen finden könnten. Aber freilich, setzt er hinzu, kann ein junger Tor, der weder Ziel noch Maß zu halten weiß, sich auch mit diesen zu Grunde richten; und es ist Unsinn, wenn z. B. Sallustius, den seine Liebschaften aus dieser Klasse zu einem eben so verderblichen Aufwand verleiten, als wenn es Damen vom ersten Rang wären, sich noch ein Verdienst daraus machen will, daß er keiner Matrone zu nahe komme. Horaz setzt also hier offenbar den Sallustius, von dem er spricht, den moechis entgegen, und das matronam nullam ego tango ist ein Beweis, daß sein Sallust von dieser Seite keinen Vorwurf zu befürchten hatte. Das aber war nun gerade nicht der Fall des Geschichtschreibers Sallustius. Denn wir haben oben gesehen, daß seine Intrigue mit der schönen Fausta, Milons Gemahlin, der einzige Vorwurf ist, der durch die Aussagen des Varro und Dion Cassius auf ihm ersitzen bleibt. Es ist also offenbar, daß Horaz von einem ganz andern Sallustius reden muß; und daß die Gelehrten, die so eifrig gewesen sind, das Vorurteil von dem schlechten Charakter des Geschichtschreibers Sallustius zu verewigen, sehr Unrecht gehabt haben, sich auf das Zeugnis unsers Dichters zu berufen.

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dem seine Tollheit für die Nymphen dieser Art
so hoch zu stehen kommt, als manchem jener
Matronen-Jäger seine edle Passion.
Doch, das ist seine Schuld! Denn wollt' er nur
nicht mehr, als sichs verlohnt und ihm die Klugheit rät,
darauf verwenden, wüßt' er seine grenzenlose
Freigebigkeit zu mäßigen, so könnt'
utque illis multo corrupta dolore voluptas,
<40> atque haec rara cadat dura inter saepe pericla.
Hic se praecipitem tecto dedit; ille flagellis
ad mortem caesus; fugiens hic decidit acrem
praedonum in turbam; dedit hic pro corpore nummos;
hunc perminxerunt calones; quin etiam illud
<45> accidit, ut cuidam testes caudamque salacem
demeterent ferro: »iure« omnes, Galba negabat.
Tutior at quanto merx est in classe secunda!
Libertinarum dico, Sallustius in quas
non minus insanit quam qui moechatur. At hic, si
<50> qua res, qua ratio suaderet, quaque modeste
er sich die Zeit vertreiben, ohne Schaden
an Ehr' und Gut zu nehmen. Aber das
ist seine Laune nun, da tut er sich
noch viel zu Gute mit, und meint, wie viel
ihm Lob und Dank dafür heraus gebühre,
daß die Matronen vor ihm sicher sind.
So einer war Marsäus, der sein ganzes
vorelterliches Erbgut, Haus und Hof
der Tänzerin Origo angehängtMan weiß nichts von dieser Origo und ihrem Liebhaber, als was Horaz von ihnen sagt. Sie scheint, wie Cytheris und Arbuscula (deren Cicero in seinen Briefen erwähnt) ein paar Jahrzehende vor der Zeit, da Horaz schrieb, eine berühmte Mima oder Ballett-Tänzerin gewesen zu sein. Die Virtuosinnen ihrer Gattung trieben damals (wie die Guimards, Dumenils, u.s.w. in unsern Zeiten) eine doppelte Profession. Sie waren die Idole des Publikums; sie lebten auf einen großen Fuß; und es fehlte nicht an vornehmen und reichen Toren, die sich eine Ehre daraus machten, sich mit ihnen zu Grunde zu richten. Wir sehen aus einer Stelle eines Briefs von Cicero an Pätus, daß sogar ein Mann wie Cicero zuweilen in den Fall kam, mit einer Cytheris zu soupieren. Denn die Römer hatten um diese Zeit griechische Sitten angenommen, und ließen, wie in vielem andern, auch in den Ausschweifungen der Üppigkeit ihre Meister gar bald weit hinter sich.;
»der Himmel soll vor andrer Leute Weibern
mich wohl bewahren«, sprach er. – Tor! was hilfts?
Dafür verzehren Tänzerinnen dich,
und feile Dirnen, die mit deinem Gelde
dich noch um deinen guten Namen bringen!
Was liegt an der Person dir, wenn du nicht
vermeidest was dir schadet, was und wo
es immer sei? In bösen Ruf sich setzen,
des Vaters Gut verschlemmen, ist nicht mehr
noch weniger ein Übel, ob es nun
mit einer Dame, Sklavin, oder Frei-
gelassenen geschieht. –
munifico esse licet, vellet bonus atque benignus
esse: daret quantum satis esset, nec sibi damno
dedecorique foret: verum hoc se amplectitur uno,
hoc amat, hoc laudat, »Matronam nullam ego tango!«
<55> Ut quondam Marsaeus, amator Originis, ille
qui patrium mimae donat fundumque laremque.
»Nil fuerit mi«, inquit, »cum uxoribus umquam alienis!«
Verum est cum mimis, est cum meretricibus, unde
fama malum gravius quam res trahit. An tibi abunde
<60> personam satis est, non illud quicquid ubique
officit, evitare? bonam deperdere famam,
rem patris oblimare, malum est ubicumque. Quid inter-
est, in matrona, ancilla, peccesve togata?
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