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Horazens Satiren

Horaz: Horazens Satiren - Kapitel 33
Quellenangabe
typesatire
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Satiren
pages575
created20001125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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              Horaz       Catius
 
Horaz
Ei, sieh da, CatiusWer dieser Catius ist, ob eine wirkliche, oder (wie mir glaublicher scheint) eine bloß erdichtete Person, welcher Horaz die Rolle eines Schülers seines ungenannten Gastrosophen zu spielen gab, bleibt aus Mangel näherer Anzeigen unausgemacht. Daß es nicht (wie Lambinus und andere gemeint haben) der Epikureische Philosoph Catius sein konnte, über dessen sogenannte spectra Cicero in einem im Jahr 708 an C. Cassius geschriebenen Briefe scherztEp. ad Famil. L. XV. ep. 16., ist daraus klar, weil Cicero von ihm als einem vor kurzem Verstorbenen spricht – er müßte denn dem Dichter nur als ein Gespenst erschienen sein. Wenn der Interlocutor (wie ich glaube) ein bloßes Geschöpf des Dichters ist, so hatte er auch das Recht, ihm einen Namen zu schöpfen; und dazu war der Name eines ehmaligen, nur noch durch Schriften, die niemand mehr las, bekannten Epikuräers immer so gut als ein anderer. Catius selbst konnte dem Dichter wohl schwerlich nach seinem Tode erscheinen: aber der Dichter konnte ihn wohl von den Toten erwecken, wenn er seiner vonnöten hatte.! woher? wohin?
 
Catius
Ich habe keine Zeit; ich bin in Eile,
die Regeln einer neuen Weisheit auf-
zuzeichnen, der Pythagoras und Sokrates,
und der gelehrte Platon weichen muß.
 
Horaz
Ich fühle mein Vergehen, so zur Unzeit dich
zu unterbrechen; wirst die Güte haben,
mir's zu verzeihn! Doch, wär' auch etwas dir
entwischt, ein Mann wie du, der an Genie
und Kunst gleich wundernswürdig ist, wird bald
auf eine oder andre ArtRepetes mox, sive est naturae hoc, sive artis opus. Es scheint, Horaz deute mit diesen letzten Worten auf eine gewisse Gedächtniskunst (Mnemonica), zu deren Erfinder die Griechen ihren Simonides machen, und worüber, wer Lust hat, im letzten Drittel des dritten Buches der Rhetoricorum ad Herennium, die unter Ciceros Namen gehen, einen nicht übermäßig deutlichen Unterricht finden kann. Die Kunst bestand darin, daß man sich gewisse Orte oder in die Augen fallende Gegenstände (locos), z. B. ein Haus, einen Tempel, eine Kolonnade, einen Winkel usw. wählte, an diese locos gewisse sinnliche Bilder (imagines) und an diese Bilder die Ideen oder Sachen, die man merken wollte, heftete – eine Kunst, die eine lange mühsame Übung und ein sehr gutes natürliches Gedächtnis voraussetzte, wenn sie ihrem Besitzer von einigem Nutzen sein sollte. – Vermutlich geht schon das ponere signa im 2ten Verse, wiewohl es der Deutlichkeit wegen bloß durch aufzeichnen übersetzt ist, auf diese Kunst, und die signa bedeuten die Bilder, an welche Catius die Hauptstücke dessen, was er von seinem Meister gehört, anzuheften begriffen war. es wieder
zu finden wissen.
 
Catius                 Eben dieses wars,
    HORAT. Unde et quo Catius? CAT. Non est mihi tempus aventi
ponere signa novis praeceptis, qualia vincunt
Pythagoram, Anytique reum, doctumque Platona.
HORAT. Peccatum fateor, cum te sic tempore laevo
<5> interpellarim, sed des veniam bonus, oro.
Quod si interciderit tibi nunc aliquid, repetes mox,
sive est naturae hoc, sive artis, mirus utroque.
CAT. Quin id erat curae, quo pacto cuncta tenerem,
worauf ich sann; wie ichs nämlich mache,
um nichts von diesen Dingen zu verlieren,
die, schon an sich subtil, es noch weit mehr
durch seinen Vortrag wurden.
 
Horaz                                     Nenne doch
den großen Mann mir! Ists ein Römer oder
ein Fremder?
 
Catius             Das System, so gut ich's faßte,
dir mitzuteilen trag ich kein Bedenken; nur
des Meisters Name muß verschwiegen bleibenWenn es Horazen bloß darum zu tun war, der Epikuräer zu spotten (welches ihm, die Wahrheit zu sagen, sonderlich um diese Zeit, da er dem Freudengeber Bacchus und der schönen Aphrodite so fleißig opferte, eben nicht sehr wohl angestanden hätte), was hätte ihn hindern können, den Autor der Gastrosophie, die er den Catius vortragen läßt, zu nennen? – Mich deucht, dies sei ein sehr starker Vermutungsgrund für meine Meinung, daß das ganze Stück, wenigstens der Hauptabsicht nach, weiter nichts als ein Cotterie-Spaß, ein humoristisches Persiflage eines zwar, des Publikums wegen, nicht genannten, aber den sämtlichen Gliedern der Cotterie wohl bekannten Mitglieds gewesen sei. War dies, so ist begreiflich, warum man einen guten Freund nicht dem öffentlichen Gelächter Preis geben wollte: war es aber nicht, was hätte Horaz, der sich bei weit ernsthaftem Gelegenheiten so wenig Bedenken macht Namen zu nennen, für eine Ursache haben können, bei einer so unschädlichen Pläsanterie auf einmal so schüchtern zu werden?

Catius fängt nun an, dem Horaz die Lektion seines philosophischen Meisters, von welcher er eben herkommt, so viel er sich ihrer erinnern kann, und in der Art von methodischer Unordnung, die durch die Furcht etwas auszulassen verursacht wird, vorzutragen. Sie besteht aus XVI Artikeln, welche die Regeln und Kautelen enthalten, die sich auf die Qualität der Speisen und Getränke und ihre Zubereitung beziehen; nebst einem Anhang, worin noch einige Regeln, die Anordnung der Tafel und die Reinlichkeit betreffend, beigefügt werden. Ich habe die XVI Haupt-Artikel, der mehrern Deutlichkeit wegen, numeriert; und werde nun, was bei dem einen und andern zu erinnern ist, unter seinem Numero gehen lassen.

I. Lambinus und Cruquius haben sich sehr unnötiger Weise den Kopf darüber zerbrochen, ob und wiefern diese Oosophische Regel, und der Grund, welchen Catius für die vorzügliche Güte der länglichten Eier angibt, in der Physik gegründet sei oder nicht. Es fällt in die Augen, daß diese spitzfündige Eier-Philosophie – Persiflage ist. Übrigens fängt er bei den Eiern an, weil sie bei den Römern die Stelle der ihnen unbekannten Suppen vertraten, und folget dann so ziemlich der Ordnung, worin die Speisen serviert zu werden pflegten.

III. Ich lese mit Bentley musto Falerno, ohne seiner Anmerkung beizustimmen, daß hiedurch der Helluonum περιεργία et inepta diligentia lepide durchgezogen werde, weil sie nämlich das Huhn nicht in Wasser, sondern in Wein, nicht in jedem Weine, sondern in Falerner, nicht in jedem Falernerweine, sondern gerade in Falernermost ersticken ließen. Ich meines Orts sehe hier nichts von Schlemmern und Prassern: die Regel scheint mir weder mehr noch weniger als ein ökonomischer Pfiff eines guten ehrlichen Landwirts zu sein, der, weil er seinem späten Gast nichts Bessers als ein in der Eile abgewürgtes frisches Huhn vorzusetzen hat, es wenigstens genießbar machen will. Hierzu scheint das Ersticken in Phalerner Moste, welcher sehr scharf und stark war, ein durch die Erfahrung bewährtes Mittel gewesen zu sein. Was die Römer mustum nannten, und ich, aus Mangel eines andern Wortes, durch Most übersetze, war ein von dem, was wir Most nennen, sehr verschiedener, durch die Zubereitung auf unzählige ArtMusta differentias habent naturales has, quod sunt candida, aut nigra, aut inter utrumque – cura differentias innumerabiles facit. Plin. H. N. Lib. XXIII. c. 1. vervielfältigter Liquor. Es scheint hauptsächlich in der Küche gebraucht worden zu sein, und hielt sich ein ganzes Jahr unverdorben. Mustum von falernischem Wein war eben nichts so Kostbares; denn der Falerner wurde nur nach Maßgabe seines Alters geschätzt, und war unter 15 Jahren wegen seines Feuers und seiner Schärfe kaum trinkbar, wie Plinius sagt.

VI. Das mulsum (melicraton) der Alten (für welches unser Met das rechte Wort ist), ihr gewöhnlichstes Getränke zur Erfrischung, wurde auch zu Anfang der Mahlzeit (in Antecenio) nach dem Voressen, welches daher Promulsis hieß, genommen. Die kostbarste Art von Met wurde aus hymettischem Honig und altem Falernerwein zubereitet. Der Lehrmeister des Catius zieht den bloßen Wassermet demjenigen, den Aufidius zum Frühstück nahm, nicht deswegen vor, weil er besser schmecke, sondern weil er gesünder sei; und wird also von dem Jesuiten Jul. Cäs. Boulenger in seinem Traktat de ConviviisLib. II. c. 3. zur Ungebühr getadelt. Übrigens gehörten Eier, Gemüse, Schwämme, Austern und dergleichen zur Promulsis; daher handelt sie Catius zuerst ab.

VII. Athenäus, auf dessen Zeugnis sich einige Ausleger berufen, um das, was Catius von der antistyptischen Tugend des Koischen weißen Weins erwähnt, zu bestätigen, spricht in der von ihnen angezogenen Stelle von den weißen Weinen überhaupt. Besonders aber schreibt er den griechischen Weinen, welche mit Seewasser gehörig präpariert würden, als dem von Myndos, Halikarnaß, Rhodus und Kos die Qualität zu, weswegen der letztere hier von Catius empfohlen wirdDeipnosoph. L. I. c. 25..

XIII. Man kann aus dem Plinius ersehen, daß die Rang-Ordnung unter den italienischen Weinen ziemlich unbeständig war. Der Wein vom Berge Massicus in Campanien wurde zwar auch unter die edlern Sorten gerechnet; doch gab man ihm zu Plinius Zeiten nur die vierte Stelle, und die Surrentinischen (welche Catius hier durch Falernerhefen veredeln lehrt) wurden ihm vorgezogen. Diese letztern wurden zwar wegen ihrer Leichtigkeit und Salubrität besonders den Genesenden von ihren Ärzten empfohlen; aber Tiberius Cäsar erklärte sie demungeachtet nur für edlen EssigHist. Nat. Lib. XIV. c. 6..

XV. Ich bin zu wenig in der kulinarischen Philosophie bewandert, um die wichtige Materie de duplici iuris natura in das erfoderliche Licht zu setzen; und mit aller der scheinbaren Erudition, die sich bei diesem und andern Artikeln hätte anbringen lassen, würden sich die Leser doch von der muria, die ein so wichtiges Ingrediens in der Küche der Alten war, schwerlich einen sehr vorteilhaften Begriff machen können. Es war eine besondere Art von liquamen (Lake oder Bökel), die aus dem Thunfisch, einer großen Art von Makrelen, zubereitet wurde. Die beste kam zu Plinius Zeiten von Antipolis (einer See-Stadt in Gallia Narbonensis), von Thurium, und aus Dalmatien. Indessen war die eigentliche Niederlage der Thunfische im Schwarzen Meere, von wannen sie ihren Zug nach der Propontis (Mar di Marmora) nahmen, und zu Byzanz in großer Menge gefangen wurdenPlin. H. N. Lib. XXXI. c. 8.. Catius, der keine andre Muria gelten läßt, als die ihren Gestank einer Byzantinischen OrcaSo hieß eine Art von großen runden Töpfen mit engem Halse, wegen der Ähnlichkeit ihrer Form mit dem Meer-Ungeheuer, welches die Alten Orca nannten. mitgeteilt habe (quam qua Byzantia putuit orca), erklärt dadurch diejenige, die zu Byzanz zubereitet wurde, für die beste. Übrigens hat er sich in dem Rezepte, das er uns zu der einfachen und zusammengesetzen Soße gibt, nicht der gehörigen Deutlichkeit beflissen: es ist aber doch nicht schwer zu erraten, daß vom 63sten Verse des Originals bis zum 66sten von der ersten, und vorn 66sten zum 69sten von der zweiten die Rede ist.

XVI. In diesem Artikel, wo vom Nachtisch, und im folgenden, wo von der Reinlichkeit und Eleganz, deren sich ein Hauswirt, wenn er ein Gastmahl gibt, zu befleißen habe, gehandelt wird, glaube ich wieder manche kleine Züge zu finden, die meiner obigen Meinung günstig sind. Gegen alles, was Catius hier sagt, ist an sich nichts einzuwenden: das Lächerliche liegt bloß in der Wichtigkeit, die er seinen Erfindungen und Regeln gibt, und in dem emphatischen Tone, womit er so kleinfügige und gemeine Dinge vorträgt. Besonders scheinen die kleinen Schüsselchen, mit deren Erfindung er sich breit macht, einen Wirt zu verraten, der darauf studiert hat, seiner Tafel mit wenigem Aufwand ein Ansehen zu machen. Wenn man annimmt, daß Horaz in allem diesem sich selbst, oder einen seiner Commensalen zum besten gebe, so erhalten diese Stellen dadurch eine ganz andre Grazie, als sie nach der gemeinen Meinung der Ausleger haben. Doch, solche Dinge sind, wie alle sales und facetiae, für die momentane Empfindung, nicht für Kommentatoren gemacht: also mag es an diesem genug sein.

.
I. Vergiß nicht in der Wahl der Eier stets
die länglichen, als feiner von Geschmack
und nährender, den runden vorzuziehen.
Der letztern dick're Schale zeigt dem Kenner
das männliche Geschlecht des Dotters an.
II. Dem nahe bei der Stadt gezogenen
Gemüs' ist, was auf trocknen Ackern wächst,
an Süßigkeit und Zärte überlegen.
Nichts taugt zu Kohlgewächsen minder als
ein durch Begießen ausgewaschner Boden.
III. Kommt Abends spät ein unversehner Gast
utpote res tenues tenui sermone peractas.
<10> HORAT. Ede hominis nomen, simul et Romanus an hospes?
CAT. Ipsa memor praecepta canam, celabitur auctor.
I. Longa quibus facies ovis erit, illa memento
ut succi melioris et ut magis alma rotundis
ponere; namque marem cohibent callosa vitellum.
<15> II. Caule suburbano qui siccis crevit in agris
dulcior, irriguo nihil est dilutius horto.
dir übern Hals, so merke dir, das Huhn,
womit du ihn bewirten willst (damit
es nicht dem Gaum durch Zäheit widerstehe)
lebendig in Falernmost zu ersticken.
Dies macht es zart. IV. Von allen Schwämmen sind
die aus den Wiesen von der besten Art;
den andern ist nicht immer recht zu trauen.
V. Wer sich im Sommer wohl befinden will,
beschließe seine Mahlzeit stets mit reifen Maulbeern,
die, eh die Sonne hoch stieg, abgelesen worden.
VI. Aufidius nahm, zu seinem Frühstück, Met
aus Honig und Falerner. Fehlerhaft!
In leere Adern schickt sich nichts, was nicht
gelind ist. Besser wirst du tun, die Brust
mit mildem Met aus Wasser anzufeuchten.
VII. Bei hartem Leibe werden dir gemeine Muscheln
mit Sauerampfer gute Dienste tun,
doch ist dabei der weiße Wein von Kos
nicht zu vergessen. VIII. Alle Schalfisch-Arten
sind voller, wenn der Mond im Wachsen ist.
III. Si vespertinus subito te oppresserit hospes,
ne gallina malum responset dura palato,
doctus eris vivam musto mersare Falerno:
<20> hoc teneram faciet. IV. Pratensibus optima fungis
natura est; aliis male creditur. V. Ille salubres
aestates peraget, qui nigris prandia moris
finiet, ante gravem quae legerit arbore solem.
VI. Aufidius forti miscebat mella Falerno;
<25> mendose! quoniam vacuis committere venis
nil nisi lene decet: leni praecordia mulso
prolueris melius. VII. Si dura morabitur alvus,
mitulus et viles pellent obstantia conchae,
et lapathi brevis herba, sed albo non sine Coo.
<30> VIII. Lubrica nascentes implent conchylia lunae.
Nicht alle Meere sind an edeln Sorten fruchtbar:
so sind, zum Beispiel, im Lucrinersee
sogar Gähnmuscheln besser als zu Bajä
die Stachelschnecke. Ihrer Austern rühmt
die Bucht der Circe sich, der besten Wasserigel
Misenum, und mit seinen flachgewölbten
Kamm-Muscheln prangt das üppige Tarent.
IX. Daß ja sich keiner in der Gastmahlskunst
für einen Meister halte, der die feinern Regeln
der guten Zubereitung nicht genau
studiert hat. Mancher meint, es sei damit
schon ausgerichtet, wenn er nur das Teurste,
was auf dem Fischmarkt aufzutreiben ist,
zusammenraffen läßt, unwissend, welchem
die Brühe angemeßner ist, und was
gebraten den erschlafften Appetit
des müden Gastes wieder wecken kann.
X. Ein wildes Schwein aus Umbrien, genährt
mit derben Eicheln, soll die Schüsseln dessen drücken,
der fades Wildpret scheut: das Laurentin'sche,
das sich mit Schilf und Riedgras mästet, ist
von allzuweichem Fette aufgedunsen.
Sed non omne mare est generosae fertile testae;
murice Baiano melior Lucrina peloris.
Ostrea Circeis, Miseno oriuntur echini,
pectinibus patulis iactat se molle Tarentum.
<35> IX. Nec sibi cenarum quivis temere arroget artem
non prius exacta tenui ratione saporum.
Nec satis est cara pisces averrere mensa,
ignarum quibus est ius aptius, et quibus assis
languidus in cubitum iam se conviva reponet.
<40> X. Umber et iligna nutritus glande rotundas
curvet aper lances carnem vitantis inertem;
nam Laurens malus est ulvis et arundine pinguis.
in Gegenden, wo Wein gebaut wird, sind
die Rehe nicht die besten; und die Hasen
betreffend, wird's ein Weiser mit dem Vorderbug
der Häsin halten. XI. Das Talent, der Fische
und Vögel Alter und Geburtsort durch
den bloßen Gaumen auszuschmecken, hat vor meinem
sich keiner angemaßt. XII. Es gibt so eingeschränkte
Genies, die auf Erfindung eines neuen
Pastetchens oder andern kleinen Naschwerks
sich viel zugute tun: doch, all sein Dichten
nur auf ein Fach zu stellen, macht's noch lange
nicht aus: als wenn, zum Beispiel, einer bloß
für gute Weine sorgte, unbekümmert,
mit was für Öl er seine Fische träufe.
XIII. Den Wein vom Massicus laß unter freiem Himmel
bei kühlem heiterm Wetter übernachten;
er wird sich in der Nachtluft vollends klären,
und seinen nervenschädlichen Geruch
verduften: aber durch ein leinen Tuch geseugt
verliert er seinen echten Wohlgeschmack.
Wer Surrentiner-Weine schlauer Weise
Vinea submittit capreas non semper edules.
Fecundae leporis sapiens sectabitur armos.
<45> XI. Piscibus atque avibus quae natura et foret aetas,
ante meum nulli patuit quaesita palatum.
XII. Sunt quorum ingenium nova tantum crustula promit.
Nequaquam satis in re una consumere curam:
ut siquis solum hoc, mala ne sint vina, laboret,
<50> quali perfundat pisces securus olivo.
XIII. Massica si caelo supponas vina sereno,
nocturna, si quid crassi est, tenuabitur aura,
et decedet odor nervis inimicus; at illa
integrum perdunt lino vitiata saporem.
auf Hefen von Falern veredeln will,
wird, um sie klar zu machen, eines Taubeneies
mit Vorteil sich bedienen; weil der Dotter,
indem er sinkt, das Trübe mit sich nimmt.
XIV. Den Trinker zu erfrischen, der den Kopf
schon hängen läßt, setz ihm gebratne Hummern
und afrikansche Schnecken vor; denn Lattich
schwimmt nur im Weinerhitzten Magen oben,
und gibt ihm nichts zu tun: in diesem Zustand
verlangt er derbe Bissen, Schinken, Würste;
das erste beste, was, nicht allzulieblich dampfend,
vom Garkoch kommt, würd' ihm willkommen sein.
XV. Noch ist's der Mühe wert, der beiden Soßen
Natur und Art sich recht bekannt zu machen!
Die simple wird aus süßem Öl, vermischt
mit fettem Wein und Lake zubereitet;
(wohl zu verstehn, mit Lake von Byzanz!)
läßt man sie nun mit klein gehackten Kräutern
zusammenkochen, tut ein wenig Safran
von Korykus daran, läßts eine Weile stehn,
und mischt noch Venafranisch Öl, soviel
<55> Surrentina vafer qui miscet faece Falerna
vina, columbino limum bene colligit ovo;
quatenus ima petit volvens aliena vitellus.
XIV. Tostis marcentem squillis recreabis et Afra
potorem cochlea; nam lactuca innatat acri
<60> post vinum stomacho: perna magis ac magis hillis
flagitat immorsus refici; quin omnia malit
quaecumque immundis fervent illata popinis.
XV. Est operae pretium duplicis pernoscere iuris
naturam: Simplex e dulci constat olivo,
<65> quod pingui miscere mero muriaque decebit,
non alia quam qua Byzantia putuit orca.
Hoc ubi confusum sectis inferbuit herbis
vonnöten ist, dazu, so ist die zweite fertig.
XVI. Die Tiburtin'schen Äpfel weichen an Geschmack
den Picentinischen, wiewohl sie schöner
ins Auge fallen. Unter den Zibeben
ist die Venucula in Töpfchen eingemacht,
geräuchert die Albanische die beste.
 
Ich, ohne Ruhm zu melden, war der erste,
der den Gedanken hatte, Früchte, Tunken,
Sardellenbrüh, und groben weißen Pfeffer,
mit schwarzem Salz, und was dergleichen ist,
in netten kleinen Näpfchen um den Tisch herum
zu setzen; denn dazu sind kleine Näpfe schicklich:
hingegen ists ein ungeheurer Unfug,
dreihundert Taler auf den Markt zu schicken,
um Fische, die des Schwimmens doch gewohnt sind,
in eine enge Schüssel einzuzwängen
 
Im übrigen ist auch die Reinlichkeit
bei einem Gastmahl nicht zu übersehen.
Nichts setzt den Magen mehr in böse Laune,
als wenn ein naschiger Lakai den Becher dir
mit Spuren seiner schmutz'gen Finger reicht,
Corycioque croco sparsum stetit, insuper addes
pressa Venafranae quod baca remisit olivae.
<70> XVI. Picenis cedunt pomis Tiburtia succo,
nam facie praestant. Venucula convenit ollis;
rectius Albanam fumo duraveris uvam.
Hanc ego cum malis, ego faecem primus et halec,
primus et invenior piper album cum sale nigro
<75> incretum puris circumposuisse catillis.
Immane est vitium dare milia terna macello
angustoque vagos pisces urgere catino.
Magna movent stomacho fastidia, seu puer unctis
tractavit calicem manibus, dum furta ligurrit,
und alter Bodensatz in einer Tasse
erraten läßt, wie lange man sie auszuspülen
vergessen hat. Wie wenig Aufwand steckt
in Besen, Sägemehl und Küchenquehlen,
und doch, wenn's dran ermangelt, welche Schande?
Wie? denkt man, schämt der Mann sich nicht, ein Estrich
von Mosaik mit schmutz'gen Palmen kehren
zu lassen, oder prächt'ge Purpurdecken
um ungewaschne Polster-Überzüge
zu legen? Man verzeiht dir leichter, wenn dir fehlt,
was reichen Tafeln nur gebührt, als Dinge, die
so wenig Aufwand und Bemühung kosten.
 
Horaz
Gelehrter Catius, bei unsrer Freundschaft und
den Göttern sei gebeten, unverzüglich
zu deinem großen Meister mich zu führen.
Denn, wie getreu dir dein Gedächtnis war,
so hat man doch so etwas lieber aus
der ersten Hand; nicht zu gedenken, was
des Lehrers Angesicht, Gebärden, Mienen
zur Sache tun. Du, der dies Glück genoß,
<80> sive gravis veteri craterae limus adhaesit.
Vilibus in scopis, in mappis, in scobe, quantus
consistit sumptus? Neglectis, flagitium ingens.
Ten' lapides varios lutulenta radere palma,
et Tyrias dare circum illota toralia vestes?
<85> oblitum, quanto curam sumptumque minorem
haec habeant, tanto reprendi iustius illis,
quae nisi divitibus nequeant contingere mensis.
HOR. Docte Cati, per amicitiam divosque rogatus
ducere me auditum, perges quocumque, memento.
<90> Nam quamvis referas memori mihi pectore cuncta,
non tamen interpres tantundem iuveris. Adde
machst wenig draus: allein mir ist gar viel
daran gelegen, selbst, wie weit der Weg auch sei,
die ersten Quellen aufzusuchen und
die wahre Lebenskunst daraus zu schöpfen.
vultum habitumque hominis; quem tu vidisse beatus
non magni pendes, quia contigit: at mihi cura
non mediocris inest, fontes ut adire remotos
<95> atque haurire queam vitae praecepta beatae.
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