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Horazens Satiren

Horaz: Horazens Satiren - Kapitel 6
Quellenangabe
typesatire
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Satiren
pages575
created20001125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Satire

Einleitung

Auch dieses Stück beginnt mit einem Ausfall über die gemeine Inkonsequenz der Menschen, und über ihre Neigung entweder auf der einen oder andern Seite auszuschweifen; und es kann in so fern als eine Fortsetzung des vorgehenden angesehen werden. Aber hier gilt es einer ganz andern Art von Toren: denn der Hauptzweck des Dichters ist, den vornehmen Römern seiner Zeit, welche von Liebeshändeln mit verheurateten Frauen Profession machten, einleuchtend zu machen, daß es Unsinn sei, eine Befriedigung des Bedürfnisses oder der Sinnlichkeit, die man anderswo wohlfeiler und besser haben könne, mit Gefahr Leibes und Lebens, oder doch wenigstens mit unzählichen Beschwerden, Unannehmlichkeiten und Nachteilen zu erkaufen, – eine Moral, wobei man ihm wenigstens nicht vorrücken kann, daß er sich den edeln Römerinnen seiner Zeit habe suaviter empfehlen wollen!

Um unserm Dichter über die Vorstellungsart und die Maximen, die in diesem Stücke herrschen, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß man nicht vergessen, daß er ein Römer aus Augustus Zeiten war, und daß die Religion und die Gesetze des damaligen Roms ihm die Ausschweifungen, wovon hier die Rede ist, nicht mit dem Lichte zeigten, worin sie uns vermöge unsrer Religion und unsrer Eh- und Polizei-Gesetze erscheinen. Indessen bin ich doch versichert, daß der Hauptgrund, warum Horaz das Laster, worüber er hier satirisiert, bloß von seiner törichten und unsinnigen Seite darstellt, mehr in den sehr verdorbenen Sitten der damaligen Hauptstadt der Welt, als in dem wenigen Einfluß der heidnischen Religion auf das sittliche Verhalten derer, welche sie glaubten, zu suchen sei. Denn, wenn gleich ein komische Dichter schon zu den Zeiten eines Lälius und Cato Maior, wo die Sitten noch unendlich besser waren, einen leichtsinnigen jungen Menschen, der im Begriff ist, in der Verkleidung eines Eunuchen einen schelmischen Anschlag gegen ein schönes junges Mädchen auszuführen, bei Betrachtung eines Gemäldes von Jupiter und Leda, sagen läßt:

Das tat der Gott, der des Olympus Spitzen
mit seinem Donner schüttelt, und ich kleines Menschlein
ich sollte das nicht tun? –Terent. Eunuch. Act. III. Sc. 5.

so ist darum doch nicht weniger wahr: daß dies nur Spaß, und von Seiten des Dichters vielleicht gerechter Spott über die griechischen Göttermärchen ist; daß kein vernünftiger Grieche oder Römer die ärgerliche Geschichte des poetischen Himmels für etwas anders hielt als wir; daß die heidnische Religion, ihrer Natur nach, einen guten Einfluß auf das sittliche Verhalten der Menschen hatte, so lange sie wirklich geglaubt wurdeZum Beweise diene jetzt nur diese einzige Stelle des Cicero, deren Inhalt allen Religionen, die jemals unter polizierten Nationen geherrscht haben, zum Grunde liegt: »Vor allen Dingen also sollen unsre Bürger überzeugt sein, daß die Götter die Oberherren und Regenten aller Dinge sind; daß alles was geschieht, aus ihrer Kraft und unter ihrer Regierung und Vorsehung geschehe; daß sie dem menschlichen Geschlechte unendlich viel Gutes erweisen; daß sie aufmerksam darauf sind, was für ein Mensch jeder ist, was er tut, und mit welcher Gesinnung und Aufrichtigkeit er die Religionspflichten ausübt, und daß sie zwischen frommen und gottlosen Menschen einen großen Unterschied machen.« u.s.w. Cicero de Legibus. L. II. 7, und daß noch zu Cicerons Zeiten die Heiligkeit der MatronenPetulanter facimus, si matremfamilias secus quam matronarum sanctitas postulat, nominamus. Cic. pro Coelio c. 13., oder des Standes verheurateter Frauen, ein althergebrachter Begriff war, den selbst die große Ausgelassenheit der damaligen Sitten noch nicht aus der gemeinen Vorstellungsart seiner Zeitgenossen hatte austilgen können.

Wenn also unser Dichter einen Gegenstand, wie den Ehebruch, leichtsinniger zu behandeln scheint als schicklich ist; wenn er, ohne den mindesten Abscheu vor der sittlichen Schändlichkeit dieses Lasters zu bezeugen, bloß die Gefahren und Unannehmlichkeiten desselben berechnet, und einen Cupiennius oder Longarenus nicht als Verbrecher abscheulich, sondern als Toren lächerlich, oder als Unsinnige des Tollhauses würdig findet: so kam dies wohl vornehmlich daher, weil er in der ersten und größten Stadt der Welt für eine Klasse von Menschen schrieb, welche auf diesen letztern Ton gestimmt waren, und denen durch diese Vorstellungsart, durch eine Darstellung der Sache in diesem Lichte, eher als durch eine andere beizukommen war. Ganz gewiß herrschte unter den ländlichen Nachbarn unsers Dichters, den wackern Sabinern und Apuliern, deren Weiber er in der zweiten Epode wegen ihrer Unschuld und häuslichen Tugenden rühmt, über diese Dinge die nämliche Art zu denken, die noch unter uns in allen kleinern Städten und auf dem Lande herrschst, wo die gute alte Sitte von dem Strome der Verderbnis, der sich aus den großen Hauptstädten ergießt, noch wenig gelitten hat; und so wird es auch wohl in diesem Stücke zu Horazens Zeiten gewesen sein, wie es noch heutiges Tages ist. Aber nicht nur über das Licht, worin Horaz seinen Gegenstand betrachtet, und über den Ton, worin er davon spricht, selbst über das, was er, in Aphrodisischen Dingen, für erlaubt, ziemlich, und wohlgetan hält, scheint es der Billigkeit gemäß zu sein, ihn nicht nach den erhabenen Grundsätzen einer Religion, welche die höchste Reinigkeit des Herzens und des Lebens bezielt und bei Strafe des ewigen Feuers anbefiehlt, oder nach unsern auf diese Religion gegründeten Gesetzen, sondern nach denjenigen zu beurteilen, die unter den Griechen und Römern herrschend waren. Wer sich die Mühe geben will, die Grundsätze des weisen SokratesS. Xenophons Sokratische Denkwürdigkeiten I. B. 3. Kap. über diesen Punkt mit den Maximen unsers Dichters zu vergleichen, wird ihn auch hierin so Sokratisch, oder, wenn man lieber will, so Aristippisch finden, als er es in seiner ganzen Sittenlehre ist.

Bei allem dem vermute ich nicht, daß es mir von irgend einem Leser, der das Original versteht, übel genommen werden könne, daß ich Bedenken getragen habe, diese Satire ganz zu übersetzen. Weniger schüchtern als Batteux, der schon bei dem Verse, pastillos Rufillus olet, Gorgonius hircum, aufhört, habe ich mich zwar bis zum 63sten durchgearbeitet: aber hier, ich gestehe es, war nicht weiter fortzukommen, und ich sah kein Mittel, die Prosopopöie des seltsamen Interlocutors, den er mit quid vis tibi etc. gegen den Villius aufstellt und sprechen läßt, und alles was darauf folgt, auf eine erträgliche Art zu verdolmetschen. Weder unsre Sitten noch unsre Ohren würden diesen Grad von altrömischer Freiheit, und die etwas Cynische Laune, welcher Horaz hier den Zügel schießen läßt, ertragen können; wiewohl ich versichert bin, daß (den jungfräulichen Virgil vielleicht ausgenommen) niemand an Mäcens Tafel saß, oder den Zutritt zu seiner vertrautem Gesellschaft hatte, dem der Witz und die Laune in diesem ganzen Stücke eine Schamröte abgejagt hätte. Die Rücksicht auf das, was ein Schriftsteller unsrer Zeiten der Ehrbarkeit und Anständigkeit schuldig ist, hat mir selbst in der Hälfte, deren Übersetzung ich gewagt habe, mehr als einmal in Wendungen und Ausdrücken weniger Treue, als ich mir sonst erlaube, zur Pflicht gemacht.

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