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Horazens Satiren

Horaz: Horazens Satiren - Kapitel 24
Quellenangabe
typesatire
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Satiren
pages575
created20001125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nun ja, Lucilius Verse, sagt' ich, gingen
ein wenig holpericht und ungelenk:
wer unter seinen Gönnern hat so wenig Ohr,
mir das zu leugnen? Doch wird auf demselben Blatte
die Laune und das scharfe Salz gerühmt,
womit er seine Zeitgenossen rieb.
Gleichwohl, indem ich dies ihm zugestehe,
will ich darum nicht alles übrige
mit einbegriffen haben; denn sonst müßt' ich auch
die Mimen des LaberiusDie Römer waren von Alters her große Liebhaber aller Arten von dramatischen Bouffonnerien. Eine derselben bestand aus den sogenannten Mimen, welche sie (wie beinahe alle ihre Artes ludicras) den Griechen abgelernt zu haben scheinen. Da von allen den mimisDas Wort Mimus ist vieldeutig. Bald bezeichnet es bei den Alten eine Art von monodramatischem Gedicht, bald den, der es machte, und noch gewöhnlicher den, der es agierte. Auch die pantomimischen Tänzer und Tänzerinnen heißen oft schlechtweg Mimi und Mimae., woran sowohl die griechische als römische Schaubühne überflüssig reich war, nicht ein einziges Stück ganz auf uns gekommen ist: so können wir uns keinen hinlänglich bestimmten Begriff von der Form dieser Gedichte machen. Soviel erhellet indessen aus allem, was die neuern Philologen in alten Schriftstellern über diesen Gegenstand aufgetrieben haben: daß es Monodramen waren; daß es darin hauptsächlich um bürleske Darstellung niedrig-komischer Charakter und Leidenschaften, und um Erschütterung des Zwerchfells der Zuhörer zu tun war; daß die Verfasser daher auch größtenteils in der Wahl der Mittel, diesen Zweck zu erhalten, wenig Delikatesse gebrauchten, und der Freiheit, die man ihnen zum Vergnügen des Publikums zugestand, eine Ausdehnung gaben, wobei züchtige Ohren wenig geschont wurden – von den obszönen und sotadischen MimenOvidius spricht zwar von den Mimen überhaupt, wenn er sie obscoena iocantes und imitantes turpia nennt; (Trist. II. v. 497–515.) aber es ist darum nicht weniger gewiß, daß dieser Vorwurf nicht alle, wenigstens nicht in gleichem Grade, traf. Seneca selbst gesteht, daß man in den Mimen häufig Gedanken und Sprüche finde, die einem Philosophen Ehre machen würden; und die noch übrigen Sprüche aus den Mimen des P. Syrus sind der beste Beweis hievon., worin es bloß um Zoten und Unanständigkeiten zur Belustigung der Hefe des Pöbels zu tun war, nichts zu sagen. Eben der glückliche Genius und feine Geschmack der Griechen, der die schmutzig-burlesken Bockslieder, die von trunknen Landleuten am Bacchusfeste abgesungen wurden, stufenweise bis zur Tragödie des Sophokles und zur Komödie des Menander veredelt hatte, wußte auch diese pöbelhaften Monodramen, wovon die Rede ist, zu verschönern; und ganz gewiß müssen die Mimen des Sophron von Syrakus, welche Plato selbst zu lesen nicht müde wurdeSalmas. in Solin. p. 76. B., in ihrer Art sehr vortrefflich gewesen sein. Eben so scheinen sich auch bei den Römern die Mimen des Decimus Laberius (von welchem Horaz hier spricht) und die des Publius Syrus (der jenem den Kranz in dieser Art von Dichtkunst abgewann) von den übrigen unterschieden zu haben. Von beiden sind sehr unterhaltende Anekdoten beim Macrobius in seinen Saturnalien (Lib. II. cap. 7.) zu lesen. Laberius, ein geborner römischer Ritter, ein Mann den weder Ambition noch Habsucht plagte, hatte (wie es scheint) aus den Musenkünsten das Geschäfte und Vergnügen seines Lebens gemacht, und sich aus Liebhaberei mit Verfertigung verschiedener Mimen abgegeben, die er von Histrionen spielen ließ. Er war schon ein Mann von 60 Jahren, als Julius Cäsar, bei den szenischen Spielen, die er, nach Vollendung des Pompejischen Bürgerkriegs, in allen Regionen der Stadt Rom auf seine Kosten gab, durch Bitten, die im Munde dessen der alles durfte die Kraft eines Befehls hatten, über ihn vermochte, daß er einige seiner Mimen in eigener Person und in einem Wettstreite mit dem jüngern und allgemein beliebten Publ. Syrus öffentlich agieren mußte. Macrobius hat uns einen Teil des Prologs aufbehalten, den er, um sich dem Publico wegen dieser Unanständigkeit zu entschuldigen, bei dieser Gelegenheit rezitierte. Er ist so schön, und so geschickt uns einen Begriff von dem Geiste und der Manier dieses einst berühmten Mimen-Dichters zu geben, daß ich nicht umhin kann, ihn hier, nebst dem Original, so gut als es mir gelingen wollte übersetzt, mitzuteilen.
Die Not, ein Strom, den viele durch Entgegenschwimmen
zu überwinden schon versuchten, wenige
vermochten, wohin hat sie beinahe noch
in meinen letzten Augenblicken mich gebracht?
Mich, den nicht Ehrgeiz, noch Gewinnsucht, keine
Gewalt, kein Ansehn, keine Furcht, in meiner Jugend
aus meinem Stande heben konnte, seht
wie leicht der große Mann, durch gnädige
zu sanften Bitten herzgewinnend sich
herunterlassende Beredungen,
im Alter mich aus meiner Stelle rückte!
Doch Ihm, dem selbst die Götter nichts versagen konnten,
wie hätt' ich bloßer Mensch ihm etwas abzuschlagen
geduldet werden können? So geschah es dann,
daß nun, nach zweimal dreißig ohne Tadel
verlebten Jahren, ich, der meinen Herd
als römscher Ritter eben itzt verließ,
nach Haus als Mimus wiederkehren werde.
Um diesen einz'gen Tag hab' ich demnach
zu lang gelebt! – O du im Bösen wie im Guten
unmäßige Fortuna, wenn es ja
dein Wille war, des Ruhmes Blume, den
die Musen mir erwarben, abzuknicken,
warum nicht lieber damals, da ich noch
in frischen Jahren grünte, noch die Kräfte hatte
dem Volk und einem solchen Mann genug zu tun.
o! warum beugtest du nicht lieber damals mich,
da ich noch biegsam war, um meine Zweige
zu schneiden? Jetzt, wozu so tief herab mich drücken?
Was bring' ich auf den Schauplatz? etwa Schönheit, Anstand,
mutvolle Kraft des Geistes, Reiz der Stimme?
Ach! wie dem Baum der Efeu durch Umarmen
das Leben raubt, so hat das Alter langsam mich
umschlingend ausgesogen; und gleich einem Grabe
behielt ich von mir selbst nichts als den Namen.
    Necessitas, cuius cursus traniversi impetum
voluerunt multi effugere, pauci potuerunt,
quo me detrusit paene extremis sensibus?
Quem nulla ambitio, nulla umquam largitio,
nullus timor, vis nulla, nulla auctoritas
movere potuit in iuventa de statu,
ecce in senecta ut facile labefecit loco
viri excellentis mente clemente edita
submissa placide blandiloquens oratio!
Etenim ipsi dii negare cui nihil potuerunt,
hominem me denegare quis posset pati?
Ergo bis tricenis annis actis sine nota
eques Romanus Lare egressus meo
domum revertar mimus. Nimirum hoc die
uno plus vixi, mihi quam vivendum fuit.
Fortuna, immoderata in bono aeque atque in malo,
si tibi erat libitum litterarum laudibus
florens cacumen nostrae famae frangere,
cur, cum vigebam membris praeviridantibus,
satisfacere populo et tali cum poteram viro,
non flexibilem me concurvasti ut carperes?
Nunc me quo deicis? Quid ad scaenam affero?
Decorem formae, an dignitatem corporis,
animi virtutem, an vocis iocundae sonum?
Ut hedera serpens vires arboreas necat,
ita me vetustas amplexu annorum enecat.
Sepulcri similis nil nisi nomen retineo.

Man sieht aus dieser kleinen Probe, daß es dem alten Ritter Laberius, seiner gerechten Weheklage ungeachtet, weder an Geist noch Witz gebrach: aber in der Wahl der Stücke selbst zeigte er, daß es ihm auch nicht an Mut fehle; denn, da es ihm frei gelassen war, welche von seinen Mimen er agieren wollte so wählte er (gewiß nicht ohne Absicht) einen, worin einige Verse vorkamen, die von allen Zuhörern als Anspielungen auf Julius Cäsar aufgenommen wurden; als z. B. indem er in der Person eines gepeitschten Sklaven sich auf einmal an das Volk wandte und ausrief:

Porro Quirites! libertatem perdimus!
O weh, ihr Römer! unsre Freiheit ist dahin!

und bald darauf:

Necesse est multos timeat quem multi timent!
Der hat vor vielen sich zu fürchten, der von vielen gefürchtet wird!

bei welchem Worte das ganze Volk wie mit einem Blick zu Cäsarn aufgeschaut haben soll. Cäsar fühlte den Stich, aber er war zu groß, sich für beleidigt zu halten; und wiewohl er den Mimen des Publius Syrus den Preis zuerkannte, so beschenkte er nichts desto weniger den alten Laberius auf der Stelle mit einem goldnen Ring und 500000 Sesterzien, (um ihn dadurch wieder in die ritterliche Würde, die er durch die Gefälligkeit, öffentlich einen Mimus und Histrio zu agieren, verwirkt hatte, wieder einzusetzen) mit dem Befehl, nun wieder unter den Rittern im Amphitheater Platz zu nehmen. Aber der ganze Ritterstand, dessen Ehre in der Person des Laberius von Cäsarn gekränkt worden war, zeigte, daß er die Beleidigung gefühlt habe, und daß sie noch nicht Sklaven genug seien, um es auf die Laune des Diktators ankommen zu lassen, nach seinem Belieben einen römischen Ritter zum Mimen, und den Mimen wieder zum römischen Ritter zu machen: denn in einem Augenblicke dehnten sich die Ritter in den vierzehn Reihen von Bänken, die ihrem Orden in den Theatern angewiesen waren, so weit aus einander, daß Laberius nirgends, wo er sich setzen wollte, Platz finden konnte. Bei dieser Gelegenheit wird ein sehr beißendes Bon-Mot von ihm erzählt. Cicero, der sich selber auf seine Gabe in scharfgesalznen Scherzen viel zugut tat, sagte zum Laberius, wie er ihn in der Verlegenheit einen Sitz zu finden herumirren sah: ich wollte dir gern bei mir Platz machen, wenn ich nur nicht selbst so eng säßeDieses Scomma galt eigentlich Cäsarn, der vor kurzem den Senat mit so vielen hominibus novis von seinen Kreaturen angefüllt hatte.. Wunderbar genug, daß du enge sitzen sollst, erwiderte Laberius, da du doch immer auf zwei Stühlen zu sitzen pflegst. – Ein Stich, den die Briefe des Cicero, die uns seinen zweideutigen Charakter nur zu sehr verraten, und sein Betragen in den bürgerlichen Kriegen, überflüssig rechtfertigen.

Ich glaube mich durch diese Notiz von dem Mimendichter Laberius nicht zu weit von der Veranlassung, welche Horaz dazu gegeben, entfernt zu haben: denn sie setzt uns in den Stand, sein Urteil von ihm desto besser zu verstehen. Julius Cäsar Scaliger behauptet zwar in seiner Poetik, daß dem letztern großes Unrecht von Horazen getan werde; und in der Tat, wenn seine Mimen alle oder nur größtenteils im Geschmack des angezogenen Prologs geschrieben waren, so möchte Scaligers Unwillen zu entschuldigen sein. Aber Horaz, der alle Werke des Laberius vor sich hatte, konnte sie doch wohl am besten schätzen. Er spricht ihnen nicht alles Verdienst ab; er gesteht ihnen, wie den Lucilischen Satiren, Witz und Salz zu: nur für schöne Gedichte läßt er sie nicht gelten, weil ihnen die Kürze, die Rundung, die Feile, kurz das Vollendete fehlte, welches er mit Recht von einem schönen Gedichte fodert; und mich deucht, selbst in dem mitgeteilten Fragmente finden sich Verse, denen es an diesen Eigenschaften fehlt, und wo der Gedanke sich in überflüssigen Worten gleichsam verwickelt, wie z. B. mente clemente edita submissa placide blandiloquens oratio, und litterarum laudibus florens cacumen nostrae famae frangere. Übrigens hatte Laberius diesen Fehler mit allen ältern römischen Poeten gemein: die Rundung und Glätte, die Horaz an ihnen vermißt, war den Dichtern des Augustischen Jahrhunderts aufbehaltenGellius führt im 7ten Kapitel des 16ten Buches seiner attischen Nächte eine Menge Beispiele seltsamer selbstfabrizierter Wörter und Redensarten an, womit Laberius seine Mimen vollgepfropft habe; und vermutlich hat Horaz auch diese Lizenz, die seiner Sprache ein groteskes Ansehen geben mußte, im Auge gehabt..

für schöne
Gedichte gelten lassen. Nein, des Hörers Mund
durch Lachen zu verzerren machts nicht aus (wiewohl
auch dazu Kunst gehört): man muß auch kurz
sich auszudrücken wissen, so, daß der Gedanke
sich schnell und leicht entfalte, nicht in Worten sich
verwickle, die das Ohr mit leerem Schall ermüden.
Der Vortrag muß dem ernsten Ton nicht selten
den muntern unversehens unterschieben,
muß bald des Redners bald des Dichters Rolle spielen,
    Nempe incomposito dixi pede currere versus
Lucili: quis tam Lucili fautor inepte est,
ut non hoc fateatur? At idem, quod sale multo
urbem perfricuit, charta laudatur eadem.
<5> Nec tamen hoc tribuens dederim quoque cetera: nam sic
et Laberi mimos ut pulchra poemata mirer.
Ergo non satis est risu diducere rictum
auditoris; et est quaedam tamen hic quoque virtus:
est brevitate opus, ut currat sententia, neu se
<10> impediat verbis lassas onerantibus aures:
et sermone opus est modo tristi, saepe iocoso,
defendente vicem modo rhetoris atque poetae,
auch wohl des feinen Manns, der seiner Kräfte
zu schonen weiß und sie mit Fleiß verkleinertEin jeder, der von dem Gegenstande wovon er spricht voll ist, sagt (wofern er nicht durch besondere Rücksichten zurückgehalten wird) gewöhnlich alles was er von der Sache weiß, spricht in einem positiven, dogmatischen, keinen Widerspruch leidenden Ton, stürmt auf den Gegner mit der ganzen Gewalt seiner Argumente zu, und glaubt ihn nicht geschwinde genug zu Boden werfen zu können. Dies ist es hauptsächlich, worin sich der Pedant von einem Manne von Lebensart und Welt in der Konversation unterscheidet. Der letztere hält an sich; spricht wie einer der immer bereit ist sich eines Bessern belehren zu lassen; verhehlt seine Stärke; scheint dem andern oft mehr einzuräumen als er nötig hätte, und gewinnt am Ende seinen Prozeß nur desto sicherer; und wenn dies auch nicht wäre, so gibt ihm schon die bloße Höflichkeit diesen bescheidenen Ton; er vermeidet durch die Achtung, die er für den Verstand des andern zeigt, das Beleidigende des Widersprechens, und weiß Recht zu behalten, ohne seinen Gegner zu demütigen und gleichsam im Triumph zu führen. – Ich kenne keine bessern Belege für alles was Horaz in dieser Stelle sagt, als seine eignen Satiren und Episteln..
Ein Scherz, ein lachend Wort entscheidet oft
die größten Sachen treffender und besser
als Ernst und SchärfeCicero, sagt Macrobius (Saturnal. II. c. 1.), trug mehr als einmal, in Rechtshändeln, wo er eine sehr böse Sache verteidigte, den Sieg durch einen Scherz davon. – Desto schlimmer freilich für die römische Justiz seiner Zeit! Indessen ist die gute Wirkung des zu rechter Zeit und am rechten Orte gebrauchten feinen Spottes, der Ironie, und dessen was Shaftesbury (den die D. D. und M. A. unter seinen Landesleuten so gern unrecht verstehen) das Licht des Lächerlichen nennt, von allen Verständigen anerkannt und unleugbar.. Hierin lag die Stärke
der alten Komiker Athens, dies ists
worin sie nachzuahmen sind;
sie, welche freilich weder euer schöner
Hermogenes, noch jener Affe kennt,
der nichts gelernt hat als dem Calvus und
Catullus nachzuleiernVermutlich ist der Affe, den Horaz hier dem schönen Hermogenes zugesellt, eben der Demetrius, dem er unten die Ehre erwiesen hat, ihn namentlich der Unsterblichkeit zu übergeben. Lächerlich ist der Scholiast, der uns weis machen will, Horaz habe ihn wegen seiner kleinen Figur und Magerkeit einen Affen gescholten; da doch der Dichter selbst den Grund davon deutlich angibt, indem er ihm vorwirft: er habe nichts gelernt als dem Calvus und Catullus nachzuleiern. Denn daß cantare hier nicht singen wie ein Singemeister (modulator), sondern poetisieren heiße, gibt der ganze Zusammenhang der Rede zu erkennen. Licinius Calvus hatte eine kleine Anzahl kleiner Gedichte in der Gattung der Catullischen gemacht, die ihm einen Platz unter den erotischen Dichtern der Römer verschafften. Man sieht aus einer Anekdote beim GelliusN. A. Lib. XIX. Cap. 9., daß die Griechen selbst, die sich gewöhnlich ihrer literarischen Vorzüge vor den Lateinern sehr stark bewußt waren, einige wenige Stücke dieses Calvus und des Catullus allenfalls noch ganz allein würdig fanden, eine Vergleichung mit Anakreons lieblichen Liedern auszuhalten. Um so mehr also Schade, daß nichts von ihm auf uns gekommen ist.. – »Aber (sagt man) war's
nicht etwas Großes, soviel Griechisch in
die Sprache Latiums zu mischen?« – O
der feinen Kenner, die als etwas Schweres
bewundern, was sogar Pitholeon
von Rhodus kannWas Horaz hier von diesem Graeculus (der, nach dem Scholiasten, in einem lächerlichen Mischmasch von Latein und Griechisch Epigrammen geschrieben haben soll) sagt, ist alles was man von ihm weiß; und besser wär' es für seinen Nachruhm, wenn man auch dies nicht wüßte.! – »Und doch hat diese Mischung
der beiden Sprachen eine eigne Anmut,
und die Lateinsche wird dadurch dem Ohre
gefälliger, so wie Falernerwein
mit Griechischem vermischt, dem Gaumen.« Gilt
dies nur von Versen, oder auch alsdann,
interdum urbani, parcentis viribus atque
extenuantis eas consulto. Ridiculum acri
<15> fortius et melius magnas plerumque secat res.
Illi, scripta quibus comoedia prisca viris est,
hoc stabant, hoc sunt imitandi; quos neque pulcher
Hermogenes umquam legit, nec simius iste,
nil praeter Calvum et doctus cantare Catullum.
<20> »At magnum fecit quod verbis Graeca Latinis
miscuit.« – O seri studiorum, quine putetis
difficile et mirum, Rhodio quod Pitholeonti
contigit! – »At sermo lingua concinnus utraque
suavior, ut Chio nota si commixta Falerni est.«
wenn du den bösen Handel des PetilliusSiehe oben die 14te Erläuterung zu der vierten Satire .
verfechten solltest? Und gefiel dir's besser,
wenn ein Corvinus, ein PublicolaDie Rede ist ohnezweifel von zwei beredten Rechtsgelehrten; aber was für ein Pedius, und was für ein Corvinus, und ob der Zuname Publicola dem einen oder andern angehöre, darüber können die Ausleger nicht ins Klare kommen, und zum Glücke verliert unser Dichter nichts dabei.,
vergessend daß sie als geborne Römer
zu Römern reden, ihre vaterländsche Sprache
mit fremden Wörtern, gleich den doppelzüngigen
CanusiernDas gemeine Volk sprach zu Canusium, und überhaupt in Calabrien, Apulien und Lucanien (dem ehmaligen Magna Graecia) eine Art von patois aus Griechisch und Latein gemischt., verfälschten? Auch mir kam
einmal der Einfall, griechsche Verschen machen
zu wollen, ob ich gleich diesseits des Meeres
geboren binVermutlich machte er diesen Versuch, da er in seiner Jugend zu Athen studierte; und wenn Baxters übrigens ziemlich leichte Vermutung, daß seine Voreltern geborne Griechen gewesen, Grund hätte, so hätte auch Horaz einen Beweggrund mehr gehabt, in griechischer Sprache zu dichten. Aber Apollo, oder sein guter Genius erinnerte ihn bei Zeiten: daß man klüger tue in der Sprache zu dichten worin man geboren ist, und daß mehr Verdienst und Ehre dabei sei, den Griechen in einer Sprache, deren Literatur noch im Steigen war, nachzueifern, als die unendliche Menge ihrer Dichter um einen Mann zu vermehren, und ein unbedeutender griechischer Autor zu sein, wenn man hoffen könnte, ein vortrefflicher lateinischer zu werden.: allein der göttliche Quirinus
erschien im Traume mir, nach Mitternacht,
wenn Träume wahr sindDaß Horaz sich bloß scherzweise stellte, als ob er den gemeinen Aberglauben, daß die Träume nach Mitternacht wahr seien, für gegründet halte, versteht sich, zumal bei einem Schüler des Lucretius, wohl von selbst. Dem Lambinus fällt hiebei der Anfang der Europa, nicht des Theokritus (wie er sagt), sondern des Moschus ein:
Cypris sandte Europen einst einen lieblichen Traum zu,
als das Drittel der Nacht vorbei, und Aurora schon nah war,
dann, wann süßer als Honig der Schlaf auf den Lidern der Augen
sitzend, die Glieder auflösend, mit weichem Bande sie fesselt,
und das Volk der untrüglichen Träume zu Herden umherschweift.
, und verbot es mir
mit diesen Worten: Holz in einen Wald
zu tragen wäre minder albern, als
der Griechen Scharen noch um einen Mann
vollzähliger zu machen. – So geschah es dann,
daß, unterdes der schwülstige AlpinAllem Anschein nach ein schwülstiger Tragödienmacher in denselben Tagen, der sehr wenig Eindruck gemacht haben muß, da es unmöglich ist herauszubringen, wer er gewesen sein könne. Der wachende Traum des Cruquius, daß Horaz den geliebtesten Freund seines Freundes Virgils, den Dichter Cornelius Gallus, aus Rache wegen einer Beleidigung, von welcher nirgends keine Spur zu finden ist, unter dem Namen Alpinus hier habe lächerlich machen wollen, widerlegt sich selbst durch seine traumartige Sinnlosigkeit. Worin doch das Vergnügen bestehen mag, das einige gelehrte Ausleger des Horaz darin gefunden haben, ihn bei jeder entfernten Gelegenheit, wenn sie auch die Umstände, Ursachen und Beweisgründe geradezu erdichten mußten, zu einem schlechten Menschen zu machen? Der Bibaculus des Bentley ist unschuldiger, aber nicht viel besser gegründet. Alpinus oder Vivalius oder Bibaculus, was kann uns der wahre Name eines mit allen seinen Werken längst vergeßnen Dichterlings kümmern? Daß auf eine vermutlich damals ganz neue Tragödie dieses Alpinus, Memnon genannt, und auf ein anderes Gedicht desselben, worin ein lächerliches Gemälde des Rheins, als eines Flußgottes, vorkam, angespielt werde, ist im Text deutlich genug. Ich lese diffingit, und übersetze es, dem Zusammenhang gemäß, durch sudelt, weil mich Bentley mit seinen Gründen für die Leseart defingit nicht überzeugt hat. Offenbar wählte Horaz dieses Wort, so wie den doppelsinnigen Ausdruck: iugulat dum Memnona, um den Alpinus als einen elenden Dichter zu charakterisieren; und wir können uns darauf verlassen, daß er ihm nicht zuviel getan hat.
den Memnon schlachtet und das lettengelbe Haupt
<25> Cum versus facias teipsum percontor, an et cum
dura tibi peragenda rei sit causa Petilli?
Scilicet, oblitus patriaeque patrisque Latini,
cum Pedius causas exsudet, Publicola atque
Corvinus, patriis intermiscere petita
<30> verba foris malis, Canusini more bilinguis?
Atque ego cum Graecos facerem, natus mare citra,
versiculos, vetuit me tali voce Quirinus,
post mediam noctem visus, cum somnia vera:
In silvam non ligna feras insanius ac si
<35> magnas Graecorum malis implere catervas.
Turgidus Alpinus iugulat dum Memnona, dumque
des Rheins uns sudelt, ich die leeren Stunden
mit Scherzen mir verkürze, welche nie im Tempel
um TarpasSpur. Metius Tarpa, der angesehenste unter den Zensoren, denen die Dichter, welche für die Schaubühne arbeiteten, ihre Werke vorlesen mußten. S. die Erläut. X. zu der Epistel an die Pisonen, im 2ten Teil meiner übersetzten Horazischen Briefe, S. 571 . Diese Vorlesungen geschahen in dem Tempel des Palatinischen Apollo, welchen Augustus erst nach dem Treffen bei Actium erbaute, und der also, als Horaz diese Satire schrieb, noch nicht vorhanden war. Der Tempel, den der Text als den Ort der Vorlesungen angibt, muß also ein anderer gewesen sein. günst'ges Urteil buhlen, noch
zum zweiten-, drittenmal den Schauplatz füllen werden.
Kein Lebender, Fundan, nimmt dir den Vorzug,
die feine Buhlerin, den schlauen Davus,
der alle Vorsicht seines argwohnvollen Alten
zu Schanden macht, mit Witz und Anstand schwatzen
zu lassen. Pollio, in ernsten JambenPede ter percusso, d. i. in trimetrischen oder zwölfsilbigen Jamben, welches die eigentliche Versart der Tragödie war.,
stellt Königstaten auf die Bühne; Varius
weiß kühn und besser als kein anderer
den Strom des Heldenlieds zu leiten; den VirgilVon diesen vier Dichtern, deren jeden Horaz für den ersten in seinem Fache, zu seiner Zeit, zu erklären scheint, ist Virgil der einzige, dessen Werke die unsrige erreicht haben. Horaz, und vermutlich Virgil selbst, ließ sich, als dies geschrieben wurde, noch nichts davon träumen, daß der sanfte und anmutsvolle Günstling der ländlichen Camönen dem Varius dereinst den Lorbeerkranz der Helden-Muse von der Stirne reißen würde. – Der Komödien-Dichter Fundanius scheint der nämliche zu sein, den Horaz in der 8ten Sat. des 2ten Buches redend einführt. Es ist sonderbar genug, daß Quintilian in seiner Rezension der lateinischen Dichter weder diesem Fundanius unter den komischen, noch dem Pollio unter den tragischen, noch dem Varius unter den epischen Dichtern einen Platz eingeräumt, und also das günstige Urteil, das Horaz hier von ihnen fällt, keinesweges bestätigst hat; er gedenkt der beiden ersten gar nicht, und erwähnt von dem dritten nur sein Trauerspiel Thyest, als ein Stück das den vollkommensten Tragödien der Griechen zur Seite gehe. Pollio war freilich ein zu vornehmer Dichter, um nicht auf ein Kompliment von einem jungen Autor, der sich erst hervorzutun anfing, Anspruch machen zu können; und Fundanius, wie es scheint, einer von Horazens vertrautern Freunden. Indessen würde er diesem letztern doch nicht den ersten Rang unter den gleichzeitigen Komödienschreibern gegeben haben, wenn er nicht wenigstens das Urteil aller derjenigen, die er am Schlusse dieser Satire als kompetente Richter in Sachen des Geschmackes aufführt, auf seiner Seite gehabt hätte. Beispiele dieser Art verdienen angemerkt zu werden. Sie beweisen, daß der entschiedenste Beifall der Zeitgenossen nicht immer für die Beistimmung der Nachwelt Gewähr leistet; und es kann auch den berühmtesten Schriftstellern nichts schaden, zuweilen ihrer Sterblichkeit erinnert zu werden.
begabten mit Gefälligkeit und Anmut
die ländlichen Camönen: was für mich
noch übrig blieb, und was mir besser als
dem Varro AtacinusDer Satirenschreiber, dem, nach der Art wie sich Horaz darüber ausdrückt, seine Versuche in diesem Fache gänzlich mißlungen sein müssen, ist nicht der berühmte Polyhistor M. Terentius Varro, (wiewohl auch dieser eine große Anzahl prosaischer oder regellos versifizierter sogenannter Menippeischer Satiren geschrieben hat, deren Verlust, nach ihren bloßen Titeln zu urteilen, zu beklagen ist) sondern ein gewisser Publius Terentius Varro von Atace, einem Flecken im Narbonensischen Gallien, von dessen Poeterei außer einigen unbedeutenden Fragmenten und Epigrammen, die man in den Stephanischen und Pithöischen Sammlungen findet, sich nichts erhalten hat., dem es fehl schlug,
und andern mehr, vielleicht gelingen mag,
ist dieses Fach, worin ich dem Erfinder
ganz willig weiche; denn, den Kranz, der mit
diffingit Rheni luteum caput, haec ego ludo
quae nec in aede sonent certantia iudice Tarpa,
nec redeant iterum atque iterum spectanda theatris.
<40> Arguta meretrice potes Davoque Chremeta
eludente senem comis garrire libellos
unus vivorum, Fundani! Pollio regum
facta canit pede ter percusso: forte epos acer,
ut nemo, Varius ducit: molle atque facetum
<45> Virgilio annuerunt gaudentes rure Camenae:
hoc erat, experto frustra Varrone Atacino
atque quibusdam aliis, melius quod scribere possem,
so vielem Ruhm ihm auf der Scheitel sitzt,
herabzureißen, der Gedanke nur
sei von mir ferne! – »Aber, sagt' ich nicht,
er fließe trüb und führe öfters mehr
verwerfliches als Gutes.« – Ja, das sagt' ich:
und du, gelehrter Herr, hast du am großen
Homer nicht manches auszusetzen? Tadelt etwa
der gütigeComis, ist hier ironisch zu nehmen. Lucil nicht dies und das
an Actius dem Tragiker, und spottet
des Ennius gewisser Verse wegen, die
er für das Heldenlied zu frostig, aber d'rum
sich selber keineswegs für größer hält
als den Getadelten? Was sollte denn,
wenn wir Lucils Satiren lesen, uns verwehren,
zu untersuchen, ob die Schuld an ihm,
ob an der Ungeschmeidigkeit der Sachen liege,
wenn seine Verse nicht polierter sind,
nicht sanfter fließen, als man es von einem
erwartet, der, zufrieden etwas in sechs Füße
hineinzuzwingen, mit Behaglichkeit
inventore minor; neque ego illi detrahere ausim
haerentem capiti multa cum laude coronam.
<50> At dixi fluere hunc lutulentum, saepe ferentem
plura quidem tollenda relinquendis: age, quaeso,
tu nihil in magno doctus reprendis Homero?
Nil comis tragici mutat Lucilius Acti?
Non ridet versus Enni gravitate minores,
<55> cum de se loquitur non ut maiore reprensis?
Quid vetat et nosmet Lucili scripta legentes
quaerere, num illius, num rerum dura negarit
versiculos natura magis factos et euntes
mollius, ac si quis, pedibus quid claudere senis
zweihundert Verse vor, zweihundert nach
der Tafel fertig macht; – von welcher Art
das, wie ein Gießbach, überströmende Genie
des Tuskischen Poeten warIm Texte: Hetrusci Cassi. Die Frage ist, wer dieser Hetruskische Cassius war, der soviel Verse geschrieben, daß man seinen Leichnam damit verbrennen konnte, ohne anderes Holz dazu zu gebrauchen als die Kisten, worin sie lagen? Diejenigen, die eine mir unerklärbare Freude daran haben, von Horazens Herzen Arges zu denken, können sich nichts anders vorstellen, als daß Cassius Parmensis gemeint sei, von welchem ich hier nicht wiederholen will, was ich im I. T. der Horaz. Briefe S. 103 über den Vers:
scribere quod Cassi Parmensis opuscula vincat

beigebracht habe. Es ist hinlänglich, wenn ich sage, daß dieser Cassius von Parma einer der edelsten Verfechter der sterbenden römischen Freiheit, und ein ehmaliger Kamerad unsers Dichters im Lager des Brutus gewesen war; und daß Horaz selbst in der angezogenen Epistel an Tibull von seinen opusculis mit Achtung spricht. Er kann also schon aus diesem einzigen Grunde nicht gemeint sein; zumal, da er nur opuscula geschrieben hatte, hier aber die Rede von einem Poeten ist, der ganze Kisten voll Verse ausgeströmt hatte. Daß sich sonst nirgends keine Spur von diesem letztern findet, ist seine eigene Schuld; genug daß Horaz, damit man ihn nicht etwa mit dem von Parma verwechsle, ihn den Hetrurier nennt. Denn daß Parma, die allen Geographen zufolge eine römische Kolonie in Gallia Cispadana war, jemals zu Hetrurien gerechnet worden sei, haben Cruquius und Masson zwar gesagt, aber nicht bewiesen. Lustig ists übrigens, wenn MassonVita Horat., pag. 157. in dieser Stelle keinen Spott sehen kann, und also um so weniger zweifelt, daß Cassius von Parma gemeint sei.

, von dem
die Sage ging, er sei mit lauter Kisten
voll seiner eignen Schriften eingeäschert worden.
Ich wiederhol' es, mag doch, wenn ihr wollt,
Lucil voll Anmut und Urbanität, und mehr
gefeilt gewesen sein als jener, der
in diesem von den Griechen unberührten Fache
den ersten rohesten Versuch gemachtVermutlich ist hier der alte Dichter Ennius gemeint. Wie übrigens, nachdem Horaz, der mit der griechischen Literatur sehr bekannt war, die Satire so ausdrücklich zu einer römischen Erfindung macht und Graecis intactum carmen nennt, und hierin von einem beider Sprachen so kundigen Kunstrichter als Quintilian war, unterstützt wirdS. Flögels Geschichte der komischen Litteratur, 2. Band S. 12. u. f. Hr. Fl. hat diese Materie mit so vieler Sachkenntnis, als davon zu haben ist, aus einander gesetzt, und gegen die Behauptung des H. und Q. mit vieler Bescheidenheit Zweifel vorgetragen, die (wie mich deucht) bloß deswegen nicht aufzulösen sind, weil keine griechischen Gedichte mehr vorhanden sind, die mit den Lucilischen, Horazischen oder Juvenalischen Satiren verglichen werden könnten., ein moderner Grammatiker sich einfallen lassen konnte, das Gegenteil zu behaupten, würde kaum begreiflich sein, wenn es nicht Jul. Cäs. Scaliger wäre. Jene konnten mit voller Kenntnis der Sache sprechen, denn sie hatten noch alle Produkte der griechischen Literatur vor sich. Wir sprechen vom Margites des Homer, von den sogenannten Sillen des Xenophanes und Timon, die wir nicht mehr haben, und also mit den Satiren der Römer nicht vergleichen können, und wollen gleichwohl mehr von der Sache wissen als Horaz und Quintilian!,
und als der ältern Dichter ganzer Troß:
er würde dennoch, falls das Schicksal ihn
für unsre Zeiten aufgesparet hätte,
sich selbst viel abgewischt, was hinter dem
Vollendeten sich nachschleppt, weggeschnitten,
und über'm BildenIn versu faciendo. Facere heißt dem Horaz hier nicht bloß machen, sondern mit Kunst und Fleiß machen, ausarbeiten, bilden, ausfeilen, vollenden; daher auch oben die Redensart versiculos magis factos. seiner Verse oft
im Kopfe sich gekratzt, sich oft die Nägel
zerbissen haben. Du, der schreiben will
was uns zum Wiederlesen reizen soll,
ausstreichen mußt du lernen, und, mit wenig Lesern
<60> hoc tantum contentus, amet scripsisse ducentos
ante cibum versus, totidem cenatus; Hetrusci
quale fuit Cassi rapido ferventius amni
ingenium, capsis quem fama est esse librisque
ambustum propriis. Fuerit Lucilius, inquam,
<65> comis et urbanus, fuerit limatior idem
quam rudis et Graecis intacti carminis auctor,
quamque poetarum seniorum turba: sed ille,
si foret hoc nostrum fato dilatus in aevum,
detereret sibi multa, recideret omne quod ultra
<70> perfectum traheretur, et in versu faciendo
saepe caput scaberet, vivos et roderet ungues.
Saepe stilum vertas, iterum quae digna legi sint
zufrieden, nicht der Menge zu Gefallen schreiben!
Wie? Schwachkopf! wolltest du in Winkelschulen
den Knaben lieber dich diktieren lassen?
Ich nicht! Mir ists genug, wenn nur die Ritter
mir klatschen, sprach, vom Volke ausgezischt, die stolze
ArbusculaEine Pantomimen-Tänzerin, deren Blüte in die letzten Jahre des siebenten Jahrhunderts der Stadt Rom fiel, als sie noch in den Spielen, die der große Pompejus dem Volke gab, auftrat, und Cicero an seinen Atticus von ihr schrieb: quaeris de Arbuscula? valde placuit.. Wie? sollte mich Pantil,
die Wanze, ärgern? Quälen sollt' ich mich,
daß ein Demetrius hinterrücks mir in
den Rock beißt? Oder daß ein Fannius,
der abgeschmackte Tischfreund des Hermogenes
Tigellius
In diesen vier Versen finden wir, wie ich glaube, die Häupter der Kabale beisammen, gegen welche eigentlich diese Satire gerichtet ist, wiewohl Horaz nicht für gut fand, ihr durch ein solches Geständnis eine Art von Wichtigkeit zu geben. Von Fannius war in der vierten schon die Rede; wahrscheinlich hatte er das beatus Fannius ultro delatis capsis et imagine übel aufgenommen, und sich durch eine unartige Rache das ineptus, womit er hier beschenkt wird, zugezogen. Demetrius, ohne Zweifel der nämliche, den er oben einen Affen des Calvus und Catulls nannte, ist von einigen zur Ungebühr mit dem viel spätern Schauspieler dieses Namens, dessen Talent Quintilian am Schlusse seines eilften Buches rühmt, verwechselt worden. Mir scheint er einer von den halblateinischen Graeculis gewesen zu sein, deren sich damals so viele zu Rom aufhielten, Privatlehrer der schönen Wissenschaften abgaben, und große Ansprüche an Geschmack und Bel-esprit machten. Pantil, die Wanze, muß ein sehr schlechter Mensch gewesen sein, da ihn Horaz als einen solchen behandelt; allem Ansehen nach seiner Profession ein Scurra und Schmarotzer des Tigellius, der die Seele dieses Clubs von anmaßlichen Virtuosen, Kunstrichtern und Versemännern war. Meine oben bei der vierten Satire geäußerte Meinung, daß man genötigt sei, zwei Tigellen anzunehmen: einen ältern, nämlich den Sänger Tigellius, der soviel bei Julius Cäsar galt, und welchem Horaz in der 2ten und 3ten Satire als einem seit kurzem Verstorbenen eine so feine Parentation hält; und einen jüngern, vermutlich einen natürlichen oder adoptierten Erben des erstern, der, mit weniger Talent und Glück, die Rolle seines Vorfahrens nach Möglichkeit fortzuspielen suchte, und, wie er (nur in einem kleinern Kreise), den Virtuosen und Protektor der schönen Künste und Wissenschaften machte, – scheint durch diese Stelle und das Kompliment am Schlusse dieses Stückes: Demetri, teque Tigelli etc. einen hohen Grad von Gewißheit zu erhalten. Denn daß diese zehnte Satire auch der Zeit nach die letzte, und eine ziemliche Weile nach der zweiten und dritten geschrieben worden sei, ist keinem Zweifel unterworfen., nicht günstig von mir spricht?
O möge, was ich schreibe, nur ein Plotius,
und Varius, Mäcenas, und Virgil,
und Valgius, Octav, und mein geliebter Fuscus
und beide Visci beifallswürdig finden!
Noch kann ich, ohne mir zuviel zu schmeicheln,
dich, Pollio, und dich mit deinem Bruder,
Messala, nennen; und euch, Servius
und Bibulus, und bied'rer Furnus, dich,
scripturus, neque te ut miretur turba labores,
contentus paucis lectoribus. An tua demens
<75> vilibus in ludis dictari carmina malis?
Non ego! Nam satis est equitem mihi plaudere, ut audax,
contemptis aliis, explosa Arbuscula dixit.
Men' moveat cimex Pantilius, aut crucier, quod
vellicet absentem Demetrius? aut quod ineptus
<80> Fannius Hermogenis laedat conviva Tigelli?
Plotius et Varius, Maecenas, Virgiliusque,
Valgius, et probet haec Octavius, optimus atque
Fuscus, et haec utinam Viscorum laudet uterque!
Ambitione relegata te dicere possum,
<85> Pollio, te, Messala, tuo cum fratre, simulque
vos, Bibule et Servi, simul his te, candide Furni;
nebst manchen andern Männern von Geschmack
und meinen Freunden, deren stillen Beifall
ich meinen Kleinigkeiten wünschen möchteDie meisten, welche Horaz hier mit einer sehr feinen Wendung als seine Freunde und Gönner bekannt macht, sind es unsern Lesern bereits ohnehin, oder aus andern Stellen dieser Satiren; und die übrigen würden uns durch das wenige, was man noch von ihnen weiß, nicht interessanter werden, da sie doch nur bloß als Freunde unsers Dichters etwas bei uns gelten können. Was den Octavius betrifft, unter welchem einige den jungen Cäsar haben verstehen wollen, so habe ich (alle Gründe Bentleys wohl überlegt) meine ehmals in der Einleitung zu Horazens Epistel an August geäußerte Meinung aufgegeben, und stimme denen bei, welche lieber einen nicht so vornehmen Octavius (z. B. den, an welchen das Epigramm in den Catalectis: Quis deus, Octavi, te nobis abstulit? gerichtet ist) gemeint wissen wollen. Der Erbe Cäsars, der sich um diese Zeit mit Antonius in das römische Reich geteilt hatte, hieß schon lange nicht mehr Octavius, sondern Cäsar, bis er im J. 727 den erhabenen Beinamen Augustus erhielt; und nichts hätte wohl der Bescheidenheit und Klugheit unsers Dichters widersprechender sein können, als den Mann, der damals die erste Person in der Welt vorstellte, unter dern Namen Octavius zwischen seine guten Freunde, Virgilius, Valgius und Fuscus Aristius zu stellen. Hingegen verdient bemerkt zu werden, daß der Dichter in dieser Aufzählung derjenigen, denen er zu gefallen wünsche, zuerst seine Freunde im engeren Verstande, Mäcenas, Virgil, Varius, Fuscus, u.s.w. nennt, und auf diese erst ambitione relegata seine Gönner, lauter Viros Consulares, Praetorios und Senatorios, einen Messala, Pollio, Servius, Bibulus, u.s.w. folgen läßt. Nicht weniger ist, als etwas das vielleicht eben so sehr an der römischen Etikette als an der Denkart des Mäcenas hing, auffallend: daß dieser letztere, wiewohl er nach Cäsar Octavianus, und neben Vipsanius Agrippa, im Grunde die dritte Person in Rom war, gleichwohl, weil er (nach römischer Art zu reden) immer im Privatstande geblieben war, von Horaz nicht (wie es Wohlstand und Ehrerbietung nach unsern heutigen Begriffen erfodert hätte) zu seinen hohen Freunden und Gönnern, sondern zwischen Varius und Virgil, in eine zwar ehrenvolle Gesellschaft vortrefflicher Männer, wovon aber die meisten von geringerer Herkunft waren, gestellt wird, ohne daß der Dichter besorgen mußte, dem Günstling Cäsars und AbkömmlingEin Wort, das, wie Herr Adelung sagt, bei uns nach und nach zu veralten scheinet. Wir wollen es also, soviel an uns ist, nicht dazu kommen lassen; denn wir können es nicht gänzlich entbehren, wiewohl sein Gebrauch im gemeinen Leben selten ist. uralter Hetrurischer Könige dadurch zu mißfallen.;
und schmerzen sollte michs, wenn mich hierin
die Hoffnung täuschte. Was euch Virtuosen,
Demetrius, und dich, Tigellius, betrifft,
mögt ihr doch meinetwegen unter euern
gelehr'gen – Schülerinnen heulen, bis ihr es
genug habtDas Original hat hier einen Doppelsinn im Ausdruck. Plorare vos iubeo kann zwar ganz füglich die Bedeutung haben, die ich in der Übersetzung wählte: es ist aber auch, nach römischem Sprachgebrauch, ungefähr das Äquivalent der Redensart: geht an den Galgen!Discipularum steht, wahrscheinlicher Weise, für Discipulorum, und deutet auf ein Verhältnis dieser Virtuosen zu ihren Schülern, das auch in den Zeiten der größten Sittenverderbnis der Römer nie aufhörte ein sehr häßlicher Vorwurf zu sein.! Knabe, geh und schreibe dies
zu meinem kleinen Buche flugs hinzuDieser Befehl an seinen Schreiber scheint im Grunde doch wohl nichts anders anzuzeigen, als daß diese 10te Satire das, was er libellum suum nennt, nämlich das erste Buch seiner Satiren, voll machen solle; und daß er gesonnen sei, es nun in dieser Gestalt, nämlich als eine von ihm selbst herausgegebene und für die seinige erkannte Sammlung seiner Satiren, die bisher nur in Abschriften herumliefen, öffentlich bekannt zu machen.!
complures alios, doctos ego quos et amicos
prudens praetereo, quibus haec, sint qualiacumque,
arridere velim, doliturus si placeant spe
<90> deterius nostra. Demetri, teque, Tigelli,
discipularum inter iubeo plorare cathedras.
I puer, atque meo citus haec subscribe libello.
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