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Horazens Satiren

Horaz: Horazens Satiren - Kapitel 14
Quellenangabe
typesatire
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Satiren
pages575
created20001125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ich reiste aus der Hauptstadt in Gesellschaft
Heliodors, des RhetorsHoraz ist der einzige, der dieses Heliodorus Meldung tut, und er kann daher kein sehr großer Mann in seiner Art gewesen sein. Das Beiwort Rhetor beweiset, daß er Profession davon gemacht in der Redekunst Unterricht zu geben. Vermutlich gehörte er zu der Cohorte amicorum des Mäcenas; denn es war (wie ich anderswo schon erwähnt habe) den Großen in Rom gewöhnlich, auch griechische Gelehrte unter ihren Höflingen zu haben. Baxter will, man soll Graecorum linguae doctissimus lesen, weil Cruquius und Torrentius in mehreren Handschriften linguae statt longe gefunden haben; und rümpft die Nase mächtig über Bentley, der diese Leseart nicht einmal der Erwähnung wert geachtet. Lingua, meint er, heiße hier soviel als ars oratoria, und er scheint sich auf diese Entdeckung was zugut zu tun. Lingua ist aber wohl eben so wenig jemals für Redekunst gebraucht worden, als pes für Tanzkunst. Linguae würde ein Schreibfehler sein und bleiben, wenn auch alle Handschriften linguae hätten. Graecorum longe doctissimus aber heißt hier nicht, der Gelehrteste unter den Griechen überhaupt, sondern unter den griechischen Rhetoren; und ist übrigens weder mehr noch weniger als ein Kompliment, das Horaz seinem Reisegefährten, im Vorbeigehen, macht; da er seiner doch in diesem Tagebuch erwähnen mußte. Denn diese Graeculi waren ein eitles, windichtes, lobsüchtiges und hämisches Völkchen, und es war einem Neuling im Hofleben und in der Dichtkunst, wie Horaz, um so nötiger mit ihres gleichen in gutem Vernehmen zu stehen, weil sie, im Namen ihrer Nation, große Ansprüche machten, und auf römische Gelehrte, besonders auf Dichter, ungefähr so wie französische Litterateurs auf deutsche, herabsehen., dem in seiner Kunst
kein Grieche leicht den Vorzug nehmen wird.
Aricia war das erste Nachtquartier –
ganz leidlich; Forum Appii das zweite,
ein Nest mit Schiffertroß und Beutelschneidern
von Wirten vollgepfropft. Wir krochen also
zwei Tage (wie ihr seht) an einem Wege,
den rasche Wanderer in einem machen;
ein Vorteil, den die Straße Appia
für Träge hatDie Via Appia, die Königin der römischen Straßen, wurde schon von ihrem Urheber, dem Appius Claudius (Censor und in seinem Alter der Blinde zugenannt) von Rom bis nach Capua, in der Folge aber bis nach Brundusium fortgeführt. Horaz empfiehlt sie den Trägen, welche kurze Tagereisen lieben, vermutlich wegen der vielen Gelegenheiten zum Ausruhen, die man auf derselben fand. Da er selbst einer von den Trägen war, so hatte er aus der gewöhnlichen Tagereise von Rom nach Forum Appii, zwei gemacht, und zu Aricia Nachtlager gehalten. Forum Appii war ein Flecken, wo die Appische Straße sich in den Pomptinischen Sümpfen verlor. Zum Ersatz war ein Kanal von besagtem Flecken bis an den Fuß des Berges, worauf die Stadt Anxur lag, durch diese Sümpfe gegraben, auf welchem die Reisenden in einer Art von Fahrzeugen, vermittelst eines Maultiers fortgezogen wurden. Zu dieser Überfahrt wurde, ohnezweifel um von den Ausdünstungen der Sümpfe und des Kanals weniger zu leiden, allezeit die Nacht angewandt.. Hier sah ich mich gezwungen,
des schlimmen Wassers wegen meinem Magen
die Zufuhr abzuschneiden; während meine Reise-
Gesellschaft, die sich's tapfer schmecken ließ,
die Weile lang mir machte. Schon begann die Nacht
den Erdkreis zu beschatten und mit Sternen
den Himmel zu bestreun, als unsre Diener mit
den Schiffern, beide nicht im feinsten Tone,
sich hören ließen. – »Hieher mit dem Schiffe!« –
    Egressum magna me excepit Aricia Roma
hospitio modico; rhetor comes Heliodorus,
Graecorum longe doctissimus. Inde Forum Appi,
differtum nautis, cauponibus atque malignis.
<5> Hoc iter ignavi divisimus, altius ac nos
praecinctis unum; minus est gravis Appia tardis.
Hic ego, propter aquam, quod erat taeterrima, ventri
indico bellum, cenantes haud animo aequo
expectans comites. Iam nox inducere terris
<10> umbras et caelo diffundere signa parabat,
tum pueri nautis, pueris convicia nautae
ingerere. »Huc appelle!« – »Trecentos inseris! ohe!
»Du stopftest, glaub' ich gar, dreihundert 'reinDies sagt vermutlich ein Bedienter. Der Schiffsmann nahm desto mehr Geld ein, je mehr er Passagiers einnahm; dafür aber ging es desto langsamer, und dies war den Reisenden nicht anständig.!
Halt doch! es ist genug!« Bis jedermann
bezahlt hat und das Maultier angebunden ist,
geht eine ganze Stunde hin.
Die bösen Schnacken und die Frösche im Kanal
verhindern uns am Schlafen; zum Ersatz
läßt uns der Schiffer und der Eseltreiber,
mit schlechtem Weine beide wohlbeträuft,
die Reize ihrer Mädchen in die Wette um
die Ohren gellen. Endlich schläft aus Müdigkeit
der Eseltreiber ein. Der Schiffer bindet
das Zugseil an den nächsten Meilenzeiger, läßt
das Maultier weiden gehn, und legt
sich gleichfalls schnarchend auf den breiten Rücken.
Der Tag war nahe, als wir merkten, daß
der Kahn nicht weiter komme, bis zuletzt
ein Tollkopf aufspringt und mit einem Weidenknittel
dem Maultier und dem Schiffer Kopf und Rücken hobelt.
Mit Mühe langten wir um zehn Uhr bei
Feroniens Tempel anDie Theologie dieser Göttin ist (wie gewöhnlich) ein Gemische von übelzusammenhängenden Traditionen und einander widersprechenden Auslegungen der Gelehrten, die ihre Zeit damit verderbt haben, Licht in das Chaos der alten Göttergeschichte Italiens hineinzubringen. Das Gewisseste ist, daß Feronia eine Göttin oder Nymphe war, welche lange schon vor Erbauung der Stadt Rom von den Lateinern und Sabinern in hohen Ehren gehalten worden war, und daß sie dreitausend Schritte von der Stadt Anxur einen uralten Hain und Tempel hatte, wo die Reisenden, im Vorbeigehen, ihre Andacht zu verrichten pflegten. Torrentius will nichts von der Stadt Feronia wissen, welche Lambinus (vermutlich aus einem bei ihm nicht ungewöhnlichen Gedächtnisfehler) vom Fuße des Berges Soracte im Sabinerlande hieher versetzt hat. Indessen scheinen doch wenigstens einige Wirtshäuser zur Bequemlichkeit der Reisenden hier gewesen zu sein. Wahrscheinlicherweise hat die Quelle, die in dem Haine der Feronia entsprang, der Göttin und ihrem Tempel den Ursprung gegeben; da für die Anwohner dieser sumpfigen und an gutem Wasser großen Mangel leidenden Gegenden eine süße Quelle etwas sehr Kostbares sein mußte, und wohl wert war unter den Schutz einer besondern Nymphe gesetzt zu werden.. Wir stiegen aus,
und wuschen, holde Nymph', in deiner Quelle
iam satis est.« Dum aes exigitur, dum mula ligatur,
tota abit hora. Mali culices ranaeque palustres
<15> avertunt somnos; absentem ut cantat amicam
multa prolutus vappa nauta atque viator
certatim, tandem fessus dormire viator
incipit; ac missae pastum retinacula mulae
nauta piger saxo religat, stertitque supinus.
<20> Iamque dies aderat, cum nil procedere lintrem
sentimus: donec cerebrosus prosilit unus
ac mulae nautaeque caput lumbosque saligno
fuste dolat; quarta vix demum exponimur hora.
uns Haupt und Hände, hielten Mittagsmahl,
und krochen dann drei lange Meilen weiter,
bis AnxurAnxur war der Name einer uralten Stadt der Volscier, die, auf einen hohen Berg gebaut, über die Pomptinischen Sümpfe herabzuhängen schien, und zu Horazens Zeit noch bestand. Nach und nach bauten sich die Einwohner an den Fuß des Berges an, das alte Anxur fiel in Ruinen, und die neue Stadt erhielt den Namen Tarracina., das von seinem weißen Felsen
weit in die Ferne glänzt, erstiegen war.
Hier war es, wo Mäcenas und Coccejus
zusammenkommen sollten, beide wichtiger
Geschäfte halben abgeordnete beide
gewohnt entzweite Freunde zu vergleichenMäcenas und Coccejus hatten, seit dem im Herbste des Jahres 714 durch ihre Vermittlung zwischen dem Triumvir Antonius und dem jungen Cäsar geschlossenen Frieden, sich immer große Mühe gegeben, die Sachen zwischen diesen Nebenbuhlern um die Herrschaft der Welt in einigem Gleichgewichte zu erhalten. Daher sagt Horaz von ihnen: aversos soliti componere amicos – ein Zug, der die Ausleger längst hätte verständigen können, daß die Negoziation, wovon hier die Rede ist, nicht die vom Jahre 714 sein könne. Binnen der zwei bis drei Jahre, die seit jenem Vergleich verflossen waren, hatten sich auf beiden Seiten viele Beschwerden angehäuft. Der junge Cäsar war über die persönlichen Vorzüge des Antonius, und die Vorliebe, welche die alten Legionen Julius Cäsars bei allen Gelegenheiten für denselben äußerten, eifersüchtig; er glaubte durch die Brundusische Teilung übervorteilt zu sein, und seine herrschsüchtige Eitelkeit ließ ihm keine Ruhe, so lange er sich die erste Stelle in der Welt von wem es auch sei, streitig gemacht sah. Antonius hingegen sah auf diesen adoptierten Schwester-Enkel seines Freundes Julius Cäsar als auf einen Knaben herab, machte sich selbst Vorwürfe darüber, daß er sich seiner Übermacht nicht besser gegen ihn zu Nutze mache, und hatte, zumal wenn ihn die schöne Kleopatra aufreizte, von Zeit zu Zeit große Lust, über ihn herzufallen, und sich einen so beschwerlichen und doch in seinen Augen so verächtlichen Mitregenten vom Halse zu schaffen. Bei solchen Gesinnungen auf beiden Teilen wurden sie nur durch die Bemühungen ihrer weisern Freunde, und besonders durch das kluge Betragen der tugendhaften Octavia, (welche etliche Jahre lang mit glücklichem Erfolge die Mittelsperson zwischen ihrem Gemahl und Bruder war) von einem gewaltsamen Ausbruche zurückgehalten. Hiezu kam noch die damalige Lage ihrer beiderseitigen Angelegenheiten: indem der junge Cäsar den Beistand des Antonius gegen den Sextus Pompejus, mit welchem er vor kurzem gebrochen hatte, bedurfte; Antonius hingegen, der einen Krieg mit den Parthern nicht vermeiden konnte, vor der Hand von Cäsars Seite sicher sein mußte. Da es nun vonnöten war, das gute Vernehmen zwischen ihnen soviel möglich wieder herzustellen: so veranstaltete Octavia gegen das Ende des Jahres 717 eine abermalige Zusammenkunft zwischen ihrem Bruder und Gemahl zu Brundusium, wo sie zum Beweise ihrer wieder hergestellten Freundschaft eine Vermählung zwischen zwei Kindern, dem Antyllus, einem Sohne des Antons von der Fulvia, und einer Tochter Cäsars von der Scribonia beschlossen. Aber alles dies, sagt Dion Cassius, war bloßes politisches Machwerk, wobei es keinem Teile Ernst war, und wo man, weil es die Umstände erfoderten, sagte, was man nicht dachte, und versprach, was man nicht zu halten gesonnen war. Diese Zusammenkunft zwischen den beiden Triumvirn wurde nun durch die Konferenz der beiderseitigen Mittelspersonen, des Mäcenas und Coccejus, zu Anxur vorbereitet; und beide setzten darauf die Reise nach Brundusium fort, deren kleine komische Abenteuer unserm Dichter den Stoff zu seinem Tagebuche gegeben haben..
Hier war mein erstes, meinen bösen Augen
durch ein bekanntes SälbchenDer Text sagt nigra collyria. Ob es ein Sälbchen oder ein Augenwasser gewesen sei, überlassen wir einem Andreas Dacier auszumachen. Das Wort lippus (triefäugig) das Horaz hier von sich gebraucht, nehme ich ungefähr auf eben die Art wie das stultus im 140sten Verse der dritten Satire. So wenig man aus diesem letztern wird beweisen wollen, daß er ein Narr gewesen sei: so wenig beweiset jenes, daß er immer Triefaugen gehabt habe. Alles was ich daraus schließe, ist, daß er (wie andre Dichter und Nichtdichter auch) zuweilen an den Augen gelitten habe, besonders nach einer ungewöhnlichen Erhitzung. Vermutlich hatte die mühsame Ersteigung des Berges, worauf Anxur lag, und der Glanz der Kalkfelsen, dessen er erwähnt, das meiste dazu beigetragen. Linderung
zu schaffen. Unterdessen traf Mäcenas und
Coccejus ein, und Capito FontejusCoccejus Nerva, ein großer Rechtsgelehrter und Staatsmann der damaligen Zeit, war eigentlich von keiner Partei, sondern wußte sich durch seine Klugheit, Mäßigung und Rechtschaffenheit beiden gleich angenehm und notwendig zu machen. Indessen scheint er doch vom Antonius bestellt worden zu sein, sein Interesse bei dieser Konferenz wahrzunehmen. Im Jahre darauf wurde er mit Luc. Gellius Poblicola Konsul. Der Kaiser Nerva war ein Urenkel dieses Coccejus.,
ein Mann, so abgeschliffen wie ein Bild,
woran der Nagel selbst nichts mehr zu glätten findet,
Und dem Antonius, so wie kein andrer, hold.
Aus Fundi machten wir uns hurtig fort,
woselbst ein Geck von Schultheiß, der vom Schreiber
zum Regiment des Orts emporgestiegen,
mit seinem breiten Purpurstreif und Weihrauchfaß
uns viel zu lachen gabWenn es mir auch möglich gewesen wäre, die drollichte Wendung dieser Verse, besonders in den Worten: Fundos Aufidio Lusco praetore etc. ohne Verlust in unsre Sprache überzutragen: so würde doch immer das Beste von der Pläsanterie für uns verloren gehen, wie mit achtzehnhundertjährigen Scherzen nur zu oft der Fall ist. Fundi war eine kleine Munizipalstadt, wo ein gewisser Aufidius Luscus den Bürgermeister oder Stadtschultheißen vorstellte. Die Schultheißen oder ersten Magistratspersonen in den römischen Landstädten hießen gewöhnlich Duumviri; Horaz nennt aber diesen Aufidius wegen seiner geckenhaften Ansprüche spottweise den Prätor von Fundi. Es scheint, daß er auf die Nachricht, daß ein paar so vornehme römische Herren durch Fundi passieren würden, ihnen die Honneurs seiner Stadt auf eine recht glänzende Art habe machen wollen, und sich deswegen, um sie zu komplimentieren, nicht nur in seinen Staatshabit geworfen, sondern (was das Lächerliche der Sache aufs höchste trieb) sich sogar ein Rauchfaß mit Weihrauch habe vortragen lassen, vermutlich in der Absicht, den hohen Gästen damit Ehre zu erweisen; welches ihm aber die Spottvögel vom Gefolge des Mäcenas so auslegten, als ob er das Rauchfaß, nach der Weise der morgenländischen Könige, als ein Zeichen seiner eignen hohen Würde habe vor sich hergehen lassen. Hierin mag ihm nun wohl zuviel geschehen sein; aber wenigstens bewies der latus ClavusDie Erklärung des clavus latus und angustus s. in einer Erläuterung der folgenden 6ten Satire. auf seiner Tunica (das Unterscheidungszeichen der römischen Senatoren und ersten Magistratspersonen), daß ihm kein Unrecht geschah, wenn man ihn für einen großen Gecken hielt. Der Herr Stadtschulz von Fundi mußte in seiner senatorischen Prätexta und Tunica laticlavia dem Mäcenas gegenüber eine desto lächerlichere Figur machen, weil Mäcenas geflissentlich, und um sich nicht über seinen angebornen Ritterstand zu erheben, bei allen Gelegenheiten einen schmalen Clavus zu tragen affektierte. Das Schlimmste für den armen Mann war dann noch, daß er, mit allem dem, seines Handwerks und Zeichens ein bloßer Scriba, und also, von Hause aus, höchstens der Sohn eines Freigelassenen war. Wenn man nun (alles dies vorausgesetzt) sich diese Szene, welche Horaz hier bloß mit etlichen Zügen croquiert, nach dem Leben vormalt, so begreift man, daß sie dem subalternen Teile der Reisegesellschaft auf dem ganzen Wege von Fundi nach Formiä genug zu lachen geben mußte.. Ermüdet blieben wir
Ora manusque tua lavimus, Feronia, lympha.
<25> Milia tum pransi tria repimus, atque subimus
impositum saxis late candentibus Anxur.
Huc venturus erat Maecenas, optimus atque
Cocceius, missi magnis de rebus uterque
legati, aversos soliti componere amicos.
<30> Hic oculis ego nigra meis collyria lippus
illinere. Interea Maecenas advenit atque
Cocceius, Capitoque simul Fonteius, ad unguem
factus homo, Antoni, non ut magis alter, amicus.
Fundos Aufidio Lusco praetore libenter
<35> linquimus, insani ridentes praemia scribae,
praetextam et latum clavum, prunaeque batillum.
im Stammsitz der MamurrenSchon wieder ein Scherz, dessen feinstes Salz für uns verloren ist. Das Städtchen Formiä war die Vaterstadt eines gewissen Mamurra, eines Menschen von dunkler Herkunft, der sich aber bei Julius Cäsar, dessen Präfectus FabrorumEine Stelle, die mit dem, was wir Feldzeugmeister nennen, einige Ähnlichkeit hat. in Gallien er war, so hoch in Gunst zu setzen wußte, daß er ihm erlaubte, sich auf Unkosten der Gallier so sehr zu bereichern als er könnte und wollte. Mamurra bediente sich der Erlaubnis mit so wenig Mäßigung, daß er mit unermeßlichem Reichtum beladen nach Rom zurückkam, und seines Reichtums mit so wenig Bescheidenheit, daß er unter allen Römern der erste war, der sein ganzes Haus auf dem Monte Cölio mit Marmor überziehen ließ. Man hat noch ein paar Epigrammen des Catullus auf ihn, worin der Unwillen eines noch freien Römers über das plötzliche und auffallende Glück dieses Erdschwamms, in eben soviel feurigen Funken als Worten, zu sprühen scheint. Unserm Horaz würde es in seiner Lage übel angestanden haben, einen gewesenen Günstling des Divus Julius öffentlich geißeln zu wollen: aber einen kleinen Stich, mit der Miene einer an sich unleugbaren unschuldigen Wahrheit, konnte er sich erlauben. Torrentius wittert eine solche Schalkheit in dem Einfall, die Stadt Formiä Mamurrarum urbem zu nennen, und ich glaube, daß er den Sinn des Dichters erraten hat. Die Mamurren stammten aus Formiä, dies hatte seine Richtigkeit: aber nichts war unbekannter als diese Familie. Weder die Geschichte noch irgend ein römischer Autor vor oder nach Cäsars Zeiten nennet einen andern Mamurra, als diesen einzigen, der, wiewohl ihn Cäsars Gunst und seine nicht auf die rühmlichste Art in Gallien erworbene Schätze in den Ritterstand versetzt hatten, doch, allem Anschein nach, nicht in demselben geboren war, und keine Ursache hatte, auf seine Ahnen eitel zu sein. Die Ehre, die ihm der Dichter zu erweisen scheint, indem er tut, als ob Formiä sich auf den Vorzug, das Vaterland der Mamurren zu sein, viel einzubilden habe, ist also wahres Persiflage, dessen Sinn, so fein es auch ist, damals jedermann gleich auffaßte, und wobei Horaz sicher auf allgemeinen Beifall rechnen konnte. Hätte er Formiä urbem Lamiarum genannt, so würde man es ganz simpel gefunden, und für eine bloße Wendung, ein in den Vers nicht passendes Wort zu vermeiden, oder allenfalls für ein kleines Kompliment gegen seinen Freund Älius LamiaS. Horaz. Briefe. I. Teil, 14te Epistel, No. 2 . genommen haben, dessen Familie ebenfalls aus Formiä war, und, außerdem daß sie ihren Ursprung von dem Erbauer dieser Stadt ableiteteOdar. III. 17., verschiedene Männer, die ihr Ehre machten, aufzuweisen hatte. Aber da er sie urbem Mamurrarum nennt, so konnte niemand zweideutig finden, was er damit sagen wolle, und Mamurra selbst mußte den Stich fühlen, ohne daß er sich's merken lassen durfte. übernacht,
wo uns sein Haus Murena, Capito
die Küche liehLuc. Licinius Varro Murena, ein Bruder der schönen Terentia, Mäcens Gemahlin, und Fontejus Capito, scheinen (wie Torrentius bemerkt) sich in die Bewirtung geteilt zu haben, weil jener zu Formiä ein Haus, und dieser irgend ein Vorwerk oder Landgut in der Nähe besaß. Murena gab also unsern Reisenden Dach und Fach, und Capito, der als ein ad unguem factus homo vermutlich den Reisemarschall machte, bestellte die Küche.. Der nächste Morgen brachte
uns große Freude: denn zu Sinuessa
stieß Plotius, Virgil und VariusDrei Nebenbuhler um den Epischen Lorbeer zu Augusts Zeiten, und, was selten vorkömmt, alle drei sehr gute Freunde. Virgils Werke überlebten die der beiden andern, weniger vielleicht weil sie schlechtere Dichter, als weil er Gegenstände gewählt hatte, die auch nach 1800 Jahren noch interessant sind. Plotius und Varius scheinen mehr für ihr Glück als für ihren Ruhm besorgt gewesen zu sein; wenigstens wissen wir von dem letztern aus unserm Horaz selbst, daß er die Kriege des Augusts besungen. Beide kommen in der 10ten Satire dieses Buches wieder unter den auserlesenen Männern vor, denen unser Dichter zu gefallen wünscht. Der Zug, animae quales neque candidiores terra tulit, scheint den schönsten Zug ihres Charakters, und gerade dasjenige zu bezeichnen, was diese Dichter fähig machte Freunde zu sein. Ich beklage unsre Sprache, daß sie die ganze Schönheit des Wortes Candor, wenn es von der Seele gebraucht wird, nicht ausdrücken kann. Weder Unschuld noch Reinheit erwecken unmittelbar das Bild der unverfälschten und unbefleckten Weiße der Lilie, oder des frischen Schnees, welches so geschickt ist, die Natur einer Seele ohne Falschheit, Affektation und Anmaßung, anzudeuten; einer Seele, deren Auge und Mund immer getreue Ausleger ihres Inwendigen sind, auf deren Liebe man zählen darf, sobald man sie einmal gewonnen hat, und gewiß sein kann sie zu gewinnen, sobald man liebenswürdig ist. Unfehlbar ist es dies, was Horaz bei seinen animis candidis dachte, und was er, vermöge des natürlichen Hanges eines jeden Wesens zu seinesgleichen, am meisten an seinen Freunden liebte. Die Ursache warum er hinzusetzt: nec queis me sit devinctior alter, werden wir in der 6ten Satire finden.
zu uns, die reinsten Seelen, welche je
die Erde trug, und denen niemand mehr
verpflichtet ist als ich. Was für Umarmungen
das waren! Welche Herzenslust! So lange
mein Herz gesund bleibt, geht nichts in der Welt
mir über einen angenehmen Freund.
 
Unferne der Campanschen Brücke gab
die nächste beste Meierei uns Obdach;
mit Holz und Salz versahen uns
nach ihrer Schuldigkeit die ParochiVermöge einer Gewohnheit, welche der Konsul Lucius Posthumius zuerst eingeführt haben soll, mußte allen in Geschäften des Staates reisenden Magistratspersonen, Gesandten, Deputierten u.s.w. durch Italien und alle Provinzen des römischen Reiches an gewissen Orten, wo sie übernachteten, das Notwendigste unentgeltlich angeschafft werden. Weil viele sich dieses Brauchs auf eine unbescheidene und den Provinzialen lästige Art übernahmenMich dünkt, wir haben eine deutsche Redensart vonnöten, die genau das sage, was die Franzosen mit ihrem se prévaloir de quelque chose ausdrücken. Ich finde hiezu keine bequemer als die Redensart: sich einer Sache übernehmen. Sie ist oberdeutsch, sagt Herr Adelung. Was hindert aber, sie durch den Gebrauch hochdeutsch zu machen?, so schränkte die Lex Iulia de Provinciis diese Abgaben buchstäblich auf Holz und Salz ein; was darüber war, konnte (wenigstens von Rechtswegen) nicht gefodert werden. Diejenigen, welche dazu bestellt waren, diese Notwendigkeiten herbeizuschaffen, hießen Parochi, und die Orte, wo man sie zu fodern berechtigt war, Parochiä..
 
Von dannen setzten unsre lastbarn Tiere
bei guter Zeit zu Capua uns abCapua lag nur 16 römische Meilen von dem Meierhofe bei der Campanischen oder Capuanischen Brücke, wo sie das Nachtquartier genommen hatten. Sie kamen also noch vor Mittag zu Capua an..
Mäcenas geht zum Ballspiel, schlafen gehen
Virgil und ich, weil seinem schwachen Magen
und meinen bösen Augen dieses Spiel
In Mamurrarum lassi deinde urbe manemus,
Murena praebente domum, Capitone culinam.
Postera lux oritur multo gratissima: namque
<40> Plotius et Varius Sinuessae, Virgiliusque
occurrunt; animae, quales neque candidiores
terra tulit, neque queis me sit devinctior alter.
O qui complexus et gaudia quanta fuerunt!
Nil ego contulerim iucundo sanus amico.
<45> Proxima Campano ponti quae villula tectum
praebuit, et parochi, quae debent, ligna salemque.
Hinc muli Capuae clitellas tempore ponunt.
Lusum it Maecenas, dormitum ego Virgiliusque;
gleich schädlich warDie Römer pflegten nach einer leichten Mittagsmahlzeit in der heißen Jahreszeit der Ruhe zu pflegen, sonst aber meistens sich mit Spielen, die zugleich Leibesübungen waren, zu unterhalten. Unter diesen war das Ballspiel das gewöhnlichste, welches mit verschiedenen Arten größerer und kleinerer Bälle gespielt wurde. Weil dieses Spiel sehr erhitzte, so war es diesmal weder dem Horaz, der seiner Augen, noch dem Virgil, der seines schwachen Magens schonen mußte, zuträglich. Sie hielten also ihre Sieste, während Mäcenas und die übrige Gesellschaft sich entweder im Bade mit der pila trigonali, oder im Freien mit dem größern Ballon, der nur mit Luft gefüllt war und auch Folliculus hieß, die Zeit vertrieben.. Das nächste Nachtquartier
und Überfluß an allem Gutem gab
uns eine Villa des Coccejus, jenseits
der Caudischen CauponenDaß man hier Caudi (Caudii) cauponas lesen müsse, hat Torrentius gegen alle HandschriftenBaxter sagt, mit seiner gewöhnlichen Nachlässigkeit, Caudi sei die Leseart einiger Handschriften des Torrentius: dieser selbst aber sagt gerade das Gegenteil; nur setzt er hinzu, er habe in einer oder zweien (von einer fremden Hand vermutlich) Caudi korrigiert gefunden., welche Claudi haben, hinlänglich wie mich deucht, erwiesen. Das alte Städtchen der Samniter, Caudium (dessen Name den Römern wegen einer in dieser Gegend i. J. 433 erlittenen Niederlage und Beschimpfung lange verhaßt war), lag zwischen Capua und Benevent in der Mitte, und die Cauponen oder Wirtshäuser, deren Horaz erwähnt, allem Ansehen nach in einiger Entfernung von der Stadt. Da Coccejus in dieser Gegend ein Landgut besaß, so war es natürlich, daß er seine Reisegesellschaft auf seiner Villa bewirtete, und daß sie bei ihrer Ankunft alles zum Empfang so ansehnlicher und zahlreicher Gäste bereit fanden.. Hier, o Muse, wollest du
den edeln Hahnenkampf des Pickelhärings
Sarment, mit Messius, dem Gücker, uns
nicht unbesungen lassen, und zuvörderst
den Adel ihrer Abkunft uns enthüllenMäcenas liebte, zumal bei der Tafel, kurzweilige Gesellschaft, und belustigte sich (wie dies überhaupt damals unter den Großen in Rom ziemlich allgemein war) besonders gern an den kleinen Zwischenspielen, worin die Lustigmacher von Profession, die man Scurras nannte, sich selbst, und zuweilen (wenn es anging) auch andere zum Besten gaben. Coccejus ließ es also auch daran nicht fehlen, und hatte (wie es scheint) den Messius Cicirrus ausdrücklich in der Absicht eingeladen, um dem Scurra Sarmentus einen würdigen Kämpfer entgegen zu stellen. Sarmentus war aller Wahrscheinlichkeit nach im Gefolge des Mäcenas: damals ein noch sehr junger Mensch, und (wie Plutarch irgendwo im Vorbeigehen sagtIm Leben des Marc. Antonius, (Vit. Tom. V. p. 126. edit. Londin.) ο δὲ Σάρμεντος η̃ν τω̃ν Καίσαρος παιγνίων παιδάριον, ὰ δηλίκια (delicias) ‛Ρωμαι̃οι καλου̃σιν.) einer von den Ganymeden des jungen Cäsars, nochmaligen Augustus. Die Großen in Rom machten sich kein Bedenken, diesen verächtlichen Geschöpfen an ihren Tafeln Platz zu geben; aber indem man sie als Werkzeuge der Üppigkeit und der Belustigung gebrauchte, und ihnen daher auch so viel Unverschämtheit als ihre Bestimmung mit sich brachte, zugut hielt: so ließ man sie doch die Verächtlichkeit ihres Charakters hinlänglich genug empfinden, um ihren Übermut in den gehörigen Schranken zu erhalten. Ein Sarmentus, ungeachtet er an Cäsars Tafel mit Falerner beträufelt wurde, mußte sich doch gefallen lassen, in Horazens Reise-Journal als ein Scurra zu figurieren; und wenn man ihm und seinesgleichen zuweilen Leute wie Messius, und vielleicht auch wohl bessere, Preis gab, so mußten sie dafür bei andern Gelegenheiten wieder leiden, was nur solche Elende leiden können, die in dem Gefühl der Schande als in ihrem Elemente schwimmen; wie Juvenal in seiner fünften Satire zu verstehen gibt, wenn er zu seinem Parasiten sagt:
si potes illa pati, quae nec Sarmentus iniquas
Caesaris ad mensas nec vilis Galba tulisset.

Was den Messius Cicirrus betrifft, (dessen scurrilischen Zungenkampf mit dem Sarmentus Horaz hier unter Anrufung der epischen Muse, mit einer burlesken Nachahmung Homers besingt) so hat er seine Unsterblichkeit bloß unserm Dichter zu danken, und nach der Rolle, die er hier an der Tafel des Coccejus spielt, kann er kein Mensch von einiger Bedeutung gewesen sein. Der Scherz, ihn zum Beweis des Altertums seiner Familie von den Osciern, den uralten Bewohnern Campaniens, abstammen zu lassen, gibt zu verstehen, daß er das gewesen, was die Römer einen Erdensohn (terrae filium) nannten. Sein Beiname Cicirrus scheint das griechische Κίκυρρος, ein Gockelhahn, zu sein, wovon vermutlich unser deutsches Provinzialwort Gücker abstammt. Ich habe es im Deutschen statt Cicirrus gebraucht, weil es der ganzen Erzählung einen stärkern komischen Anstrich gibt, dessen sie um so mehr vonnöten hat, da uns der Vorteil der persönlichen Bekanntschaft mit den Helden des Kampfes mangelt, den die ersten Leser vor uns voraus hatten.

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Die Messier sind ein bekanntes Haus, und, alles
mit einem Wort zu sagen, Oscischen
Geschlechtes; vom Sarment lebt noch auf diesen Tag
die EigentümerinSarmentus war also ein geborner Sklave, und die Frau lebte noch, welche ein Recht an seinen Leib hatte, und vermutlich bloß aus Furcht vor seinen hohen Beschützern Bedenken trug es geltend zu machen. Der Zug »ab his maioribus orti« (von solchen Ahnen entsprossen) ist eine possierliche Nachahmung der Stellen in der Ilias und in dem Froschmäuseler Homers, wo er seine Kämpfer, ehe sie handgemein werden, einander ihren Stammbaum vortragen läßt.. Von solchen Ahnen
entsprossen, traten sie zum Kampf hervor.
Sarmentus tat den ersten Hieb: »Ich sage:
du bist so bissig wie ein wildes Pferd.«
Wir lachten alle, Messius lachte mit;
»das läßt sich hören«, sprach er, und bewegte
den Kopf als ob er seine Mähne schüttle.
»Zum Glücke sind dir«, fährt der andre fort,
»die Hörner aus der Stirne ausgeschnitten,
da du gestutzt noch so gefährlich tust.«
Dies ging auf eine ausgeschnittne Warze,
wovon die Narbe, links, der borst'gen Stirne
namque pila lippis inimicum et ludere crudis.
<50> Hinc nos Coccei recipit plenissima villa,
quae super est Caudi cauponas. Nunc mihi paucis
Sarmenti scurrae pugnam Messique Cicirri,
Musa, velim memores, et quo patre natus uterque
contulerit lites. Messi clarum genus Osci;
<55> Sarmenti domina extat. Ab his maioribus orti
ad pugnam venere. Prior Sarmentus: »Equi te
esse feri similem dico.« Ridemus, et ipse
Messius; »accipio«, caput et movet. – »O tua cornu
ni foret exsecto frons«, inquit, »quid faceres, cum
des Messius ein häßlich Ansehn gab.
Sarment, nachdem er über seines Gegners Schönheit
und die Campansche KrankheitDie Warzen im Gesichte des Cicirrus, über welche sich der schöne Sarment so lustig macht, sollen nach dem Scholiasten ein gewöhnliches Übel der Campanier gewesen sein. Sarment nannte sie also, scherzweise, die Campanische Krankheit. Wenigstens sehe ich keinen Grund, warum man glauben sollte, es wäre der gewöhnliche Name einer besondern Krankheit gewesen, etwa wie unsre Ärzte ehmals eine gewisse andre Art von Blattern die Neapolitanische oder Gallische hießen. viel gespottet,
bat ihn, er möchte den Cyklopen tanzen:
er könnte, meint er, sich die Larve und
den tragischen Kothurn dabei ersparenDie Römer liebten bekanntermaßen die pantomimischen Tänze, die, wie alle andre Künste des Luxus, von den Griechen zu ihnen gekommen waren. Man hatte deren verschiedene Gattungen, tragische, komische, erotische, burleske. Unter die letzte gehörte der Cyklops, wozu das Süjet vermutlich aus dem Euripidischen Possenspiel dieses Namens genommen war. Da man auch wohl bei großen Festins dergleichen pantomimische Tänzer und Tänzerinnen den Gästen als ein Intermezzo zum Besten zu geben pflegte: so war die Zumutung, daß der Gücker sogleich ex tempore den Cyklopen tanzen sollte, im Munde des kleinen Sarments desto schicklicher; zumal, da er ihn, seiner Größe und Häßlichkeit wegen, so wie er stand und ging, spielen könne, ohne Larve und Kothurn (wie ein anderer) nötig zu haben..
Der Gücker blieb ihm keine Antwort schuldig.
Er fragte, ob er auch den Laren seine Kette
als ein ex voto schon geopfert habeSarment hatte den Messius mit seiner Figur aufgezogen: dieser rächete sich dafür an dem Stande seines Gegners, der ein Leibeigener gewesen, und, wie es scheint, seiner noch lebenden Eigentümerin entlaufen war. Dieses letztere wollte ihm Cicirrus durch diese Frage auf eine witzige Art vorrücken. Denn die Leibeigenen pflegten, wenn sie von ihren Herren die Freiheit erhielten, den Hausgöttern (Diis Laribus) eine Kette zu opfern.?
bewies ihm, daß sein Sekretärs-CharakterDie Anständigkeit erfoderte, daß die Art von Kreaturen, zu denen Sarment gehörte, um mit einem Cäsar Augustus, Mäcenas, u.s.w. auf einen so vertraulichen Fuß leben zu können, einen öffentlichen Charakter haben mußten, der sie aus dem Pöbel, zu dem sie sonst gehörten, heraushob. Das Amt oder wenigstens der Titel eines Scriba war eine Distinktion dieser Art: denn, wie wenig er auch zu bedeuten hatte, so gab er doch eine Art von Nobilitierung, und setzte diejenigen, die in das Kollegium der Scribenten eingeschrieben waren, den neuen Rittern ungefähr an Würde gleich. Dies macht uns also begreiflich, warum der Scurra Sarmentus zugleich ein Scriba war. Aber, da er von seiner ehmaligen Herrschaft nicht ordentlich frei gelassen worden, so dauerte ihr Recht an seinen Leib (denn ein Sklave war keine Person) noch immer fort, und sein Sekretärs-Titel hätte ihm nichts dagegen helfen können, wenn ihn seine Gebieterin hätte vindizieren wollen.
den Rechten seiner Dame nichts benehme,
und wunderte sich mächtig, was in aller Welt
ihn zum Entlaufen habe treiben können,
da doch, so dürr und winzig als er sei,
zwölf Unzen Mehl des Tags mehr als zuvielDie Atzung, die jeder Herr seinem Leibeigenen schuldig war, bestand monatlich in vier römischen Metzen, (modiis) welche ungefähr drei bis vier Pfund Brot auf den Tag auswarfen. Sarment, der so klein und schmächtig war, hätte also (meinte Messius) an seiner täglichen Portion noch was Namhaftes ersparen können, und also um so weniger Ursache gehabt, seiner Herrschaft davon zu laufen.
für ihn gewesen. – Kurz, wir brachten diese Mahlzeit
tief in die Nacht hinein recht fröhlich zu.
 
Von hier gings nun gerad' auf Benevent,
wo unser Wirt, vor Eifer seine magern Drosseln
bald gar zu kriegen, sich und uns beinahe
<60> sic mutilus minitaris?« At illi foeda cicatrix
saetosam laevi frontem turpaverat oris.
Campanum in morbum, in faciem permulta iocatus
pastorem saltaret uti Cyclopa rogabat;
nil illi larva aut tragicis opus esse cothurnis.
<65> Multa Cicirrus ad haec: donasset iamne catenam
ex voto Laribus, quaerebat; scriba quod esset,
nilo deterius dominae ius esse. Rogabat
denique, cur umquam fugisset, cui satis una
farris libra foret, gracili sic tamque pusillo?
<70> Prorsus iucunde cenam produximus illam.
Tendimus hinc recta Beneventum, ubi sedulus hospes
paene macros arsit dum turdos versat in igni:
gebraten hätte. Denn die Flamm' ergriff
die alte Küche, und, durchs räuch'rige
Gebälke fort sich wälzend, leckte sie
schon bis ans Dach hinauf. Stellt euch den Aufruhr
im Saale vor! Wie Gäste und Bediente,
heißhungrig jene, diese schüchtern und
verstohlen, in die Schüsseln fahren, jeder noch
was zu erhaschen sucht, und, um das Ihrige
zum Löschen beizutragen, allesamt
mit vollen Backen durch einander rennen!
 
Nunmehr begann mein väterlich Apulien
die wohlbekannten Berge mir zu zeigen,
vom Nordost ausgedörrt; – aus denen wir
wohl nie herausgekrochen wären, wenn
nicht bei Trivicum uns ein Meierhof
noch aufgenommen hätte; wo uns aber
der Rauch von frischgefälltem nassem Holz
viel Tränen kosteteEin Zeichen, daß diese Villa nur ein gemeiner Meierhof war, und der Pachter so vornehmer Gäste sich nicht versehen hätte. Bei dem kleinen Abenteuer, das unserm Dichter hier zustieß, der noch in dem Alter stand,
– da leichte dünne Kleider
und eingesalbte Locken ihm noch ziemten,
er unentgeltlich noch der teuren Cinara
gefiel, und ohne Nachteil noch vom Mittag an
bis in die späte Nacht sich mit Falerner
beträufeln konnte –Epistol. I. 14.

ist nichts zu erinnern, als, daß das schelmische Mädchen ohne Zweifel eine junge Sklavin war, und vielleicht, während daß der treuherzige Dichter mit so vieler Ungeduld auf sie wartete, in der Kammer des Mäcenas oder Fontejus Geschäfte hatte, wobei mehr zu verdienen war.

. Ein schelmisch Mädchen
vom Hause spielte mir noch schlimmer mit.
Ich Tor erwarte sie voll Ungeduld
die halbe Nacht durch; endlich übermeistert
nam vaga per veterem dilapso flamma culinam
Vulcano, summum properabat lambere tectum.
<75 > Convivas avidos cenam servosque timentes
tum rapere atque omnes restinguere velle videres.
Incipit ex illo montes Appulia notos
ostentare mihi, quos torret Atabulus, et quos
numquam erepsemus, nisi nos vicina Trivici
<80> villa recepisset, lacrimoso non sine fumo,
udos cum foliis ramos urente camino.
Hic ego mendacem stultissimus usque puellam
ad mediam noctem expecto: somnus tamen aufert
der Schlaf mich dennoch, und ein plumper Traum
entweiht das Amorn zugedachte Opfer.
 
Von hier aus rennen unsere Kaleschen vier
und zwanzig Meilen mit uns fort, um uns
in einem Städtchen abzusetzen, dessen Name
nicht in mein Versmaß paßt, doch ist's
gar leicht an andern Zeichen zu erkennen»Er meint das Städtchen Equotuticum; und die Wendung ist Lucilisch. Denn Lucil sagt auch in seiner 6ten Satire:
    – Servorum est festu' dies hic,
quem plane hexametro versu non dicere possis.«            
Der alte Scholiast.
.
Das Wasser, das gemeinste aller Dinge,
wird hier bezahlt: hingegen ist das Brot
so schön, daß kluge Wandrer sich davon
mit einem Vorrat zu bepacken pflegen;
denn zu Canusium ist es steinicht. Auch das Wasser
ist rar in dieser alten Stadt, die sich
des tapfern Diomed als Stifters rühmet.
Hier trennte Varius sich von uns; der Abschied war
auf beiden Seiten tränenvoll. Von da,
nachdem wir einen langen und durch Regengüsse
verdorbnen Weg durchmessen, kommen wir
sehr müd' in Rubi an. Am nächsten Tage war
das Wetter besser, schlimmer stets der Weg
intentum Veneri; tum immundo somnia visu
<85> nocturnam vestem maculant ventremque supinum.
Quattuor hinc rapimur viginti et milia raedis
mansuri oppidulo quod versu dicere non est,
signis perfacile est: venit, vilissima rerum,
hic aqua, sed panis longe pulcherrimus, ultra
<90> callidus ut soleat humeris portare viator;
nam Canusi lapidosus: aquae non ditior urna,
qui locus a forti Diomede est conditus olim.
Flentibus hic Varius discedit maestus amicis.
Inde Rubos fessi pervenimus, utpote longum
<95> carpentes iter, et factum corruptius imbri.
Postera tempestas melior, via peior adusque
bis an die Mauern des fischreichen Barium.
Drauf gab uns Gnatia, ein im Zorn der Nymphen
erbautes Örtchen, viel zu scherzen, weil
die Leute dort uns glauben machen wollten,
der Weihrauch schmelze ohne Flamme auf
dem heiligen AltarGnatia steht hier für Egnatia, welches ein Apulisches Landstädtchen zwischen Barium und Brundusium, und, seiner Lage wegen, häufigen Verwüstungen von wildem Gewässer aus den benachbarten Bergen ausgesetzt war. Horaz nennt es daher im Zorn der Nymphen gebaut. Des Wunders, das die guten Leute zu Egnatia unsern ungläubigen Reisenden weis machen wollten, erwähnt auch Plinius als einer Sache, die von Schriftstellern erzählt werde. Sie besaßen, sagt erH. N. L. II. c. 107., einen heiligen Stein, worauf sich das aufgelegte Holz von selbst entzündete. Hätten die Schönen Geister des Mäcenas und Coccejus, anstatt über die ehrlichen Egnatier zu spotten, sich die Mühe genommen, die Sache genauer zu untersuchen: so könnte sich wohl leicht entdeckt haben, daß es mit dem Facto seine Richtigkeit hatte, ohne daß man deswegen einen Deum ex machina herabspringen zu lassen brauchte. Solinus erzählt ungefähr das nämliche von einem gewissen Vulkanischen Hügel unweit des Agrigentischen Sees, in eben derselben Gegend Siziliens, wo (nach dem Berichte des Strabon u. a.) eine Quelle gefunden wurde, worin Steinöl auf dem Wasser schwammSolin. c. 5. Salmas. Exercit. ad. h. 1. p. 89. s.. Vielleicht hatte der Ort, wo der Tempel zu Egnatia stand, und besonders der, wo der angebliche Stein, der ihnen zum Altar diente, aufgerichtet war, etwas ähnliches mit dem kleinen Fleck auf der Anhöhe bei Pietra Mala, unweit Firenzuola, wo gewöhnlich Flammen aus der Erde hervorbrechen, deren Geruch Herr de la LandeVoyage d'un François en Italie, Vol. II. p. 134. s. (als er diesen Ort in der Nacht des 25sten Oktober 1765 besuchte) dem Steinöl ähnlich fand. Die Flamme wirbelte damals an zwei Stellen ungefähr einen Schuh hoch und breit aus der Erde hervor. Auf dem übrigen Platze leckten nur dann und wann kleine bläulichte Flämmchen, wie angezündeter Weingeist, zwischen den Kieseln hervor an dem Boden herum. Das Holz ließ sich geschwinde dabei anzünden: die umliegenden Steine aber litten nichts von der Hitze, ja der Boden war nicht einmal warm, außer an den Stellen, wo die Flamme wirklich brannte, u.s.w. Wenn man annähme, daß der Boden, wo die Priester zu Gnatia ihr Mirakel wirkten, von einer ähnlichen Beschaffenheit gewesen wäre: so ließe sich, unter Voraussetzung einer kleinen Veranstaltung von Seiten dieser ehrwürdigen Herren, leicht begreifen, wie es damit ganz natürlich hätte zugehen können. Die Alten waren, bekanntermaßen, so nachlässig und gleichgültig über Dinge dieser Art – als man es noch heut zu Tage ist. Der große Haufe sah in allen ungewöhnlichen Erscheinungen unmittelbare Wirkungen höherer Wesen, und dachte aus Respekt an keine nähere Untersuchung; die Klugen würdigten sie derselben aus Verachtung nicht, und begnügten sich darüber zu scherzen. Hätte man von jeher, sobald sich ein Wunderding sehen oder hören ließ, die Sache bis auf den Grund untersucht, so würde die ungeheure Last von Aberglauben, die noch immer auf den Köpfen der Menschen liegt, längst weggewälzt sein: die Spötter hätten einen Gemeinplatz weniger, aber unfehlbar befände sich das menschliche Geschlecht desto besser dabei.. Das glaub' Apella
der Jud, ich nicht! Mich hat Lukrez gelehrt,
daß sich die Götter nicht mit uns bemühen,
und wenn Natur was Ungewöhnlichs tut, man nicht
gleich wähnen muß, die Götter schicken's uns
in böser Laune hoch aus ihrer Burg herabIn Physicis (wozu die Alten auch die Theologie rechneten) scheint Lukrez der Lehrer unsers Dichters, er selbst aber um diese Zeit (wie er in einer seiner Oden gesteht) parcus deorum cultor et infrequens gewesen zu sein. In dieser Stelle ist sogar die Diktion Lukrezisch, und der Vers, namque deos didici securum agere aevum, offenbar eine Anspielung auf den Lukrezischen:
Nam bene qui didicere deos securum agere aevum,

welches der 57ste im 6ten Buche de Rerum Natura ist.

.
Brundusium machte unsrer langen Reise
und diesem Tagbuch ein erwünschtes Ende.
Bari moenia piscosi. Dein Gnatia, lymphis
iratis extructa, dedit risusque iocosque,
dum flamma sine tura liquescere limine sacro
<100> persuadere cupit. Credat Iudaeus Apella!
Non ego: namque deos didici securum agere aevum,
nec si quid miri faciat natura, deos id
tristes ex alto caeli demittere tecto.
Brundusium longae finis chartaeque viaeque.
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