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Horazens Satiren

Horaz: Horazens Satiren - Kapitel 29
Quellenangabe
typesatire
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Satiren
pages575
created20001125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritte Satire

Einleitung

Man kann mit hinlänglichem Grunde annehmen, daß unser Dichter das erste Buch seiner Satiren im Jahre Roms 718, welches in das 29ste seines Alters fällt, vollendet und bekannt gemacht habe. Zwischen diesem und dem Jahre 721, gegen dessen Ende das gegenwärtige Stück vermutlich geschrieben ist, scheinen die beiden ersten Satiren des zweiten Buches und einige Epoden alles gewesen zu sein, was seine Muse unter den beschwerlichen und angenehmen Zerstreuungen des römischen Stadtlebens hervorzubringen wußte.

In der Tat war die Liebe zur Dichtkunst, ungeachtet er sogar in einer nahe an die Prose grenzenden Gattung ein so vorzügliches Talent für sie gezeigt hatte, keine so herrschende Leidenschaft bei ihm, daß es eben sehr mächtiger Hindernisse bedurft hätte, ihn von einer Beschäftigung abzuhalten, zu welcher ihn ehmals, seinem eigenen Geständnis nach, die bloße Not getrieben hatte; und die er nun, als die einzige, die sich mit seinem freien Sinn und seiner Neigung zu dem sacrosanto far niente vertrug und in seine Lage und Denkart einpaßte, mehr zu seiner eigenen Unterhaltung, zur Belustigung seiner Freunde, und bei Gelegenheit zur Verteidigung gegen seine Feinde, als aus Ehrgeiz nach dem Namen und Ruhm eines großen Dichters, fortsetzte: wiewohl einige Jahre später die gute Aufnahme seiner ersten lyrischen Gedichte in seiner Art über diesen Punkt zu denken einige Veränderung gewürkt zu haben scheint.

Die Wahrheit zu sagen, Horaz opferte in den Jahren, worin er damals war, ziemlich fleißig auch den beiden andern Gottheiten, deren Dienst der weise Solon noch in seinem achtzigsten mit der Liebe der Musen so zu vereinigen wußteIn diesem Alter war es, wo er in einem seiner Gedichte sagte:

’Έργα δὲ Κυπρογενου̃ς νυ̃ν μοι φίλα καὶ Διονύσου
καὶ Μουσέων, ὰ τίθησ' ανδράσιν ευφροσύνας.

Ein paar in unsre Sprache schwerlich übersetzliche Verse, an denen sich manche wohl bloß darum geärgert haben, weil sie ihren Sinn nicht faßten. Freilich könnte jemand, der kein Solon wäre, eben das sagen, ohne daß es eben das wäre; aber niemand sollte sich anmaßen, den Worten eines Solon einen Sinn zu leihen, den sie weder haben noch haben können, bloß um sich das kleine Vergnügen zu machen, dritthalb tausend Jahre nach seinem Tode noch seinen Hofmeister zu spielen.

, wie sie vermutlich nur ein sehr weiser Mann mit Hülfe von achtzig Jahren vereinigen kann. Es wäre vielleicht zuviel gewesen, von dem Liebling und Commensal eines Mäcenas, in dulci iuventa, in der Rosenzeit des Lebens, bei so vieler Anlage zu Leichtsinn und Fröhlichkeit, und mitten unter so vielen Reizungen und verführenden Gelegenheiten, die Mäßigung eines achtzigjährigen Athenischen Staatsmannes zu fodern. Gewiß foderte sie Mäcenas nicht von ihm: aber konnte er von denen, die seine Freunde nicht waren, von jedem, der ihn bloß durch den Ruf oder aus seinen Werken kannte, eine eben so milde Nachsicht erwarten? Ganz natürlich mußte ihm seine anscheinende Gleichgültigkeit gegen den Ruhm, sein allzufrühes Stillstehen auf einer so munter betretenen Laufbahn, Vorwürfe zuziehen; und man kann sich leicht einbilden, daß die Malignität des Publikums bei Aufsuchung der Ursachen der langen Unfruchtbarkeit seiner Muse nicht sehr geneigt war, eines Mannes zu schonen, der sich gleich in seinen ersten Werken zum Sitten-Zensor aufgeworfen hatte, und dessen Witz und fröhliche Laune der Tadelsucht so viele unbedeckte Stellen darbot.

Es war also hohe Zeit, wenn er nicht alles, was er bereits gewonnen hatte, wieder verlieren wollte, mit einem neuen Werke, welches Sensation zu machen geschickt war, hervorzurücken; und da er – eben deswegen, weil er seine Dichterei nur als eine andere Art nichts zu tun, die ihm selbst eben nicht immer die angenehmere war, betrachtete, – wenn er seinen Witz nun einmal dem Publico zu Gefallen in Unkosten setzen sollte, gern so vieles als immer möglich auf einmal abtat: so brachte ihn dies alles, wie es scheint, auf den Einfall, die Römer mit einem Werkchen zu beschenken, worin er sie, zu einer unschuldigen und lehrreichen Gemütsergötzung mit aller möglichen Urbanität und guten Laune, alle samt und sonders für ausgemachte Tollhäusler erklären wollte. Die Sache hatte, wie man sieht, ihre Schwierigkeiten: aber gerade diese häkelige Art von Unternehmungen war es, worin seine größte Stärke lag, und wo die Gewandtheit seines Geistes es ihm nie an Erfindungen fehlen ließ. Natürlicher Weise mußte derjenige, der alle andern für toll erklärte, sich selbst an die Spitze stellen. Aber auch dies war noch nicht genug, oder vielmehr, es würde viel zu wenig gewesen sein, um der Sache eine gute Gestalt zu geben; denn es hätte doch immer so ausgesehen, als ob er sich nur pro forma, und um den übrigen eine Art von Kompliment zu machen, an den großen Reihen mit angeschlossen hätte. Sowohl die Anständigkeit, als das Interesse des Stückes erfoderte, einer Satire von dieser Stärke und Allgemeinheit die Miene einer philosophischen Deduktion zu geben. Hierzu kam ihm nun freilich das bekannte Paradoxon der Stoiker: ΟΤΙ ΠΑΝΤΕΣ ΟΙ ΜΩΡΟΙ ΜΑΙΝΟΝΤΑΙ, daß alle (moralische) Narren (physisch) toll, oder verrückt im Kopfe seien, sehr wohl zu statten. Aber die ernsthafte Behauptung eines solchen Satzes würde in des Dichters eigenem Munde unschicklich gewesen sein, und aus dem Munde irgend eines ehrwürdigen Meisters des Stoischen Ordens zu wenig Amönität gehabt haben. Scherz und Ernst mußten hier so fein aufgetragen und so unmerklich in einander verflößt werden, daß man, bei aller Überzeugung, welche seine Induktionen wirkten, sich doch nicht erwehren konnte, wie in einer guten Komödie, mit zu lachen, wiewohl man sich getroffen fühlte.

Nichts konnte wohl in allen diesen Rücksichten zugleich einfacher und glücklicher sein, als der Einfall, wodurch Horaz alle diese Zwecke erreicht: wiewohl ich sehr zweifle, ob unter tausend, die diesen Einfall jetzt ganz natürlich finden werden, ein einziger ohne ihn darauf verfallen wäre. Mit einem Worte: er legt den ganzen Diskurs dem Damasippus, einem damals in ganz Rom bekannten Narren, in den Mund; und auch diesem nicht aus seinem eigenen Stocke, sondern aus dem Munde eines andern Narren, nämlich des Stertinius, eines philosophischen Marktschreiers, dem sein Stoischer Bart und Mantel, und 240 Bücher voll Deklamationen und Argumentationen über die Lehrsätze dieser Sekte eine Art von Recht gaben, den geschwornen Contradictor des menschlichen Geschlechtes zu machen.

Das erste, was der Dichter durch diese Erfindung gewann, war: daß sein Stoiker, indem er bewies, daß alle Narren unsinnig sind, keine Satire machte, sondern bloß und in ganzem Ernste ein Stück aus der Moral seines Ordens vortrug. Zweitens, konnten ein paar Leute wie Damasippus und Stertinius, – wovon der eine keines Menschen schonte, weil er nichts mehr zu verlieren, und eben deswegen, weil er bloß durch seinen Unsinn zum Bettler worden war, ein Interesse hatte, das Heer der Unsinnigen soviel möglich zu vergrößern; und der andere von Professions wegen zu einer Cynischen Freimütigkeit berechtigt war, – ein paar solche Bursche konnten jedermann die treffendsten Wahrheiten in den Bart werfen, ohne daß die Getroffnen sich beleidigt finden konnten. Drittens, indem Horaz sich alles, was man zu Rom an ihm selbst tadelte, von einem Narren ins Gesicht sagen ließ, ersparte er sich die unangenehme Mühe einer Apologie, und hatte das Vergnügen, seine Tadler eben dadurch zu entwaffnen und stumm zu machen, daß er sie in den Fall setzte, nichts Schlimmeres über ihn sagen zu können, als er selbst, ganz unverfänglich, in sehr schönen Versen und mit der besten Art von der Welt schon gesagt und eingestanden hatte. Und endlich, was noch das Beste bei der Sache war, verschaffte ihm diese Erfindung eine schöne Gelegenheit und reichhaltigen Stoff, sich, so zu sagen, in einem Kosten, über den Damasippus und Stertinius, über die Afterweisen seiner Zeit, über seine Feinde und Tadler, über alle Gattungen von Narren und Gecken, mit einem Worte, über die ganze Welt, auf eine Art lustig zu machen, die seinem Geiste, seinem Geschmack, und seiner Geschicklichkeit in der Sokratischen Manier über die menschlichen Dinge zu philosophieren, neue Ehre bringen mußte. Denn diese letztere zeigt sich, wiewohl mit einer beigemischten Legierung von Stoischer Spitzfündigkeit, die der Charakter des Stertinius erfoderte, beinahe auf allen Seiten. Übrigens sagt er, weislich, kein Wort, um sich gegen den Vorwurf der Trägheit und des wollüstigen Müßiggangs, der ihm (vermutlich auch von seinen Freunden selbst) gemacht wurde, zu rechtfertigen; er scheint sich sogar ohne Widerrede schuldig zu geben. Die einzige gute Art sich zu rechtfertigen war, auf einmal mit einem größern und in seiner Art vollkommnern Werke zu erscheinen, als alles, was man bisher noch von ihm gesehen hatte: und dies war es, was er tat.

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