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Horazens Satiren

Horaz: Horazens Satiren - Kapitel 34
Quellenangabe
typesatire
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Satiren
pages575
created20001125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfte Satire

Einleitung

Seitdem die Römer, durch eine natürliche Folge der Oberherrschaft, welche sie endlich über den größten Teil des damals bekannten Erdbodens erlangt hatten, von der Denkart und den Sitten ihrer Vorfahren so weit abgewichen waren, daß der Horazische Stertinius bloß die herrschende Gesinnung seiner Zeitgenossen ausdrückte, indem er sagte:

daß Tugend, Ruhm, Verdienst, kurz alles Göttliche
und Menschliche, dem schönsten aller Dinge,
dem Reichtum untertan sei –

war es eine nicht weniger natürliche Folge dieser Art zu denken: daß für Menschen, bei welchen die Begierde nach Reichtum alles sittliche Gefühl abgestumpft und beinahe ganz vertilgt hatte, kein Weg, der zu diesem letzten Ziele aller Wünsche führte, weder zu beschwerlich noch zu schmutzig war. In diesem Stücke sind alle sehr großen Städte, wenn sie den höchsten Grad des scheinbaren Wohlstandes erreicht haben, vermöge der Natur der Sache, einander sehr ähnlich. Aber mit dem alten Rom hatte es gleichwohl hierin eine ganz eigene Bewandtnis, und es trafen eine Menge besonderer Umstände (welche anzuführen und in das gehörige Licht zu setzen hier nicht der Ort ist) zusammen, um ihre Einwohner binnen einem einzigen Jahrhundert größtenteils zu den verderbtesten, schändlichsten und schlechtesten Menschen zu machen, die der Erdboden jemals getragen hatte. Um hier nur einen einzigen dieser Umstände zu berühren, weil er eine nähere Beziehung auf den Inhalt der gegenwärtigen Satire hat: so ist wohl nichts gewisser, als daß übermäßiger Reichtum die Sitten eines Volkes desto schneller und ärger verderben muß, wenn die Erwerbung desselben nicht die Frucht des Fleißes, der Künste, und des Handels, sondern eine Folge seiner Siege und Eroberungen gewesen ist. Dies galt von Rom mehr als von irgend einer andern Stadt, die wir aus der Geschichte kennen. Rom war bloß durch Ausplünderung der ganzen Welt zu den unermeßlichen Reichtümern gekommen, womit es in den Zeiten unsers Dichters angefüllt war. Ein Luxus, der ohne ein solches Mittel unbegreiflich und schlechterdings unglaublich wäre, mußte die notwendige Folge davon sein. So leicht erworbene Reichtümer wurden auch eben so leichtsinnig und übermütig verschwendet; zumal, da die Quellen derselben unerschöpflich schienen, und so lange als alle übrigen Völker für das einzige Rom arbeiten mußten, oder noch etwas zu verlieren hatten, wirklich unerschöpflich waren.

Dieser Umstand macht begreiflich, wie es zuging, daß die Römer, – deren Verfassung und Lebensart immer militärisch gewesen war, und die ihre Macht und Reichtümer nicht auf dem langen und mühsamen Wege der Industrie erworben, sondern durch gewaltsame Mittel an sich gerissen hatten, – nachdem sie durch eben so gewaltsame Staatsrevolutionen ihren republikanisch-militärischen Geist mit ihrer alten freien Verfassung verloren, nichts Angelegeners hatten, als die unersättlichste Begierde, sich zu bereichern, mit ihrem gewohnten Abscheu vor bürgerlichen Gewerben zu vereinbaren; und daß die sittliche Schändlichkeit der Mittel, die zu jenem Zwecke führten, in ihren Augen keine erhebliche Einwendung war. Noch begreiflicher wird dies, wenn man den Umstand dazu nimmt, daß die unermeßlichen Reichtümer, die seit der Zerstörung von Karthago und Korinth, in einem Zeitraum von mehr als hundert Jahren, der Stadt Rom zuströmten, sich in den Händen einer verhältnismäßig kleinen Anzahl befanden; dagegen aber die Begierlichkeit des großen Haufens, der so zu sagen bei Teilung der Beute der ausgeplünderten Welt leer ausgegangen war, um so heftiger gereizt werden mußte, je ausschweifender die Günstlinge der Fortuna mit ihren Reichtümern Parade machten.

Alles dies erklärt uns, deucht mich, einigermaßen, die in unsern Augen und nach unsern Sitten so seltsame Erscheinung: daß die Art von Niederträchtigen, die man damals Heredipetas nannte, und für welche seit der ersten Ausgabe dieses Buchs das deutsche Wort Erbschleicher (statt Erb-erschleicher) erfunden worden ist, schon zu Horazens Zeit so häufig in Rom war, daß sie gleichsam eine eigene ProfessionDies erklärt den Ausdruck in Petrons Satyrikon, c. 124. incidimus in turbam heredipetarum. Aus Lucians Schriften sieht man, daß diese Profession mit der zunehmenden Verdorbenheit der Sitten immer zahlreicher wurde. ausmachten, und sich also um soviel besser zum Gegenstande einer ausdrücklich gegen sie gerichteten Satire schickten. Unser Dichter hatte, wie man vermuten kann, mit der Erfindung, die drei vorgehenden Satiren in eine Art von dramatischen Mimen zu verwandeln, und andere Personen an seiner Statt darin sprechen zu lassen, soviel Beifall gefunden, daß er diese angenehme und dem Dichter auf so mancherlei Art vorteilhafte Form der Einkleidung auch in dieser fünften beibehielt, indem er auf den glücklichen Einfall geriet, den aus der Odyssee bekannten Wahrsager Tiresias die Hauptrolle darin spielen zu lassen. Er dichtet nämlich: Ulysses, – der auf Befehl der Circe die Reise in das Land der Schatten bloß deswegen unternommen hatte, um diesen berühmten Thebanischen Propheten wegen seiner Zurückkunft in sein liebes Ithaka zu befragen, – habe, nachdem er den Bescheid von ihm erhalten, den man im 11ten Buche der Odyssee, v. 99–136 lesen kann, anstatt sich daran zu beruhigen, den Tiresias ersucht, ihn nun auch zu belehren, durch was für Mittel er den ihm geweissagten Verlust seiner Güter wieder ersetzen könne. Tiresias habe ihm hierauf die Profession eines Erbschleichers als einen zwar nicht sehr ehrenhaften, aber doch als den leichtesten, sichersten, und dem verschmitzten Charakter des Ulysses angemessensten Weg vorgeschlagen; und ihm die Anweisung, wie er sich dabei zu benehmen habe, in Form einer ordentlichen Kunst-Theorie mitgeteilt; einer Theorie, die durch den ernsthaften didaktischen Ton des Vortrags und den ehrwürdigen Charakter des Lehrers zu einem Meisterstück der Ironie wird, und als satirische Komposition einen der ersten Plätze unter allen Werken unsers Dichters behauptet.

Dieses Stück kann für das Original aller satirischen Gespräche im Reiche der Toten, und, insofern es eine bürleske Fortsetzung der homerischen Erzählung ist, und wegen Travestierung der Charaktere des Ulysses, des Tiresias, der Penelope, wegen der beständigen Zeitverwechslung und possierlichen Vermengung der Sitten und des Costums des Ulyssischen Zeitalters mit dem Römischen in des Dichters Tagen, für das erste Muster aller neuern travestierten Iliaden, Odysseen, Äneiden, u.s.w. gelten: wiewohl aus dem AthenäusDeipnos. Libr. XV. p. 698. 699. bekannt ist, daß die Griechen schon lange im Besitze einer ziemlichen Anzahl Homerischer Parodienmacher, oder Travestierer waren, und ihnen also auch in dieser Gattung von Werken des Witzes die Erfindung nicht streitig gemacht werden kann.

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