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Horazens Satiren

Horaz: Horazens Satiren - Kapitel 32
Quellenangabe
typesatire
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Satiren
pages575
created20001125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierte Satire

Einleitung

Je mehr ich mich in den Geist dieses Stückes hineinzudenken suche, je weniger kann ich umhin, zu glauben, daß das Feinste davon für uns verloren gegangen sei, und daß es dem Dichter um ganz was anders zu tun gewesen, als die Epikuräer, oder wenigstens die leves Catillones dieser Sekte (wie sie Baxter nennt) zu verspotten, wiewohl dies die gemeine Meinung der Ausleger ist.

Ich möchte nicht gern in den Fehler derjenigen fallen, die aus einem Schriftsteller, mit dem sie sich viel zu tun gemacht haben, immer mehr Sinn heraus divinieren, als er sich selbst dabei bewußt war. Aber bei Werken des Witzes, zumal bei solchen, wo alles augenscheinlich auf Scherz und Persiflage hinausläuft, und wo gleichwohl die besondern Umstände, die das Stück veranlaßt haben, und worauf sich alles, mehr oder weniger verdeckter Weise, bezieht, nicht mehr bekannt sind, ist eine gewisse Divinationsgabe zuweilen das einzige Mittel, das Rätsel aufzulösen, um den wahren Augenpunkt zu finden, aus welchem alles so erscheint, wie es denjenigen erschien, für welche das Werk eigentlich geschrieben war.

Ich kann mich also, eben darum, weil die Sache keinen scharfen Beweis zuläßt, in meiner Vorstellung betrügen: aber, ich glaube eine Menge feiner Andeutungen in diesem Dialog zwischen Horaz und Catius wahrzunehmen, welche mich auf die Vermutung bringen, daß das ganze Stück bloß zur Belustigung des Mäcenas und seiner vertrautem Tischgesellschaft geschrieben worden, und daß es (vielleicht nach einer zwischen Horaz und seinem großen Freunde genommenen Abrede) darin hauptsächlich darauf angelegt gewesen sei, einen von Mäcens Commensalen, der sich auf seine Kenntnisse in der Philosophie der Küche viel zugute tat, und der Gesellschaft vielleicht zuweilen damit lästig fiel, auf eine feine, und den Getroffenen gleichwohl (wenn er anders Spaß verstand) nicht beleidigende Art, zum besten zu haben. Die besondern Züge, die mich auf diese Hypothese gebracht haben, werden in den Anmerkungen berührt werden. Überhaupt aber scheint sie durch den Umstand begünstigt zu werden, daß der ungenannte Lehrer des Catius, dessen Grundsätze dieser letztere dem Horaz auszugsweise mitteilt, sein Hauptaugenmerk darauf richtet, Geschmack und Eleganz im Essen mit der möglichsten Sparsamkeit und mit beständiger Rücksicht auf das, was der Gesundheit zuträglich ist, zu verbinden. Man könnte seine Philosophie daher »die Kunst, mit dem wenigsten Nachteil des Magens und Beutels seinem Gaumen gütlich zu tun« definieren; und wo sollte da das Lächerliche einer solchen Küchen-Philosophie, an und für sich selbst, stecken, wodurch sie sich zum Gegenstande einer allgemeinen Satire eignete? Es fällt in die Augen, daß sie nur durch den hohen dogmatischen Ton, womit Horaz den Catius seine Mysterien vortragen läßt, und das übertriebene raffinement einiger seiner Lehrsätze, lächerlich wird: aber eben dies scheint ziemlich deutlich auf eine individuelle Person, und auf die Absicht, sich ein wenig lustig über sie zu machen, zu deuten. Denn das, was die Franzosen einem ein Ridicüle leihenEin solches offenbar geliehenes Ridicüle ist z. B. die dem Catius in den Mund gelegte pompöse Erhebung der Küchen-Philosophie seines Lehrers über die Pythagorische, Sokratische und Platonische, die dem guten Catius im Ernst doch wohl nicht einfallen konnte. Von der nämlichen Art ist der possierliche Gebrauch des Wortes Sapiens in dem Verse: fecundae leporis sapiens sectabitur armos, und dergleichen. nennen, geht in dem besondern Falle wohl an, wenn es darum zu tun ist, unter guten Freunden, auf eine eben so feine als unschuldige Art, wegen einer Blöße, die einer etwa gegeben hat, zur Belustigung der Gesellschaft Scherz mit ihm zu treiben: aber es würde wenig echten Witz verraten, sich solcher Mittel zu bedienen, wo es im Ernste darauf angesehen ist, das wirklich Ungereimte und Widersinnische in gewissen Charaktern, Leidenschaften und Handlungsweisen der Menschen, zu ihrer Belehrung und Besserung, darzustellen.

Aber, wie wäre es, wenn derjenige, über dessen geschmackvolle Zunge und schlaue Kunstgriffe, seine Gourmandise und Eitelkeit mit den eingeschränkten Umständen seiner Finanzen zu vereinbaren, Horaz sich lustig macht, am Ende kein andrer gewesen wäre als – Horaz selbst? Wenigstens wäre es weder das erste noch letztemal, wo er die einem homini urbano et faceto sehr anständige Partie ergriffen hätte, diejenige Seite seiner Person, wo er am leichtesten, und wegen solcher Menschlichkeiten, die er eben nicht Lust hatte so geschwind abzulegen, angegriffen werden konnte, von freien Stücken den Lachern Preis zu geben.

Ich verlange auf diese Hypothesen keinen größern Wert zu legen, als sie haben; und habe sie bloß deswegen vorgebracht, damit der Leser versuche, ob ihm vermittelst der einen oder der andern dieses Stück etwa genießbarer werden könnte: da es sonst an sich selbst, und wegen so vieler geänderter Zeit- und Lokalumstände, mit alle dem attischen Salze, womit es so reichlich durchwürzt ist, unter diejenigen gehört, denen heutige Leser am wenigsten Geschmack abgewinnen können.

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