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Horazens Satiren

Horaz: Horazens Satiren - Kapitel 22
Quellenangabe
typesatire
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Satiren
pages575
created20001125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Jüngst, da ich, wie mein Brauch ist, auf der heiligen StraßeDie heilige Straße hatte diesen Namen vielleicht von der sogenannten Regia, wo der Rex Sacrificulus alle Monat ein feierliches Opfer für die Stadt Rom bringen mußte, und wo der Pontifex Maximus das Collegium Pontificum zusammenzuberufen, oder, nach der heutigen römischen Art zu reden, Konsistorium zu halten pflegte. Sie durchschnitt die vierte Region der Stadt, und führte von der sogenannten Meta sudansEin öffentlicher Springbrunnen in Gestalt eines Obelisk, von dessen Spitze das Wasser nur tropfenweise herabrann, damit das erhitzte Volk, wenn es aus dem Amphitheater kam, sich bequemer und ohne Nachteil der Gesundheit erfrischen konnte., bei dem Koloß, der ihr rechter Hand stund, vorbei zwischen dem Tempel der Venus auf der linken, und dem Tempel des Friedens auf der rechten Hand, durch den Bogen des Fabius (Arcus Fabianus) in den großen römischen Markt. Sie war eine der schönsten und gangbarsten in Rom, wurde aber fleißiger von Pflastertretern und dienstfertigen Schönen als von meditierenden Weisen und Dichtern besucht: Torrentius will daher unter den nugis, worin Horaz vertieft war als er von dem Schwätzer unterbrochen wurde, lieber Galanterien verstehen; nam versus potius (sagt er) quam meretriculas eo loci meditatum fuisse, nullus mihi Grammaticus persuaserit. Der gute Bischof wird hoffentlich mit sich accordieren lassen. Horaz mag doch wohl Verse meditiert haben; aber an einem solchen Orte konnten es freilich keine andere als an irgend eine Lalage oder Cinara sein; und auch in solchen Meditationen läßt man sich nicht gern von einem Gecken stören.
spazieren ging, und irgend eine Kleinigkeit
im Kopf herumtrieb, ganz darin vertieft,
begegnet mir ein Quidam, den ich bloß
von Namen kenne, nimmt mich bei der Hand
und spricht: »Wie gehts, mein Bester?«Diese affektierte Vertraulichkeit von einem Menschen, der Horazen kaum von Namen bekannt war, ist der erste Charakteristische Zug, der diese Art von Gecken bezeichnet, die ihre Selbstgefälligkeit, Behäglichkeit und unbescheidene Art, sich Bessern als sie sind aufzudrängen, für Bonhommie gehalten wissen möchten, und, bei ihrem gänzlichen Mangel an Unterscheidungsgabe, vielleicht selbst dafür halten mögen. Ein solches dulcissime mit einem freundlichen Händedruck setzt den Gecken mit einemmal à son aise; er glaubt Horazen dadurch in die Notwendigkeit gesetzt zu haben, ihm hinwieder freundlich und vertraulich zu begegnen, und verschafft sich selbst den angenehmen Kitzel, sich ungefähr als seinesgleichen zu betrachten. Das bald darauf folgende noris nos, docti sumus, ist ein zweiter Zug dieser Art. Horaz hatte nun doch wohl keinen andern Ausweg, als ihm ein Kompliment darüber zu machen. – »Leidlich gut,
so wie es geht; zu dienen.« – Da ich ihn
zur Seite schlendern sehe, frag' ich: »Willst du
noch weiter was von mir?« – »Du wirst« (erwidert er)
»Mich kennen lernen, ich bin ein
Gelehrter.« – »Desto höher steigt dein Wert
bei mir«, ist meine Antwort. – Unruhvoll
versuch' ich von ihm los zu kommen; laufe
behender, bleibe wieder stehen, flüstre
dem Diener was ins Ohr, indes der Angstschweiß mir
bis auf die Fersen rinnt. »O glücklicher Bollan!
Wer deine Tollheit hätte!«Dieser Bollanus (sagt der Scholiast) war ein Grobian, der den Leuten alles was er von ihnen dachte, geradezu ins Gesicht zu werfen pflegte, wie unhöflich es auch herauskommen mochte. Er hatte also immer ein unfehlbares Mittel bei der Hand, die Beschwerlichen in die Flucht zu treiben: aber weil die römische Urbanität sich mit diesem Bollanischen Idiotismus nicht versöhnen konnte, so passierte Bollan für toll (cerebrosus). Daher braucht Horaz den Ausdruck: o te cerebri felicem, indem er ihn zum Scherze seiner Brutalität wegen glücklich preiset. murml' ich bei mir selbst,
da jener, was ihm vor den Mund kam, plapperte,
    Ibam forte via sacra, sicut meus est mos,
nescio quid meditans nugarum, totus in illis:
occurrit quidam notus mihi nomine tantum,
arreptaque manu, »quid agis, dulcissime rerum?«
<5> »Suaviter ut nunc est«, inquam, »et cupio omnia quae vis.«
Cum assectaretur, »numquid vis?« occupo. At ille,
»noris nos«, inquit, »docti sumus.« Hic ego, »pluris
hoc«, inquam, »mihi eris.« Misere discedere quaerens
ire modo ocius, interdum consistere, in aurem
<10> dicere nescio quid puero; cum sudor ad imos
manaret talos, »o te, Bollane, cerebri
felicem!« aiebam tacitus, cum quidlibet ille
und endlich gar aus Not die Straßen und
die Stadt zu loben anfing. Wie nun keine Antwort
erfolgen wollte, fuhr er fort: »Ich merke
schon lange, daß du für dein Leben gern
entwischen möchtest: aber daraus wird nun nichtsMan muß sich vorstellen, daß diese Impertinenz in der Meinung des Gecken ein Bonmot sein soll.,
ich halte fest. Wohin gedenkst du dann vorerst?«
»Es ist nicht nötig dich so umzutreiben;
ich gehe jemand zu besuchen, den
du schwerlich kennst, er wohnt jenseits der Tiber,
bei Cäsars Gärten.«Horaz glaubte durch diese Notlüge sich unfehlbar gerettet zu haben, denn die Gärten, welche Julius Cäsar dem römischen Volke vermacht hatte, lagen wohl eine Stunde weit von dem Tempel des Friedens entfernt: Aber der Schwätzer hatte seine Antwort schon fertig; er hatte nichts zu tun, und war nicht träg. – »Schön! Ich habe nichts zu tun,
und träge bin ich auch nicht; ich begleite dich.«
Wer wie ein übellaunig Müllertierchen,
dem ein zu schwerer Sack den Rücken drückt,
die Ohren sinken ließ, war ich. – »Ich müßte nur«
(fing jener wieder an), »mich selbst nicht kennen, oder
ich bin dein Mann so gut als Varius und ViscusEs waren zwei Gebrüder Visci, Senatorischen Standes, und Söhne eines beim August viel geltenden römischen Ritters, Vibius Viscus, die sich beide durch literarische Talente Ehre machten. Horaz nennt sie in der 10ten Satire unter denen, deren Beifall ihm schmeichelhaft sein würde. Aus gegenwärtiger Stelle läßt sich vermuten, daß er damals mit einem von beiden besonders wohl gestanden..
Denn wer macht schneller Verse und in größrer Menge
als ich? Wer tanzt mit mehr Geschmeidigkeit?
Und eine Lunge hab' ich dir zum Singen,
die ein Hermogenes beneiden möchte!«Der Sänger Hermogenes Tigellius, mit welchem uns Horaz in der zweiten und dritten Satire bekannt gemacht hat, lebte nicht mehr, als diese Satire geschrieben wurde. Vermutlich steht sein Name hier bloß für jeden großen Virtuosen im Gesange.
Hier fand ich endlich Raum, ihm beizukommen.
garriret, vicos, urbem laudaret. Ut illi
nil respondebam, »misere cupis«, inquit, »abire;
<15> iamdudum video, sed nil agis, usque tenebo,
persequar. Hinc quo nunc iter est tibi?« – »Nil opus est te
circumagi, quendam volo visere non tibi notum;
trans Tiberim longe cubat is, prope Caesaris hortos.«
»Nil habeo quid agam et non sum piger, usque sequar te.«
<20> Demitto auriculas ut iniquae mentis asellus,
cum gravius dorso subiit onus. Incipit ille:
»Si bene me novi, non Viscum pluris amicum,
non Varium facies: nam quis me scribere plures
aut citius possit versus? Quis membra movere
<25> mollius? Invideat quod et Hermogenes ego canto.«
»Ist deine Mutter noch am Leben? Hast
du Anverwandte, denen viel an dir
gelegen ist?« – »Nicht eine Seele mehr!
Hab' alle beigesetzt!«Die Ausleger nehmen diese Antwort des Schwätzers so, als ob er dem Horaz damit einen Wink habe geben wollen, daß seine Freundschaft um so weniger zu verachten sei, weil er keine Anverwandten mehr habe, und ihn also allenfalls zu seinem Erben einsetzen könne. Mir scheint diese Auslegung nicht zur Sache zu passen. Der Schwätzer war, allen Umständen nach, kein Mensch, der an sein Testament denkt. Wer sich durch seine Stimme, seine Grazie im Tanzen, kurz durch angenehme Talente zu empfehlen sucht, ist wahrscheinlich noch in seinen besten Jahren. Dieser Umstand scheint aus seinem ganzen Betragen hervor; und überdies ist nicht sehr zu vermuten, daß er die Prätension gehabt habe, von Horaz für reich angesehen zu werden; er, der sichs deutlich genug merken ließ, daß er erst durch ihn sein Glück zu machen wünsche. Mir scheint es daher viel wahrscheinlicher, daß er durch diese Antwort alle besorgliche weitere Erkundigung oder Erklärung über seine Familie habe ausweichen wollen. Nebenher gab er auch damit zu verstehen, daß ein Mensch wie er, der an nichts hange, und in keinen häuslichen Verhältnissen stehe, desto freier mit sich selbst schalten, und sich seinen Gönnern und Freunden desto völliger widmen könne. – »Die Glücklichen! nun ist
an mir die Reihe! Nur geschwinde! Laß
mich nicht zu lange leiden! Denn das Los
geht in Erfüllung, das die alte Marsische
Wahrsagerin für mich in meiner Kindheit
aus ihrem Topfe zogIm Text: Sabella; weil aber die Marsen mit zu den Sabinern gerechnet wurden, und unser Autor in der 5ten und 17ten Epode Marsas voces und Marsas naenias für Zauber-Formeln und Zauber-Lieder gebraucht: so konnte ich ohne Bedenken Marsische für Sabinische setzen, da sich das letztere nicht ins Metrum bringen lassen wollte. Die Sabiner und Marsen gaben sich von Alters her viel mit abergläubischen Künsten ab. Eine derselben war die Wahrsagerei per sortes, d. i. durch Zettel, mit nonsensikalischen Versen beschrieben, die eine alte weise Frau mit gewissen Zeremonien in einen Topf warf, rüttelte, und dann aus dem Zettel, den sie heraus zog, das Schicksal desjenigen, dem es gelten sollte, vorhersagte. Daß Horaz diese vorgebliche Prophezeiung bloß zum Scherz erfunden habe, versteht sich von selbst.. Den Knaben, sprach sie, rafft
nicht Feindes Schwert, nicht Gift noch Seitenstich,
nicht Schwindsucht weg, noch träges Zipperlein;
ein Schwätzer wird dereinst den Rest ihm geben;
vor Schwätzern, wenn er klug ist, hüt' er sich,
sobald er in die Jünglingsjahre tritt!«
 
Wir hatten VestaDen Tempel der Vesta, nicht weit vom großen Markte. nun erreicht; ein Viertel
vom Tage war verflossen, und es fügte sich,
daß mein Gefährt' in Bürgschaftssachen gleich
vor Amt erscheinen sollte, oder den Prozeß
verloren hatte. »Willst du«, sprach er, »nicht
Interpellandi locus hic erat: »Est tibi mater,
cognati, queis te salvo est opus?« – »Haud mihi quisquam,
omnes composui.« – »Felices! Nunc ego resto.
Confice! Namque instat fatum mihi triste, Sabella
<30> quod puero cecinit divina mota anus urna:
›Hunc neque dira venena, nec hosticus auferet ensis,
nec laterum dolor aut tussis, nec tarda podagra:
Garrulus hunc quando consumet cumque; loquaces,
si sapiat, vitet, simulatque adoleverit aetas‹«
<35> Ventum erat ad Vestae, quarta iam parte diei
praeterita; et, casu, tunc respondere vadato
debebat, quod ni fecisset, perdere litem.
zur Freundschaft mit mir gehn und Beistand sein?
Es ist in einem Augenblick vorbei.«
»Ich bin des Todes wenn ich stehen kann,
noch mich aufs bürgerliche Recht verstehe!
Zudem so eil' ich über Hals und Kopf
wohin du weißt.« – »Was soll ich tun?« spricht jener,
»dich fahren lassen, oder den Prozeß?« – »O, mich,
ich bitte sehr!« – »Nein«, spricht er, »in der Tat,
ich tu' es nicht«, – und geht voran. Ich armer
ergebe (weil mit einem Stärkern nicht
zu hadern ist) mich in Geduld, und folge.
 
»Wie steht Mäcen mit dir?« beginnt er wiederEndlich kommt der Schwätzer, nach allerlei Umschweifen, wodurch er die wahre Absicht seiner Zudringlichkeit zu verbergen gesucht hatte, auf den Punkt, wo es ihn drückte. Er glaubte nämlich, ein Mensch wie er brauche nur einen Kanal, eine gute Empfehlung, um bei dem großen Gönner aller Talente, Mäcenas, sein Glück eben so gut zu machen, als andere. Hätte doch Horaz das seinige ebenfalls der Empfehlung eines Virgils und Varius zu danken? Mußte es ihm nicht schmeicheln, nun selbst der Mann zu sein, der wieder andere empfehlen konnte?. –
»Er ist nun just kein Mann für einen jeden,
ein sehr gesunder Kopf; noch niemand wußte
ein großes Glück so gut wie er zu tragen.«
»Du solltest einen tücht'gen Nebenmann
zur zweiten Rolle bei ihm haben, wenn
du meine Wenigkeit empfehlen wolltest.
Mich soll das Wetter! wenn du nicht in kurzem
die andern alle ausgestochen hättest!«Bei der Rasse von Gecken, zu welcher dieser Schwätzer gehörte, ist das Herz gewöhnlich so schlecht als der Kopf. Er glaubt seine Sachen recht listig angegangen, und Horazen einen unwiderstehlichen Beweggrund, ihn in das Mäcenatische Haus zu bringen, in den Busen geschoben zu haben, indem er ihm Hoffnung macht, daß er mit seinem Beistand gar bald alle übrigen, mit denen er jetzt die Gunst dieses Großen Herrn teilen müsse, aus dem Wege geräumt haben würde. Aber ohne es zu wissen noch zu wollen, verrät er ihm die ganze Verächtlichkeit seines Charakters, indem er, vermöge eines notwendigen Gesetzes der Natur, sich einbildet, Horaz und Mäcenas könnten nicht anders gesinnet sein, als er selbst an ihrem Platze sein würde; und also bei jenem eben die niedrige Denkart, Eitelkeit, Eifersucht und Neigung zu Ränken und Intriguen, und bei diesem eben die Schwäche voraussetzt, die ihm selbst als einem wertlosen und selbstischen Gecken natürlich waren.
»Da irrst du dich; wir leben nicht auf solchen Fuß
»Si me amas«, inquit, »paulum hic ades.« – »Inteream, si
aut valeo stare, aut novi civilia iura!
<40> et propero quo scis.« – »Dubius sum quid faciam,« inquit,
»tene relinquam an rem.« – »Me, sodes!« – »Non faciam«, ille
et praecedere coepit. Ego, ut contendere durum est
cum victore, sequor. – »Maecenas quomodo tecum?«
hinc repetit. – »Paucorum hominum et mentis bene sanae;
<45> nemo dexterius fortuna est usus.« – »Haberes
magnum adiutorem, posset qui ferre secundas,
hunc hominem velles si tradere; dispeream, nicht
summosses omnes.« – »Non isto vivimus illic
in diesem Hause; keines in der Stadt
ist reiner von dergleichen Unrat. Nie gereicht
es mir zum Nachteil, daß ein andrer reicher oder
gelehrter ist als ich; ein jeder steht
auf seinem eignen Platze.« – »Was du sagst!
Es ist kaum glaublich!« – »Und doch ist es so
»Du machst mich desto ungeduldiger
recht nah an ihn zu kommen.«Wieder zwei der treffendsten Charakterzüge des Schwätzers – erst, das Erstaunen über das, was ihm Horaz von der Art wie man in Mäcens Hause lebe, sagt: ein Erstaunen, worin er unfreiwilliger Weise aufrichtig ist, weil ein Mensch seines Schlages sich wirklich keinen Begriff von edeln Menschen machen kann – und dann die Geschmeidigkeit, womit er auf der Stelle von der erhaltnen Zurechtweisung Gebrauch macht, um sich das Ansehen zu geben, als ob die in Mäcens Hause herrschende Denkart gerade die seinige, und er also nur desto ungeduldiger sei, einem solchen Manne recht nahe zu kommen. Nichts kann angenehmer sein, als der Kontrast, der daraus entsteht, wenn zwei Personen wie Horaz und der Schwätzer eine kleine dramatische Szene zusammen spielen; wo dieser jenen immer zu betrügen glaubt, weil er ihn gerne betrügen möchte; und, eben darum weil er selbst ein Dummkopf ist, dem andern Einfalt genug zutraut, daß er die groben Schlingen, die er ihm legt, nicht sehen werde; jener hingegen, da er doch nun einmal den beschwerlichen Menschen auf dem Nacken haben muß, sich wenigstens so gut als möglich an seinem geckenhaften Selbstvertrauen belustigt, und ihm durch ironische Komplimente immer mehr Gelegenheit gibt, seine Ohren und Krallen weiter hervorzustrecken, indem er sich recht zu seinem Vorteile zu produzieren glaubt. »O! du darfst
nur wollen; ein Talent wie deines wird
unfehlbar ihn erobern, und er ist ein Mann
der sich erobern läßt, doch just deswegen
hälts mit dem ersten Zutritt etwas schwer.«
»Was das betrifft, da soll's an mir nicht fehlen;
ich weiß die Schliche; will den Pförtner und
die Kammerdiener schon auf meine Seite kriegen;
nicht, wenn ich abgewiesen werde, gleich
den Mut verlieren; die gelegnen Zeiten
belauren; will in allen Straßen ihm
entgegen kommen, ihn nach Haus begleiten!
Den Sterblichen wird ohne große Mühe
nichts in der Welt zu Teil.« – Indem der Kerl
so schnattert, siehe, da begegnet uns
quo tu rere modo; domus hac nec purior ulla est,
<50> nec magis his aliena malis: nil mi officit umquam
ditior hic aut est quia doctior; est locus uni-
cuique suus.« – »Magnum narras, vix credibile.« – »Atqui
sic habet.« – »Accendis, quare cupiam magis illi
proximus esse.« – »Velis tantummodo, quae tua virtus,
<55> expugnabis, et est qui vinci possit; eoque
difficiles aditus primos habet.« – »Haud mihi dero;
muneribus servos corrumpam; non, hodie si
exclusus fuero, desistam; tempora quaeram;
occurram in triviis, deducam. Nil sine magno
<60> vita labore dedit mortalibus.« – Haec dum agit, ecce
Fuscus AristiusEben der, an welchen die 22ste des 1sten Buchs der Oden und die 10te Epistel gerichtet ist. S. Horazens Briefe, I. Teil. S. 179 u. f., der liebsten einer
von meinen Freunden, und der jenen trefflich kannte.
Wir bleiben stehn. Woher? wohin? ist beiderseits
die erste Frag' und Antwort. Ich beginne
den Mann zu zupfen, zieh' ihn was ich kann
beim boshaft zähen Arme, wink' und drehe mir
beinah die Augen aus dem Kopfe, daß er mich
erlösen soll. Umsonst, der lose Vogel lächelt
und tut als merk' er nichts. Mich fängt die Galle
zu brennen an – »Du hattest ja ich weiß nicht was
Geheimes mir zu sagen?« – »Ich erinnre michs
ganz wohl, es soll ein andermal geschehn;
heut geht's nicht an; es ist – ein Neumonds-SabbatWenn ich nicht sehr irre, so behilft sich Aristius mit dieser Ausflucht bloß deswegen, weil ihm in der Eile keine bessere einfiel; und Horaz scheint diesen Umstand weniger, um der Juden zu spotten, erdichtet zu haben, als um der komischen Wirkung willen, die daraus entsteht, daß er von einem seiner besten Freunde, in der Not worin er sich befand, um einer so frivolen und von jenem noch dazu aus bloßer Schelmerei vorgegebenen Ursache willen, stecken gelassen wird. Über die Bedeutung der Worte, hodie tricesima Sabbata, haben sich die Ausleger viel Mühe gemacht. Ich bin der Meinung beigetreten, welche mir die wahrscheinlichste schien; und mich deucht übrigens, Horaz habe hier die Worte gewählt, die in sein Metrum paßten, ohne eben an eine sehr genaue Kenntnis des jüdischen Fest-Kalenders Anspruch zu machen. Die Anmerkung, welche Doktor Baxter bei dieser Stelle macht, ist um so merkwürdiger, weil man denken sollte, er habe sie einem Kapuziner gestohlen. Quis miretur (sagt er) ejusmodi convicia homini Epicureo atque Pagano excidisse? Jure igitur Henrico Glareano Diaboli Organum videtur. Friede sei mit den armen Seelen Henrici Glareani und Richardi Baxteri, um dieses Eifers willen, womit sie die beschnittnen Juden an dem Epikurer und Heiden Horaz gerochen haben!;
du wirst doch, um das bißchen Haut zu wenig,
die guten Juden nicht so schmählich halten
und ihren Sabbat schänden wollen?« – »O darüber
mach' ich mir keinen Skrupel!« – »Aber ich!
In solchen Dingen bin ich etwas schwach,
vom großen Haufen einer; um Verzeihung!
ein andermal!« – Damit entwischt der Schalk,
und läßt mich unterm Messer. – Daß die Sonne heute
Fuscus Aristius occurrit, mihi carus et illum
qui pulchre nosset. Consistimus. Unde venis? et
quo tendis? rogat, et respondet. Vellere coepi
et prensare manu lentissima bracchia, nutans,
<65> distorquens oculos, ut me eriperet: male salsus
ridens dissimulare; meum iecur urere bilis.
»Certe nescio quid secreto velle loqui te
aiebas mecum?« »Memini bene; sed meliori
tempore dicam; hodie tricesima sabbata: vin tu
<70> curtis Iudaeis oppedere?« »Nulla mihi«, inquam,
»relligio est.« »At mi! sum paulo infirmior, unus
multorum; ignosces, alias loquar.« Hunccine solem
so schwarz mir aufgegangen sein soll! Doch, zum Glück,
begegnet meinem Mann sein Widerpart.
»Wohin, du Schurke«, schreit er laut ihn an,
und gleich an mich sich wendend: »Darf ich dich
zum Zeugen nehmen?« – Denkt wie hurtig ich
das Ohr ihm hinbotEs war ein alter römischer Gebrauch, daß man denjenigen, den man zum Zeugen einer Tatsache auffordern wollte, beim Ohre faßte und die Worte dazu sagte: memento, quod tu in illa causa testis eris; und dies hieß antestari – sagt ein alter Scholiast, vergißt aber hinzuzusetzen: daß man einen solchen Zeugen nötig hatte, wenn man jemand via facti anpacken und vor Gericht schleppen wollte; weil dies sonst eine widergesetzliche Gewalttätigkeit gewesen wäre, und den Angegriffenen zu einer Injurienklage berechtigst hätte.! Kurz, er schleppt ihn vor Gericht;
auf beiden Teilen viel Geschrei, von allen Seiten
Zusammenlauf. – So rettete Apollo michEine Anspielung auf das Homerische:
– τὸν δ' εξήρπαξεν ’Απόλλων.                
Iliad. XX. 443.

oder (wie Cruquius meint) auf die Bildsäule des Apollo, die im Foro Augusti stand; und warum nicht auf beides?

.
tam nigrum surrexe mihi! Fugit improbus ac me
sub cultro linquit. Casu venit obvius illi
<75> adversarius, et »quo tu, turpissime?« magna
inclamat voce, et »licet antestari?« Ego vero
oppono auriculam. Rapit in ius; clamor utrimque,
undique concursus. Sic me servavit Apollo!
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