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Horazens Satiren

Horaz: Horazens Satiren - Kapitel 12
Quellenangabe
typesatire
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Satiren
pages575
created20001125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wie häufig sieht man, daß von zwölfen, die
um einen Tisch drei Kanapeen füllenSaepe tribus lectis videas cenare quaternos. – Diese Umschreibung sagt nichts weiter, als: man sieht oft zwölf Personen zu Gaste speisen. – Die Einrichtung der Griechen und Römer bei ihren Mahlzeiten und Gastmählern war, bekanntermaßen, von der unsrigen hauptsächlich darin verschieden, daß sie nicht um den Tisch saßen, sondern lagenSo lange die Frugalität noch herrschende Sitte unter den Römern war, speiseten sie sitzend, wie wir, und wie die Kreter und Spartaner unter den Griechen. Auch, nachdem die Triklinien Mode geworden, fanden die Damen es anständiger den alten Brauch beizubehalten; bis sie endlich, so wie die Sitten immer freier wurden, sich auch hierin den Männern gleichstellten.. Bei Mahlzeiten, wo mehrere Gäste geladen waren, war der Tisch gewöhnlich viereckigt, und von drei Seiten mit einer Art von Kanapeen (lectis) umgeben, auf welchen die Gäste, zu dreien, oder vieren, auch wohl zu fünfen, sich lagerten. Ein solches Kanapee hieß, weil es gewöhnlich drei Personen faßte, mit einem von den Griechen geborgten Worte, Triclinium; doch wurde auch das Speisezimmer selbst so genennt, das bei den Römern sonst cenatio oder cenaculum hieß. Die Größe der Tische sowohl als der Triklinien, oder Kanapeen, war bei den Vornehmen und Reichen (die mit diesen Möbeln in großer Menge versehen waren) immer der Zahl der Gäste proportioniert; und der Luxus, der schon zu unsers Dichters Zeiten mit diesen Dingen getrieben wurde, ist unglaublich.,
ein jeder alle andern zu bespritzen suchtAlle Handschriften lesen quavis. Geßner wünscht, daß sich auch nur eine finden möchte, welche quivis läse, weil alsdann die ganze Stelle augenscheinlich einen ungezwungnern und dem ganzen Kontext gemäßern Sinn bekäme. Behält man quavis bei, so ist dieses Wort sowohl als das e quibus unus – zweideutig. Soll quavis auf aquam gehen, wie Muretus meint? – oder soll es quavis ratione bedeuten? Bedeutet unus einen von allen Zwölfen? oder einen von den Vieren, die ein Kanapee mit einander einnehmen? Wie man das eine und andere auch nehmen will, so vermisse ich die unserm Dichter gewöhnliche Konzinnität, Deutlichkeit und Ungezwungenheit der Diktion. Mit der einzigen Veränderung eines a in  i ist der Sache geholfen. Mich deucht, in einem solchen Falle ist die Freiheit erlaubt, die sich Bentley so oft genommen hat, nämlich vorauszusetzen, der Fehler liege an den Abschreibern, und Horaz habe geschrieben was den schicklichsten Sinn gibt.,
nur dessen schonend, der das Wasser hergibt;
und bald auch dessen nicht, wenn erst der Freund
der Wahrheit, Bacchus, den verschloßnen Schalk
in seiner Brust in Freiheit setzt. Gleichwohl
heißt dir so einer liebenswürdig, witzig,
ein Mann von Lebensart, – dir, dem die Schwarzen so
verhaßt sind? Ich hingegen, wenn ich lachte, daß,
um nicht nach Bisam wie Rufill zu stinken,
Gorgonius bockt, ich scheine bissig dirMan erinnert sich ohnezweifel, diesen Vers in der zweiten Satire gelesen zu haben. Baxter hat daraus, daß er unserm Dichter übel genommen worden, den Schluß gezogen, Rufillus und Gorgonius müßten Personen von Bedeutung gewesen sein, weil sich das Publikum ihrer gegen den Dichter angenommen habe. Mich deucht, dies folge nicht. Alles was sich daraus schließen läßt, ist, daß diese Herren selbst die Freiheit, die sich der Dichter mit ihnen genommen, vermutlich sehr übel fanden, und in ihrem Zirkel laut genug darüber krähten, um auch andere, die sich nicht viel Gutes bewußt waren, in Unruhe zu setzen; und daß also der Fall wieder eintrat, dessen Horaz in der Epistel an Augustus erwähnt:
fuit intactis quoque cura
condicione super communi

und giftig? Du hast freilich eine andre Weise!
Wird von dem bösen Handel des PetilliusDer Scholiast des Cruquius macht bei diesem Petillius Capitolinus die Anmerkung: Petillius, der die Aufsicht über das Capitolium gehabt, wäre bei Gelegenheit, daß die Krone des Capitolinischen Jupiters weggekommen, öffentlich angeklagt worden, er habe sie gestohlen, und die Richter hätten ihn bloß dem Augustus, dessen Freund er gewesen, zu Gefallen losgesprochen. Ein andrer setzt hinzu: Petillius habe, dieses Handels wegen, spottweise den Zunamen Capitolinus bekommen. Dieses letztere scheint, wie schon Torrentius bemerkt hat, ohne Grund zu sein. Die Petillii waren eine Plebejische Familie, von welcher man zwei Äste kennt, die sich durch die Beinamen Spurinus und Capitolinus unterschiedenMan findet auch einen Petillius Balbus, einen Geminus, u. a. Dies waren aber vermutlich nur individuelle Übernamen.. Die Spurini hoben sich im sechsten Jahrhundert der Republik aus der Dunkelheit, und ein Q. Petillius Spurinus stieg im J. 577 bis zum Konsulat. VaillantNumi Famil. Rom. Vol II. p. 222. vermutet nicht ohne Grund, daß die Capitolini vorher Libones geheißen, und jenen Zunamen daher bekommen, weil einer von ihnen unter den zehen Männern gewesen, die im J. 383 zur Aufsicht der im Capitol verwahrten heiligen Bücher bestellt worden. Denn in diesem Jahre finden sich zwei Petillii Libones, welche Aediles Piebis waren; in der Folge aber verliert sich dieser Zuname, und es finden sich dagegen mehrere Petillii Capitolini, wiewohl ohne Illustration; so, daß dieses Geschlecht im 7ten und 8ten Jahrhundert der Stadt seinen Glanz wieder ganz verloren zu haben scheint. Außer dem Cicero, der (pro Milone 16.) eines Q. Petillius, unter dem Charakter eines optimi et fortissimi civisDiese Courtoisie wollte wahrscheinlich nicht mehr sagen, als wenn ein wackrer Bürger in unsern Reichsstädten der Wohlehrbare und Bescheidene Meister qualifiziert wird, und beweist weiter nichts, als daß er ein bloßer gemeiner Bürger ist., und anderswo eines römischen Ritters, M. Petillius, erwähnt, findet sich in der Geschichte dieser Zeit keine Spur von Petilliis. Wir haben also, außer der Note des Scholiasten, nichts, das einiges Licht über diese Stelle gießen könnte. Soviel ist klar, daß ein Petill. Capitolinus um die Zeit, wo Horaz schrieb, wegen irgend eines Verbrechens, das unter die Rubrik Furtum gehört, öffentlich angeklagt worden war; und, weil doch der Scholiast die Anekdote von der gestohlnen Krone Jupiters nicht aus seinem Finger gesogen haben kann, so sehe ich nicht, warum man ihm diesmal (so wie in jedem anderm Falle, wo der Ungrund seiner Nachrichten nicht erweislich ist) nicht glauben sollte. Daß eine Krone im Capitol gestohlen wurde, und daß Capitolinus bei dieser Gelegenheit in Inquisition kam, und (wie aus dem Worte furtis zu schließen ist) noch mehrerer Unterschleife öffentlich beschuldigt wurde, mußten notorische Facta sein, sobald es Facta waren. Aber daß Capitolinus, als ein Freund Augusts, aus Achtung gegen diesen losgesprochen worden, ist, vermöge der Natur der Sache, etwas Zweifelhaftes; wenigstens kann amicus hier nicht mehr als parvus amicus, ein Anhänger und Schutzverwandter Augusts, sagen wollen; und in diesem Falle war August, nach römischer Sitte, nicht nur berechtigt, sondern sogar verbunden, seinen Klienten zu retten so gut er konnte. In der Tat hatte er noch einen Beweggrund mehr, als jeder andre Patron; denn hatte nicht der große Julius Cäsar, wie Suetonius gerade heraus sagt, in seinem ersten Konsulat drei tausend Pfund Gold aus dem Capitolio gestohlen; und konnte also dieser Petillius nicht mit einigem Schein Rechtens, wie jener beim Terenz, sagen: ego homuncio non facerem? Wie dem aber auch sein mag, so scheint mir Baxters dreiste Behauptung, Horaz habe hier dem Petillius, gleichsam von hinten zu, einen tüchtigen Stoß beibringen wollen, durch den ganzen Zusammenhang widerlegt zu werden. Denn aus den Worten: »mentio si qua de Capitolini furtis etc.« folget noch nicht, daß Horaz ihn für schuldig gehalten habe. Das Wort furtum ist bekanntermaßen vieldeutig, und daher mit unserm Diebstahl nicht völlig einerlei; es war vielmehr in dem Falle des Petillius das gelindere Wort; weil furtum bei den Römern nur delictum privatum war, die Verbrechen hingegen, deren Petillius angeklagt worden, allem Anscheine nach unter die publica gehörten, und also von der schwersten Art waren. In Versen kann man sich nicht immer mit juristischer Genauigkeit ausdrücken; und Horaz konnte um so eher de furtis Petillii anstatt de actione furti Petillio intenta sagen, weil der Handel notorisch und Petillius vom Gerichte öffentlich losgesprochen war. – Kurz, eben daraus, daß er sich so ausdrückt, ist klar, daß er sich so ausdrücken durfte, ohne einen Injurien-Prozeß vom Petillius zu besorgen; welchem er übrigens in dieser Stelle so wenig einen Dolchstoß von hinten zu beibringen wollte, daß er vielmehr den vorgeblichen Freund desselben (der, nach einer langen Vorrede im freundschaftlichen Tone, mit der zweideutigen Verwunderung endiget: sed tamen admiror, quo pacto iudicium illud fugerit!) gerade dieser heimlich boshaften Insinuation wegen für einen Menschen von schwarzer Seele erklärt; von sich selbst hingegen aufs ernstlichste versichert, daß seine Schriften immer eben so rein von solchem Gifte bleiben würden, als sein Herz es sei.

Warum aber (könnte man noch fragen) nahm denn Horaz das Beispiel, das er hier nötig hatte, wenn er es nicht übel mit dem Petillius meinte, gerade von ihm? – Ich kann diese Frage nicht anders als durch eine Vermutung beantworten. In Schriften wie die gegenwärtigen Satiren müssen notwendig eine Menge Stellen vorkommen, wo wir uns nicht anders helfen können, weil die besondern Umstände von diesem und jenem Zuge, der auf einzelne Personen und momentane Veranlassungen geht, nach 1800 Jahren nicht mehr aufzutreiben sind. Ich stelle mir also die Sache so vor. Petillius war ein Klient oder besonderer Schutzverwandter des Augusts; sein Handel hatte ein schlimmes Ansehen; die ganze Stadt sprach davon; man begriff nicht, wie er sich würde herauswickeln können; man erwartete ihn für schuldig erklärt zu sehen, und er wurde losgesprochen, ohne daß seine Unschuld dem Publico sehr einleuchtend gemacht worden wäre. Nun sprach man von neuem in allen Gesellschaften von der Sache; man merkte oder vermutete zwar den geheimen Einfluß des Augusts auf diesen Handel, und nahm sich daher in Acht; aber weil man seiner Malignität doch Luft machen mußte, so sprach man in diesem zweideutigen Tone, der unserm Dichter so ärgerlich ist; und da die Sache damals die Neuigkeit des Tages war und dem Petillius also kein Nachteil aus öffentlicher Erwähnung seines Handels, der ohnehin alle mögliche Publizität hatte, zuwachsen konnte: so war nichts natürlicher, als daß Horaz das Beispiel davon hernahm, dessen er vonnöten hatte, um den Vorwurf laedere gaudes et hoc studio pravus facis, von sich abzulehnen und dem größten Teile seiner Mitbürger in den Busen zu schieben. Ihr beschuldigt mich eines bösen Herzens, spricht er, weil ich gesagt habe – was einem jeden seine Nase sagen kann – Rufillus rieche wie eine Bisam-Katze, um nicht wie Gorgonius nach dem Bocke zu stinken: das beleidigt eure Gutherzigkeit! Denn freilich, ihr seid die gutartigsten Seelen von der Welt. Man braucht nur zu hören, wie ihr die Partei eurer Freunde nehmt, u.s.w. Mich dünkt, auf diese Art erhält diese ganze Stelle das gehörige Licht; und der häßliche Fleck, den Baxters Ausdeutung unserm Dichter anschmitzen will, mag an ihm selbst kleben bleiben!


Capitolinus ungefähr gesprochen,
gleich nimmst du ihn nach deiner Art in Schutz:
»Capitolin war von der Schule her
    Saepe tribus lectis videas cenare quaternos,
e quibus unus amet quavis aspergere cunctos,
praeter eum qui praebet aquam; post, hunc quoque, potus,
condita cum verax aperit praecordia Liber.
<90> Hic tibi comis et urbanus, liberque videtur,
infesto nigris? Ego, si risi, quod ineptus
pastillos Rufillus olet, Gorgonius hircum,
lividus et mordax videor tibi. Mentio si qua
de Capitolini furtis iniecta Petilli
<95> te coram fuerit; defendas, ut tuus est mos:
»Me Capitolinus convictore usus amico-
mein guter Freund; ich habe viel Gefälligkeiten
von ihm empfangen, und es freut mich, ihn
im vor'gen Wohlstand noch in Rom zu sehen;
indessen wundert mich's bei allem dem,
wie sich der gute Mann aus jenem Handel
zu ziehn gewußt.« – Dies nenn' ich schwarz, und schwärzer
als Blackfischblut und Schusterpech! Und wenn
ich was von mir versprechen kann, so ists,
daß meine Schriften (wie mein Herz zuvor)
stets rein von diesem Gifte bleiben sollen.
Entwischt zuweilen mir im Scherz vielleicht
ein allzufreies Wort, so wird es mir
doch wohl zu übersehen sein. Mein Vater, der
ein guter Mann war, hatt' es im Gebrauch,
von Jugend an durch andrer Leute Beispiel
vor Lastern mich zu warnenUnter den liebenswürdigen Charakterzügen unsers Dichters ist gewiß einer der schönsten das Vergnügen, womit er hier und in der folgenden 6ten Satire von seinem Vater, und von allem was er ihm zu danken habe, spricht. Empfindelei und romanhafte Zärtlichkeit war wohl keines Menschen Sache weniger als die seinige: aber, so oft er Gelegenheit hat seines Vaters zu erwähnen, wird sein Herz warm, und man fühlt, daß es sein Ernst war, wenn er dem Mäcenas versichert, er würde, wenn es ihm frei stünde, sich noch einmal von wem er wollte zeugen zu lassen, keinen bessern Vater wählen können; wiewohl der seinige von geringem Stande und Vermögen gewesen war. Tausend andere, die (wie unser Dichter) schon in früher Jugend eine Legion unter einem Brutus angeführt, und nachher mit den ersten unter den Großen Roms so wie er gelebt hätten, würden wenigstens alle Gelegenheiten, ihrer Herkunft zu erwähnen, vermieden haben: aber er ist noch stolz darauf, einen guten und rechtschaffnen, wiewohl geringen Vater gehabt zu haben. – Und ein Mann mit einem solchen Herzen wird von – den Kommentatoren seiner Schriften, und, auf ihren Kredit hin, beinahe von der ganzen gelehrten Welt, der niedrigsten und schlechtesten Gesinnungen fähig gehalten und beschuldiget! So gefährlich ist es für einen Schriftsteller, mehr Geist und Witz zu haben als seine Scholiasten und Ausleger!. Wollt' er mich
ermahnen, nüchtern, sparsam, und mit dem
zufrieden, was er selber mir erworben,
zu leben: »Siehst du«, sprach er, »wie's dem Sohne
des Albius erging? Wie elend Barus sich
behelfen muß? Zum warnungsvollen Beispiel
que a puero est, causaque mea permulta rogatus
fecit, et incolumis laetor quod vivit in urbe;
sed tamen admiror quo pacto iudicium illud
<100> fugerit.« – Hic nigrae succus lolliginis, haec est
aerugo mera! Quod vitium procul afore chartis
atque animo prius, ut si quid promittere de me
possum aliud, vere promitto. Liberius si
dixero quid, si forte iocosius, hoc mihi iuris
<105> cum venia dabis. Insuevit pater optimus hoc me,
ut fugerem, exemplis, vitiorum quaeque, notando.
Cum me hortaretur parce, frugaliter, atque
viverem uti contentus eo quod mi ipse parasset:
»Nonne vides Albi ut male vivat filius? utque
für junge Leute, ihrer Eltern Gut
nicht zu verprassen!« – Daß ich nicht mein Herz
an eine Dirne hinge, »werde«, sprach er, »mir
ja kein Scetan!« – und von den Ehefrauen
mich abzuschrecken, da es an erlaubten Mitteln
nicht fehle den Naturtrieb zu vergnügen,
»du hörest«, sagt' er, »wie man vom Trebon,
der jüngst ertappt ward, sprichtAlle diese Leute, der Sohn des Albius, Barus, Scetanus und Trebonius, deren böses Beispiel der alte Horaz seinem Sohne zur Warnung vorstellte, sind unbekannte Namen. Baxter, der in dem oben v. 28. genannten Albius den Tibull entdeckte, findet ihn hier wieder in dem Sohne des Albius. Und doch waren Tibull und Horaz Freunde, die einander hochschätzten und liebten, (s. die vierte der Horaz. Episteln) und unser Dichter war keiner, »der hinterm Rücken des Freundes Ruhm benagt!«! Tiefsinnige
Beweise, dies zu fliehn und jenes zu
erwählen, werden dir die Philosophen geben:
mir gnügt's an dem, was unsre Alten immer
für Pflicht des Vaters hielten, wenn, so lange
du Aufsicht nötig hast, ich deinen Ruf und deine
Gesundheit unverletzt erhalten kann.
Wird dein Gemüt und Körper mit den Jahren
mehr Festigkeit gewonnen haben,
dann wirst du ohne Kork zu schwimmen wissen.«
Mit solchen Reden bildete mein Vater mich
vom Knaben an. Gebot er was, so hieß es:
»Mach's so wie der, du kannst nichts Klügers tun!«
<110> Barus inops? magnum documentum, ne patriam rem
perdere quis velit!« A turpi meretricis amore
cum deterreret, »Scetani dissimilis sis!«
Ne sequerer moechas, concessa cum Venere uti
possem, »deprensi non bella est fama Treboni«,
<115> aiebat. »Sapiens vitatu quidque petitu
sit melius, causas reddet tibi: mi satis est, si
traditum ab antiquis morem servare, tuamque,
dum custodis eges, vitam famamque tueri
incolumem possum. Simulac duraverit aetas
<120> membra animumque tuum, nabis sine cortice.« Sic me
formabat puerum dictis, et sive iubebat
und stellte einen von den Auserlesnen mirIm Texte: unum e iudicibus selectis, einen von den auserlesenen Richtern. Dem Prätor oder Ober-Richter der Stadt Rom, welcher (bekanntermaßen) jährlich vom Volke erwählt wurde, kam es kraft seines Amtes zu, die in verschiedene Decurien eingeteilten Richter aus dem Ritterstande zu ernennen, und hiezu, nach dem Ausdruck unsrer Alten, die wackersten und besten auszulesen. Horaz will also damit sagen: sein Vater habe ihm immer die unbescholtensten und rechtschaffensten Männer in Rom als Beispiele und Autoritäten seiner moralischen Vorschriften dargestellt.
zum Muster vor. War etwas zu verbieten,
»wie«, sprach er, »könnte noch die Frage sein,
ob's schändlich sei und schädlich dies zu tun,
da der und der in solchen bösen Ruf
dadurch gekommen ist?« – Wie eine Nachbars-Leiche
gelüst'ge Kranke plötzlich ängstigt, und
aus Todesfurcht sich selber schonen lehrt:
so schreckt oft fremde Schande zarte Seelen
vom Laster ab. – Dem hab' ich es zu danken,
daß ich unangesteckt von solchen blieb
die ins Verderben stürzen. Von geringern
und die sich noch verzeihen lassen, sprech' ich mich
nicht frei: und auch von diesen nimmt vielleicht
die Zeit, ein Freund und meine eigene
Vernunft noch manche weg. Denn weder auf
dem Ruhebettchen noch im Portikus
verlier' ich je mich selber aus den Augen:
ut facerem quid, »habes auctorem quo facias hoc«
unum ex iudicibus selectis obiciebat,
sive vetabat, »an hoc inhonestum et inutile factum
<125> necne sit, addubites, flagret rumore malo cum
hic atque ille?« – Avidos vicinum funus ut aegros
exanimat, mortisque metu sibi parcere cogit:
sic teneros animos aliena opprobria saepe
absterrent vitiis. Ex hoc ego sanus ab illis
<130> perniciem quaecumque ferunt; mediocribus et queis
ignoscas, vitiis teneor; fortassis et istinc
largiter abstulerit longa aetas, liberLiber für liberalis, (wie oben v. 90) a gentle friend. Unsrer Sprache fehlt dies Wort. amicus,
consilium proprium. Neque enim cum lectulus aut me
»Dies wäre besser; tät' ich dies, so lebte
ich glücklicher; dies machte meinen Freunden
mich angenehmer – Nun! das war nicht hübsch von dem!
Fein vorgesehn, daß nicht aus Übereilung
dir selbst einmal dergleichen widerfahre!«
So sprech' ich bei geschloßnen Lippen mit mir selbstEs geht nichts über die Urbanität und Laune dieser ganzen Stelle; aber dies fühlt der Leser selbst, und wem man das erst durch einen Kommentar fühlen machen müßte, für den hatte Horaz nicht geschrieben. Übrigens verdient die Pläsanterie über die Intoleranz der Juden (das einzige damalige Volk in der Welt, das mit dieser häßlichen Krankheit des Verstandes angesteckt war) bemerkt zu werden, weil sich daraus schließen läßt, daß sie den Römern schon damals aufgefallen, und vermutlich an einem so verächtlichen und unmächtigen Volke, wie die Juden in ihren Augen waren, um so lächerlicher vorgekommen sein mußte. Die Menschenfeindlichkeit (odium generis humani), die, nach dem Tacitus, auch den Christen (als einer vermeinten jüdischen Sekte) zur Last gelegt wurde, hatte ohnezweifel nichts anders zum Grunde, als diese Unduldsamkeit gegen andere Religionen; eine Sache, die den Heiden, welche für die Götter und Gottesdienste aller Nationen Respekt hatten, notwendig unerträglich vorkommen mußte, und an den Verfolgungen (die man übrigens, so bald man der stärkere Teil war, reichlich erwiderte) hauptsächlich Ursache sein mochte.;
und gibts einmal ein leeres Stündchen, nun,
so wird es aufs Papier gekritzelt. Dies ist einer
von jenen kleinen Fehlern, den du mir
verzeihen wirst; sonst soll ein ganzes Heer
von Versemachern mir zum Beistand aufmarschieren,
und, weil doch unsre Zahl die größte ist,
so wollen wir dich schon, nach Juden-Art,
zu unsrer Sekte zu bekehren wissen.
porticus excepit, desum mihi: »Rectius hoc est;
<135> hoc faciens, vivam melius; sic dulcis amicis
occurram; hoc quidam non belle; numquid ego illi
imprudens olim faciam simile?« Haec ego mecum
compressis agito labris: ubi quid datur oti,
illudo chartis: hoc est mediocribus illis
<140> ex vitiis unum; cui si concedere noles,
multa poetarum veniet manus, auxilio quae
sit mihi (nam multo plures sumus) ac, veluti te
Iudaei, cogemus in hanc concedere turbam.
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