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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 8
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In welchen Gegenden der Welt Tiber,
Augustus StiefsohnTiberius heißt hier bloß Augusts Stiefsohn, weil er erst nach dem Tode des Cajus und Lucius Cäsars, der beiden Tochtersöhne des Imperators, im Jahre 757 zum Sohne von ihm angenommen wurde., seine Adler zeige,
ob Thrazien und der Hebrus, dessen Fuß
des Winters Fesseln nachschleppt, oder der Kanal,
der zwischen Abydos und Sestos hinläuft, oder
die fetten Hügel und die lachenden Gefilde
des schönen Asiens euch haltenZum Verweilen reizen. Es ergibt sich aus dieser Stelle, daß Tiberius seinen Weg durch Thrazien genommen, und daß diese Epistel im Frühling des Jahres 735. U. C. geschrieben worden., bald von dir,
mein lieber Florus, zu erfahren, ist,
wornach ich ungeduldig bin. Was treiben
die Musensöhne unter euch? Auch das
wünsch' ich zu wissen. Welcher wählt die Taten
Augusts sich aus, und seiner Siege Frucht,
den Frieden, dessen unter ihm die Welt
genoß, der späten Zukunft vorzusingenHoraz, der zu viel Gefühl für seine Ehre hatte, um jemals des Verhältnisses zu vergessen, worin er in seiner Jugend mit den letzten freien Römern, Brutus und Cassius, gestanden, wich immer, mit so guter Art als möglich und so lang' er konnte, der zweideutigen Ehre aus, die Taten Augusts zum Gegenstand seiner Muse zu machen, wie gern es auch Mäcenas, und August selbst, ohne Zweifel gesehen hätte. Er entschuldigte sich immer damit, daß er für ein so großes Werk nicht Atem genug habe, und es einem Dichter von größern Fähigkeiten überlassen müsse. Die wahre Ursache ist leicht zu erraten; indessen würde es sich auf keine Weise für ihn geschickt haben, sie zu verstehen zu geben. Im Gegenteil, er war ein zu guter Hofmann, um nicht, bei jeder Gelegenheit, wenigstens seinen guten Willen zu zeigen. Daher fängt er auch hier seine Erkundigung nach den Beschäftigungen der gelehrten Kohorte des Tiberius mit der Frage an: welcher von ihnen sich die Taten Augusts zu besingen erwähle? – Dies klingt doch immer, als ob er sich dafür interessiere, und nichts so sehr wünsche, als von andern ausgeführt zu sehen, was er aus Mangel an Kräften nicht selbst unternehmen könne.?
Wie steht's um TitiusEine Glosse in einer alten Handschrift nennt ihn Titius Septimius, und versichert, daß ein römischer Ritter dieses Namens um diese Zeit gelebt habe, der Tragödien und lyrische Gedichte geschrieben, wovon aber nichts mehr vorhanden sei. Die Familie Titia war in Rom nicht ohne Glanz. Cicero spricht mit großem Ruhm von den Reden eines Cajus Titius. Aber weder dieser, noch vier oder fünf Titii, die in seinen Briefen genennt werden, noch der M. Titius, der aus Plutarch und DionPlutarch. in Anton. Dion. L. 50. p. 402.420. edit. Leuncl. bekannt ist und in den Zeiten des Triumvirats immer auf der Seite des Glücks war, sind der, von welchem hier die Rede ist. Daß dieser aber ein Sohn des besagten Marcus gewesen, wäre vielleicht wahrscheinlich zu machen, wenn jemanden etwas daran gelegen sein könnte., dessen Name bald
auf unsrer Römer Lippen schweben wird,
der, die gemeinen Bächlein und die Teiche,
wo alles schöpft, verschmähend, zuversichtlich
    Iuli Flore, quibus terrarum militet oris
Claudius Augusti privignus, scire laboro;
Thracane vos, Hebrusque nivali compede vinctus
an freta vicinas inter currentia turres
<5> an pingues Asiae campi collesque morantur?
Quid studiosa cohors operum struit? haec quoque curo;
quis sibi res gestas Augusti scribere sumit?
Bella quis et paces longum diffundit in aevum?
Quid Titius, Romana brevi venturus in ora,
sich einen Weg zu jenen Felsen machte,
aus welchen Pindars volle Quelle rauscht.
Wie lebt er? denkt er noch an uns? und was
beschäftigt ihn? Stimmt eine günst'ge Muse
ihm die latein'sche Leier zu des hohen
Thebaners Weisen? Oder wütet, schäumt
und sprudelt er im tragischen KothurnDaß Horaz bei dem Worte ampullatur (dessen ganzen Nachdruck ich durch zwei deutsche dennoch nur mangelhaft auszudrücken vermochte) an das griechische ληκυθίζειν gedacht haben könne, wie Lambinus und Torrentius glauben, kann sehr wohl sein: aber daß er sich bei ampullari was anders gedacht, als das griechische Wort bedeutet, darin halte ich's sehr mit dem letztern. Horaz war gewiß vermöge seiner ganzen Vorstellungsart weit entfernt, die großen Blasen und ellenlangen Wörter, wodurch die römischen Tragödienschreiber zu eben so vielen Äschylussen zu werden glaubten, herrlich zu finden. Mich deucht daher, daß unter dem ampullatur eine leise Ironie bedeckt liege, und daß er den jungen Titius vor der Gefahr, über die Grenze des wahren Erhabenen auszuschweifen (welcher er als ein Bewunderer und Nachahmer Pindars um so näher war), auf eine leicht verdeckte Art habe warnen wollen. Überhaupt lobt Horaz mehr die Kühnheit des jungen Dichters, sich zu einem römischen Pindar aufwerfen zu wollen, als die Tat selbst; und daß es diesem nicht gelungen, ist (außer den bereits erwähnten Gründen) auch aus dem Anfang der Ode 2. im IVten Buche zu schließen, welche mehrere Jahre nach dieser Epistel geschrieben zu sein scheint.?
Was macht mein CelsusVermutlich eben der Celsus von Albinova, an welchen der achte Brief geschrieben ist, und der damals einer von Tibers Geheimschreibern war., den ich oft ermahnt
und noch ermahnen muß, ein Eigentum
sich anzuschaffen, und die Schriften unberupft
zu lassen, die der Palatin'sche Gott
in seinen offnen Schatz gelegtDrei Jahre nach der Schlacht bei Actium (A.U. 726.) weihte August in seinem Hause auf dem Palatinischen Berge dem Apollo einen Tempel, mit einer großen Galerie, worin eine griechische und eine lateinische Bibliothek allen Gelehrten offen stand. Daß August die prächtige Bibliothek des Lucullus, in welcher die Griechen, die nach Rom kamen, sich (nach Plutarchs Ausdruck) wie in einem Prytaneum oder gelehrten Rathause zusammen fanden, in diese Palatinische habe bringen lassen, ist eine bloße, wiewohl wahrscheinliche, Vermutung: aber daß er auch die kolossalische dreißig Ellen hohe Bildsäule des Apollo, welche Lucullus aus Apollonia im Pontus nach Rom ins Capitolium geschafft hatte, in der Palatinischen Bibliothek aufgestellt habe, wie der Abt Belley versichertMémoires de Littérature. Tom. 45. p. 14. und sich deswegen auf das 7. Kap. des XXXIV. Buchs des Plinius beruft, davon sagt Plinius kein Wort.: damit,
wenn einst die Schar der Vögel ihre Federn
zurückzufordern kommt, nicht unversehens
entblößt von der verstohlnen Farbenpracht
die kleine Krähe zum Gelächter werdeAnspielung auf eine bekannte Äsopische Fabel. Die dem Horaz so gewöhnliche Unterschiebung des Subjekts der Vergleichung an die Stelle des Objekts gibt seinen Gleichnissen eine sonderbare Anmut..
Du selbst, mein Julius, was hast du vor?
<10> Pindarici fontis qui non expalluit haustus,
fastidire lacus et rivos ausus apertos?
Ut valet? ut meminit nostri? fidibusne Latinis
Thebanos aptare modos studet auspice Musa?
An tragica desaevit et ampullatur in arte?
<15> Quid mihi Celsus agit? monitus multumque monendus,
privatas ut quaerat opes et tangere vitet
scripta, Palatinus quaecumque recepit Apollo:
ne si forte suas repetitum venerit olim
grex avium plumas, moveat cornicula risum
<20> furtivis nudata coloribus. Ipse quid audes?
Um welche Sommerblumen schwärmst du
der Biene gleich? Dir ward ein schöner Boden
zu Teil; du hast ihn angebaut und nicht
verwildern lassen. Dich wird stets der Eppich
des Sieges krönen, sei es, daß du, als Sachwalter,
die Zunge wetzest, oder uns die Knoten
des bürgerlichen Rechtes lösest, oder Liebe
und leichte Scherze singst. Und könntest du
der Sorgen, die den Geist erkälten, dich
entschlagen, o! du gingst so weit, als je
die Weisheit einen Sterblichen geführt!
Dies ist die ernste Angelegenheit,
worin wir alle, Klein' und Große, uns
beeifern müssen, wenn dem Vaterlande,
wenn wir einander teuer werden wollenDiese Stelle, in einem bloßen Gelegenheitsbriefe an einen Commensalen des Tiberius, scheint mir ganz vorzüglich merkwürdig. Sie beweiset, deucht mich, daß die Tugend dem Horaz mehr am Herzen gelegen habe, als man sich, bei dem gemeinen Vorurteil gegen seine Grundsätze, vorzustellen pflegt. Da er noch einer von den Römern war, welche die Republik gesehen und ihre Erhaltung eifrig gewünscht hatten: so konnte er sich an die große Veränderung, welche nihil prisci et integri moris übrig ließ, nie recht gewöhnen; und alle Augenblicke entwischt ihm, so zu sagen, ein Gedanke, eine Gesinnung, die für eine so verderbte Zeit zu edel, zu altrömisch war, und nicht mehr recht passen wollte. Er kann sich nicht von der süßen Täuschung trennen, daß ein Römer noch ein Vaterland habe, und er fühlt noch nichts Lächerliches dabei, einem jungen Höfling – von Weisheit und Tugend mit Wärme, und mit eben dem Ton von Gewißheit zu sprechen, wie ein erfahrner Arzt einem Kranken von der Lebensordnung spricht, die er zu halten, und von den Arzneien, die er zu nehmen habe. Dies macht, deucht mich, dem Herzen unsers Dichters Ehre, und um so mehr Ehre, weil man, mit einem mäßigen Teil von Aufmerksamkeit und Sinn, diese Art zu denken durch alle seine Werke durchscheinen sieht.!
Vergiß auch nicht zu schreiben, ob Munaz
dir wieder, was er billig sein soll, istWer dieser Munatius gewesen, ob ein Sohn, Neffe oder sonstiger Anverwandter des L. Munatius Plancus, welcher einer von den Anhängern Julius Cäsars, nach dessen Tode im Jahre 712 Konsul, hierauf Prokonsul in Gallia Comata, in der Folge einer der ansehnlichsten Anhänger des Antonius, und, nachdem er diesen verlassen und zum Octavianus Cäsar übergegangen, bei dem letztern sehr beliebt, und im Jahr 742 mit Ämilius Lepidus Zensor war, oder ob er den Namen des Munazischen Hauses aus andern, bei den Römern gewöhnlichen, Ursachen geführt? – ist eben so unbekannt als unerheblich.?
Ist eure Freundschaft völlig ausgeheilt
und zugewachsen, oder droht die Wunde
bald wieder aufzubrechenDas male sarta braucht, deucht mich, eben nicht aus einer Schneiderwerkstatt geholt zu sein, wie Baxter meint: die ganze Dilogie paßt auf eine Wunde eben so gut.? Sei es Wärme
Quae circumvolitas agilis thyma? Non tibi parvum
ingenium, non incultum est, nec turpiter hirtum.
Seu linguam causis acuis, seu civica iura
respondere paras, seu condis amabile carmen,
<25> prima feres hederae victricis praemia. Quod si
frigida curarum fomenta relinquere posses,
quo te caelestis sapientia duceret isses.
Hoc opus, hoc studium parvi properemus et ampli,
si patriae volumus, si nobis vivere cari.
<30> Debes hoc etiam rescribere, si tibi curae
quantae conveniat Munatius? An male sarta
des Blutes, sei es Unerfahrenheit,
was euch erhitzt (denn ungebändigt ist
noch beider Nacken); aber, wo ihr lebt,
wo wollt ihr beßre Freunde finden, als
euch selbst? Ihr habt den Bruderbund beschworen,
und seid, ihn nie zu brechen, beide wert.
Kommt bald zurück! Es weidet unterdes
auf meiner Flur, den Freundschaftsgöttern heilig,
ein jährig Kalb auf eure Wiederkunft.
gratia nequicquam coit et rescinditur? At vos
seu calidus sanguis, seu rerum inscitia vexat,
indomita cervice feros, ubicumque locorum
<35> vivitis indigni fraternum rumpere foedus.
Pascitur in vestrum reditum votiva iuvenca.
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