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Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 7
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritter Brief
An Julius Florus

Einleitung

Die Großen in Rom pflegten, noch in den Zeiten der freien Republik, und um so mehr unter den Cäsarn, besonders wenn sie in ihre Gouvernements zogen oder sonst in Geschäften des Staats Reisen machten, außer ihren Freigelaßnen und Sklaven eine Anzahl freigeborner Leute um sich zu haben, die sich ihnen besonders gewidmet hatten, und, als eine Art von untertänigen pflichtgehorsamsten Freunden, auf einen vertraulichen Fuß behandelt, auch zum Teil, außer den ehrenvollen Diensten, wozu sie gezogen wurden, gelegenheitlich wohl mit geheimen Aufträgen und Diensten von einer minder ehrsamen Art beladen wurden. Diese Herren hießen Comites, Amici, Cohors Amicorum, auch Contubernales und Commensales, und bestanden teils aus Personen, die ein gewisses Amt bei dem Patron hatten, als Geheimschreiber, Ärzte, Kassierer u. dergl., teils (vornehmlich in den Zeiten, wovon hier die Rede ist) aus solchen, die ein großer Herr mehr zum Staat und zu Vermehrung seiner Tischgesellschaft als zum Bedürfnis mit sich führte, und die seiner Wohltaten mehr vonnöten hatten, als er ihrer Dienste. Da diese Leute, durch die häufige Gelegenheit sich dem großen Herrn angenehm zu machen oder sein Vertrauen zu erwerben, nicht selten ein beträchtliches Glück machten: so ist leicht zu erachten, wie ansehnlich eine Stelle in der Kohorte eines Prinzen sein mußte, der zur Familie des Augustus gehörte, und also dem Urquell aller Gnaden, Ehrenstellen und Reichtümer nahe genug war, um reichliche Ausflüsse davon auf seine Freunde ableiten zu können.

Julius Florus, an welchen der gegenwärtige Brief und der zweite im zweiten Buche geschrieben ist, der den Namen Julius vermutlich als ein Klient des julischen Hauses führte, übrigens aber eine unbekannte Person ist, befand sich damals in der Kohorte der Freunde des Tiberius Claudius Nero, Stiefsohn des Augusts durch seine Gemahlin Livia, als derselbe im Jahr 734 nach Armenien abgeschickt wurde, um den Tigranes in die königliche Würde einzusetzen. Aber, was ihm in den Augen der Nachwelt eine ganz andre Ehre macht, ist, daß er (wie es scheint) keine geringe Stelle unter den Freunden des Horaz einnahm, dessen Name durch die Zeit eben so glänzend – als der Name Tibers mit Schande gebrandmarkt worden ist.

Wie wenig beneidenswürdig der Platz gewesen, welchen dieser Julius Florus, nebst den übrigen schönen Geistern, nach welchen sich Horaz in diesem Briefe erkundigt, an der Tafel des finstern, mißtrauischen, tückischen und mit kaltem Blute grausamen Tiberius eingenommen, werden wir uns bei einer andern Gelegenheit vom Sueton sagen lassen.

Indessen machte man sich doch damals von diesem Prinzen bessere Hoffnungen, als die Zeit in der Folge rechtfertigte. Er befand sich erst in seinem 21- oder 22sten Jahre, und, sowohl die Furcht vor August, als die Begierde, sich die Hochachtung der Römer zu erwerben, nötigte ihn, die Verstellungskunst zu seinem besondern Studium zu machen, und seine Laster unter die Larve der entgegengesetzten Tugenden zu verstecken. Überdies gab er sich auch viel mit der Literatur beider Sprachen ab, und affektierte immer einen Hof von Gelehrten um sich zu haben, die seinem Hause das Ansehen einer Akademie gaben, und die Meinung von ihm erweckten, daß er seine Erholungsstunden mit den Musen zubringe; wiewohl die wichtigsten Preisfragen, die er mit seinen gelehrten Tafelgenossen zu verhandeln pflegte, nicht bedeutender waren, als z. B. wie Hekubas Mutter geheißen? was Achill, da er noch im Gynäceum der Laodamia ein Mädchen vorstellte, für einen Namen gehabt habe, und dergl.Sueton. in Tib. c. 70.

Etwas, das, wie mich deucht, angemerkt zu werden verdient, ist dies: daß weder von Julius Florus selbst, noch von dem angeblichen römischen Pindar und Äschylus, Titius, bekannt ist, daß sie das ihnen von Horaz beigelegte Lob durch ihre Werke gerechtfertigt hätten. Man findet ihrer sonst nirgendswo erwähnt; und schon das Stillschweigen Quintilians, der sie in seiner Rezension der römischen DichterInstit. Orat. L. X. 1. gewiß nicht vergessen hätte, wenn sie jemals unter die vorzüglichern der Zeit Augusts gerechnet worden wären, scheint ein entscheidendes Zeugnis gegen ihren poetischen Wert und Ruhm abzulegen. Es ist also zu glauben, daß Horaz entweder aus Freundschaft oder aus Bescheidenheit günstiger von ihnen geurteilt habe, als die Nachwelt; und ich glaube, daß er deswegen eher Lob als Tadel verdiene. Ihm, der in keinem billigen Verdacht stehen konnte, weder daß er sich dadurch Lobredner seiner eignen Talente habe erkaufen wollen, noch daß er solche Prätendenten an den dichterischen Efeu nur darum erhoben habe, um selbst desto mehr unter ihnen hervorzuglänzen – ihm, der seines eignen Vorzugs so gewiß sein konnte und so wenig stolz darauf war, geziemte es, schwächere Talente aufzumuntern, und auch Versuchen, die vielleicht Vorübungen zu künftigen Meisterstücken sein konnten, seinen Beifall zu schenken. In Absicht des Titius Septimius waltete noch ein andrer Grund vor, dessen wir an einem andern Orte zu erwähnen Gelegenheit haben werden.

Die Urbanität, die der Charakter aller Horazischen Werke ist, sieht in diesem Briefe der Gutherzigkeit so ähnlich, daß man sich nicht erwehren kann, sie dafür zu halten. In seinen Urteilen scheint zwar der Freund vorzuschlagen, aber man hört doch, daß sein Lob das Lob eines Meisters ist, der die Kunst liebt und kennt, und auf eine eben so feine als bescheidne Art die Fehler andeutet, vor denen sich der Gelobte zu hüten hat. Daß es ihm nicht an Freimütigkeit fehlte, seinen Freunden auch unangenehme Wahrheiten zu sagen, beweist die Warnung, die er an den Celsus ergehen läßt, und die, ungeachtet sie in das drolligste Gleichnis eingewickelt ist, dem Dichterling nicht sehr angenehm zu verschlucken sein mochte; die er aber auch verdiente, weil er sich schon so oft vergebens hatte warnen lassen. Übrigens ist sowohl die liebreiche Art, wie er dem Julius Florus zu verstehen gibt, was ihn eigentlich aufhalte, größre Fortschritte zur Vollkommenheit zu tun, als die Wärme, womit er das zerrißne Band der Freundschaft zwischen ihm und seinem Verwandten Munatius wieder zusammenzuziehen sucht, ein Beweis, daß er an diesen beiden jungen Männern mehr als gemeinen Anteil genommen habe.

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