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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 9
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierter Brief
Am Albius Tibullus

Einleitung

Daß der Tibull, an welchen diese kleine Epistel geschrieben ist, eben derjenige sei, der uns den Abdruck seiner sanften, von den Grazien selbst zu zarten Empfindungen und wollüstig melancholischer Schwärmerei gebildeten Seele in seinen Elegien hinterlassen hat, ist, ungeachtet des Skrupels des gelehrten Cruquius, keinem Zweifel unterworfen. Von der Freundschaft unsers Dichters zu ihm befinden sich in dessen Werken zwei Denkmale, die 33ste Ode des ersten Buchs, und der gegenwärtige Brief, dessen eigentliches Datum sich zwar nicht gewiß bestimmen läßt, der aber doch einige Jahre nach jener Ode, wiewohl vielleicht früher als die meisten übrigen Episteln, geschrieben zu sein scheint.

Wie die gelehrte Kohorte der Ausleger auf den Einfall verfallen konnte, diesen kleinen vertraulichen Brief für ein Trostschreiben zu erklären, worin Horaz seinen kummervollen Freund durch eine liebliche Ansprache seines Leides habe ergötzen wollen, wäre schwer zu begreifen, wenn man nicht aus so vielen Beispielen wüßte, daß diese Herren oft den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen können. In dem ganzen Briefchen ist zwar keine Spur von der vorgeblichen Schwermut des Tibullus: aber es kam ihnen doch gar nicht natürlich vor, daß ein Dichter, der, laut seiner noch vorhandnen Elegien, so viel Angenehmes mit den Delien und Neären zu verkehren gehabt hatte, auf einmal so still und einsam in Wäldern herum kriechen und sich in moralische Betrachtungen vertiefen sollte. Nun fiel ihnen ein, daß Tibull in seinem heroischen Gedicht an Messalla Corvinus von großen Reichtümern spricht, deren er durch die Unbeständigkeit des Glücks beraubt worden sei, – und daß er gleich die erste seiner Elegien damit anfängt, sich für arm zu erklären. Dies, glaubten sie, mache nun alles sehr begreiflich: denn natürlicherweise habe einer, der aus einem reichen Mann ein armer Mann geworden, alle Ursache von der Welt, den Kopf hängen zu lassen, u. s. w. Sie vergaßen aber, daß Tibull, an eben dem Orte, wo er von seinen verlornen Reichtümern spricht, auch zu verstehen gibt, daß er noch etwas zu verlieren habe; und daß die Armut, die er in der ganzen ersten Elegie mit sehr anmutigen Farben schildert, und bei welcher er sich höchst glücklich preist, bloß vergleichungsweise mit den Reichtümern eines Mäcens oder Messalla oder Cneus Lentulus, diesen Namen verdiente; kurz, daß es eine Art von Armut war, wobei kein gesunddenkender Mensch den besagten Cneus Lentulus um die fünf und zwanzig Millionen Gulden beneiden wird, die er (nach Senecas VersicherungSeneca, de Benefic. II. 27. Er war, sagt Seneca, das höchste Beispiel von Reichtum bei Privatleuten, denn er sah sich, durch die liberalitatem Augusti, im Besitz von 400 Millionen Sesterzien. Wenn vier Sesterzien auf einen Denar, und vier Denare auf einen Gulden gerechnet werden, so gibt dies die obige Summe.) besaß, ohne sie genießen zu können, und großenteils wieder verlor, ohne zu wissen wie es damit zugegangen.

Das Wahre von Tibulls Umständen scheint dies gewesen zu sein. Er verlor in den bürgerlichen Unruhen, unter dem letzten Triumvirat, in seiner frühen Jugend die beträchtlichen Güter, welche seine Vorfahren als römische Ritter vermutlich durch Staatspachtungen gewonnen hatten. Er bekam aber, als August die verderblichen Folgen der Bürgerkriege wieder möglichst zu vergüten suchte, so viel davon zurück, oder rettete wenigstens noch so viel aus dem Schiffbruch, als er brauchte, um, bei nicht allzu ausschweifenden Wünschen, unabhängig und vergnüglich leben zu können. Dies letztere bezeugt die gegenwärtige Epistel, und in Tibulls eignen Gedichten ist nichts, was nicht damit übereinstimmte.

Seine Anhänglichkeit an Messalla Corvinus beweiset nichts für die vermeinte Dürftigkeit Tibulls. Denn jeder Römer von mittelmäßigem Stand und Vermögen hatte unter den Großen seinen Patron, dessen Klient er war. Dieses Verhältnis war der Kütt, womit der Stifter Roms sein politisches Gebäude zusammengefügt hatte; und in dem Zeitpunkte, da die Republik sich unvermerkt in eine Monarchie verwandelte, war es notwendiger als jemals, einen Freund und Beschützer zu haben, der Demjenigen nahe wäre, von welchem alles abhing.

Aber dies Verhältnis verhinderte nicht, sondern beförderte vielmehr die Freiheit und sichre Muße, worin Tibull jenen wohltätigen Gottheiten diente, zu deren Dienst der weise Solon noch in seinem hohen Alter sich bekannte, und von denen, wie er sagt, alle Freuden der Sterblichen kommen.

Tibull liebte mit seiner Phantasie in den goldnen Zeiten Saturns und in Elysischen Gefilden herumzuschweifen; er liebte, wie Horaz, Freiheit und gelehrten Müßiggang. Daher lebte er auch, wie Horaz, am liebsten auf dem Lande, und dieses Briefchen ist an ihn geschrieben, da er sich auf seinem Gute in der Gegend von PedumZwischen Tibur und Präneste. aufhielt.

Unser Dichter, der durch ähnliche Neigungen und Studien mit ihm verbunden war, aber meistens von ihm entfernt und in einem andern Zirkel lebte, scheint dabei keine andre Absicht gehabt zu haben, als sich einmal wieder nach dem Befinden seines Freundes zu erkundigen, ihn auf eine vertraulich höfliche, wiewohl eben nicht sehr ernstliche Art, zu sich einzuladen, und ihm bei dieser Gelegenheit für das günstige Urteil, welches Tibull von seinen Sermonen oder Satiren gefällt hatte, ein Gegenkompliment zu machen.

Die Urbanität, die über den ganzen Brief ausgegossen ist, kann besser empfunden als beschrieben oder nachgeahmt werden. Nichts geht über die Zartheit, womit er dem Lobe des Tibulls eine solche Wendung gibt, daß es zugleich ein schönes Charakterbild eines liebenswürdigen und glücklich gebornen Menschen, und eine feine leise Erinnerung wird, an allem dem, was Natur und Glück für ihn getan, sich genügen zu lassen, und sich sein Wohlbefinden nicht durch unruhige Bemühungen, um sich besser zu befinden, selber zu verkümmern.

Auch die Bescheidenheit verdient bemerkt zu werden, womit er den Tibull, der doch unstreitig in mehr als einer Betrachtung unter ihm war, nicht nur als seines gleichen behandelt, sondern durch den Wert, den er auf dessen günstiges Urteil von seinen Sermonen legt, gewissermaßen über sich selbst erhebt.

In dieser liberalen Art, der Eigenliebe der Personen, mit denen man zu tun hat, ohne Schmeichelei und unedle Selbsterniedrigung, gütlich zu tun, hat Horaz etwas ganz Eigenes: und man begreift dadurch um so eher, wie er mit so vielen Nebenbuhlern aus einer Klasse von Menschen, die er sonst mit bestem Fug genus irritabile nennt, immer in gutem Vernehmen leben konnte.

Aus dem Umstande, daß er in dem ersten Verse nur seiner Sermonen gedenkt, welche die ersten Werke waren, die er öffentlich bekannt machte, verglichen mit dem scherzhaften Schlusse, worin er sich pinguem et bene curata cute nitidum Epicuri porcum nennt – wird ziemlich wahrscheinlich, daß dieser kleine Gelegenheitsbrief mehrere Jahre vor den übrigen geschrieben worden. Denn wiewohl Bentley die Jahre, in welchen Horaz seine Werke nach und nach verfertigt und herausgegeben, ziemlich richtig ausgeforscht zu haben scheint: so läßt sich doch daraus, daß er das erste Buch seiner Briefe nicht vor seinem sechs und vierzig- oder sieben und vierzigsten Jahre publiziert, auf keine Weise schließen, daß sie darum alle erst um diese Zeit geschrieben worden – wiewohl die Logik, in welcher diese Art von Schlüssen gilt, den meisten Auslegern der Alten sehr gewöhnlich ist.

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