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Horazens Satiren

Horaz: Horazens Satiren - Kapitel 30
Quellenangabe
typesatire
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Satiren
pages575
created20001125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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          Damasippus       Horaz
 
Damasipp
Du schreibst so selten, daß du viermal kaum
im ganzen Jahr Papier und Feder foderst,
nur bloß beschäftigt, (wie PenelopeDiese Vergleichung liegt im Worte retexens, wiewohl Horaz die Penelope nicht nennt.)
was du gewebt hast, wieder aufzutrennen,
und auf dich selber zürnend, daß die Neigung
zum Wein und Schlaf nichts, was der Rede wert ist,
dich schreiben läßt. Was soll das endlich werden?
Wofür dann wärst du am Saturnus-Feste
hieher geflohenIpsis Saturnalibus huc fugisti – nämlich auf sein Sabinisches Landgut, wie bald darauf im 10ten Verse deutlicher gesagt wird. Die Saturnalien fielen in die Mitte des Dezembers. Dies war also keine Zeit, wo man aufs Land zu gehen pflegte; und Horaz konnte, wie Damasippus meint, keine andere Ursache haben, in einer solchen Jahreszeit, und gerade an einem Feste, wo es zu Rom drei und mehrere Tage lang sehr fröhlich zuging, sich den Vergnügungen der Stadt zu entreißen, als um in seinem kleinen Meierhofe zu sich selbst zu kommen, und, nach einer für seinen Ruhm allzulangen Pause, wieder etwas zu schreiben, das der Erwartung würdig sei, wozu er das Publikum durch eine so sonderbare Flucht aus Rom selbst gereizt habe. – Sonst verdient hier noch bemerkt zu werden, daß dies das erstemal ist, wo Horaz seines Sabinums erwähnt; und da es in seinen folgenden Werken sehr oft und bei jeder Gelegenheit geschieht; so ist mit gutem Grunde daraus zu schließen, daß er erst seit kurzem, vielleicht erst in diesem Jahre, oder doch wenigstens nicht vor dem Jahre 720 von Mäcenas in den Besitz desselben gesetzt worden sei.? – So benutze doch
den Augenblick von Nüchternheit, und mache
was der Erwartung Würdigs, die du selbst
in uns erregtest. Frisch ans Werk! – Es will nicht gehn?
In diesem Fall ists fruchtlos auf die Federn
zu schmälen, wie du tust, und diese armen
im Zorn der Musen und zur Qual der Dichter
gebauten Mauern zu verwünschen. – Sonderbar!
Du hattest doch die Miene, große Dinge
    DAMAS. Sic raro scribis ut toto non quater anno
membranam poscas, scriptorum quaeque retexens;
iratus tibi, quod vini somnique benignus
nil dignum sermone canas. Quid fiet? at ipsis
<5> Saturnalibus huc fugisti; sobrius ergo
dic aliquid dignum promissis! Incipe! Nil est?
Culpantur frustra calami, immeritusque laborat
iratis natus paries diis atque poetis.
zu Tag zu fördern, wie dein stilles Meierhöfchen
ins laue Dach dich aufgenommen hätte.
Wozu Menandern Plato'n zum Begleiter
zu geben? Eupolis, Archilochus,
und solche große Reis'gefährten mit zu
schleppenDie Werke unsers Dichters sind der sprechendste Beweis seiner vertrauten Bekanntschaft mit den griechischen Musen; aber diese Stelle ist besonders merkwürdig, weil sie uns seine Lieblings-Lektür, wenigstens in dieser Periode seines Lebens, bekannt macht. Plato und Menander, nebst den Dichtern der ersten Komödie (denn Eupolis steht hier nicht für sich allein, sondern auch für Kratinus und Aristophanes, die er anderswo in gleicher Absicht nennt), diese waren also die Schriftsteller, mit deren Werken er seine Muse nährte, nach denen er sich bildete, und die ihn so reichlich mit dem attischen Salze und dem Sokratischen Geiste versahen, welche seinen eigenen Schriften eine so liebliche Schärfe, eine so reizende Verbindung von Philosophie, Witz und Laune, und durch dies alles einen so auffallenden Vorzug vor allen andern Produkten der römischen Literatur gaben! Freilich hätten diese Griechen ihm nichts von diesem allem mitteilen können, wenn ihm nicht zuvor die Natur die glückliche Anlage gegeben hätte, die ihn zu ihrem Geistesverwandten machte. Aber mit aller dieser Anlage würde er gleichwohl ohne seinen frühen Aufenthalt in Athen, und ohne die Ausübung der Lehre, die er jungen Dichtern gibt:
vos exemplaria Graeca
nocturna versate manu, versate diurna,

das niemals geworden sein, was er durch ihren vertrautern Umgang wurde. – Aber wie kommt der uralte Jambendichter ArchilochusS. Horaz. Briefe I. S. 313 . in die Gesellschaft eines Platons und Menanders? Man könnte sich allenfalls mit der Antwort helfen, daß ihn Horaz bloß, weil er seine Jamben liebte, und um in seiner Lektür abwechseln zu können, mitgenommen habe. Aber es scheint noch eine besondere Absicht hier versteckt zu liegen. Horaz fing um diese Zeit an, sich auch in der Lyrischen Gattung zu versuchen: die Epoden waren das erste was er darin wagte, und Archilochus war (wie Plutarch sagt) der Erfinder der Epoden. Oder geschah es vielleicht, um sich, durch das Lesen der Jamben dieses alten Dichters, von deren Feuer und ätzendem Salze die Griechen so gewaltige Wirkungen erzählen, zu Vollendung der Jamben, welche er dem Mäcenas schon lange schuldig war, in Begeisterung zu setzen? Mäcenas hatte ihn mit Erinnerungen an diese versprochnen Jamben, und mit Fragen, wenn sie denn einmal fertig sein würden, (nach seinem eigenen Ausdruck) schier tot gemacht 

Mollis inertia cur tantam diffuderit imis
oblivionem sensibus, etc.
Candide Maecenas, occidis saepe rogando.
Deus, deus nam me vetat
inceptos, olim promissum carmen, iambos
ad umbilicum adducere. Epod. 14.
. Er entschuldigte sich damals mit seiner Liebe zu Phrynen; aber, da diese Nymphe nur eine libertina neque uno contenta war, so konnte eine solche Entschuldigung nicht lange halten, und die angefangenen Jamben mußten doch wohl einmal fertig gemacht werden. Vielleicht waren es eben die Jamben ad Canidiam, die den Beschluß der Epoden machen, und wenigstens die einzigen sind, die sich in den Werken unsers Dichters finden. Sie haben so viel vom Geiste des Archilochus in sich, daß man gar wohl vermuten kann, Horaz habe sie bei dieser Gelegenheit vollendet, und den griechischen Jambendichter deswegen mit sich genommen.

? Hoffest du den Neid dadurch
dir zu versöhnen, daß du dem Verdienst entsagst?
Verachtung wird dein ganzer Vorteil sein,
Unglücklicher! Entweder der gefährlichen
Sirene, deiner lieben TrägheitHoraz legt sich selbst an mehr als einem Orte die Neigung zur Muße und zum Ausruhen vom Nichtstun als einen Zug seines Charakters bei; wie sie denn in der Tat ein vielleicht allgemeiner Zug aller derjenigen ist, die zu Dichtern geboren sind. Inertes horae und prope rivum somnus in herba sind in ihren Augen sehr wesentliche Stücke vom glücklichen Leben, und gewöhnlich ist ihr Geist nie mehr und besser beschäftigst, als in diesen arbeitlosen Stunden. Aber hier ist die Rede von einer andern Art von Müßiggang, von der mollis inertia, wegen welcher er sich in der eben angezogenen Epode bei Mäcen entschuldigte; kurz, von der Faulheit eines Epicuri de grege porcellus, dem Liebe, Wein und Schlaf weder Zeit noch Lust zu edlern Beschäftigungen des Geistes übrig lassen. Die Bereitwilligkeit, womit er diesen Vorwurf einzugestehen scheint, ist indessen nicht die Unverschämtheit eines Scurra, qui, dum risum quatiat, neque sibi ipsi parcit (der sich selbst nicht schont, wenn er nur das Zwerchfell seiner Hörer recht tüchtig erschüttern kann), wie der zuweilen im Schlafe redende Baxter in einer Note zu der Stelle me libertina neque uno contenta Phryne macerat (Epod. 14.) sagt. Es ist vielmehr eine bloße Wendung, um seine Tadler durch die Offenheit, womit er ihnen seine schwache Seite bloß gibt, zu besänftigen, oder auch, um ihnen mit guter Art zu verstehen zu geben: daß er reich genug sei, einen kleinen Verlust nicht zu achten; daß er die wahre Ursache, warum sie sich soviel um sein Tun und Lassen bekümmerten, sehr gut kenne, und sie des Vergnügens, Böses von ihm zu sagen, nicht berauben wolle, da es ihnen so wohl tue, ihm aber im Grunde nichts schaden könne; indem es bloß von ihm abhange, ihre hämischen Vorwürfe alle Augenblicke durch die Tat zu widerlegen., dich
entreißen, oder dich entschließen, alles
gleichgültig wieder zu verlieren, was
du dir in deiner bessern Zeit erworben!
 
Horaz
O mögen Götter und Göttinnen, Damasipp,
für diesen guten Rat dich bald mit einem
Barbier beschenkenWenn die Stoiker von Profession um diese Zeit lächerlich und verächtlich zu werden anfingen, so hatte ihr eigenes Betragen wenigstens eben so viel Schuld daran, als die herrschenden Sitten, und die mit der Staatsverfassung sich unvermerkt ändernde allgemeine Vorstellungsart. Sonst verhielten sie sich zu den Cynikern ungefähr wie die Minoriten zu den Kapuzinern: aber der Unterschied verschwand immer mehr und mehr, und die Stoiker affektierten, wie ihre hündischen Brüder, übel gekämmt zu sein, einen langen Bart wachsen zu lassen, und sich durch Schmutz, Ungeschliffenheit und Unverschämtheit von gesitteten Menschen zu unterscheiden. Bei manchen von ihnen mochte wohl die Dürftigkeit die wahre Ursache sein, warum sie Schmutz und Lumpen zum Costum der Weisheit machten; und auf diesen Umstand scheint Horaz gesehen zu haben, da er dem Damasippus mit einer so komisch andächtigen Miene wünscht, daß ihn alle Götter und Göttinnen für seinen guten Rat mit einem Barbier belohnen möchten.! Aber was verschafft
die Ehre mir, so gut von dir gekannt zu sein?
Atqui vultus erat multa et praeclara minantis,
<10> si vacuum tepido cepisset villula tecto!
Quorsum pertinuit stipare Platona Menandro,
Eupolin, Archilodium, comitesEine artige Anspielung auf die comites, welche die Großen, wenn sie aufs Land gingen, mit sich nahmen. educere tantos?
Invidiam placare paras virtute relicta?
Contemnere miser; vitanda est improba Siren
<15> desidia, aut quicquid vita meliore parasti
ponendum aequo animo. HOR. Dii te, Damasippe, deaeque
verum ob consilium donent tonsore! Sed unde
tam bene me nosti? DAMAS. Postquam omnis res mea Ianum
 
Damasipp
Seitdem ich mit der ganzen Ladung meines Glückes
am mittlern JanusDie römische Börse. S. Horaz. Briefe I. S. 64 . scheiterte, bekümmr' ich,
aus meinen eigenen geworfen, mich
um andrer Leute Sachen. Ehmals war ich
ein großer Dilettant und Altertümerkenner.
Ich disputierte gern, in was für Erzt
der schlaue Sisyphus die Füße sich gewaschen;
entschied auf einen Blick, ob eine Gemme
von einem echten Meister war, ein Bild
im Gusse nicht zu hart und steif geraten;
verstand mich auf die Preise; dieses Bild ist seine
drei tausend Taler unter Brüdern wert,
sagt' ich mit einem schlauen Kennerblick;
und Gärten oder schöne Häuser mit Gewinn
zu kaufen, war mir keiner gleich: daher
man mich auf AuktionenFrequentia compita, wo die Auktionen gehalten wurden, sagt Cruckische Scholiast. nur den kleinen
Merkur
Mercuriale nomen, für den Namen Mercurius. zu nennen pflegteDieser Damasippus, der sich hier selbst so gut abschildert, als jemals ein Maler sein eigenes Bildnis gemacht hat, hieß mit seinem Geschlechtsnamen Junius (wie die Scholiasten sagen), und ist ohne Zweifel der nämliche Damasippus, der sich zum Käufer gewisser Statuen anbot, welche Cicero gerne los sein wollte. Dieser hatte einem seiner Freunde aufgetragen, ihm zu Auszierung seiner Arpinatischen Villa einige schöne Bildsäulen zu kaufen. Der Freund, der vermutlich ein Kenner war, und beim Einkauf bloß auf vorzügliche Schönheit sah, hatte ihm drei Bacchantinnen, einen Mars und noch ein ungenanntes Bild gekauft; aber sie, für den Beutel des großen Konsularen, und für seine wenige Liebe zur Kunst, viel zu teuer bezahlt. – »Du hast, schreibt Cicero seinem Kommissionär, mehr darum bezahlt, als ich um alle Statuen der ganzen Welt geben wollte.« – Es lag ihm also recht sehr am Herzen, daß Damasippus sie um den nämlichen Preis nehmen möchte; wo nicht, (sagt er) so müssen wir sehen, wo wir einen Pseudo-Damasippus (d. i. einen Prätendenten an den Geschmack und die Kunstkenntnis, welche Damasippus würklich hat) auftreiben, wenn ich auch bei dem Handel verlieren müßteCicero, Epist. ad Familiar. VII. 23.. In einem andern BriefeAd Attic. L. XII. 29. ist die Rede von einem Garten, den er dem Damasippus abzukaufen Lust hatte. Beide Briefe des Cicero bestätigen also, was dieser verunglückte Virtuose hier von seiner Kennerschaft in Kunstsachen, und von dem Handel, den er mit Häusern und Gärten trieb, sagt. Da zwischen der Zeit, wo jene Briefe geschrieben sind, und diesem Dialog des Damasipp mit unserm Dichter über zwanzig Jahre verflossen waren: so begreift sich um so leichter, wie jener, der aus einem Kunstliebhaber nach und nach zum Kunstmäkler geworden war, durch die Leidenschaft, womit er diese Profession trieb, binnen so langer Zeit endlich dahin gebracht werden konnte, daß ihm, nach Abrechnung mit seinen Gläubigern, keine andre Auskunft übrig blieb, als sich entweder zu ersäufen, oder den Stoiker zu machen.

Das quaerere amabam, quo vafer ille pedes lavasset Sisyphus aere, bezieht sich, meiner Meinung nach, nicht auf die bekannte Liebhaberei der Römer für Kunstsachen, die keinen andern Wert als ein hohes Altertum hatten: sondern auf eine Frage, worüber unter den Elegantioribus disputiert wurde: nämlich, ob das so hoch geschätzte korinthische Erzt eine den Alten schon bekannt gewesene Komposition, oder ob es, wie die meisten glaubten, erst durch den bloßen Zufall bei Zerstörung der Stadt Korinth durch den Konsul Mummius entstanden seiCf. Plin. Hist. Nat. L. 34. cap. 2.? Mit dem Beiworte vafer ille alludiert der Dichter auf die Geschichtchen, welche die Griechen von diesem Sisyphus (der in der Heroischen Zeit zu Ephyra oder Korinth regiert haben soll) erzählten, und woher das Sprüchwort, Σισύφου μηχαναί, Sisyphus-Pfiffe, entstanden war.

.
ad medium fracta est, aliena negotia curo
<20> excussus propriis. Olim nam quaerere amabam,
quo vafer ille pedes lavasset Sisyphus aere?
Quid scalptum infabre, quid fusum durius esset;
callidus huic signo ponebam milia centum;
hortos egregiasque domos mercarier unus
<25> cum lucro noram; unde frequentia Mercuriale
imposuere mihi cognomen compita. HOR. Novi,
et morbi miror purgatum te illius. DAM. Atqui
emovit veterem mire novus, ut solet; in cor
 
Horaz                                     Alles das
ist mir bekannt; nur nimmt mich Wunder, wie
du dieser Krankheit los geworden?
 
Damasipp                                       Wie's
in solchen Fällen geht; die alte ward
von einer neuen ausgejagt; der Fluß
im Kopf und in der Seite hat sich auf
die Brust geworfen; kurz, wie einer der
an Schlafsucht lag, in einem Anstoß plötzlich
an seinen armen Arzt zum Fechter wird.
 
Horaz
Das letzte will ich mir verbitten, übrigens
wie dirs beliebt.
 
Damasipp         Mein guter Freund, nur nicht
dich selbst getäuscht! Auch du bist toll, wie es
fast alle Narren sind, wenn anders an den dreisten
Behauptungen Stertins was Wahres istSi quid Stertinius veri crepat. Dieser Stertinius, der dem verzweifelten Damasipp zu so gelegner Zeit zu Seite stand, um ihm in der Stoischen Philosophie ein souveränes Mittel gegen sein Unglück zu zeigen, war, allem Ansehen nach, eine Person, über die man, ohne sich an der Philosophie zu vergreifen, lachen konnte. Er soll nach der Versicherung eines Scholiasten 220  Volumina über die Stoische Philosophie geschrieben haben; woran die Nachwelt allerdings etwas verloren hätte, wenn sie im Geschmacke des Diskurses, den ihm Horaz in dieser Satire leihet, geschrieben gewesen wären. Das Wort crepat geht wohl nicht, wie Baxter wähnt, auf diese Vielschreiberei des Stertinius, sondern auf den lauten zuversichtlichen Ton, womit er seine Lehrsätze vortrug. Beinahe in eben diesem Sinne sagt Horaz in der 7ten Epistel vom Vulteius Mena:
        – ex nitido fit rusticus, atque
sulcos et vineta crepat mera.
,
aus dessen Mund ich wundervolle Lehren
mir aufgeschrieben habe, als er trostgebietend
traiecto lateris miseri capitisque dolore;
<30> ut lethargicus hic cum fit pugil et medicum urguet.
HORAT. Dum ne quid simile huic, esto ut libet. DAM. O bone, ne te
frustrere! insanis et tu, stultique prope omnes,
si quid Stertinius veri crepat; unde ego mira
descripsi docilis praecepta haec, tempore quo me
<35> solatus iussit sapientem pascere barbam
mich diesen weisen Bart erzielen hieß,
und von Fabrizens Brücke wohlgemut
zurück mich schickte. Denn, indem ich, über
die schlimme Wendung meiner Sachen voll
Verzweiflung, eben mit bedecktem Haupte
mich in den Fluß zu stürzen im Begriff war,
stand er auf einmal, wie mein guter DämonDies liegt in dem Worte dexter mihi stetit., mir
zur Seit', und, hüte (sprach er) dich, so etwas deiner
Unwürdiges zu tun! Dich ängstigt, wie ich merke,
die falsche Scham, für einen Menschen, der
im Kopfe nicht recht richtig ist, gehalten
zu werden; und von wem? Von lauter Leuten,
die selbst so toll sind, als du jemals warst.
Denn laß einmal uns sehn, was Tollsein ist;
und findet sich's bei dir allein, so sag'
ich nicht ein Wort dagegen, daß du dir
frisch wie ein tapfrer Mann vom Brote helfest.
Wer aus Verblendung oder Unverstand,
unwissend was ihm würklich gut und bös' ist,
gleich einem Blinden durch das Leben taumelt,
den nennt die Stoa und die ganze Zunft
Chrysipps: unsinnig. Unter dieser Formel
sind große Könige, sind ganze Völker,
atque e Fabricio non tristem ponte reverti,
Nam male re gesta cum vellem mittere operto
me capite in flumen, dexter stetit, et, Cave faxis
te quicquam indignum! Pudor, inquit, te malus angit,
<40> insanos qui inter vereare insanus haberi.
Primum nam inquiram, quid sit furere? Hoc si erit in te
solo, nil verbi, pereas quin fortiter, addam.
Quem mala stultitia et quemcumque inscitia veri
caecum agit, insanum Chrysippi porticus et grex
den Weisen ausgenommen, einbegriffen.
Warum nun alle, die dich närrisch schelten,
im Kopfe nicht gesunder sind als du,
das will ich dir erklären; horch nur aufStertinius spricht nun in einem fort, bis zu den Worten: Haec mihi Stertinius, wo Damasipp wieder in seiner eigenen Person redet.!
Wie, wenn zwei Wanderer in einem Walde
des rechten Wegs verfehlen, der zur Rechten,
zur Linken jener trabt, ein gleicher Irrtum,
nur auf verschiednen Wegen, beide doch
gleich irre führt: so, glaube mir, wie närrisch
du immer sein magst, wer dich auslacht, ist
nicht um ein Haar der Weisere, und schleppt
unwissend einen Schwanz so gut als duCaudam trahat. Die römische Gassenjugend (welcher wohl kein Unrecht geschieht, wenn man sie sich als die ungezogenste auf dem ganzen Erdkreise vorstellt) pflegte sich eine Lust daraus zu machen, den Leuten, die ihres Weges gingen, gelegenheitlich einen Schwanz anzuheften, um ihnen hernach wieder in den Weg zu laufen, und sich über ihren appendix lustig zu machen. Hierauf scheint, nach Lambins und Geßners Vermutung, dieser scherzhafte Ausdruck, der im 299sten Verse nur mit andern Worten wieder kommt, anzuspielen. Der Äsopischen Fabel, worauf Hr. Haberfeld die Anspielung bezieht (und deren auch der Scholiast ad vers. 299. erwähnt), kann ich mich nicht erinnern. Baxter, der in dem vorhergehenden palantes Ochsen sieht, rümpft die Nase über die Gelehrten, die nicht merkten, daß auch dieses caudam trahat auf seine besagten Ochsen gehe!.
Sich fürchten, wo doch nichts zu fürchten ist,
ist eine Art von Tollheit, wie wenn einer klagte,
daß ihm in freiem Felde Feuer oder Flut
den Weg versperre. Eine andre, und
das Widerspiel von jener ist, wenn einer sich
<45> autumat. Haec populos, haec magnos formula reges,
excepto sapiente, tenet. Nunc accipe, quare
desipiant omnes, aeque ac tu, qui tibi nomen
insano posuere. Velut silvis, ubi passim
palantes error certo de tramite pellit;
<50> ille sinistrorsum, hic dextrorsum abit, unus utrique
error, sed variis illudit partibus: hoc te
crede modo insanum, nihilo ut sapientior ille
qui te deridet caudam trahat. Est genus unum
stultitiae, nihilum metuenda timentis, ut ignes,
<55> ut rupes fluviosque in campo obstare queratur:
alterum et huic varium et nihilo sapientius, ignes
geradezu in Flut und Flammen stürzt, und,
wie auch Mutter, Schwester, Vater und
Gemahlin, mit der ganzen Sippschaft, ihm
aus vollem Halse zuruft: halt! hier ist
ein tiefer Graben! hier ein Fels! nimm dich in Acht!
nicht mehr drauf achtet als der arme Fufius,
der seinen Rausch in Ilionens Rolle
gemächlich ausschlief, ohne zu erwachen,
wenn auch zwölfhundert Catieni sich
an ihrem: Mutter, höre mich, zu Krüppeln
geschrieen hättenDie Iliona war eine damals sehr bekannte Tragödie des Pacuvius, und dies mater te appello wird als eine Szene, welche ganz besondere Sensation gemacht hatte, öfters von Cicero angeführt. Der Geist des ermordeten und noch unbegrabenen Polydorus erscheint darin seiner schlafenden Mutter und redet sie mit diesen Worten an:
Mater, te appello, tu quae curam somno suspenso levas,
neque te mei miseret: surge, et sepeli natum, etc.
. Daß nun nichts gemeiner
als diese Art von Tollheit sei, das will
ich dir sogleich beweisen. Damasipp
ist, spricht man, toll, indem er alte Statuen
zusammenkauft. Gut! Aber wer sie ihm
auf Borg verkaufte, ist der etwa besser
im Kopf verwahrt? Gesetzt, ich sagte dir:
da, nimm, was du mir niemals wiedergeben sollst!
bist du ein Narr, wenn du es annimmst? Wärst du nicht
vielmehr ein Strohkopf, eine Beute, die Merkur
dir selbst entgegenbrächte, auszuschlagen?
Laß einen solchen Borger zehenmal
per medios fluviosque ruentis; clamet amica
mater, honesta soror, cum cognatis, pater, uxor,
hic fossa est ingens! hic rupes maxima! serva!
<60> non magis audierit quam Fufius ebrius olim,
cum Ilionam edormit, Catienis mille ducentis
mater te appello clamantibus. Huic ego vulgum
errori similem cunctum insanire docebo.
»Insanit veteres statuas Damasippus emendo.«
<65> Integer est mentis Damasippi creditor? Esto,
»accipe quod numquam reddas mihi«, si tibi dicam,
tune insanus eris, si acceperis? An magis excors
reiecta praeda, quam praesens Mercurius fert?
dem Nerius – laß ihn dem knotichten
Cicuta hundertmal verschrieben seinNerius und Perillius Cicuta waren, wie man ohne Ausleger erraten kann, zwei wohlrenommierte Wechselherren, bei welchen, um die gehörigen Prozente, immer Geld zu haben war. Cicuta kommt besser unten noch einmal als caput repraesentativum aller Wucherer und Harpagonen vor. Scribe decem a Nerio heißt hier, dem Zusammenhang nach, soviel als: laß ihn dem Nerius (für die von ihm entlehnten Geldsummen) zehn Handschriften ausgestellt habenScribere (sagt der Scholiast sehr richtig) ist in der Rechtssprache soviel als entlehnen, rescribere soviel als das Entlehnte wieder heimzahlen.. An der angeblichen Dunkelheit dieser Stelle, welche Ursache war, daß Gronov und andere gelehrte Männer diese beiden Bankiers für Rechtsgelehrte ansahen, scheint Horaz unschuldig zu sein. Das nodum in scirpo quaerere (Knoten in einem Besen suchen) ist so gar oft der Fall der Grammatiker, wenn sie Dichter auslegen!;
verstrick ihn noch in tausend solche Bande;
der Schelm von einem Proteus wird dir doch
aus diesen Fesseln zu entglitschen wissen:
Schlepp' ihn, der sich zu grinsendem Lachen zwingtWörtlich: der mit fremden Backen lacht, d. i. der zu bösem Spiel à contrecoeur lacht, eine Anspielung auf das Homerische γναθμοι̃σι γελώων αλλοτρίοισι (Odyss. XX. v. 347.), wie schon der Scholiast des Cruquius bemerkt.,
beim Ohre vor Gericht, er wird zum Vogel,
zur wilden Sau, zum Stein, zum Baume werden,
wozu er will. – Ist üble Wirtschaft eines NarrenDer Mangel eines deutschen Wortes, welches mit insanus (im Gegensatz von sanus) völlig, auch der Etymologie nach, gleichbedeutend sei, setzt einen Übersetzer dieser Satire öfters in Verlegenheit. Denn stultus und insanus ist nach römischem Sprachgebrauch nicht einerlei; sonst brauchte der Satz, omnes stultos insanire, nicht erst erwiesen zu werden. Bei uns hingegen wird das Wort Narr, im gemeinen Leben, auch für unsinnig oder des Verstandes beraubt, gebraucht. (S.  Adelungs Wörterbuch.) Gleichwohl, da ich kein Freund der vermeintlich gleichbedeutenden (Synonymen) Wörter bin: so habe ich in dieser Satire soviel nur immer möglich war, vermieden, im Deutschen Narr zu sagen, wo im Lateinischen insanus steht; weil ich das Wort Narr für Horazens Stultus aufbehalten mußte. Hier aber, da sich unsinnig schlechterdings nicht ins Metrum fügen wollte, und eine Umschreibung unstreitig das größere Übel war, mußte mir der Narr aus der Not helfen, wie dies ja wohl auch weisen Leuten zuweilen begegnet. Tor scheint mir das rechte Wort für stolidus, und also (so wenig als dieses mit stultus) nicht ganz einerlei Bedeutung mit Narr zu haben, sondern sich zu demselben wie im Französischen der sot zum fou zu verhalten; wiewohl der Sprachgebrauch in allen diesen (wie in so vielen andern) Wörtern noch zu schwankend ist, als daß einzelne Sprachlehrer oder Schriftsteller darüber etwas entscheiden könnten.,
hingegen gute eines klugen Mannes Sache,
so ist des Wucherers Perillius Gehirn
wahrhaftig viel verdorbner, der dir anschreibt,
was du ihm nimmer wiederzahlen kannst.
Doch, dem gilts nicht allein! Auch ihr könnt immer
herbei euch machen, mit gebührender
Bescheidenheit die Ohren hier zu spitzen,
ihr andern alle, wen der Ehrgeiz oder
die Geldsucht blaß macht, wer an Schwelgerei,
Scribe decem a Nerio, – non est satis, adde Cicutau
<70> nodosi tabulas centum, mille adde catenas;
effugiet tamen haec sceleratus vincula Proteus.
Cum rapies in ius malis ridentem alienis,
fiet aper, modo avis, modo saxum, et cum volet, arbor.
Si male rem gerere, insani est, contra bene, sani,
<75> putidius multo cerebrum est, mihi crede, Perilli
dictantis quod tu numquam rescribere possis.
Audire atque togam iubeo componere, quisquis
ambitione mala aut argenti pallet amore,
an finsterm Aberglauben, oder welchem andern
Gemütsgebrechen krank ist – allesamt
herbei, der Ordnung nach, damit ich euch beweise,
daß Wahnwitz euer aller Übel ist!
 
Die größte Dosis Niesewurz gebührt unstreitig
den Geizigen, wenn anders nicht für sie allein
die ganze Nieswurz-Insel in Beschlag
zu nehmen ist. Die Erben des Staberius mußten
die Erbschafts-Summ' auf seinen Grabstein hauen lassen:
wo nicht, so waren sie durch seinen letzten Willen
gestraft, dem Volke hundert Fechter-Paare,
ein fei'rlich Gastmahl, dessen Kosten ArriusArbitrio Arri. Vermutlich einer von beiden Brüdern, welche besser unten als ungeheure Verschwender vorkommen. Staberius konnte seine Erben nicht besser zu Befolgung des ihm so sehr am Herzen liegenden Artikels seines letzten Willens verbinden, als indem er verordnete, daß sie im Nichtbefolgungs-Falle schuldig sein sollten, dem ganzen Senat ein öffentliches Gastmahl zu geben, wovon ein Verschwender wie Arrius die Besorgung haben sollte.
bestimmen sollte, und soviel Getreide
zu geben, als das ganze AfrikaNämlich, was wir die Barbarei nennen, welche nebst Sizilien und Ägypten das Korn-Magazin von Rom war.
in einer Ernte schneidet. »Mag ich dies zu wollen
Recht oder Unrecht haben, mindstens soll mein Erbe
nicht meinen Oheim spielen!« Dies war, denke ich,
Stabers geheimer Sinn bei dieser Klausel.
quisquis luxuria, tristive superstitione,
<80> aut alio mentis morbo calet, – huc propius me,
dum doceo insanire omnes, vos ordine adite!
Danda est hellebori multo pars maxima avaris;
nescio an Anticyram ratio illis destinet omnem.
Heredes Staberi summam incidere sepulcro:
<85> ni sic fecissent, gladiatorum dare centum
damnati populo paria, atque epulum, arbitrio Arri,
frumenti, quantum metit Africa. »Sive ego prave
seu recte hoc volui, ne sis patruus mihi!« Credo
Allein, warum befahl er seinem Grabstein
die Summe seiner Erbschaft einzugraben?
So lang er lebte, war in seinen Augen Armut
der Laster größtes, und er scheute sich
vor nichts so sehr: so daß, wofern er nur
um einen einzigen Heller minder reich
gestorben wär', er sich für einen schlechtern Mann
gehalten hätte. Denn, nach dieser Leute Schätzung
ist Tugend, Ruhm, Verdienst, kurz alles Göttliche
und Menschliche, dem schönsten aller Dinge,
dem Reichtum, untertan: wer den besitzt,
ist edel, bieder, brav – »Auch weise?« – Warum nicht?
Ein König, – was er will! – Nun, dacht' er, würde
sein Geld ihm von der Nachwelt für Verdienst
und Tugend angerechnet werden. Wie verschieden
von diesem war der Grieche Aristipp,
der, mitten in der Wüste Libyens, seine Sklaven
den Goldstaub, unter dessen Last sie ihm
zu langsam gingen, von sich werfen hießDas bekannte Histörchen, worauf sich Stertinius hier bezieht, sieht so ziemlich den vielen andern Kinder-Märchen ähnlich, welche die Griechen von ihren Philosophen zu erzählen liebten.!
Wer von den beiden ist der größte Tollkopf?
Doch, so ein Beispiel, das für einen Knoten
hoc Staberi prudentem animum vidisse. Quid ergo
<90> sensit, cum summam patrimoni insculpere saxo
heredes voluit? Quoad vixit credidit ingens
pauperiem vitium, et cavit nihil acrius; ut si
forte minus locuples uno quadrante perisset
ipse videretur sibi nequior: omnis enim res,
<95> virtus, fama, decus, divina humanaque pulchris
divitiis parent; quas qui contraxerit, ille
clarus erit, fortis, iustus – Sapiensne? Etiam! et rex
et quicquid volet. Hoc, veluti virtute paratum,
speravit magnae laudi fore. Quid simile isti
<100> Graecus Aristippus, qui servos proicere aurum
in media iussit Libya, quia tardius irent
propter onus segnes? uter est insanior horum? –
Nil agit exemplum litem quod lite resolvit. –
uns einen neuen aufzulösen gibt,
kann nichts entscheiden. Also, wenn ein Mann,
der nie die Zither schlug und überhaupt
nichts von Musik verstünde, alle Zithern
zusammenkaufte und auf einen Haufen trüge;
wenn einer, der kein Schuster ist, von Leisten
und Pfriemen, und ein Feind des Handels
von Segeltuch und Tauen eine Sammlung bloß
zum Anschaun machte, würd' er überall
mit Recht für toll gehalten. Um wieviel ist der
nun weiser, der sein Gold und Silber ungebraucht
verschließt, und, gleich als wär' es heilig oder
bezaubert, es nicht anzurühren wagt?
Gleichwohl, wenn jemand neben einem ungeheuren
Getreide-Haufen, hingestreckt, bei Tag
und Nacht mit einem langen Prügel wachte,
und, ob er gleich als Herr damit zu schalten
berechtigt wäre, dennoch, wie ihn auch
der Hunger plagte, nicht ein Korn davon
zu nehmen sich getraute, sondern um's zu sparen,
mit NesselnIm Original: foliis amaris. Ich habe Nesseln dafür gesagt, weil die armen Leute zu Rom Nesseln als Gemüse zu essen pflegten, und also die Meinung des Autors wenigstens nicht verfehlt ist. lieber sich behälfe; wenn er tausend,
was sag' ich, dreimal hundert tausend Krüge alten
Si quis emat citharas, emptas comportet in unum,
<105> nec studio citharae nec Musae deditus ulli;
si scalpra et formas non sutor, nautica vela
aversus mercaturis: delirus et amens
undique dicatur merito. Qui discrepat istis,
qui nummos aurumque recondit, nescius uti
<110> compositis, metuensque velut contingere sacrum?
Si quis ad ingentem frumenti semper acervum
porrectus vigilet cum longo fuste, neque illinc
audeat esuriens dominus contingere granum,
ac potius foliis parcus vescatur amaris;
<115> si positis intus Chii veterisque Falerni
Falerner- oder Chier-Weins im Keller hätte,
und tränke lieber Essig: mehr, wofern
der arme Tropf mit achtzig Jahren, minder einsUndeoctoginta. unde heißt hier nicht (wie ein Scholiast sagt) einen Tag, sondern ein Jahr weniger.,
auf einem Strohsack schliefe, während daß an seinen
im Kasten modernden gesteppten Decken Schaben
und Motten schmausten: würde dieser Knauser
den wenigsten verrückt im Kopfe scheinen;
weil weit der größre Teil der Sterblichen
an gleicher Krankheit siecht. Du allen Göttern
verhaßter Graukopf, also sparest du,
damit dein Sohn, vielleicht dein Freigelaßner, der
dich erben wird, viel auszutrinken habe?
Doch nein, du sparst aus Furcht, es möchte noch
dir selbst gebrechen. Denn, wie wenig es auch wäre,
so nähme jeder Tag doch etwas von
der Summe weg, wofern du deinen Kohl
und deinen ungekämmten Kopf mit besserm Öle
zu salben dich getrautest. Also, wenn
du an so wenig dich begnügen kannst,
mille cadis – nihil est, tercentum rnilibus, acre
potet acetum; age, si et stramentis incubet, unde-
octoginta annos natus, cui stragula vestis,
blattarum ac tinearum epulae, putrescat in arca:
<120> nimirum insanus paucis videatur, eo quod
maxima pars hominum morbo iactatur eodem.
Filius, aut etiam haec libertus ut ebibat heres,
dis inimice senex, custodis? Ne tibi desit?
Quantulum enim summae curtabit quisque dierum,
<125> unguere si caules oleo meliore, caputque
coeperis impexa foedum porrigine? Quare,
si quidvis satis est, periuras, surripis, aufers
was nützen dir die falschen Eide, Tor?
Was stiehlst und scharrst du denn von allen Seiten
zusammen? Du – bei Sinnen? – Wenn du auf der Straße
das Volk mit Steinen würfest und die Sklaven,
die dir dein Geld gekostet, würden alle Jungen
und Mädchen hinter dir zusammenlaufen
und Tollkopf schreien: aber, wenn du deine Mutter
vergiftest und dein Weib erdrosselst, bist du dann
bei Sinnen? Freilich wohl! Wer zweifelt auch
daran? Du tust es ja zu Argos nicht,
nicht mit dem Schwerte, wie der tragische Orest,
der seine Mutter in der Tollheit würgte!
Meinst du, er sei nach dieser Untat erst
zur Strafe rasend worden: nicht vorher,
eh er den Stahl im mütterlichen Busen
erwärmte, sinnlos von den Furien schon
herumgetrieben worden? – Wirklich tut er auch,
sobald man ihn für rasend hält, nichts mehr,
was seinen Kopf verdächtig machen könnte:
und, statt den Pylades und seine Schwester
Elektra mit dem Degen anzufallen,
undique? Tun' sanus? – Populum si caedere saxis
incipias, servosque tuo quos aere pararis,
<130> insanum te omnes pueri clamentque puellae:
cum laqueo uxorem interimis matremque veneno
incolumi capite es? Quid enim? Neque tu hoc facis Argis,
nec ferro, ut demens genitricem occidis Orestes!
An tu reris eum occisa insanisse parente,
<135> ac non ante malis dementem actum Furiis, quam
in matris iugulo ferrum tepefecit acutum?
Quin ex quo est habitus male tutae mentis Orestes
nil sane fecit quod tu reprendere possis;
non Pyladem ferro violare aususve sororem
<140> Electram, tantum maledicit utrique, vocando
begnügt er sichEuripides in Oreste, v. 264., sie eine Furie zu schimpfen,
ihn, was ihm sonst die heiße Galle eingibtEs ist etwas sehr Humoristisches in der sophistischen Dialektik, womit Horaz seinen Stoiker hier räsonieren läßt. Der Zusammenhang seiner Schlüsse ist folgender. Wenn einer seine Mutter oder sein Weib heimlich aus der Welt schafft, um sie desto bälder zu beerben, tut er nicht die Tat eines Unsinnigen oder Rasenden? Die gemeine Meinung sagt: Nein. Und warum nein? – Der große Haufe ist nun einmal gewohnt, seine Urteile auf einzelne Fälle, die einen großen Eindruck auf ihn gemacht haben, zu gründen; er hat den Muttermord des Orestes, mit allen seinen Umständen, so oft auf der Bühne gesehen, daß er sich angewöhnt hat, die Szene desselben (Argos) und die Furien, die sich des Orestes nach vollbrachter Tat bemächtigen, als notwendige Bedingungen der Raserei, worin man ihn gesehen hat, zu betrachten. – In der Tat war es auch die Meinung des tragischen Dichters, daß die Raserei des Orests als eine Folge seiner unnatürlichen Tat angesehen werden sollte: Aber gerade dies ist es, worüber Stertinius, mit einer den Stoikern gewöhnlichen Spitzfündigkeit, schikaniert. Orest war schon rasend (sagt er) da er seine Mutter erstach; dies ist klar; die Tat zeugt von sich selbst; und, zum augenscheinlichen Beweise, daß er nicht erst durch die Furien hinterher rasend gemacht wird, sondern daß sich vielmehr seine Wut durch den Muttermord bereits erschöpft hat, tut er von dem Augenblick an, da er (nach der gemeinen Meinung) nun erst recht zu rasen anfangen sollte, nichts Unsinniges mehr. Wäre die gemeine Meinung richtig, so müßte der Mann, der bei vollem Verstande seine Mutter ermordete, nun, da ihn die Furien zur Raserei treiben, wie ein toller Mensch über seinen Freund Pylades, über seine Schwester Elektra herfallen: aber nichts weniger; er spricht und handelt wie ein Mann, der seiner Sinnen mächtig ist, und das Ärgste was er in seiner Hitze begeht, ist, daß er ihnen böse Reden gibt. Es ist also klar, schließt Stertinius, daß Orest damals schon toll war, da er Klytemnestren erstach; daß er diesen Muttermord eben darum beging, weil er toll war: und sein Beispiel ist also keine Ausnahme, sondern eine Bestätigung des allgemeinen Satzes der Stoiker. – Es würde eine zu weitläuftige, und hoffentlich für unsre Leser überflüssige Operation erfordern, das Sophistische in diesem Räsonnement, in Rücksicht auf die Tragödie des Euripides, aus welcher das Beispiel genommen ist, aus einander zu setzen. Es fällt, bei einigem Nachdenken, von selbst in die Augen. Dies ist nicht die einzige Stelle in dieser Satire, wo Horaz sich über die Subtilität der Stoiker von Chrysippus Schule durch eine etwas komische Nachahmung lustig macht. Überhaupt ist die genaue Beobachtung dessen, was man das Stoische Costum nennen könnte, keine geringe Schönheit dieses Stückes. Die öfters captiose Art zu argumentieren, und die Hitze, womit er den Stertinius seinen Narren auf den Leib rücken läßt, seine Schwatzhaftigkeit, sein imposanter Ton, besonders die Methode, seine Beispiele meistens aus Tragödien und Komödien herzunehmen (welches auch Cicero in denjenigen von seinen Werken, wo er den Stoiker macht, zu tun pflegt), sind lauter solche charakteristische Eigenheiten, wodurch Horaz seinen Stoischen Schwätzer für die damaligen Leser nach dem Leben zeichnete und kolorierte..
 
hanc, Furiam, hunc, aliud iussit quod splendida bilis.
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