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Horazens Satiren

Horaz: Horazens Satiren - Kapitel 4
Quellenangabe
typesatire
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Satiren
pages575
created20001125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der
Horazischen Satiren
Erstes Buch

Erste Satire

Einleitung

Die herrschende Idee in diesem poetischen Diskurse, und das Resultat der Betrachtungen, die unser Dichter darin über die Inkonsequenz der Menschen in dem was ihre wichtigste Angelegenheit ist, anstellt, macht gewissermaßen den Inhalt seiner meisten Satiren und Briefe, und einiger seiner schönsten Oden aus. Es ist der Geist seiner Philosophie, der Mittelpunkt aller seiner moralischen Begriffe und Gesinnungen, der feste Grund seines eigenen Lebens, und das einzige, was unter allen Umständen und in allen Lagen, unter den Ungewißheiten der menschlichen Dinge, den Zweifeln der Vernunft, und den Unbeständigkeiten des Glückes, für ihn immer wahr und unveränderlich blieb. Es ist das goldene

LAETUS SORTE TUA VIVES SAPIENTER

das er seinem Arist zuruftEpist. 10. L. I. v. 44.; es ist die freundschaftliche Ermahnung an den ehrlichen Bullatius, der die Krankheiten seines Gemütes durch Luftveränderung und Reisen zu heilen hoffte,

– Nimm du jede frohe Stunde
die Gott dir schenkt mit Dank an, und verliere nie
das Gegenwärt'ge durch Entwürfe für
ein künftiges Vergnügen, sondern richte so
dich ein, daß, wo du immer lebst, du gern
gelebt zu haben sagen könnest –Horaz. Briefe, T. I. 11..

Kurz, es ist der große Grundsatz der Philosophie des Sokratischen Aristipps: das was wir suchen ist immer in unsrer Gewalt, es ist hier oder nirgends. Horaz war so überzeugt von dieser Wahrheit, und von der ganzen praktischen Lebenstheorie, wovon sie das Prinzipium ist, daß er weder philosophieren noch satirisieren konnte, ohne davon auszugehen, oder dahin zurückzukommen.

Es ist also in diesem moralischen Diskurse nicht um neue Wahrheiten, sondern um solche zu tun, die nicht oft genug gesagt werden können, und die man den Menschen, als die einzige Seelenarznei, die ihnen wirklich Gutes tun und ihre selbst gemachten Leiden lindern, ja, wenn sie es nicht selbst verhindern, von Grund aus heilen könnte, immer und unaufhörlich wieder in einer andern Gestalt und Zubereitung anbieten muß. Dieses letztere macht die Kunst des philosophischen Dichters aus, und eben in dieser Kunst des Vortrags wird man an dem unsrigen in allen seinen Sermonen nicht einen desto größern Meister finden, je geschickter er sie unter dem Schein ungesuchter, zufällig entstandener Gedanken zu verbergen gewußt hat.

Die fast allgemeine Epidemie der Römer seiner Zeit war die nämliche, woran wir heutzutage die vornehmsten Staaten in Europa krank liegen sehen, eine unmäßige Sucht sich zu bereichern. Rom hatte die Herrschaft der ganzen damaligen Welt an sich gerissen; und was jetzt Bengalen für die Engländer ist, war Europa, Asia und Afrika für die Römer. Ihre ungeheure Republik war noch unter zwei Oberhäupter, Cäsar Octavianus und Marcus Antonius, geteilt. Jedermann hing dem einen oder dem andern an. Leute von geringer Bedeutung hatten auf diesem Wege ein unermeßliches Glück gemacht; tausend andere waren dadurch angereizt worden, es gleichfalls zu versuchen; niemand wollte zurückbleiben, jeder den Voreilenden den Rang ablaufen und den ersten so nahe kommen als möglich. Diese Wut, womit die obersten Klassen angesteckt waren, drang, wie natürlich, gar bald auch zu den untersten ein; und so verlor sich in kurzer Zeit der edle alte Nationalcharakter der Römer in dieser unersättlichen Habsucht, welche Horaz in allen seinen Werken bald mit dem zürnenden Eifer eines Archilochus angreift, bald im lachenden Tone der attischen Komödie bespottet, bald mit Sokratischer Kaltblütigkeit ihrer Torheit und Inkonsequenz zu überweisen sucht.

Dies letztere ist es, was in gegenwärtigem Diskurse seine Hauptabsicht zu sein scheint: wo die Frage, »warum so wenige mit dem, was sie sind und was sie haben, zufrieden, und also diejenigen so selten sind, die, wenn die Zeit zum Abscheiden kommt,

                        – – wohl gelebt zu haben
versichern, und, vergnügt mit ihrem Anteil
von Leben, wie ein Gast von einem Mahle,
gesättigt aufstehn –«

nicht sowohl das Problem, welches er auflösen will, als der Faden ist, an welchem seine Gedanken über diesen Gegenstand fortlaufen. Denn einen eigentlich künstlichen Plan und eine dialektische Genauigkeit im Zusammenhange des ganzen Räsonnements muß man hier nicht suchen. Der Gang seiner Gedanken ist auch hier, wie beinahe in allen seinen Werken, einem Spaziergang ähnlich, wo man sein Vergnügen daran findet kleine Umwege zu nehmen; wo man sich von jedem Gegenstande, der unsre Aufmerksamkeit erregt, aufhalten läßt, und am Ende entweder da, wo man hin wollte, angelangt, oder wieder dahin zurückgekommen ist, wo man ausgegangen war.

Daß aber gleichwohl ein feinerer Zusammenhang in dieser Satire zu finden sei, als einige Ausleger gesehen haben, wird die folgende kurze Analyse beweisen.

»Die meisten Menschen, sagt Horaz, sind mit ihrem Stand und Glück übel zufrieden, und preisen andere glücklicher, mit welchen sie doch, wenn es Ernst gälte, nicht tauschen würden. Erste Inkonsequenz! aber weder die einzige noch die größte, die man in dem Bestreben nach Glückseligkeit begeht. Hier ist eine noch größere. Alle diese Leute, die sichs so sauer werden lassen, nach einem Glücke zu jagen das immer vor ihnen flieht, machen einen Zustand der Ruhe und des Genusses zu ihrem Ziel; alle setzen sich vor, des Lebens noch einst froh zu werden: aber wir müssen doch, sagen sie, erst dafür sorgen Brot zu haben: oder sollten wir uns von der Ameise an Vorsicht beschämen lassen? Unter dieser, Vorwand häufen sie unermüdet Vorrat auf Vorrat, und finden endlich so großes Vergnügen am Aufhäufen, daß sie des Beispiels der Ameise, und des Endzwecks warum sie sammeln wollten, ganz vergessen, und, aus Furcht ihren Haufen kleiner zu machen, kaum das Herz haben sich satt zu essen. Zudem mischt sich noch Eitelkeit, Neid und Eifersucht ins Spiel: man will nicht weniger haben als andre, und beneidet jeden der mehr hat. Man kann also nie aufhören zu sammeln, man versagt sich allen Genuß des Lebens, man wird von den grämlichsten Leidenschaften verzehrt, man hat selbst keine fröhliche Stunde und macht andern keine, verliert alle Zuneigung der Seinigen, alle Achtung der Welt, und geht endlich, oft noch gar durch die unrechte Tür, wieder aus dem Leben hinaus, ohne sich selbst sagen zu können, ich habe gelebt.« – Dies ist die Gedankenfolge in diesem Stücke, etliche kleine Abschweifungen abgerechnet, worunter die beträchtlichste der Dialog mit dem Geizigen ist, den der Dichter in der Äsopischen Manier seiner Torheit zu überführen sucht; eine Digression, die so nah am Wege liegt und dem Hauptzwecke so wenig im Lichte steht, daß sie diesen Namen kaum verdient.

Der herrschende Ton in diesem Diskurs ist mehr ernsthaft als komisch, und demjenigen völlig gleich, der in den Episteln an Scäva, Lollius, u. a. herrschst. Doch zeigen sich überall Spuren der guten Laune, die unsern Dichter auszeichnet, und der Urbanität, die gleichsam seine eigene Grazie ist. Noch verdient vielleicht die Klugheit bemerkt zu werden, womit er für eine Satire, die einem Mäcenas zugeeignet werden sollte, einen Inhalt auswählte, wobei die Eigenliebe desselben nicht nur nicht ins Gedränge kam, sondern vielmehr ihre Rechnung fand. Mäcenas lebte, ungeachtet seiner Gunst bei Augustus, bis an seinen Tod im Privatstande, mit der angeerbten Würde eines römischen Ritters zufrieden; und niemand machte einen glänzendern Gebrauch von seinen großen Reichtümern als Mäcenas. Eine Satire auf die Unzufriedenheit der Menschen mit dem was sie sind, und auf den Geiz, wurde also, an ihn gerichtet, zu einem indirekten Lobe. Wenn man auch dies Schmeichelei nennen will, so muß man wenigstens gestehen, daß es eine sehr anständige und unschuldige Art zu schmeicheln ist, die dem Verstand unsers Dichters Ehre macht, ohne seinem Herzen Schande zu bringen.

Von der eigentlichen Zeit, wann dieses Stück geschrieben worden, läßt sich nichts Gewisses sagen. Daraus, daß es das erste in diesem Buch ist, folget nicht, daß es auch der erste Versuch unsers Dichters in dieser Gattung war. Vielleicht vertritt es bloß die Stelle einer Zueignungsschrift, und ist also eher das letzte in der Zeitfolge. Wenigstens läßt sich keine nähere Veranlassung darin entdecken.

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