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Gutenberg > Horaz >

Horazens Briefe

Horaz: Horazens Briefe - Kapitel 62
Quellenangabe
typeletter
booktitleChristoph Martin Wieland Werke Band 9
authorHoraz
translatorChristoph Martin Wieland
year1986
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-61690-2
titleHorazens Briefe
pages9
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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<720> Ich lasse mirs gefallen. Aber du,
mein Piso – dies verspricht uns dein Verstand
und guter Sinn – du wirst, in deinem Leben, mit
Minervens Widerwillen nichts beginnen. Doch,
wofern du jemals etwas schreiben solltest,
<725> laß TarpasDer Kunstrichter, dem Horaz hier ein sehr schmeichelhaftes Kompliment zu machen scheint, hieß Spurius Metius Tarpa. Die alten Kommentatoren berichten uns, daß dieser Tarpa einer von den fünf kritischen Kommissarien gewesen, welche dazu bestellt waren, alle neue dramatische Stücke zu untersuchen, ehe sie aufs Theater gebracht werden durften. Die Zensur-Kommission hielt ihre Zusammenkünfte im Tempel des Apollo, wo sie, wahrscheinlicherweise, zu tun genug hatte, allen den Poeten Gehör zu geben, die sich daselbst einfanden, um ihnen ihre Werke vorzulegen und ihren richterlichen Ausspruch zu erwarten. Aus einem bereits angeführten Briefe des CiceroAn den M. Marius (ad Famil. VII. 1.), wo die Rede von allen den Schauspielen ist, womit das neuerbaute Amphitheater des Pompejus eingeweiht wurde., im Jahre 699 geschrieben, ist zu schließen, daß dieser Metius oder Mäcius schon damals bestellter öffentlicher Schauspiel-Zensor war; aber die Art, wie sich Cicero über ihn ausdrückt, erweckt keine so vorteilhafte Meinung von seinem Geschmack, als uns Horaz von ihm gibt. »Während daß du (auf seinem Landgute) den Tag nach deinem eignen Belieben hinbringen konntest, mußten wir ausdauern, was dem Spurius Mäcius gefallen hatte.« Nobis perpetiundum erat, quae Sp. Maecius probavisset. Der Verfolg zeigt, daß die Rede von Theaterstücken ist. Es scheint aber durch jenen ganzen Brief die üble Laune eines Zuschauers durch, der nicht mit dem Willen gekommen war, sich etwas wohlgefallen zu lassen. Cicero persiflierte gern bei solchen Gelegenheiten, und stand damals nicht so gut mit dem Pompejus, um seiner Neigung zum Spotten große Gewalt anzutun. Auch ist zu vermuten, daß Mäcius damals noch ein ziemlich junger Mann gewesen, und daß die scheinbare Verachtung des Cicero mehr der Jugend als dem schlechten Geschmack des Kunstrichters gelte. Die Meinung des Dr. Bentley, daß der Mäcius, dem der junge Piso seine Aufsätze vorlesen sollte, nicht der gewesen sein könne, von dessen kritischem Urteil Cicero, vierzig Jahre zuvor, so verächtlich sprach, ist also ohne hinlänglichen Grund. Ohr, und deines edeln Vaters
und meines, Richter sein. Verschließ es dann
in deinen Pult und halt's ins neunte Jahr zurück,
so bleibst du Meister, wieder auszulöschen,
was nicht ediert ist. Das entflogne Wort
<730> ist nicht mehr unser und kehrt nimmer wieder.
    <385> Tu nihil invita dices faciesve Minerva;
id tibi iudicium est, ea mens: si quid tamen olim
scripseris, in Maeci descendat iudicis aures,
et patris, et nostras; nonumque prematur in annum.
Membranis intus positis, delere licebit
<390> quod non edideris: nescit vox missa reverti.
Indessen, daß du über deine Liebe
zur Muse mit der goldnen Leier nicht errötestUm mehrerer Deutlichkeit willen mußten diese zwei Verse, die im Original erst zu Ende dieser Digression über die Dienste, welche die Poesie von jeher der menschlichen Gesellschaft geleistet, stehen, voran geschickt werden.,
so denke, was von ihrem Ursprung an
die Kunst der Dichter war. Ward nicht von Orpheus,
<735> dem heiligen Seher, dem die Götter ihre
Mysterien offenbarten (weil er Thrazens
halbtierische Bewohner aus dem Wust der
Wildheit zog und menschlich leben lernte),
gesagt, er habe Tiger zähmen, wüt'ge Löwen
<740> durch seiner Lieder Reiz besänft'gen können?
Ward von Amphion, des Thebanschen Schlosses
Erbauer, nicht gesagt, er habe Felsen
und Wälder seiner Leier süßen Tönen,
wohin er wollte, folgsam nachgezogen?
<745> Im Heldenalter war's der Weisen Amt,
ein rohes Waldgeschlecht aus ihren Grüften
zu ziehn, und an Geselligkeit, und Furcht
der Götter, Zucht und Ordnung, zu gewöhnen.
Sie stiftete der Ehe keuschen Bund,
<750> sie legte Städte an und gab Gesetze:
und weil die Zauberkräfte des Gesangs
Silvestres homines sacer interpresque deorum
caedibus et victu foedo deterruit Orpheus;
dictus ob hoc lenire tigres, rabidosque leones.
Dictus et Amphion, Thebanae conditor arcis,
<395> saxa movere sono testudinis, et prece blanda
ducere, quo vellet. Fuit haec sapientia quondam,
publica privatis secernere, sacra profanis,
concubitu prohibere vago, dare iura maritis,
oppida moliri, leges incidere ligno:
zu allem diesem ihr behülflich waren,
so stieg des Sängers Ansehn in den Augen
des Volkes, und ein Glaube, daß er näher
<755> den Göttern wäre, goß was Göttliches
um seinen Mund, und seine Lieder wurden
Orakel des Vergangnen und der Zukunft.
Nun kam Homer, der über alle ragt,
und bald nach ihm Tyrtäus, dessen Lieder
<760> den schönen Tod fürs väterliche Land
im Vorderreihn der Schlacht mit Eifersucht
zu suchen, Spartas MännerseelenStärker, aber unübersetzlich, im Original: mares animos. In der Übersetzung ist dafür (zum Ersatz) auf das berühmte Distichon des Tyrtäus angespielt:
Τεθνάμεναι γὰρ καλὸν επὶ προμάχοισι πεσόντα
    άνδρ' αγαθόν, περὶ η̃ πατρίδι μαρνάμενον.
spornte.
In Versen gab den Fragenden der Gott
zu Delphi Antwort; in der Musensprache
<765>wies uns Pythagoras des Lebens WegHoraz drückt dies allgemeiner aus, hat aber ohne Zweifel auf die aurea carmina der Pythagoräer vorzüglich hier ein Auge gehabt..
Zu ihren süßen Weisen neigte sich
das Ohr der Könige, und endlich schloß
des Jahres Arbeit sich mit ihren SpielenMit den Tragödien, Komödien, und andern Theaterspielen, welche anfangs nur nach der Ernte gegeben wurden..
<400> sic honor et nomen divinis vatibus atque
carminibus venit. Post hos insignis Homerus,
Tyrtaeusque, mares animos in Martia bella
versibus exacuit. Dictae per carmina sortes,
et vitae monstrata via est, et gratia regum
<405> Pieriis temptata modis, ludusque repertus,
Den Göttern angenehm, den Menschen hold,
<770> und mit des Krieges und des Friedens Künsten
gleich freundlich sich verschwisternd, ist fürwahr
die Kunst der Musen edler Schüler wert!

Man pflegt zu streiten, ob Naturkraft, oder
ob Kunst ein Dichterwerk vortrefflich mache?
<775> Mir meines Orts scheint ohne reiche Ader
das strengste Studium, und ohne Kunst
das beste Naturell gleich unzulänglich:
keins kann des andern mangeln: aber, freundlich
vereinigt, glänzen beide desto mehr.

<780> Wer auf der Rennbahn siegen will, der muß
als Knabe schon viel tun und leiden, Frost
und Hitze dulden, und von Wein und Werken
der Venus sich enthalten. Lange hat zuvor
der Flötenspieler, der den Pythischen PreisAn den Pythischen Spielen war auch ein Preis für den besten Flötenspieler: und aus der Art, wie die Alten davon sprechen, sieht man, daß er sehr schwer zu verdienen, und also natürlicherweise das höchste Ziel des Ehrgeizes eines Flötenspielers war.
<785> verdienen will, sich üben und die Strenge
des Meisters fürchten müssen. Nur mit unsern Dichtern
et longorum operum finis; ne forte pudori
sit tibi Musa lyrae sollers, et cantor Apollo.
Natura fieret laudabile carmen, an arte,
quaesitum est. Ego nec studium sine divite vena,
<410> nec rude quid possit video ingenium; alterius sic
altera poscit opem res, et coniurat amice.
Qui studet optatam cursu contingere metam,
multa tulit fecitque puer, sudavit et alsit;
abstinuit Venere et vino: qui Pythia cantat
<415> tibicen, didicit prius extimuitque magistrum.
ists anders; zuversichtlich gibt sich jeder,
wofür er will, schimpft tapfer auf die Pfuscher,
und will aufs mindste nicht der letzte sein;
<790> als ob es Schande wäre, einem andern
in dieser einz'gen Kunst was einzuräumen,
und nicht zu können, was man nie gelernt.

Ein Dichter, der an Renten reicher als
an Witz ist, ruft die Schmeichler zum Gewinn
<795> herbei: mir ists, ich höre einen Mäkler
zu einer Auktion die Leute rufen.
Und ist er gar der Mann, bei dem die Herren
auf eine gute Tafel rechnen können,
der willig ist, für einen armen Schelm
<800> sich zu verbürgen, und Kredit hat, einem
aus einem schlimmen Handel auszuhelfen;
so wärs ein Wunder, wenn er von den vielen Freunden,
die ihm dies alles macht, den wahren aus den falschen
zu kennen wüßte.
                            Du, mein Piso, wenn
<805> du einem was geschenkt hast, oder schenken willst,
nimm dich in Acht, ihm in der ersten Wallung
Non satis est dixisse, »Ego mira poemata pango:
occupet extremum scabies! mihi turpe relinqui est,
et, quod non didici, sane nescire fateri.«
Ut praeco, ad merces turbam qui cogit emendas,
<420> adsentatores iubet ad lucrum ire poeta
dives agris, dives positis in faenore nummis.
Si vero est, unctum recte qui ponere possit,
et spondere levi pro paupere, et eripere atris
litibus inplicitum: mirabor, si sciet inter-
<425> noscere mendacem verumque beatus amicum.
Tu seu donaris, seu quid donare voles cui,
der Freude deine Verse vorzulesen;
dann da versteht sichs, daß er alle Augenblicke
o! schön! vortrefflich! herrlich! rufen wird.
<810> Bei jener Stelle wird er ordentlich erblassen,
ja wohl aus seinen treuergebnen Augen
dankbare Tränen tröpfeln: wird bei dieser
aufspringen und den Boden vor Entzücken stampfen.
So wie die Weiber, die bei einer Leiche
<815> zum Weinen sich verdingen, ärger schrein,
als jene, denen es von Herzen geht:
so macht ein Schalk von Schmeichler allemal
mehr Lärmens, als wer aus Gefühl dich lobt.

Die Fürsten, sagt man, sollen große Humpen
<820> als eine Art von Folter brauchen, wenn sie jemand
probieren wollen, ob er ihrer Freundschaft wert seiWie Horaz gerade hier auf den Einfall gekommen sein mag, ein paar so seltsame Freundschaftsproben neben einander zu stellen? Sollte er nicht etwa einen besondern Fall im Sinne gehabt haben, der ihm den Anlaß dazu gab und den Scherz desto pikanter machte? Gewiß ist, daß Lucius Piso selbst einer von den – nicht eben so gewöhnlichen – Männern war, die diese Wein-Probe aushielten. August und Tiberius hatten ihn beide darauf gesetzt, und die Art, wie er sie bestanden, war es, was ihm (bei seinen übrigen Geschäfts-Fähigkeiten) ihr Zutrauen erworben hatte. Tiberius, der mehr als gewöhnliche Beweise foderte, bis er einem Menschen traute, trieb es, nach Suetons VersicherungVita Tiberii c. 42., mit L. Piso und Pomponius Flaccus so weit, daß sie zwei Tage und eine Nacht in einem fort mit ihm zechen mußten: und unmittelbar darauf machte er den Flaccus zum Prokonsul in Syrien, und den Piso zum Präfekt der Stadt RomDie Wahrheit der Anekdote bestätigt auch der ältere Plinius (L. XIV. c. 22). Eaque commendatione credidere L. Pisonem urbis Romae curae ab eo delectum, quod biduo duabusque noctibus, (also eine Nacht mehr, als Sueton angibt) perpotationem continuasset apud ipsum iam principem.. Beides waren Places de Confidence. Sueton scheint die Tat desto enormer zu finden, weil Tiberius eben damals in einer Art von Sitten-Reformation, kraft der mit seiner höchsten Würde verbundenen Censura perpetua, begriffen war. Aber das war es eben, was ihn vermutlich veranlaßte, ein paar Viros Consulares, die er sonst schon als Männer von Fähigkeit kannte, auf eine so entscheidende Probe zu stellen. Bei der ungeheuern Verdorbenheit der damaligen Sitten war Schwelgerei und Schlemmerei ein ziemlich allgemeines Laster in Rom. An großen Säufern konnte es dem Tiberius nicht fehlen, wenn es ihm bloß darum zu tun war. Aber er suchte Männer, die, auch unter den größten Ausschweifungen dieser Art, noch Meister von ihrem Kopf und von ihrer Zunge blieben, und weil diese beide vermutlich im Ruf eines so seltnen Vorzugs standen, wollte er sie auf eine Probe stellen, welche keinem Zweifel Raum ließe. So stelle ich mir die Sache vor, und mich deucht, man müsse den Charakter des Tiberius schlecht kennen, um ihm, zumal in seinen ersten Regierungsjahren, die Tollheit zuzutrauen, ein Amt von solcher Wichtigkeit für die Stadt Rom und für ihn selbst, wie die Praefectura Urbis war, einem Menschen bloß deswegen, weil er tüchtig saufen konnte, anzuvertrauen. Die Art, wie Seneca von unserm L. Piso spricht, scheint zu beweisen, daß dieser der Welt und des Hofes sehr erfahrne Menschenkenner die Sache aus dem nämlichen Gesichtspunkt angesehen habe; und er gibt ihm das Zeugnis, daß er, ungeachtet es ihm etwas Gewöhnliches gewesen, Nächte durch zu zechen und bis zur sechsten Morgenstunde zu schlafen, seinem Amte mit größter Sorgfalt vorgestanden sei. – Alles dies trug sich zwar erst lange nach Horazens Tode zu; aber Seneca sagt uns: auch Divus Augustus habe diesem Piso, da er ihn zum obersten Befehlshaber in Thrazien gemacht, geheime Aufträge anvertraut; und aus dem ganzen Zusammenhang ist zu schließen, daß Augustus – der in seinen jüngern Jahren auch den Bacchischen Ausschweifungen sehr ergeben gewesen war – Gelegenheit gehabt, seine Zuverlässigkeit aus ähnlichen Proben kennen zu lernen. Und dies ists, worauf vielleicht Horaz, in seiner feinen indirekten Manier, bei dieser Stelle sein Augenmerk haben mochte.:
Um einen Freund im Fuchsbalg auszufinden,
mach' einer Verse! – Wenn man dem QuintilEben der Quintilius Varus von Cremona, dessen Tod die 24ste Ode des ersten Buchs so schön beweint, und der mit dem Dichter Lucius Varius nicht verwechselt werden muß.
nolito ad versus tibi factos ducere plenum
laetitiae: clamabit enim, pulchre, bene, recte,
pallescet super his, etiam stillabit amicis
<430> ex oculis rorem, saliet, tundet pede terram.
Ut, qui conducti plorant in funere, dicunt
et faciunt prope plura dolentibus ex animo; sic
derisor vero plus laudatore movetur.
Reges dicuntur multis urgere culullis,
<435> et torquere mero, quem perspexisse laborent,
an sit amicitia dignus: si carmina condes,
was las, so hieß er euch bald dies bald das
<825> verbessern. Sagte man: es gehe nicht,
man hab' es schon vergebens zwei- bis dreimal
versucht: so hieß er euch die ganze Stelle
auslöschen, und die schlecht geprägten Verse
noch einmal auf den Amboß legen. Wenn
<830> nun aber jemand seine Fehler lieber
behaupten als verbessern wollte, so
verlor er auch kein Wörtchen mehr, und konnt'
es wohl geschehen lassen, daß der Mann
sich und sein Werkchen ohne Nebenbuhler liebte.
<835> Ein Freund, ders redlich meint und richtig denkt,
wird keine Härte, wird nichts Mattes dulden;
die üpp'gen Ranken schneid't er frisch hinweg;
dem, was nicht klar genug ist, zwingt er euch
mehr Licht zu geben; läßt nichts Doppelsinnig's,
<840> nichts Schielend's, oder was am rechten Ort nicht steht,
numquam te fallant animi sub vulpe latentes.
Quintilio si quid recitares, »Corrige, sodes,
hoc«, aiebat, »et hoc«: melius te posse negares,
<440> bis terque expertum frustra; delere iubebat,
et male tornatos incudi reddere versus.
Si defendere delictum, quam vertere, malles:
nullum ultra verbum aut operam insumebat inanem,
quin sine rivali teque et tua solus amares.
<445> Vir bonus et prudens versus reprehendet inertes,
culpabit duros, incomptis adlinet atrum
transverso calamo signum, ambitiosa recidet
ornamenta, parum claris lucem dare coget,
unangezeichnet, kurz, er wird ein AristarchWie Horaz einen schlechten Dichter, wenn er ihn recht arg schimpfen will, einen Chörilus nennt, so ist ihm Aristarch (der berühmte Emendator der Handschriften von Homers Werken) das Ideal eines Kunstrichters; und ich denke nicht, daß es einer gewichtigern Autorität bedarf, um die Verkleinerer dieses Kunstrichters zu Boden zu wägen.,
und denkt nicht: »Ei, was soll ich meinem Freunde
Verdruß mit solchen Kleinigkeiten machen?«
O! solche Kleinigkeiten können für den Freund,
<845> der gleich aufs erstemal sich lächerlich
gemacht und schlecht vom Publikum
empfangen wird, sehr große Folgen haben!
Denn kluge Leute gehen einem abgeschmackten
Poeten überall behutsam aus dem Wege,
<850> und scheuen sich so sehr ihn anzurühren,
als einen, den ein böser Aussatz oder
der Zorn Dianens plagtEine Art von Wahnsinnigen, die bei den Lateinern Lunatici hießen, weil ihre böse Laune mit dem Mond ab- und zunehmen soll.; nur Kinder, der Gefahr
unkundig, laufen schreiend hintendrein.
Wenn so ein Mensch in seinem Aberwitz,
<855> unwissend wo, die Nase in der Luft,
durch alle Gassen läuft und Verse – rülpstIch bitte um Vergebung für dies Wort; aber es stehet im Original, und steht so sehr am rechten Ort, daß ich es nicht um viel Gold geben wollte. Jedes minder anstößige Wort hätte das ganze Bild verdorben. Übrigens war Horaz ein Mann, der sehr gute Gesellschaft zu sehen gewohnt war, und ich weiß nicht, warum wir in solchen Dingen eklere Ohren zu haben affektieren, als die Terrarum Domini zu Rom.
arguet ambigue dictum, mutanda notabit:
<450> fiet Aristarchius; nec dicet, »Cur ego amicum
offendam in nugis?« Hae nugae seria ducent
in mala derisum semel, exceptumque sinistre.
Ut, mala quem scabies aut morbus regius urget,
aut fanaticus error, et iracunda Diana:
<455> vesanum tetigisse timent, fugiuntque poetam,
qui sapiunt; agitant pueri, incautique sequuntur.
Hic, dum sublimes versus ructatur, et errat,
und drüber, wie ein Vogler, der aufs Amselfangen
zu sehr erpicht ist, plump! in eine Grube fällt:
so zieh ihn ja, wie laut er schreien mag,
<860> kein Mensch heraus! Denn wenn du ihm
mit einem Seil zu Hülfe springen wolltest,
was weißt du, ob er nicht mit Vorsatz sich
hineingestürzt? wie einst Empedokles
die kühle Tat beging, und in den Feuerschlund
<865> des Ätna sprang – damit die Leute dächten,
er sei ein Gott geworden. Frei
und unbenommen sei's den Verslern, nach Belieben
den Hals zu brechen! Jemand wider Willen
zum Leben zwingen, ist im Grunde nicht
<870> viel besser, als ihn mordenEs ist an sich selbst Gewalttat, wie dieses; und ist dem, der nicht mehr leben will, eben so verhaßt und grausam, als Ermordung dem, der gern länger lebte.. Laßt ihn springen,
si veluti merulis intentus decidit auceps
in puteum, foveamve; licet, »Succurrite«, longum
<460> clamet, »Io cives!«, non sit, qui tollere curet.
Si quis curet opem ferre, et dimittere funem;
qui scis, an prudens huc se deiecerit, atque
servari nolit, dicam: Siculique poetae
narrabo interitum. Deus immortalis haberi
<465> dum cupit Empedocles, ardentem frigidus Aetnam
insiluit. Sit ius, liceatque, perire poetis:
invitum qui servat, idem facit occidenti:
wohin er will; dadurch, daß man heraus
ihn ziehet, wirds nicht besser mit ihm werden;
die Wut, auf eine Art, die Aufsehens macht,
zu sterben, wird darum ihn nicht verlassen.
<875> Warum er Verse macht, ist ohnehin
nicht sehr begreiflich, wenn's nicht Strafe ist,
weil er die Asche seines Vaters einst
besudelt, oder sonst an heil'ger Stätte
was Greuliches begangen. Immer ist gewiß,
<880> er raset, und verjagt, sobald man ihn
mit seinem Heft in Händen kommen sieht,
Gelehrt' und Ungelehrte, wie ein Bär,
der durch die Latten durchgebrochen.
Weh aber dem, den er ergriffen hat!
<885> Er hält ihn fest, und – gleich dem Egel, der
nicht abläßt, bis er voll ist – wird er ihn so lange
mit Lesen quälen, bis der arme Patient
den Geist, vor Gähnen, aufgegeben hat.
nec semel hoc fecit; nec si retractus erit iam,
fiet homo, et ponet famosae mortis amorem.
<470> Nec satis apparet, cur versus factitet; utrum
minxerit in patrios cineres, an triste bidental
moverit incestus: certe furit; ac, velut ursus,
obiectos caveae valuit si frangere clathros,
indoctum doctumque fugat recitator acerbus.
<475> Quem vero arripuit, tenet, occiditque legendo,
non missura cutem, nisi plena cruoris, hirudo.
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