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Horazens Satiren

Horaz: Horazens Satiren - Kapitel 17
Quellenangabe
typesatire
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Satiren
pages575
created20001125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebente Satire

Einleitung

Dieses kleine Stück besteht bloß aus einer scherzhaften Erzählung eines Rechtshandels, der zwischen einem gewissen Publius Rupilius Rex, und einem Negozianten von Klazomenä, namens Persius, vor dem berühmten Marcus Brutus, währender Zeit daß er im Namen des Senats Ober-Befehlshaber über die Provinz Asien war, auf eine Art geführt wurde, wodurch beide Parteien sich lächerlich machten, und zu Helden einer kleinen komischen Erzählung im bürlesk-heroischen Tone qualifizierten.

Die Scholiasten, deren Zunft an keinem andern Schriftsteller so oft und so gröblich als an dem unsrigen sich versündiget hat, konnten, wie es scheint, nicht begreifen, wie Horaz sich über einen Rupilius Rex ein wenig habe lustig machen können, ohne persönlich von ihm beleidiget worden zu sein; und träumten oder erdichteten also eine geheime Ursache, die unsern Dichter gereizt haben müßte, den Rupil in der Person eines andern (des Persius nämlich) so strenge zu geißeln.

Ich, meines Ortes, sehe nicht den geringsten Grund, warum Rupilius und sein Gegner nicht gerade solche Leute gewesen sein sollten, wie Horaz sie schildert; hingegen habe ich einen sehr entscheidenden Grund, warum ich seine Abbildungen für wahr und getreu halte; und dieser liegt in Horazens eigenem Charakter, und in dem unvermeidlichen Vorwurf der gröbsten Skurrilität, dem er sich ausgesetzt hätte, wenn er so bekannten Personen einen andern Charakter hätte andichten wollen, als derjenige war, welchen so viele damals noch lebende Personen an ihnen gekannt hatten. Daß Horaz und Rupil (welche, als sich das Süjet dieser komischen Erzählung zutrug, beide Anhänger des großen Brutus und, wie es scheint, unter seinen Comitibus waren) nicht sonderliche Freunde gewesen, ist sehr zu vermuten. Alles was daraus folgt, ist: daß Horaz eine Ursache weniger hatte, Rupils zu schonen. Aber die bloße Absicht, das drollicht-närrische und impertinent-naive Bon-mot des Persius, womit dieses kleine Stück schließt, nicht untergehen zu lassen, scheint mir für einen Schwank (wie es Mstr. Hans Sachs nannte) von 35 Versen ein vollkommen zureichender Entstehungsgrund zu sein. Eine nähere Veranlassung, und die eigentliche Zeit, wann diese Kleinigkeit der Feder unsers Dichters entfallen sein mag, ist nicht zu entdecken. Übrigens bedarf ein verständiger Leser nicht erst belehrt zu werden, wieviel ein scherzhaftes Stück dieser Art in achtzehn Jahrhunderten verlieren muß; zumal bei Lesern, die entweder unvermögend sind, oder es nicht der Mühe wert halten, sich lebendig genug in die Szene und unter die Personen der Handlung hinein zu denken. Ich möchte mit keinem meiner Zeitgenossen hadern, dem mancher Spaß, der in Ciceros oder Horazens Zeiten die Zwerchfelle der urbansten Römer erschütterte, ein wenig frostig vorkäme: indessen dünkt mich doch, wer soviel Einbildungskraft besitzt, sich mit dem gehörigen Gefühl der Majestät des alten römischen Namens in das Prätorium eines Mannes wie Brutus zu versetzen, und sich nun seinem Tribunal gegenüber einen spitznasigen, einbildischen, leichtaufbrausenden, redseligen, auf sein Geld und auf seinen vermeinten Witz trotzigen Gecken von einem Halb-Griechen vorstellen kann, – der in einem Anstoß von unbesonnener halbunsinniger Hitze dem Repräsentanten des römischen Senats und Volkes eine solche Impertinenz ins Gesicht wirft, indem er etwas zugleich sehr Witziges und seinen Gegner gänzlich zu Boden Schlagendes gesagt zu haben glaubt: wer sich, sage ich, dies mit Hülfe unsers Dichters lebendig genug vormalen kann, wird, wie mich deucht, auch die Wirkung eines in seiner Art so einzigen Bon-mot auf die Umstehenden fühlen, und sodann begreiflich finden, daß ein so jovialischer junger Mann, wie Horaz damals war, dieses Bon-mot der wenigen Mühe, die ihm die Versifikation desselben kosten mochte, habe würdig finden können. Denn daß dies leichte Geschöpf einer gutlaunigen Stunde so lange leben, und nach achtzehnhundert Jahren mitten in Thüringen in die Sprache der Cherusker, Catten und Sueven travestiert werden würde: davon mochte sich wohl Horaz, selbst in dem Augenblicke, wo er mit dem Wirbel an die Sterne stießSublimi feriam sidera vertice. Od. 1., wenig träumen lassen.

Ich habe mir zum Gesetz gemacht, meinem Autor auch in der Ausbildung seiner Gedanken so getreu zu bleiben, als die Absicht der Deutlichkeit nur immer zuläßt. Aber in einem Stücke wie dieses mußte ich mir schon mehr Paraphrase erlauben, und die Vergleichung meiner Arbeit mit dem Originale wird hoffentlich meine beste Rechtfertigung sein.

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