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Horazens Satiren

Horaz: Horazens Satiren - Kapitel 15
Quellenangabe
typesatire
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Satiren
pages575
created20001125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechste Satire

Einleitung

Was Horaz an einem andern Orte vom Lucilius sagt, daß sein Buch

    – wie ein Votivgemälde
des guten Alten Leben dargestellt, –

gilt auch von ihm selbst, und besonders von dem gegenwärtigen Stücke, welches als ein beträchtlicher Beitrag zu seiner Biographie betrachtet werden kann. Wenige Schriftsteller haben in ihren Werken soviel von sich selbst gesprochen als Horaz; und es ist vielleicht nichts schwerer, als mit Anstand, auf eine weder langweilige noch anstößige Art, ohne gezierte Bescheidenheit und ohne lächerliche Anmaßung, mit Offenheit, ohne ins Geschwätzige, mit gehöriger Selbstschätzung, ohne ins Ruhmredige zu fallen, sich selbst zum Thema seiner Rede zu machen. Die Aufgabe wird um so viel schwerer, wenn man, in der Lage und in den Verhältnissen unsers Dichters, mit einem Manne wie Mäcenas von sich selbst zu sprechen hat. Auf einem zugleich so schlüpfrigen und häkeligen Wege nie zu glitschen, ist vielleicht das Äußerste der Urbanität und des feinen Gefühls; und gewiß müssen die Grazien dem Manne besonders hold sein, der sich so geschickt und anständig aus einem so gefährlichen Unternehmen zu ziehen weiß, wie Horaz in dieser Satire und in der 7ten und 19ten Epistel an Mäcenas getan hat.

Horaz fing, wie es scheint, um diese Zeit an, die Aufmerksamkeit des Publikums, die Mißgunst der mittelmäßigen Dichter, und überhaupt derjenigen, die sich durch Witz, Geschmack und gefällige Talente den Großen angenehm zu machen suchten, durch die Zuneigung, welche Mäcenas auf ihn geworfen hatte, zu erregen. Unter diesen Leuten waren nicht wenige von weit besserer Herkunft als unser Dichter – denn der Bürgerkrieg, die Proskriptionen, und das letzte Triumvirat hatten in Rom alles so umgekehrt, daß manche, die zu einem ganz andern Glücke und einer ganz andern Laufbahn geboren waren, sich jetzt in den abhänglichsten Umständen befanden, und Wege einschlagen mußten, auf welche sie in den ehmaligen Zeiten mit Verachtung herabgesehen hätten. Vermutlich waren es hauptsächlich Leute dieses Schlages, die unserm Dichter die Niedrigkeit seiner Geburt vorrückten, und ihn dadurch endlich nötigten, sowohl seiner selbst als seines großen Beschützers wegen, sich über diese Materie gegen die Welt, oder die unendliche Menge derjenigen, denen er nicht genauer bekannt sein konnte, zu erklären. Mäcenas bekleidete, ungeachtet seines großen Einflusses und Ansehens, niemals eine öffentliche Staatswürde in der römischen Republik; aber er scheint es gern gehört zu haben, wenn ihm über das hohe Altertum und den ursprünglichen Adel seines Geschlechtes ein Kompliment gemacht wurdeDaher auch das atavis edite regibus in der ersten Ode, welche später als das gegenwärtige Stück geschrieben ist., und begnügte sich, mit einer Bescheidenheit die im Grunde sehr stolz war, lieber der erste unter den gebornen Rittern zu sein, als die Würden, wozu man erwählt wurde, mit allen den Erdensöhnen gemein zu haben, die in diesen Zeiten durch die luftige Volksgunst oder die Gnade der Triumvirn zu Würden emporgestiegen, für welche sie nicht geboren waren. Er hatte also, wenn er auch weniger Philosoph gewesen wäre, eine ihm sehr nahe liegende Ursache, warum er in der Wahl seiner Freunde und Commensalen mehr auf persönliche Eigenschaften als auf den Umstand, quali sit quisque parente, sah. Es kam aber auch noch eine politische Rücksicht hinzu, auf welche er (wie man mit bestem Grund annehmen kann) bei dieser Art zu verfahren sein Augenmerk gerichtet hatte: nämlich, daß es dem von ihm selbst entworfnen großen Plane des jungen Cäsars gemäß war, »daß in der Monarchie, in welche er die Republik unvermerkt verwandeln wollte, alles gleichsam neu würde, und, – um die Ansprüche der übergebliebenen alten Geschlechter niederzuschlagen, und die Kondition der Römer soviel möglich von der Willkür des Imperators abhänglich zu machen, künftig weniger auf Würden und Verdienste der Vorfahren, als auf persönlichen Wert gesehen werden sollte.«

Diesemnach führte Horaz seinen Prozeß vor einem eben so günstigen als kompetenten Richter; und die Wendung, die er dabei nimmt, ist so geschickt, daß er mehr eine Rechtfertigung der Achtung und Zuneigung, womit ihn Mäcenas begünstigte, als eine Apologie für sich selbst zu schreiben scheint.

Wir kennen bereits aus den vorgehenden Satiren die Manier unsers Autors, seinen Stücken den Anschein des natürlichen planlosen Ganges der Gedanken in einer freien Unterhaltung zu geben, und durch lauter Schlangenwege und kleine Abschweifungen im Grunde doch seinem Ziel sich mit jedem Schritte zu nähern. Diese Art des Vortrags kann allen, die über Meinungen, Sitten und Leidenschaften in Form von Satiren, Briefen oder Diskursen philosophieren wollen, nicht genug empfohlen werden; und, da es hiebei nicht so wohl auf Regeln, als auf Formen und Modelle ankommt, die der Verstand auffassen und der Imagination eindrücken muß: so können junge Dichter, die sich in diesem Fache versuchen wollen, in dieser Rücksicht vielleicht kein nützlicheres Studium machen, als die Horazischen Satiren und Episteln fleißig zu analysieren. Was für ein trocknes Schul-Exercitium würde herauskommen, wenn die Lehrsätze, die dieses Stück enthält, in methodischer schlußförmiger Verbindung vorgetragen würden? und was anders als ausgesogene Gemeinplätze ließen sich über eine solche Materie vorbringen? Aber wie neu, wie unterhaltend und interessant wird alles was uns Horaz darüber sagt, indem er alles Allgemeine vereinzelnt, alles in Resultate unmittelbarer Erfahrungen verwandelt, alles mit Beispielen belegt, und den Hauptsatz, den er beweisen will, zu einem individuellen Charakterzug des Mäcenas macht, dessen Rechtfertigung er führt, indem er unvermerkt, mit einer naiven Herzlichkeit, den Charakter seines Vaters und seinen eigenen schildert! Durch diese Behandlung werden abstrakte Wahrheiten anschaulich dargestellt, und gleichsam in historische Personen verwandelt; die Figuren gruppieren sich, bekommen Haltung, natürliche Farbe, Schatten und Licht; und statt einer dürren didaktischen Skizze steht ein lebendiges Sittengemälde vor unsern Augen, das zugleich den Verstand, das Herz und den Geschmack befriedigt.

Der Fall, worin sich unser Dichter in Rücksicht seiner Herkunft und Erziehung befand, war freilich einer von denen, die selten vorkommen. Ein Freigelaßner, der so edel gesinnt ist und seinem Sohn eine so vortreffliche Erziehung gibt wie der alte Horaz, war ein eben so außerordentliches Phänomen, als daß aus dem Sohn eines Freigelaßnen ein Mann wurde, der in seinem 22sten Jahre von einem Marcus Brutus, und im 26sten von einem Mäcenas und Pollio geschätzt und geliebt zu werden verdiente. Horaz hatte seinem Vater unstreitig alles und mehr zu verdanken, als seine meisten Zeitgenossen von edler Geburt den ihrigen; und er hatte also große Ursache, sich eines solchen Vaters nicht zu schämen.

Eben so individuell ist auch der Gebrauch, den er von seiner Muße machte. Seine Gesinnungen und seine Lebensweise stimmten genau zu seiner besondern Lage; und an ihm war vieles löblich, was an tausend andern sehr tadelhaft gewesen wäre. Unser Dichter hatte also, indem er von den Vorzügen desjenigen Adels, den uns Erziehung, sittlicher Charakter, Talente und Verdienste geben, vor dem, der ein bloßes Erbgut ist, und von den Vorteilen einer dunkeln Geburt vor einer glänzenden sprechen wollte, selbst den Vorteil, daß er alles, was er brauchte, um diese Dinge in das schönste Licht zu setzen, gleichsam innerhalb seiner eigenen Pfähle fand, und also (wenn man die Schwierigkeit, mit Anstand und ohne Geckenhaftigkeit von sich selbst zu reden, abrechnet) wenig Kunst zu Verfertigung dieses schönen Sittengemäldes vonnöten hatte. Er brauchte, so zu sagen weniger Dichter zu sein, weil er ein so glücklich geborner und in eine so glückliche Lage gesetzter Mensch war. Diese Bemerkung gilt vielleicht von seinen meisten Werken; aber auch dies mag ein Fingerzeig für die Poeten invita Minerva und die Nachahmer servum pecus sein. Es ist nicht unmöglich, die Manier eines Virgils, Ovids, Lucans, mit gutem Erfolge nachzuahmen: aber um Horazens Manier in seinen Satiren und Episteln zu erhaschen, müßte man ihm beinahe seine Person stehlen können.

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