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Horazens Satiren

Horaz: Horazens Satiren - Kapitel 19
Quellenangabe
typesatire
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Satiren
pages575
created20001125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achte Satire

Einleitung

Es finden sich in Horazens Werken drei Stücke, worin einer gewissen Canidia auf eine unbarmherzige Art mitgespielt wird; die gegenwärtige Satire, und die fünfte und siebzehnte der Epoden. Sie wird darin, besonders in der letztern, als eine Kreatur abgeschildert, die, nachdem sie in ihrer Jugend die schändliche Profession einer Priesterin der Venus Volgivaga getriebenAmata nautis multum et institoribus, die Geliebte aller Schiffer und Landkrämer, einer Art von Leuten, die pressiert waren und gut bezahlten. cf. Od. III. 6. v. 29. seq., sich endlich genötiget gesehen, magische Künste zu brauchen, um ihren verkümmerten Reizungen noch Abnehmer zu verschaffen. Es mag sein, daß sie mit ihrem wahren Namen Gratidia geheißen, und eine Neapolitanische Unguentaria (Salbenkrämerin oder parfumeuse) gewesen; aber wo die Scholiasten hergenommen haben, daß sie eine Geliebte unsers Dichters, ja sogar die nämliche Person gewesen sei, an welche die Palinodie ad Amicam (die 16te Ode des ersten Buches) gerichtet ist, kann ich eben so wenig erraten, als wie dieses grundlose und in allen seinen Umständen übel zusammenhängende Vorgeben auch bei einigen neuern Kommentatoren Eingang finden konnte. Horaz hatte eine schöne Ungenannte durch satirische Jamben beleidiget; dies bekennt er selbst: aber in der ganzen Palinodie zeigt sich nicht die geringste Spur, die auf die Vermutung leiten könnte, daß diese Jamben die beiden Epoden in Canidiam gewesen seien. Wir bedürfen aber, um klar genug in diesem sonderbaren Handel zwischen Canidia und unserm Dichter zu sehen, keines andern Lichtes, als das er uns selbst angezündet hat. Wieviel man auch von den bittern Sarkasmen und von den schrecklichen Beschuldigungen, womit er diese Person überschüttet, teils auf die Rache eines beleidigten Dichters der so leicht zu reizen war, (irasci celeris, Epist. 20. 25. ) teils auf die Gerüchte und Anekdoten, die von Canidien als einer gewaltigen Hexe unter dem Volke herumgehen mochten, teils auch auf die Laune und Imagination des Dichters, der sich bei dieser Gelegenheit über die Magie überhaupt lustig machen wollte, rechnen will: so bleiben doch immer einige Data, die wir mit Grunde als wahr annehmen können, übrig, welche die erste Veranlassung zu dem Unwillen unsers Dichters über Canidien gegeben, und ohne welche nicht begreiflich wäre, wie er dazu hätte kommen können, seinen Witz mit einem so kaltblütig grausamen Mutwillen an einer Kreatur von diesem Schlage auszulassen. Aus Vergleichung und Zusammensetzung aller dieser Umstände glaube ich durch folgende Vorstellung der Wahrheit am nächsten zu kommen.

Canidia hatte in ihrer Jugend zu eben der Klasse gehört, zu welcher die schöne Lydia, Pyrrha, Leukonoe, Glycera, Cinara, Barine, Licymnia, Lyce, Neobule, Inachia, Neära, und wer weiß wie viele andere gehörten, die unser Dichter in seinen blühenden Jahren geliebt und besungen hat: aber ihr Frühling war schon lange vorbei, als sie ihn kennen lernte, und sie warf ihr Netz vergebens nach dem Günstling der Grazien aus, der (wie es scheint) die Gabe hatte, den Liebenswürdigsten zu gefallen, und dem die saeva mater Cupidinum selten grausam war. Da sie endlich die Unzulänglichkeit ihrer Reizungen fühlen mußte, so nahm sie ihre Zuflucht zu Zaubermitteln. Die Bewohner von Italien waren von jeher, wie die Griechen, äußerst abergläubisch, und es herrschte unter dem gemeinen Volk, oder vielmehr unter allen, deren Begriffe nicht durch Philosophie gereinigt waren, ein angeerbter Wahn, daß es Künste gebe, mit Hülfe der unterirdischen Gottheiten, und durch besondere magische Prozesse, Formeln, Talismane, und andere Zaubermittel eine Menge von Wunderdingen zu wirken, als z. B. die Seelen der Verstorbenen hervorzurufen, um das Zukünftige von ihnen zu erforschen; sich selbst und andere in allerlei Tiergestalten zu verwandeln; durch gewisse Zaubertränke und vermittelst anderer Operationen, (welche Virgil in seiner 8ten Ekloga beschreibt) die Leute wider ihren Willen in sich verliebt zu machen, und dergleichen. Unter den Griechen waren besonders die Thessalier, und unter den Italienern die Marsen und SabinerDies erhellet aus verschiedenen Stellen unsers Autors. S. Epod. 5. v. 76; 17. v. 28. u. f. Satir. I. 9. v. 29. 30. dieser magischen Künste wegen berüchtiget; und wie geneigt die ehmaligen Römerinnen gewesen, zu Verstärkung der natürlichen Zauberei ihrer Reize Liebestränke zu Hülfe zu nehmen, ist aus vielen Beispielen bekannt. Was es nun auch für eine Bewandtnis mit den Versuchen haben mochte, welche Canidia angestellt zu haben scheint, den Horaz durch solche Mittel zu ihrer Liebe zu nötigen: soviel ist wenigstens offenbar, daß er dadurch gereizt worden, allen seinen Witz aufzubieten, um sich auf diejenige Art an ihr zu rächen, die einer alternden und verschmähten Buhlerin die empfindlichste sein mußte.

Das gegenwärtige Stück machte den Anfang seiner RacheIch schließe dies aus der Antwort, die er sich in der 17ten Epode von Canidien auf seine ironische Liebeserklärung geben läßt:

Inultus ut tu riseris Cotyttia
vulgata, sacrum liberi Cupidinis?
Et Esquilini pontifex venefici
impune ut urbem nomine impleris meo?

 
Wie? ungerochen hättest die Cotyttischen
Mysterien des freien Amors du
verspottet, und den Ungeweihten preis-
gegeben? Ungestraft, du ungebetner Priester
des Esquilinschen Zauberwerkes
, hättest
mit meinem Namen du die Stadt erfüllt?
. Er dichtet darin, daß der feigenhölzerne Priap, der (nach römischer Gewohnheit) in einer Ecke der neugepflanzten Esquilinischen Gärten aufgestellt worden war, die nächtlichen Zauber-Mysterien, welche Canidia auf dem Campo Esquilino getrieben, als ein unbemerkter Augenzeuge ausgeplaudert habe. – Ein glücklicher Einfall, der ihm Gelegenheit gab, gleichsam mit einem Schlag, über die Gottheit des Priaps, über den lächerlichen Glauben seiner Landesleute an die Magie, und über Canidien sich lustig zu machen.

Es kann nicht wohl anders sein, als daß eine solche Dichtung, wie unanstößig sie auch den Zeitgenossen des Dichters gewesen sein mag, an unsern eklern Begriffen vom Anständigen hier und da anstoßen muß. Der Gott der Gärten war eine bäurische, ungesittete und obszöne Gottheit; Horaz hätte ihn entweder gar nicht sprechen lassen müssen, oder Priap mußte seinem Charakter gemäß, und, so zu sagen, seine individuelle Sprache reden. Dieses Recht an eine Freiheit, die für den Dichter Pflicht war, müssen wir ihm zugestehen, und uns auf einige Augenblicke in die Zeiten, Sitten und Vorstellungsart des damaligen Roms versetzen können, um an dem Witz und der Laune dieses unnachahmlichen Scherzgedichtes das Vergnügen zu finden, welches Mäcenas und die gute Gesellschaft, die sich in den Esquilinischen Gärten versammelte, ohnezweifel daran gefunden haben.

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