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Horazens Satiren

Horaz: Horazens Satiren - Kapitel 36
Quellenangabe
typesatire
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Satiren
pages575
created20001125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechste Satire

Einleitung

Horaz hatte bisher teils für das römische Publikum, teils für die auserlesene Gesellschaft, von welcher das Mäcenatische Haus der Sammelplatz war, geschrieben. Das gegenwärtige Stück scheint mir mit besondern Rücksichten auf die ländlichen Verhältnisse, die ihm das Sabinische Landgut, womit ihn Mäcenas seit einiger Zeit beschenkt hatte, gab, und, so zu sagen, seinen wackern Nachbarn zu Gefallen, aufgesetzt zu sein. Unser Dichter hatte (wie bei andern Gelegenheiten mehrmals bemerkt worden ist) die liebenswürdige Eigenschaft mit Aristipp gemein, daß

ihm jede Farbe gut ließ, jedes Glück;
arm oder reich, im netten Hofkleid oder
im schlechten Überrocke, blieb er immer
sich selber ähnlich, immer wie er war
just eben recht, doch so, daß auch nichts Bessers
für ihn zu gut war.

Unter seinen Sabinischen landwirtlichen Nachbarn herrschte größtenteils noch die gute alte Sitte, die Einfalt, Häuslichkeit, Gutherzigkeit und Jovialität, die von jeher der Charakter der Einwohner Latiums gewesen war. Horaz, unter der Gestalt eines Höflings, eines Hausfreundes des Mäcenas, der damals wenigstens als der dritte nach Cäsarn betrachtet wurde, und (was wir nicht leugnen können) mit dem Rufe eines jungen Mannes von ziemlich freier Denkart und nicht sehr strengen Sitten, kurz in der Gestalt eines Urbani und Faceti von der ersten Klasse, konnte nicht wohl anders als viele Vorurteile bei diesen wackern Landleuten gegen sich haben; und würde in seinem rauhen bergichten Sabino wahrscheinlich sehr allein haben leben müssen, wenn er sich seinen Nachbarn nicht bei Zeiten in einer andern, wiewohl ihm eben so natürlichen Gestalt, in einem minder glänzenden aber mildern und gefälligern Lichte, kurz mit Gesinnungen und Sitten, die den ihrigen gleichförmiger waren, dargestellt hätte. Ohnezweifel tat er dies schon im Umgang mit ihnen: aber ein Gedicht, worin er sich öffentlich in diesem Lichte zeigte, mußte in dem Kreise, für den es eigentlich bestimmt war, eine desto größere Wirkung tun, da er dadurch Gelegenheit erhielt, seiner neuen Sabinischen Freunde, und des Anteils, den sie an seiner ländlichen Glückseligkeit hatten, auf eine verbindliche und ehrenvolle Art zu erwähnen.

Ich will damit keinesweges sagen, als ob er alle die Gesinnungen, die in dem gegenwärtigen Stücke herrschen, bloß affektiert, und mit seinen ehrlichen Sabinern nichts als Komödie gespielt hätte. Wie verschieden auch die Gestalten waren, unter denen er sich in seinem Leben zeigte, so bin ich doch gewiß, daß er in jeder sich selbst zu spielen glaubte. Er war im Lager des Brutus ein aufrichtiger Republikaner, im Hause Mäcens ein gefälliger und witziger Gesellschafter, bei Cinaren, Chloen, Lydien, u.s.w. ein feuriger wiewohl unbeständiger Liebhaber, zu Rom ein Weltmann, unter seinen Sabinischen Nachbarn ein Mann aus dem goldnen Alter, überall und zu allen Zeiten aber ein edler, freier, offner und liebenswürdiger Mensch, und in einem hohen Grade das, was die Engländer a goodnatured Man nennen. Seine Lebhaftigkeit riß ihn zuweilen in Ausschweifungen hin, für welche er in den herrschenden Sitten seiner Zeit nur zu viel Entschuldigung fand; aber es waren nur Augenblicke von Trunkenheit, deren Einfluß nicht bis zu seinem Herzen drang. Wenn er auch in der großen und schimmernden Gesellschaft, worin er zu Rom lebte, zuweilen was anders, als er wirklich war, zu sein schien: so erhielt er sich doch immer in der möglichsten Unabhängigkeit; verlor selbst in dem üppigen Mäcenatischen Hause nie die Federkraft seines Geistes; kehrte immer wieder in seinen eignen Charakter zurück, und behauptete ihn, sonderheitlich in seinen männlichen Jahren, mit einer immer zunehmenden Weisheit und Übereinstimmung mit sich selbst. Kurz, wiewohl ich hier eine deutliche Absicht, sich bei seiner Sabinischen Nachbarschaft in Kredit zu setzen, wahrzunehmen glaube: so beweiset doch der ganze Zusammenhang seiner Schriften, und eine gewisse aus allen hervorleuchtende Physiognomie des Geistes, daß die schönen Gesinnungen, die dieses Gedicht so interessant machen, nicht geheuchelt, sondern Gefühle seines Herzens, und unverlöschbare Züge seines Charakters waren. Die einzige Ausnahme, die vielleicht zu machen ist, möchte wohl die an Horaz (den wir als parcum deorum cultorem kennen) etwas auffallende Frömmigkeit sein, die darin herrschet, besonders die andächtige Apostrophe an den Merkur, vom 4ten bis zum 15ten Verse. Wie viele Dispositionen zu religiöser Begeisterung auch das ländliche Leben im Schoß der Natur einer zartern und unverdorbnen Seele geben mag: so besorge ich doch nicht, meinem Liebling Unrecht zu tun, wenn ich glaube: daß seine Klugheit an diesen Äußerungen einer altrömischen Rechtglaubigkeit mehr Anteil gehabt habe als sein Kopf und sein Herz. Mit den Sabinern war über diesen Artikel nicht zu scherzen; und um sich bei ihnen in Achtung zu setzen, war vor allen Dingen nötig, die Vorurteile auszulöschen, die man nicht ohne Grund gegen seine Frömmigkeit gefaßt haben mochte.

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