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Horazens Satiren

Horaz: Horazens Satiren - Kapitel 39
Quellenangabe
typesatire
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Satiren
pages575
created20001125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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              Davus       Horaz
Davus
Schon lange paß ich auf, und möchte wohl
dem Herrn ein Wörtchen sagen, wenn ich dürfte.
 
Horaz
Wer spricht hier? Davus?
 
Davus                               Ja, der untertänigste
von deinen Sklaven, Davus, seinem Herrn
getreu und hold, und überhaupt ein guter Kerl,
zum wenigsten sofern, daß für sein Leben
nichts zu besorgen istEt frugi quod sit satis, hoc est, ut vitale putes. Diese Stelle fand Lambinus »äußerst dunkel«. Mich deucht nichts Hellers. Der Horazische Davus behauptet seinen Namen und Charakter; er ist naseweis, schalkhaft, und macht in seiner pöbelhaften Manier den Witzling und Spaßvogel. Man sieht aus dieser Stelle, daß der Aberglaube, als ob gar zu gute Menschen nicht lange lebten, schon damals beim Volke wohl hergebracht war. Qui nimii sunt in bonis, eos vitales non esse praedicimus, sagt der alte Scholiast..
 
Horaz                             Wohlan! weil unsre Alten
es so für gut befanden, so bediene dann
dich der Dezember-FreiheitD. i. der Freiheit, die dir die Saturnalien geben. Dieses Fest fiel in die Mitte des Dezembers. Es war zum Andenken des goldnen Alters der Lateiner, der glücklichen Zeiten des Königs Saturnus, eingesetzt; und um sich der Gleichheit, die damals unter den Menschen herrschte (weil sie noch Wilde waren) desto lebhafter zu erinnern, und sich auf einen Augenblick wenigstens mit einem Schattenbilde derselben zu täuschen, war, so lange dieses Fest dauerte, die Gewalt der Herren über ihre Sklaven gewissermaßen suspendiert. Die letztern durften (es versteht sich, ihrer Leibeigenschaft und des Rechts der Herren unbeschadet) reden und tun was sie wollten; ja viele Herren machten sich einen Spaß daraus, die Kleider mit ihren Sklaven zu tauschen, indes sie ihnen erlaubten die Herren zu spielen, dafür die Knechte vorzustellen, sie bei Tische zu bedienen, sie trunken zu machen, und dann an dem närrischen Zeuge, so sie während dieses nicht allzumenschlichen Possenspieles schwatzten und angaben, ihre Kurzweil zu haben.; schwatze was du willst!
 
Davus
Ein Teil der Menschen hängt an seinen Lastern
mit Lust und Lieb', und treibt darin
    DAV. Iamdudum ausculto, et cupiens tibi dicere servus
pauca, reformido. HOR. Davusne? DAV. Ita, Davus, amicum
mancipium domino et frugi quod sit satis, hoc est,
ut vitale putes. HOR. Age, libertate Decembri,
<5> (quando ita maiores voluerunt) utere, narra!
DAV. Pars hominum vitiis gaudet constanter, et urguet
nach einem festen Plan sich immer vorwärts:
hingegen schwimmt der größte Haufe zwischen
dem Guten und dem Bösen hin und her,
greift manchmal wohl nach jenem, aber wird
doch stets von diesem wieder überwältigt.
So war, zum Beispiel, ein gewisser Priscus
sich selbst so ungleich, daß er oft in einer Stunde
den Clavus wechselte, und bald drei RingeRinge wurden bei den Römern nur von Personen senatorischen und ritterlichen Ranges getragen, und zwar in den ältern Zeiten nur an der linken Hand, nur ein einziger, und auch dieser nur von Eisen. Den Gesandten allein, die der Senat außer Landes schickte, wurden goldne gegeben. Sogar die Triumphatoren trugen an ihrem ehrenvollsten Tage einen eisernen Ring, und C. Marius bediente sich eines goldnen nicht eher als in seinem dritten Konsulat. Drei goldene Ringe an der Hand eines unbedeutenden Menschen, wie dieser Priscus, waren also zu Horazens Zeiten ein großer Luxus. Aber hundert Jahre später trug man sie schon, den Mittelfinger ausgenommen, an allen Fingern, und oft zwei bis drei an einemPlin. H. N. XXXIII. 1..,
bald keinen trug; aus einem großen Hause plötzlich
in einen Winkel zog, woraus fürwahr
ein rechtlicher Libertus kaum mit Ehren
hervorgehn konnte; bald den Sausewind
zu Rom, bald zu Athen den Weisen spielte.
Der kam nun wohl im Zorn von allen möglichen
Vertumnen in die WeltTorrentius konnte nicht begreifen, wie Davus sagen könne: »Priscus (den er als den veränderlichsten Menschen von der Welt beschreibt) sei im Zorn aller Vertumnen, soviel ihrer sind, geboren« – da Vertumnus doch selbst der Gott der Veränderlichkeit war, und die Fabel ihm daher die Gabe, alle mögliche Gestalten anzunehmen, beilegt. Mich deucht, das hindert nicht, daß Vertumnus es mit dem Menschen sehr übel meinen würde, über den er die ganze Fülle seiner Veränderlichkeit ausgösse; und nun vollends alle Vertumnen, deren es, weil man das Bild dieses Gottes, in Italien, und besonders in Hetrurien, (wo er eigentlich zu Hause war) in allen Städten und Flecken antraf, eine unendliche Menge gab! Eben darum, weil diese außerordentliche Ungleichheit und Wackelhaftigkeit dem Priscus nicht anders als nachteilig sein konnte, hatte sie ihm Vertumnus nicht in Gnaden, sondern zur Plage zugeschickt.! Da lob ich mir
den braven Scurra Volanerius,
der, als das wohlverdiente Chiragra
ihm alle Knöchel lähmte, einen Menschen
im Taglohn dingteWeil er den ganzen Tag spielte., der die Würfel ihm,
statt seiner, in den Becher werfen mußte.
Mir scheint ein solcher seinen Lastern standhaft
propositum; pars multa natat, modo recta capessens,
interdum pravis obnoxia. Saepe notatus
cum tribus anellis, modo laeva Priscus inani,
<10> vixit inaequalis, clavum ut mutaret in horas,
aedibus ex magnis subito se conderet, unde
mundior exiret vix libertinus honeste;
iam moechus Romae, iam mallet doctus Athenis
vivere, Vertumnis quotquot sunt natus iniquis!
<15> Scurra Volanerius, postquam illi iusta chiragra
contudit articulos, qui pro se tolleret atque
mitteret in phimum talos mercede diurna
getreuer Mensch viel minder elend, und
mit einem Wort, der beßre Mann, als einer
der bald an längerm bald an kürzerm Stricke zerrt.
 
Horaz
Nun, Galgenstrick, wirst du dich bald erklären,
wem dies Gewäsche gilt?
 
Davus                               Wem sonst als dir?
 
Horaz
Wieso, Halunk?
 
Davus                 Du lobst die Sitten und
das Glück des guten alten Volks von ehmalsWie er in der 2ten und 6ten Satire dieses Buches getan hat.,
und doch, wenn dich ein Gott auf einmal in
dies große Glück versetzen wollte, würdest du
dich sehr dafür bedanken: zum Beweis, daß du
nicht fühlst, daß jenes besser sei, was du
für besser ausrufst, oder weil es dir
conductum pavit: quanto constantior idem
in vitiis, tanto levius miser ac prior illo,
<20> qui iam contento iam laxo fune laborat.
HOR. Non dices hodie, quorsum haec tam putida tendant,
furcifer? DAV. Ad te, inquam. HOR. Quo pacto, pessime? DAV. Laudas
fortunam et mores antiquae plebis; et idem,
si quis ad illa deus subito te agat, usque recuses:
<25> aut quia non sentis quod clamas rectius esse,
an Stärke fehlt, dem Bessern treu zu bleiben;
kurz, weil du schon zu tief im Sumpfe steckst,
um dich herauszuziehn. Zu Rom, da ist
das ewige Gewimmer, wär' ich doch
auf meinem Gut! Kaum bist du da, so tönts
schon wieder anders, und die Stadt wird himmelhoch
erhoben. Trifft sichs daß du nirgends
geladen bist, da geht dir in der Welt
nichts über eine Schüssel Kohl; »man bleibt
so hübsch gesund dabei und schläft so sanft!«
Wer dich so reden hörte, müßte denken,
du gingst zu einem Schmaus wie ins Gefängnis,
so freust du dich, so preisest du dich selig,
daß du heut nirgends zechen müssest! Aber laß
nur den Mäcenas dich noch Abends kurz vor Nacht
zur Tafel bitten, welch ein Aufruhr gleich
im Hause! wie du schreist und tobest, wenn
das Salböl nicht flugs auf den Wink zur Hand istEin kleiner Wink ist doch vielleicht nicht ganz überflüssig, um selbst Leser von feinerm Gefühl (für alle andre geht ohnehin die Hälfte von Horazens Verdienst verloren) auf die vielen verborgnen, oder vielmehr leicht verschleierten Schönheiten dieser ganzen Stelle aufmerksam zu machen. Der Sklave Davus schleudert nach und nach alle die Steine auf seinen Herrn ab, die er vor der Tür des pedantischen Stoikers Crispins gesammelt; er hat in seiner bürlesken Stellung die Miene, als ob er scharf ziele, aber sie fliegen alle ganz unschädlich bei Horazen vorbei. Die Ursache ist, weil Davus die Gesinnungen und Handlungen seines Herrn schief beurteilt, und bei den Vorwürfen, die er ihm wegen seiner Ungleichheit macht, zu stumpfsinnig ist, um den Unterschied zwischen Monotonie – und Harmonie, zwischen Einförmigkeit – und Übereinstimmung mit sich selbst in den vielfachsten Verhältnissen des Lebens, einzusehen. Horaz liebte das Land und liebte die Stadt; freute sich, wenn er zu Hause bleiben und sich an den Gnathonen, die der Geruch seiner mäßigen Abendmahlzeit herbeizog, auf seine eigne Rechnung amüsieren konnte: und eilte gleichwohl über Hals und Kopf, wenn er unvermutet zu Mäcen eingeladen wurde. Das konnte nun der Sklave Davus, nach seiner plumpen Vorstellungsart, nicht zusammenreimen. Er beurteilt seinen Herrn, wie ein bettelhafter Cyniker einen Aristippus am Hofe. Er will ihn schelten, und sein Tadel ist im Grunde Lob; so wie das komische Gemälde von Horazens Eilfertigkeit, bei Mäcens Tafel zu erscheinen, ein feines indirektes Kompliment an diesen großen Freund des Dichters ist. – Doch ich wollte hier nur aufmerksam machen, nicht kommentieren. – Die Züge und Schattierungen, worin die Schönheiten dieser Satire bestehen, sind zu fein und leicht aufgetragen, um eine Analyse zuzulassen; sie müssen vom Leser selbst gefühlt, und gleichsam im Fluge aufgehascht werden.!
Indessen Mulvius, samt deinen übrigen
Schmarotzern»Also hatte auch Horaz seine Schmarotzer und Lustigmacher, so gut als die Großen in Rom?« – So scheint es; und in einer Stadt, die einer Welt gleich sah, konnte es nicht wohl anders sein. Horaz, außer dem, daß er die Bequemlichkeit hatte, sich unter einer solchen Tischgesellschaft (die freilich von seinen Gästen im Sabino mächtig abstach) nach Belieben aufknöpfen, und seiner momentanen Laune überlassen zu dürfen, konnte sie auch als Dichter zu allerlei Zwecken benutzen. Wer den Menschen sowohl in allen möglichen Verkleidungen als in puris naturalibus kennen, und von allen Seiten, in allen Stellungen, Attitüden und Karikaturen zeichnen lernen will, darf sich nicht bloß auf die beste Gesellschaft einschränken., an den Hals dir wünschend
was ich nicht sagen will, mit trocknem Maul
sich trollen müssen. Ich gesteh es (kann
ein solcher sagen) ja, ich bin ein lockrer Bursche,
aut quia non firmus rectum defendis, et haeres
nequicquam caeno cupiens evellere plantam.
Romae rus optas, absentem rusticus urbem
tollis ad astra levis. Si nusquam es forte vocatus
<30> ad cenam, laudas securum olus, ac, velut usquam
vinctus eas, ita te felicem dicis, amasque
quod nusquam tibi sit potandum. Iusserit ad se
Maecenas serum sub lumina prima venire
convivam – »nemon' oleum fert ocius? ecquis
<35> audit?« cum magno blateras clamore, furisque:
Mulvius et scurrae, tibi non referenda precati,
dem eines Bratens Wohlgeruch die Nase
gleich in die Höhe zieht, ein Taugenichts,
ein Faultier, und ein Vielfraß, wenn du willst:
Allein, wenn du gerade bist was ich,
ja, schlimmer noch vielleicht, wie steht dirs an,
mir, gleich als wärst du besser, mitzuspielen,
weil du die Kunst gelernt hast, deine Laster
in schöne Worte einzuschleiernDer Mulvius oder seinesgleichen, welchem Davus diesen Vorwurf in den Mund legt, will damit zu verstehen geben, Horaz stelle an Mäcens Tafel im Grunde nichts Bessers vor, als er, Mulvius, an der seinigen. Der Gedanke und die Vergleichung ist, wie man sieht, eines Mulvius und Davus würdig.? Wie,
wenn sichs nun fände, daß du närrischer sogar
als ich bist, der dich nur fünfhundert DrachmenUngefähr 200 Gulden, der gewöhnliche Preis der schlechtesten Art von Sklaven.
gekostet? – Grinse mich nicht so gefährlich an,
und halte Zorn und Faust zurück, so sollst du
die Rede haben, die mein guter Freund, der Pförtner
Crispins, am Hörsaal seines Herren aufgeschnappt,
und mir, wie folget, vorgetragen hat.
Du stellest eines andern Weibe nachDie nun folgende Deklamation, worin Davus seinen behaupteten Satz, »daß sein Herr ein weit größerer Tor als er selbst sei« durch einige Induktionen zu beweisen sucht, hat die Ausleger in Verlegenheit gesetzt. »Wie konnte Horaz unverschämt genug sein, so schändliche Dinge von sich selbst zu sagen?« – Denn, ob er sie in seiner eignen Person sagt, oder seinem Sklaven Davus in den Mund legt, das läuft auf eines hinaus. Geßner sucht der Sache dadurch zu helfen, daß er meint: Davus werfe alles, was nun folget, nicht dem Horaz selbst vor, sondern sage bloß die Lektion auf, die er von Crispins Türhüter aus dem Munde des Stoischen Professors gelernt habe. – Mich deucht, alle Schwierigkeit verschwinde von sich selbst, sobald man die Sache recht gefaßt hat. Crispin deklamierte gegen die Ehebrecher in der gewöhnlichen Manier der Stoiker, welche ihre Invektiven, der größern Lebhaftigkeit des Vortrags wegen, immer an eine unsichtbare Person, Du genannt, zu richten pflegten; und Davus (der in diesem ganzen Dialog einen Scurra vorstellt, dem alles zu sagen erlaubt ist) richtet nun das Crispinische Du an seinen vor ihm stehenden Herren, unbekümmert, vielleicht auch unwissend, ob und wiefern es auf ihn paßte oder nicht. Horaz, der sich (wie er an so vielen Stellen seiner Schriften, öffentlich und zuversichtlich, zu erkennen gibt) von diesem Laster immer rein erhalten hatte, riskierte nichts dabei, und konnte die ganze Ladung, die ihn nicht verwundete, ruhig neben sich vorbeigehen, und diejenigen treffen lassen, die über diesen Artikel kein so gutes Gewissen hatten als er selbst.:
dem Davus ist das erste Gassenmädchen
schon gut genug. Wer von uns beiden sündigt nun
am sträflichsten? Mich spornt die unbezähmbare
Natur, und, wenn nun meine Trivia
discedunt. Etenim fateor me, dixerit ille,
duci ventre levem; nasum nidore supinor,
imbecillus, iners, si quid vis, adde, popino:
<40> tu, cum sis quod ego, et fortassis nequior, ultro
insectere, velut melior? verbisque decoris
obvolvas vitium? Quid si me stultior ipso,
quingentis empto drachmis, deprenderis? Aufer
me vultu terrere, manum stomachumque teneto,
<45> dum quae Crispini docuit me ianitor edo.
Te coniux aliena capit, meretricula Davum:
peccat uter nostrum cruce dignius? Acris ubi me
so oder so mich expediert hat, bin ich just
so ehrlich wie zuvor, und kümmre mich
sehr wenig, ob ein Reichrer oder Schönerer,
vor oder nach mir, seine Notdurft auch
am gleichen Ort verrichte. Du hingegen
wenn du dein Römerkleid, den Ritterring,
die Zeichen deines Standes, ablegstDas Römerkleid, den Ritterring, die Zeichen deines Standes. – Horaz war also ein römischer Ritter, ja sogar Beisitzer einer Decurie von Iudicibus electis, wiewohl Sueton, oder wer sonst der Verfasser seiner kleinen Lebensbeschreibung ist, nichts davon erwähnt. Er war ehmals unter Brutus und Cassius Oberster über eine Legion gewesen, und jetzt von Mäcenas, und durch ihn von dem jungen Cäsar selbst, begünstigt genug, um den Ritterring von ihm erhalten zu haben, womit man ohnehin damals sehr freigebig war. Auf dem Fuße wie Horaz mit dem Mäcenas lebte, da er auf Reisen in seinem Wagen fuhr, im Campus Martius mit ihm Ball spielte, und dergleichen, erfoderte der bloße Wohlstand diese Art von Standeserhöhung; und wie hätte er, ohne römischer Ritter zu sein, neben Mäcen im Theater sitzen können? War ers aber, so konnte er auch zu einem Gerichtsbeisitzer erwählt werden. Ich sehe also in allem nicht die geringste Schwierigkeit; und daß Davus in dieser ganzen Rede immer Horazen und keinen andern meint, ist aus dem Zusammenhang augenscheinlich., und
dein duftend Haupt in eine Sklavenkappe
versteckst, aus einem Schöppen metamorphosiert
in einen DamaEin gewöhnlicher Sklavenname, den wir schon aus der 5ten Sat. dieses Buchs kennen., bist du dann nicht wirklich, was
du scheinen willst? Du wirst im Dunkeln furchtsam
hineingeführt, und alle Knochen klappern
am Leibe dir, im Kampf der bösen Lust
mit deiner Furcht: was liegt nun dran, ob du
zum blutgen Tod gedungen gehestAuctoratus, nämlich als ein Gladiator, der sich zum Tode verkauft hat., oder,
in eine schmutzige Kiste von der zitternden
Mitschuldigen der Dame eingeschlossen,
natura incendit, sub clara nuda lucerna
quaecumque excepit turgentis verbera caudae,
<50> clunibus aut agitavit equum lasciva supinum,
dimittit neque famosum neque sollicitum, ne
ditior aut formae melioris meiat eodem.
Tu, cum proiectis insignibus, anulo equestri,
Romanoque habitu, prodis ex iudice Dama
<55> turpis, odoratum caput obscurante lacerna,
non es quod simulas? Metuens induceris, atque
altercante libidinibus tremis ossa pavore.
Quid refert, uri virgis, ferroque necari
auctoratus eas: an turpi clausus in arca,
die Nase mit dern Knie berühren mußt?
Und hat der Ehmann einer Ungetreuen
nicht über beide Macht? Ja, über den Verführer
die größre nochDenn der Mann durfte die schuldige Frau nicht persönlich mißhandeln: hingegen aber gegen den Ehebrecher war ihm, im ersten Ausbruch des Zorns, alles erlaubt; wie man in der zweiten Satire des ersten Buches gesehen hat.. So schlägst du wissentlich
dein Hab und Gut, dein Leben, deinen Ruf,
mit einem Wort, dein Alles in die Schanze!
Und gleichwohl ist am Ende, was die stolze
und ihrem Buhler selbst nicht trauende
Matrone dir verwilligt, schwerlich wert,
was Davus ohne Müh und langes Sperren
erhält! Gesetzt nun auch, du bist mit heiler Haut
davongekommen, wird die ausgestandne Angst
dich etwa weiser machen? Umgekehrt,
du denkst schon wieder drauf, wie bald du dich
von neuem in den Fall, zu zittern und
dein Leben zu verlieren, setzen könnest!
O du vielfacher Sklave! welche Bestie,
die einmal durchgebrochen, ist so toll,
sich selbst der Kette wieder einzuliefern?
Ich bin kein Ehebrecher, sagt der HerrNon sum moechus, ais etc. Horaz hatte die ganze Deklamation des Davus, weil sie ihn bisher nicht traf, ganz gelassen angehört, und wie er fertig war, mit der Antwort abgefertigt, welche Davus, als aus seinem Munde, wiederholt. Aber, wiewohl er sich nicht aufbürden lassen wollte, was er nicht begangen hatte, so war er doch liberal genug, für seine wirkliche blinde Seite keine Schonung zu verlangen. Er läßt also seinen Davus diese Wendung nehmen, um ihm sogar seine Unschuld in Rücksicht unerlaubter Liebeshändel zum Vorwurf zu machen. »Du bist kein Ehebrecher? Wahr! Aber bloß aus der Ursache, warum ich kein Dieb bin – du hast das Herz nicht, es zu sein; denn, daß es dir nur an Mut, nicht an Lust zu sündigen, fehle, beweiset deine Schwachheit gegen die Kreaturen, die ihre Gunst an den Meistbietenden verhandeln« – (v. 90–95). Die vorhergehenden Verse, vom 75- bis zum 90sten, scheinen bloß eingeschoben, um der Rede des Davus das studierte Ansehen einer methodischen Deklamation zu benehmen, und ihr dadurch mehr Wahrscheinlichkeit zu geben. Davus bringt lauter Dinge vor, die er von Crispins Türhüter, und dieser vom Crispin selbst gehört hatte; aber er trägt sie etwas unordentlich vor; und die echt Stoische Stelle: wer ist denn also frei, u.s.w. die in dem Munde eines Davus etwas so Possierliches erhält, macht im Zusammenhang den Effekt, als ob er gefürchtet hätte, sie zu vergessen, und also geeilt habe, sie bei der ersten besten Gelegenheit, wo sie ihm einfiel, an den Mann zu bringen.,
und ich, beim Herkules, kein Dieb, indem ich
so klug bin und bei deinem Silberzeuge
<60> quo te demisit peccati conscia herilis,
contractum genibus tangas caput? Estne marito
matronae peccantis in ambo iusta potestas?
In corruptorem vel iustior. Illa tamen se
non habitu mutatve loco, peccatve superne:
<65> cum te formidet mulier, neque credat amanti.
Ibis sub furcam prudens dominoque furenti
committes rem omnem et vitam et cum corpore famam!
Evasti? – Credo, metues doctusque cavebis?
Quaeres quando iterum paveas iterumque perire
<70> possis! O toties servus, quae belua ruptis,
cum semel effugit, reddit se prava catenis?
Non sum moechus, ais: neque ego, Herculel fur, ubi vasa
vorbeigeh' ohne einzusacken. Aber nimm
uns beiden die Gefahr, den Zaum der lüsternen
Natur, und sieh, wie rasch sie über die
Schranken springen wird! Was? du, mein Herr?
Du, dem so viele Menschen, dem
so viele Dinge zu gebieten haben?
Du, den vierfache ManumissionVindicta. So hieß die feierliche Manumission oder Freigebung eines Leibeigenen, wobei der Prätor selbst die Zeremonie verrichtete.
nicht von dem knechtischen Affekt der Furcht
befreien könnte? – Wenn, wer einem Knechte
gehorcht, sein Mitknecht, oder (wie ihr andern
es nennet) sein Vikar ist, nun, was bin
ich dir? Da du, der mir gebietest,
so vieler andern Sklave bist, und immer
von fremder Hand, wie eine Gliederpuppe
an Roßhaar, hin und her gezogen wirst?
Wer ist denn also frei? Der WeiseMan muß sich vorstellen, daß Davus hier einen bürleskgravitätischen Ton annimmt, um den magistralischen Ton des Stoikers zu parodieren., der
praetereo sapiens argentea: tolle periclum,
iam vaga prosiliet frenis natura remotis.
<75> Tune mihi dominus, rerum imperiis hominumque
tot tantisque minor? quem ter vindicta quaterque
imposita haud umquam misera formidine privet?
Adde super dictis quod non levius valeat: nam
sive vicarius est qui servo paret, (uti mos
<80> vester ait) seu conservus, tibi quid sum ego? nempe
tu, mihi qui imperitas, aliis servis miser, atque
duceris ut nervis alienis mobile lignum.
sich selbst beherrscht, den weder Armut, Kerker,
noch Tod aus seiner Fassung setzen kann;
der Stärke hat, den Lüsten Trotz zu bieten
und Titel zu verschmähn; der ganz aus einem Stück
und rund und glatt ist, so daß nichts von außen
an ihn sich hängen, und kein Fall des Glücks
aus seinem Gleichgewicht ihn heben kann.
Kannst du in diesem Bilde auch nur einen Zug,
der dir gehört, erkennen? – Wie? Ein Weibsstück
ist unverschämt genug, für ihre Gunst
dir bare fünf Talente abzufodern;
sie quält dich, schließt die Tür dir vor der Nase zu,
begießt dich, wenn du weilst, wohl gar mit kaltem Wasser,
und wenn sie dann dich wieder rufen läßt,
was tust du? – Nun, so ziehe doch den Hals
aus diesem schandbarn Joche! Faß ein Herz
und sag' ihr: ich bin frei! – Du kannst nicht? Gelt?
Denn deine Seele drückt ein strenger Herr
und stößt und treibt dich, wenn du abgemattet
nicht vorwärts willst, mit scharfem Stachel fort!
Quisnam igitur liber? Sapiens, sibi qui imperiosus,
quem neque pauperies neque mors neque vincula terrent,
<85> responsare cupidinibus, contemnere honores
fortis, et in se ipso totus teres atque rotundus,
externi ne quid valeat per leve morari;
in quem manca ruit semper fortuna. Potesne
ex his ut proprium quid noscere? Quinque talenta
<90> poscit te mulier, vexat, foribusque repulsum
perfundit gelida; rursus vocat: eripe turpi
colla iugo; liber, liber sum, dic age! Non quis?
Urguet enim dominus mentem non lenis, et acres
subiectat lasso stimulos, versatque negantem.
Und wenn du, wie ein Tor, vor einem Täfelchen
des Pausias versteinert dastehstPausias, von dessen kleinen enkaustischen Gemälden hier die Rede ist, war ein Maler aus Sicyon, der berühmtesten Schule der Kunst im alten Griechenlande. Er blühete um das Jahr 370 vor C. G. und exzellierte vornehmlich in kleinen Kinder- und Blumen-Stücken. Eines seiner berühmtesten Bilder stellte die schöne Glycera (seine Landesmännin und ehmalige Geliebte) mit einem von ihr geflochtnen Blumenkranz in der Hand, vor. Wie schön es gewesen sein müsse, läßt sich daraus schließen, daß der reiche Lucullus einem Athener für eine bloße Kopei dieses Stückes 2000 Taler bezahlte. (Plin. XXXV. c. XI.), was
bist du vernünftiger als ich, wenn ich die Kämpfe
des Fulvius und Rutuba, und des
PlacidejansBerühmte Gladiatoren des Jahrhunderts vor Horaz, die man vermutlich in Weinhäusern und Barbierstuben auf diese Art an die Wände gesudelt sah. straff angestrengtes Knie,
gemalt mit roter Kreide oder Kohle,
bewundre, gleich als ob es wirkliche
lebend'ge Fechter wären, die im Ernst
mit wahren Schwertern blut'ge Streiche führten
und ausparierten? Davus, heißts dann, ist
ein Schlingel, der die Zeit vertändelt: du
hingegen wirst noch, als ein feiner Kenner
der alten Meister und der Kunst, bewundert!
Ich bin ein Lumpenhund, wenn mich ein Fladen,
frisch aus der Pfanne dampfend, reizt – denn freilich
ein Geist und eine Tugend wie die deine
läßt sich vom reichsten Gastmahl nicht versuchenIn ironischem Tone.!
Mir ist es schädlicher, dem Bauch zu Willen
zu sein! – Warum? Mein Rücken muß es büßen.
<95> Vel cum Pausiaca torpes, insane, tabella,
qui peccas minus atque ego, cum Fulvi Rutubaeque
aut Placideiani contento poplite miror
proelia, rubrica picta aut carbone, velut si
revera pugnent, feriant, vitentque moventes
<100> arma viri? Nequam et cessator Davus; at ipse
subtilis veterum iudex et callidus audis.
Nil ego, si ducor libo fumante; tibi ingens
virtus atque animus cenis responsat opimis.
Obsequium ventris mihi perniciosius est: cur?
Als ob du ungestrafter bliebst, wenn du
mit teuren Schüsseln und mit Schmäusen ohne Ende
den Magen dir vergällst, und die getäuschten Beine
den siechen Körper nicht mehr tragen können!
Ein armer Schelm, der eine alte Striegel
aus seines Herren Bad um eine Traube tauscht,
hat schwer gesündigt: und des Sklaven Herr,
der, seinem Gaum zu lieb, ein Grundstück nach
dem andern feil macht, handelt er nicht noch
weit knechtischer? Zu allem diesem laß
mich noch hinzutun, daß du keine Stunde
dich mit dir selbst behelfen kannst, nichts Kluges
mit deiner Muße anzufangen weißt,
dich selber ausweichst, und, gleich einem seinem Herrn
entlaufnen Vagabund, dir die Gedanken bald
mit Trinken, bald mit Schlafen zu vertreiben suchst.
Vergebens! Denn die schwarze Sorge folgt
dem Flüchtling überall dicht an der Ferse nach.
 
Horaz
Ist denn kein Stein zur Hand?
 
<105> Tergo plector enim! Qui tu impunitior illa
quae parvo sumi nequeunt opsonia captas?
Nempe inamarescunt epulae sine fine petitae,
illusique pedes vitiosum ferre recusant
corpus. An hic peccat sub noctem qui puer uvam
<110> furtiva mutat strigili? qui praedia vendit
nil servile, gulae parens, habet? Adde quod idem
non horam tecum esse potes, non otia recte
ponere, teque ipsum vitas, fugitivus ut erro,
iam vino quaerens, iam somno fallere curam;
<115> frustra, nam comes atra premit sequiturque fugacem.
HOR. Unde mihi lapidem?
Davus                                     Wozu?
 
Horaz                                                   Kein PfeilEs gehörte zu der Laune, worin dieses ganze Gedicht geschrieben ist, daß Horaz sich auf eine komische Art zornig über die Sottisen stellt, die er sich selbst und einer Menge von Leuten, denen man die Wahrheit nur lachend sagen durfte, von seinem Sklaven hatte sagen lassen. Keiner von allen Vorwürfen des Davus verdiente weniger, im Ernste böse darüber zu werden, als dieser: Horaz könne nicht mit sich selbst leben, wisse nichts Gescheutes mit seiner Muße anzufangen, und dergleichen. Weil aber das Stück doch ein Ende haben mußte, so konnte er nicht komischer abbrechen, als durch diesen affektierten Zorn über die Vorwürfe, die gerade unter allen am wenigsten auf ihn paßten. – Wie fürchterlich übrigens dem Davus die Drohung sein mußte, ihn zur untersten Stelle unter den Knechten, die auf seinem Sabinum arbeiteten, zu verdammen, läßt sich aus der Epistel an seinen Villicus abnehmen; der, ungeachtet er als Aufseher und Verwalter allen übrigen Sklaven auf dem Gute zu befehlen hatte, dennoch seinen dortigen Aufenthalt als eine traurige Verbannung ansah, und nicht aufhören konnte, sich nach dem müßigen und lustigen Leben in der Stadt zurückzusehnen.?
  Davus
Der Mann ist rasend, oder macht er Verse?
 
Horaz
Wenn du nicht eilends dich von hinnen machst,
wirst du die Knechte des Sabinschen Gutes
mit einem neunten Taugenichts vermehren!
                                        DAV. Quorsum est opus? HOR. Unde sagittas?
DAV. Aut insanit homo aut versus facit. HOR. Ocius hinc te
ni rapis, accedes opera agro nona Sabino.
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